Rezension: Horst Eckert – Schattenboxer

Intrigen, Vertuschungen und Wettlauf mit der Zeit

Etwas schimmerte dort obenauf. Torsten stoppte das Boki-Mobil und stieg aus, um sich die Sache anzusehen. Hatte sich jemand einen bösen Scherz erlaubt?
Nach wenigen Schritten wurden ihm die Knie weich. Seine Eingeweide verkrampften sich. Er hielt die Luft an.
Nein. Bitte nicht.

EckertSchattenboxerVincent Che Veih, Enkel eines Nazis und Sohn einer RAF-Terroristin hat es in diesem Fall mit dem grausamen Mord an einer jungen Frau zu tun. Einen Tag nach der Beerdigung der tochter eines Kollegen, die sich das Leben genommen hatte, liegt auf deren Grab die schrecklich zugerichtete Leichte einer anderen jungen Frau. Zwar kannten sich die beiden Frauen nicht, aber es gibt ein verbindendes Element: Beide engagierten sich in einer Initiative, die sich für die Freilassung eines zu Unrecht inhaftierten – und in ihren Augen unschuldigen – Mörders einsetzte. Der Fall zieht immer weitere Kreise, reicht zurück in die aktive Zeit der RAF und zum Mord des Managers Rolf-Werner Winneken (angelehnt an den Fall um Detlev Karsten Rohwedder, den man aber nicht kennen muss, um das Buch zu verstehen).

Dann verschwindet eine zweite junge Frau, die Polizei arbeitet auf Hochtrab. Als auch noch Veihs Lebensgefährtin wie vom Erdboden verschluckt ist, wird die Suche zu einem Wettlauf mit der Zeit.

Horst Eckert ist wieder einmal ein spannender Krimi gelungen, der den Leser packt und nicht mehr loslässt. Es gelingt ihm, Fakten aus der Realität mit Fiktion zu verbinden. Mit plastischen Figuren – allen voran Vincent Che Veih, welcher im Privaten immer ein bisschen neben sich zu stehen scheint, im Beruf aber zielgerichtet seinen Dienst tut – schafft er es, seine Kriminalgeschichte real erscheinen zu lassen. Der Schauplatz Düsseldorf, Eckerts eigener Wohnort, tut durch seine wirklichkeitsgetreue Darstellung, die auf der persönlichen Kenntnis des Autoren beruht, das Seine dazu.

Schattenboxer ist ein detailgetreuer, authentischer Krimi, der alles vereint, was einen guten Krimi ausmacht: Charakterstarke Figuren, Verdächtige – auch falsche –, falsche Spuren, Tempo, Cliffhanger. Ab und an ist das Hin und Her in den Zeiten ein bisschen verwirrend, vor allem wenn man verpasst, die Daten am Kapitelanfang genau zu lesen, dies ist aber eher dem ungenauen Leser (der zu seiner Verteidigung nur die Spannung anbringen kann) denn dem Autor anzulasten.

Fazit:
Horst Eckert ist mit Schattenboxer wieder ein Krimi gelungen, der Lesevergnügen und Spannung bis zur letzten Seite verspricht. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Horst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002), Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011).

Ein Interview mit dem Autoren findet sich hier: Horst Eckert – Nachgefragt

Porträt der Frankfurter Rundschau

Angaben zum Buch:
EckertSchattenboxerGebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Wunderlich Verlag (27. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3805250795
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

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Ruhe

Ernesto war 16, als er aus Kalabrien in die Schweiz kam. Er hatte Glück und fand als Metzgergehilfe eine Stelle. Bei der Metzgerfamilie wohnte ein Mädchen in seinem Alter. Sie gefiel ihm sehr. Er ihr auch. Ernesto führte Klara zum Tanz aus, sie schlenderten durch die Lauben Berns, sassen an der Aare. Das Leben war schön. Klaras Vater war wenig begeistert von Ernesto. „Was willst du mit dem dahergelaufenen Tschingg? Der taugt doch nichts. Der bringt es nie zu etwas. Klara gehorchte ihrem Vater und hielt sich von Ernesto fern. Und sie war traurig. Das fiel allen auf. Nur nicht dem Vater, der hatte genug zu tun mit seinen Frauengeschichten und dem Spielsalon. Klara war allein. Eines Abends klopfte es an Klaras Tür, Ernesto stand davor. An diesem Abend beschlossen sie, gemeinsam weiter durchs Leben zu gehen. Und es allen zu zeigen, dass sie es zu etwas bringen konnten.

