Rezension: Bodo Kirchhoff – Verlangen und Melancholie

Die Erinnerung an den Verlust lebendig halten

Wann endet ein Leben, wenn das Herz nicht mehr schlägt oder wenn es sinnlos erscheint, dass es noch schlägt?

Neun Jahre ist es her, dass sich Irene das Leben nahm. Hinrich, zum stattlichen Heinrich fehlt ihm ein „e“, hat mit ihr die Liebe seines Lebens verloren. Er ruft sich ihren Geruch, ihr Wesen, jedes Detail von ihr ins Gedächtnis. Hinrich geht in sich, denkt über das Leben und den Tod nach, was die Liebe bedeutet und was, wenn man die Liebe des Lebens verloren hat.

Irene war die Liebe meines Lebens, jede Geste von ihr hatte Weltrang, aber was heisst das, jenseits dieser Worte? Heisst das, ohne sie gab es kein richtiges Leben mehr, oder heisst es, jede andere Liebe fiele dagegen ab?

Wie geht es nach dem Verlust der Liebe weiter? Hinrich lebt sein Leben weiter, da sind noch sein Enkel Malte und seine Tochter Noemi, da ist Zuzan, die sich jeden Monat um ihn kümmert. Auch die Erinnerungen an die Zeit mit einer früheren Geliebten brechen wieder auf. Immer aber bleibt eines im Zentrum: Irene. Und die Frage nach dem Warum. Und die Frage nach Verlust, nach Leben, Tod und danach, wann Liebe endet.

Bodo Kirchhoff schreibt mit Verlangen und Melancholie ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Tod. Er erzählt die Geschichte eines Verlustes und wie danach ein Weiterleben möglich ist. Er lässt Hinrich als Ich-Erzähler über sein Leben und seine Erinnerungen sprechen, so dass wir dessen Gedanken direkt und ungefiltert von ihm selber erfahren. Als Leser tauchen wir so ein in die Erinnerungen an ein Leben mit Irene. Wir lernen die Frau, die Hinrichs Lebensliebe war, durch seinen Blick kennen.

Bodo Kirchhoff berührt viele Fragen mit seinem Roman. Es ist ein Roman über das Alter, über Verlust; er handelt von Verrat, Gefühlen, und Verpflichtung – auch über den Tod hinaus. Bodo Kirchhoff schreibt über all diese elementaren Themen in einer tiefgründigen, durchdachten Weise, in einer Sprache, die direkt aus Hinrich herauskommt, die seine Sprache ist, getränkt von seinen Gefühlen, von seinen Erinnerungen, von seinem Kampf zurück ins Leben und davon, diesem Leben noch einen Sinn abzugewinnen, ihn sich wieder zu erarbeiten. Der Roman hat gewisse Längen, die aber in Anbetracht der sonstigen Grossartigkeit vernachlässigbar sind.

Fazit:
Ein tiefgründiger, tiefgehender Roman um die elementaren Themen des Lebens. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Bodo Kirchdorff
Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt sein von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierter Roman Die Liebe in groben Zügen (2012).

 

Angaben zum Buch:
verlangen_und_melancholieGebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (1. September 2014)
ISBN-Nr.: 978-3627002091
Preis: EUR 24.90 / CHF 37.90

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rückeroberungen und Trotzreaktionen

Reclaim the Street

Das war das Motto der Aktion, die grad in Zürich über die Bühne ging. Eine Gruppe solcher, die wissen, was gut ist, wollten plakativ zeigen, was alles schief läuft in Zürich (und wohl auf der ganzen Welt). Sie prangerten an, dass zu wenig Freiheit herrsche, die Städte zu sehr aufgewertet würden materiell, so dass die immateriellen Werte auf der Strecke blieben. Die neue Organisation vertreibe die Alteingesessenen und mache Prunk und Protz Platz.

Freiheit – das wollten sie. Und sie kämpften dafür. Mit Zerstörung, Ausschreitung, verletzten Gegnern, welche die Sicherheit der restlichen Bevölkerung schützen wollten. Indem sie für eine Freiheit kämpften, die wohl nicht mal sie selber betraf, sondern ein Ideal war, von dem sie irgendwo mal gehört hatten (wenn überhaupt), zerstörten sie die der anderen, die da waren, wo sie nie sein würden, noch nie gewesen waren wohl, aber dachten, nie sein zu können, weil da wäre, wer nicht da hin gehörte, sondern nur da wäre, weil die Welt sei, wie sie ist, nämlich schlecht.

Es klingt kompliziert. Eigentlich ist es ganz einfach. Zürich setzt auf Erneuerung. Auf Profit. Neuer Wohnraum wird geschaffen, alter abgerissen. Der alte war für einige erschwinglich, der neue für wenige. Für alle ist er es schon lange nicht mehr. Dass diese Tendenz nicht nur schön ist, liegt auf der Hand. Es geht viel Charme verloren, viel Tradition. Die alten kleinen Läden starben schon teilweise aus, die Wohnungen für normale Familien folgen ihnen. Das bringt Leid mit sich, klar. Das entwurzelt Familien, alte Menschen, weil sie plötzlich ihren Wohnraum abgeben müssen, nur weil irgendein dahergelaufener Baumogul eine Luxushütte mit Luxuswohnungen hinpflanzen will.

