Rezension: Martin Walker – Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de Police

 Die Vergangenheit zieht ihre Fäden

Wie hängen ein toter Résistance-Veteran, eine Einbruchserie und ein brutaler Mord an einem schwulen Antiquitätenhändler zusammen? Nachdem es anfänglich wenige Verbindungen gibt, finden sich mehr und mehr Fäden, die sich schliesslich zu einem dichten Netz verstricken. Bruno, der sympathische Chef de Police von Saint-Denis hat alle Hände voll zu tun. Dass diese Fälle in eine Zeit fallen, die wegen anstehender Neuwahlen und dadurch angestachelte Profilierungszwänge politisch schwierig ist, erleichtert die Aufklärung nicht. Bruno lässt sich nicht beirren, verfolgt die Ursprünge der Verbrechen bis in die tiefe Vergangenheit, in die Zeit der Résistance und zurück zu einem nie aufgeklärten, sagenumwobenen Zugüberfall in Neuvic 1944. Dank der tatkräftigen Hilfe seiner Freunde setzt sich das Puzzle langsam zusammen.

Man mische ein (oder mehrere) Verbrechen, einen Sympathieträger als Ermittler, dessen Frauengeschichten und des Mannes Schwanken zwischen ihnen sowie viele Freunde, gutes Essen und ebensolchen Wein in einer malerischen Umgebung: Fertig ist ein Walker-Krimi. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz, allerdings wird sie im neuen Fall arg oft durch unnötige Längen strapaziert, die ein guter Lektor hätte eliminieren müssen. Hätte der Korrektor noch alle Fehler (und es hatte so einige) gefunden, wäre der Lesegenuss noch grösser gewesen.

Trotzdem ist zu sagen, dass das Buch unterhält, man sich schnell hineinfindet in die Geschichte und sich bei all den bekannten Charakteren gleich wieder zu Hause fühlt. Wie schon beim fünften Fall von Bruno ist auch bei diesem zu sagen: Nach Schreiblehrgang vorgehend ist der Protagonist perfekt gezeichnet, der Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, der Schauplatz lebendig, so dass man sich mittendrin fühlt, der Plot stringent.

[Mich hat das Buch zeitweise so gepackt, dass ich vergass, aus dem Zug aus- oder in den Zug einzusteigen, weil ich so ins Lesen vertieft war. Wie bei jedem Buch von Martin Walker nehme ich mir auch dieses Mal vor, diese Region mal besuchen zu wollen (vielleicht in der leisen Hoffnung, dort auf Bruno und seine Freunde zu treffen).]

 

Fazit:
Leichte Unterhaltung mit Spannung und ans Herz wachsenden Protagonisten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde. Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013), Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de police (2014).

 

Angaben zum Buch:
WalkerReinerWeinGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (30. April 2014)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068962
Preis: EUR 22.90 / CHF 34.90

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Gewitter

Mich aufgegeben,
dir zu gefallen,
fand ich mich
bald nicht mehr wieder,
war verloren
in dem Du,
das erdrückte,
unterdrückte,
was ich war.
Erst noch still,
begehrt’ es auf,
drängte bald,
zu wehren sich
und aufbegehren.
Unbequem,
ja zickig gar,
nanntest du
das wahre Ich,
das nicht brav
und folgsam war,
das forderte
so unbequem.
Ich fühlte Schuld,
dann kam die Wut,
ich muckte auf,
du schlugest nieder
mit Worten ringend,
tosten wir,
Blitze schlugen,
Donner hallt’.
Reinigt anfangs
ein Gewitter
können viele
Scherben bringen,
Trümmer lassen,
die zu räumen,
schwer und schwerer,
irgendwann
unmöglich wird.

Karussell

Ich sitze hier
und frage mich,
wälze Gedanken,
vor und zurück,
hebe sie hoch,
lasse sie sinken,
dreh sie im Kreis
und wieder zurück,
stehe an
und sitze fest,
drehe weiter,
verlier den Mut
– und find ihn wieder.

Denke in Sprüngen
und um Ecken,
geradeaus
und im Quadrat.
Verliere mich
und geh mich suchen,
möchte oft
mich gar verfluchen,
ob der Windmühlen,
die ich bekämpf,
des Karussells,
das ständig dreht,
– und dreh es weiter.

