Udo Jürgens: Heute beginnt der Rest deines Lebens

Rousseau sagte einst:

Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.

Wir kommen auf die Welt, fangen bald schon an, diese zu erkunden. Erst noch frei, werden wir Schritt für Schritt mit den Regeln unserer Zeit und Gesellschaft bekannt gemacht. Wir passen uns an, wir müssen – denn: Wer sich nicht anpasst, der passt nicht. Und so baut sich von aussen und bald auch von innen ein kleines Gefängnis von Regeln und Vorschriften, davon, was geht und was nicht. Nicht dass solche Regeln für das Miteinander nicht wichtig und richtig wären, nur gehen sie so weit, das eigene Ich zu unterdrücken, aus kreativen, eigenständigen die Welt erforschenden kleinen Wesen konforme Mitmenschen zu machen.

Und ja, der Mensch will dazu gehören. Er will geliebt sein, er will akzeptiert sein. Er schickt sich rein. Und leidet ab und an. An diesem und jenem. Und irgendwann fragt er sich: Ist es das wirklich? Ist das mein Leben? Teilweise ja, teilweise könnte man was ändern. Wenn man es wagt. Da setzt Udo Jürgens an:

Heute beginnt der Rest deines Lebens

Du hast jeden Tag die Chance, das Leben in die Richtung zu lenken, die du ihm geben willst. Du kannst es wagen, frei von Regeln zu sein, Heuchelei musst du nicht mehr ertragen und auch nicht mehr selber von dir geben. DU kannst dein Glück fassen, musst nicht nur suchen und dann doch wieder tun, was du immer tatest.

Es muss nicht alles perfekt sein, es darf auch mal aus der Norm fallen. Bleib einfach ehrlich. Tu, was du willst, will, was du tust, was kümmert dabei, wie alt du bist? Du hast heute die Chance, das zu tun, was du tun willst – Nutze sie!

Es geht nicht drum, was du hast, sondern darum, was du bist. Sein statt Schein. Wie befreiend. Steh zu deinen Gefühlen, verliere keine Zeit mit vagen Worten, mach! Wenn du Träume hast, verfolge sie, lass dich nicht brechen, steh zu dir. Verfall nicht in Trägheit, sondern pack es an. Heute. Und ja, zu zweit klappt es vielleicht besser. So oder so: Heute beginnt der Rest deines Lebens, drum:

Carpe diem!

Songtext

Von jetzt an Freiheit wagen,
Heuchelei nicht ertragen,
Das Glück erfassen,
Statt nur suchen nach mehr…

Fünf einmal g’rad sein lassen,
Nicht in Tabellen passen,
Und um die Wahrheit kämpfen…

Tun, was man will,
und woll’n, was man tut.
Ob jung oder alt,
Gilt uns’re Devise…

Heute beginnt – der Rest deines Lebens
Jetzt oder nie – und nicht irgendwann!
Schau‘ auf dein Ziel – kein Traum ist vergebens.
Heut‘ fängt die Zukunft an!

Von jetzt an Sein statt Haben,
Nicht das Gefühl vergraben,
Einander finden,
Anstatt Worte verlier’n…

Über die Trägheit siegen
Und nicht das Rückgrat biegen.
Nicht seinen Traum verraten

Seh’n mit dem Herz
Und nie resignier’n
Mit dir Hand in Hand
Alles erfühlen…
Refrain

Heute beginnt – der Rest deines Lebens
Heute fängt an – was du daraus machst!
Geh‘ durch die Nacht – dem Morgen entgegen,
Als ob du neu – erwachst…

Zukunftsplanung

Wie immer bei Facebook – das Leben ist aktuell, Meinungen werden geteilt.

Meine Timeline grad so:
A: Bitte seid für erneuerbare Energien, bitte stimmt für Energie 2050, damit unsere Tiere und wir weiter leben können

In Opposition:

B: Bitte stimmt dagegen, sonst sterben Vögel und andere in den und durch die Windräder(n)…

Der einfachste Weg wäre, zu sagen: Tot sind sie eh… Aber: Schön wäre, Argumente zu kriegen, die ehrlich sind und nicht nur der eigenen Sache dienen. Aber das ist wohl zuviel verlangt. Drum funktioniert heute eine Demokratie nicht mehr. Die gefärbten Infos überfluten, wirklich ehrliche Argumentation muss man sich mühsam suchen. Wer tut das schon? Man kriegt den Rest ja frei Haus. Das ist nicht neu. So läuft es. Das wissen die, welche plakativ streuen. Darin liegt die Gefahr. Nicht nur bei der Energie. Da wohl fast am wenigsten. Obwohl es um Lebensgrundlagen geht…

