Politische Gefühle

Die politische Theorie hat Gefühle lange Zeit als epistemisch problematische Größen behandelt, als Störfaktoren rationaler Urteilsbildung, die es im idealen Fall zu neutralisieren gelte. Diese Gegenüberstellung von Vernunft und Gefühl ist jedoch nicht nur empirisch unhaltbar, sondern auch theoretisch verkürzend. Gefühle sind durchaus konstitutive Momente politischer Wirklichkeit, indem sie Wahrnehmungen strukturieren, Interpretationen prägen und als motivationaler Unterbau kollektiver Praxis fungieren. Eine adäquate Analyse des Politischen muss daher notwendig auch eine Theorie der Gefühle sein.

Bereits Aristoteles entwickelt in seiner Rhetorik eine differenzierte Analyse der Rolle von Emotionen im Prozess des Urteilens. Diese erscheinen hier nicht als Gegenpole der Vernunft, sondern als Bedingungen ihrer Wirksamkeit: Wer überzeugen will, muss die emotionale Disposition seines Gegenübers verstehen und adressieren. Urteilskraft ist demnach stets durch Gefühle geprägt. Diese Einsicht wird in der zeitgenössischen politischen Philosophie systematisch vertieft unter anderem bei Martha C. Nussbaum. Sie argumentiert in Politische Gefühle, dass demokratische Ordnungen auf der Kultivierung spezifischer öffentlicher Gefühle beruhen. Emotionen wie Mitgefühl, Hoffnung oder eine inklusive Form der Zugehörigkeit zum Gemeinwesen sind keine bloßen Begleiterscheinungen politischer Prozesse, sondern deren normative Voraussetzungen. Ohne sie droht die politische Gemeinschaft in partikuläre Interessenlagen zu zerfallen.

«Im Bereich der Pluralität, welcher der politische Bereich ist, muss man all die alten Fragen stellen – was ist Liebe, was ist Freundschaft, was ist Einsamkeit, was ist Handeln, Denken usw.»

Auch bei Hannah Arendt, wenngleich sie der direkten Politisierung von Gefühlen skeptisch gegenübersteht, lassen sich Gefühle ausmachen. Ihr Begriff Amor Mundi verweist auf eine grundlegende affektive Bezogenheit auf die gemeinsame Welt, die politisches Handeln überhaupt erst motiviert und trägt. Politik im Sinne Hannah Arendts, als Handeln im Raum der Erscheinung, im Plural der Verschiedenen, ist ohne eine solche Weltbezogenheit nicht denkbar. Gefühl und Urteil sind hier nicht identisch, aber unauflöslich miteinander verschränkt.

Diese Perspektive wird durch sozial- und kulturtheoretische Ansätze weiter ausdifferenziert, die Gefühle nicht primär als individuelle Zustände, sondern als relationale und zirkulierende Phänomene begreifen. Emotionen ‘haften’ an Objekten, Diskursen und Kollektiven und stabilisieren dadurch politische Orientierungen, wie Sara Ahmed in ihrer Theorie der „affective economies“ beschreibt. Angst, Hass oder auch Stolz sind demnach nicht privat, sondern sozial verteilt; sie erzeugen Grenzziehungen und Zugehörigkeiten, indem sie bestimmte Gruppen als bedrohlich, vertraut oder wertvoll markieren. In ähnlicher Weise zeigt William Reddy, dass politische Ordnungen als „emotionale Regimes“ fungieren, die festlegen, welche Gefühle artikulierbar, legitim oder sanktioniert sind. Gefühle sind damit nicht nur Ausdruck politischer Verhältnisse, sondern Teil ihrer normativen Infrastruktur.

Gerade diese strukturbildende Kraft macht Gefühle anfällig für politische Instrumentalisierung. Zeitgenössische politische Dynamiken insbesondere im Kontext populistischer Bewegungen lassen sich ohne eine Analyse gezielter Affektmobilisierung kaum verstehen. Der Politikwissenschaftler George Marcus hat in diesem Zusammenhang gezeigt, dass insbesondere Angst eine ambivalente Funktion besitzt: Sie kann kognitive Offenheit fördern, indem sie routinierte Wahrnehmungen irritiert, zugleich aber auch autoritäre Dispositionen aktivieren, wenn sie in Bedrohungsszenarien eingebettet wird. Politische Akteure können diese Ambivalenz strategisch nutzen – und tun dies vermehrt auch.

Noch weitergehend analysiert Brian Massumi eine Verschiebung hin zu einer präemptiven Affektpolitik, in der nicht mehr konkrete Ereignisse, sondern potenzielle Zukünfte in Form diffuser Bedrohungen affektiv besetzt werden. Politik operiert hier im Modus der Vorwegnahme: Sie erzeugt Stimmungen, die Handlungsbereitschaften strukturieren, bevor überhaupt ein klar umrissenes Problem vorliegt. Diese Entwicklung wird durch digitale Kommunikationsstrukturen erheblich verstärkt. Byung-Chul Han beschreibt in seiner Diagnose der „Infokratie“ eine Öffentlichkeit, in der affektive Erregung zur dominanten Währung geworden ist. Aufmerksamkeit wird primär über emotionale Intensität generiert, differenzierte Argumentation tritt gegenüber Empörung, Angst und moralischer Aufladung in den Hintergrund. Die politische Arena transformiert sich so in einen Resonanzraum affektiver Dynamiken.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich die politische Dimension der Gefühle in ihrer grundlegenden Ambivalenz. Einerseits sind sie unverzichtbar für die Konstitution politischer Gemeinschaften: Ohne affektive Bindungen an gemeinsame Werte, ohne Empathie und Solidarität lassen sich weder demokratische Institutionen stabilisieren noch Formen kollektiven Handelns begründen. Andererseits eröffnen sie Räume der Manipulation, in denen politische Prozesse entkoppelt werden von argumentativer Auseinandersetzung und in Richtung affektiver Steuerung verschoben werden.