Tugenden, die ich nicht habe

Es gibt so Tugenden, bei deren Verteilung wurde ich grossräumig umfahren. Die wohl offensichtlichste ist Geduld. Kenn ich nicht, hab ich nicht. Ich arbeite zwar dran, denke ab und an sogar, es ist ein bisschen besser geworden mit der Ungeduld, allerdings auch nur bei Dingen, die mir nun nicht sooo wichtig sind. Dinge, die ich will, will ich sofort und ganz. Alles Halbe und Aufgeschobene mag ich nicht. Es macht mich wütend. Sogar sehr wütend. Ungemein wütend. So wütend, dass ich die Wut am liebsten rausbrüllen würde, mir Luft verschaffen, schimpfen, wettern, fluchen.

Womit wir bei der zweiten Tugend wären, die ich nicht besitze: Gelassenheit. Ich habe viel drüber gelesen, viel daran rumstudiert. Mich auf den Yoga- und Buddhismusweg begeben, viele klugen Sprüche gehört und für wahr befunden, dabei fast so andächtig genickt wie ein ach so Intellektueller vor einem völlig unverständlich aber hoch dotierten Kunstwerk. Auch mal innerlich Om gesungen, vermutlich teilweise so verzweifelt wie der Münchner im Himmel sein Halleluja schmetterte:

Geduld ist also eine Tugend. Ich sage: Wenn ich etwas will und mir sicher bin, dass ich es will, dann gibt es KEINEN Grund, es aufzuschieben. Und wenn ich es doch aufschiebe, dann bin ich mir nicht sicher. Keine Frage, nichts klappt einfach so von heute auf morgen. Manchmal brauchen Dinge Zeit. Die soll man ihnen geben, weil alles andere erzwungen wäre und uns sich Dinge nicht über Gebühr erzwingen lassen. Aber: Sie passieren auch nicht einfach so. Man muss was tun dafür. Und wenn man nix tut, dann ist es nix wert, denn wenn man was will, dann muss man gefälligst in die Gänge kommen und nicht Geduldsproben spinnen.

So! Genau so sehe ich das. Mit „mal sehen“ und „mal warten“ und dann „nochmals sehen“ habe ich es nicht so. Das ist nicht mein Naturell, das entspricht mir nicht. Wenn wer warten und sehen und nochmals sehen will, dann soll er das tun. Und sich einen Geduldsorden verdienen. Aber dann sollte er nicht sagen, dass er was haben will. Dann will er höchstens mal sehen, was denn so käme, wenn es denn käme und täte sich gütlich an dem, was grad wäre, ohne was tun zu müssen weil was zu tun ja hiesse, sich zu entscheiden, was er zwar meint, getan zu haben, aber nur so weit, wie es eben nichts Veränderndes mit sich brächte, sondern alles beim Alten bliebe. Ich persönlich lasse es dann lieber. Da ich Konjunktiv nicht mag (was als Deutschlehrerin eine gewagte Aussage ist, ich aber wohl bewiesen habe, dass ich ihn durchaus beherrsche), weiss man das wohl auch schon.

Ich beneide ja alle geduldigen Gelassenheitstierchen. Sie haben mir sicher was voraus, da sie nicht viel Energie in Toben, Grummeln, Wüten, Schimpfen, Fluchen verlieren, sondern einfach da sitzen, selig lächeln, das Leben toll finden – vor allem, wenn es genau so läuft, wie sie es wollen. Ich bin nicht so weit und werde es nie sein. Und so wüte ich weiter, schimpfe, fluche (nicht ganz ladylike, aber: who cares) – und werde mit demselben Gesicht wieder zufrieden. Irgendwann. Und überlege nochmals, ob es nicht doch was für sich hätte mit der Geduld. Und der Gelassenheit. Bis zum nächsten Mal.

Nein hat Macht

Wer nein sagt, ist am längeren Hebel, denn er bestimmt. Das war vielleicht nicht immer so, es gibt sicher auch heute noch Situationen, in denen ein Nein überhört, übergangen wird, doch das sind die, welche man lieber nicht erlebt, welche man selten gutheisst, welche meist nicht angebracht sind. Im Normalfall hat der, der nein sagt, die Macht, die Dinge so zu gestalten, wie er das will.

Klaus und Klara sind verheiratet. Alles liefe gut, wenn nur Klara nicht ständig Migräne hätte, jeder Vorstoss von Klaus, ihr näher zu kommen, im Keime erstickt würde. Sex? Pustekuchen.