Ernesto wechselte die Stelle. Er wurde Hauswart in einem Geschäftsgebäude. Daneben arbeitete er bei verschiedenen Auftraggebern und tat, was zu tun war. Klara putzte. Sie kriegten Kinder, arbeiteten beide weiter hart. Sie sparten. Ihre Kinder sollten es gut haben und sie irgendwann auch. Tag und Nacht war Ernesto im Einsatz. Das Telefon stand kaum still, Ernesto auch nicht. Klara litt dann und wann darunter, sie war immer allein – mit den Kindern, mit sich. Ernesto versprach ihr immer: „Klara, wenn ich erst mal pensioniert bin, dann holen wir alles nach. Wir haben hart gearbeitet, wir haben gespart, wir werden es schön haben. Aber: Von nichts kommt nichts.“ Klara war besänftigt. Für den Moment. Dann kam die Einsamkeit wieder. Sie ging in die Ferien. Ging in die Stadt. Träumte von einem Restaurantbesuch zu zweit, von Urlaub als Paar, von Zeit zusammen. Und war doch allein.

Ernesto tat alles, was er konnte. Er arbeitete hart, er war rundum angesehen deswegen. Er war nicht nur der Hauswart, er war der Mann, der half, wenn irgendwo Not am Mann war – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, alle Wochen im Jahr. Auch an Weihnachten und Silvester.

Ernesto wurde älter, die Pension rückte näher. Von seiner Firma wurde er in der Firmenbroschüre als bester Hauswart überhaupt porträtiert. Sein Einsatz hatte sich gelohnt. Er war stolz und alle um ihn auch. Nach der Pensionierung wurde es nicht gleich ruhiger. Die Nebenjobs von früher liefen noch weiter. Klara drängte auf mehr Ruhe. Sie wollte endlich, dass das Warten auf eine gemeinsame Zeit ein Ende hätte. Dann kam die Ruhe. Es war eine Frage der Zeit, wie lange sie dauert. Wobei nachher noch mehr Ruhe wäre.

Er hatte gestreut. Der Krebs. Angefangen im Darm, breitete er sich aus, nahm in Beschlag, was er kriegen konnte. Chemotherapie. Warten auf Besserung. Die nächste. Wieder warten. Und hoffen. Gewebe entzündete sich. Warten auf Besserung. Schmerzen. Trauer. Wut. Hoffnung. Tägliche Gänge ins Spital, Ambulanzen, Notrufe, Beruhigung, um gleich wieder zu überborden. Schmerzen. Unsägliche. Immer mehr. Schmerzmittel. Immer mehr. Bis sie nicht mehr nützten. Und Ernesto schien auf den Tod zu warten. Weil das Leben, das noch war, keines mehr war. Klara schwankte. Sie wollte ihn einerseits nicht gehen lassen, wusste andererseits, dass er nur noch litt und sie beide keine Kraft mehr hatten.

Und dann war alles aus. Ernesto starb. Nun war Ruhe. Nun war nichts mehr.

Es muss doch alles seine Ordnung haben

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

Das Leben in der Schweiz ist mitunter sehr reglementiert. Damit sich auch alle an die Regeln halten, agieren die emsigen Schweizer Bürger gerne als private Polizei. Als ich heute von der Arbeit heimkam, erfuhr ich, dass mein Nachbar heimlich Buch über die Schuhe vor meiner Tür führt. Er hat mich das – stolz über seine Aufmerksamkeit und exakte Arbeit – mit einem Verweis auf die Hausordnung wissen lassen:

Hallo Frau M.

Stets habe ich gehofft, dass ich Sie im Gang antreffen würde.
Da dies nicht der Fall war – vielleicht waren Sie ein paar Tage weg gewesen und da wir nun für ein paar Tage weggefahren sind -, auf diesem Weg.
Als ich gestern in der Wohnung war, waren drei Paar Schuhe im Gang abgestellt. Montag waren es zwei Paar, Sonntag ein Paar.
Um offen zu sein, mich stört das. Ich wäre froh, wenn das nicht mehr vorkommen würde. So wie meine Frau mir berichtet hat, hat die Liegenschaftsverwaltung erklärt, weshalb Schuhe und sonstige Gegenstände im Hausflur nicht vorgesehen sind. Es wäre gut, wenn wir uns alle daran halten täten.

Danke und beste Grüsse
XXX

Ich bin nun nicht ganz sicher, ob ich ihm mitteilen muss, dass ich nicht weg war, sondern schlicht arbeite tagsüber und mich auch sonst selten im Hausflur rumtreibe? Ich wüsste gerade gar nicht, ob mir ein Sitzen in ebendiesem überhaupt erlaubt wäre – ich werde bei Gelegenheit mal die Hausordnung anschauen.

Aber schön, gibt es aufmerksame Nachbarn. So werde ich nie als unentdeckte Leiche im Hausflur verenden und erst Jahre später gefunden werden.

Sibylle Berg – am 10. März in Zürich

Am 10. März wird ein Buch getauft. Sibylle Berg stellt im Kaufleuten Zürich ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand vor. Dabei liest sie nicht nur, sie performt sogar – das mit dem Kabarettisten Patrick Frey und dem Zürcher Musiker Fai Baba. Der Abend wird also wohl verschiedene Sinne und Muskeln beanspruchen und ein Erlebnis werden.

