Parteiverbot in einer Demokratie?

In Deutschland entscheidet heute ein Gericht, ob die NPD weiterhin als Partei zugelassen ist oder ob man sie verbieten soll. Grundsätzlich ist die Parteifreiheit ein wesentliches Element einer freien demokratischen Grundordnung. Bedingung ist, dass sie in sich demokratisch organisiert ist. Der Staat darf – ebenso grundsätzlich – keine inhaltlichen Vorgaben oder Einschränkungen machen.

Die NPD positioniert sich sehr weit rechts aussen, ihr Gedankengut erinnert in vielen Punkten an düstere Zeiten der Geschichte. Reicht das, um einen Grundpfeiler einer liberalen Demokratie zu ignorieren?

Die Parteifreiheit wurde ursprünglich eingerichtet, um Vorkommnisse wie im Dritten Reich zu vermeiden. Nie mehr sollte vom Staat vorgegeben werden können, was Menschen zu denken haben. Nie mehr sollte der Staat das Monopol auf eine Meinung haben. Diese Freiheit soll nun beschnitten werden, um genau diese Vorkommnisse nicht nochmals zu ermöglichen.

Was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, darf nie mehr passieren. Es ist richtig und wichtig, dass Staaten Verantwortung übernehmen, dass sie Stellung beziehen und klar zeigen: So nicht, nicht nochmals! Es ist Wichtig, Gesetze zu errichten, die Vorstösse, welche Leib und Leben von Menschen aufgrund einiger ihrer Eigenschaften bedrohen, sanktionieren. Rassismus, Diskriminierung, Volksverhetzung und Aufruf zu diesen Handlungen sollten streng geahndet werden.

Die Frage, die sich – philosophisch – trotzdem stellt: Darf man grundlegende Rechte einer Demokratie negieren? Heiligt der Zweck die Mittel? Schwächt man damit nicht die Demokratie und gibt den Entrechteten neue Argumente in die Hand? Sind die Aussagen und Parolen in einer regulären Partei gesammelt und ausgesprochen nicht besser fass- und behandelbar als nachher in geheimen Verbünden und unter Verschwörer-Deckmantel? Denn: Man wird doch nicht glauben, dass nach Auflösung der Partei die Gesinnung gestorben ist? Sie wird weiterleben und das mit noch mehr Wut im Bauch. Und: Wut ist immer gefährlich.

Hilfeschrei

Heute mache ich etwas, das ich sonst selten tue: Ich reblogge einen Beitrag eines Bloggerkollegen. Der Grund für diese Ausnahme ist, dass er alles gesagt hat, was ich dazu auch würde sagen wollen, die von ihm zusammengestellten Belege für sein Hilfs-Anliegen gut sind und ich dieses Anliegen von Herzen unterstützen möchte.

Ich habe mir das Video angeschaut und fühlte mich in die Hundeschule zurückversetzt. Genau so mussten wir unsere Hunde erziehen. Auch die Aussage, man müsse autistischen Kindern ihr quasi falsch gelerntes Verhalten aberziehen, lässt mir die Nackenhaare auftsellen.

Diese ganze „Therapie“ missachtet autistische Menschen in ihrem Sein, in ihrer Würde und in ihrem Recht auf ihre Persönlichkeit.

Rückenschmerzen – Physiotherapie, die Erste

Claudia war brav. Sie glaubte zwar nicht wirklich an die Wirksamkeit verordneter Übungen, trotzdem machte sie einen Termin bei der Physiotherapie aus. Die vom Herrn Doktor empfohlene Physiotherapeutin war zeitnah nicht frei, ihr Mitarbeiter, Herr Bäcker aber schon. Er sei gut, wurde Claudia am Telefon versichert, er könne ihr sicher helfen. Sie hoffte es.