Erich Fried: Heimweg von Delphi

Das Gedicht musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Warngedichte“

Im vorliegenden Gedicht haben wir ein lyrisches Ich, das seine Grösse daran erkennt, dass es die eigene Kleinheit sieht, seine Stärke daran, dass es sich die eigene Schwäche einsieht. Seine Klugheit aber zeigt sich daran, zu vergessen, dass es eben klein, schwach, dumm und vergesslich ist. Aufgrund seiner Ratio, seiner Vernunft neigt das lyrische Ich zu einer Selbstüberschätzung, die das Ich blind werden lässt gegenüber den eigenen Schwächen und Fehlern.

Der Titel weist auf das Orakel von Delphi hin. Die Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet „Erkenne dich selbst“ (griech.: gnothi seauton, Γνῶθι σεαυτόν). Ursprünglich gemeint war damit, dass der Mensch seine eigene Begrenztheit erkennen solle (im Gegensatz zu den Göttern). Ziel dieser Erkenntnis sollte sein, nicht zu Selbstüberschätzung zu neigen, sondern bescheiden zu bleiben. Die Forderung zur Selbsterkenntnis wurde von verschiedenen Philosophen aufgenommen. Während die Philosophen vor Platon eher zur Bescheidenheit und zum Akzeptieren des eigenen Platzes in der Welt rieten, sah Platon nur noch den Körper als beschränkt, in ihm aber eine unsterbliche, gottähnliche Seele wohnend.

Das Orakel von Delphi hatte einst Sokrates als weisesten Mann Athens bezeichnet, was dieser nicht verstehen konnte und sich auf die Suche nach jemandem machte, der weiser als er selber wäre – er fand keinen. Im Zusammenhang damit entstand das wohl bekannteste Diktum von Sokrates, dass er wisse, was er nicht wisse. Da er immerhin dieses wisse, könne er vielleicht doch als weiser Mann gelten, so seine Schlussfolgerung – wir kennen sie nur aus Platons Überlieferungen.[1]

Erich Fried hat sich in verschiedenen Gedichten und Texten mit Sokrates beschäftigt. Dabei fällt immer wieder seine Skepsis gegenüber der Vernunft auf. Fried spricht ihr die Fähigkeit ab, die wirkliche, „letzte Wahrheit“ über das Sein zu erkennen. Das zeigt sich auch in diesem Gedicht deutlich: Während die erste Strophe die eigentliche Selbsterkenntnis zeigt, wie sie das Orakel von Delphi mit seinem „Erkenne dich selbst“ fordert, kehrt das lyrische Ich zurück zu seinem Verstand und verschliesst sich gegenüber jeglicher Selbsterkenntnis.

Frieds Aussage: Wir, die wir uns für so klug halten, sehen eigentlich das Wesentliche nicht. Wir verschliessen unsere Augen vor der wirklichen Wahrheit, indem wir uns aufgrund unserer Ration eine zurechtbasteln. Analytisch, kompromisslos, deutlich – ein echter Fried halt!

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[1] Platon: Apologie des Sokrates (21d): Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

IKEA – oder: Kerzen gehen immer

Ein Besuch bei IKEA ist meist zielgerichtet: Man braucht was. Man fährt also guten Mutes los, will das traute Heim bestücken mit dem, was grad fehlt. Mit im Gepäck der feste Vorsatz:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

So läuft man schon von Anfang an ziemlich gestresst durch all die Gänge, schliesslich weiss man, was man will, muss nur die restlichen Bereiche durchschreiten, denn: Bei IKEA kann man nicht einfach dahin, wo man hinwill, NEIN(!!!), man muss durch alles hindurch. Und da sieht man viel. Darauf legt es IKEA an und man weiss das. Und man wappnet sich dagegen mit Kampfsprüchen wie:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

Und so läuft man durch die Gänge, legt in den Korb, packt wieder aus, wird wieder schwach, legt zurück. Und ab und an findet man, weswegen man kam, ab und an auch nicht, nur: Was man immer heimbringt?

