Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Das vorliegende Buch beinhaltet zentrale Texte aus Hannah Arendts Schriften sowie Auszüge aus Briefen zu Themen, die Hannah Arendt bewegten und ihre Auseinandersetzung damit zeigen. Das Buch bietet damit eine Einführung in zentrale Gedankengänge, offenbart die klare Strukturiertheit von Hannah Arendts Denken und ihre Genauigkeit bei der Analyse von Zusammenhängen und Verwendung von Begriffen.

Denken ohne Geländer ist in fünf Teile gegliedert, von denen der erste die Philosophie allgemein behandelt. Es werden Fragen behandelt wie wo wir sind, wenn wir denken, was Denken überhaupt ist und wie es mit der Sprache zusammenhängt.

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ – weil Denken Lebendigsein ist, so wie Arbeiten Leben ist.

Arbeiten – Denken – Lieben sind die drei Modi des schieren Lebens, aus denen nie eine Welt entstehen kann und die daher eigentlich welt-feindlich, anti-politisch sind.

Der zweite Teil ist Arendts politischem Denken gewidmet. Der historische Sinn des Politischen liegt, so Arendt, in der Freiheit. Der Staat als Gewaltmonopol ist dazu legitimiert, dieses zu nutzen um dieselbe für seine Bürger zu gewähren – als ein Nicht-beherrscht-Werden und Nicht-Herrschen. In der Gegenwart stellt sich allerdings eher die Frage, ob Politik überhaupt noch Sinn ergebe, was den Erfahrungen von Totalitarismus und Terror geschuldet sei. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen Macht, Stärke, Gewalt, Kraft und Terror zeigen Arendts Wertlegung auf präzise Begrifflichkeiten.

Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft, über deren unheimliche Erfolge und schliessliches Scheitern wir vielleicht besser Bescheid wissen als irgendeine Zeit vor uns. Terror und Gewalt sind nicht dasselbe. Die Terrorherrschaft löst eine Gewaltherrschaft ab, und zwar in den, wie wir wissen, nicht seltenen Fällen, in denen die Gewalt nach Vernichtung aller Gegner nicht abdankt.

Der dritte Teil über das politische Handeln widmet sich hauptsächlich der jüdischen Geschichte, der jüdischen Armee, dem Kampf gegen den Antisemitismus und der Eichmann-Kontroverse. Daneben findet sich ihr Artikel zu Little Rock, der Frage nach des gleichberechtigten Schulbesuchs von schwarzen und weissen Kindern in einer Schule in den USA.

Im vierten Teil finden sich Texte über die Situation des Menschen und das, was den Menschen als solchen ausmacht an Fühlen und Handeln. Lebensthemen wie die Liebe, Treue, Schmerz und das Alter werden feinfühlig und durchdacht behandelt.

…für die Meinung, dass nur die Liebe die Macht hat zu vergeben, spricht immerhin, dass die Liebe so ausschliesslich auf das Wer-jemand-ist sich richtet, dass sie geneigt sein wird, Vieles und vielleicht Alles zu verzeihen.

Den abschliessenden fünften Teil füllen Lebensgeschichten aus. Es finden sich neben Texten zu Rahel Varnhagen, Jaspers und Heidegger Briefausschnitte aus Arendts vielfältigen Briefwechseln mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy und Gertrud und Karl Jaspers.

…wie ich auf Deinen Brief gewartet habe, kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das ist das Band, das mir immer wieder klarmacht, dass ich nicht verlorengehen kann. Denn wenn Du nicht da bist, bin ich gleich wieder so verletzbar wie früher.

Fazit:
Eine breite Zusammenstellung von Texten zu den verschiedensten Themen, die Hannah Arendt in ihrer klaren Art zu denken behandelt hat. Macht Lust auf mehr. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

ArendtDenkenGeländerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 9.99; CHF 16.90

„Man vergisst mich leicht, wenn man meine Traurigkeit vergisst.“

Die Fremde,
die Dir selber fremd,
sie ist:
Gebirg der Wonne,
Meer des Leids,
die Wüste des Verlangens,
Frühlicht der Ankunft.
[…]

BertheauArendtDie Denkerin Hannah Arendt ist seit langem bekannt, die Dichterin wurde bislang wenig beachtet, obwohl Dichtung für Hannah Arendt zeitlebens sehr wichtig war, Heinrich Blücher bezeichnete die Dichtung sogar als Hannah Arendts Heimat – er bezog dies auf ihre eigene Dichtung.