Der Termin kam und Claudia fuhr zum Ort des Geschehens. Kein Parkplatz weit und breit. Der einzige, den sie fand, lag so, dass sie quasi von zu Hause hätte laufen können. Nun denn. Diese Hürde nahm sie und sass alsbald wartend im entsprechenden Zimmer. Dann kam er. Er war hübsch. Wenigstens etwas. Sie folgte ihm in den Behandlungsraum, entledigte sich – der Aufforderung folgend – ihrer Kleidung und fand sich alsbald in diversen Vor- und Rückbeugen wieder. Der adrette Herr Bäcker klopfte auf Knie und Füsse, tastete Wirbel für Wirbel ab und drückte auch sonst ein wenig rum. Dann schaute er Claudia an und sagte es. Das Unwort.

„Ich zeige Ihnen eine Übung.“

Claudia sah ihn an. „Ich hatte eigentlich auf eine Massage gehofft“, sagte sie.

„Nein, es gibt keine Massage, wir machen Übungen“, sagte Herr Bäcker ernst.

Claudia versuchte ihr Glück nochmals, indem sie meinte, die kenne sie, die hülfen nix und sie hätte eigentlich auf ein wenig Spa, ein bisschen Wellness gehofft.

Der nette Bäcker lächelte breit – und er hatte ein umwerfendes Lächeln. Das half aber nicht über seine Sturheit hinweg, er wollte diese verdammte Übung und Claudia sollte sie machen.

IMG_8103Claudia gab nach, liess sich die Übung zeigen und machte sie pflichtschuldig nach. Sie solle eine ganz leichte Rückbeuge machen, da ihr 5. Lendenwirbel in der Beweglichkeit eingeschränkt sei, wie der gute Mann meinte. Claudia dachte an ihre täglichen Yogastellungen, die mehrfach eine um Stufen grössere Rückbeuge beinhalteten, sagte aber nichts mehr und beugte sich wie vorgezeigt leicht zurück und wieder vor, zurück und wieder vor. Das solle sie nun täglich machen. Mit der Verordnung ein breites und umwerfendes Lächeln. Claudia beschloss, zu gehorchen – zwar wenig überzeugt von der Übung, aber aus grosser Sympathie zu Herrn Bäcker heraus.

Ob es geholfen hat, so ganz wider Erwarten? Die Auflösung folgt nächstes Mal.

Rückenschmerzen, die Zweite: Dr. Frank

Wie Claudia schon erwartet hatte, waren die Rückenschmerzen auch nach zwei Wochen mit regelmässiger Medikamenteneinnahme nicht verschwunden. Im Gegenteil. Wenn sie sich bückte, ächzte sie, beim Hochkommen stöhnte sie. Das war nicht nur nicht sexy, das war vor allem kein Qualitätsmerkmal für eine Yogalehrerin. Der nächste Arztbesuch musste her. Und: Doktor Frank hatte Zeit.

Wieder machte sich Claudia auf den Weg zur Praxis, setzte sich geduldig ins Wartezimmer und sass alsbald im Stuhl vor dem Ärztepult. Doktor Frank schaute sie an, er kannte sie. Wie es ihr ginge, fragte er. Claudia fühlte sich wahrgenommen, ganz anders als beim Kollegen, dessen Namen sie bereits verdrängte, weswegen er ihr partout nicht mehr in den Sinn kam. Egal, das war hier nicht Thema, wobei sich Claudia fragte, ob sie mal einen Neurologen beiziehen sollte wegen ihrer Vergesslichkeit – aber zuerst war nun mal der Rücken dran.

Claudia erzählte also erneut von ihren Wehwehchen und Zipperlein, erörterte ihre Schlüsse aufgrund ihrer Selbststudien und deutete vage Vermutungen in Richtung Diagnose an. Doktor Frank schaute wenig beeindruckt, wies sie dann an, nochmals alle Stellungen einzunehmen, die schon der Doktor mit dem vergessenen Namen sehen wollte, klopfte hier, drückte da… und war alsbald so klug wie sein Kollege. Da die Wunderwaffe Tabletten schon ausgeschöpft war, zückte er die nächste aus dem Ärztekittel (den er übrigens nicht trägt – Klischees sind auch nicht mehr, was sie mal waren): Physiotherapie.