Zu Sibylle Berg

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Sibylle Berg – Nachgefragt

Milena Moser – Ein Rückblick

Kaufleuten

Schon um 19 Uhr standen die Leute Schlange vor dem Kaufleuten, Milena Moser hatte sie in Scharen angezogen. Das Ambiente gewohnt gediegen, füllte sich der Saal nach und nach, um 20 Uhr eröffnete Dirk Vaihinger, Verlagsleiter bei Nagel & Kimche, den Abend mit einer humorvollen Begrüssung, die Mosers USA-Pläne im Zentrum hatte.

Bänz  Friedli, der schliesslich auch durch den Abend führte, übernahm das Wort, bereitete das Publikum darauf vor, was es zu erwarten hat und begrüsste schliesslich „the one and only“: Milena Moser, Star des Abends, unterhielt das Publikum mit Auszügen aus ihrem neuen Buch Das Glück sieht immer anders aus und Einsichten in ihr Leben als Schriftstellerin, Aussichten auf ihre Zukunft und Einblicke in ihr Denken und Sein als Frau über 50.

Fazit: Ein wirklich gelungener Abend!

Die Ungerechtigkeit des Arbeitssklaven

Abends heisst es:

Du solltest schlafen gehen, es ist spät und du musst morgen früh raus – die Arbeit ruft.

Morgens heisst es:

Du musst aufstehen, es ist Zeit für dich, denn die Arbeit ruft.

Soweit, so gut, nur:

Abends siegt das Fleisch, es bleibt sitzen und sitzen und sitzen bis in die Puppen, verweigert dem Willen seinen Gehorsam. Morgens reisst der Wille das schlappe Fleisch aus dem Bett – ohne Widerrede.

Hämmer, Versicherungen und Notärzte

Kürzlich wollte ich mit meinem Sohn an ein Konzert. Leider wollten es die Umstände, dass mein Kopf just an dem Sonntag Morgen zu hämmern begann, diese Tätigkeit nicht mehr einstellte, im Gegenteil: Entgegen sonstiger handwerklicher Gepflogenheiten arbeitete er fleissig weiter und wäre der Hammer echt gewesen, wäre mein Hirn zu Mus geworden – angefühlt hat es sich so.

Nun hatte die kluge Frau, die ich ja bin (zumindest ab und an), vorgesorgt und wohlweislich eine Annulierungsversicherung abgeschlossen. Hoffnungsvoll schrieb ich also an die Europäische Reiseversicherungs AG (das Genitiv-s bei „Reiseversicherungs“ steht übrigens so im Namen, das habe ich nicht falsch geschrieben), um nicht zum enttäuschten Kind noch einen finanziellen Schaden zu haben.

Bei dem Vorgehen hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Versicherung gemacht. Sie wollten ein ärztliches Zeugnis für den Tag. Einerseits nachvollziehbar (ich könnte ja auch gar nicht krank, sondern nur… was auch immer sein), andererseits insofern ärgerlich, als ein solches an einem Sonntag im Notfall teurer kommt als beide Konzerttickets zusammen, b) ein Notarzt wohl anderes zu tun hat, als Kopfschmerzen, gegen die er eh nichts tun kann, zu behandeln.

Nun denn: Fürs nächste Mal bin ich klüger: Eine Annulierungsversicherung bei einem Konzert ist unsinnig, denn die Aufwände, die dafür nötig wären, übertreffen den Betrag, den man zurückerstattet erhielte (wenn man dann noch die Versicherungsgebühr mit einberechnet sowieso). Ein anderer qualifizierender Grund für die Nichtteilnahme und darauffolgende Rückerstattung war übrigens ein verlorener Autoschlüssel. Ich bin gespannt, was für ein Zeugnis dafür gefordert worden wäre. Ob ich es mal ausprobieren sollte – einfach so zum Spass?

Milena Moser – 3. März 2015 in Zürich

Unter der Rubrik „Kultur Zürich“ werde ich in Zukunft ausgewählte kulturelle Anlässe in Zürich beleuchten. Mal weise ich auf ein kommendes Ereignis hin, mal blicke ich auf eines zurück – so oder so gibt es hier in Zukunft viel lokale Kultur zu sehen.

Den Anfang macht Milena Moser. Am 3. März 2015 stellt sie im Kaufleuten Zürich ihr Neues Buch Das Glück sieht immer anders aus vor und spricht mit Bänz Friedli über das Glück und ihr neues Lebensabenteuer.

Wie der Abend war: Link zum Rückblick

Zu Milena Moser

MoserMilenaMilena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Milena Moser – Nachgefragt.

Warum tust du nicht – wieso hast du nur

Andere Menschen wissen immer alles besser. Vor allem, wenn es um die Angelegenheiten anderer geht. Sie sehen, was andere tun und finden, das müsste anders gehen. Und sie gehen hin und fragen: „Wieso machst du das nicht anders?“ Anders wäre viel besser, sie wüssten das, weil sie es immer anders machten und somit Erfahrung hätten. Und überhaupt, sie seien Experten. Selbsternannt.