Anne Bertheau geht dieser Dichtung im vorliegenden Buch auf den Grund. Sie tut dies, indem sie sie in der Zeit und damit in Arendts Biographie verortet, immer auch mit Blick auf die theoretischen Werke, die in derselben Zeit entstanden sind. Von Hannah Arendt sind keine Tagebücher im persönlichen Sinne überliefert. Ihr Denktagebuch (LINK) offenbart wenig von ihrem Seelenleben, es ist mehr Zeugnis ihres täglichen Denkens und Arbeitens. Will man mehr über den Menschen und die inneren Vorgänge Arendts erfahren, sind neben ihren zahlreichen Briefen, die das eine oder andere offenbaren, die Gedichte einziges Zeugnis.

Das Buch umfasst drei Teile:

  • Teil 1 behandelt Hannah Arendts eigene Lektüre von Lyrik, ihre Kontakte zu Dichtern als auch poetische Korrespondenzen.
  • Teil 2 wendet sich Arendts theoretischen Aussagen über Sprache allgemein und Dichtung im Besondern zu. Dabei verfügt Arendt über keine eigentlich eigene Ästhetik, vielmehr sind es Gedanken, die sie im Zuge ihrer theoretischen Werke macht, sei es für Vita Activa, wo Kunst als Oberbegriff des Herstellens fungiert, oder für Vom Leben des Geistes, welche sich mit der Metapher und dem Unsagbaren beschäftigt und diese dem Denken unterstellen.
  • Teil 3 setzt schliesslich Arendts eigene Dichtung und ihre Gedanken zu gelesener Dichtung in Beziehung und analysiert, wie das eine das andere beeinflusst hat.

Hannah Arendt war eine Vielleserin und sie las alles: Philosophie, Dichtung sowie Romane (mehrheitlich der deutschen und französischen Literatur). Neben der eigenen Dichtung verspürte sie schon als Kind den Drang, selber zu erzählen und zu gestalten. Gerade aber das Poetische bereitete schon dem Kind Hannah Freude und sollte ihre Dichtung auch prägen, nennt sie doch selber „das poetische der Kinderzeit als Urquell der Dichtung“ und fügt an:

Unausrottbar ist das Poetische, solange es noch das Wundern gibt, das wir in der Kindheit gelernt haben.

Am Dichten mag Hannah Arendt wohl vor allem eines gefallen haben: Die Klarheit der Worte, war sie doch auch im Denken auf Klarheit aus, wollte verstehen, wollte die Dinge auf den Punkt bringen.

Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte nehmen weiss.

Es ist Anne Bertheau gelungen, die Dichtung Hannah Arends einerseits im Leben und Denken derselben zu verorten, sowie auch die Einflüsse anderer Menschen auf diese Dichtung offenzulegen. Sie tut dies auf eine sehr kompetente, umfassende, informative und trotzdem gut lesbare Weise.

Fazit:
Eine sehr umfassende, informative und kompetente Analyse von Hannah Arendts eigenem Dichten und deren Verständnis von Dichtung generell. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin:
Anne Bertheau
Anne Bertheau (Dr. phil.), geb. 1971, verfasste ihre Doktorarbeit zu Hannah Arendt und Dichtung an der Universität Paris IV, Sorbonne. Sie forscht zu Hannah Arendt sowie zu dem Revoltebegriff bei Albert Camus (Postdoc-Stipendium DAAD, Maison des Sciences de l’Homme).

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: transcript; Auflage: 1 (3. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3837632682
Preis: EUR 44.99; CHF 5.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie beim Verlag selber.

Denken und Schreiben im Dienste des Verstehens

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Hannah Arendt hat 28 dicht beschriebene Schreibhefte hinterlassen, in denen sie ihre täglichen Gedanken, Ideen, Theorien notierte, entwickelte, ausführte. Sie reflektierte darin ihre Lektüre, definierte politische und philosophische Begriffe oder leitete Zusammenhänge im Weltgeschehen her. In ihrem Interview mit Günter Gaus sagte sie zum Grund ihres Schreibens:

Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess.

ArendtDenktagebuchDiese 28 Hefte sind in den vorliegenden zwei Bänden enthalten. Sie lassen den Leser teilhaben an den Denkprozessen einer der grössten Denkerinnen. Anhand der Lektüre der Denktagebücher lassen sich Arbeitsprozesse an den grossen Werken nachvollziehen, lässt sich aber auch Einblick in die Persönlichkeit Hannah Arendts gewinnen. Zwar fehlen intime Innenbetrachtungen oder Beschreibungen aus dem eigenen Leben, allerdings sind dann und wann doch kürzere oder längere Gedanken – oft in Form von Gedichten – eingestreut, die den Menschen Hannah Arendt sichtbarer werden lassen.

Die Herausgeberin rundet das Tagebuch mit einem sehr informativen Nachwort ab, indem sie auf die Struktur der Originaldokumente eingeht, deren Funktion erläutert und auch wichtiges Hintergrundwissen liefert. Im Anhang hilft ein thematisches Inhaltsverzeichnis, sich gezielt bestimmte Themen Hannah Arendts aufzufinden, ein Personen- und Sachregister ermöglichst die Begriffsuche. Die ausführlichen Anmerkungen helfen beim Leseverständnis durch wissenswerte Querbezüge oder Erklärungen und ein Wörterverzeichnis greift die in den Tagebüchern verwendeten griechischen Begriffe. Schliesslich sind die von Hannah Arendt häufig zitierten Bücher bibliographisch erfasst, so dass man auf Hannah Arendts Lesespuren wandeln kann.

Die vorliegenden Bücher sind eine Schatzkammer für alle, die sich für Hannah Arendt und ihr Denken interessieren und eine editorische Meisterleistung.

Fazit:
Ein Zeugnis messerscharfen und tiefgründigen Denkens, ein Einblick in die Persönlichkeit der Denkerin Hannah Arendt und eine editorische Meisterleistung. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.

Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 48; CHF 63

Zu kaufen in jeder Buchhandung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Briefe 1939 bis 1975

ArendtAndersSchreib1925 lernen sich Hannah Arendt und Günther Stern (er nannte sich bald darauf Günther Anders) in Marburg in den Seminaren des gemeinsamen Lehrers Martin Heidegger kennen und heiraten 1929. Die Ehe war für Arendt mehr Flucht den Leidenschaft, war sie doch zur Zeit des Kennenlernens noch in einer heimlichen Beziehung mit ihrem Professor Martin Heidegger – eine Beziehung, die fraglos keine Zukunft hatte. Durch einen Wechsel des Studienortes und die Ehe mit Günther Stern hoffte Hannah Arendt, Stabilität und ein Gefühl von Zuhause zu kriegen.

Die Ehe war nicht lange glücklich, trotzdem lebten Arendt und Anders bis 1933 zusammen in Berlin und arbeiteten in dieser Zeit an gemeinsamen Publikationen. Als sich die politische Lage für Juden in Deutschland zuspitzte, flohen die beiden nach Paris, wo sie sich aber mehr und mehr auseinander lebten. 1936 lernte Hannah Arendt ihren zweiten Mann Heinrich Blücher kennen, eine Beziehung, die bis zum Tod desselben von gemeinsamen Werten und Liebe getragen war.

Hannah Arendt und Günther Anders schafften es, eine Freundschaft zu bewahren. Anders war es auch, der Blücher und Arendt half, in die USA auszuwandern, als die Lage in Europa zu gefährlich wurde.

Der vorliegende Briefwechsel ist ein Zeugnis dieser Freundschaft. Er zeugt aber auch von den Erschwernissen des Auswanderns und den unterschiedlichen Umgang der beiden damit, berichtet über gemeinsame Bekannte – Zeitgenossen wie Walter Benjamin, Heidegger, Adorno.

Neben dem Briefwechsel beinhaltet das Buch auch gemeinsam verfasste Text, unter anderem zu Rilkes Duineser Elegien. Abgerundet wird das Buch durch zwei tabellarische Lebensläufe der Briefschreiber sowie einen ausführlichen und informativen Anmerkungsteil sowie eine Bibliographie der in den Briefen erwähnten Publikationen.

Fazit
Ein Briefwechsel, der nicht nur Zeugnis einer Freundschaft ist, sondern auch Zeitzeugnis. Sehr empfehlenswert!

Zu den Autoren und der Herausgeberin
Hannah Arendt (1906 – 1975) und Günther Anders (1902 – 1992) lernten sich 1925 in einem Seminar Martin Heideggers kennen und waren von 1929 bis 1937 miteinander verheiratet. Beide zählen zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Das Hauptwerk der streitbaren politischen Theoretikerin ist Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, das des „wahrscheinlich schärfsten und luzidesten Kritikers der technischen Welt“ (Jean Améry) Die Antiquiertheit des Menschen.
Kerstin Putz studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Wien und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an Forschungsprojekten zum Nachlass von Günther Anders am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 286 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (29. August 2016)
Herausgeberin: Kerstin Putz
ISBN: 978-3406699108
Preis: EUR: 29.95 ; CHF 42.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Die Suche nach der einen Welt

Gesellschaftliche Strukturen lösten sich über die Jahrzehnte immer mehr auf, Individualisierungsprozesse führten immer stärker zu einem Verlust familiärer und sozialer Netze. Vormals gemeinsam getragene Lebensumstände waren vermehrt allein zu tragen, der existentielle Abgrund droht unmittelbarer, da die Netze grobmaschiger werden, die früher auffingen. Leben die Menschen überhaupt noch in einer Welt oder sind mehrere verschiedene Welten zu entwerfen, in denen sich die Individuen bewegen? Hannah Arendt verfolgt diese Frage ihr Leben lang, versucht, zu eruieren, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Menschen miteinander und in Frieden leben können, indem sie untersucht, was dazu führt, dass sie es nicht tun. Sie analysiert totalitäre Herrschaftssysteme, welche immer wieder grossen Zulauf fanden, schlussendlich aber ins Verderben führten, indem sie erst Halt versprachen in Zeiten grosser Unsicherheit und Haltlosigkeit, danach aber unterdrückten.

Nach Arendt antworteten die totalitären Systeme von Stalinismus und Nationalsozialismus just auf diese Gefühlslagen. Sehr viele Menschen versprachen sich durch ihre Unterwerfung unter solche Herrschaftsstrukturen Sicherheit und Geborgenheit. Dagegen verstärkte der Vormarsch des Totalitarismus solche Gefühle der Unsicherheit natürlich bei seinen Gegnern […]

Arendt setzt auf Pluralität und Kommunikation. Nur in der freien Auseinandersetzung können Menschen in einem Staat leben, können sie Freiheit erfahren. Es geht nicht darum, die Menschen zu vereinheitlichen, sondern sie in ihrer Pluralität anzunehmen und ihnen den Raum zu geben, sich einzubringen.

Die eine Welt entsteht nach Arendt aber nicht, wenn sich die Gesellschaften homogenisieren, indem sie sich ethnisch reinigen. Denn solche einheitlichen Staaten und Gesellschaften schliessen genau jene Welt aus, an der alle teilhaben können und die für Arendt die einzige Welt bleibt, weil die Welt niemand monopolisieren darf und letztlich gar nicht kann.

Erst wenn alle in der Welt zuhause sind und diese mitgestalten, wird es eine geeinte Welt sein, eine, die Halt und Sicherheit für alle verspricht. Dies die Theorie. Wie umsetzbar sie ist, bleibt dahin gestellt. Als Fazit könnte man sagen,

dass menschliches Zusammenleben nur darum und in dem Masse sinnvoll ist, als es in einem „Teilnehmen und Mitteilen von Worten und Taten“ besteht.

Hans-Martin Schönherr-Mann präsentiert in diesem dünnen Buch das Leben und Denken einer grossen Denkerin, er hängt es hauptsächlich an ihren Gedanken zum totalitären System auf, welche durchaus zentral waren (wenn auch nicht die einzigen nennenswerten). Er verfolgt diesen roten Faden analytisch und schlüssig, versteht es, in gut lesbarer Weise auch komplexe Zusammenhänge darzulegen und so einen Einblick in ein Themengebiet zu liefern, das obwohl von Arendt vor Jahren gedacht, noch heute aktuell ist.

Fazit:
Die zeitlosen Gedanken einer herausragenden Denkerin prägnant dargestellt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans-Martin Schönherr-Mann
Hans-Martin Schönherr-Mann wurde am 23. Mai 1952 in Esslingen am Neckar geboren. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und promovierte 1982 bei Manfred Riedel und Herbert Ganslandt. Von 1987 bis 1992 war er wissenschaftlicher Assistent für Politische Philosophie und Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er 1995 habilitiert wurde. Seit 2002 ist er außerplanmäßiger Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er nahm Vertretungs- bzw. Gastprofessuren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, den Universitäten Innsbruck, Passau, Regensburg, Turin und in Venedig wahr.

 

Angaben zum Buch:
SchönherrArendtTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (15. März 2006)
ISBN-Nr.: 978-3406541070
Preis: EUR 12.90 / CHF 19.70

 

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