Claudia schaute ihn erwartungsvoll an und fragte: Massagen? Doktor Frank schaute kurz auf, denn er suchte bereits nach dem Formular für die Verordnung, und sagte (schon wieder über die Schublade gebeugt): „Nein, Übungen.“ Mittlerweile schien er das Formular gefunden zu haben, denn er tauchte wieder aus der tiefen Verbeugung auf und sass aufrecht vor ihr. Claudia meinte schüchtern (Widerstand erschien ihr mittlerweile sinnlos): „Die kenne ich doch selber, das hilft nichts.“ Doktor Frank liess sich nicht beirren: „Die kennen andere Übungen.“ Claudia schwieg. „Für den Notfall gebe ich Ihnen nochmals die Tabletten mit, damit sie Schmerzen überbrücken können.“ Claudia nickte und versuchte, nicht zu resigniert auszusehen. „Wenn nach drei Sitzungen mit der Physio nichts besser ist, brechen wir ab und röntgen mal. Rufen Sie dann einfach an“, sagt er ihr noch.

Nachdem alle Formalitäten geklärt, das Formular den Besitzer gewechselt und noch ein paar Worte gewechselt waren, verabschiedete Dr. Frank Claudia. Sie erinnerte ihn pflichtbewusst an die Medikamente, die er noch aushändigen wollte, was er pflichtschuldig tat. Dann zottelte Claudia von dannen, um einen Termin mit der Physiotherapie auszumachen. Zwar glaubte sie nicht an Übungen, wollte aber ja brav sein und musste den von der Krankenkasse vorgesehenen Weg gehen, denn: Das Hausarztmodell schreibt vor, dass erst der Hausarzt konsultiert werden muss, der dann weiterleitet. Zweifel an der Sparsamkeit dieses Modells stiegen langsam hoch, aber das wäre eine andere Geschichte. Diese hier geht nächstes Mal weiter mit dem Besuch beim Physiotherapeuten.

Von Rückenschmerzen und Ärzten

Claudia hatte Rücken. So richtig. Egal ob sie stand, ging oder sass: Es zwickte. Teilweise so stark, dass sie kaum mehr gehen, stehen oder sitzen konnte, nicht mal liegen ging. Sie cremte, salbte und badete, bis sowohl sie als auch die Wohnung den beissenden Geruch in allen Poren hatten. Aber es half nichts.

Claudia schimpfte und fluchte, jammerte und klagte. Nicht dass es geholfen hätte, aber es war die Vorstufe zum schlussendlichen Entschluss: Ein Arzt musste her. Oder sie zu ihm. Sie nahm den Hörer in die Hand… wobei, das ist so nicht ganz korrekt, da sie gar keinen Hörer hatte, sondern nur ihr iPhone. Dieses nahm sie also in die Hand und wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete sich eine bislang noch unbekannte Stimme: „Praxis Doktor Frank und Doktor Kurzenegger.“

„Grüezi! Ich hätte gerne einen Termin bei Doktor Frank“, sagte Claudia.

Die Stimme fragte: „Waren Sie schon mal bei ihm?“ Claudia bejahte.

„Was haben Sie denn?“, erkundigte sich die Stimme. Claudia erzählte von ihrem Leiden.

„Doktor Frank hat leider keine Zeit, aber Herr Kurzenegger wäre frei“, antwortete die Stimme unverschämt wenig mitfühlend. Claudia meinte, sie hätte doch lieber Doktor Frank, wurde von der Stimme aber mit vielen Argumente davon überzeugt (oder eher dazu weichgekocht), dass Herr Kurzenegger ein wunderbarer Arzt und überaus kompetent sei. Claudia gab klein bei. Dafür konnte sie gleich in die Praxis.

