Die fröhlich karierte Mütze halb ins Gesicht gezogen, schaute er aus kleinen Augen durch kreisrunde Gläser in die Welt. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, sie wollten gar nicht so richtig zur Mütze passen – als hätte er zur Stimmung das falsche Outfit gewählt.
Der letzte Bus war ihm vor der Nase abgefahren, was ihn aber nicht sehr zu beunruhigen schien. Er sass ruhig auf der Bank, von der Sonne beschienen, die Arme über die Rücklehne gebreitete: Er nahm den Raum ein, aber füllte ihn irgendwie doch nicht aus.
Ab und an wechselte er die Verkreuzung seiner Beine. Das war die einzige Bewegung, die an ihm zu sehen war. Die Sonne wirkte wie ein Scheinwerfer, sie rückte ihn ins rechte Licht. Ob das sein Auftritt war? Die Darstellung des Wartenden? Worauf wartete er?
Die Frage schien eine offensichtliche Antwort zu haben: Auf den nächsten Bus. Wobei, war das so klar? Vielleicht gab es eine ganz andere Antwort, die auch seine Ruhe ob des verpassten Busses erklären würde? Eine, die mir lieber wäre?
Ich würde mir lieber eine andere Geschichte vorstellen, nämlich: Er wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf die Liebe, die mit dem Bus kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass die heruntergezogenen Mundwinkel nicht Verdruss ausdrückten, sondern Konzentration, weil er sich immer wieder innerlich die Worte vorsagte, die er ihr gleich entgegen rufen wollte. Ich stellte mir vor, wie der nächste Bus käme, sie ausstiege, seine Miene sich aufklärte und sich in ein strahlendes Lächeln verwandelte. Ich stellte mir vor, wie er aufsprang, auf sie zuging, die Mütze plötzlich zum Gesicht passte. Ich stellte mir vor, wie er ihr all die Worte sagte, die er gerade noch so konzentriert geübt hatte.
Dann sah ich von weitem den Bus kommen. Noch bevor sich in mir weitere Vorstellungen breit machen konnten, stand er auf. Die Türen öffneten sich, keiner kam raus. Er stieg ein – ich hinter ihm. Wir setzten uns auf die gleiche Höhe in zwei unterschiedliche Abteile. Bei einem versteckten Blick zu ihm sah ich, dass sich in seinem Gesicht nichts geändert hatte. Noch immer war nur die Mütze fröhlich. Nur in mir weckte noch die Vorstellung des Strahlens nach.
Taschenbuch: 112 Seiten
Rilke, einer der wohl grössten deutschen Dichter, hat ein Thema immer wieder in seine Verse gepackt: Die Liebe. Aus seiner Feder stammen Gedichte, welche daraufhin über Jahrzehnte zwischen Liebenden ausgetauscht wurden. Es sind Gedichte, welche die Liebe feiern, sie hochheben. Es sind aber auch Gedichte eines Mannes, der selber einerseits zeitlebens auf der Suche nach (mütterlicher) Liebe war, sie andererseits aber nie auf Dauer leben konnte.
Isabell, unglücklich im Job, und ihr Nachbar und Freund Kalle, nicht weniger unglücklich in der Liebe, sind gefordert: Isabells Oma braucht Hilfe. Die rüstige Rentnerin ist immer im Einsatz für alle, die Hilfe brauchen, rennt vom Kirchenchor zur Häkelgruppe und von da reihum zu allen Nachbarn – und nun ist sie ausgebrannt. Weil sie nicht in eine Klinik will, reisen die Isabell und Kalle aus der Grossstadt in Omas kleinen Ort an der Ostsee, um ihr unter die Arme zu greifen und entwickeln quasi nebenbei eine Antistress-Therapie. Eigentlich könnten nun alle glücklich sein, gäbe es nicht jemanden, der ihnen in die Suppe spucken möchte.
Ich wurde von Siggi vom Blog
Kürzlich wurde ich auf Facebook aufgefordert – ich tappte in eine Spielefalle – ein altes Bild von mir zu posten. Von mir gibt es Kinderbilder und (eher selten) aktuelle. Dazwischen nichts. Ich stellte das Bild rein. Ein Bild von mir, als ich etwa 4 war. Silvesterabend, ich stand am Piano. Ich mag sonst diese Erinnerungsschübe nicht, wenn andere beginnen zu erzählen. Ich finde, das Leben spielt hier und jetzt. Und doch. plötzlich packte es mich.
Gebundene Ausgabe: 788 Seiten