Nur: Wenn wir nun alle Läden plündern, die uns auf unserem Wutmarsch in den Weg kommen, wenn wir die Autos, die da grad stehen, kaputt machen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mitnehmen, verbrennen, zu Schrott stampfen – was genau soll das bringen? Klar, man trifft (eventuell) einen, der sich grad so eine Wohnung leisten konnte, die man sich selber wohl nie leisten können wird (zumindest heute nicht kann und wohl nicht denkt, es je zu können). Und dann? Dann ist dessen Auto ausgebrannt. Der kleine Laden, dessen Inventar man klaute, kann vielleicht dicht machen, weil er den Schaden nicht mehr tragen kann. Dessen Existenz wäre zerstört, die eigene noch gleich. Besser wird nichts. Aber darum geht es doch irgendwie auch nicht. Würde es um eine wirkliche Verbesserung gehen, müsste man doch Mittel und Wege finden, die effektiver sind. Wir leben in einer direkten Demokratie. Eine definierte Anzahl von Stimmen hilft, Sachen vors Volk zu bringen. Dann wird abgestimmt. Demokratie heisst auch, dass die Mehrheit bestimmt. Wir bestimmen immerhin frei. Mehr als so manches Land von sich behaupten kann.

Liebe Randalierer: Wenn ihr ein Anliegen habt, gibt es legitime Mittel und Wege. Die nicht zu wählen, zeigt eher eure Dummheit als die eines anderen. Zürich wird nun wieder aufräumen. Der Verlust ist 6-stellig, gebracht hat es nichts. Bis zum nächsten.

Wer die Wahl hat…

Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl.

Dieser Satz von Max Frisch zierte lange Zeit das Haus neben dem, in welchem ich wohnte. Jeden Tag, wenn ich daran vorbei lief, las ich ihn aktiv und stimmte ihm innerlich zu. Der Satz wurde mittlerweile überstrichen und ich bin umgezogen, geblieben ist meine Liebe zu dem Satz und die tiefe Zustimmung.

Es ist mir wichtig, die Wahl zu haben. Die Freiheit, zu wählen, gehört für mich zu meinem Leben. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen. Dass der Weg nicht immer linear war, blieb nicht aus. Wird meine Wahl eingeschränkt, fühle ich mich aus meinem Leben vertrieben. Es ist, als ob jemand das Ruder in meinem Boot übernommen hätte und nun rudern will. Weil er wüsste, wo ich hin müsste. Nur: Selbst wenn ich es selber nicht wüsste, wie sollte es jemand anders besser wissen als ich?

Alles, was mich einengt, zwingt mich in die Flucht. Alles, was mich steuern will, lässt mich gegensteuern. Manche nennen es Trotz, ich nenne es Selbsterhaltungstrieb, da ich nur ich bin, wenn ich den Weg selber definiere. Sonst bin ich eine Marionette und das will ich nie sein.

Ich habe Ideale und auch Vorstellungen. Die mögen utopisch sein, nicht gesellschaftlichen Massstäben entsprechen, vielleicht auch idealistisch klingen. Aber ich will die umsetzen. Es zumindest versuchen. Wenn es nicht klappt oder nicht so toll ist, wie anfänglich vorgestellt, kein Problem, ich plane um. Aber nie, ohne es vorher versucht zu haben. Und von jedem Versuch bleibt etwas hängen. Jeder Versuch, auch einer, der nicht das anfangs anvisierte Ziel erreichte, brachte weiter. Schön war immer, wenn ich die Versuche selber abbrechen konnte, nicht abbrechen musste. Das war nie ein Versagen, es war ein Gewinn. Weil: Ich hatte die Wahl und ich habe sie getroffen. Frei.

Ich habe in meinem Leben einiges probiert. Vieles habe ich wieder aufgegeben, gewisse Dinge blieben. Was immer blieb, war das Schreiben. Dass ich es heute leben darf, liegt daran, dass ich nie an dieser Wahl zweifelte. Ab und an am Erfolg derselben, nie aber am Schreiben selber. Ich ohne Schreiben, das gab es nie und wird es nie geben. Die Inhalte sind nicht immer gleich, aber das Schreiben bleibt. Sollte ich mal nicht mehr schreiben, bin ich tot. Ich wünsche mir, mitten im Satz zu sterben. Dann hätte ich bis ganz am Schluss das getan, was ich tun will, immer tun wollte, was mein Leben ist.

Ich bin dankbar, die Wahl zu haben. Ich bin dankbar, sie immer gehabt zu haben. Das Leben war nicht immer einfach, was sicher auch ab und an an meiner Wahl lag. Immerhin: Ich habe sie frei getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen, ab und an ein wenig unbedarft, manchmal vielleicht auch überstürzt oder aus Launen heraus, aber immer ich. Ich bin ich, wenn ich die Freiheit habe von und die Freiheit zu. So beschrieb mich heute eine wunderbare Frau. Und sie hat mich voll durchschaut.