Dort angekommen, sassen drei Praxisassistentinnen im Vorzimmer. Welche davon die Stimme gewesen war, liess sich nicht mehr eruieren – es gab sich auch keine zu erkennen. Egal. Nach einem kurzen Aufenthalt im Wartezimmer war es soweit: Der hochgelobte Arzt holte sie ab und fragte, im Sprechzimmer angekommen, nach ihren Beschwerden. Claudia erzählte genau, was wie und wann wo genau weh tat, äusserte ihren Verdacht, welcher Muskel betroffen sein könnte. Der Arzt schaute sie erstaunt an: „Sind sie im medizinischen Bereich tätig?“ Claudia antwortete: „Nein, ich bin Yogalehrerin, Anatomie war in dieser und anderen Ausbildungen Teilgebiet.“ Der Arzt war merklich weniger beeindruckt.

In der Folge klopfte er hier, tastete da, liess Claudia hüpfen, sich beugen und – wurde von einem Telefonanruf abgelenkt. Er verschwand aus dem Zimmer, während Claudia sich die Beine in den schmerzenden Rücken stand, der Dinge, die da noch kommen werden, harrend. Fünf Minuten später war Doktor Kurzenegger zurück im Zimmer. Er fragte gleich nochmals nach, welche Seite es denn genau wäre, die schmerze. Das hatte Claudia zwar schon etwa dreimal gesagt, aber der gute Mann wollte wohl auf Nummer Sicher gehen.

Dann sass er da. Hinter seinem Tisch. Hämmerte in seinen Computer, ohne nochmals aufzuschauen. Hielt kurz inne, hämmerte weiter. Claudia war sich nicht ganz sicher, ob er wusste, dass sie noch da sass. Er schien es zu wissen, denn irgendwann schaute er auf. Und er schaute sie an. Und er äusserte Möglichkeiten, die sein könnten, die er zu dem Zeitpunkt aber noch nicht prüfen wollte. Nieren waren ein Thema, den Blutuntersuch schlug er aus, könne man notfalls ein anderes Mal nachholen. Wie vieles anderes auch. Er hatte offensichtlich keine Ahnung, was es war. Er schlug vor, Claudia könnte ein wenig dehnen. Als Anschauungsunterricht machte er eine Bewegung, die Claudias morgendlichem Aufwärmprogramm nicht im entferntesten nahe kam. Claudia sagte nochmals leise, dass sie Yogalehrerin sei, es kaum an mangelnder Dehnung läge. Ein grosser, irgendwie hilfloser Blick von Herrn Kurzenegger liess sie verstummen.

Doktor Kurzenegger sah die Lösung in der Verschreibung von Schmerzmitteln, die Claudia für 10 Tage einnehmen solle. Nütze es nichts, solle sie… ein neuer Anruf. Wieder verschwand Doktor Kurzenegger für fünf Minuten. Kam wieder zurück und fragte Claudia, wo er stehen geblieben sei. Sie sagte: „Bei den Tabletten.“ Die solle sie also nehmen, befand er. Dann verabschiedete er sie. Sie fragte, ob er ihr nun noch die Tabletten geben könnte. Das hätte er vergessen, mache er aber natürlich sofort.

Claudia ging 14 Tage später dann zu Doktor Frank. Der hatte endlich Zeit. Ob mehr Ahnung? Das ist Gegenstand der nächsten Geschichte.

Wie die Multis Kunden locken

Die Migros macht’s schon lange. Sie gibt Leckerli für brave Kunden, zieht diese mit Geschenkversprechen an. Mal sind es Einklebbücher, dann überdimensionale Tic Tacs, nun sind es Minieinkaufskörbchen. Wozu man sie braucht? Nach der ersten Freude für die nächste Müllabfuhr.

Aber: Es zieht. Die Menschen sehen

„Ich kann was kriegen, wenn ich kaufe, also kaufe ich, damit ich es kriege.“

Der wollende Mensch sieht ganz viele Gründe für das Haben-Wollen, nur: Es gibt eigentlich keinen sinnvollen. Man kann das Teil nicht brauchen. Damit nun all die Haben-Wollenden Minikörbchen kriegen können, zahlt jeder Verbraucher ein Plus an Einkaufspreis an jedes Produkt. Dieses Plus finanziert die Minikörbchen und die Werbeaktionen.