Bettina und Paul haben Sex. Allerdings nicht mehr als das. Bettina hätte gerne eine Beziehung mit Paul, doch der will nicht, findet alles gut, wie es ist.

Das Nein bestimmt, das Ja schaut in die Röhre.

Ist das fair? Die Frage stellt sich nicht, da die Alternative keine wäre. Wenn Klaus sich Sex einfach nähme und Paul durch Tricks in eine Beziehung gelockt würde, hätte unterm Strich keiner gewonnen, schon gar nicht die Fairness. Bleiben also Bettina und Klaus die Opfer im Spiel, während Klara und Paul die Fäden in der Hand haben?

Wenn das Nein wirkliche Gründe hat und nicht Teil eines Machtspieles ist, würde ich nicht von Opfer und Täter sprechen wollen. Trotzdem ändert das nichts daran, dass der, der will, das Gewollte nicht kriegt, weil der andere es ihm versagt. Das kann man ein Stück weit verschmerzen, das Leben ist kein Ponyhof. Nimmt das Nein jedoch überhand und immer derselbe ist der Verweigerer und der andere schaut in die Röhre, wird es schwieriger. Trotzdem gibt es auch dann nicht Opfer und Täter. Der Zurückgewiesene hat durchaus eine Wahl, denn er kann sich überlegen, wie er mit dem ständigen Nein umgehen will und wo seine Grenzen sind. Dann kann auch er der sein, welcher mal nein sagt, und sei es im Extremfall dazu, weiter ein Nein hören zu wollen.

Wenn Klaus nicht zum Abstinenzler werden will, Klara ihn aber durch stetiges Nein dazu bringt, liegt es ihm frei, zu gehen. Ihm dann vorzuwerfen, er hätte sie verlassen, wäre zu kurz gegriffen, hat Klara ihn – zumindest auf der körperlichen Ebene – doch schon lange verlassen. Keiner muss ewig auf ein Ja warten, wenn nur ein Nein kommt. Manchmal passen Bedürfnisse einfach nicht zusammen und dann ist es besser, man erkennt das und geht, statt sich gegenseitig erziehen oder durch machtvolle Neins am langen Arm verhungern lassen zu wollen. Kleine Veränderungen passieren, niemand steht still, die Grundzüge bleiben wohl aber bestehen und keiner hat das Recht, jemanden nach eigenem Bild zu formen.

Als Fazit für den Wollenden gelten also die Fragen: Ist, was ist, gut für mich und will ich damit leben? Wenn nicht, sehe ich die Chance, dass es sich ändert? Wenn ja, kann ich so lange warten? Wenn nein: Wieso nicht und was wäre die Alternative? Das Fazit für den Neinsager? Steh zu deinem Nein, so lange es das ist, was du wirklich für dich willst und brauchst, und lebe mit den Konsequenzen, die es bringen kann. Das Leben ist in keinem Fall ein Ponyhof, trotzdem hat man eine Wahl (wenn sie auch nicht immer voll und ganz dazu führt, was man im Hier und Jetzt gerne hätte).

Jojo Moyes: Eine Handvoll Worte

Jagd nach Liebe

Ellie, Mitte dreissig, Geliebte eines verheirateten Mannes, Journalistin und auf der Suche nach einer neuen Story, stösst per Zufall auf einen alten Liebesbrief:

Meine einzig wahre Liebe,
was ich gesagt habe, war auch so gemeint. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg nach vorn darin besteht, dass einer von uns eine kühne Entscheidung trifft. […]
Am Freitagabend werde ich um 7.15 Uhr am Bahnhof Paddington sein, Gleis 4, und nichts auf der Welt würde mich glücklicher machen, als wenn du den Mut fändest, mit mir zu gehen.

Die Geschichte lässt Ellie nicht los, sie will erfahren, was aus dem Paar geworden ist.

40 Jahre früher. Jennifer ist die Gattin eines reichen Unternehmers, wohnt, wie viele sich das wünschen würden, hat sich um nichts zu sorgen. Das Leben könnte so weiter gehen, würde sie nicht eines Tages den Journalisten Anthony treffen und sich verlieben. Diese Liebe zeigt ihr die eigentliche Leere ihres bisherigen Lebens, nach anfänglichem Zögern beschliesst sie, alles hinter sich zu lassen, was bisher ihr sicheres Leben ausmachte. Zu dem Zeitpunkt hat Anthony ihr Zögern als Absage an einen gemeinsamen Weg interpretiert.