Rezension: Hjorth & Rosenfeldt – Die Toten, die niemand vermisst

Die Suche nach den Zusammenhängen

Die schallgedämpfte Pistole hustete leise, und alle Bewegungen des Mannes froren unmittelbar ein, als hätte jemand in einem Film auf die Pause-Taste gedrückt. […] Er war bereits tot, sein Herz von der Kugel punktiert, als er aufkam. Ganz so, als hätte ihn eine unsichtbare Hand brutal in die stabile Seitenlage geworfen. […]
„Papa?“
Die Frau zog erneut ihre Waffe und drehte sich blitzschnell um. Ein einziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Kinder. Es sollte hier keine Kinder geben.

Eine Wanderin stürzt in den Bergen und überlebt nur, weil sie sich an einer aus der Erde ragenden Knochenhand festhalten kann. Kommissar Torkel Höglund und sein Team von der Reichsmordkommission – Sebastian Bergman ist mit von der Partie – haben es mit insgesamt 6 Leichen zu tun und stehen vor einem Rätsel. Wer sind die Toten, wer hat sie hier vergraben und wieso?

Eine Frau aus Afghanistan trauert seit 10 Jahren um ihren verschwundenen Ehemann, welcher einfach von einem Tag auf den anderen weg war. Freiwillig konnte er nicht gegangen sein. Was steckte dahinter? Die Polizei hatte ihr nicht helfen wollen, der erste, der Interesse zeigt, ist ein Journalist. Er fängt auf eigene Faust zu ermitteln an, was nicht ganz ungefährlich ist.

Die Toten, die niemand vermisst ist der dritte Fall mit den Ermittlern der Reichskommission. Die menschlichen Spannungen im Team nehmen ihren Lauf, werden nicht weniger, im Gegenteil. Die Beziehungsgefüge zwischen den einzelnen Mitarbeitern machen einen grossen Teil des Buches aus. Der Plot ist eigentlich die Summe vieler Plots, welche etappenweise verfolgt werden. Es fängt mit einem an, um zum nächsten zu springen, welcher dem dritten Platz macht. Über lange Strecken ist der Zusammenhang der verschiedenen Stränge nicht sichtbar, man weiss als Leser nur, dass es einen geben muss, da ansonsten der Krimi (noch) unverständlich(er) wäre.

Hjorth und Rosenfeldt haben auch im dritten Fall wieder sehr plastische Figuren gezeichnet, die Orte des Geschehens sind stimmungsvoll und mit allen Sinnen erfasst. Wer Krimis mag, bei denen sich verschiedene Fäden langsam zu einem Netz verbinden, das immer engmaschiger wird, bis schlussendlich alles zusammenhängt und der Fall sich klärt, wird dieses Buch lieben. Wer ein schlechtes Namensgedächtnis hat, findet hier ein prima Übungsstück (oder er wappnet sich von Anfang an mit Papier und Stift, um die einzelnen Namen und ihre Rollen aufzuschreiben).

Alles in allem war das Buch etwas lang, einiges hätte man kürzen und damit spannender machen können. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi.

Fazit:
Unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi mit plastischen Figuren und anschaulichen Schauplätzen, in dem sich erst unabhängige Stränge langsam zu einem Ganzen verbinden. Empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Hjorth
Michael Hjorth, geboren 1963, ist ein erfolgreicher schwedischer Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Er schrieb u.a. Drehbücher für die Verfilmungen der Romane von Henning Mankell.

Hans Rosenfeldt
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist in Schweden ein beliebter Radio- und Fernsehmoderator und ein gefragter Drehbuchautor, zuletzt schrieb er die Vorlage für die ZDF-Koproduktion The Bridge.

Bereits vom Autorenduo erschienen sind Der Mann, der kein Mörder war und Die Frauen, die er kannte.

Angaben zum Buch:
die_toten_die_niemand_vermisstTaschenbuch: 624 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (1. Juli 2013)
Übersetzung: Ursel Allenstein
ISBN-Nr.: 978-3499267017
Preis: EUR 14.99 / CHF 15.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kein Jahresrückblick

Ich wollte einen Jahresrückblick schreiben. So richtig mit allem drum und dran: Was schwer war, was noch schwerer war, was ganz erschreckend schwer war. Und natürlich auch, was gut war. Keine Frage, das hätte auch Platz gefunden. Ich hatte auch schon angefangen mit all dem Schweren. Irgendwie lang das zuvorderst, ich hatte ja auch genug davon. Und so schrieb ich und schrieb ich und schrieb – und dachte, je länger ich schrieb, wie öde das eigentlich sei, all dieses Durchgemachte nun neu wiederzukäuen und auszuspucken.

Nicht dass es belanglos gewesen wäre, nicht dass es nichts mehr zählte, vergessen war es eh nicht, wie könnte es. Und doch: Who cares? Und: Was bringt’s? Schlussendlich war es das ganz normale Leben mit Ups und Downs. Ab und an hätte ich ein paar Tiefen gerne ausgelassen, überhaupt, man liesse sie eigentlich alle gerne aus, versucht dann aber – der Mensch tickt so – Sinn hineinzuinterpretieren, indem man zusammenbastelt, wozu sie gut gewesen sein könnten, und dass man ganz bestimmt nicht der wäre, der man heute ist, hätte man nicht erlebt, was einen so formte. Tiefs müssen zu was gut sein. Sonst wären sie ja grausam grässlich.

