Die eigene Sicht aufs Universum

Holy Shit (-storm)

Ein Philosoph schreibt einen Gastartikel. Auf einer prominenten Seite. Er gibt sich plakativ und aneckend, degradiert und diffamiert, allerdings nie wirklich juristisch verfänglich. Er befindet, dass die Linken und Grünen Gutmenschen seien und eigentlich krank. Man solle es unterlassen, mit ihnen zu diskutieren. Es wäre sinnfrei. Das klingt wenig nett und schon gar nicht sachlich, es klingt viel mehr populistisch und abwertend. Zudem ist die Unterstellung einer Krankheit und damit einhergehender Unfähigkeit zu diskutieren beleidigend (was grundsätzlich justiziabel wäre).

Bei vielen ging nun die Hutschnur hoch, ehe sie wohl den Artikel zu Ende gelesen haben. Ich verstehe es. Es war nicht nett. Es war nicht fair. Es war auch nicht nötig. Aber vielleicht hatte er Gründe? Man könnte es unter dem Motto „in dubio pro reo“ mal annehmen und weiterlesen. Vielleicht war alles nur dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu wecken, Aufmerksamkeit auch für die, welche in den gängigen Medien meist untergehen? All die, welche Ängste haben, sich ungehört fühlen und dann reagieren. Auf eine Weise, die weder konstruktiv noch sinnvoll ist? Die nur Ängste schüren, weil sie selber in ihren Ängsten ertrinken? Und ja, einige Probleme sind wirklich aktuell und wir haben keine Lösung. Wir haben nur unseren ethischen Anspruch und sehen uns einer Realität gegenüber, die Angst macht durch Bedrohungen, die wir so bislang nicht wahrgenommen haben – so unmittelbar.

So weit will man aber nicht denken. Der Artikel wird gelöscht, man entschuldigt sich – allerdings ist es schon zu spät. Es rollt der Kopf es Blogchefs.

Von all dem hatte ich wenig gehört. Bis heute. Da las ich, dass jemand entsetzt war, dass 15 ihrer FB-Freunde mit dem Autor des Artikels befreundet seien – alles „sonst eigentlich intelligente Menschen“. Namen wolle sie keine nennen, sie wolle ja „niemanden an den Pranger stellen“, frage sich aber, ob wir „nur Freundesammler wären“. Ich fühlte mich angegriffen. Noch mehr, als dann eine „persönliche Nachricht“ kam.
Es ist ein Dilemma. Guter Stil war der Artikel des Philosophen nicht. Andersdenkende als krank zu bezeichnen, ist gar billig. Man wertet ab und entbindet sich selber der (stichhaltigen) Argumentation. Krankheit erklärt ja irgendwie alles.

Ich finde das Internet und Facebook insbesondere schwierig für politische Diskussionen. Likes und gleichgeschaltete Köpfe – darum geht es. Wer nicht passt, wird gekickt, wer einen Gekickten beherbergt, ist verdächtig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man muss sich bekennen. Zum einen oder zum anderen Lager. Da gibt es Fronten, alles, was vor den Mauern steht, wird eliminiert. Gnadenlos.

Niemand darf Freunde haben, die anders denken, als man selber. Niemand darf Menschen hinter den Gedanken sehen – es geht nur immer um die Politik. Und da wird nicht diskutiert. Ob das viel durchdachter ist als der Artikel des besagten Philosophen?

Ich rede mit allen Menschen. Ich teile kaum je alle Meinungen, das muss ich auch nicht. Ich habe oft Menschen erlebt, die absolut toll, liebenswürdig, hilfsbereit waren, die aber politisch ganz weit weg von mir sind. Ich habe sie auf FB und rolle oft die Augen und frage mich: Muss ich die nun entfreunden, weil das gegen FB-Gesetze verstösst? Menschen, die da waren für mich, die ich kenne, die Herz haben. Aber sie denken auf eine Weise, die ich nicht teile – politisch. Und die, ich weiss es, auch viele engagierte andere nicht teilen, die mir politisch näher wären.

Was suche ich auf Facebook? Ich suche Menschen, die ich mag, Menschen, die ich interessant finde. Ich suche neue Anregungen, neue Gedankengänge. Ich hoffe auf einen Austausch, der mir Facetten zeigt, die ich selber nicht sah.

Wer nur im eigenen Universum kreist, schaut nie über den Tellerrand hinaus.

Menschen sind vielschichtig, es ist nicht wie im Krimi, wo die Guten und die Schlechten sich gegenüber stehen. Ich sehe zuerst den Menschen. Dann seine Facetten. Einige gefallen, andere nicht. Und beides sag ich ihm. Wenn wir dann beide noch können miteinander, finde ich das gut. Jeder weiss vom anderen, wo er steht, ab und an krallt man sich die unliebsamen Themen und disputiert, dann wieder hält man sich an die Gemeinsamkeiten. Ist das falsch? Darf ich wirklich nur in einem Lager sitzen? Welches wäre es? Politik ist eines, dann gäbe es noch Religion. Kultur. Musikgeschmack. Interessen. Man versucht ja schon, einen Menschen zu heiraten, der in allen Bereichen übereinstimmt, die Scheidungsraten zeigen, wie realistisch das ist. Kann das wirklich das Kriterium sein für den persönlichen Umgang?

1 Comment

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  1. Sehr guter Beitrag Sunny und enthält so ziemlich alle Gedanken, die ich mir über diese Plattformen ebenfalls mache. Ich denke wir haben keine eindeutigen Lager mehr, denen man Menschen zuordnen kann, aber man muss grundsätzlich alles falsch finden was der vom anderen „Schubladenlager“ sagt, sonst gerät man in Verdacht.

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