Ich weiss nicht, was ich sagen soll, liebste Jenny. Aber falls du das Gefühl haben solltest, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, steht diese Tür immer noch weit offen.
Und wenn du meinst, deine Entscheidung war richtig, dann sollst du wenigstens eins wissen: dass da irgendwo auf dieser Welt ein Mann ist, der dich liebt, dem klar ist, wie besonders und klug und freundlich du bist. Ein Mann, der dich immer geliebt hat und der leider vermutet, dass es ewig so bleiben wird.

Ist es zu spät für die beiden?

 

Jojo Moyes zeichnet die Liebesgeschichten zweier Frauen zu unterschiedlichen Zeiten nach. Sie beschreibt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen und Hindernisse, die Suche nach dem richtigen Weg zwischen Liebe, Treue, Leidenschaft, Offenheit. Dabei versteigt sie sich ab und an in gar kitschige Ausschweifungen, manches wirkt etwas weit hergeholt oder zu gesucht, einige Längen wären vermeidbar gewesen. Trotzdem packt einen das Buch, man will wissen, wie die Geschichten weiter gehen, man sehnt sich nach einem guten Ausgang, weil einem die Figuren ans Herz wachsen.

Eine Handvoll Worte ist leicht zu lesen, beinhaltet zwei schöne Geschichten, die sich langsam zu einer verweben. Die perfekte Sommer-Sonnen-Lektüre für einen erholsamen Urlaub.

 

Fazit:
Liebe pur, leicht zu lesen, mitreissend schön. Keine grosse Literatur, aber tolle Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex. Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

 

Angaben zum Buch:
MoyesHandvollTaschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (4. Oktober 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3499267765
Preis: EUR 14.99 / CHF 23.90

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Das Ich und die Welt

Ich bin Geisteswissenschaftler. Mit Leib und Seele. Ich liebte mein Studium, liebte Bücher, Schöngeisterei, all das wunderbar Poetische, Künstlerische, in dem ich mich wiederfand. Biografien von Künstlern offenbarten mir einen Aha-Effekt, zeigten mir: Du bist nicht allein. Ich las mich in neue Welten und zerpflückte sie, um sie in allen Facetten zu verstehen.

Nun leben wir in einer Welt, in der Künste meist brotlos sind, was bitteschön, soll denn das drüber sinnieren sein? Soll ein über die Kunst Nachdenkender besser leben als einer, der Kunst schafft? Das wäre in meinen Augen ein Paradoxon sondergleichen – und doch geschieht es dann und wann. Der Paradoxa sind viele in diesem Leben, Logik sucht man vergebens, da sie ausgehebelt wurde. Gewinn heisst das Zauberwort und ihm wird alles unterworfen. So funktioniert die Welt, will man in ihr leben, sollte man sich dem Prinzip verschreiben.

Das fällt nicht leicht, Ethiker schreiben, wieso es unmenschlich wäre (handeln aber gegen ihr Geschriebenes), Sozialwissenschaftler erfinden Statistiken, Wirtschaftswissenschaftler diametral verschiedene, Juristen klagen mit Präzedenzfällen und Historiker belegen, dass das alles nicht neu ist. Und jeder sieht sich im Recht und jeder hat dafür Belege. Und irgendwo, ganz klein und leise, versucht ein Idealist auf Werte zu pochen, Ideologien mag er nicht mehr nennen, werden ob solcher auch Kriege geführt.

Was also bleibt? Wohl nur der Gedanke, dass nichts absolut ist, man nur die eigene Welt beeinflussen kann und versuchen, darin ein Leben zu führen, das den eigenen Werten genügt, andern nicht schadet. Man wird die Weltmechanismen nicht ändern können, man kann sich ihnen nicht mal ganz entziehen. Alles, was bleibt, ist, sein Leben so einzurichten, dass man mit möglichst wenig Selbstaufgabe, möglichst viel Positives erreichen kann – für sich und seine Nächsten. Ständig die ganze Welt retten zu wollen ist in meinen Augen nicht nur ein Ding der Unmöglichkeit, sondern einen Flucht in das Unmögliche. Damit bewahrt man sich nämlich davor, im Kleinen etwas zu tun, weil man am Grossen verzweifelt.

