Kathrin Lange – Nachgefragt

langekathrinKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Kathrin Lange hat mir ein paar Fragen zum Schreiben und zu Ihrem neusten Roman Ohne Ausweg beantwortet:

langekathrin2Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Heute bin ich Schriftstellerin, früher war ich Buchhändlerin. Und grundsätzlich bin ich Buchnerd. Damit ist meine Biographie in den wichtigsten Punkten zusammengefasst.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe ungefähr im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben und dann relativ schnell gewusst, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, am ehesten könnte man vermutlich die Freude am Geschichtenerfinden dafür halten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Es gibt ja diese zwei gegensätzlichen Meinungen. Auf der einen Seite die, dass man das Schreiben auf keinen Fall lernen kann, dass man es „haben“ muss. Und auf der anderen Seite sind da jene, die behaupten, alles sei nur Handwerk. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Vieles ist Handwerk, und damit kann man auch recht ordentliche Unterhaltung schreiben, denke ich. Aber diesen Romanen fehlt dann oft etwas, das ich „den Funken“ nennen würde.

Wie bei allem im Leben ist es in meinen Augen also eine Mischung aus beidem: viel Handwerk, aber eben auch ein wichtiger Teil Inspiration und, ja, auch Talent, Genie, wie immer man es nennen möchte.

Ich selbst habe einfach angefangen zu schreiben, ganz naiv und ganz und gar ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es sowas wie Handwerk gibt. Irgendwann dann, als in mir der Wunsch aufkam, zu veröffentlichen und ich die ersten Absagen von Verlagen kassierte, wollte ich wissen, was der Grund dafür war. In dieser Zeit habe ich einige Seminare besucht, in denen es ums Handwerk ging. Das meiste lief bei mir aber nach dem Prinzip trial and error, und irgendwie mache ich es noch heute so: ausprobieren, was geht, dann umschreiben, neuschreiben, wieder testen, neu umschreiben …

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Im Grunde so, wie ich eben schon beschrieben habe. Aber das ist von Buch zu Buch durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich mache ich erst eine Menge Recherchen, bevor ich mich dann an eine erste, grobe Planung des Plots setze. Wenn die fertig ist, fange ich meistens an, die ersten Szenen zu schreiben, und ab da ist vieles Überarbeitung und Ringen um die passenden Worte. Und Haareraufen.

Wann und wo schreiben Sie?

Zu Hause in meinem Büro, aber auch am Küchentisch (wie gerade im Moment), im Zug oder im Hotel, wenn ich auf Lesereise bin. Und immer dann, wenn Zeit ist, frühmorgens, abends, ich habe keine festen Schreibzeiten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Gar nicht. Leider.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Womit man kämpft? Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Plot, Story und Figuren natürlich auch mit den „Demütigungen“, die das Business so mit sich bringt. Das ist ein sehr langes Thema, zu dem ich einen ganzen eigenen Roman schreiben könnte. Aber trotzdem ist es noch immer meine größte Freude, zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Zu erleben, wie eine Story wächst, sich fügt und am Ende „rund“ wird, ist tief befriedigend. Und natürlich mag und schätze ich sehr den persönlichen Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Wenn es auf einer Lesung zu richtig guten Gesprächen kommt, dann ist das eine große Freude.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben und wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte?

Naja, im Grunde muss ich morgens nur noch die Zeitung aufschlagen und dann kommt mir eine neue Idee für den nächsten Faris Iskander-Roman. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wenn man, wie ich, so ein aktuelles Thema hat. Ich sammele vieles, Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Begegnungen mit Menschen. Und meistens kristallisiert sich dann recht schnell eine neue Story heraus. Das passiert im Moment auch wieder. Die Story von Band 4 der Reihe ist gerade dabei, ein Eigenleben zu entwickeln.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Der gute, alte Goethe. J Ich habe oben von dem „Funken“ gesprochen, den ein guter Roman meiner Meinung nach haben muss. Vermutlich ist dieser Funke einfach eine Art „Angefasstsein“ des Autors vom eigenen Stoff. Man muss etwas zu sagen haben. Und natürlich hat man am Ehesten etwas zu sagen, über Dinge, die einem passieren, die man beobachtet und die einen emotional angehen. Insofern ist wohl wirklich jedes Schreiben in gewisser Weise autobiografisch.

Von mir persönlich steckt vermutlich einiges in der Figur der Ira Jenssen, angefangen von ihrem Hadern mit der Amtskirche bis hin zu großen Teilen ihrer Sicht auf die Welt. Ira sagt oft die Dinge, die ich gern sagen würde, aber sie ist nicht ich. Sie ist viel warmherziger, reflektierter, aber auch viel zerrissener und in gewisser Weise zögerlicher.

Mit Ohne Ausweg erschien gerade der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Faris Iskander. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Als ich Faris schuf, wusste ich noch nicht, ob er sich als Serienfigur eignet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er mich nicht mehr loslässt.

Faris ist sehr undurchschaubar, er lässt Menschen – nicht mal den Leser – nicht ganz an sich ran. Liegt er vor Ihnen wie ein offenes Buch oder verschließt er sich auch Ihnen teilweise, so dass Sie ihn noch weiter durchdringen wollen?

Das ist eine spannende Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Im Grund lässt er ja nichtmal sich selbst an sich heran. Tatsache ist, dass er mit jedem neuen Buch neue Facetten entwickelt (oder mir zeigt?), von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Manchmal werde ich von Entwicklungen in seinem Leben selbst überrascht, wie z.B. der Erkenntnis am Ende von Band 2, dass er eine Tochter hat. Und auch im Moment gerade bin ich wieder dabei, ihn neu zu entdecken.

Sie greifen in diesen Romanen sehr aktuelle Themen auf. Hatten Sie nie Angst, sich damit ins Kreuzfeuer zu begeben?

Schon, ja. Aber ich lasse diese Angst einfach nicht so dicht an mich ran, sonst könnte ich diese Bücher nicht schreiben.