Ich habe den Jahresrückblick, der noch ganz am Anfang und dabei schon Unheil bepackt war, gelöscht. Er passte nicht in meine aktuelle Laune, die eigentlich (und uneigentlich) wunderprächtig ist. Klar, mit kleinen Wölkchen dann und wann, die ich mir teilweise selber kredenze, teilweise fliegen sie mir so zu. Aber auch mit viel Tollem und Gutem und Wunderbarem und so unverhofft Grossartigem (Das musste nun sein nach all dem Unheil, all dem Schweren, all dem Leid, das ungeschrieben, aber viel beschrieben da steht).

Und so wird dieses Jahr enden und das ohne einen Jahresrückblick meinerseits. Was war, das war, auf das, was kommt, freue ich mich (ok, die Tiefen, die sicher kommen werden, könnte ich auslassen, aber ich werde bestimmt für jede einzelne verdammte Tiefe einen ganz tiefen Sinn finden).

Und nun stürze ich mich voll und ganz in die Vorweihnachtszeit, Kerzen, Lichter, Musik inklusive. Allen Lesern da draussen danke ich von Herzen für jeden Stern, für jedes „gefällt mir“ und jeden Kommentar. Der Blog wäre nicht, was er ist, gäbe es euch nicht. Von Herzen: Danke!

Frohe Weihnachten und lasst uns nächstes Jahr genauso weitermachen.

Gerechtigkeit und Gleichheit

Ist es ungerecht, wenn zwei Gleiche ungleich behandelt werden?

Können zwei gleich sein? Sind sie nicht eher Ungleiche, nur in gewissen Punkten gleich?

Ist es gerecht, zwei Ungleiche gleich zu behandeln? Was heisst es, gleich zu behandeln? Gleiches geben? Was, wenn einer mehr braucht? Sein Problem? Wessen sonst?

Wie lange sind zwei gleich, wann gelten sie als ungleich? Wer bestimmt, was einer braucht und wie will man es messen?

Hat Gleichheit überhaupt etwas mit Gerechtigkeit zu tun? Ist diese nicht nur Behelfsmittel, weil Schlagwort? Ist Gerechtigkeit relevant?

Was will man wirklich? Als Mensch leben? Wann ist ein Mensch ein Mensch? Und wer bestimmt das? Gibt es bessere und schlechtere? Ist der Mensch generell besser – als Mensch?

Was ist gut? Reicht gut oder muss es besser sein? Ist gut absolut oder relativ? Gestern so, morgen anders, heute? – also relativ? Ist dann nicht auch gleich relativ? Und damit nicht gerecht?

Franz Kafka: Die Verwandlung

Keiner steht für sich allein

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Gregor Samsa, Handelsreisender, der mit seinem Gehalt die Familie ernährt, wacht eines Morgens auf und ist ein Käfer. Durch diese Verwandlung verpasst er seinen Zug zur nächsten Geschäftsreise, was den Prokuristen der Firma aus Tapet bringt. Die Familie ist in heller Aufregung ob der ungeheuerlichen Sache. Der vormals träge Vater muss wieder selber in die Stiefel steigen, die verhätschelte Schwester wird fürsorglich und wird erwachsen. Irrungen der Vergangenheit kommen ans Licht, Wandlungen passieren bei allen Figuren, der zum Käfer mutierte Bruder, der vormals die Familie über Wasser hielt, wird langsam aber sicher zur Plage.

Ich will vor diesem Untier nicht den Namen meines Bruders aussprechen, und sage daher bloss: wir müssen versuchen, es loszuwerden.

Die – wie auch immer verursachte – Verwandlung Gregor Samsa führt einerseits zu Wandlungen in seinem ganzen Umfeld und legt andererseits verborgene Mechanismen des vormaligen Zusammenlebens offen. Wie meist in Kafkas Werk sind auch in diesem die autobiographischen Züge offensichtlich. Der Vater-Sohn-Konflikt ist überdeutlich, die Verwandlung in ein Ungeziefer weist eine Verbindung zur Passage in Kafkas Brief an den Vater (der nie abgeschickt wurde) auf:

Ohne ihn zu kennen, verglichst du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand.

Kafkas Roman Die Verwandlung mag schon vor Jahren geschrieben worden sein, die Thematik ist aktuell. Der Roman handelt von Familien und den in ihnen gelebten Rollen. Er zeigt auf, dass die Verwandlung eines Teils einer Familie Auswirkungen auf die ganze Familie hat, er spricht Generationenkonflikte an und thematisiert gewählte Lebenswege und deren Motive.

 

Fazit:
Kafka at his best. Lebensnah und packend liefert er jedem Leser, was er sucht: Leichter Lesespass für zwischendurch, tiefgründige Wahrheiten, wenn man sie sehen will.

 

Zum Autor
Franz Kafka
Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus. Mehr zu Franz Kafka findet sich hier.

 

Rezension: Jenny Offill – Amt für Mutmassungen

Das Leben probieren

Sie erinnert sich an den ersten Abend, an dem sie wusste, dass sie ihn liebte, daran, wie die Angst über sie hereinbrach. Sie hatte den Kopf an seine Brust gelegt und seinem Herzschlag gelauscht. Eines Tages wird es das nicht mehr geben, hatte sie gedacht. Das verzweifelte Nein, Nein, Nein.