Globale Gerechtigkeit gibt es nicht. Nicht da, wo Menschen wirken. Es gibt Gerechtigkeit generell nicht, da dies ein Kunstbegriff ist – geschaffen von Menschen, die die Variable Mensch ausblenden wollten und so ein Produkt schufen, das unerreichbar ist. Alles, was bleibt, ist ein kleines Leben. Für das grosse Ganze ist das unbedeutend, für das eigene Selbst und die Nächsten kann es die ganze Welt bedeuten. Und die gilt es zu bewahren.

Und vielleicht breitet sich das Kleine aus.
Wird grösser und umspannt.
Mehr und mehr.
Die Welt.

Tagebuch

Mädchenträume,
Jugendschäume,
Liebesfrust
und Überdruss.
Herzensfreud
und Zauderei,
Lebensfluss
und Hindernis,
alles findet
seinen Platz,
alles fliesst
in einen Guss.

Lebenslettern
schwarz auf weiss,
Abbild dessen,
was geschieht,
Ahnung bloss,
was wünschenswert.
Unzensiert,
da ungehört.
hemmt die Furcht,
in Stein zu hau’n.
Denn was steht,
das scheint real.

Vom Üetliberg über die Albiskette

image-1Da der beste Wanderbegleiter von allen lädiert von einer früheren Wanderung ist, fallen schwierige Touren momentan flach. Nichts desto trotz wollten wir ein wenig die Beine bewegen und entschieden uns für eine Wanderung vom Üetliberg über die Albiskette bis zum Albis. Positiv an der Route war, dass sie direkt vor der Haustüre ist und die meiste Zeit im Wald verläuft.

Mit Tram und anschliessend SZU fahren wir bis zur Endstation Üetliberg, von wo wir loswandern. Wir sind nicht die einzigen mit der Idee, die Bahn ist gut gefüllt, die Mitläufer auch nicht wenige. Von der Üetlibergplattform aus hat man eine wunderbare Sicht über Zürich, den Zürichsee bis hin in die Glarner Alpen. Vrenelis Gärtli und Glärnisch stechen weit hinten noch schneebedeckt in den Himmel.

image-2Vom Schnee merken wir wenig, haben wir doch 31 Grad zu verzeichnen. Umso willkommener ist der Abstieg in den Wald. Zuerst führt eine Gittertreppe hinunter, was für den Hund nicht ideal ist, so dass ich ihn tragen muss (geht bei meiner Miniaturausgabe von Hund gut, ein grösseres Kaliber, das Gitter meidet könnte problematisch werden). Das Stück ist zum Glück nur kurz, danach führt ein schöner, leicht zu gehender Weg weiter durch den Wald.

Je weiter weg wir vom Üetlibergrestaurant kommen, desto weniger Menschen treffen wir auf dem Weg.

Die Ruhe des Waldes hat mir schon immer gefallen. Das tiefe Grün, durch das dann und wann Sonnenstrahlen kommen, einen treffen, Lichtspiele auf den Boden werfen. Ich lasse im gleichmässigen Schritt die Gedanken fliessen, darüber, wie privilegiert ich bin so zu wohnen, dass gleich vor der Haustüre so viel wunderbare Natur anzutreffen ist. Darüber, wie schön es ist, diese Wege nicht alleine gehen zu müssen, sondern jemanden an der Seite zu haben, mit dem man sich auch mal schweigend versteht – über weite Strecken. Kein krampfhaftes nach Worten Suchen, kein totgequasselt Werden über Stunden, sondern einfach ein einträchtiges Gehen durch die Natur.

image-5Der Wald lichtet sich, weite Felder erstrecken sich bis zur nächsten Waldgrenze. Wir gehen weiter, der Felsenegg zu, wo wir einkehren. Ein wunderbarer Wurst-Käse-Salat sorgt für die nötige Stärkung, der Ausblick von der Gartenterrasse ist überwältigend. Ober- und Zürichsee erstrecken sich weit ins Gelände, gesäumt von Häuserflecken, Hügeln, Berge im Hintergrund, noch schneebedeckt. Danach führt unser Weg wieder weiter durch den Wald, kommt an der Buchenegg, später am Chnuschperhüsli vorbei, welche wir aber nicht besuchen, sondern weiter gehen.