Und man steht da und hinterfragt sich und denkt, der andere klänge gar überzeugend und man selber hätte dann und wann Zweifel ob des eigenen Tuns gehabt. Man fängt an, mit dem eigenen Tun zu hadern, für das man zwar Gründe hatte, die man aber nie abstützen konnte – sie waren einfach dem eigenen gesunden Menschenverstand, einigen Ängsten und dem Nach-bestem-Wissen-und-Gewissen geschuldet gewesen.

Und dann geht man hin und ändert sein Tun und es geht auch gut. Einmal. Zweimal. Das dritte Mal nicht. Und man hadert mit sich und denkt, man hätte nicht auf andere hören sollen. Und dann kommt einer und fragt: „Wieso hast du das bloss getan? Das hättest du doch wissen müssen?“ Und man hinterfragt sich noch mehr und gibt sich die Schuld.

Und da steht sie dann: Die Schuldfrage. Und sie bohrt sich tief und tiefer in die eigene Seele, man spiesst sich selber dran auf. Hätte man es besser wissen müssen? Können? Fakt ist: Man wusste es nicht besser. Hätte man es besser gewusst, hätte man anders gehandelt. Es liegt aber auf der Hand, wieso man es nicht besser wissen konnte: Man kennt das Drehbuch des Lebens nicht. Das Leben besteht nicht aus linearen Kausalketten, sondern aus einer Vielzahl von Variablen, die keiner wirklich durchschauen kann. Wir alle treffen Annahmen, welche die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit betreffen, die wir uns vorstellen können. Und ignorieren dabei, dass wir damit gerade mal die Spitze des Eisbergs in die Rechnung miteinbezogen haben.

Trifft uns also eine Schuld, wenn wir etwas tun, von dem wir annehmen, es wäre das Beste, was wir in dem Moment tun können? Ich denke nicht. Wir können nur nach dem handeln, was wir als bestmögliche Weise zu Handeln erachten. In dem Moment erscheint uns das richtig und drum tun wir, was wir tun. Wenn es sich im Nachhinein als falsch herausstellt, dann nur drum, weil die Folge nicht die war, die wir uns gewünscht hätten – nicht weil das Tun per se falsch war. Kierkegaard schrieb in seinem Tagebuch:

 Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.

Ich möchte hinzufügen, dass das, was wir im Rückblick zu verstehen glauben, unsere eigene Interpretation der Dinge ist. Wir bilden eine Kausalkette, die uns stimmig erscheint, die unser Verstand fassen kann:

 Weil ich A getan habe, ist B passiert.

Dabei ignorieren wir, dass ich, A und B nur drei von ganz vielen Variablen sind, die im Moment X, als etwas passierte, aktiv waren. Zeit und Ort sind die einen, andere Menschen andere, und es gäbe noch ganz viele mehr. Wir haben sie nicht beachtet, darum beziehen wir sie nicht in die Sinnfrage mit ein und beschränken uns auf die einfach fassbare Kausalität. Und haben damit den Schuldigen gefunden: Das ICH.

Wir werden mit dieser Schuldzuschreibung nicht rückgängig machen können, dass B passiert ist. Wir können damit nur unser eigenes Leid immer wieder erneuern. Dabei ist B nicht mehr der Grund des Grames, sondern die Schuld – die sinnlos (und in dem hier beschriebenen Fall auch falsch) ist.

Wenn wir das tun, von dem wir überzeugt sind, dass es gut ist, haben wir getan, was wir konnten. Was daraus resultiert, ist nicht unsere Schuld. Wenn wir dieses Schuldgefühl loslassen können, können wir anfangen, zu trauern, dass B passiert ist. Und diese Trauer wird irgendwann leichter werden. Ganz wichtig ist in dem Ganzen aber eines: Die anderen wissen es (vermeintlich) immer besser, nur tragen sie nie die Konsequenzen für ihre Ratschläge – die trägt man selber. Darum empfiehlt es sich, Tipps und Tricks anzuhören, für sich zu prüfen, und dann das zu tun, was man selber für das Beste erachtet. Mehr kann man nie tun im Leben.

Recycling

Recycling ist toll, Recycling ist in. Heute recycelt man alles, weil das einen Touch von Nachhaltigkeit, von ökologischem Denken, von Umweltschutz hat. Als Mitarbeiterin in einer Werbeagentur fällt mir auf, dass das Recycling heute weiter geht – es hat die Medien erreicht. Neue Fernsehformate agieren nach dem Motto: Man nehme ein Konzept, das funktioniert, und wende es neu an.

Nach nunmehr 11 Staffeln DSDS („Deutschland sucht den Superstar“ von RTL – ich schau das NIE NIE NIE, das ist blosser Zufall, dass ich das kenne. Ich meine, niemand schaut RTL, wir schauen alle nur Bildungsfernsehen auf Arte) merkte man: Das zieht, das ist toll, die Leute schauen das (alle ausser mir – und ausser allen, die ich kenne). Und man zieht nach und macht eine Kochsendung draus auf Vox. Statt zu singen kochen die Kandidaten. Die vier Jury-Mitglieder machen auf cool – da man sich Jamie oder Tim nicht leisten konnte, sitzen halt vier unbekannte Pappnasen da. Nun denn, immerhin kann man hier ein wenig Inspiration für die Küche holen, wenn es mit dem Singen nichts mehr wird.

Dass diese Strategie übrigens auch in der Werbung angekommen ist, hat die Agentur Grey aus Berlin schön demonstriert:

http://vignetteroulette.com/?videoID=2&audioID=12

Innovation sieht anders aus – wie ich finde…

Alles nur Spass, er will nur spielen

Facebook, Twitter und Konsorten sind ab und an mein Tummelplatz. Ich klicke mich durch Beiträge, stelle selber welche ein. Manchmal kommt es zu wilden Diskussionen, oft einfach zu einem schönen Austausch. Es sind schon Freundschaften entstanden durch diese Medien, teilweise ganz wunderbare, die ich nie mehr missen möchte. Eigentlich also eine gute Sache. Und hier hört man das Aber förmlich schreien: „Ich bin hier, es gibt mich, die andere Seite“.

Was mir immer wieder auffällt, sind Menschen, die nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als irgendwelche abschätzigen, abwertenden, spitzigen Kommentare zu platzieren. Egal ob man ein Bild von einem Hund, von einem Essen oder von einem Hobby ins Netz stellt: Immer kommt ein Schlag vor den Bug. Darauf angesprochen ist das natürlich immer nur Humor – den man nur nicht versteht.

Humor ist ein weites Feld und nicht jeder teilt denselben. Das ist nichts Neues und auch kein grosses Problem. Wenn Humor immer nur aus negativen Parolen besteht, kann es zu einem werden. Was ich mich aber immer wieder frage, ist: Wieso muss man zwingend zu allem etwas Negatives sagen? Und kann man alles Negative immer mit Humor abtun oder steckt da nicht oft eine ganz grosse Portion Zynismus dahinter? Was treibt Menschen an, die glauben, anderen ihre zynischen Bemerkungen fortlaufend um die Ohren hauen zu müssen?

Was geht in einem Menschen also vor, der bewusst ständig die Gefühle anderer Menschen missachtet, um seinen Spass zu haben? Macht das wirklich Freude? Oder ist dieser Mensch selber so frustriert, dass er diesen Frust irgendwie loswerden muss – und da eignet sich am besten ein trotz allem zum grossen Teil anonymes Medium, wo man sich so richtig auskotzen kann und keine Konsequenzen trägt? Dem Chef kann man das Arschloch nicht ins Gesicht schreien, der Ehefrau die dumme Kuh auch nicht. Und wenn weder Chef noch Frau da ist, man frustriert allein zu Hause sitzt, gibt es erst recht nichts anderes, als irgend so ein dahergelaufener FB-Buddy, dem man mal schnell die Freude am eigenen Tun nimmt. Einfach so aus Spass. Muss der doch verstehen. Ist ja nur unglaublich lustig.

Diese Menschen gibt es nicht erst seit Facebook, die gab es schon früher. Früher war auch nicht alles besser, im Gegenteil. Und doch haben Medien wie Facebook die Hemmschwelle runtergesetzt, wie mir scheint. Das liegt wohl zum grossen Teil daran, dass man dem anderen nicht mehr in die Augen schauen muss. Dadurch melden sich das eigene schlechte Gewissen und das Schamgefühl ob der eigenen Verwerflichkeit nicht so sehr (wenn ein solches überhaupt noch spürbar ist).

Vielleicht hilft es in Zukunft, sich hinter dem Miesepeter dessen Herrchen vorzustellen, der laut ruft: Keine Bange, er beisst nicht, er will nur spielen. Und wenn man sich dann noch den wild hechelnden Zyniker vors innere Auge führt, dann hat man plötzlich auch Spass. Und lacht herzhaft mit ihm. Das ist zynisch? Hat was. Aber der andere wird es verstehen, es ist ja genau seine Art von Humor.

Impfen: Ich war böse

Ich war böse. Ich habe auf Facebook über Impfungen geschrieben. Und mich als Befürworterin geoutet. Das sollte man – um des lieben Friedens Willen – unterlassen. Sonst steht man bald da (oder sitzt, wenige haben ja ein Stehpult) und wird die Geister nicht mehr los, die man rief.

So passiert. Es hagelte. Links, Videos und sonstiges Material aus zweifelhaften Quellen, das Stunden gefüllt hätte, es alles zu sichten. Und es wurde alles gebracht. Von bösen Profitgeiern über Verschwörungstheorien, welche die Übernahme der Weltmacht propagierten, bis hin – wobei, geht es noch schlimmer? Wohl schon, ich habe es nicht mehr angeschaut.

Ich bin durchaus nicht unkritisch. Impfschäden sind tragisch und hätte es mich und mein Kind getroffen, wäre es ein Drama. Nur: All die Schäden sind im Vergleich dazu, was vor diesen Impfungen war, ein Klacks. Nicht im Einzelfall (leider!!), sondern im grossen Ganzen. Darum ziehen all die herbeigezogenen Einzelfälle der Impfgegner nicht als Argumente gegen Impfung. Sie zeigen nur, dass die Welt leider nicht perfekt ist.

Masern konnten dank Impfung fast ausgerottet werden. Gerade jetzt kommt es in Deutschland wieder zum Aufleben der Krankheit – und ein kleines Kind ist daran gestorben. Das Schlachtfeld der Argumentationen ist eröffnet. Und ich sage es auch hier: Nicht zu impfen ist keine Lösung. Nicht bei Masern (und bei einigem mehr).

Impfgegner bringen immer wieder die Profitgier der Pharmariesen ins Spiel. Leider ist diese nicht zu verleugnen. Die Schweinegrippe ist ein Zeugnis dafür. Allerdings sollte man dadurch nie aus den Augen verlieren, worum es geht. Ja, Impfungen bergen Risiken. Und es gibt Impfschäden. Die sind zahlenmässig jedoch in keinem Verhältnis zur wirklichen Krankheit. Jedes einzelne Schicksal ist traurig. Aber man darf nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren. Und ich gebe es gerne zu: Wäre mein Sohn von einem Impfschaden betroffen (ich erlebte nur wieder abklingende Komplikationen, die mich so schon sehr trafen), wäre das ein Drama. Wäre er aber das an Masern soeben gestorbene Kind, wäre das nicht besser.

Wir werden das Leben nie ganz sicher machen können, der Tod lauert immer irgendwo. Alles, was wir können, ist mit Wahrscheinlichkeiten spielen. Das ist nicht perfekt, aber mehr bleibt nicht. Sich von allen Impfungen freisagen kann der, welcher irgendwo auf einer einsamen Insel lebt. Da gefährdet er niemanden und wird auch selber nicht getroffen. Das Leben in einer Gesellschaft erfordert gewisse Massnahmen, um das Miteinander lebbar zu machen. Man gibt – auch hier wieder meine ewig gleiche Leier – gewisse Freiheiten auf, um andere zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, nicht an Masern zu erkranken und daran zu sterben, ist mit einer Impfung um einige Faktoren höher, als die, an Nebenwirkungen der Impfung zu leiden. Klar ist es für den Einzelnen, der für das Ganze leidet, nicht fair. Allerdings ist es der Preis des Miteinanders. Und jeder, der impft, könnte ihn bezahlen, er trägt das Risiko. Wer nicht impft, lässt die anderen für sich mittragen und setzt diese einem höheren Risiko aus. Fair ist das auch nicht.

Minouche

Claudia stand gerade in der Küche, die Balkontüre war einen Spalt weit offen, um Luft in die Wohnung zu lassen. Nicht zu weit, damit die Katze nicht raus ging. Claudia hatte immer Angst, dass Minouche etwas passieren könnte. Sie wohnte im 5. Stock, also sehr hoch oben. Einen solchen Sturz würde keine Katze überleben. Claudia stellte sich immer vor, wie Minouche aufs Balkongeländer sprang und runterfiel. Allein die Vorstellung liess ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Jeder, dem Claudia von dieser Angst erzählte, lachte sie aus. Katzen seien klug, kriegte sie zu hören. Sie sprängen nicht einfach runter. Dass Minouche einfach spränge, wollte Claudia nicht mal behaupten (wobei sie auch dafür nicht die Hand ins Feuer legen würde), aber was, wenn sie eine Fliege jagte? Dabei vergass sie sich in der Wohnung völlig, sprang ohne Rücksicht auf Verluste (bei sich und beim Mobiliar) durch die Lüfte, ganz vertieft in ihre Jagd. Würde sie bei einer Balkonbrüstung wissen, dass es dahinter runter ging, und nicht einfach springen? Claudia glaubte nicht, dass Minouche sich von ihrer Jagd abhalten liesse. Darum durfte Minouche nicht auf den Balkon. Und jeder, der bei ihr auf den Balkon ging, musste die Tür hinter sich zuziehen, und auch sie war ständig in Habacht-Stellung, wenn die Tür mal offen war.

Plötzlich hörte Claudia ein Geräusch. Minouche hatte sich am Spalt der Balkontüre zu schaffen gemacht und war rausgekrochen. Schnell rannte Claudia hinterher. Sie kam gerade auf den Balkon, als sie sah, wie Minouche schon auf dem Balkongeländer stand und runterschaute. Claudia stockte der Atem. Sie rief nach ihrer Katze, wollte sie greifen, da sprang Minouche. Claudia schaute ihr hinterher, schaute auf die grauen Steinplatten weit unten am Boden. Sie dachte nichts mehr, sie stand nur noch da, spürte, wie sich ein grosses Loch in ihrem Bauch auftat. Dann setzte sie sich in Bewegung. Sie rannte durch die Balkontür in die Wohnung, aus der Wohnungstür hinaus. Sie rannte nicht die Treppe hinunter, sie sprang jede einzelne Treppe – immerhin sieben Stufen – auf einmal hinunter, schwang sich um die Kurve, sprang wieder, schwang sich, sprang. Neun mal sprang sie, dann war sie bei der Haustüre, riss sie auf, rannte um die Briefkästen herum.

Und sah sie liegen. Zerschmettert. Claudia kniete nieder, aus ihrem Mund kam ein halb erstickter Laut. Minouche bewegte sich nicht mehr. Tränen schossen Claudia in die Augen, sie weinte – nein heulte. Stossartig. Die Trauer übermannte sie wie eine riesige Lawine. Es gab kein Halten mehr, sie versank in dieser Trauer.

Claudia wachte auf. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen, hörte sich selber laute Klagelaute ausstossen. Konnte sich kaum beruhigen. Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Traum hatte. Die letzten Male hatte sie ihn mit der Vorgängerkatze von Minouche geträumt. Auch Felix war auf die Brüstung gesprungen, auch Felix war runtergefallen. Felix landete aber immer im weichen Gras und wenn Claudia runterkam, war er noch am Leben, man merkte ihm nichts an. Dieses Mal war es anders gewesen. Obwohl alles nur ein Traum gewesen war, steckte Claudia der Schreck tief in den Gliedern.

Minouche musste gehört haben, dass Claudia aufgewacht war. Laut schnurrend tappte sie über Claudia, legte sich neben sie, wie immer, wenn Claudia aufwachte.

Rezension: Thommie Bayer – Weisser Zug nach Süden

Das Leben neu erfinden

Zehn Wohnungen putzt sie, wäscht und bügelt, und für zwei alte Leute kauft sie ein, so kommt sie im Schnitt auf sechs Stunden am Tag und fünf Tage in der Woche, was kein Vermögen einbringt, aber ausreicht, um sich frei zu fühlen in dem provisorischen Leben, das für Leonie als einziges erträglich scheint. […] Chiara ist eingesprungen, solange Leonie weg ist, das Angebot, oder besser die Bitte, kam im richtigen Moment: Chiara musste weg von dort, wo sie lebte, und hier wird niemand nach ihr suchen.

Chiara muss zu Hause weg, sie kann unmöglich bleiben. Zum Glück kann sie bei ihrer Freundin Leonie unterkommen und deren Leben übernehmen, da Leonie nach New York geht, wo sie ein neues Leben beginnen will. Chiara wohnt also in Leonies Haus, erledigt deren Putzaufträge und fühlt sich in diesem neuen Leben immer mehr zu Hause. Am liebsten putzt sie bei Herrn Vorden.

Irgendwas ist in dieser Wohnung, das Chiara sich fühlen lässt, als richte sie sich innerlich auf, als atme sie tiefer ein und erfrische sie der Sauerstoff, strahle aus von innen bis unter die Haut, belebe Muskeln und Sehnen, lasse sie wach werden, als habe sie bisher gedöst.

Durch kleine Unachtsamkeiten Chiaras merkt Herr Vorden, dass Chiara nicht nur putzt, sondern sich ab und an der Illusion hingibt für ein paar Stunden, sein Haus sei ihres. Es entsteht ein Austausch, bei dem Chiara nie ganz sicher ist, ob Herr Vorden nicht sogar ihre Gedanken lesen kann. Herr Vorden ist Schriftsteller und seine Geschichten kommen Chiara vor, als ob die nur aus ihr heraus endstanden sein konnten.

Weisser Zug nach Süden ist die Geschichte des Neuanfangs. Zwei junge Frauen starten ein neues Leben, brechen ihre Zelte ab im alten. Thommie Bayer hat eine kleine, leise Geschichte über den Neuanfang geschrieben. In einer klaren, lesbaren Sprache nimmt diese ihren Lauf, ohne dass viel passiert. Trotzdem wohnt der Geschichte Poesie und Tiefgang inne. Der Leser fliesst durch Chiaras neues Leben, immer ein bisschen neugieriger, wieso sie dieses suchte. Es war eine Flucht – aber wovor? Und wie lange will sie fliehen? Kann man überhaupt aus dem eigenen Leben fliehen, immer neu anfangen, wenn man das will?