Sie will Kunstegomanin werden, ohne Beziehung, ohne Ehe, allein und unabhängig. Dann lernt sie ihn kennen und lieben. Die Liebe macht ihr Angst, aber sie heiratet ihn und sie kriegen ein Kind. Sie denkt viel. Denkt über sich nach, über ihn, liebt das Kind, liebt ihn. Das Leben geht weiter, sie meistern Hürden, neue kommen. Es bleibt die Liebe, doch sie ist nicht nur einfach.

Ich wollte nur, dass du mich über alles liebst.

Jenny Offill erzählt in ihrem Roman Amt für Mutmassungen die Geschichte einer Ehe. Sie erzählt von einer Frau, die mit dem Leben kämpft, die Angst vor dem Leben und der Liebe hat und sich doch immer wieder neu drauf einlässt. Sie erzählt diese Geschichte in Gedankenfetzen, in Situationshappen, die oft das Wichtige aussparen, welches doch zwischen den Zeilen schimmert und Folgen hat. Sie erzählt von einem Leben, das immer neue Hürden mit sich bringt, immer neue Fragen aufwirft, Raum für immer neue Ängste öffnet.

Amt für Mutmassungen ist ein Buch über Selbstzweifel, Hoffnungen, Liebe und Angst. Es ist ein tiefgründiges Buch, das den Inhalt in die Form giesst, indem die vielen Lücken der Gewissheit, wie das Leben läuft, in die Lücken des Textes übergehen, und doch in Form einer Ahnung durchscheinen. Die Sprunghaftigkeit des Denkens der Frau spiegelt sich in der Kurzatmigkeit der Sprache und der Zerstückeltheit des Textes wieder. Der nicht lineare Lebenslauf, die Uneindeutigkeit richtiger Lebensentscheide findet in den Gedanken- und damit auch Textsprüngen seine Entsprechung. Ein Buch, das packt, das hinterfragt, das mehr Fragen als Antworten bietet und nachdenklich macht, indem es dann und wann wie ein Spiegel wirkt.

 

Fazit:
Ein packendes, hinterfragendes, , tief gehendes und eindringliches Buch voller Fragen und weniger Antworten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Jenny Offill
Jenny Offill wurde 1968 in Massachusetts geboren und lebt heute in New York. Sie unterrichtet an verschiedenen Universitäten Kreatives Schreiben. Ihr Debütroman Annas kosmischer Kalender (1999) wurde für den L. A. Times First Book Award nominiert. Sie schreibt Kurzgeschichten, Kinderbücher, Essays und Artikel u.a. für die Washington Post. Amt für Mutmaßungen, ihr zweiter Roman, wurde mit dem Ellen Levine Award ausgezeichnet.

 

Angaben zum Buch:
OffillamtGebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (29. September 2014)
Übersetzung: Melanie Walz
ISBN: 978-3421046222
Preis: EUR 17.99/ CHF 26.90

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Gastbeitrag: „Entscheidungen über Leben und Tod“

Das Leben konfrontiert uns mitunter mit Herausforderungen, die uns im ersten Moment überfordern, die wir uns nie vorzustellen wagten und die dann über uns hereinbrechen. Der Umgang damit bereitet Probleme, zeigt uns Grenzen auf, über die wir immer wieder hinausgeführt werden.

Der folgende Gastbeitrag ist eine Fortsetzung zum bereits hier erschienenen Artikel:

Vielleicht erinnert Ihr Euch an meinen ersten Gastbeitrag in Sandras Blog, als ich meinen Vater mit akuten Wahnvorstellungen in die Psychiatrie Weinsberg einweisen ließ. Als ich ihn dort Anfang Oktober die ersten zwei, drei Tage besuchte, wurde er immer „normaler“, schien sich auf dem Weg zur Besserung zu befinden. Er machte sich große Sorgen um die Umstände seiner Einweisung (Messer, Polizei) und wie immer waren seine letzten Worte bei unserem Abschied, ich solle doch bitte vorsichtig fahren. Allerdings: seine Angst vor der Anstalt blieb bestehen. Er warnte mich unablässig, dass er hier umgebracht werden würde, machte sich große Sorgen, ob ich die geschlossene Abteilung unbehelligt wieder würde verlassen können und wähnte sich in einer großen Verschwörung, die er klar erkennen konnte und in der ich seiner Meinung nach unwissentlich mitarbeitete. Als sein bester Freund und meine Tante, die Schwester meiner 2011 verstorbenen Mutter, ihn besuchten, redete er von Flucht und zeigte ihnen alle Fenster und Türen. Er beschwor sie eindringlich, ihn zu retten, da er sonst verloren sei.

Er war 5 Tage dort, als ich nachts kurz vor 23 Uhr einen Anruf bekam, man hätte ihn in das nahegelegene Klinikum auf die Intensivstation verlegt, da er am Vormittag gestürzt und den ganzen Tag nicht mehr ansprechbar gewesen sei. Nicht aufzuwecken. Weggedriftet. Ich eilte noch nachts dorthin, man ließ mich 20 Minuten auf dem Gang warten, ohne mir Bescheid zu geben, in welchem Zustand er sich befand. Krank? Lebensbedrohliche Situation? Schon gestorben? Mein Vater war mittlerweile in ein Delirium gefallen – bedingt durch seinen gutartigen Hirntumor, Cortison, Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankung, Aufregung über die Einweisung, Demenz – what ever – die Liste seiner Risikokomponenten für ein Delirium ist mehr als nur vollständig.

