Tagesgedanken: Freiheit gibt es nur zu zweit

Während der Coronazeit hörte man immer wieder Stimmen, die über ihre verlorene Freiheit klagten aufgrund der verordneten Massnahmen. Es wurde sogar geunkt, man lebe nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Diktatur. So verfehlt beide Ansichten in meinen Augen auch sind, so zeigen sie doch zwei Dinge: Den Wert, den wir Freiheit zuschreiben, und das falsche Verständnis, das wir oft davon haben. Freiheit wird oft verstanden als „Freiheit von..“ – die Liste hier ist lang und willkürlich, denn sie beinhaltet alles, was wir individuell nicht wollen. Freiheit so gesehen bezieht sich auf den Menschen als Einzelnen. Doch sind wir wirklich frei auf diese Weise, sind wir nicht nur alleine? 

Von Simone de Beauvoir gibt es das schöne Zitat:

„Moralisch und frei sein zu wollen, sind ein und dieselbe Entscheidung.“

Freiheit so verstanden verweist auf den Umstand, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, sondern immer eingebettet in ein soziales Umfeld – das wir auch brauchen, um zu überleben. Freiheit kann also nicht vom Einzelnen aus gedacht werden, sondern ergibt sich aus dem Miteinander der Verschiedenen. Freiheit büssen wir nicht ein, wenn wir uns auch mal zurücknehmen müssen für das Wohl aller, wir büssen sie ein, wenn in einer Beziehung/Gesellschaft Unterdrückung und diskriminierende Machtverhältnisse vorherrschen. Wir büssen sie dann ein, wenn nur einige sprechen und viele schweigen müssen. Genau da könnten wir nach Gloria Steinem ansetzen:

„Einer der einfachsten Wege hin zu wirklicher Veränderung ist, wenn die weniger Mächtigen so viel sprechen, wie sie zuhören, und die Mächtigeren so viel zuhören, wie sie sprechen.“

Lasst uns im Gespräch bleiben.

10 Kommentare zu „Tagesgedanken: Freiheit gibt es nur zu zweit

  1. Ich interpretiere den Satz von Simone de Beauvoir ganz anders: „„Moralisch und frei sein zu wollen, sind ein und dieselbe Entscheidung.“
    Dahinter steht, so meine ich, die Auffassung, dass die Willensfreiheit der Dreh- und Angelpunkt allen moralischen Handenls ist. Nur von ihm aus kann man überhaupt von moralischem Handeln sprechen. Bei aller Eingebundenheit und Bestimmtheit des Menschen ist er eben auch frei zu entscheiden, wie er im Einzelfall handelt. Das nennt Beauvoir die „Ambiguität“ des moralischen Handelns.
    Um dies auf staatllich verordnete Maßnahmen anzuwenden: Solange ein Mensch vom Staat verordnete Maßnahmen als richtig und angemessen einsieht, folgt er ihnen, sofern er ein moralisch Handelnder ist, aus freier Willensentscheidung. ZB wird sich an die Verkehrsregeln halten, wird auch seine Steuern pünklich bezahlen, sofern sie nicht zum Schaden anderer Menschen verwendet werden, wird seine Angestellten nicht unter Tarif bezahlen, keine Drogen schmuggeln etc.pp.

    Wenn ein Mensch vom Staat verordnete Maßnahmen aber nicht für richtig und angemessen, sondern für gefährlich, schädlich, widersinnig oder sogar unmenschlich hält, darf er ihnen als moralisch Handelnder nicht folgen, selbst wenn er dafür schwere Nachteile in Kauf nehmen muss. Er muss zudem kämpfen, diese Verordnungen außer Kraft zu setzen. Ein eklatantes Beispiel ist die Judenverfolgung, aber natürlich fehlt es auch in der Gegenwart nicht an Bespielen. Meine Einschätzung der Corona-Maßnahmen verboten mir, ihnen Folge zu leisten, auch wenn das schwere Beeinträchtigungen für meine Bewegungsfreiheit nach sich zog, und für ihre Aufhebung zu kämpfen. Andere (wie du) sahen und sehen das anders. Das kann ich akzeptieren, ohne es zu verstehen,.

    Doch wir dürften übereinstimmen darin, dass die freie Entscheidung „für oder gegen“ der Drehpunkt ist, an dem ein demokratisches in ein totalitäres Regime umschlägt.

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    1. Danke für deine Sicht und Auslegung des Zitats. Ich kann sie teilweise auch teilen. Wir gehen wohl nur da auseinander, inwiefern Rücksichtsnahme Freiheit beschränken darf. Freiheit versus Sicherheit ist aber einer der Hauptkonflikte, auch in den Menschenrechte. Ich zweifle, dass man den allgemeingültig lösen kann, wenn, dann wohl nur situativ.

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  2. Ein paar Aspekte des Begriffs Freiheit:

    Freiheit ist einer der Begriffe, die mehrere Bedeutungen haben können. Deshalb macht es Sinn, daß wir – wenn wir uns verständigen wollen – wenigstens annähernd genau sagen, von welcher Sorte „Freiheit“ gerade die Rede ist.

    Differenzierung:

    • Rede-Freiheit
    • Freiheit, zu leben
    • Freiheit, zu lieben
    • Handlungs-Freiheit
    • Universelle Freiheit
    • Freiheit des Willens
    • Bewegungs- Freiheit
    • Mitteilungs-Freiheit
    • Freiheit vom Körper
    • Gedankliche Freiheit
    • Freiheit vom Denken
    • Wahrnehmungs-Freiheit
    • Freiheit des bewußten Seins
    • Freiheit von Konditionierungen

    Einige dieser 14 Aspekte der Freiheit…
    a) können uns genommen werden, andere
    b) können uns niemals genommen werden und wieder andere
    c) können nicht einmal wir selber realisieren.