Am Schluss Ihres Buches schrieben Sie im Nachwort von Ihrem Engagement für Flüchtlinge. Es wirkte auf mich wie ein Gegengewicht zur Geschichte, quasi um zu sagen: Es sind nicht alle Terroristen und viele brauchen unsere Hilfe? War das die Intention?

Naja, im Grunde ist das – sehr vereinfacht gesagt – ja auch die Aussage des Romans. Ich hoffe, dass das rüberkommt, und dass insofern das Nachwort kein Gegengewicht sein muss, sondern eher eine Ergänzung. Mir ist übrigens wichtig, dass „Terroristen“ in diesem Sinne nicht nur Islamisten meint, sondern auch rechtsmotivierte Täter. Interessanterweise geht das in allen Besprechungen, die bisher erschienen sind, ein bisschen unter, obwohl der rechte Terror in dem Buch ungefähr eine gleich große Rolle spielt wie der islamistische.

Oft wird unterschieden zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis/Thriller werden teilweise noch eine Stufe drunter eingestuft. Was halten Sie von solchen Kategorien und wieso haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ist das so? Dass Krimis und Thriller noch unter Unterhaltungsliteratur eingestuft werden? Ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es in Deutschland immer noch diese blöde Trennung zwischen der sogenannten E- und der sogenannten U-Literatur. Aber ich möchte in dieser Hinsicht optimistisch sein und daran glauben, dass sich da einiges tut. In meinen kühnsten Träumen wünsche ich mir, mit meinen Büchern dabei ein bisschen mitzuhelfen, aber das war natürlich nicht der Grund, warum ich mich für dieses Genre entschieden habe. Ich lese einfach gern Thriller, und ich glaube, ich kann ganz gut spannend schreiben. Mehr steckt da gar nicht dahinter.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Es gibt Krimis, die wollen reine Entspannung sein, die wären nach dieser Sichtweise vielleicht eine Beruhigungspille für den vom Alltag aufgewühlten Geist. Wobei das so negativ klingt, und ich es gar nicht so meine. Besser wäre es vielleicht, nicht von Beruhigungspille zu reden, sondern von einem schönen Glas Wein, das einen abends nach all dem Stress entspannt und besser schlafen lässt.

Und dann gibt es eben die Krimis, die aktuelle Themen aufgreifen und/oder „etwas zu sagen“ haben. Für mich persönlich hat ein guter Krimi oder Thriller etwas, das nach dem Lesen noch in mir arbeitet, das mir – im Idealfall natürlich – irgendetwas klar gemacht oder meine Sicht auf die Welt oder die Psyche des Menschen ein klein wenig verändert hat.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Zweigeteilt. Der Buchmarkt ist ein hartes und leider auch ziemlich gnadenloses Geschäft, in dem oft nicht mehr das Lektorat oder der Verleger darüber entscheiden, ob ein Buch gemacht wird, sondern Vertrieb bzw. Controlling. Die Zeiten, in denen ein Verlag über Jahre an einem Autor festhielt, weil er an das glaubte, was dieser zu sagen hat, sind leider vorbei. Und in Zeiten, in denen sich die Auflagen im Sinkflug befinden und mehr und mehr Buchhandlungen vor der Macht der großen Player kapitulieren, kann ich inzwischen jeden Autor und jede Autorin verstehen, die sich entscheiden, lieber ihr eigenes Ding zu machen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wie oben schon gesagt, möchte ich, dass eine Geschichte in mir nachhallt. Aber ich brauche auch eine gewisse Spannung, wobei das nicht automatisch Action oder Handlungsspannung sein muss. Es gibt auch Bücher, die ich sprachlich spannend finde. Grundsätzlich will ich mich beim Lesen nicht langweilen, das fasst es, glaube ich, ziemlich gut zusammen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich bin Fan von Robert B. Parker, dem großen amerikanischen Hard-boiled-Autor aus Boston. Überhaupt lese ich viele amerikanische Autoren und wenn ich von etwas geprägt bin, dann vermutlich von diesen: Don Winslow. Michael Connolly. Lee Child. Dennis Lehane. Aktuell lese ich die James Lee Burke-Romane, die im Pendragon-Verlag erschienen sind.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Fünf. Okay.
Glaub an dich, egal, was die anderen sagen.
Schreib!
Schreib!
Schreib!
Schreib!

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Rezension: James Patterson – Die 2. Chance

Wenn die Vergangenheit an die Tür klopft

Finden Sie den Mörder. Dann möge das Gericht über ihn urteilen. Es geht nicht um Politik, Religion oder Rasse. Es geht um das Recht, frei von Hass zu leben. Ich bin überzeugt, dass die Welt selbst angesichts des schrecklichsten Verbrechens nicht zerbricht. Die Welt heilt sich selbst.

patterson2Die Chorprobe in der La-Salle-Heights-Kirche ist zu Ende. Als die Kinder ins Freie treten, empfängt sie ein Kugelhagel, in welchem die kleine Tasha Catchings stirbt. Schon bald ist klar, dass es sich bei dem kleinen Mädchen nicht um ein Zufallsopfer handelt, sie starb durch einen gezielten Schuss. Als sich Verbindungen zu einem Mord an einer älteren Frau feststellen lassen, stellt sich die Frage, ob der Täter rassistische Motive hat. Doch ist das wirklich schon alles? Steckt noch mehr dahinter? Und: Wann schlägt der Täter wieder zu?

Auch der zweite Fall des Women’s Murder Club ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend. In einem atemlosen Tempo führt Patterson den Leser durch die Ermittlungen von Lindsay Boxer und ihren Freundinnen, bringt Cliffhanger an, baut Kniffs und Wendungen ein, die immer wieder überraschen, lässt verschiedene Möglichkeiten in der Luft hängen, so dass man das Buch kaum weglegen kann, bis man den Mörder ganz sicher hat.