Würde sich jeder Kunde fragen, wozu er das Körbchen bräuchte, käme keiner mehr kaufen, um ein Körbchen zu kriegen. Es würden alle sparen: an Einkaufspreis, an Abfallsäcken, an Ressourcen, die für das Körbchen draufgehen.

Aber eben: So funktioniert der Mensch nicht. Das weiss die Migros.

Früher ging das ja auch…

Wir haben heute viele Mittel, die früher nicht da waren, allen voran die netten Gadgets wie Smartphone, iPad, Computer und dergleichen. Da wir es haben, richten wir unseren Alltag so ein, sie zu brauchen, sie einzubinden, den Alltag durch sie organisierbar zu machen. Entsprechend aufgeschmissen sind wir, fällt eines mal aus. Dann kommen die Stimmen:

Früher hatte man das alles nicht, da ging das ja auch.

Nur: Früher richtete man sich ohne diese ein, weil sie nicht waren. Drum ging es. Der Alltag funktioniert immer, weil man ihn mit dem organisiert, was da ist. Heute zu sagen, früher ging es ohne Smartphone, wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein Totschlagargument, auf den zweiten ist es einfach doof. Glaubt man nicht?

Meine Oma wusch von Hand. Waschmaschine gab es nicht (Jahrgang 1902). Jeder, der findet, früher ging es ohne Handy, soll doch mal ein Jahr ohne Waschmaschine Wäsche waschen. Meine Oma konnte das. Du nicht?

Tja… vielleicht greift das Argument, dass es früher auch ohne ging, doch nicht so wirklich… Ich will ja nix behaupten, ich tendiere aber dazu… ziemlich stark.

Mit Facebooktests zur Selbsterkenntnis

Es gibt ja diese netten Facebook-Tests. Ich mag die, mache sie immer wieder. Einige denken dann jedes Mal, sie müssten mich drauf hinweisen, dass die nichts taugen, dass da nie was rauskommt. Ich verkneife mir jeweils, sie eines Besseren zu belehren. Andere finden, ich hätte zu viel Zeit, dass ich die mache. Auch hier verkneife ich mir den Hinweis auf Zeitmanagement und dass es nicht ganz richtig sein könne, wenn man sich nicht mal einen Spass erlauben kann.

Dank Facebook habe ich nun also herausgefunden, welches Tier ich wäre, wer ich im letzten Leben war, welches meine Farbe ist und in welchem Märchen ich lebe. Ich kenne meinen Song, weiss den Film, aus dem ich entstamme und auch, wer mich in meiner Biographie spielen würde.

Nachdem mir nun Facebook über viele Fragen immer wieder zeigte, wer ich bin, kam mir heute – so quasi aus dem Nichts (das natürlich nie nichts, sondern ganz viel ist) – das Resultat in den Sinn, für welches ich noch auf den Test warte: Was ist deine herausragendste Eigenschaft? Resultat: Gutgläubigkeit.

Der Text dazu:

Du glaubst immer an das Gute im Mensch. Wenn dir jemand etwas erzählt, gehst du davon aus, dass er die Wahrheit spricht. Du vertraust den Menschen, bis du auf die Nase fällst, und bist auch dann bereit, eine zweite Chance zu geben – wenn nötig auch eine dritte und vierte. Solltest du mal zögern, reicht ein treuherziger Blick und ein „Ich mach es nie wieder“, dich weichzukochen.

Ich würde mich total wiedererkennen. Vermutlich würde ich den Test nicht online stellen, denn stolz bin ich nicht drauf. Ab und an schelte ich mich gar dumm, naiv, weltfremd. Und doch schaffe ich es nicht, davon auszugehen, dass Menschen von Grund auf schlecht sind. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie davon haben, andere zu belügen, zu betrügen, schlecht zu behandeln oder nur schon in Kauf zu nehmen, dass sie leiden. Und ich möchte das auch nicht.

Aus dem Grund habe ich mich vielleicht ein bisschen zurückgezogen. Ich möchte mein Bild des Menschen als gutem Menschen nicht ändern. Aber ich möchte verschiedene Erfahrungen nicht mehr machen. Eine Gratwanderung zwischen Selbstschutz und Mauerbau. Die Durchlässigkeit soll bleiben, aber es muss nicht jeder rein. Ich bin der Torwart, der entscheidet, wer gut tut und rein darf, wer mir nicht gut tut und besser draussen bleibt.