image-4Ein Wegweiser stellt uns vor die Entscheidung, ob wir weiter zum Albis gehen, wie ursprünglich geplant, um dann das Postauto runter zum Zug zu nehmen, oder aber ob wir gleich nach Langnau runter laufen. Wir entscheiden uns für die zweite Variante und folgen dem gut ausgebauten, meist breiten, nicht allzu steilen, dafür aber stetig abfallenden Weg nach unten. Auch hier sind wir meistens im Wald, was immer noch warm genug, immerhin nicht so heiss wie ohne kühlendes Grün um uns ist.

image-3Nach einer knappen Stunde sind wir am Bahnhof Langnau, wo wir den Zug besteigen und wieder zurück nach Zürich fahren. Insgesamt sind wir wohl an die 4 Stunden gewandert, es war nicht anspruchsvoll, aber wunderschön und genau richtig für den Tag. Und hier sitze ich nun bei einem gespritzten Weissen, schreibe diesen Bericht, lasse dabei den Tag und die Route Revue passieren. Mein Dank geht an den besten Wanderbegleiter überhaupt, mein Lob an den kleinen Wuschelhund, der die Tour meisterhaft überstanden hat.

Eine Unpolitische äussert sich zum Nahen Osten

Wer ist schuld, wenn sich Israel und Palästina die Köpfe einschlagen? Jeder will es wissen und bemüht dazu die Geschichte. Bunte Karten werden gemalt, die alles erklären sollen, um gleich von anderen, noch bunteren, abgelöst zu werden, welche die vormaligen ad absurdum führen und die wirkliche Wahrheit ans Licht bringen. Schlussendlich bringen sie alle nichts, die Bomben fliegen weiter, die Menschen sterben weiter.

Wer ist schuld im Nahen Osten? Schuld ist wichtig, denn wenn man einen Schuldigen hat, glaubt man zu verstehen. Ab und an ist es gar nicht so einfach. Israel sei einfach von aussen an diesen Ort gepflanzt worden, die Araber haben schon damals gesagt, dass das nie akzeptiert würde. Das ist Fakt. Nun kommt Israel und meint, noch viel frühere Rechte proklamieren zu müssen. Was nun?

Seien wir mal ehrlich: Der Mohammed und der Ephraim von heute kämpfen nicht wegen Dingen, die vor einigen 1000 Jahren mal passiert sind. Die kämpfen, weil sie in diese Frontengeschichte hineingeboren und hinein erzogen wurden. Sie böse, wir gut. So kriegen die das mit der Muttermilch mit. Klar liefert man die (vermeintlichen) Fakten hinterher, um die Muttermilch schmackhafter zu machen. Schliesslich und endlich werden einfach Fronten zementiert.

Helfen tun diese Fronten niemandem. Genauso wenig helfen die Fronten, die man von ausserhalb mitbauen hilft, indem man sich auf eine der beiden Seiten schlägt und kräftig ins gleiche Horn bläst. Die Geschichte ist nicht das Problem. Die ist passiert und lässt sich nicht ändern. Was nun zuerst da war, wo nun der erste Fehler passiert ist, lässt sich kaum eruieren, da jeder einen noch früheren zu finden erpicht ist. Leben tun wir heute. Kriegen auch. Und der Krieg heute geschieht aus dem heutigen Gefühl, dass es ein Wir und ein Ihr gibt und das jeweils andere eine Gefahr darstellt. Was irgendwann mal war, wird nur als rationale Legitimation des heutigen Tuns verwendet. Keiner zündet heute die Rakete, weil vor 2000 Jahren irgendwas passiert sein soll.

Wer also ist schuld an der Auseinandersetzung im Nahen Osten? Keiner oder beide. Da ist so etwas wie ein Gewohnheitskrieg entstanden. Beide Seiten kämpfen mit unschönen Methoden und oft nicht nachvollziehbaren Massnahmen. Die einzige Rettung wäre nur ein Schnitt im Heute und eine komplette Neuausrichtung beider. Ob das je geschehen wird? Ich persönlich traue politischen Mächten nicht so viel selbstlose Grösse zu. Ich würde trotz allem gerne eines Besseren belehrt.