Neben dem packenden Fall findet auch wieder viel Persönliches von den vier Frauen Eingang in die Geschichte und auch eine Prise Liebe ist wieder mit drin. Zudem blickt der aktuelle Roman in Lindsay Boxers Vergangenheit, rollt die Geschichte mit ihrem Vater auf und führt so zusätzlich zu einer Verwirrung der Gefühle. Die 2. Chance bringt die vier Protagonisten mehr als einmal in Gefahr, und es ist nicht sicher, ob sie heil raus kommen. Ein rundum gelungener Thriller.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr: 978-3442369201
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
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Die eigene Sicht aufs Universum

Holy Shit (-storm)

Ein Philosoph schreibt einen Gastartikel. Auf einer prominenten Seite. Er gibt sich plakativ und aneckend, degradiert und diffamiert, allerdings nie wirklich juristisch verfänglich. Er befindet, dass die Linken und Grünen Gutmenschen seien und eigentlich krank. Man solle es unterlassen, mit ihnen zu diskutieren. Es wäre sinnfrei. Das klingt wenig nett und schon gar nicht sachlich, es klingt viel mehr populistisch und abwertend. Zudem ist die Unterstellung einer Krankheit und damit einhergehender Unfähigkeit zu diskutieren beleidigend (was grundsätzlich justiziabel wäre).

Bei vielen ging nun die Hutschnur hoch, ehe sie wohl den Artikel zu Ende gelesen haben. Ich verstehe es. Es war nicht nett. Es war nicht fair. Es war auch nicht nötig. Aber vielleicht hatte er Gründe? Man könnte es unter dem Motto „in dubio pro reo“ mal annehmen und weiterlesen. Vielleicht war alles nur dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu wecken, Aufmerksamkeit auch für die, welche in den gängigen Medien meist untergehen? All die, welche Ängste haben, sich ungehört fühlen und dann reagieren. Auf eine Weise, die weder konstruktiv noch sinnvoll ist? Die nur Ängste schüren, weil sie selber in ihren Ängsten ertrinken? Und ja, einige Probleme sind wirklich aktuell und wir haben keine Lösung. Wir haben nur unseren ethischen Anspruch und sehen uns einer Realität gegenüber, die Angst macht durch Bedrohungen, die wir so bislang nicht wahrgenommen haben – so unmittelbar.

So weit will man aber nicht denken. Der Artikel wird gelöscht, man entschuldigt sich – allerdings ist es schon zu spät. Es rollt der Kopf es Blogchefs.

Von all dem hatte ich wenig gehört. Bis heute. Da las ich, dass jemand entsetzt war, dass 15 ihrer FB-Freunde mit dem Autor des Artikels befreundet seien – alles „sonst eigentlich intelligente Menschen“. Namen wolle sie keine nennen, sie wolle ja „niemanden an den Pranger stellen“, frage sich aber, ob wir „nur Freundesammler wären“. Ich fühlte mich angegriffen. Noch mehr, als dann eine „persönliche Nachricht“ kam.
Es ist ein Dilemma. Guter Stil war der Artikel des Philosophen nicht. Andersdenkende als krank zu bezeichnen, ist gar billig. Man wertet ab und entbindet sich selber der (stichhaltigen) Argumentation. Krankheit erklärt ja irgendwie alles.

Ich finde das Internet und Facebook insbesondere schwierig für politische Diskussionen. Likes und gleichgeschaltete Köpfe – darum geht es. Wer nicht passt, wird gekickt, wer einen Gekickten beherbergt, ist verdächtig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man muss sich bekennen. Zum einen oder zum anderen Lager. Da gibt es Fronten, alles, was vor den Mauern steht, wird eliminiert. Gnadenlos.

Niemand darf Freunde haben, die anders denken, als man selber. Niemand darf Menschen hinter den Gedanken sehen – es geht nur immer um die Politik. Und da wird nicht diskutiert. Ob das viel durchdachter ist als der Artikel des besagten Philosophen?

Ich rede mit allen Menschen. Ich teile kaum je alle Meinungen, das muss ich auch nicht. Ich habe oft Menschen erlebt, die absolut toll, liebenswürdig, hilfsbereit waren, die aber politisch ganz weit weg von mir sind. Ich habe sie auf FB und rolle oft die Augen und frage mich: Muss ich die nun entfreunden, weil das gegen FB-Gesetze verstösst? Menschen, die da waren für mich, die ich kenne, die Herz haben. Aber sie denken auf eine Weise, die ich nicht teile – politisch. Und die, ich weiss es, auch viele engagierte andere nicht teilen, die mir politisch näher wären.

Was suche ich auf Facebook? Ich suche Menschen, die ich mag, Menschen, die ich interessant finde. Ich suche neue Anregungen, neue Gedankengänge. Ich hoffe auf einen Austausch, der mir Facetten zeigt, die ich selber nicht sah.

Wer nur im eigenen Universum kreist, schaut nie über den Tellerrand hinaus.

Menschen sind vielschichtig, es ist nicht wie im Krimi, wo die Guten und die Schlechten sich gegenüber stehen. Ich sehe zuerst den Menschen. Dann seine Facetten. Einige gefallen, andere nicht. Und beides sag ich ihm. Wenn wir dann beide noch können miteinander, finde ich das gut. Jeder weiss vom anderen, wo er steht, ab und an krallt man sich die unliebsamen Themen und disputiert, dann wieder hält man sich an die Gemeinsamkeiten. Ist das falsch? Darf ich wirklich nur in einem Lager sitzen? Welches wäre es? Politik ist eines, dann gäbe es noch Religion. Kultur. Musikgeschmack. Interessen. Man versucht ja schon, einen Menschen zu heiraten, der in allen Bereichen übereinstimmt, die Scheidungsraten zeigen, wie realistisch das ist. Kann das wirklich das Kriterium sein für den persönlichen Umgang?

Rezension: Kathrin Lange – Ohne Ausweg

Undercover gegen den Terror

Du bist nicht mehr Amira.
Du bist jetzt eine Soldatin des Herrn.
Sei ohne Furcht.

langeohne-auswegMuhammed al-Sadiq plant mit seiner Terrororganisation einen grossen Giftanschlag auf Berlin. Da die SERV, die Sondereinheit für die Ermittlung bei religiös motivierten Verbrechen nicht weiss, wann und wo das Ganze passiert, soll der Ermittler Faris Iskander in die Gruppierung eingeschleust werden – eine gefährliche Angelegenheit. Umso gefährlicher ist das Unterfangen, weil al-Sadiq, der einzige, der die nötigen Informationen hat, aktuell im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses sitzt, in welchem es für Faris gefährlich werden kann, wenn er auffliegt.