Ich lebe das Leben – weil ich es muss

Und dann sitze ich hier
und frag’ mich wozu.
Ich frage mich,
wer mich vermisste,
was ich so wirklich
bewirke
und wo ich nur
ansteh’.

Ich male mir aus,
wie mein Leben denn wäre,
sein könnte,
wenn ich nicht,
wie ich es tue,
hier sässe.
Und ich sitze weiter,
weil ich es muss.

Und ich sitze hier,
und ich sehe,
was ginge.
Ich sehe die Orte,
die ich nie kannte,
die Träume,
die ich nie lebte.
Und ich wünschte mich –
hin.

Ich sitze hier,
und bin gefangen
in fremden Ansprüchen,
in Pflichten und Zwängen.
Vor allem aber
in eigenen Ängsten:
Was wäre wenn?

Und ich male mir aus,
wie es denn wäre,
liess’ ich zurück,
was hier so ist.
Ich ginge einfach
in die Welt hinaus.
Ich eroberte sie,
wie ICH es wollte.
Weil ich es
könnte.

Und ich fühle mich glücklich,
ich sehe die Farben,
die im eigenen Dunkel
schon längst gestorben.
Ich sehe das Leben –
bin selber tot.
Ich möchte nur leben
und weiss nicht mehr
wie.

Und so sitze ich hier,
und denke ans Leben.
Ich erhoffe mir,
dass es im Leben
mal möglich wird.
Ich zähle die Stunden,
ich sammle die Kraft,
ich gehe weiter,
weil ich es
muss.

Kalte Welt

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

©Sandra Matteotti

Handschlag muss sein

Kürzlich kursierte die Geschichte eines Mannes, der einer Frau den Handschlag verweigerte, in den Medien. Der Aufschrei war gross, man nutzte die Geschichte, um gegen Glaubensrichtungen zu schimpfen und berief sich auf Sitte und Anstand. Nur so grundsätzlich:

Nicht jeder Mensch mag Berührungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nun haben wir in unseren Breitengraden die Konvention, dass ein Handschlag eine adäquate Begrüssung ist, die man dem Anstand schuldet. Es gab eine Bewegung, da mussten es drei Küsschen sein. Damit noch schlimmer für Berührungsablehnende.

Nehmen wir an, wir treffen einen Menschen, der uns freundlich anlächelt und uns grüsst. Ohne Handschlag. War er unfreundlich? Unhöflich? Wäre ein grummlig blickender Mensch ohne Worte aber mit Handschlag besser? Nehmen wir noch den Gruss dazu, lassen den grimmigen Blick, würde er die Konvention erfüllen. Besser? Wieso legen wir so viel Wert auf Äusserlichkeiten, die innere Haltung dabei ist aber weniger wichtig, wenn die Form eingehalten wird? Wäre es andersrum nicht sinnvoller?

Wer nun Gründe für den ausbleibenden Handschlag fordert, einige per se ausschliesst, andere anerkennt: Wohin nimmt er das Recht zu richten? Eine Krankheit ist gut, Glaube nicht?

Moral – universell oder individuell?

Beim menschlichen Zusammenleben gibt es Regeln. Viele davon sind in Form von Gesetzen aufgeschrieben und damit verbindlich, einige existieren als moralische Grundsätze, die darlegen, wie man sich verhalten soll im Verband, damit es allen gut geht. Doch worauf gründen diese Grundsätze? Sind sie in uns Menschen angelegt als Kern unseres Seins? Die buddhistische Psychologie geht davon aus. Sie sagt zwar, dass dieser Kern verschüttet sein kann und wir keinen Zugang dazu haben, aber: Jeder kann sich diesen Zugang verschaffen, wenn er es will. In der westlichen Philosophie ist vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg der Glaube an eine absoolute und universell gültige Moral abhanden gekommen. Hannah Arendt erklärt den Verlust damit, dass vor dem Dritten Reich moralische Grundsätze herrschten, die während desselben in ihr Gegenteil verkehrt wurden, um danach wieder zurückzudrehen. Was Menschen in der einen Zeit gut und richtig fanden, stiessen sie in der anderen mit Füssen.

Wie entscheiden wir, was wir gut und richtig finden? Welche Instanz gibt den Ausschlag? Es ist wohl das Gewissen, das uns vor der Handlung abwägen lässt, was zu tun ist, danach richtet, was wir getan haben. Doch worauf gründet dieses Gewissen? Entsteht es durch Konventionen in der Zeit, in der wir leben, oder ist es eben wirklich Teil von unserem Wesen, als geistige, allgemein und immer gültige Grundlage? Und was passiert, wenn wir gegen unser Gewissen entscheiden?

Ein Beispiel:

Ein Mann plant eine Überraschung für seine Frau und lügt sie deswegen an, obwohl er weiss, dass sie Lügen hasst und es ihm übel nähme – egal, ob es für sie gemeint ist oder nicht. Sein Gewissen meldet sich und weiss: Das wird sie nicht toll finden, wenn sie es rausfindet. Es bestehen aber gute Chancen, dass es nicht rauskommt.

Soll sie sich nicht so haben, war ja nur gut gemeint? Sollte er ehrlich bleiben und notfalls etwas anderes machen, wenn es so nicht klappt, weil er respektiert, was sie sich wünscht und nicht dagegen handelt? Ist das Beispiel so banal, dass es eh keinen kümmert?

Ein Mann hat sich an der Börse verspekuliert und damit viel Geld verloren. Zwar brauchen die beiden das Geld nicht dringend, aber es war als Notgroschen gedacht und damit unantastbar. Seiner Frau lag viel an diesem Polster – zur Absicherung. Da die Frau sich nie um die Finanzgeschäfte kümmert, traut er sich nicht, ihr was zu sagen, zumal sie es nie rausfinden würde – käme kein solcher Notfall.

Immer noch eine Bagatelle? Ein Vertrauensbruch? Sein Gewissen sagt ihm, er hat Mist gebaut, nur: Zu ändern ist das nun nicht mehr.

In einer Ehe ist der Wurm drin. Es ist alles eingespielt, man hat sich arrangiert, aber wirklich glücklich ist man nicht mehr. Trotzdem kommt eine Trennung aus vielen Gründen nicht in Frage. Da Mann und Frau sehr unabhängige Lebensabläufe haben, merkt die Frau nicht, dass sich der Mann ab und an mit einer anderen Frau trifft. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich, so dass er auch mit seiner Ehe wieder besser klar kommt, da er gelassener ist. Seine Frau würde das nie gutheissen, auch wenn sie die Beruhigung im Alltag schätzt.

Akzeptabel, weil es so eigentlich allen besser geht? Ist unbedingte Ehrlichkeit höher zu schätzen als ein bisschen Zufriedenheit im Leben?

Im Buddhismus wäre die Antwort klar: Die Unwahrheit ist ein Gift, das die eigene Psyche angreift. Wirkliches Glück ist damit nicht möglich, nicht mal dauernde Zufriedenheit. Das Gewissen, so ist man sich sicher, wird einen innerlich zerfressen. Unterdrückt man es, findet es Wege, an anderen Orten für Unruhe zu sorgen und so Leid über einen zu bringen. Da man hier das Glück sowieso im Innen sucht, nie im äusseren Erlangen von Objekten der Begierde (welcher Art auch immer), wäre das Glück durch die Lüge sowieso ein eher vorübergehendes und auch illusionäres als wirklich tief empfunden.

Doch: Wie sehen wir das im Westen? Wahrheit eine Tugend, ein Prinzip, das man hochalten soll? Schulden wir das der Moral? Woher rührt diese? Sind es die Konventionen unserer (christlichen) Ethik, die uns dazu auffordern, oder aber doch etwas tief in uns, das uns aushöhlen würde, ignorierten wir es?