Kritisieren und unken kann jeder, Lösungen bringen ist schwerer. Ich masse mir nicht an, die Lösung zu kennen. Wenn ich eine hätte, wäre sie blosses Theoriekonstrukt, das wohl – wie so viele – an der Variable Mensch scheitern würden. Meine Idee wäre die folgende: Es gab in der Vergangenheit viele Staaten, die nach unrechtmässigen Regimes Wahrheitskommissionen einsetzten, um eine „Transition to Democracy“ einzuleiten. Berühmtes Beispiel ist sicher Südafrika mit seiner „Truth and Reconciliation Commission“. Südafrika ist auch heute noch weit von einer Rechtssicherheit entfernt, die Apartheid konnte aber immerhin überwunden werden. Ich denke, im Nahen Osten wäre eine ähnliche Vorgehensweise heilsam. Das Aufarbeiten der Vergangenheit und das Suchen einer einvernehmlichen Zukunft mit gleichen Rechten für alle. Dazu müssten aber beide Seiten bereit sein. Das wäre nicht nur eine Zustimmung für eine oberflächliche Waffenruhe, sondern die Bereitschaft, ein friedliches Nebeneinander in dem umkämpften Gebiet zu erreichen.

Gefühl und Verstand – Das kommt mir spanisch vor

Ich bin Kopfmensch. Rationalist. Ich kann Argumente hin und her drehen, von allen Seiten betrachten, logische Schlüsse ziehen, Gegenargumente finden, Beweise versuchen, sie verweisen und wieder vorne beginnen. Diese Hirnakrobatik wurde mir wohl schon in die Wiege gelegt, dass ich ein Studium wählte, das gerade das noch fordert und fördert, machte es nicht besser, kam mir eher entgegen.

In meinem Leben, das nun doch schon einige Jahre andauert, kam ich oft an Situationen, in denen ich etwas dachte, so ganz spontan, innerlich wusste, ich habe recht, und dann doch begann, es logisch zu zerpflücken, Argumente zu wälzen und dann einen Schluss zog – dem spontan gedachten diametral entgegengesetzt. Im Nachhinein – so habe ich zumindest das Gefühl – hatte ich immer das Nachsehen, der erste, spontan gedachte Gedanke wäre richtig gewesen.

Nun denkt man, Frau sei klug, sie lerne was, achte fortan auf ihre spontanen Eingebungen. Doch der Verstand besagter Frau ist unglaublich hartnäckig und hat – drum heisst es wohl DER Verstand – machoähnliche Züge, indem er immer denkt, im Recht zu sein, nur hart genug insistieren zu müssen, um am Schluss erhört zu werden. Und: Es funktioniert.

Frau denkt sich, irgendwas sei nicht ganz koscher, der Gedanke festigt sich. Sie fängt an, zu überlegen, denkt sich, dass es gar keinen Grund gebe, findet Erklärungen dafür, dass es ist, wie es ist, womit das, was nicht koscher erscheint, eben erklärbar und damit verständlich und somit in Ordnung ist. Irgendwo tief drin grummelt zwar noch was, aber es wird immer wieder mundtot gemacht. Dies umso mehr, wenn noch jemand genau die Argumente runter betete, die frau selber zur Mundtotmachung des ach so aufsässigen und mühsamen Spontangefühls bemüht.

Es gibt ein Sprichwort:

Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Dieses spontane Gefühl speist sich irgendwoher. Klar aus Erfahrungen und die werden nicht immer der aktuellen Situation gerecht. Trotz alledem hat die Natur den Menschen (und alle Lebewesen) so eingerichtet, Mechanismen zu entwickeln, die bekannte Gefahren erkennen und entsprechend reagieren helfen. Da auch der Mensch nichts anderes als ein Tier ist und damit durchaus Naturprodukt (was er mit all seiner Gedankenkraft gerne wegdiskutieren möchte, erscheint ihm das doch unangebracht minderwertig ob der hohen Ansprüche, die er an sich und seinen Status stellt), sollte man irgendwann wohl zu der Einsicht gelangen, dass an diesen Gefühlen durchaus was dran ist und was spanisch erscheint auch spanisch ist.

Und ja, vielleicht greift man wirklich mal daneben mit seinen Gefühlen. Interpretiert zuviel in etwas, das nicht da ist. Selbst dann bliebe zu hinterfragen, wo das Spanische herkam, denn irgendwo lag es versteckt.