Man stellte uns eine lebensrettende Operation des Tumors in Aussicht, sobald in einer der dafür spezialisierten Kliniken ein Intensivbett frei werden würde. Es gab zahlreiche neurologische Konzile zwischen der behandelnden Klinik in Heilbronn, und solchen in Würzburg und Ludwigsburg. Wir machten uns Hoffnungen, da uns bisher nur gesagt wurde, dass der Tumor nicht für seine Ausfälle verantwortlich sei und daher eine OP nur bei Beeinträchtigung des Sehnervs in Frage käme. Leider scheint dabei die Tatsache übersehen worden zu sein, dass mein Vater sich in einem tiefen Delirium befand und damit inoperabel war. Langer Rede kurzer Sinn: Man verlegte ihn aus dem Klinikum zurück in die gerontologische Psychiatrie. Als ich ihn auf der Intensivstation besuchte, sah ich einen verkabelten Mann im Bett liegen, bei dem alle Funktionen überprüft wurden, weil man sich Sorgen machte. Zwei Stunden hatte man ihn wie einen nassen Sack in einem übergroßen Rollstuhl fixiert, sabbernd und völlig desorientiert.

Er reagierte auf mich aggressiv. Offensichtlich regte ihn meine Anwesenheit auf. Man riet mir, meine Besuche auszusetzen, was ich mehr als nur dankbar annahm. Ich bin eine Verdrängungskünstlerin. Ich brauchte Abstand, ich habe meinen Vater und seine Situation kunstvoll ignoriert. Ich bin sogar nach München gefahren und habe das Wochenende dort genossen.

Kaum war ich wieder zurück, wurde ich vom stellvertretenden Arzt – der Chefarzt war im Urlaub – zum Gespräch gerufen – ein Novum. Einfühlsam aber zielstrebig kam er auf die fehlende Patientenverfügung zu sprechen, meine Vollmacht, die stetige Verschlechterung des Zustands, die Hoffnungslosigkeit und die Möglichkeit, alle lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen, da mein Vater mittlerweile über eine Magensonde ernährt wurde. Selbstverständlich würde man aber weiter schmerzstillende Medikamente geben, ihn aber letztlich verhungern und verdursten lassen. Und das, obwohl er kurz vorher bei einem Besuch deutlich geäußert hatte, dass er Hunger hätte. Auf das Wort „Brei“ hat er zustimmend mit „JA!“ geantwortet. Mir kam es wie ein verrecken lassen vor.

Ich sah meinen Vater leiden. Wenn ich nach Zukunftsaussichten oder auch nur der Möglichkeit fragte, dass er wieder aus dem Delirium kommen könnte – Schweigen. Ungewissheit. Man wusste es nicht. Natürlich nicht, daraus mache ich keinem Menschen einen Vorwurf. Ich bat mir Bedenkzeit aus und ging nach Hause. Rief von dort nach zwei Stunden an und sagte, dass ich wolle, dass bei meinem Vater alles Menschenmögliche zur Aufrechterhaltung der vitalen Funktionen getan werden solle. Ja, man würde dies so in die Akten übernehmen. Hat man übrigens nicht, das nur als Randnotiz.

Und nun sind wir am Punkt angelangt: Es ist nicht lustig, wenn ein Mensch vier Wochen im Delirium, Koma oder sonst was liegt. Er hatte Schmerzen beim Liegen, sein Mund war völlig wund, schwarz mit Schrunden übersät, er litt ganz offensichtlich. Er musste nach wie vor 5-Punkt-fixiert werden, da er sich gegen pflegerische Maßnahmen wehrte, sich die Magensonde ausriss, etc..

Dabei wurde er immer weniger, verlor nach und nach die Sprache. Ich habe ihn letzte Woche zum Glück sehr oft besucht, hatte seinen Lieblingshund dabei, habe mit ihm klassische Musik gehört. Manchmal öffnete er die Augen, aber er hat mich nicht erkannt. Vor zwei Tagen fragte ich ihn, ob ich wieder mit Aristo (unserem Hund) zu Besuch kommen solle und er hat es positiv beantwortet.

Gestern rief mich dann die psychiatrische Abteilung an und meinte, dass sich sein Zustand akut verschlechtert hätte. Wieder stand die Frage im Raum: Sollte man ihn noch auf die Intensivstation verlegen oder ihn dem sicheren Tod preisgeben? Ich musste mich entschieden. Ich hatte zahlreiche schlaflose Nächte mit zu viel Rotwein hinter mir, hatte Angst, ihn unnötig leiden zu lassen. Mich verfolgte sein Leid, sobald ich das Licht ausschaltete – und doch, wer bin ich, seinen sicheren Tod zu veranlassen? Man hat mir die Option mehrmals sehr eindrücklich nahegelegt, die fehlende Patientenverfügung schien ein Problem zu sein. Ich stieß überall auf lauter vorgefertigte Meinungen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, ihn schon so lange leiden zu lassen. Meine Mutter ist vor drei Jahren an Krebs gestorben, es war richtig schlimm. Auch wenn man keine Hitparade der schlimmsten Tode starten muss, kein Mensch hat es verdient, so wie mein Vater zu sterben.

Ich rief die Mutter meines Vaters an, fragte sie um Rat. Zum Glück (ich hatte es schon vermutet) lehnte sie es ab, ihn einfach dem sicheren Tod zu überlassen, und entschied sich für die Intensivstation. Er wurde verlegt. Nierenversagen wurde diagnostiziert. Sie teilten mir mit, dass sie alle Reanimation ablehnen würden, da Gehirn und Herz schwerstens geschädigt seien. „Soll ich vorbei kommen?“ „Nein, es kann sehr lange dauern, wir informieren Sie.“ Ich ging ins Bett, Telefone neben mir. Schlechte Nacht. Sehr schlechte Nacht. Schlaflos. Erleichterung, wenn der frühe Morgen vorbei war, denn Todkranke sterben in den frühen Morgenstunden. Nein, sie sterben auch morgens um 9 Uhr – so wie mein Vater. Sie haben reanimiert. Erfolglos.

IMG_1543Ich bin froh, habe ich nicht zu verantworten, dass er sterben musste. Ich bin froh, haben wir alles versucht und ich muss mich nicht mein Leben lang fragen, ob er vielleicht noch länger hätte leben können – in welchem bedauernswerten, hilflosen Zustand auch immer. Ich möchte und werde diese Entscheidung für ein anderes Leben nicht fällen. Feige? Ja, wahrscheinlich. Aber mein Vater wollte bis zuletzt nicht sterben! Patientenverfügung? Wird es von mir niemals geben, denn ich habe erlebt, wie sie allzu schnell gezogen wird und wie man sich rechtfertigen muss, wenn man noch Hoffnung hat – sei sie berechtigt oder nicht. Und nein, ich will nicht verrecken, indem man mich mutwillig verhungern und verdursten lässt.

Ich bin traurig. Verloren.

Was bereitet mir den meisten Kummer? Dass die Angst meines Vaters sich bewahrheitet hat. Dass sich seine Ängste von einem völlig überdrehten, realitätsfremden Alptraum zu seinem Schicksal entwickelt haben. Er hatte recht: Er hat die Abteilung nie mehr verlassen, er ist dort gestorben, sie haben ihn quasi festgehalten. Und: Ich war Erfüllungsgehilfin. Natürlich geschah alles unter anderen Vorzeichen, aber all das, was er geäußert hat unter schlimmster Pein, hat sich auch erfüllt. Seine Ängste waren berechtigt.

Es ist ganz schlecht, wenn man keine Patientenverfügung hat. Scheinbar. Ich werde nie eine haben, denn ich fühlte mich schon fast rechenschaftspflichtig, wenn ich darum gebeten habe, das Leben meines Vaters zu retten. Es gab keine klare Aussagen, ob er Überlebenschancen hat und wie er nach einem Delirium würde leben können. Alle waren jedoch sehr bemüht, ihn möglichst schnell aus dem Leben zu befördern.

Ich bin traurig, unsortiert, hilflos. Ich habe Phasen, wie beim Beerdigungsinstitut, da funktioniere ich. Dann kommen wieder die Phasen wie jetzt: Ich sitze da und heule Rotz und Wasser.

Mein Vater ist heute Morgen gestorben.

XXXXXXXXX

Mein herzliches Beileid. Ich wünsche dir viel Kraft, die Gewissheit, dass du für dich und euch das Richtige entschieden hast. Ich wünsche dir, dass die Erinnerungen weniger schmerzvoll werden und die Liebe im Herzen zurückbleibt.

 

Rezension: FranÇois Lelord – Hector fängt ein neues Leben an

Wenn die Lebensmitte alles ändert

Wenn Sie ihn danach gefragt hätten, hätte Hector Ihnen geantwortet, dass er mit seinem Leben im Grossen und Ganzen recht zufrieden sei und sich vor allem wünsche, dass alles so weiterlaufe wie bisher. Und das war nun leider wirklich ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr jung war.
Dennoch träumte er von Zeit zu Zeit, ohne es sich einzugestehen, von einem anderen Leben, was wiederum bewies, dass er eben auch noch nicht richtig alt war.

Hectors Patienten sind unzufrieden mit sich und ihrem Leben. Träume, die sie mal hatten, kommen ihnen plötzlich leer und sinnlos vor, die Karriere hat Opfer gefordert, die mit den eigenen Grundsätzen nicht mehr übereinstimmen, das Leben nahm irgendwann eine Dynamik an, die nicht mehr dem entsprach, was sie wollten. Hector versucht, Ihnen die richtigen Fragen zu stellen, damit sie ihren Weg wieder finden, der, der für sie passt. Gleichzeitig merkt er bei sich selber, dass es ihm selber so geht. Zwar liebt er seinen Beruf und seine Frau, trotzdem sieht er Verlockungen, die ihn reizen würden. In sein Notizbuch schreibt er in diesen Tagen immer wieder Midlife-Crisis.

