Alltagsmensch – Unterdrückte Eigenheiten

Ich bin ein Alltagsmensch. Drum gehe ich auch nicht gerne in den Urlaub. Urlaub ist für mich nicht Erholung wie für andere Menschen, Urlaub ist für mich Stress. Er reisst mich nicht nur aus meinem Alltag heraus, er reisst mich- wenn ich weggehe – auch aus meiner Umgebung. Ich habe die Dinge, die mein Leben begleiten, nicht mehr um mich und damit geht für mich ein Stück meines Lebens, meiner Sicherheit, verloren. Ich fühle mich haltlos, weil ich nicht mehr einfach auf meine Dinge zurückgreifen kann. Ich fühle mich unsicher, weil ich nicht einfach meine Wege gehen und die Dinge tun kann, die ich tue, wenn ich mich danach fühle, sie zu tun. Dies, weil sie entweder nicht da sind oder aber einfach die Umstände so sind, dass es nicht geht. Ich fühle mich unbeholfen, weil ich nicht mehr weiss, was ich nun wann, wie machen soll und kann und darf. Und selbst wenn es heisst, ich dürfe alles, wie zuhause, ist es nicht so wie zuhause. Mein Zuhause ist meine Burg, mein sicherer Hafen. Und ich brauche ihn.

Das scheint für andere Menschen schwer verständlich zu sein. „Geniesse den Abstand“, „Geniesse, das Nichtstun“, „Geniesse die Ferien“ – alles Tips, die man kriegt. Den ungläubigen Blick und die Verständnislosigkeit in der Stimme gibt es gratis obendrauf. Wie kann man nur nicht gerne im Urlaub und auf Reisen sein? Ich bin gerne auf Reisen, wenn ich ständig irgendwie beschäftigt bin, Neues sehe, Programm habe, das mich möglichst nicht nachdenken lässt. Sobald die Beschäftigung aufhört, kommt die Leere, die ich zu Hause nicht kenne. Dann kommt das Gefühl, irgendwo verloren zu sein. Ich kann das zwar unterdrücken und mich mit Büchern und Computern, notfalls mit dem Fernseher beschäftigen. Das klappt aber nicht ewig und in mir macht sich eine grosse Trauer, Frustration, Hilflosigkeit breit. Und Heimweh.

Bin ich komisch? Mag sein. Bin ich unnormal? Auch das kann durchaus sein. Aber ich bin nun mal, wie ich bin und muss mit diesem Zug zurecht kommen. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, weil ich bin, wie ich bin, mich verurteilt dafür, mit mir geschimpft, weil man so ja nicht sein kann. Und ich fühlte mich in dieser Selbstverurteilung im Recht, wurde sie mir doch von aussen als richtig bestätigt, was sich im Unverständnis anderer Menschen deutlich ausdrückte.

Das Problem ist jedoch: Es kann noch so unnormal sein, es ist, wie es ist. Indem ich es unterdrücke, mache ich es nicht besser, ich werde dadurch keine andere, ich leide einfach. Und das Leiden wird grösser. Und es erdrückt. Teilweise körperlich spürbar. Was man unterdrückt ist ja nicht einfach weg, es ist noch immer da und es hat noch immer die Eigenart, die es hat. Das Unterdrücken hält nur den Deckel drauf, kann aber nicht auf Dauer funktionieren. Langsam fängt das Unterdrückte gegen den Deckel zu drücken an, es wird stärker, will raus, versucht, den Deckel zu heben. Der Druck des Zuhaltens fördert den Gegendruck des Ausbrechenwollens. Bis irgendwann der eine nachgibt. Im besten Fall der Deckel, dann kommt es zu einer Explosion. Im schlimmsten Fall die eigene Seele– dann kommt es zu einem zerbrochenen Menschen. Ob das nicht ein zu grosser Preis dafür ist, normal sein zu wollen und von anderen so gesehen zu werden, muss jeder für sich selber entscheiden.

Alltagsmenschen

Ich bin ein Alltagsmensch. Daneben gibt es Abenteuermenschen, Menschen, die Neues erleben wollen, müssen, es gar suchen. Sie sind die coolen. Ich bin ein Alltagsmensch. Ich mag die Dinge absehbar. Mag es, zu wissen, was kommt, wie es kommt, wann es kommt. Damit ich mich einstellen kann.