Kathrin Lange erzählt die Geschichte mit einem auktorialen Erzähler aus zwei Perspektiven: Einerseits folgt man Faris Iskander, andererseits der terroristischen Organisation. Die beiden Erzählstränge laufen langsam zueinander, dem Leser wird dadurch immer mehr klar – aber nie so klar, dass man weiss, wie wirklich alles zusammen passt. Dadurch wird ein Spannungsbogen gespannt, der nie abbricht, man liest Seite für Seite weiter, um ans Ziel zu kommen.

Das neue Buch von Kathrin Lange ist an Aktualität nicht zu überbieten, was einerseits reizvoll ist, andererseits auch eine Gefahr sein kann. Die ganz klare Verteilung von Gut und Böse, die von der ersten Seite an offensichtlich ist, könnte leicht ins Plakative verkehren. Kathrin Lange ist dieser Gefahr gekonnt ausgewichen. Ihr sehr schönes Nachwort rundet das Buch wunderbar ab und ist gerade bei der Geschichte wichtig, wie ich finde.

Fazit:
Eine spannende, an Aktualität kaum zu überbietende Geschichte mit geschickt gesetzten Cliffhangern, plastischen Figuren und einem fulminanten Tempo. Empfehlenswert.

Zum Autor  
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (19. Dezember 2016)
ISBN-Nr.: 978-3734102653
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Einbürgerung der dritten Generation – ein Streitthema

Aktuell spaltet ein Thema die Nation (die Schweiz, um genau zu sein). Sollen Menschen, die in dritter Generation in der Schweiz leben, eine vereinfachte Einbürgerung erhalten? Man halte sich das mal plastisch vor Augen:

Ernesto wandert in die Schweiz ein, ist hier Saisonarbeiter. Er heiratet, kriegt ein Kind: Ein Secondo. Wir nennen ihn Paolo. Paolo tut, was er eben tut, wir wollen das mal nicht weiter ausführen, und kriegt ein Kind: Enrico. Enrico ist die dritte Generation. Er soll nun die erleichterte Einbürgerung erhalten. Das liegt eigentlich auf der Hand, denn:

Enrico hat nie was von Italien gesehen, schon sein Vater kam hier auf die Welt (wurde wohl nie eingebürgert, man könnte sich nun fragen, wieso, tut man aber nicht). Aber: Enrico ist hier aufgewachsen (wie sein Vater), er kennt nichts anderes (ausser dem, was er zuhause erlebt).

Was ich mich frage: Was hat Enrico, was Paolo nicht hatte? Wieso wurde Paolo nicht eingebürgert? Er lebte schliesslich sein ganzes Leben hier und kriegte hier ein Kind. Was sind sachliche Gründe für die Erleichterung bei einem Menschen, der in der dritten Generation hier ist, gegenüber einem, der als Secondo hier war?

Menschen sind vielschichtig. Eine der Schichten wird sicher durch die Herkunft und durch die Kultur geprägt. Eine andere durch den Umgang. Ganz vieles ist… irgendwie diffus. Gerade in den Jahren der Pubertät. Da zählen Peergroups. Auf die haben Eltern kaum mehr Einfluss.

Wir versuchen nun aber, aus der Einbürgerungsfrage eine Rechenaufgabe zu machen. Gesetz ist immer Abstraktion, das ist mir klar. Nur so kann eine Norm haften, die auf den Allgemeinfall angewendet werden können muss. Nur: Ob man das an Generationen festmachen kann? Ich bezweifle.

Wir leben in der Schweiz in einem Land, das seine Grundsätze und Normen hat. Wir haben Gesetze und leben in einem Rechtsstaat. Dasselbe gilt für viele andere Länder rund um uns. Wäre nicht das einzig relevante Kriterium, dass sich einer, der hier sein will, an diese Normen, Grundsätze und Regeln hält? Geht es wirklich um eine Generationenfrage? Ist der Nachkömmling eines schwerkriminellen Secondos besser geeignet als ein dankbarer Flüchtling in erster Generation?

Ich bin nach wie vor der Meinung. Wer Hilfe braucht, soll kommen dürfen und soll Hilfe erhalten. Immer! Wer unsere Rechte missachtet, war der Hilfe wohl nicht wert. Der soll auch wieder gehen, um denen Platz zu schaffen, die sie suchen und annehmen. Das aber an Generationen festzumachen und es zu einem mathematischen Problem verkommen zu lassen, widerstrebt einem Philosophen wie mir.

Wir müssen helfen. Alle, denen es gut geht, stehen in der Pflicht. Das gebührt der Menschlichkeit. Wer diese ausnutzt, ist sie nicht wert. Für den Rest müssen wir einstehen. Denn: Wir haben schwarze Schafe auch in den eigenen Reihen, wir können die anderen nicht härter angehen. Mensch ist Mensch – egal, woher er kommt.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

img_0865Kurt Tucholsky kommt am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit zur Welt. Weil sein Vater aus beruflichen Gründen nach Stettin muss, verbringt der kleine Kurt seine frühe Kindheit dort. Kurt Tucholsky verehrt seinen Vater, mit der Mutter ist es schwieriger. Umso mehr trifft ihn der frühe Tod seines Vaters im Jahr 1905, Kurt Tucholsky ist gerade mal 15 Jahre alt. Durch eine beachtliche Hinterlassenschaft mangelt es der Familie wenigstens finanziell an nichts.

Nach seinem Abitur 1909 wechselt Tucholsky an die Universität in Berlin, wo er ein Jurastudium beginnt. Allerdings interessiert er sich auch während des Studiums mehr für Literatur als für trockene Paragraphen. Statt in staubigen Lesesälen zu versauern, reist er lieber mit Freunden durch die Welt und besucht Schriftsteller. Es verwundert nicht, dass er das Staatsexamen ablehnt und somit auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mit Ach und Krach schafft er es, eine mehrfach abgelehnte Dissertation durchzubringen, so dass er doch noch einen Studienabschluss hat – immerhin cum laude.

img_0866Schon zu Schulzeiten veröffentlicht er kurze journalistische Schriften und Satiren, zieht die journalistische Arbeit auch während des Studiums weiter.

1915 wird Tucholsky in den Krieg eingezogen, wo er ab 1916 die Feldzeitung Der Flieger herausbringt. Im Dezember 1918 wird Tucholsky Chefredaktor der satirischen Beilage des Berliner Tagblatts, des Ulk. Da Tucholsky bald für verschiedene Blätter und in unterschiedlichen Themengebieten arbeitet, legt er sich eine Vielzahl an Pseudonymen zu: Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Karl Hauser.

Tucholsky zeigt sich immer wieder gegen den Krieg und gegen das Militär eingestellt, er prangert die zahlreichen politischen Anschläge an linken, pazifistischen oder liberalen Politikern und Publizisten an: Rosa von Luxemburg, Karl Liebknecht und Maximilian Harden, um nur einige zu nennen. Ebenso unnachsichtig ist er mit demokratischen Politikern, welche ihre Gegner zu sehr mit Samthandschuhen anfassen. Gegen all das schreibt Tucholsky mit spitzer Feder an und engagiert sich auch direkt politisch.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.[1]

1922 gerät sein Schreiben ins Stocken. Einerseits zwingen ihn finanzielle Probleme (auch durch die herrschende Inflation) zu einer wirtschaftlicheren Arbeit, andererseits gerät er in eine Depression, welche ihm sein Schreiben als sinnfrei erscheinen lässt. Ein Selbstmordversuch fällt in diese Zeit. 1924 führt sein Weg nach Paris, er lässt sich im selben Jahr von Frau eins (Else Weil) scheiden und heiratet Frau zwei (Mary Gerold). Tucholsky kommt nur noch sporadisch nach Deutschland zurück, die meiste Zeit verbringt er im Ausland. Trotzdem schaut er immer wieder mit kritischem Blick nach Deutschland.

Auch die zweite Ehe wird geschieden, 1927 lernt er Lisa Matthias kennen. Einem Urlaub mit ihr in Schweden verdanken wir den 1931 erschienen Kurzroman Schloss Gripsholm. Politisch engagiert er sich 1929 mit Deutschland, Deutschland über alles nochmals.

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist es nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?[2]

Im gleichen Jahr verlegt er seinen Wohnsitz nach Schweden. Tucholsky kann schlecht damit umgehen, dass seine vielen Warnungen, seine Vorahnungen ungehört bleiben. Wie deutlich sieht er die von Hitler ausgehende Gefahr und muss zusehen, wie Deutschland ins Unglück rennt.

Ihr fühlt die Not – aber ihr könnt sie nicht beheben, weil ihr ihre Quelle nicht sehen wollt.[3]

1931 verstummt Tucholsky publizistisch. Seine Trennung von Lisa Matthias, der Tod eines Freundes sowie gesundheitliche Probleme lassen ihn immer mehr resignieren. Es erscheinen 1933 noch seine Schnipsel genannten Aphorismen, 1933 eine kleine Notiz, ein Romanmanuskript wird wegen der politischen Lage in Deutschland abgelehnt. 1933 werden seine Bücher verbrannt und Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Tucholsky glaubt nicht an ein schnelles Ende des Schreckens. Vom Exil aus beobachtet er die Lage besorgt. Darüber geben posthum veröffentliche Briefe Auskunft. Gesundheitliche Probleme machen ihm das Leben zusätzlich schwer. Am 20. Dezember 1935 nimmt er in seiner Exilheimat in Hindås, Schweden eine Überdosis Tabletten, an welcher er am 21. Dezember stirbt. Es ist nicht ganz sicher, ob es Absicht oder ein Versehen war.

Sein Werk
Tucholsky selber bezeichnet sich als linker, liberaler Intellektueller. Seine politischen Texte sind sehr kritisch gegen die Weimarer Republik sowie auch gegen die Gesellschaft als brave Gefolgschaft einer verantwortungslosen Politik gegenüber.

Es scheint wirklich so, als ob die meisten Menschen hierzulande einen Hund nur deshalb besässen, um och einen „unter sich zu haben“.

Diverse politische Mitgliedschaften sind jeweils von kurzer Dauer, vermutlich, weil er, sobald er mehr Einsichten in die Strukturen hatte, überall mit Kritik reagiert.

Tucholsky war auch ein grosser Literaturkritiker. Er hat mehr als 500 Werke rezensiert, wobei auch die Texte nicht frei von seiner politischen Meinung sind. Als Lyriker sieht sich Tucholsky als Talent, sieht sich aber nicht in der gleichen Liga wie den von ihm sehr verehrten Heinrich Heine. Er ist Verfasser von „Gebrauchslyrik“, versucht aber auch, Chansons und Couplets in der deutschen Sprache zu beheimaten.

An Bekanntesten ist Tucholsky wohl als Satiriker. Die Satire ist aber kein gesonderter Teil in seinem Werk, sondern, sondern sie durchzieht es. Tucholsky ist der Ansicht, dass Satire alles darf und ein „eine durchaus positive Sache“[4] ist.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

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[1] Kurt Tucholsky: Dürfen darf man alles, S. 55.

[2] Zitat von Hölderlin als Vorwort zu Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“, S. 9

[3] ebd., S. 128

[4] Aus „Was darf Satire?“, in: Kurt Tucholsky: Das grosse Lesebuch, S. 15

Hilfeschrei einer Buchbloggerin

Ich wollte im Januar so viel lesen. Hatte Pläne, echte. Klassiker, Literatur, diesen und jenen Krimiautor (Krimi und Thriller müssen immer rein), aber dann… ja dann… ich las zuerst den 12. Teil einer Serie. Dann den ersten, weil der 12. so toll war. Nun bin ich bei zwei, drei steht noch hier, ich bestellte schon histerisch 4, 5 und 6… 11 habe ich bereits… mir fehlen 7-10 und das macht Bauchweh.