Eigentlich wusste Hector nicht recht, ob er an die ominöse Midlife-Crisis glaubte, von der in den Zeitschriften so oft die Rede war. […]
Krisen konnten sich nämlich in jedem Moment des Lebens ereignen, und ausserdem gab es viele Menschen mittleren Alters, die keine solche Krise durchmachten.
Aber wenn sich jemand so um die vierzig oder fünfzig schlecht fühlte, wenn er seine Arbeit oder seinen Ehepartner nicht mehr so gut ertragen konnte oder sogar gleich ganz auswechseln wollte, dann fragte er sich natürlich, ob es nicht vielleicht die Midlife-Crisis war.

François Lelord erzählt in seiner gewohnt feinfühligen, sanften Art die Geschichte seines Protagonisten Hector weiter, lässt ihn die Lebensmitte bei sich und seinen Patienten erkunden und aufdecken, was hinter den vielen Krisen stecken könnte, mit denen sie – und er selber – sich beschäftigen. Hector fängt ein neues Leben an ist ein tiefgründiges, psychologisches Buch, ohne mit dem Zeigefinger belehren zu wollen. Es nimmt sich dem Thema der Midlife-Crisis auf eine erzählerische, fast schon melodisch anmutende Weise an, legt die Tücken und Schwierigkeiten anhand der Nebengeschichten offen und zeigt deren möglichen Auflösungen bei den einzelnen Charakteren im Buch.

Der eine oder andere Leser im richtigen Alter mag sich in gewissen Gedankengängen erkennen und selber hinterfragen. So oder so ist das Buch in jedem Alter lesenswert, da neben der Grundthematik der Midlife-Crisis die Figuren und deren Geschichten, allen voran Hectors eigene den Leser auf eine wunderbare Lesereise mitnehmen.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, melodisches Buch voller Fragen und möglicher Antworten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
François Lelord
François Lelord wurde 1953 geboren und studierte Medizin und Psychologie. Nach einigen Jahren als Psychiater mit eigener Praxis schloss er diese, um zu reisen und zu schreiben. Er lebt mit seiner Frau in Paris und Hanoi und ist mittlerweile auch wieder als Psychiater tätig. Sein Buch Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück eroberte ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, es folgten weitere Hector-Bücher und andere Publikationen. Von François Lelord unter anderem erschienen sind Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück (2006), Hector und die Entdeckung der Zeit ( 2008), Hector und die Geheimnisse der Liebe ( 2007).

 

Angaben zum Buch:
LelordNeuesLebenTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (10. November 2014)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3492306416
Preis: EUR 8.99/ CHF 14.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Lucie Flebbe – Tödlicher Kick

Puff um einen Kicker

Die Spannung im Stadion steigt, Bochum steht kurz vor dem Aufstieg in die nächste Liga, doch der alles entscheidende Kick des Nachwuchsfussballers Oran Mongabadhi geht daneben. Am nächsten Morgen ist dieser tot, niedergestreckt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die Polizei ermittelt gegen Mongabadhis Freundin, eine Prostituierte mit Lockenkopf, welche kurz nach der Tat blutverschmiert vor der Haustür des Ermittlerduos Lila und Danner steht.

„Ich muss Sie beauftragen“, sagte Curly-Mo ohne Nachnamen. „Ich habe auch Geld“, fügte sie rasch hinzu, als sie meine noch immer gerunzelte Stirn bemerkte. […] „Ich sitze echt in der Scheisse“, gestand Curly […]

Die Suche nach dem wahren Täter gestaltet sich schwierig, da die Verdächtigen zunehmen, die Situationen zunehmend brenzliger werden, Streitereien zwischen Lila und Danner noch erschwerend dazu kommen. Nach einem besonders heftigen Streit nimmt Lila die Nachforschungen in die eigenen Hände und begibt sich dabei in Gefahr. Nicht nur die Aufklärung des Falls, sondern auch ihr Leben steht plötzlich auf dem Spiel.

Tödlicher Kick ist ein solide gestrickter Krimi, der kriminalistische Aufklärungsarbeit mit Beziehungsproblemen, Vergangenheitsbewältigung der Protagonisten und aktuellen Themen wie Homosexualität im Fussball und Prostitution und Frauenhandel zu einem unterhaltsamen Ganzen verwebt.

Man dachte schon nach Das fünfte Foto, dass Lila ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätte und nun froh in die Zukunft ginge, allerdings scheint ihre Vergangenheit Stoff für mehrere Bewältigungsschübe zu liefern, so dass sie auch in diesem Buch wieder eines der zentralen Hintergrundthemen ist. Dass Danner ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, macht das Miteinander des Ermittlerteams umso schwerer und die Beziehungsthematik nimmt einen vergleichsweise grossen Stellenwert in der ganzen Geschichte ein. Nichtsdestotrotz ist Lucie Flebbe auch mit Tödlicher Kick ein flüssig zu lesender, unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein solide gestrickter Krimi, unterhaltsame und spannende Lektüre. Empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier.

Angaben zum Buch:
FlebbeKickTaschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (11. März 2014)
ISBN: 978-3894254353
Preis: EUR 10.99/ CHF 17.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH