Die Verortung des Ich
Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain
ein Vers Attilâ Ilhan
eine tausendjährige Sehnsucht, ergraut das Haar
[…]
Safiye Can stellt Fragen. Sie fragt nach Heimat, nach Zugehörigkeit, Sie thematisiert das Fremdsein in der Welt mit einem klaren, unverstellten Blick. Can wurde als Tochter tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main geboren. Es sind wohl autobiografische Fragen, aber es sind auch Fragen, die sich jeder stellt, der in dieser Welt lebt: Die Fragen nach dem eigenen Sein in dieser Gesellschaft, die ab und an nicht unsere zu sein scheint, auch wenn wir mitten drin sind.
Im vorliegenden Band kommen ganz unterschiedliche Gedichtformen der Lyrikerin zusammen: Langgedichte, kurze Alltagslyrik, visuelle und konkrete Poesie. Auch Liebesgedichte findet man:
Irgendwann
werden wir uns begegnen
und anblicken
wie zwei Kinder
die sich gegenüber stehen
wie einem Wunder.
Es sind Gedichte, die ohne Kitsch und abgedroschene Bilder auskommen, die von der Sprache leben, von dem, was ist und sein kann in leisen Tönen. Überhaupt besticht Safiye Cans Lyrik durch eine klare, schnörkellose Sprache. Es sind Worte, die offenlegen, eingängig sind, sich festsetzen, nachwirken.
Fazit:
Ein tiefgründiges, vielseitiges, hinterfragendes und nachhallendes Buch. Sehr empfehlenswert.
Autorin
Safiye Can studierte Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft in Frankfurt am Main. Sie schreibt Lyrik und Prosa, übersetzt aus dem Türkischen und gibt Lyrikworkshops an Schulen. Safiye Can wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis (2016) und dem Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2016). Sie lebt in Offenbach.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Wallstein (27. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3835330481
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
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