Ob ich James Patterson verklagen kann? Ich wage kaum zu sagen, dass auch noch ein paar ungelesene Alex-Cross-Romane hier warten. Und es einige gibt, die ich noch nicht kenne. Und wer nun denkt, ich sei einseitig, dem sei gesagt, dass auch Karen Slaughter und andere  Autoren (da kennen mich einige gut und schenken mir gar was zum Geburtstag) gelesen werden wollen.

Wie organisiert ihr euren SUB? Was kommt rein, wie organisiert ihr die Reihenfolge? Und: Wann schlaft ihr noch?????

Ein Halleluja für einen Klick

Social Media boomt. Wir bewegen uns darin und definieren uns darüber. Facebook, Twitter, Instagram – drei Programme, dasselbe Muster: Wer am meisten Klicks kriegt, ist der Sieger. Social Media ist das absolute Extrem der menschlichen Leistungsgesellschaft. Und: Social Media entlarvt sie auch – wenn man hinschaut.

Es gewinnt nie der Beste. Es gewinnt auch nicht der, welcher Sinn, Wert oder Inhalt hat. Es gewinnt der, welcher am besten netzwerkt. Wie netzwerkt man gut? Indem man liefert, was gefragt ist, verkauft, was gesucht ist. Qualität ist kein Merkmal. Wirklich begnadete Künstler haben gerade mal 100 Follower, Menschen mit Schminktipps und den ewig gleichen Einrichtungsbildern eine Million.

Nun kann man sagen: Das ist im Leben auch so, das ist doch nicht der Fehler von Social Media. Ich stimme dem zu. Es legt den Mechanismus einfach gnadenlos offen. Wenn man ihn denn sehen will.

Bedenklich wird er, wenn Menschen sich über diese Klicks definieren. Sie scrollen täglich durch die Bilder ähnlicher Kategorien und prüfen deren Klicks. Sie vergleichen und sehen sich im Rückstand. Und sie bewerten sich danach. Sie sind minderwertig. Offensichtlich. Es muss so sein, sonst klickten mehr. Dieses Kriterium könnte bei nicht mal sehr tiefer Recherche und Bewertung widerlegt werden, nur geht es schon lange nicht mehr um Sachlichkeit. Es sind Emotionen, die spielen – und: an diesen Emotionen hängen Bilder, Selbstbilder.

Junge Frauen stellen immer freizügigere Bilder ins Netz, hungern sich auf Kleidergrössen im bald Minusbereich, um mithalten zu können. Menschen verbiegen sich, basteln sich ein Image zurecht, um vor einem Haufen eigentlich fremder Menschen bestehen zu können, da nur deren Bestätigung den eigenen Wert definiert.

Man kann nun sagen, das sei nichts Neues, Menschen hätten schon immer anderen gefallen wollen. Das stimmt wohl. Wollte man früher aber der Gesellschaft der Menschen gefallen, die man kannte, sind es heute Millionen da draussen, für die man kaum weniger als ein kurzer Text oder eine gezielt positionierte Summe von Bildern ist. Ab und an geht es tiefer, keine Frage, und das ist wunderbar und das wirklich Tolle an Social Media. Gefährlich wird es, wenn wir unser Sein und unseren Wert auf diesen Klicks aufbauen – oder vernichtet sehen.

Rezension: Hakan Nesser – Die Lebenden und die Toten von Winsford

Viele Andeutungen und nichts passiert

Eine einsame fremde Frau reiferen Alters, die nachmittags hereinschaut und ein grosses Glas Wein trinkt, hinterlässt in eine kleinen Dorf zweifellos Spuren. So lauten die Bedingungen, und wenn man keine Dichterin oder Künstlerin ist, macht es wenig Sinn, blind dagegen anzurennen. Ich bin weder das eine noch das andere.

nesserlebendenMaria Anderson mietet im kleinen Ort Winsford eine kleine und eher heruntergekommene Wohnung, in die sie mit ihrem Hund Castor für ein halbes Jahr einziehen will. Gemeinsam unternehmen die beiden ausgedehnte Spaziergänge, lernen die verschiedenen Bewohner des Ortes kennen, unterhalten sich mit ihnen.

Maria Anderson heisst eigetlich nicht so, zudem hat sie eine Vergangenheit, die sie dazu brachte, nun in Winsford zu sein. Von dieser Vergangenheit erzählt sie in Andeutungen – mal mehr mal weniger präzis, immer etwas offenlassend, das sie später noch erzählen will.

Und so blättert man als Leser Seite um Seite um, fragt sich, wann denn nun endlich was passiert und was überhaupt wirklich passiert ist – und sitzt bei beidem auf dem Trockenen. Was spannend sein könnte, wirkt mit der Zeit schlicht sehr lange, um nicht zu sagen langweilig. Immer wieder scheint Håkan Nessers philosophisches Gespür durch, gibt es kleine wunderbare und tiefgründige Stellen, mehrheitlich juckte es zumindest mir in den Fingern, die Seiten einfach zu überblättern, in der Hoffnung, dass dann endlich mal etwas passiert.

Håkan Nesser ist ein grossartiger Erzähler, darum entschied ich mich für dieses Buch. Allerdings kannte ich ihn bisher vor allem als Autor wirklich spannungsgeladener, grossartiger Thriller und aufgrund des Titels und des Klappentextes erwartete ich auch hier einen. Mit dieser Erwartungshaltung konnte der Roman nicht gefallen, denn er ist weit davon entfernt.

Fazit:
Eine Erzählung im wahrsten Sinne des Wortes: Es passiert kaum was, die Protagonistin erzählt über ihr Leben damals und heute.

Zum Autor und zum Übersetzer 
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.
Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, KjellWestö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. Mai 2016)
Übersetzung: Paul Berf
ISBN-Nr.: 978-3442713899
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
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Rezension: Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

Wenn bloss alle Menschen wie Atticus Finch wären

Atticus, Jem und ich sowie Calpurnia, unsere Köchin, lebten in der Hauptstrasse des Wohnviertels. Jem und ich waren mit unserem Vater zufrieden: Er spielte mit uns, las uns vor und behandelte uns im Übrigen mit höflicher Zurückhaltung.

leenachtigallAtticus Finch lebt als alleinerziehender Vater mit seinen beiden Kindern Scout und Jem sowie der Köchin Calpurnia in der Kleinstadt Monroeville im tiefen Süden der USA. Die kleine Familie ist im ganzen Ort beliebt, bis Atticus in seiner Rolle als Rechtsanwalt die Verteidigung des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson übernehmen soll, welcher wegen Vergewaltigung eines weissen Mädchens angeklagt ist. Atticus ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, was ihm den Hass seiner Mitbürger einbringt.

Atticus Finch ist der wohl liebenswürdigste, warmherzigste und mitfühlendste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist für seine Kinder da, ohne sie zu erdrücken, lässt sie die Welt entdecken und bringt ihnen bei, was wichtig ist, was Werte sind, was Menschlichkeit, Offenheit, Toleranz und Mitgefühl sind. Atticus hat ein Herz für die, welche nichts haben, und er setzt sich für die ein, denen Unrecht widerfährt. Gäbe es in dieser Welt mehr Menschen wie Atticus, wäre die Welt ein schönerer Platz.

Gerade diese Offenheit und Toleranz wird ihm allerdings fast zum Verhängnis, da er in einem rassistischen Umfeld lebt, wo Schwarze die Untertanen, die Weissen die herrschende Rasse sind. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Harper Lee greift in ihrem Roman die Rassendiskriminierung im Süden Amerikas auf. Sie zeigt auf, welche Dynamik falsche Verdächtigungen annehmen können. Wer die Nachtigall stört ist ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Das Buch zeigt auf, dass Vorurteile oft nicht mehr sind als zu Unrecht vertretene Meinungen, es zeigt weiter auf, dass es nicht immer einfach ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Menschen werden verteufelt und stellen sich als liebenswürdig und ehrlich heraus, andere werden verteidigt und sind eigentlich zu verurteilen.

„Sie haben ihn verfolgt und konnten ihn nie erwischen…- du Atticus, der hatte das alles gar nicht getan… Er war nett, Atticus, so nett…“ […]
„Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt.“

Fazit:
Ein hervorragendes Buch voller Philosophie, Menschlichkeit und Herzenswärme.
Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville, studierte Jura an der University of Alabama, zog nach New York und begann zu schreiben. Sie war befreundet mit Truman Capote, der ihr Kindheitsfreund war und dem sie bei den Recherchen für «Kaltblütig» half. Nach dem Welterfolg ihres in 40 Sprachen übersetzten Romans «Wer die Nachtigall stört…», für den sie 1961 den Pulitzerpreis erhielt, zog sie sich aus dem literarischen Leben und weitgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück. 2015 wurde eine frühe Manuskriptfassung von «Wer die Nachtigall stört …» gefunden und publiziert, die 50 Jahre lang als verschollen galt. Harper Lee starb 2016 in ihrer Heimatstadt Monroeville in Alabama.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (22. Juli 2016)
Übersetzung: Claire Malignon
ISBN-Nr.: 978-3499217548
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
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Wer die Nachtigall stört wurde mit Gregory Peck als Atticus Finch verfilmt. Ein wunderbarer Film mit einem grossartigen Hauptdarsteller. Gregory Peck sagte selber, dass dieser Film sein Lieblingsfilm gewesen sei (nachzusehen in der Dokumentation A conversation with Gregory Peck:

Die ganze Sendung ist auf Netflix abrufbar)

Trailer zum Film To Kill A Mockingbird

Bernhard Aichner – Nachgefragt

2Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

Bernhard Aichner hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin Schriftsteller. Seit ich 15 Jahre alt bin, habe ich davon geträumt, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Meine Träume haben sich erfüllt. Ich bin ein glücklich, liebender Mensch, der die allergrößte Freude daran hat, seine Leserinnen zu unterhalten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Schreiben ist Leidenschaft, Übung, Scheitern, Ausprobieren, Talent, das man pflegen muss. Schreiben fordert Fleiß, Durchhaltevermögen, Biss. All das sollte man mitbringen, bevor man eine Schreibschule betritt. Wenn man das unbedingt möchte.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich plane sehr genau. Überlege Monate lang bevor ich zu schrieben beginne. Plot, Erzählstruktur, Ausarbeitung der Charaktere, Stil, Rhythmus, Klang. Erst wenn ich weiß, wo die Reise hingeht, setze ich mich hin und schreibe den ersten Satz eines Romans.

Wann und wo schreiben Sie?

Überall. Im Zug, in Hotel, in Bars, in der Sauna. Ich höre Musik dabei, tauche ab in meine „andere“ Welt und verschwinde in meinem Buch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das Schreiben begleitet mich immer. Es ist überlebensnotwendig für mich und daher immer präsent.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben bedeutet Glück für mich. Etwas zu schaffen, ist für mich neben der Liebe das Schönste, was es gibt auf der Welt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter, ich sauge die Welt auf und lasse sie in meine „Bücherwelt“ einfließen. Ich lese Zeitung, spreche mit Menschen, ich mische alles mit meiner Fantasie und raus kommt am Ende ein Buch.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Alles was ich geschrieben habe ist von mir einmal gelebt, einmal gefühlt worden, es hat also sehr viel mit mir zu tun. Das tatsächlich Geschehene und auch das Erfundene. Alles bin ich. Mein Roman bin ich. Und das ist gut so.

Mit Totenrausch erscheint im Januar der dritte Band der Trilogie um die Bestatterin Brünhilde Blum. War von Anfang an klar, dass es eine Trilogie werden soll oder wuchs das während des Schreibens?