KERZEN

Weil: Kerzen kann man immer brauchen. Kerzen gehen immer. Kerzen sind so das, was man nie irgendwo günstiger und besser fände. Drum packt man ein, was grad so passt und ausgehen könnte. Und selbst wenn man noch ein paar hätte, denkt man, sie könnten ausgehen und man weiss nicht, wann man wiederkommt. Schliesslich ist IKEA gefährlich und man will sich dieser Gefahr nicht zu häufig ausetzen. Und man packt ein. Kleine Kerzen, grosse Kerzen, bei all den Kerzen auch noch Behälter, sie reinzustellen.

Und irgendwann geht der Stauraum aus für all die ach so günstigen Kerzen, die man nie schnell genug abbrennen konnte, man müsste umziehen oder anbauen. Doch dann fehlt was. Und man denkt:

Ich geh mal schnell zu IKEA

Und wenn man mal da ist, sieht man sie und findet

Kerzen gehen immer

Es ist ein Kreuz!

Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten (Rezension)

Schaurig schöne Geschichten

Von Madame L’Espanaye fehlte jede Spur. Doch aufgrund der ungewöhnlichen Menge Russ in der Feuerstelle wurde der Kamin inspiziert und (horribile dictu!) der Leichnam der Tochter, mit dem Kopf nach unten, herausgezogen. […] Nach gründlicher Durchsuchung aller Winkel des Hauses, die keine weiteren Aufschlüsse erbrachte, begab sich die Gruppe in einen kleinen, gepflasterten Hinterhof, wo der Leichnam der alten Frau lag; ihr Hals war so vollständig durchtrennt, dass, als man sie hochzuheben versuchte, der Kopf abfiel.

PoeUnheimlicheEdgar Allan Poe ist ein wahrer Meister des Grauens und er gilt auch als Erfinder des Detektivromans. Im vorliegenden Band zeigt er sich von seiner schaurig-schönsten Seite. Der Titel verspricht nicht zuviel, wenn von unheimlichen Geschichten die Rede ist.

Herausgegeben wurde das Buch von Charles Baudelaire, welcher sich schon in jungen Jahren von Poes Werk angezogen fühlte, es später durch seine Übersetzungen nach Europa brauchte.

Der vorliegende Band ist der erste einer geplanten fünfbändigen Neuauflage von Poes Werk. Er enthält folgende Geschichten:

  • Der Doppelmord in der Rue Morgue
  • Der entwendete Breif
  • Der Gold-Skarabäus
  • Ente einer Ballonfahrt
  • Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall
  • „Manuskript in Flasche gefunden
  • Ein Sturz in den Malstrøm
  • Die Faktem im Fall von M. Valdemar
  • Mesmerische Offenbarung
  • Eine Geschichte aus den Ragged Mountains
  • Morella
  • Ligeia
  • Metzengerstein

Abgerundet wird das Buch durch einen Text von Charles Baudelaire zu Edgar Allen Poes Leben und Werk sowie durch ein Nachwort des Übersetzers Andreas Nohl, welcher eine wirklich herausragende Übersetzungsarbeit geleistet hat. Das Buch besticht zudem über ein schönes Layout und einen hochwertig gestalteten Schutzumschlag, Leinenbezug und ein Lesebändchen. Ein rundum wunderbares Lesevergnügen.

Fazit:
Schaurige, grausame, abenteuerliche, skurile Geschichten und Menschen in einer mehr als gelungenen Neuauflage und Neuübersetzung. Unheilmliche Geschichten, die man jedem Edgar-Allan-Poe-Fan ans Herz legen möchte – und allen, die es werden möchten. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und weiteren Mitwirkenden
Edgar Allan Poe, geboren 1809 in Boston als Sohn von Schauspielern, gilt als eigenwilligste und faszinierendste Dichterpersönlichkeit im Amerika des 19. Jahrhunderts. Sein kurzes, aber bewegtes Leben, das 1849 in Baltimore unter geheimnisvollen Umständen ein Ende fand, wurde schon bald zur Legende.

Charles Baudelaire, geboren 1821 in Paris, begründete als Herausgeber und Übersetzer der Werke Edgar Allan Poes dessen Weltruhm. Mit seinem Gedichtzyklus Fleurs du Mal (1857) setzte er ein neues Datum in der Dichtungsgeschichte. Er starb 1867 in seinem Geburtsort.

Andreas Nohl wurde 1954 in Mülheim an der Ruhr geboren. Seine Übersetzungen u.a. von Mark Twains Tom Sawyer & Huckleberry Finn und Rudyards Kiplings Dschungelbuch wurden von der Presse hochgelobt. Zuletzt erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. März 2017)
Herausgeber: Charles Baudelaire
Übersetzer: Andreas Nohl
ISBN: 978-3423281188
Preis: EUR 28 / CHF 39.9’
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Leonard Cohen: I’m Your Man

Wenn zwei sich finden, wünschen sie sich, dass es klappt. Und sie wären zu vielem bereit, je das Ihre zu tun, dass es klappt. Welche Frau wünscht sich nicht ab und an den Mann, der einfach da wäre? Und ja, Frauen sind nicht ganz einfach, manchmal wechseln die Wünsche schneller, als Mann auf drei zählt. Wie schön wäre es, würde der Mann einfach immer dastehen und sagen:

Ich bin dein Mann!

Heute ist ihr nach Zärtlichkeit, morgen will sie Pferde stehlen, übermorgen einfach mal in den Arm genommen werden. Und immer steht er da und sagt:

Ich bin dein Mann!

Er schafft es wohl nicht immer, es ist auch nicht einfach. Gewisse Wünsche sind nicht nachvollziehbar, einige nie ausgesprochen. Ab und an wird es schwer und vielleicht bricht alles auseinander. Doch: Er möchte es sein. Möchte es bleiben. Und er setzt sich ein. Geht gar auf die Knie und sagt:

Ich bin dein Mann!

Klar, es ist ein gar idyllisches Bild und man könnte sagen: He, Mann, steh mal denselben und steh hin! Sag auch, was du willst! Und zur Frau: Sei nicht nur Prinzessin, was bietest du? Aber doch… so ganz tief drin im Herzen, wünscht man sich diese unbedingte und bedingungslose Liebe, diesen Partner, der einfach da ist, egal, was einen grad reitet.

Liebe ist, wenn einem das Glück des anderen mehr am Herzen liegt als das eigene. Wenn das eigene Glück wächst, wenn der andere glücklich ist. Das sollte natürlich auf beiden Seiten so sein. Aber… bei aller Emanzipation und allem Streben nach Gleichheit, ein paar romantische Ideen haben sich gehalten. Sie sitzen tief und sie wärmen das Herz. Die holde Prinzessin, die auf den tapferen Ritter in der goldenen Rüstung auf dem Schimmel wartet ist ein Bild, das irgendwo in romantischen Seelen festsitzt. Und dem wird das Lied gerecht. Er kommt, der Ritter, und sagt:

Ich bin dein Mann!

Leonard Cohen: I’m your man
If you want a lover, i’ll do anything you ask me to.

And if you want another kind of love, i’ll wear a mask for you.

If you want a partner, take my hand, or
If you want to strike me down in anger
Here I stand
I’m your man

If you want a boxer
I will step into the ring for you
And if you want a doctor
I’ll examine every inch of you
If you want a driver, climb inside
Or if you want to take me for a ride
You know you can
I’m your man

Ah, the moon’s too bright
The chain’s too tight
The beast won’t go to sleep
I’ve been running through
These promises to you
That I made and I could not keep

Ah, but a man never got a woman back
Not by begging on his knees
Or I’d crawl to you baby
And I’d fall at your feet
And I’d howl at your beauty
Like a dog in heat
And I’d claw at your heart
And I’d tear at your sheet
I’d say please, please
I’m your man

And if you’ve got to sleep a moment on the road
I will steer for you
And if you want to work the street alone
I’ll disappear for you
If you want a father for your child
Or only want to walk with me a while
Across the sand
I’m your man
If you want a lover
I’ll do anything that you ask me to
And if you want another kind of love, I’ll wear a mask for you.

Meine Übersetzung

Wenn du einen Liebhaber willst, werde ich alles tun, worum du mich bittest.

Und wenn du eine andere Art der Liebe willst, werde ich eine Maske für dich tragen.

Wenn du einen Partner willst, nimm meine Hand, oder
wenn du mich niederschlagen willst im Zorn
stehe ich da
Ich bin dein Mann

Wenn du einen Boxer willst
werde ich für dich in den Ring steigen
und wenn du einen Arzt willst
untersuche ich jeden Centimeter von dir
Wenn du einen Fahrer willst, steiug ein
oder wenn du mich mitnehmen willst
weißt du, du kannst
Ich bin dein Mann

Oh, der Mond ist zu hell
die Ketten sind zu eng
der Dämon wird nicht schlafen gehen
Ich bin immer wieder hindurch gegangen
durch diese Versprechen an dich
die ich gemacht habe und nicht halten konnte

Oh, aber ein Mann kriegte nie eine Frau zurück
wenn er nicht auf Knien bat
Oder ich würde zu dir kriechen Baby
und mich dir zu Füssen legen
Ich würde deine Schönheit anheulen
wie ein räudiger Hund
Und ich würde nach deinem Herz greifen
und würde in dein Laken winen
Ich würde dich bitten, bitten
Ich bin dein Mann

Und wenn du auf deinem Weg einen Moment schläfst
würde ich für dich steuern
und wenn du den Weg alleine gehen willst
würde ich für dich verschwinden
und wenn du für deine Kinder einen Vater möchtest
oder auch nur eine Weile mit mir gehen möchtest
durch den Sand
Ich bin dein Mann
Wenn du einen Liebhaber willst
Ich würde alles für dich tun, worum du mich bittest
Und wenn du eine andere Art der Liebe möchtest, würde ich für dich eine Maske tragen.

Theodor Fontane: Rückblick

Es geht zu End’, und ich blicke zurück.
Wie war mein Leben? wie war mein Glück?

Ich saß und machte meine Schuh’;
Unter Lob und Tadel sah man mir zu.

„Du dichtest, das ist das Wichtigste…“
„‚Du dichtest, das ist das Nichtigste.‘“

„Wenn Dichtung uns nicht zum Himmel trüge…“
„‚Phantastereien, Unsinn, Lüge.‘“

„Göttlicher Funke, Prometheusfeuer…“
„‚Zirpende Grille, leere Scheuer.‘“

Von hundert geliebt, von tausend mißacht’t,
So hab’ ich meine Tage verbracht.

1895 schreibt Theodor Fontane dieses Gedicht. Er blickt auf 76 Jahre zurück, davon 46 Jahre als Schriftsteller. 1849 hatte er beschlossen, den Apothekerberuf aufzugeben, um ganz als freier Schriftsteller zu leben. Es waren nicht nur einfache Jahre, vor allem am Anfang waren er und seine Familie von finanziellen Sorgen geplagt. Manch einer wird ihm wohl gesagt haben, er hätte den falschen Schritt gewagt, manch einer sein Schreiben belächelt haben – und auch er selber zweifelte ab und an, meinte gar, nicht wirklich schreiben zu können. Zum Glück hat er nicht auf die anderen und eigenen Stimmen gehört.

1892 erkrankte Fontane an einer Gehirnischämie, worauf ihm der Arzt riet, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Auch entstanden in der Zeit einige seiner wundervollsten Werke, wie zum Beispiel Effi Briest, sowie auch die autobiografische Schrift Von Zwanzig bis Dreissig. Die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit war also in diesen Jahren Programm.

So schaut das lyrische Ich also zurück, zieht quasi Bilanz. Es fragt nach seinem Leben, nach seinem Glück. Es sieht, wie es – ganz Schuster, der bei seinen Leisten blieb – tat, was ihm gegeben war. Es sieht auf die anderen, welche über es urteilten, mal positiv, mal negativ. Auch den Stellenwert der Dichtung bezieht es mit ein in seinen Rückblick: für die einen wichtig, für die anderen Unsinn. Und so kommt es zum Schluss, dass es wohl von weniger Menschen geliebt wurde als missachtet. Und doch: Wenn wir an den Anfang zurück gehen, sehen wir es: Da fragt das Ich nach dem Leben und nach dem Glück – es muss also ein solches gewesen sein.

Es gibt im Leben immer andere, die sich herausnehmen, sich ein Urteil zu bilden und dieses als alleinige Wahrheit zu verkaufen. Da steht man dann und sieht sich auf sich selber zurückgeworfen, hinterfragt das eigene Tun, Zweifel kommen auf. Man es den anderen recht machen, nur: Wenn man das tut, kommen wieder andere, die wieder andere Wahrheiten verkünden. Allen wird man nie gerecht.

Es ist wohl richtig und wichtig, sich zu hinterfragen. Schlussendlich kann man nur seinen Weg gehen. Es gibt Menschen, die begleiten einen, andere ziehen weiter. Das ist das Leben. Und: Man stelle sich vor, Theodor Fontane hätte auf die kritischen und abwertenden Stimmen gehört und das Schreiben eingestellt. Nie hätten wir mit Effi Briest mitgelitten, nie seine Gedichte zu Gesicht bekommen. Auch dieses hier nicht.

Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte (Rezension)

Poesie als sinnliche Rede

Zum Inhalt

Letzter Winter
Des Tages ist die Sonne und
nachts der Mond
über den Bergen.
Doch das Herz ist ertrunken
lang in den blauen Schatten
des Tals.

Am 9. April 2017 wäre Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat die DVA seine Gedichte neu in einem Band verlegt. Der Band besteht aus drei Teilen:

  • Die Gedichte: Sämtliche Gedichte, die Bobrowski selber herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat
  • Gedichte aus dem Nachlass
  • Anhang

BobrowskiGesammelteGedichteDie Gedichte umfassen den Gedichtband Sarmatische Zeit (1961), Schattenlandströme (1962), und Wetterzeichen (leider nicht mehr zu Lebzeiten publiziert, aber für die Publikation vorbereitet). Diese drei Gedichtbände stellen Bobrowskis Hauptwerk dar. Daneben existieren vereinzelte Gedichte, die an unterschiedlichen Orten publiziert, aber zu keiner Sammlung vereinigt worden waren.

Teil 2 des vorliegenden Bandes umfasst die Gedichte aus dem Nachlass. Darin enthalten sind Gedichte aus den Jahren 1935 – 1965. An ihnen lässt sich auch gut die Entwicklung Bobrowskis als Lyriker ablesen.

Den Abschluss macht ein umfangreicher Anhang, der einerseits ein Nachwort von Helmut Böttinger (Literaturkritiker) enthält, des Weiteren editorische Nachbemerkungen, Bobrowskis Lebensdaten sowie ein alphabetisches Gesamtverzeichnis.

Bobrowskis Lyrik
Bobrowski bezeichnete Poesie einst als „vollkommen sinnliche Rede“. Dichtung solle dabei nicht anheimeln, sie solle die Zeit zeigen, wie sie ist, nicht verschönernd, sondern mit all ihren Dissonanzen, Unruhen und Spannungen. Er selber verwirklichte das oft mit Stilmitteln wie der Inversion und des Enjambements. Beide durchbrechen den normalen Fluss der Sprache, setzen Akzente und bauen Spannungen auf. Beide können sie Dissonanzen verstärken und Disharmonie herstellen – das, was Bobrowski auch in der Welt sah und ausdrücken wollte.

Die Enjambements tragen also den Inhalt in die Form und verstärken ihn so. Indem das Enjambement die Versgrenze überschreitet, widerspricht es dem eigentlichen Sprachgefühl und hat so eine akzentuierende Funktion im Gedicht. Dasselbe gilt für die Inversion, bei welcher das Subjekt an den Schluss gestellt wird, Prädikat und Adjektiv ihre angestammten Plätze in der Syntax verlassen, so dass sich eine Spannung hin zum Subjekt aufbaut.

Trotz dieser Stilmittel sind Bobrowskis Gedichte oft in alten Gedichtformen verhaftet. Er legte grossen Wert auf Versmass und Metrum, es findet sich auch die klassische Ode in seinen Werken und Gedichte, die sich ganz offensichtlich an den alten Meistern orientieren. Trotzdem bewegt er sich inhaltlich in der Gegenwart.

Thema seiner Lyrik sind oft die Landschaften und Siedlungen Osteuropas, sind die Zeit und ihre Wunden durch den Krieg. Bobrowski war wies auf die Geschichichte und war dabei immer auch politisch. Er spielte eine einzigartige Rolle als Vermittler zwischen Ost und West, indem er auf eine Weise schrieb, die für den Osten eigentlich fast nicht denkbar schien.

In den Gedichten aus dem Nachlass finden sich aber auch leisere Töne. Gedichte über Blumen, die seine Sinnesschärfe und Beobachtungsgabe zeigen, die trotz leiser Töne auch ab und an kritische Zwischentöne mitklingen lassen, ohne dabei das schöne Bild zu stören.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Lyrikers. Laute und leise Töne, alte Formen und neue Inhalte, Poesie, die durchdringt, in der Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Sehr empfehlenswert.

Autor
Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit geboren. Ab 1949, nach der Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, lebte er in Ostberlin, wo er als Lektor arbeitete. 1961 publizierte er seinen ersten Lyrikband „Sarmatische Zeit“, der wie auch seine folgenden Bücher parallel in Ost- und Westdeutschland erschien. 1962 wurde ihm der Preis der Gruppe 47 verliehen, 1965 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis für den Roman „Levins Mühle“. 1965 starb der Dichter in Ostberlin. Seine Texte sind in über 35 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 752 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (13. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3421047625
Preis: EUR 34.99/ CHF 48.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Udo Jürgens: Gib mir deine Angst

 

Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich. Am Anfang ist alles neu. So viele Narben der Vergangenheit prägen das Verhalten, Fühlen, die Worte. Man hat sich eine Welt zurechtgelegt, die gut klingt, darunter brodelt oft ein ganzer Gefühlsvulkan. Man spricht von Freiheit, fühlt sich allein, man träumt eine Zukunft, will den Mut haben, dahinkommen. Man möchte fühlen, hat aber Angst. Und dann sagt der andere:

Gib mir deine Angst.

Auch er hat Angst. Er ist unsicher und hat Zweifel, ob er wirklich geliebt ist. Er bittet sie um ein Zeichen, möchte bei ihr zuhause sein. Doch dann, wenn sie bei ihm ist, dann will er alles geben, dass sie Hoffnung und Gewissheit hat, dass die Nacht zum Tag wird und der Traum nicht mehr nötig, da er Wahrheit bringt. Ein Leben gemeinsam. Wie beide es sich wohl wünschen.

Ein unglaublich tiefes Liebeslied, das die leise entstehende Liebe in all ihren Facetten und Ängsten ergreift und zeigt, wie es weiter gehen könnte. Und jeder hofft, dass es so sei. Dass es einen gemeinsamen Weg gibt.

Solang ich dich nicht verlier,
find ich auch einen Weg mit dir.
Mit dir.
Mit dir.

 

Der ganze Text

Du sagst, du bist frei,
und meinst dabei,
du bist alleine.
Du sagst, du bist stark,
und meinst, du hast
noch ein paar Träume.
Jeder Blick aus deinen Augen
ist ein stummer Hilfeschrei,
mir geht es genau wie dir,
du kannst ruhig ehrlich sein.

Du sagst, dir geht’s gut,
jedoch, das klingt bei dir
so bitter.
Wenn ich dich berühr’,
ist mir, als spür ich, dass du zitterst.
Deine Seele ist voll Narben,
du hast Angst, sie brechen auf.
Vergrab dich in meinem Arm,
ich schütze dich
so gut ich kann.

Gib mir deine Angst,
ich geb’ dir die Hoffnung dafür.
Gib mir deine Nacht,
ich geb’ dir den Morgen dafür.
Solang ich dich nicht verlier’,
find ich auch einen Weg mit dir.

Schau mir ins Gesicht,
ich suche dich
in deinem Schweigen.
Noch fällt es uns schwer,
das, was wir fühlen,
auch zu zeigen.
Doch ich will in dir versinken,
bis uns beide nichts mehr trennt,
und wenn dich die Kraft verlässt,
vertrau auf mich
und halt dich fest.

Gib mir deine Angst,
ich geb’ dir die Hoffnung dafür.
Gib mir deine Nacht,
ich geb’ dir den Morgen dafür.
Gib mir deine Angst,
ich geb’ dir Gewissheit dafür.
Gib dir deinen Traum,
ich geb’ dir die Wahrheit dafür.

Solang ich dich nicht verlier’,
find’ ich auch einen Weg mit dir.

Gib mir das Gefühl,
dass es ein Zuhaus’
für mich gibt.
Gib mir Zuversicht,
die all meine Zweifel besiegt.
Gib mir deine Angst,
ich geb’ dir die Hoffnung dafür,
gib mir deine Nacht,
ich geb’ dir den Morgen dafür.

Solang ich dich nicht verlier,
find ich auch einen Weg mit dir.
Mit dir.
Mit dir.