Jeden Morgen sagte sie zu ihrem Krebs: Du wirst mich nicht besiegen.
Der Krebs muss wissen, dass er einen starken Gegner hat, sagte sie.

Nach der Kindheit in Finnland trennen sich die Wege von Sisko und Mirja. Sisko geht nach England, Mirja nach Deutschland. Als Sisko an Krebs erkrankt, reist Mirja zu ihr und die Schwestern kommen sich wieder näher. Gemeinsam erleben sie ihre Kindheit nochmals durch ihre Erinnerungen.

In einer kurzen, knappen Sprache erzählt Marjaleena Lembcke die Geschichte der ungleichen Schwestern, lässt durch die bruchstüchhaften Erinnerungen die ganze Familiengeschichte langsam ans Tageslicht treten. Durchbrochen werden die Erinnerungen von aktuellen Ereignissen, die gezeichnet sind von Siskos Krankheit.

Fazit
In dichter Sprache bruchstüchhaft zusammengewürfeltes Mosaik eines Lebens – intensiv, bitter, schlicht und doch tief. Empfehlenswert.

Zum Autor
Marjaleena Lembcke wurde 1945 in Kokkola/Finnland geboren und studierte Theaterwissenschaften und Bildhauerei. Seit 1967 lebt sie in der Nähe von Münster in Westfalen. Sie schreibt für Kinder und Jugendliche ebenso wie für Erwachsene. Für ihre Bücher wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 1999, und mehrfach nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr Werk wurde bisher in elf Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
LembckeBleibenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (22. Februar 2016)
ISBN-Nr.: 978-3312006885
Preis: EUR 19.90

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Ernesto war 16, als er aus Kalabrien in die Schweiz kam. Er hatte Glück und fand als Metzgergehilfe eine Stelle. Bei der Metzgerfamilie wohnte ein Mädchen in seinem Alter. Sie gefiel ihm sehr. Er ihr auch. Ernesto führte Klara zum Tanz aus, sie schlenderten durch die Lauben Berns, sassen an der Aare. Das Leben war schön. Klaras Vater war wenig begeistert von Ernesto. „Was willst du mit dem dahergelaufenen Tschingg? Der taugt doch nichts. Der bringt es nie zu etwas. Klara gehorchte ihrem Vater und hielt sich von Ernesto fern. Und sie war traurig. Das fiel allen auf. Nur nicht dem Vater, der hatte genug zu tun mit seinen Frauengeschichten und dem Spielsalon. Klara war allein. Eines Abends klopfte es an Klaras Tür, Ernesto stand davor. An diesem Abend beschlossen sie, gemeinsam weiter durchs Leben zu gehen. Und es allen zu zeigen, dass sie es zu etwas bringen konnten.

Ernesto wechselte die Stelle. Er wurde Hauswart in einem Geschäftsgebäude. Daneben arbeitete er bei verschiedenen Auftraggebern und tat, was zu tun war. Klara putzte. Sie kriegten Kinder, arbeiteten beide weiter hart. Sie sparten. Ihre Kinder sollten es gut haben und sie irgendwann auch. Tag und Nacht war Ernesto im Einsatz. Das Telefon stand kaum still, Ernesto auch nicht. Klara litt dann und wann darunter, sie war immer allein – mit den Kindern, mit sich. Ernesto versprach ihr immer: „Klara, wenn ich erst mal pensioniert bin, dann holen wir alles nach. Wir haben hart gearbeitet, wir haben gespart, wir werden es schön haben. Aber: Von nichts kommt nichts.“ Klara war besänftigt. Für den Moment. Dann kam die Einsamkeit wieder. Sie ging in die Ferien. Ging in die Stadt. Träumte von einem Restaurantbesuch zu zweit, von Urlaub als Paar, von Zeit zusammen. Und war doch allein.

Ernesto tat alles, was er konnte. Er arbeitete hart, er war rundum angesehen deswegen. Er war nicht nur der Hauswart, er war der Mann, der half, wenn irgendwo Not am Mann war – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, alle Wochen im Jahr. Auch an Weihnachten und Silvester.

Ernesto wurde älter, die Pension rückte näher. Von seiner Firma wurde er in der Firmenbroschüre als bester Hauswart überhaupt porträtiert. Sein Einsatz hatte sich gelohnt. Er war stolz und alle um ihn auch. Nach der Pensionierung wurde es nicht gleich ruhiger. Die Nebenjobs von früher liefen noch weiter. Klara drängte auf mehr Ruhe. Sie wollte endlich, dass das Warten auf eine gemeinsame Zeit ein Ende hätte. Dann kam die Ruhe. Es war eine Frage der Zeit, wie lange sie dauert. Wobei nachher noch mehr Ruhe wäre.

Er hatte gestreut. Der Krebs. Angefangen im Darm, breitete er sich aus, nahm in Beschlag, was er kriegen konnte. Chemotherapie. Warten auf Besserung. Die nächste. Wieder warten. Und hoffen. Gewebe entzündete sich. Warten auf Besserung. Schmerzen. Trauer. Wut. Hoffnung. Tägliche Gänge ins Spital, Ambulanzen, Notrufe, Beruhigung, um gleich wieder zu überborden. Schmerzen. Unsägliche. Immer mehr. Schmerzmittel. Immer mehr. Bis sie nicht mehr nützten. Und Ernesto schien auf den Tod zu warten. Weil das Leben, das noch war, keines mehr war. Klara schwankte. Sie wollte ihn einerseits nicht gehen lassen, wusste andererseits, dass er nur noch litt und sie beide keine Kraft mehr hatten.

Und dann war alles aus. Ernesto starb. Nun war Ruhe. Nun war nichts mehr.

Vigilio

Ich sah Vigilio das erste Mal vor 13 Jahren. Sein Sohn, mein späterer Mann, nahm mich mit, um mich den Eltern vorzustellen. Als wir ankamen, war Vigilio nicht zu Hause, seine Frau öffnete die Tür. Nach einem kurzen Gespräch packten wir den Hund und gingen spazieren. Auf dem Weg in den Park stießen wir dann auf ihn. Jeans, T-Shirt, Weste und Schirmmütze – so sah ich ihn später meistens. Vigilio war mit Hauswartsarbeiten im Quartier beschäftigt. Schon von weitem erkannte er seinen Sohn, winkte, rief mit kräftiger Stimme „Halli Hallo“ und lachte. Das sollte immer seine Begrüßung sein in den nächsten Jahren. Auch dass er kaum zu Hause war, sondern ständig am arbeiten, stellte sich als Dauerzustand heraus.

Vigilio wuchs mit seinen acht Geschwistern im Trentino auf. Eines der Kinder durfte studieren, die anderen mussten Berufe erlernen. Vigilio reiste jung in die Schweiz, arbeitete, wo immer er Arbeit fand, lernte seine Frau kennen, gründete eine Familie. Die beiden Menschen arbeiteten hart, um ihre Familie zu ernähren, Vigilio als Hauswart, seine Frau als Putzfrau, beide an mehreren Orten, teilweise Tag und Nacht. Wer nun dächte, das hätte ihn unzufrieden gemacht, er haderte in irgend einer Form mit dem Leben, weil er nicht studieren konnte, weil er Tag und Nacht für andere da sein musste (und auch wollte, weil er es als normal ansah, zu helfen, wenn Not am Mann war), weil er anderen den Dreck wegräumte, wie er ab und an lachend sagte, der kennt Vigilio nicht. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben, grüßte jeden freundlich, plauderte mit allen, machte seine Späße. Ab und an waren es gar viele Späße, die den Anschein erweckten, er nehme nichts ernst, schon gar nicht einen selber. Vielleicht war das seine Art, mit dem Leben und dessen nicht immer schönen Seiten umzugehen.

Als mein Sohn auf die Welt kam, war ihm Vigilio ein liebender Grossvater. Er nahm ihn mit auf seine Hauswartstouren, ließ ihn am Handschubwagen Gehübungen machen, seine Augen leuchteten, wenn er seinen kleinen Enkel sah, was oft war, weil wir im selben Haus wohnten. Leider dauerte das Glück nicht lange, wir zogen weg, meine Ehe ging in die Brüche und damit verlor sich der Kontak zu Vigilio größtenteils. Ein paar Jahre später kam die Nachricht: Krebs. Vigilio war erkrankt und musste zur Chemo. Die Nachricht erschütterte mich, aber ich war weit weg, fühlte mich nicht mehr als Bestandteil dieser Familie, war mein Platz als Schwiegertochter doch neu besetzt. Als ich Vigilio das nächste Mal sah, waren seine Haare, auf die er so stolz gewesen war, ausgefallen. Das war aber auch das einzige äußere Zeichen für seine Erkrankung, ansonsten sah er immer noch wie der starke, vitale Mann von früher aus. Leider schlug die Chemo nicht wie gewünscht an. Es folgten weitere, der Krebs streute, gewisse Teile mussten herausgeschnitten werden, andere neu bestrahlt. Es half nichts. Der Krebs ließ sich nicht besiegen. Irgendwann setzte man die Chemo ab. Die Haare kamen zurück. Was äußerlich schien wie neues Leben, war eigentlich nur das Zeichen, dass der Tod langsam und schleichend seinen Weg gehen, ihm nichts mehr entgegen gestellt werden konnte.