Es war von Anfang an klar, dass es drei Bücher werden, das Konzept lag auf dem Tisch, als ich begonnen habe, an Totenfrau zu schreiben. Ich hatte also das Ende im Kopf, als das Ganze begonnen hat

Was denken Sie, ist wichtiger für einen guten Roman: Eine interessante Protagonistin, so dass der Leser mit ihr durch die Geschichte gehen will, oder aber eine packende Geschichte, die ihren eigenen Sog entwickelt?

Beides ist wichtig. Und noch vieles mehr. Sprache zum Beispiel. Ein Buch zu schreiben ist wesentlich schwieriger, als eines zu lesen. Die Zutaten kann man oft nicht herausschmecken, aber das Genusserlebnis ist da…

Viele Autoren äußern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Jeder Mensch hat das.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Sprache muss schön sein, literarisch. Der Rhythmus muss stimmen, der Klang. Geschichte, Figuren, Aufbau sowieso. Feuer und Leidenschaft muss es haben, ich will etwas fühlen, wenn ich ein Buch lese.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, schreiben !

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Rezension: James Patterson – Der 1. Mord

Vier Frauen und ein paar Todesfälle

Immer wenn sich bei der offiziellen Ermittlung neue Hinweise ergaben, könnten wir uns treffen, unsere Ergebnisse austauschen und die Bürokraten und das politische Halte-dich-bedeckt umgehen. Drei Frauen, denen es einen Heidenspass machen würde, der männlichen Rechthaberei ein Schnippchen zu schlagen.

patterson1Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden, doch dann werden David und Melanie Brandt grausam ermordet. Inspector Lindsay Boxer ist erschüttert über die Brutalität, mit welcher der Mörder zuschlug. Polizeiintern kriegt sie für diesen Fall Verstärkung durch Chris Raleigh, worüber sie anfangs nicht erfreut ist, was sich aber bald ändert. Als sich bald darauf ein neuer Mord ereignet, wieder an einem Hochzeitspaar, wieder äusserst grausam, merkt Lindsay, dass sie noch mehr Hilfe brauchen kann: Zusammen mit der Pathologin (und besten Freundin) Claire Washbourn, der Reporterin Cindy Thomas und später der Staatsanwältin Jill Bernhardt gründet sie den Women’s Murder Club. Gemeinsam wollen sie dem Täter auf die Spur kommen – und das möglichst, bevor dieser weiter mordet.

Der 1. Mord ist ein Pageturner. Einmal angefangen zu lesen, kann man ihn kaum zur Seite legen. Mit Lindsay Boxer hat James Patterson eine Protagonistin geschaffen, die einen gleich für sich einnimmt. Dass Lindsay zudem gleich am Anfang des Buches erfährt, dass sie todkrank ist und somit nicht nur gegen einen Mörder, sondern auch noch um ihr Leben kämpfen muss, gibt der Geschichte eine Nebenhandlung, die einen noch mehr in den Roman zieht. Die kurzen Kapitel bringen noch zusätzlich Dynamik in die ganze Sache – Patterson, wie man ihn kennt: grossartig.

Was ich an dem Buch bemängeln muss, ist höchstens das Ende, welches gar konstruiert wirkt. Es scheint, als sei James Patterson übermütig geworden und hätte noch ein paar Drehungen und Pirouetten einbauen wollen, um den Leser nochmals richtig an der Nase rumzuführen. Das wäre so nicht nötig gewesen. Trotzdem ist der Thriller eine absolute Leseempfehlung und das Beste daran: Es gibt noch 11 weitere Fälle des Women’s Murder Club.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr.: 978-3442369195
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
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Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990)

Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]

durrenmattFriedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.

Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]

1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.

durrenmatt2Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.

Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.

1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.

Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.

Das Werk

Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.

Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.

Bekannte Werke Dürrenmatts

Romane

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht )1953)
  • Grieche sucht Griechin (1955)
  • Die Panne (1956)

Theaterstücke

  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)
  • Der Meteor (1966)

Dies nur einige einer langen Liste.

Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.

______________________

[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9
[2] ebd., S. 11
[3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9

Rezension: Bernhard Aichner – Totenfrau

Die Rache für verlorenes Glück

Sie wird sich nicht rühren, egal, was passiert, nicht bewegen. Da ist nur Blum, und die Sonne auf ihrer Haut. Sie ignoriert die Schreie und das Klopfen.
Zwei schwimmende Körper, verzweifelt.

aichnertotenfrauBlums Kindheit war nicht schön. Schon früh muss sie im Bestattungsunternehmen der Eltern helfen, Tote sind um sie, Tag für Tag. Zwar gewöhnt sie sich mit der Zeit an die Toten, aber an ihre Eltern gewöhnt sie sich nie, sie leidet – und setzt diesem Leiden ein Ende: Die Eltern müssen sterben.

Am selben Tag, an dem Blum die Freiheit von ihren Eltern erlangt, lernt sie Mark kennen – und damit das Glück. Sie gründen eine Familie, sind tagtäglich dankbar und glücklich – bis eines Tages Mark bei einem Unfall stirbt. Als Blum erfährt, dass es kein Unfall war, will sie Rache. Und sie tut alles dafür.
Totenfrau ist der erste Band der Trilogie um Blum. Bernhard Aichner lässt den Leser die Hauptfigur kennenlernen, er erzählt die glücklichen und traurigen Tage von Blum, zeigt, wie sich in ihr Wut entwickelt, die sie nicht mehr bändigen kann, die sie ausleben muss. Der Leser versteht Blum, er fühlt mit ihr mit.

Der Thriller weist einige Längen auf, sehr viele und lange Dialoge stoppen den Fluss. Viele Leerseiten und das grosszügig gewählte Layout führen zu einem umfangreichen Buch, der wirkliche Text nimmt wohl maximal 2/3 der Seiten ein. Der ganze Roman hängt an der sehr plastischen und authentischen Protagonistin, Spannung tritt ein wenig in den Hintergrund. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, kann das ein geschickter Schachzug sein, denn: Wenn man die Figur so gut kennt, will man auch wissen, wie es mit ihr weitergeht.

Fazit:
Ein guter Einstieg in eine Trilogie mit authentischen Charakteren und einem stimmigen Plot.

Der Autor
Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3442749263
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH