Eine Geschichte: Gelernt ist gelernt (XXXXIV)

Lieber Papa

Neues Jahr, neues Glück heisst es. Das würde nicht so sein dieses Jahr. Der Arzt brachte die Botschaft zum neuen Jahr:

«Wir haben neue Ableger gefunden. Auf der Niere.»

Nun also auch die Niere. Der Krebs annektierte Stück für Stück des Körpers. Er frass sich durch die Zellen und ebenso durch uns. Er nistete sich in den Gedanken ein und breitete sich aus. Nahm jeden Platz ein, den er fand. Nur bis in die Worte drang er nicht. Wir schwiegen. Darüber, was das bedeutete. Was kommen würde. Kein Wort. Wir blieben bei den eingeübten Floskeln, bei den Gemeinplätzen. Und zwischendurch sagtest du immer:

«Es kommt schon gut.»

Und ich nickte. Wie ein Wackeldackel nickte ich. Mehr als nötig. Vielleicht, um das laute NEIN in meinem Kopf herauszunicken. Weil ich dem Nicken glauben wollte, nicht dem Zweifel. Die nächste Runde Chemo wurde eingeläutet. Ambulant.

Ich sah dich schon von weitem. Klein sassest du in deinem Stuhl, die Infusion schon gesteckt.

«Wo ist Mama?»

«Sie hatte zu viel zu tun. Der Spaziergang mit den Hunden. Und mehr.»

«Darfst du fahren mit all den Medikamenten?»

Das wolltest du nicht hören. Was fragte ich auch, die Antwort war klar.

«Das geht schon.»

Ich erinnerte mich, wie du bei Grossvati wettertest, als er mit 76 noch mit seinem Moped durch die Strassen fuhr. In dem Alter sei das verantwortungslos. Meintest du. Obwohl er gesund war. Du warst 84. Und alles andere als gesund. Die Sturheit scheint sich in unserer Familie vererbt zu haben.

Deine Fahrten dauerten nicht lange, schon bald musstest du wieder bleiben und ich kam jeden Tag. Jedes Mal mit Herzklopfen vor deiner Tür. Ich klopfte leise. Streckte den Kopf durch den Spalt. Sah dich liegen. Oft schlafend. So klein. So fein. Ärmchen wie dürre Äste. Ich hörte deinen Atem. Sah dein liebes Gesicht. Spürte Tränen aufsteigen. Schluckte sie runter.

«Contenance!»

Sagte ich mir. Nicht die Haltung verlieren. Nicht hier. Nicht vor dir. Dich nicht belasten mit meiner Trauer, die mir wohl trotzdem ins Gesicht geschrieben stand. Ich miserabler Schauspieler ich. Hätte ich das mal besser bei dir gelernt, als noch die Zeit dazu war. Und doch: Keine Schwäche zeigen konnte ich. Das hatte ich lange geübt.

Wenn du dann die Augen aufschlugst, so klein und matt, wie sie geworden waren, lächeltest du mich immer an. Sprachst mich an. Leise. Schwach. Und doch so freudig.

«Hallo Papa! Wie geht es dir?»

Wir sind unseren Floskeln treu geblieben. Contenance. Bis zum Schluss. Das kannten wir. Das konnten wir.


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6 Kommentare zu „Eine Geschichte: Gelernt ist gelernt (XXXXIV)

  1. Liebe Sandra, tiefberührend sind diese Zeilen für mich, denn ja, so sind wir, wenn ein Krebs in die Familie einschlägt. Ich wünsche Dir ausreichend Kraft für die weiteren Zeilen. Und manchmal heißt es eben: Soweit Du kommst… LG

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