Eines Tages kam die Nachricht: Vigilio ist im Spital. Da hielt mich nichts mehr zu Hause. Ich eilte hin, musste ihn sehen. In mir gingen ganze Filme ab, ich sah ihn und mich früher, sah sein Lachen, hörte seinen für einen Italiener so typischen Akzent. Ich wollte das wieder hören, wollte nochmals mit ihm reden, wollte ihm vor allem zeigen, dass ich an ihn dachte, für ihn da bin. Als ich sein Zimmer betrat, lag er ruhig, wie schlafend, im Bett. Er hatte die Tür aber trotzdem gehört und als er den Kopf zu mir drehte, mich sah, ging ein Strahlen über sein Gesicht. „Sandra, du kommst mich besuchen?“, fragte er mit feiner Stimme. Seine Frau kam auf mich zu, umarmte mich. Die Freude war offensichtlich, auch bei mir. Vigilio sah noch immer gut aus, aber man sah den Kräfteverlust. Man sah, dass er oft an Schmerzen litt, dass sie ihn plagten. Wir redeten über seine Krankheit. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er redete über sein Leben, dass dieses nun bald vorbei sei, er alles hinter sich lasse. Er erzählte davon, was er alles getan habe, um für seine Familie, seine Kinder dazusein, ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und er wurde traurig dabei. Ich hielt seine Hand, sagte, dass er stolz auf sich sein könne, dass er mehr für seine Familie getan hätte, als so mancher, dass er ein wunderbarer Mensch sei. Und ich meinte und fühlte alles genau so. Und da sagte er es: „Sandra, du warst für mich immer meine zweite Tochter. Ich habe dich sehr gern.“ Das war der Moment, in dem es um meine Fassung geschehen war und die Tränen flossen. Ich spürte, dass ich dasselbe fühlte. Ich hatte diesen Mann sehr gerne, mehr als ich mir all die Jahre ohne Kontakt zugestehen wollte. Ich weinte um die verpassten Jahre und darum, dass wir sie nicht mehr zurückholen konnten. Und ich weinte, weil er mich genauso gern hatte – das waren die Freudentränen im Ganzen. Freude und Leid liegen oft nahe zusammen, sogar in solchen Situationen.

Von da an besuchte ich ihn, wann immer ich es einrichten konnte, teilweise täglich. Ich half ihm beim essen, besorgte ihm, was er brauchte, massierte seine schmerzenden Füße, zog Socken an und aus – es war ganz natürlich, obwohl ich nicht wirklich der pflegende Typ bin und Füße sonst nur unter Protest anfassen würde. Zwischen Vigilio und mir war dieses Band, diese Vertrautheit, die alle Scheu wegfallen ließ. Seine Freude jedes Mal, wenn er mich sah, die Wärme, die ich für ihn empfand – alles half, die Zeit, die wir verpasst hatten, zwar nicht zurückzuholen, aber zumindest zu überbrücken und neu anzufangen. Schade, müssen erst so einschneidende Erlebnisse kommen, damit man eine Beziehung lebt, die so schön sein könnte.

Vigilios Frau war die ganze Zeit an seiner Seite, sie pflegte ihn zu Hause, besuchte ihn im Spital, wusch, kochte, putzte, half, lebte fast nur noch für ihn. Auch zu ihr entwickelte sich wieder eine Nähe, wie wir sie vorher nie hatten leben können. Meine Sorge galt auch ihr, weil ich fürchtete, sie ginge über ihre eigenen Kräfte. In ihr kämpften der Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, für ihn dazusein, und das Gefühl der eigenen Grenzen, des Kräfteverlusts. Nach über 50 Jahren musste sie mit ansehen, wie ihr Mann  immer schwächer, von Schmerzen geplagt wurde, und sie wusste, dass er über kurz oder lang nicht mehr bei ihr sein würde.

Vigilio konnte wieder nach Hause, allerdings hielt das Glück nicht lange, schon bald lag er wieder im Spital. Der Magen streikte, mal arbeitete er gar nicht mehr, mal zu schnell. Die Schmerzen nahmen zu, die Mittel dagegen wurden erhöht. Vigilio beklagte, dass er nicht mehr klar denken könne, dass die Medikamente sein Hirn lahmlegten. Trotzdem verzweifelte er nicht, sondern nahm dieses Schicksal mit Humor, machte noch immer Spässe, die allerdings milder geworden waren im Vergleich zu früher, sah der Realität ins Auge, nahm es meistens gefasst, wenn auch ab und an Trauer über ihn kam. Wenn man von etwas in der Zukunft erzählte, wurde er still. Und man spürte, dass er sich wohl innerlich fragte, ob er das noch erleben würde. Oder fürchtete er von vornherein, dass es nicht so sein würde?

Noch lebt er. Ich hoffe, ich werde noch manche Stunde an seinem Bett sitzen, noch manche Stunde die Gelegenheit haben, mehr aus seinem Leben zu erfahren, ihn so besser kennenzulernen. Ich möchte unser Band vertiefen, damit es hält, wenn er mal nicht mehr ist. Ich möchte noch viele Erinnerungen mit auf meinen Weg nehmen, damit Vigilio mich weiter begleitet. Und ich hoffe, ich kann ihm auf seinem Weg, den er zu gehen hat, eine Stütze sein, ihn begleiten, ihm Kraft geben. Zumindest sagt er das und das ist unendlich wertvoll für mich, denn ich weiß eines: Ich liebe ihn. Er ist wie ein zweiter Vater, was ich spät erkannte, zum Glück nicht zu spät.

Was zählt im Leben

Heute ist der erste Schultag nach dem Tod meiner Mutter. Ich steige die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf und spüre, wie mich alle anstarren. ich bemühe mich, möglichst normal zu wirken, obgleich ich mich fühle, als hätte die Welt mir mein innerstes Geheimnis entrissen.

Als Alessandra 17 Jahre alt ist, verliert sie ihre Mutter nach langer Krebskrankheit und bleibt bei ihrer Grossmutter zurück. Alessandra kann nicht einfach weiter machen wie bislang, sie entzieht sich dem bislang gelebten Leben und verzieht sich in eine eigene Welt. Was im Aussen nur als neuer Platz im Schulzimmer aussieht, nämlich die hinterste Bank neben dem Klassen-Loser Zero, entwickelt sich nach und nach zu einer Suche nach einem neuen Dasein.

Nach Hause zu kommen ist immer das Schwerste. Alles ist so still und ordentlich, als wäre die Zeit an jenem Tag stehengeblieben.

Dabei rebelliert Alessandra gegen alles und jeden, gegen das Leben an sich, trotzdem kann sie ihrer Erinnerung nicht entkommen.

Das Letzte, woran ich denke, ehe der Schlaf mich übermannt, ist, dass ich auf der Flucht in einem Käfig lebe.

Alessandra muss sich ihren Gefühlen stellen, kann ihnen nicht mehr davon rennen und findet dabei heraus, was wirklich zählt im Leben.

Der Regen in deinem Zimmer ist ein sehr nachdenkliches Buch, das in einer klaren Sprache, ohne Pathos, ohne zu viel Emotionalität oder Psychologisierung der Figuren und Situationen den Umgang eines Teenagers mit dem Verlust seiner Mutter und damit mit dem Auseinanderbrechen der eigenen gewohnten Welt erzählt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, stilles Buch, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paola Predicatori
Paola Predicatori, geboren in Senigallia (Marken), ist Buchhändlerin und lebt in Mailand. „Der Regen in deinem Zimmer“ ist ihr erster Roman.