    Quiz-Frage: Welche Aspekte der Freiheit…
    • gehören zu a
    • welche zu b
    • welche zu c

    Eine weitere, ebenfalls nicht unbedeutende Differenzierung (du hast sie schon angedeutet, Sandra):

    Freiheit von… etwas
    Freiheit für…. etwas

    Außerdem macht es Sinn, den Bezug zu nennen, den wir meinen, wenn wir von „Freiheit“ sprechen, denn – wie wir man sehen kann – gibt es nicht nur die e i n e „Form“ von Freiheit.

    Noch etwas: Ohne Beengung = keine Freiheit.

    Allein der Begriff „Freiheit“ (in einem beliebigen Kontext) setzt Unfreiheit als (unangenehme) Erfahrung voraus. Wo keine beengende Begrenzung empfunden wird, gibt es den Freiheitsbegriff nicht, wird er gar nicht gebraucht.

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  3. Simone de Beauvoir: „Moralisch und frei sein zu wollen, sind ein und dieselbe Entscheidung.“

    Falls wir darin übereinstimmen, daß (eine beliebige) Moral ein uns von Außen aufgedrücktes, aus Verhaltens-Anweisungen bestehendes Konstrukt ist:

    Moral und Freiheit
    schließen sich aus.

    Moral ginge mit Freiheit für mich nicht einmal dann zusammen, wenn sie „meine eigene“ wäre.

    Jede Moral ist per se Unfreiheit.

    (Über Sinn und Zweck einer bestimmten Moral ist damit noch nichts ausgesagt.)

    Eine Moral wird als außer- oder vor-gesetzliches Verhaltens-Regelwerk nur dort und dann gebraucht, wo und wenn es der jeweiligen Gemeinschaft en gros an der nötigen Geistigen Reife fehlt.

    Ein „moralischer“ Mensch ist nicht frei.

    „Handle nur nach derjenigen Maxime,
    durch die du zugleich wollen kannst,
    daß sie ein allgemeines Gesetz werde!“

    – Immanuel Kant

    Möglicherweise hatte Immanuel Kant diesen Satz (vor lauter Begeisterung?) vom Konfuzius abgeschrieben? Der sagte es seinerzeit so:

    „Der EDLE bewegt sich stets so, daß sein Auftreten zu jeder Zeit als allgemeines Beispiel gelten kann. Er benimmt sich so, daß sein Verhalten jederzeit als allgemeines Gesetz dienen kann. Und er spricht so, daß sein Wort zu jeder Zeit als allgemeine Norm gelten kann.“

    – Konfuzius

    Im Unterschied zu Kant unterscheidet Konfuzius zwischen den EDLEN und den GEMEINEN. Seine Erwartung richtet sich realistischerweise an die kleinere der beiden Gruppen und nicht an alle.

    Die Vorbildhaftigkeit kann nur von den Wenigen gefordert und erwartet werden. Sie haben die Kapazität, das Notwendige und Richtige aus sich selbst heraus (!) erkennen zu können. Die große Masse braucht die von außen aufoktroyierten Gesetze.

    Der Edle, wie ihn Konfuzius hier beschreibt, ist frei – nicht der moralisch Handelnde, den Immanuel Kant mit seinem Satz eine Anweisung erteilt.

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  4. Sandra: „Freiheit büssen wir … ein, wenn in einer Beziehung/Gesellschaft Unterdrückung und diskriminierende Machtverhältnisse vorherrschen“

    Die „büßen“ wir schon viel früher ein. 😃

    Teile unserer Freiheit geben wir bereits auf,
    sobald eine zweite Person den Raum betritt.

    (ohne daß wir uns schon „unterdrückt“ fühlen)
    Das kann jede/r mal an sich selbst beobachten.

    Beziehungen sind wie eine Waage:
    Bestehend aus Gewinn und Verlust.

    Entscheidend ist, was überwiegt;
    oder wo die Schmerzgrenze liegt.

    🌼

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  5. Freiheit ist eine subjektive Angelegenheit.

    • Jemand hält sogar Gewalt aus…, um nicht allein sein zu müssen.
    • Jemand anderes ist lieber allein, weil schon das Reden zu viel ist.

    Die selbe Freiheit ist nicht
    für jeden die selbe Freiheit.

    Die Freiheit der einen Person hat das
    selbe Gewicht, wie die einer anderen.

    Der WERT der Freiheit variiert von Person zu Person
    und ist zudem von der jeweiligen Situation abhängig.

    Und schließlich: Sich freiwillig in Unfreiheit
    (Militär, Ehe…) begeben ist Teil der Freiheit.

    Ein relativ freies
    Wochenende 😉
    wünscht Nirmalo

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  6. Hat dies auf Der Bücherflüsterer rebloggt und kommentierte:
    Feiner Artikel. Insgesamt gilt aus meiner Sicht. Meine Freiheit endet dort, wo die der anderen Menschen beginnt.“ So in etwas stimmt es. Der Freiheitsgedanke einiger Menschen wirft schon sehr viele Fragezeichen auf. Sollten diese begriffe wie Freiheit und Diktatur erklären müssen…gäbe es schon erste Probleme. Freiheit in Corona Zeiten bedeutet (e) für etliche Toilettenpapier, Reis und Nudeln.

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