Das Geheimnis Chiaras dient als Spannungsbogen durch das Buch, man möchte es ergründen und liest weiter. Die eingeschobenen Kurzgeschichten von Herrn Vorden zeigen zwar Bezüge zu Chiara und erklären das eine oder andere aus ihr, legen auch seine geheimnisvolle Natur ein wenig offen, zumindest durch Chiaras Interpretationen derselben. Allerdings halten sie einen auf bei der Erforschung von Chiaras Geheimnis, was teilweise störend wirkt. Da das Buch aber schon mit ihnen sehr dünn ist, wäre es ohne diese kaum mehr ein Roman, nur noch selber eine Kurzgeschichte. So gesehen ist Weisser Zug nach Süden eine Erzählung, die sich um verschiedene Kurzgeschichten legt, diese verbindet, so dass aus allem ein grosses Ganzes wird.

Fazit:
Weisser Zug nach Süden ist eine stimmige, flüssig lesbare Erzählung über das Leben eines Mädchens zwischen Flucht und neuem Leben. Empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Mehr zum Autor findet sich in diesem Interview: Thommie Bayer – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
BayerWeisserGebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper Verlag (16. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056106
Preis: EUR 16.99 / CHF 25.90
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Der junge Mann

Claudia lief durch die Bahnhofunterführung. Noch immer war alles eng, es wurde gebaut. Eigentlich seit sie denken konnte, war dieser Bahnhof ein einziges Provisorium, bei dem es jeden Morgen eine neue Überraschung war, welcher Durchgang offen, welches Gleis befahren, welcher Zug im Einsatz war. Während Claudia sich müde durch die Menschenmasse quälte, wurde sie plötzlich von hinten unsanft angerempelt. Jemand hatte mit dem Fuss gegen ihre ohnehin schwere Einkaufstüte getreten, danach ihren Arm gestreift, nun war er wenig vor ihr, murmelte ein Sorry, war schon weiter.

Ein junger Mann mit langem dunklem Bart, leicht gekraust. Die Haare irgendwo in der Mitte zwischen kurz und lang, auf der Seite nach hinten gegelt. Eine Mischung zwischen Moslem, wie man sie nun ständig in den Medien sah, und modernem Popper. Diese Mischung zog sich weiter. Er trug eine dunkelblaue, gefütterte Jacke mit Kapuze, die ein Pelzkranz zierte.

Claudia erinnerte sich, kürzlich irgendwo gelesen zu haben, dass diese falschen Pelze in Tat und Wahrheit oft echt waren, da echter Pelz günstiger sei als falscher. Bei dem Gedanken fasste sie unwillkürlich an ihre eigene Kapuze, strich mit den Fingern über den Pelzbesatz, fand, so könne sich kein echter Pelz anfühlen. Und selbst wenn: Würde es was ändern? Gekauft hätte sie die Jacke mit echtem Pelz nie, aber sie nun fortwerfen, wäre er echt? Käme auch nicht in Frage. Davon würde das Wiesel – oder was auch immer es sein könnte – auch nicht mehr fröhlich über Wiesen hüpfen. Wie sahen eigentlich Wiesel aus? Claudia hatte keine Ahnung.

Der junge Mann lief immer noch vor ihr, über die Schulter geworfen trug er eine Tasche, unter dem Arm einen Koran. Er schien es wirklich eilig zu haben, lief in Richtung der Busse. Claudia ertappte sich beim Gedanken, zu hoffen, dass er nicht in ihren Bus einstieg. Was, wenn das ein Terrorist wäre? Wenn der sich und den gesamten Bus in die Luft sprengte? Aus Protest gegen die Schweiz oder in irgendeiner Mission Allahs. Vielleicht auch nur, weil er scharf auf die Jungfrauen war. Wie viele waren es nochmals? 72? Claudia fragte sich, ob dieser Gedanke nicht sehr rassistisch war. So etwas denkt man einfach nicht, schimpfte sie mit sich. Trotzdem äugte sie ängstlich zum jungen Mann, der immer näher bei ihrem Bus war – und schliesslich einstieg.

Claudia dachte spontan daran, ob sie nicht einen Bus später heimfahren sollte. Sicher wäre sicher. Sie spürte eine innere Unruhe. Irgendwie hatte sie einfach zu viel gelesen in letzter Zeit. Überall auf der Welt gab es Tote. Busse flogen in die Luft, Cafes wurden gestürmt, Menschen entführt, Redaktionen ausgelöscht. In der Theorie hatte sie ja nichts gegen Menschen irgendeiner Religion, aber sie merkte bei sich eine schleichende Angst, die sich breit machte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

Claudia stieg in den Bus ein. Sie setzte sich ganz nach hinten, wie immer. Der junge Mann sass weiter vorne. In dem Moment stieg ein Freund von ihm ein, sie begrüssten sich, der Zweite setzte sich neben den jungen Mann. Claudia holte ihr Buch aus der Tasche und versuchte zu lesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie schielte immer wieder nach vorne. Dann senkte sie die Augen wieder ins Buch, versuchte der Geschichte zu folgen. Als sie wieder aufschaute, war der junge Mann verschwunden. Ebenso sein Freund. Claudia schämte sich, spürte aber auch Erleichterung.