Die normative Herausforderung besteht folglich nicht in einer (ohnehin unmöglichen) Eliminierung von Gefühlen aus der Politik, sondern in ihrer reflexiven Einhegung und Gestaltung. In Anschluss an Martha C. Nussbaum ließe sich von einer politischen Kultur sprechen, die auf die bewusste Formierung öffentlicher Gefühle zielt, ohne in paternalistische Steuerung oder Indoktrination umzuschlagen. Eine solche Perspektive verlangt, Gefühle nicht nur als Gegenstand der Analyse, sondern auch als Gegenstand politischer Bildung zu begreifen.

Gefühle sind damit weder bloße Residuen irrationaler Impulse noch vollständig kontrollierbare Instrumente politischer Macht. Sie bilden vielmehr das Medium, in dem sich politische Wirklichkeit vollzieht. Wer die Gegenwart politisch verstehen will, muss daher die affektiven Strukturen freilegen, die Wahrnehmung, Urteil und Handeln prägen, und zugleich die Frage stellen, wie diese Strukturen so gestaltet werden können, dass sie die Bedingungen demokratischer Selbstbestimmung nicht unterminieren, sondern tragen.

Lesezeiten – Grit Strassenberger: Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert

«Der Mensch ist stehts mehr, als von ihm erkannt wird.» Karl Jaspers

Beim Blick in die Regale voller Publikationen über Hannah Arendts Leben und Werk stellt sich die Frage, ob nicht bald mal alles geschrieben und wirklich Neues noch möglich sei. Grit Straßenberger hat den Versuch gewagt und legt mit Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert eine Biografie vor, deren zentrales Erkenntnisinteresse die ebenso schlichte wie anspruchsvolle Frage ist: Wer war Hannah Arendt? Thema sind dabei nicht nur die Autorin und ihre grossen Werke, sondern auch sie als Person, als Freundin, als Gesprächspartnerin, als Knotenpunkt eines intellektuellen Netzwerks.

«Dichterisch denken – hierin erkennt Arendt eine Möglichkeit, menschliche Geschichte auch in ihren Abgründen zu verstehen. Erzählen ist für sie eine Methode, um das Abgründige, das, was nie hätte geschehen dürfen, zu benennen, zu erinnern und sich mit dem, was geschehen ist, zu versöhnen.»

Straßenberger beantwortet diese Frage, indem sie Leben und Denken konsequent miteinander verschränkt. Der biografische Faden folgt den historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts – Emigration, Totalitarismus, Exil, Neubeginn –, doch er wird immer wieder durch Arendts Werk gespiegelt. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie sehr Arendts Denken aus konkreten Erfahrungen hervorgeht: aus Fremdheit, Verlust, politischer Katastrophe und aus dem Bedürfnis, all dies nicht nur zu erleiden, sondern verstehen zu wollen.

«Freundschaft war für die streitlustige Aristotelikerin weit mehr als persönliche Beziehungspflege: nämlich ein genuin politischer Modus des Sich-in-Beziehung-Setzens… Freundschaft bedeutete für sie vielmehr, Konflikte auszutragen und Uneinigkeit zu riskieren.»

Daneben zielt der Blick Strassenbergers auf Arendts Beziehungen. Straßenberger entfaltet ein dichtes Geflecht aus Freundschaften, Briefwechseln und intellektuellen Begegnungen, neben Karl Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Mary McCarthy ein Grossteil des damaligen intellektuellen Who’s whos. Hannah Arendt war alles andere als eine isolierte Denkerin im stillen Kämmerchen (wobei sie diese Momente auch suchte und brauchte), sondern sie entwickelte ihr Denken wesentlich im Dialog mit Freunden. Die «Virtuosin der Freundschaft» war überzeugt, dass Freundschaft auch unterschiedliche Meinungen und harte Kontroversen aushalten muss.

Auch in der Darstellung der Werke überzeugt das Buch. Straßenberger gelingt es, zentrale Texte wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft oder Eichmann in Jerusalem verständlich einzuordnen, ohne sie zu vereinfachen. Dabei bleibt sie in der Regel erklärend und hält sich mit Interpretationsversuchen zurück. Dadurch wahrt sie die Komplexität. Das ist eine Stärke, weil es die Komplexität wahrt und Polarisierungen vermeidet. Dies wird vor allem bei der Kontroverse um Eichmann in Jerusalem deutlich, welche eher aus Arendts Perspektive erzählt wird, ohne aber direkt Stellung zu beziehen, während gewichtige Gegenargumente nur am Rand erscheinen.

Der Ton des Buches ist von Sympathie geprägt, ohne in unkritische Verehrung zu kippen. Straßenberger zeigt Arendts Ambivalenzen – ihre Eigenwilligkeit, ihre Konfliktfreude, ihre gelegentliche Unnachgiebigkeit. Doch sie bleibt meist im Modus des Verstehens, weniger des Urteilens. Dadurch fehlt ab und zu ein wenig die Spannung im Buch.

Formal ist die Biografie klar strukturiert und gut lesbar, auch wenn sich gelegentlich Wiederholungen und Redundanzen einschleichen. Das schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Denn gerade stilistisch gelingt Straßenberger etwas Entscheidendes: Sie macht Arendt zugänglich, ohne sie zu trivialisieren.

«Gegen diese gefährliche Melange von Konformismus, Despotismus und Nationalismus machte Arendt sehr deutlich, was sie unter Demokratie oder unter der ‘Herrschaft des Volkes’ verstand: nämlich ‘das Recht aller, an öffentlichen Angelegenheiten teilzunehmen und im öffentlichen Raum zu erscheinen und sich zur Geltung zu bringen.»

Besonders gelungen ist der Epilog, in dem Straßenberger Arendts Verhältnis zur Demokratie zuspitzt. Hier werden nochmals Arendts tiefgründiges Denken und ihre Positionen deutlich: sie war skeptisch gegenüber Massengesellschaft und Parlamentarismus, setzte auf politische Freiheit und bürgerliche Verantwortung. Vieles entwickelte sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Verfolgte, Flüchtling, Heimatlose, welche sie durch eigenständiges Denken zu konzisen Analysen formte. Entstanden sind Werke, die zugleich Analysen der Gegenwart als auch Theorien von Politischen Strukturen generell sind. Daraus entsteht eine Aktualität, die auch heute noch anhält, man könnte fast von einem Boom sprechen. Deutlich wird vor allem auch eines: Hannah Arendt lässt sich nicht leicht einer Strömung oder Richtung zuordnen. Sie selbst negierte auch immer die Versuche anderer, dies zu tun.

Die Denkerin ist weniger eine Biografie im klassischen Sinn als ein Versuch, Leben, Werk und Zeit in ein gemeinsames Bild zu bringen. Straßenberger gelingt dies auf eine informative und differenzierte Weise. Wer Hannah Arendt neu entdecken oder vertiefen möchte, findet hier einen fundierten und zugleich lebendigen Zugang.

Denkzeiten: Vom Anfangen

«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»

Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.

Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.

Bücherwelten: Buchtipps und mehr

„Lass die Realität eine Realität sein. Lass die Dinge auf natürliche Weise vorwärts fließen, wie sie wollen“. Lao Tzu

Heraklit sagte, dass nichts so beständig sei wie der Wandel. Dieser Gedanke findet sich bei vielen Philosophen wieder und schaut man in die Natur, sieht man das Prinzip der Veränderung vor sich. Nichts bleibt, wie es ist, alles kommt, bleibt und vergeht. So auch beim Menschen.

„Das Geheimnis des Wandels besteht darin, seine ganze Energie nicht auf den Kampf gegen das Alte, sondern auf den Aufbau des Neuen zu richten.“ – Sokrates

In meinem Leben hat es auch eine Verlagerung gegeben. Nachdem lange das Wort und Bücher im Mittelpunkt standen, habe ich mich mehr zu Farben und Bildern hingewandt. Trotzdem gibt es da draussen wunderbare Bücher, die ich wichtig und gut und lesenswert finde.

  • Philipp Hübl: Moralspektakel – wieso Moralismus oft mehr mit Selbstprofilierung zu tun hat
  • Yuval Noah Harari: Nexus – die Tücken des technischen Fortschritts und welche Entscheidungen nun anstehen
  • David Terwiel: Freundschaft als Beziehung zur Welt – wie Hannah Arendts begriff der Freundschaft als Schule der Pluralität uns gesellschaftlich und politisch helfen kann
  • Wolfram Eilenberger: Geister der Gegenwart – was uns die grossen Denker der jüngsten Gegenwart auch heute noch zu sagen haben
  • Anselm Grün: Alles in allem. Was letztlich zählt im Leben – persönliche und tiefgründige An- und Einsichten eines Menschen, der ungebrochen neugierig und offen für das Leben ist.

Kennt ihr schon eines davon?

Habt einen schönen Tag!

Maike Weisspflug: Hannah Arendt


100 Seiten

«Amor Mundi: Handelt von der Welt, die sich als Zeit-Raum bildet, sobald Menschen im Plural sind.» Hannah Arendt

Hannah Arendt, bekannt als streitbare, energische und eigenständige Denkerin, die ohne Rücksicht und manchmal sehr schonungslos, als arrogant erscheinend ihre Meinung kundtut – man könnte denken, hier spricht eine Einzelgängerin, doch weit gefehlt. Einer der obersten Werte in ihrem Denken und Handeln (was unter dem Strich das gleiche ist) ist die Vielfalt, die Pluralität. IN ihr sieht Hannah Arendt den Motivator unseres Tuns, durch sie kann unsere Welt als eine gemeinsame erst entstehen.

«Arendts wichtigste Botschaft dabei: Zusammen-Handeln macht Spass, es stiftet Sinn, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint.» Maike Weisspflug

Dies ist sicher eine wichtige Botschaft für die heutige Zeit, in welcher sich wieder immer kleinere Gruppen positionieren und gegen andere abgrenzen, statt gemeinsam Kräfte zu nutzen und so mehr zu erreichen.

«Der Handelnde bleibt immer in Bezug zu anderen Handelnden und von ihnen abhängig; souverän gerade ist er nie.» Maike Weisspflug

Wir scheinen vergessen zu haben, dass diese Welt immer eine geteilte ist und die verschiedenen Einzelinteressen zwar wichtig und gut sein mögen, wir sie aber allein und nur auf uns gestellt mit uns im Blick nicht umsetzen können.

«Und eine gemeinsame Welt kann, so Arendt, nur zwischen Personen entstehen, die um ihre Unterschiedlichkeit wissen – als geteilte Welt, in die viele Welten passen.» Maike Weisspflug

Die Welt, in die wir durch unsere Geburt treten, ist so, wie sie die vor uns gestaltet haben. Als Neuanfang in dieser Welt – so sieht Arendt jeden neuen Menschen – ist es an uns, unseren Faden in das Gewebe der Welt zu schlagen.

«Der Mensch ist vielmehr das, was er aus sich macht. Und zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten und Grenzen, die Arendt die ‚menschliche Bedingtheit‘ nennt.» Maike Weisspflug

Dabei ist es wichtig, einzusehen, dass wir mit dem arbeiten müssen, was wir haben. Nicht jeder besitzt jede Fähigkeit oder Möglichkeit. Das mag ungerecht erscheinen, doch lässt es sich leider nicht in allen Belangen ändern. Besser ist, die vorhandene Energie in das zu stecken, was sich ändern lässt, um das best mögliche herauszuholen aus dem, was ist.

«Geschichten erschliessen Bedeutung, ohne etwas zu eng zu definieren.» Maike Weisspflug

Hannah Arendt ist nicht nur eine tiefgründige und analytische Denkerin, sie ist eine begeisterte Geschichtenerzählerin. Ihre Bücher sind gespickt mit Literaturbezügen und auch selbst greift gerne zur Geschichte statt trockener Theorie.

Maike Weisspflug hat sich dieser Denkerin auf 100 Seiten angenommen. Ein denkbar kleiner Ramen für ein so immenses Werk, zu dem schon 1000e von Seiten geschrieben worden sind. Aber genau in dieser Kürze liegt auch der Wert dieses Büchleins. Es geht der Frage nach, wie Hannah Arendt heute noch gelesen werden kann? Wie passen ihre Theorien und Ideen in die heutige Zeit?

«Arendt kann ich solchen Momenten wie eine gute Freundin sein, die mir hilft, wieder in einen anderen Denkmodus zu kommen.» Maike Weisspflug

Maike Weisspflug geht diesen Fragen anhand von Arendts wichtigsten Werken und Gedanken nach und versucht so, Arendts Relevanz auch in Bezug auf heutige Probleme aufzuzeigen. Dass in der Kürze keine wirkliche Tiefe erreicht werden kann, liegt auf der Hand, allerdings bietet das Buch Inspirationen und Ansporn zur eigenen Lektüre. Schön wären genauere Stellenangaben zu einzelnen Zitaten gewesen, aber das wäre auf Kosten von Lesbarkeit und Platz gegangen, so dass sich das Fehlen verschmerzen lässt. Ein gelungener Versuch und gut abgerundet durch weiterführende Literatur.

Ingeborg Gleichauf: Hannah Arendt und Karl Jaspers


Geschichte einer einzigartigen Freundschaft

«…als ich jung war, waren Sie der einzige Mensch, der mich erzogen hat. Als ich Sie nach dem Krieg als erwachsener Mensch wiederfand und eine Freundschaft zwischen uns entstand, haben Sie mir die Garantie für die Kontinuität meines Lebens gegeben. Und heute ist es so, dass ich an das Haus in Basel wie an die Heimat denke.»

Das schreibt Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers. Sie, die in so vielen Bereichen ihres Lebens Brüche und Verluste erlebte, fand in der Freundschaft zu ihrem früheren Professor, Doktorvater und später Freund und Vertrauten einen Menschen, der ihr ein Stück Lebensverbundenheit und Rückhalt bot, ein Gefühl von Dauer und Beständigkeit.

Er war ihr Mentor, ihr Professor, sie schreibt von Erziehen, doch die Verbindung der beiden, die enge Freundschaft über viele Jahrzehnte, war eine auf Augenhöhe. So schreibt er denn in seiner philosophischen Autobiografie:

«Mit ihr konnte ich noch einmal wieder auf die Weise diskutieren, die ich mein Leben lang begehrte… in der vollkommenen Rückhaltlosigkeit, die keine Hintergedanken zulässt – in dem Übermut, sich vergaloppieren zu dürfen, da es korrigiert wird und selber etwas anzeigt, das sich lohnt, in der Spannung vielleicht tief gegründeter Differenzen, die doch umgriffen sind von einem Vertrauen, das auch sie offenbar zu werden erlaubt, ohne dass die Neigung gemindert würde…»

Ingeborg Gleichauf hat sich dieser Beziehung angenommen. Anhand von verschiedenen Themen erzählt sie von der Freundschaft in Briefen und Gesprächen zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers, weist auf Gemeinsamkeiten und Gegensätzlichkeiten hin, belegt diese mit Passagen aus dem Werk der beiden. Die Autorin erweist sich dabei als durchaus belesen und kompetent, doch die beiden Menschen, um die es geht, bleiben seltsam blutleer.

Die einzelnen Kapitel sind wie Perlen auf einer Kette aneinandergefügt ohne Verbindung. So erfährt man mehr über einzelne Ansichten als die Menschen dahinter und deren Beziehung zueinander. Das ist durchaus interessant, in der Kürze aber nicht umfassend und leider am erwarteten Thema etwas vorbei.

Trotzdem ist ein aufschlussreichendes, anregendes Buch entstanden, das Lust macht, in die Werke der beiden Protagonisten einzutauchen, mit ihnen ins Gespräch zu treten, wie Gleichauf es immer wieder propagiert, leider aber zu wenig tut.

Alois Prinz: Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt.


Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen. […] Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen […], immer wie ein Wunder an.»

Viele Philosophen sehen das Leben als Weg zum Tod. Philosophieren, so ein bekannter Ausspruch, heisst, sterben lernen. Hannah Arendt legt den Schwerpunkt nicht auf die Mortalität, sondern auf die «Natalität». Die Geburt ist für sie der Moment, in dem etwas Neues in die Welt kommt. Sie ist ein Anfang, der mit jedem neuen Menschenwesen gemacht wird. Dieser Blick aufs Menschsein zeigt sich auch in ihrer Definition von Gesellschaft, die sich immer nur als pluralistische sehen kann. Ein jeder Mensch hat darin in seinem So-Sein seinen Platz. Die Welt existiert nur als Geschaffene, sie ist das Dazwischen, das, was die verschiedenen Menschen zwischen sich durch Kommunikation errichten.

Wir schaffen uns unsere Welt, indem wir mit anderen in einen Dialog eintreten. Der Diskurs, die Auseinandersetzung mit anderen war es denn auch, was Hannah Arendt immer am Herzen lag. Und sie war unerbittlich. Sie sagte selbst einmal, sie sei eine Axt. Sie mied keine Auseinandersetzung, dachte «ohne Geländer» und redete niemandem nach dem Mund. Ihre unabhängige Denkart war ihr heilig.

«Immer noch scheint es mir unglaubhaft, dass ich beides habe kriegen können, die ‚grosse Liebe‘ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiss nun endlich auch, was Glück eigentlich ist.»

Es war eine grosse Liebe und eine ebensolche Verbundenheit zwischen Heinrich Blücher und Hannah Arendt. Er war der erste, mit dem sie ihre Gedanken diskutierte, die sie in ihren einsamen Denkmomenten mit sich selbst ausgemacht hatte.

«Lieber Liebster, das einzig Gute ist, dass ich schön klar weiss, wie ich zu dir gehöre.»

Er war es, der ihr immer Halt war, von ihm getrennt zu sein, war nie einfach, so dass sie die getrennten Zeiten mit vielen Briefen füllten, die hin und her flogen. Wie sie einmal ohne ihn leben solle, wisse sie nicht. Das sagte Hannah Arendt und musste es doch lernen, als Heinrich an einem Herzinfarkt starb.

Hannah Arendt stürzt sich wieder in die Arbeit, obwohl ihr die Ärzte mehrfach zum Ruhigertreten raten. Am 4. Dezember 1975 stirbt sie an einem Herzinfarkt. Hans Jonas fand diese Worte zum Abschied:ß

«Du hast die Treue gehalten, du warst immer da. Wir sind ärmer ohne dich. Die Welt ist kälter geworden ohne deine Wärme. Du hast uns zu früh verlassen. Wir werden versuchen, dir die Treue zu halten.»

Fazit zum Buch von Alois Prinz:
Ein kompetenter, gut lesbarer Einblick in das Leben und Schaffen einer der grössten Philosophinnen des letzten Jahrhunderts. Alois Prinz gelingt es, Leben und Werk in die Zeitumstände einzubetten und die Geschichte dieser Denkerin auf gut lesbare und doch kompetente Weise zu erzählen.

Gedankensplitter: Eigene Wege

«He has come to his own»

Das schreibt Hannah Arendt einem Freund und bezieht sich dabei auf Heinrich Blücher, der bis 52 auf der Suche war und sich vor allem im Exil in Ameriika schwer tat. Was für eine schöne Wendung und was für eine wichtige Sache: Den eigenen Weg gehen. Das finden, das einem entspricht und darauf vertrauen, dass es ein tragender Weg ist. Den Mut aufbringen, ihn zu gehen. Manchmal muss man sich dazu auch die Erlaubnis geben, weil das «du kannst doch nicht» so laut aus einem schreit.

Als ich den Satz las, dachte ich plötzlich: Es gibt kein gelingendes Leben auf dem falschen Weg. Klar geht man auch auf ihm durchs Leben, aber ist es wirklich gelungen in Sinne einer tiefen Zufriedenheit? Vielleicht ist das auch, was Buddha (ich glaube, er war es), meinte, als er sagte:

«Es gibt keinen Weg zum Glück, Glück ist der Weg.»

Wenn ich irgendwann auf mein Leben zurückblicken würde, möchte ich sagen können: «I did it my way». Und Elvis sänge dazu.

Habt einen guten Start in die neue Woche!

Hannah Arendt: Über Palästina

«Unmittelbar vor den Grenzen des Staates Israel gibt es rund eine Million Menschen, die aus ihren Häusern, von ihren Bauernhöfen und Arbeitsplätzen vertrieben wurden. Sie leben hauptsächlich von den Almosen einer provisorischen und unzureichend finanzierten UN-Organisation in erzwungener Untätigkeit, Frustration und Verbitterung, mehr als ein Drittel davon in Flüchtlingslagern.»

Es geht weiter:

«Doch nicht nur der Frieden im Nahen Osten ist gefährdet. Die ganze Welt lebt im Schatten einer nuklearen Katastrophe.»

und kommt zum Schluss:

«Eine Lösung dieses Problems ist (natürlich unter anderem) für die Sicherheit der ganzen Welt nötig.»

Wenn man bedenkt, dass Hannah Arendt diesen Text 1958 geschrieben hat, und dann auf die Welt heute schaut, zeigt sich, wie wenig sich zum Guten getan hat (im Gegenteil) und wie aktuell Hannah Arendt auch heute noch ist. Ihre Analyse der Problemstellung ist konzis und differenziert. Sie beleuchtet die Situation aller Beteiligter und weist auf die grössten Herausforderungen hin. Sie bleibt dabei aber nicht bei der blossen Theorie und Analyse und Theorie stehen, sie denkt auch über eine mögliche Lösung nach.

«Das gegenwärtige Problem kann nicht gelöst werden, indem man über die relative Legitimität von Eroberungsansprüchen von vor dreitausend, tausend oder zehn Jahren diskutiert… Die einzigen Ansprüche, die uns an dieser Stelle interessieren, sind die Rechte der Flüchtlinge auf ein würdevolles und normales Leben, sowie die Rechte des Nahen Ostens und der ganzen Welt auf ein höheres Mass an Sicherheit für alle Menschen.»

Hannah Arendt präsentiert in der Folge einen Plan mit 23 Punkten, der zu einer Lösung führen soll. Er gewährleistet, dass keine Nation das Gefühl hat, bedroht zu sein, gibt den Flüchtlingen ein Zuhause zurück und soll den Frieden im Nahen Osten gewährleisten. Wichtig dabei ist Hannah Arendt, wie es ihrer Philosophie eigen ist, der Dialog zwischen den Beteiligten. Es soll keine Lösung am Tisch gezeichnet und über das Ganze gestülpt, sondern in einem Miteinander soll eine solche geschaffen werden.

Wer weiss, wie die Lage im Nahen Osten aussähe, hätte man Hannah Arendts Punkten damals Gehör geschenkt. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Was Hannah Arendt schreibt, könnte auch heute noch zu einer Lösung beitragen – wenn nur die Beteiligten und Betroffenen ein Interesse daran hätten.

Das Buch hat mit betroffen und nachdenklich zurückgelassen. Und es hat mir einmal mehr gezeigt, was für eine grossartige Denkerin Hannah Arendt war. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

Bücher meines Lebens – zum Weltbuchtag

«Denn ich ohne Bücher bin nicht ich.» Christa Wolf

Heute ist Welttag des Buches, damit irgendwie auch mein Tag, denn es geht mir wie Christa. Diese Liebe zu Büchern, die nun schon so viele Jahrzehnte anhält, ist die Konstante in meinem Leben. Bücher haben immer einen Halt gegeben, ein Zuhause war immer erst eines, wenn meine Bücher da waren. Bücher sind für mich Türen zu Welten. 

Jagoda Marinic hat die wunderbare Sendung «Bücher meines Lebens» auf Arte. Ich nehme das Konzept als Vorbild und präsentiere hier die Bücher meines Lebens, wohl wissend, dass dies eigentlich ein Unterfangen ist, das nie endgültig und abschliessend ist, da einige vielleicht wechseln, andere fehlen, weil es zu viele würden. Und doch ist die Auswahl hier durchaus richtig und wichtig. Die Reihenfolge ist dem Moment geschuldet, wie sie in mein Leben traten:

Thomas Mann: Doktor Faustus – ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit 9 Monate mit Thomas Mann gelebt, seine Musik gehört, alle Bücher gelesen, Biografien, Filme, alles von und über ihn aufgesogen
Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – ich habe das Buch geschenkt bekommen und wirklich jedes einzelne Gedicht gelesen und für mich durchdacht und «analysiert»
Hannah Arendt: Denktagebuch – diese Frau und ihr Denken haben mich immer fasziniert. 
Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – ein Klassiker einer Frau, die mich tief in ihren Bann gezogen hat
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – dieses Buch war für mich der Augenöffner schlechthin, ich erfasste, wie meine eigene Reise weitergehen soll

Welches sind eure Lebensbücher?

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Zeig mir, wer ich bin

«Meine eigene Identität ist elementar abhängig von dialogischen Beziehungen zu anderen.» Charles Taylor

Wer bin ich? Was macht mich aus? Oft hört man in Bezug auf die Selbsterkenntnis, man solle in sich gehen, um in der Stille herauszufinden, wer man wirklich ist, was einen im Kern ausmacht. Das setzt in meinen Augen zu spät ein: Wirklich erfahren, wirklich erleben kann ich mich nur im Umgang mit anderen. Erst durch meinen Austausch mit anderen Menschen komme ich mir selbst auf die Spur, durch ihre Reaktion auf mich, aber auch durch meine auf sie.

Diese Begegnungen dann in einem stillen Moment mit mir selbst zu «besprechen», in einem inneren Dialog herauszufinden, was diese Erlebnisse über mich sagen, ist wertvoll und wichtig, vor allem dann, wenn ich merke, dass ich mich immer mal wieder verrenne, in Muster verfalle, die mir nicht gefallen oder gar nicht guttun.  

Hannah Arendt beschreibt den Menschen als sprachliches Wesen, das als Faden im Gewebe sich in das menschliche Miteinander und damit die Welt einwebt. Menschsein heisst, dazugehören. Dies ist auch die tiefe Sehnsucht des Menschen: Als Ich und somit Ganzes ein Teil eines grösseren Ganzen zu sein. Dies ist problematisch in einer Zeit, in der sich Menschen immer mehr zuhause einschliessen und sich hinter dem eigenen Computer verschanzen, wo sie sich zwar als Teil einer virtuellen Gemeinschaft sehen, dabei oft verkennen, dass diese  ein mehrheitlich ideelles Konstrukt ist. Ein wirklicher Dialog kommt selten zustande, zumal die homogen gestalteten Begegnungsräume einen solchen obsolet machen, das zu Sagende fügt sich nahtlos in den Einheitsbrei geteilter Meinungen ein.

Sylvia Plath sagte

«Geh raus und tue etwas. Nicht dein Zimmer ist dein Gefängnis, du bist es.»

Wollen wir uns also auf die Spur kommen, müssen wir in Beziehung treten. Erst wenn wir uns zeigen, können wir uns selbst wirklich sehen.

Gedankensplitter: Neuanfang

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und etwas Neues in Bewegung setzen.» (Hannah Arendt)

Wer kennt sie nicht, die Stimmen, die immer sagen: «Das war schon immer so, das haben wir immer so gemacht.» Sie implizieren, dass es nur so und nicht anders geht. Diese Sicht hat sicher ihre Berechtigung, denn wieso sollte man Dinge ändern, die funktionieren und in Umstände umstossen, in denen man sich eingerichtet hat? Die Bequemlichkeit ruft oft zum Bewahren, denn so muss man sich auf nichts Neues einstellen, man muss nichts Neues lernen. Zudem gaukelt das Bewahren eine Sicherheit vor, indem man darauf baut, dass das, was bislang gut ging, es auch weiter tun wird. Diese Sicherheit ziehen wir oft dem Neuen sogar vor, wenn das Alte gar nicht wirklich gut war, sondern eher so leidlich oder gar nicht gut. Immerhin wissen wir, wie der Hase läuft, alles andere wäre offen und damit gefährlich.

Und doch bleibt irgendwo leise die Stimme: Das kann doch nicht ewig so weiter gehen? Das muss doch auch anders gehen? Und vor allem: Ich möchte das anders haben! Und dann?

Alles, was ist, hat einmal begonnen. Es kam in diese Welt und bestand dann in ihr fort. Selbst die Dinge, die so wirken, als seien sie immer so gewesen, nahmen irgendwann ihren Anfang – die guten wie die schlechten. In dieser Erkenntnis liegt etwas Tröstliches und etwas Hoffnungsvolles. Es liegt eine Motivation drin, denn: Wenn alles irgendwann begann, kann auch etwas Neues beginnen. Und: Es könnte mit mir seinen Anfang nehmen. Ich könnte ein neues, leeres Blatt aufschlagen und eine neue Geschichte schreiben, eine, die mir entspricht, eine, die meine Vision weiterträgt.

Heute wäre ein guter Tag für einen solchen Neuanfang!

Gedankensplitter: Ehrfurcht vor sich selbst

«Das Unrechte, das man getan hat, ist die Last auf den Schultern, etwas, das man trägt, weil man es sich aufgeladen hat.» Hannah Arendt, Denktagebuch

Hannah Arendt spricht hier im Sinne Sokrates’, welcher sagte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In einer Zeit wie heute, in der das Individuum zuoberst steht, in der das eigene Wohl vor dem der anderen gesichert sein will (was aber durchaus auch im Menschen angelegt ist), klingt das auf den ersten Blick widersinnig. Wie meint sie das?

Wenn ich Unrecht tue, bin ich mir dessen bewusst. In mir gibt es diese Stimme, die sagt, dass das, was ich tue, nicht richtig ist. Man kann sie Gewissen nennen, man kann sie aber auch Stimme der Vernunft sehen, wie Kant es sah, welcher die Vernunft als universalen inneren Massstab über richtig und falsch erachtete. Wenn ich also Unrecht tue, so wird das in mir zu einem Gefühl der Unstimmigkeit führen, weil ich grundsätzlich das Richtige tun will. Dieses Gefühl werde ich mitnehmen, auch wenn das Unrecht schon längst getan ist. Von diesem Gefühl kann ich mich nicht einfach lösen, weil ich mit mir zusammenleben muss. Also wirkt es in mir fort. Unrecht zu vermeiden ist also nicht nur Dienst am anderen, sondern vor allem auch an sich selbst. Ich kann mit mir nur in Frieden leben, wenn ich so handle, dass ich mit mir im Reinen bin. Man könnte sagen, richtiges Handeln geht auch zurück auf eine, wie Schiller sich ausdrückte, «rettende Ehrfurcht vor sich selbst».

Gedankensplitter: Selber denken

„Moral ist der Ausdruck der Hoffnung, dass unsere Welt besser werden kann, als sie ist, und der Wille, herauszufinden, wie man die Welt verändert, ohne alles noch schlimmer zu machen Aufklärung ist die Forderung an jeden Einzelnen, bei genau dem anzufangen, was er selber ändern kann, also tatsächlich vernünftig zu handeln als vom Paradies zu träumen.“ Bettina Stangneth

Wenn wir heute von Moral sprechen, denken wir an den erhobenen Zeigefinger und Verhaltensnormen, die das perfekte Verhalten in einer perfekt gewollten Welt fordern. Dass diesem Anspruch kein Mensch genügen kann, liegt in der Natur desselben, dass im Wissen um die Erwartungen und das eigene Scheitern daran die Moral in Verruf kommt, folgt unweigerlich. Von Moralaposteln ist die Rede, von moralinsauren Zeitgenossen. Und: Das stimmt grösstenteils auch. Oft ist in so rigiden Forderungen mehr Selbstprofilierungsdenken als wirkliche Sorge um das gute Zusammenleben angelegt. Kann man sich dann mit solchen Forderungen noch zu Gruppen formieren, der gegenüber ein gemeinsamer Feind steht, nämlich einer, welcher den eigenen Anforderungen nicht genügt, kann es gefährlich werden.

„Ich trau dem Wir nicht. Das Wir ist sehr hungrig nach dem Ich.“

Mit diesen Worten beschreibt MIchel Friedman seine Sicht auf Gruppen, die er als grösstes Problem ansieht. In Gruppen verschwindet der Einzelne, er wird zu einem Teil des Kollektivs. Sobald wir uns in Gruppen formieren und diesen Gruppen blind folgen (um dazuzugehören), geben wir das eigene Denken auf. Wir verzichten also auf das, was Hannah Arendt als grundlegend für ein moralisches Verhalten hält. Nur wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen, wie Kant es formulierte, haben wir Zugang zu dem Gefühl von richtig und falsch, das tief in uns angelegt ist, wozu wir keine Regeln von aussen bedürfen. Wenn wir aus diesem Gefühl heraus handeln, wenn wir uns für das richtige entscheiden, können wir uns als Menschen unter Menschen begegnen, die einander nichts Böses wollen, dann können wir in Beziehung treten im Vertrauen, unversehrt zu bleiben. Dann ist die Welt noch kein Paradies, aber wir machen sie vielleicht ein Stück besser da, wo wir es können. 

Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken

Inhalt

«Es geht mir um eine konstruktive Neubewertung einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts und um die Sichtbarmachung der ungebrochenen Aktualität ihrer Themen.»

Was hat uns Hannah Arendt heute noch zu sagen? Wie aktuell sind ihre politischen Theorien, gerade auch im Hinblick auf die Kriegssituation zwischen Russland und der Ukraine?

Bruno Heidlberger liefert eine fundierte Darlegung der Hintergründe der Kriegssituation sowie deren Entstehung, und beleuchtet anhand dieses Beispiels Hannah Arendts Theorien zum Totalitarismus sowie der Freiheit, welche Ziel des gemeinschaftlichen politischen Handelns in einer Demokratie sein soll.

Gedanken zum Buch

«Eine Welt, die Platz für Öffentlichkeit haben soll.»

Politik nach Arendt bedeutet die gemeinsame Gestaltung der Welt, welche nur möglich ist durch Beziehungen und Begegnungen. Damit sich Menschen in ihrer Vielfalt begegnen können, bedarf es öffentlicher Plätze, in denen das gemeinsame Handeln, das politsche Handeln seinen Anfang hat.

«Während für Kant der Wille und der Gebrauch der Vernunft vonnöten sind, um Böses zu verhindern, das Böse eine Option der menschlichen Freiheit ist, betont Arendt die Notwendigkeit des autonomen Denkens, des ‘Denkens ohne Geländert’.»

Sich auf die Vernunft zu berufen ist mitunter eine gute Ausrede, nicht selbst denken zu müssen, sondern sich der gängigen Meinung als aktuell verbindliche Vernunft anzuschliessen. Die Sicht, was vernünftig, gut und richtig ist, wandelt aber mit Zeit und Ort, je nach Kulturkreis und Epoche gelten andere moralische Massstäbe, denen es zu folgen gilt. Erst das eigene Denken, das Denken ohne vorgeschriebene Geländer, bringt den Einzelnen dazu, sich und sein Handeln zu hinterfragen und dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Dies ist die wirkliche Freiheit, derer es bedarf, will man dem Guten Vorschub leisten und das Böse nicht selbst befeuern.

«Freiheit als Handeln bleibt für Arendt immer ein riskantes Ereignis, das allein auf der Anerkennung der Pluralität und dem Versprechen und Verzeihen beruht.»

Menschen sind unterschiedlich, aus dieser Pluralität setzt sich die Gesellschaft zusammen, die als Gemeinschaft aufgefasst werden sollte, will man zusammenleben. Dies gelingt nur, wenn diese Pluralität, jeder in seinem Sein, akzeptiert ist und das gegenseitige Versprechen im Raum steht, seinen Teil dazu beizutragen, diese Gemeinschaft zu schützen und zu stützen.

«Freiheit ist jedoch keine Willkür, sondern vielmehr eine kollektive Verantwortung, die wir alle für die Dinge tragen, die in unserem Namen geschehen.»

Dazu ist es wichtig, sich nicht nur als einzelnes Individuum zu sehen, sondern als Kollektiv, als Zusammenschluss verschiedener Einzelner, die gemeinsam entscheiden in demokratischer Absicht, um dann die Verantwortung dafür zu übernehmen, was durch dieses und in diesem Kollektiv geschieht.

«Die dunkelste Zeit ist für Hannah Arendt die des Totalitarismus. In ihm ist der Raum für politisches Handeln zerstört.»

Das ist in totalitären Systemen nicht mehr möglich, weil es da um die Gleichschaltung der Einzelnen geht, bei welcher eigenes Denken und Vielfalt nicht mehr gefragt, sondern im Gegenteil verurteilt, ausgegrenzt und oft mit harten Mitteln bestraft wird.

Fazit
Ein fundiertes und aufschlussreiches Buch über die aktuelle Situation zwischen Russland und der Ukraine (wie auch die Vorgeschichte des Krieges) sowie die Anwendbarkeit von Hannah Arendts Gedanken zu einer funktionierenden Politik verstanden als gemeinsames Handeln zwischen Verschiedenen und doch Gleichen als Kollektiv zur Schaffung einer gemeinsamen Welt.

Angaben zum Autor
Bruno Heidlberger (Dr. phil.), geb. 1951, ist Studienrat für Politik und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Medizinischen Hochschule Brandenburg und an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Philosophie, Philosophie der Aufklärung, Kulturphilosophie, kritischer Rationalismus, Wissenschaftstheorie und kritische Theorie der Gesellschaft.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ transcript; 1. Edition (28. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 282 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3837666588