 

PredicatoriRegenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (1. März 2013)
Übersetzung: Verena von Koskull
ISBN-Nr.: 978-3351035204
Preis: EUR  16.99 / CHF 26

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Das Leben und die Liebe leben

Neben ihm schlief Elsa. Sie atmete ein wenig stockend, aber nicht anders als Gesunde. Martti war also doch eingeschlafen, auch wenn er am Abend befürchtet hatte, aus Sorge kein Auge zutun zu können. Es war Elsas erste Nacht zu Hause, seit zwei Wochen. Anfangs hatte Marti sich gegen ihre Heimkehr gesträubt. Nicht, weil er seine Frau nicht gerne um sich hätte, im Gegenteil. Elsas Platz war hier, seit über fünfzig Jahren schon gehörte sie hierher. Aber er hatte Angst, sie eines Morgens tot neben sich zu finden, mit erkalteten Beinen.

Elsa, eine emeritierte Psychologieprofessorin, und Martti, erfolgreicher Künstler, sind seit über 50 Jahren ein Paar, haben eine gemeinsame Tochter, Eleonore, und zwei Enkelinnen, Maria und Anna. Die Krebsdiagnose Elsas und ihr bevorstehender Tod bringt das Leben aller Familienmitglieder ins Wanken. Elsa hat das Bedürfnis, vor ihrem Tod die Wahrheit über die Vergangenheit loszuwerden und damit die Verstrickungen in der Familiengeschichte offenzulegen. Zentrale Figur in dieser Geschichte ist Eeva, ehemaliges Kindermädchen Eleonores und grosse Liebe von Martii. Elsa wählt Anna, um ihr von Eeva zu erzählen, vielleicht, weil Anna Eeva in gewissen Belangen ähnlich ist. Anna macht sich auf die Suche nach Eeva, sie will mehr über sie erfahren, denn auch sie erkennt sich in ihr wieder und möchte wohl durch Eevas Geschichte ihrer eigenen auf die Spur kommen. Im Zentrum von allem steht die Frage nach der Liebe.

„Ich würde es eher so sehen: Deine Liebe gehört dir, dir allein. Sie ist kein Gefängnis oder etwas, das deiner Freiheit im Weg steht. Eeva hat das nicht erfasst und das hat sie zu einem traurigen Menschen gemacht. Möglicherweise war sie von Anfang an trauriger als alle, die wir kennen. Anna, niemand kann dir deine Liebe wegnehmen, aber genauso wenig die Welt. Beide gehören dir.“

Riikka Pulkkinen erzählt eine Familiengeschichte und deren Hintergründe in sehr philosophischer und poetischer Weise. Es gelingt ihr, mühelos zwischen verschiedenen Zeiten und Erzählsträngen hin und her zu wechseln, den Strang der vergangenen Liebe von Martii und Eeva und die gegenwärtige Abschiedszeit miteinander zu verweben. Wahr erzählt von der Liebe, von den Menschen, die sich in ihr finden oder verlieren. Es ist eine Geschichte, die vom Leben ausgeht und alle seine Belange hinterfragt, ohne dabei in Stein gemeisselte Antworten zu finden. Man findet sich als Leser philosophischen Gedankengängen gegenüber, die nie dogmatisch sind, nicht trocken oder aus dem Lehrbuch, sondern lebensecht und tief.

Wahr zieht einen als Leser in den Bann. Man fühlt mit, will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die Ahnung, wie das Ende aussehen wird, gewinnt an Gewissheit im Zuge des Lesens, das Vertrauen, dass genau dieses Ende das einzig passende ist, ergibt sich aus der Erzählsicherheit, der man sich in diesem Buch ganz hingeben kann. Wahr ist eine Geschichte, in die man eintauchen möchte, die man miterlebt, die einen packt und nicht mehr loslässt, indem sie einen tief berührt und vor die grundlegenden Fragen des eigenen Lebens stellt.

Fazit:
Eine berührende, philosophische, tiefe Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Riikka Pulkkinen
Riikka Pulkkinen, wurde 1980 geboren. Sie stammt aus der nordfinnischen Stadt Oulu und hat in Helsinki Literatur und Philosophie studiert. Sie ist eine der erfolgreichsten jungen Autorinnen Finnlands. Wahr wurde für den wichtigsten finnischen Literaturpreis, den Finlandia-Preis, nominiert. Riikka Pulkkinen lebt in Tampere in Südfinnland.

PulkkinenWahrAngaben zum Buch:
Hardcover: 368 Seiten
Verlag: List Hardcover Verlag (9. März 2012)
Übersetzung: Elina Kritzokat
ISBN: 978-3471350713
Preis: EUR 18; CHF 16.90

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Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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