Alltagsmenschen sind langweilig. Sie sollten was wagen. Sich dem Leben hingeben, dahin treiben, sich gehen lassen. Man wisse eh nie, was komme, das Leben gehe seine eigenen Wege. Heisst es. Aber ich kann das nicht. Ich will mein Leben absehbar haben. Das gibt mir Halt. Ich muss nicht wissen, was genau kommt. Ich weiss, dass ich das nicht kann. Aber gar nichts zu wissen, das macht mich unruhig. Unruhe ist das schlimmste Gefühl für mich. Unruhe bringt Ängste hoch, bringt Unsicherheiten mit sich. Unruhe lässt mich nicht schlafen, nicht arbeiten, nicht klar denken. Sie reibt mich auf.

Ich bin ein Alltagsmensch. So einer, der gerne seinen Trott hat und ihn durchzieht. Einer, der in neuen Gegebenheiten schnell einen neuen Trott sucht. Um sich wieder heimisch zu fühlen. Einer, der das Neue zuerst ablehnt, weil es neu ist, der sich mit Neuem erst anfreunden muss. Der sich dann doch drauf einlässt, vor allem, wenn es eigentlich gewünscht ist. Und dann auf dem schmalen Grat balanciert zwischen Wunsch, Wohlgefühl und Nachhaltsuchen.

Ab und an schelte ich mich, weil ich weiss, dass Neues zum Leben gehört. Und ich zähle mir selber die vielen Momente auf, in denen das Neue toll war, ich im Nachhinein sagen musste, dass ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte. Dann nehme ich mir vor, mich Neuem gegenüber offener zu zeigen, das Leben dahin plätschern zu lassen. Und stosse an meine Grenzen. Weil ich bin, wie ich bin. Ein Mensch, der sein Zuhause, seinen Hafen, seinen Halt braucht. Den sicheren, von dem aus er ausschwärmen kann. Im Wissen, der Hafen ist da, er ist die Basis, das, was trägt. Zu viel Neues, zu viel Unruhe, zu viel Nichtwissen untergräbt. Weil ich eben Alltagsmensch bin. Kein Abenteurer. Nicht cool. Einfach ich.

Schule in Zürich – der ganz normale Wahnsinn

Kind brachte heute eine Deutschprüfung heim. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr zu wundern (schon gar nicht aufzuregen). Zweiteres klappt einigermassen, am Wundern arbeite ich noch. Was ist passiert? Thema der Prüfung waren die Fälle. Aufgabe 2 lautete: Ersatzprobe. Nun kennt man die von früher, man kann, um einen Fall zu ermitteln, das entsprechende Wort durch das Fragewort wer, wen, wem oder wessen ersetzen und weiss dann, ob das Wort im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht.

Kindes Lehrerin war das zu banal. Die Ersatzprobe sollte in dieser Prüfung nicht durch das entsprechende Fragewort passieren, sondern durch der, den, dem oder des Esel(s).

Beispiel gefällig?

Das glückliche Schwein erhält einen neuen Stall.

________________ erhält ______________ .

 

Man ahnt wohl schon Böses. Von den Kindern wurde in der Tat gefordert, die Lücken hier folgendermassen zu füllen:

Der Esel erhält den Esel.

Noch ein Beispiel?

Bestimmt kommt Sandro morgen mit uns ins Schwimmbad

Bestimmt kommt _______ morgen mit _______ ins Schwimmbad.

Lösung: Bestimmt kommt der Esel morgen mit dem Esel ins Schwimmbad.

Das Kind konnte bei den Sätzen wenig Sinn ermitteln und hat mit wer, wen, wem und wessen ersetzt. Das wurde ihm falsch angerechnet, was nun die Note ziemlich runterzog. Irgendwie bin ich doch stolz auf meinen Sohn, hat er sich nicht gedankenlos diesem sprachlichen Unsinn gebeugt. Verstanden hat er alles und darauf kommt es (mir in diesem Fall) an. Ich hoffe, das nächste Jahr, das doch ein wichtiges sein wird (notenmässig), wird etwas vernünftiger, zumindest wechselt dann der Lehrer. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dankbarkeit

Oft gehen wir durchs Leben, hadern mit diesem und jenem, meist Kleinigkeiten, an denen wir uns aufhängen, und sehen nicht, was alles gut ist, wofür wir eigentlich dankbar sein könnten. Dankbarkeit ist so etwas, das unglaublich gut tut, auch ein wenig demütig macht, wenn man erkennt, was alles ist, weil man sieht, dass man zu vielem keinen Beitrag leistete, vieles als selbstverständlich annahm, ohne es zu schätzen. Genau hingeschaut zeigt sich grosses Glück – Glück, für das viele froh wären, während wir es hinnehmen und uns dem Hadern hingeben. Drum hier meine (unvollständige) Liste der Gründe, dankbar zu sein:

  • Ich bin geliebt und liebe
  • Ich habe Menschen um mich, die mir viel bedeuten und auf die ich bauen kann
  • ich bin gesund
  • ich habe ein Dach über dem Kopf
  • mir geht es so gut, dass ich diesen Text am Computer schreiben kann (ich habe also einen Computer, kann schreiben, kann meine Gedanken in Worte fassen, habe Internet, alles zu publizieren und es funktioniert sogar)
  • Ich habe einen gesunden Sohn
  • Ich habe Eltern, die sich um mich kümmerten, so dass ich auf eine heile Kindheit zurück blicken kann
  • Ich hatte die freie Wahl, welchen Bildungsweg ich einschlug
  • ich lebe in einem freien Land
  • ich lebe in einem wunderschönen Land
  • ich kann wählen, was ich esse (und sogar drüber diskutieren, was nun vertretbar sei und was nicht)
  • ich kann tun, was ich liebe
  • ich kenne Momente, in denen ich die ganze Welt umarmen möchte
  • ich kann manchmal sogar den gegenteiligen Momenten etwas Positives abgewinnen
  • ich lerne jeden Tag etwas dazu
  • ich bin gut so, wie ich bin (wer das nicht so sieht, soll sich wo anders aufhalten)
  • ich kann noch viel lernen (es wäre ja langweilig sonst – allerdings gebe ich das selten so zu)
  • es geht mir verdammt gut
  • ich habe die Möglichkeit, Genussmensch zu sein
  • ich bin, wie ich bin, werde dafür weder verbrannt, gesteinigt oder sonst irgendwie malträtiert
  • und selbst wenn ich nicht jedermanns Geschmack bin, darf ich so bleiben
  • Die Natur hat es verdammt gut mit mir gemeint
  • …..

Ich bin übrigens dankbar für jede Ergänzung, die euch in den Sinn kommt. Ich hoffe, dass Menschen das lesen und merken, dass es so viel gibt auf dieser Welt, für das man dankbar sein kann. Vielleicht relativiert das ein wenig das, womit man hadert. Und wenn es nur für einen Bruchteil einer Sekunde ist.

Iwan Turgenjew: Frühlingsfluten

Im Sommer 1840 reist Sanin, ein junger russischer Gutsbesitzer durch Europa, um das Leben noch zu geniessen, bevor er in Russland in den Staatsdienst eintritt. Am letzten Ort seiner Reise, in Frankfurt, kurz vor seiner Rückreise nach Russland, für die er gerade noch so viel Geld hat, wie er eben braucht, trifft er Gemma. Die junge Konditorstochter ist das wohl Schönste, was er je gesehen hat.

Er sass seitwärts, etwas hinter ihr, und dachte bei sich, dass keine Palme, selbst nicht in den Gedichten Benediktows, der damals Mode war – es mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses aufnehmen könne; und wenn sie bei gefühlvollen Stellen den Blick erhob, so schien es ihm, als gäbe es keinen Himmel, der sich vor diesem Blick nicht öffnen müsste.

Sanin ist hin und weg, was dem Leser mehr aufzufallen scheint als ihm selber. Dass er erfahren muss, dass die schöne Angebetete bereits einem anderen versprochen ist, betrifft ihn zwar, stürzt ihn jedoch nicht ins Elend.

Auf einem Ausflug, den die jungen Leute, Gemma, deren Bruder, ihr Bräutigam und Sanin, gemeinsam machen, wird Gemma von einem Offizier ungebührlich angesprochen, worauf Sanin ihre Ehre verteidigt – was deren Bräutigam sträflich vernachlässigt (wie so vieles mehr, was sich für einen aufmerksamen und zugewandten Bräutigam gehörte) –, worauf sich Sanin mit einem Duell konfrontiert sieht und der Bräutigam mit der Entlobung. Es kommt, wie es kommen muss, Gemma und Sanin finden zusammen, der Liebesbeschreibungen sind die wohl schönsten zu lesen, die man sich nur vorstellen kann.

…was ich Ihnen jetzt sagen muss – das ist: Ich liebe Sie! Ich liebe Sie mit der ganzen Leidenschaft eines Herzens, das zum ersten Mal liebt! Dieses Feuer hat sich plötzlich in mir entzündet, aber mit einer solchen Macht, dass ich keine Worte dafür finde!

Man ist geneigt zu sagen, dass er sie zum Glück hier doch gefunden hat.

Dass man als mittelloser Russe nicht einfach eine ebenfalls nicht auf Rosen gebettete Konditorstochter heiraten kann, die gerade einen vermögenden Kaufmann in den Wind geschlagen hat, versteht sich von selber. Hilfe naht in Form einer schönen, reichen Frau, die Sanins Gut abkaufen und ihm damit das nötige Geld verschaffen will. Allerdings ist dieses Ansinnen nicht ganz uneigennützig. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, sie ist zum Glück nicht ganz so tragisch, wie sie romantisch war, überleben immerhin alle. Nur wie, das ist die Frage, die hier nicht beantwortet wird.

Turgenjew zieht alle Register des Gefühls, der Beschreibung der Liebe, er legt die Hintergründe der Charaktere, deren Beweggründe ihres Handelns, Fühlens, Denkens offen. Frühlingsfluten ist pure Poesie in Novellenform.

 

Fazit:
Wunderschöne Literatur, poetisch, blumig, wunderbar zu lesen – Genuss pur und absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Iwan Turgenjew
Iwan S. Turgenjew, geb. 1818 in Orel, gest. 1883 in Bougival bei Paris gestorben, stammt aus altem Adelsgeschlecht. Nach dem Studium der Literatur und der Philosophie in Moskau, St. Petersburg und Berlin war er für zwei Jahre im Staatsdienst tätig. Danach lebte er als freier Schriftsteller und verfasste Erzählungen, Lyrik, Dramen, Komödien und Romane. Turgenjew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern. Seine Novellistik bedeutet einen Höhepunkt der Gattung in der russischen Literatur.

 

Angaben zum Buch:
TurgenjewFrühlingsflutenTaschenbuch: 185 Seiten
Verlag: Insel Taschenbuch Verlag (24. Januar 2000)
ISBN-Nr.: 978-3-458-34304-2
Preis: EUR 9.95 / CHF 4.40

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Wir sind

Ich bin ich –
so ganz und gar
und doch nur halb,
da nur ein Teil
des grossen Ganzen.

Ich steh für mich,
stets ein und hin,
doch auch für dich
und neben dir –
gar überall.

Denn nur durch dich
fand ich zu mir
und lebte auf.
Weil nur mit dir,
ergab es Sinn.

Jeder steht,
als Ich und ganz,
ein fürs Du,
das erst das Ich
erfüllen mag.

Nur im Wir
zeigt sich das Ganze,
das zu leben lohnt,
wenn jeder ist
und beide sind.

 

Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

Zeit

Sie fliesst. Ruhig und stetig. Immer gleich. Und doch erscheint sie lange, wenn wir warten, kurz, wenn wir geniessen, möchten wir sie anhalten, wenn der Augenblick ein schöner ist, möchten wir sie vorwärts treiben, wenn wir etwas ersehnen. Wir verschwenden sie teilweise, sie wird uns gestohlen, sie ist mal reif, mal noch nicht. Wir denken an gute alte Zeiten oder hoffen auf bessere. Wir denken, dass mit der Zeit auch Rat kommt und sie alle Wunden heilt. Wir lassen uns Zeit oder haben keine, brauchen mehr davon, weil sie uns davon rennt. Manche sind ihrer Zeit weit voraus, andere hinken ihr hinterher. Zeit ist in aller Munde, wird gedehnt, gekürzt – und fliesst doch eigentlich gemächlich dahin – so es sie denn wirklich gibt, wenn sie nicht eigentlich nur ein Konstrukt des Menschen ist, der die Kontinuität seines Lebens in ein Mass pressen will, damit er sie sieht, erfassen und (vermeintlich) verstehen kann.

Neben dem absoluten Zeitbegriff, der in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, und so weiter sich ergiesst, gibt es also einen relativen, einen, den wir empfinden, mit dem wir uns auseinandersetzen. Das allein ist nicht wirklich schlimm, es ist menschlich, schwierig wird es da, wo zwei Menschen aufeinander treffen und ihre Vorstellung von Zeit mitbringen. Dann will der eine sich plötzlich Zeit lassen, während dem anderen die Zeit davon rennt, der eine denkt, die Zeit sei reif, während der anderen findet, alles hätte noch ganz viel Zeit. Und so streiten die beiden über die Zeit, wollen sie mal anhalten, mal antreiben, finden, es sei genug Zeit vergangen oder eben viel zu wenig.

Und während sie so hadern und um Zeit und Worte und Verständnis ringen, vergehen Sekunden, Minuten, Stunden, im schlimmsten Fall Tage, Wochen, Monate, in denen sie das Miteinander hätten geniessen können. Und wer weiss: Vielleicht wäre mit der Zeit Rat gekommen. Ganz von selbst.

 

Alp Sigel – 1. Juni 2014

DSCF0005Schon lange war die Wanderung auf die Alp Sigel im Alpstein geplant, das Wetter zeigte sich von seiner guten Seite, allerdings fühlte ich mich eher müde und schlapp und hätte gerne gekniffen. Mein Wandergefährte zeigte sich unerbittlich, Tagwach 6 Uhr, Abfahrt 7 Uhr, alles Klagen über müde Beine, müden Körper, müden Kopf half nichts. Wir fuhren mit dem Auto nach Brülisau, wo wir auf dem Parkplatz der Bahn zum Hohen Kasten parkten. Der Hohe Kasten war nicht unser Ziel, somit wurde auch nichts aus einer gemütlichen Gondelfahrt.

DSCF0006Nach einer kurzen Stärkung mit Kaffee und Nussgipfel ging der Weg los. Anfangs noch gemässigt die Strasse hinunter, danach in die Wiese hinein und ziemlich schnell steiler werdend. Meine Beine zeigten sich schwer, ich konnte mir innerlich selber zuhören, wie ich mir vorbetete, dass ich das heute nicht schaffe, ich heute viel zu schlapp sei, meine Beine zu müde seien und überhaupt. Mit diesem innerlichen Monolog stieg ich weiter hoch, äusserlich wie immer schweigsam, ich bin kein grosser Redner – wenn, dann eher mit mir selber.

DSCF0011DSCF0016Ich sagte mir schon bald, dass es wenig bringt, die Litanei ständig zu wiederholen, zumal die Kräfte nicht wirklich zunehmen, wenn man sich ständig sagt, dass sie nicht da sind. Woran lag es, dass ich so haderte? Kämpfte ich mit einem Inneren Schweinehund, der sich von der speziell trotzigen Seite zeigte? Vielleicht versuchte er, zu obsiegen, doch da hatte er die Rechnung ohne meinen stoisch über der Situation stehenden Wanderpartner gemacht. Schweigend stiegen wir hoch und höher, immer wieder wurde ich gefragt, ob es mir gut gehe und auf das durchaus wunderbare Gefühl verwiesen, das beim Erreichen des Gipfels, welcher zudem noch mit einer wunderbaren Aussicht aufwarte, aufkäme. Wollte ich das am Anfang nicht wirklich hören – ich stand meinem Schweinehund in Sachen Trotz in nichts nach –, so klärte sich meine Laune doch mit jedem Meter  mehr auf. Der Blick wurde weiter, das Herz auch. Schon bald fand ich in meinen üblichen eher schnellen Tramp und flog förmlich den Berg hoch.

DSCF0024Der Weg war steil, er führte über wunderbar bunte Bergwiesen und durch Wälder immer höher. Die imposante Bergwand thronte immer eindrücklicher über uns – wüsste man es nicht besser, würde man nicht denken, dass der Berg ohne Klettern begehbar sei. Kurz unter der Wand machten wir  eine letzte Pause bei einer Hütte, liessen den Blick schweifen. Mittlerweile war ich einfach nur noch zufrieden, versöhnt mit mir und meinem Schicksal. Ein wenig brodelte das schlechte Gewissen in mir, war ich wohl nicht wirklich eine angenehme Wanderpartnerin gewesen die erste Hälfte. An dieser Stelle drum ein grosses Dankeschön an meinen geduldigen Wandergefährten, ohne den ich all die Wanderungen bislang nie gemacht hätte und der auch heute treu und aufmerksam an meiner Seite war.

DSCF0022Dann ging der Aufstieg weiter. Der Blick weitete sich mit jedem Schritt, reichte bald schon bis zum Bodensee, über weite Felder, viele Dörfer, eine Landschaft wie im Bilderbuch, die sich unter schönen Kumuluswolken an einem sonst blauen Himmel erstreckte. Schon bald stand ich am Fuss der Felswand. Durch die Zahme Gocht, einen Spalt im Felsen, der mit Stahlseilen gesichert ist, ging es hoch auf das Plateau.

DSCF0046DSCF0026Oben angekommen war ich ergriffen von dem, was ich sah. Berge erhoben sich hinter dem Grat, über den wir gekommen waren, teilweise noch im Schnee, staken sie steil und stolz in den Himmel. Auf der Seite, von der wir gekommen waren, eröffnete sich eine endlos scheinende Weite.  Einmal mehr kam mir der Gedanke, dass die Schweiz ein wunderschönes Land sei. Einmal mehr fühlte ich Demut in mir ob der Schönheit und Grösse der Natur, die sich bei jedem Schritt schon gezeigt hatten, nun in einer Dimension vor mir lagen, die überwältigend war.

DSCF0050Unser Weg ging dem Grat entlang weiter zuerst zum ersten Gipfel der Alp Sigel, welcher später dem zweiten, um 31 Meter höheren weichen musste, den wir ansteuerten. Nach einem Eintrag ins Gipfelbuch nahmen wir den Abstieg in Angriff. Zuerst ging es runter zur Alp Sigel. DSCF0051 Tief unter uns sahen wir bereits den Sämtisersee. Danach führte der Weg ziemlich steil weiter bis zum Gasthof Plattenbödeli, wo viele Wandersleute sich von den vergangenen Strapazen erholten und für die noch kommenden stärkten. Da alles gut besucht war, liefen wir weiter. Teilweise auf einer breiten Strasse, teilweise auf einem schönen Waldweg ging es zügig bergab, bis wir endlich im Tal ankamen und wieder nach Brülisau zurück liefen.

DSCF0060Ich bin froh, nahm mir mein Weggefährte die anfänglichen Ermüdungserscheinungen und Unlustbekundungen nicht übel und versicherte mir, dass ich auch bei der nächsten Wanderung wieder mit dabei bin.

 

Fazit:
Die Wanderung ist nicht sehr lang, wir schafften alles in einer Zeit von 2 Stunden und 50 Minuten reiner Laufzeit, angeschrieben sind 2 Stunden 20 hoch und 1,5 Stunden runter. Sie ist nicht sehr anspruchsvoll, aber grossenteils sehr steil, was doch in die Beine geht. Der Blick von ganz oben ist eine Wucht, er entschädigt für alles, was man bis dahin durchgestanden hat an körperlichen Strapazen.

Thomas Mann und der Erste Weltkrieg – Sublimation einer Neigung

Heute war ich an einem Anlass der Thomas Mann Gesellschaft zum Thema „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg“. Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen standen im Zentrum, seine teilweise sehr kriegsverherrlichenden und seiner nicht würdig scheinenden, misst man ihn an seinen sonstigen Schriften und Meinungsbekundungen – vor allem auch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg – wurden thematisiert, angeprangert, mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht und einzuordnen versucht.

Den ersten Vortrag hielt der ausgewiesene Experte Heinrich Detering. Auf unterhaltsame und offensichtlich bewanderte Weise führte er in das Thema ein, zeigte sein Hintergrundwissen durch vielfältige und vielzählige Zitate. Im zweiten Vortrag bot der Historiker Georg Kreis – auf humorvolle, informative und kompetente Weise – den Kontext der Zeit dar. Eine Podiumsdiskussion schloss den Anlass ab, die Fragen waren eher spärlich und wenig tiefgründig, was wohl auch der anberaumten Zeit einer halben Stunde sowie dem Umstand, dass eine wirkliche Diskussion bei so vielen Menschen, die erfreulicher Weise gekommen waren, sowie dem Zeitpunkt an einem Samstag Morgen geschuldet war. Ein wirklich gelungener Anlass, der ob des durchaus fortgeschrittenen Alters der Besucher ein wenig am Nachwuchs der Thomas Mann-Fans zweifeln lässt, in der Hoffnung, dass die Momentaufnahme kein Bild der allgemeinen Situation sei.

Ein Punkt hat mich beschäftigt (sicher unter andern, dieser aber besonders auch aufgrund meiner eigenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Thomas Mann): Es wurde von Heinrich Detering vermehrt die Diskontinuität Thomas Manns gerade in den Betrachtungen eines Unpolitischen erwähnt. War dieser vorher sehr durchdacht, argumentativ stark, liberal und humanistisch eingestellt, setzte er sich im Zweiten Weltkrieg für die Opfer des Krieges ein und war ein Gegner desselben, so zeigte er sich beim Ersten Weltkrieg als euphorischer Befürworter desselben. Man findet Äusserungen, die das Heldentum, die Vormachtstellung, die ausgewiesene Siegerrolle Deutschlands propagieren, die Unterhundrolle der umliegenden Staaten proklamiert. Mit rassistischen, abwertenden, kriegsverherrlichenden Aussagen ergiesst er sich in seinen Betrachtungen. Er stilisiert das deutsche Volk zum männlich mächtigen, das französische zum weiblich verzärtelten, unterlegenen. Damit hat Detering sicher recht. Was mir aber aufstösst, sind zwei Punkte:

Die Diskontiunität eines Menschen verurteilend stellt sich doch die Frage, welcher Mensch in seiner Meinung über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich und ohne Wandel sei. Liegt der Wandel nicht in der Natur der Dinge, somit auch im Menschen und dessen Denken selber? Ist es nicht naturgegeben, dass das Leben, die Umstände der Zeit und vieles mehr Meinungen wachsen, ändern, umstossen lassen? Ist es also so zu verdenken, dass Thomas Mann durchaus Änderungen in seinem Denken, Schreiben und Sein durchmachte? Wieso ist das im normal menschlichen Leben als natürlich akzeptiert, bei einem Schriftsteller des Kalibers Thomas Manns aber so verwerflich?

Der zweite Punkt, der mir aufstiess ist folgender: Es wurde zwar angetönt, dass Thomas Mann durchaus persönliche Gründe zu seiner Haltung haben könnte, dass er sich durch einige stilistische Mittel selber der Lüge in der nun so hasserfüllten, hitzigen Schreibe bezichtigte und damit entlarvte, allerdings wurde der Zweig nicht wirklich weiter verfolgt, versandete in Andeutungen, worauf wieder die Diskontinuität bemängelt wurde. Nun ist Thomas Mann in all seinen Werken ein durchaus autobiographischer Schreiber, er thematisiert sich und seinen eigenen Prozess als Künstler, Schriftsteller in praktisch jedem Werk, legt seine Tagesabläufe offen dar in seinen Romanen. Man weiss mittlerweile um sein Ringen zwischen Bürgertum und Künstlertum, um seine schreiberische Sublimation der eigenen homoerotischen Ausrichtung, kennt seine Aussprüche, dass er sich an strenge Regeln halten müsse, damit er nicht untergehe, will er doch im Bürgertum verhaftet, zu Hause, akzeptiert sein. Er kann und will sich kein Ausbrechen gönnen. Könnte – ja muss – man also seine Betrachtungen nicht als genau das lesen? Als verzweifelter Versuch, die eigene homoerotische Neigung zu unterdrückende, zu verneinende, zu verfluchende Schreibtirade? Deutschland als das Zuhause, als das Bürgertum quasi, mit Regeln, Macht, Ordnung, Männlichkeit allen voran, das gegen Frankreich, das weibische, künstlerische, freie, ungezügelte Land vorgeht? Kann man nicht in dem (nicht nur bei ihm, sondern im gesellschaftlichen Konnex damaliger Zeit vorherrschende) Bild die eigene Zerrisssenheit erkennen und damit diese Bekenntnisse nicht als Diskontinuität, sondern als Bekenntnis eines zutiefst umgetriebenen Menschen lesen?

Und so komme ich zum Schluss, dass die Betrachtungen eines Unpolitischen zwar einerseits durchaus politisch waren, indem sie auf die Politik damaliger Zeit hinweisen, allerdings genauso (wenn nicht mehr) persönlich waren, zeigen sie doch einen verzweifelten Thomas Mann, der zwischen den Zeilen seine Befindlichkeit offenbart, sie aber in Druckerschwärze überdeckt und eine zutiefst zeitgemässe, kriegsverherrlichende und seiner eigentlich ungebührliche Schrift hinterliess – würde sie man eins zu eins nehmen und lesen und nicht als Versuch, sich im Bürgertum zu verankern, den eigenen Neigungen abschwörend.

Und so komme ich einmal mehr zum Schluss: Das Schreiben Thomas Manns ist ein autobiographisches, das von dessen Leben, Denken und Sein nicht losgelöst zu beurteilen ist, dessen Botschaft immer eine eigene ist, die er in verschiedenen Schichten, Montagen und Kniffen überdeckt, so dass man ganz viel hineinlesen, herausinterpretieren kann und schlussendlich da landet, wo er selber gerne gewesen wäre, wären da nicht seine Neigungen, die er nicht leben, aber immer wieder beschreiben musste.

Hochwacht – 29. Mai 2014

Die Zeit reichte nicht für eine ausgedehnte Bergtour, so dass der Weg heute ins Zürcher Unterland führte. Mit dem Auto fuhren wir nach Dielsdorf, ein ausserordentlich malerisches Städtchen, das ich vorher nur vom Namen her kannte. Zwischen Riegelhäusern liefen wir hoch, kamen bald auf einen Weg, der von Wald und Rebbergen gesäumt war. Am Himmel ballten sich Wolken, es war nicht ganz sicher, ob wir den Weg trocken schaffen würden, doch die Sonne drückte immer wieder durch. Der Vorteil des Wetters war, dass es nicht zu heiss war, so dass der doch eher steile Aufstieg keine Schweissflüsse auslöste.

IMG_3204Nächstes Ziel war Regensberg, ein mittelalterliches Städtchen, welches auf einem Felssporn der Lägern hoch über Dielsdorf liegt. Schon vom Städtchen aus hat man einen Blick, der seinesgleichen sucht, steigt man  noch die Stufen zum Turm hoch, wird das noch getoppt, man sieht über weite grüne Flächen, kleine Dörfchen (sogar ein paar Geographielücken meinerseits konnten geschlossen werden) bis hin nach Deutschland, sieht Zürich winzig klein in weiter Ferne. Alles, was mal gross war, wird plötzlich überschaubar.

 Manchmal muss man nur hoch genug steigen, um die Relationen der Dinge zu sehen.

IMG_3207Unser Weg führte weiter zur Hochwacht. Wir waren nicht alleine, was an einem Feiertag und bei doch schönem Wetter nicht erstaunlich ist, trotzdem blieben die ganz grossen Massen aus, was wohl dem nicht ganz klaren Wetter zu verdanken war. Durch einen sehr gepflegten Wald stiegen wir hoch, schon ziemlich hungrig und hoffend, dass das Restaurant auf der Hochwacht geöffnet sei, wir einen ersehnten Wurst-Käse-Salat bekommen können. Wir wurden nicht enttäuscht, das Selbstbedienungsrestaurant war offen. Zwar war der Wurst-Käse-Salat nicht erhältlich (ein kurzes Grummeln wurde durch den Anblick der Alternative schnell beendet), dafür konnten wir uns auf eine sehr leckere Bauernplatte stürzen, die neben einem gut gereiften Greyerzer Speck und Salsiz enthielt. Dass der Ausblick von der Aussichtsfläche einmal mehr wunderbar war, wäre wohl kaum nötig zu erwähnen.

IMG_3209Gestärkt und beschwingt nahmen wir den Abstieg unter die Füsse, er ging zügig, das Wetter hielt den ganzen Tag und schon bald standen wir wieder neben dem Auto, das uns nach Hause fuhr. Insgesamt sind wir wohl 2,5 Stunden gelaufen, keine Anspruchsvolle Geschichte, aber wunderschön und sehr empfehlenswert.

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH