Emilia Roig: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung

Inhalt

«Das Patriarchat heisst für Frauen, sich so klein zu machen wie möglich, nicht zu viel Platz einzunehmen, nicht zu viel zu sprechen, nicht zu laut zu lachen, nicht zu klug zu erscheinen, nicht aufzufallen (ausser aufgrund der Schönheit). Klein zu bleiben, damit sich Männer nicht bedroht fühlen.»

Wir alle wünschen uns eine Welt, in der wir trotz unserer Unterschiede als Gleichberechtigte zusammenleben können. Leider sind wir davon noch weit entfernt, denn noch immer sind Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung. Anhand von persönlichen Erfahrungen und sachlichen Erläuterungen beleuchtet Emilia Roig Themen wie Rassismus, Homofeindlichkeit, Antisemitismus, Queerness und Feminismus und erklärt, worauf eine gerechtere Welt achten müsste.

Weitere Betrachtungen

«Die Flexibilisierung der Geschlechternormen, die in der westlichen Welt im letzten Jahrhundert durch die feministische Bewegung in Gang gesetzt wurde, ging bisher vor allem in eine Richtung. Frauen durften allmählich ihre männliche Seite ausdrücken durch Kleidung, Verhalten und gesellschaftliche Rollen, die sich über die häusliche Sphäre hinaus erstrecken. Das Patriarchat überwinden, heisst aber auch, die Männer von den rigiden patriarchalen Erwartungen zu befreien. »

Das Patriarchat wird häufig als eine von Männern gemachte Welt wahrgenommen, die Frauen unterdrückt. Dies ist nicht nur falsch, aber es greift zu wenig weit. Auch Männer werden in Rollen gezwängt, denen sie kaum entkommen können. Um zu einer gerechteren Welt zu gelangen, in welchen alle frei entscheiden können, wie sie leben wollen, gilt es, auch die Männer in den Blick zu nehmen und für alle die Zwänge und Einschränkungen zu eliminieren. Wir werden das Ziel einer gleichberechtigten Welt nicht erreichen, wenn wir Fronten bauen und gegeneinander antreten.

«Auch wenn jede Form von Rassismus ihre spezifischen Eigenschaften hat, verfügt sie immer über zwei wichtige Merkmale: die Konstruktion der Gruppe als unterlegen und ihre Entmenschlichung bis hin zur Vernichtung.»

Rassismus ist ein grosses Thema, noch immer ist die Unterdrückung von Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft sehr präsent in unserer Welt, in vielen Ländern kam es in den vergangenen Jahren zu einem Rechtsrutsch, was das Problem noch vergrössert. Wir sind alle gefordert, nicht wegzuschauen, hinzustehen, einzuschreiten. Es ist wichtig, dass wir rassistische Äusserungen und Handlungen als solche erkennen und nicht tolerieren. Das ist der einzige Weg hin zu einer Welt, in der wir alle als Gleiche und Freie zusammenleben können.

«Die Schäden, die Rassismus bei einem Menschen hinterlässt, können durch radikale Akzeptanz – durch Selbstliebe – geheilt werden. Dafür muss Rassismus als System der Entmenschlichung aber nicht nur anerkannt, sondern auch dekonstruiert werden.»

Der einzelne Mensch leidet unter Rassismus, was sich tief in seiner Seele festsetzt. Wenn man weiss, dass vom Krieg traumatisierte Menschen dieses Trauma durch ihre Genstruktur an ihre Kinder vererben, kann man davon ausgehen, dass auch das Trauma von rassistischer Gewalt und Unterdrückung nicht spurlos an den Betroffenen (und ihren Nachkommen) vorüber geht. Es wird Zeit, mit vereinten Kräften gegen ein System anzugehen, das Menschen in einer solchen Weise verletzt und im schlimmsten Fall zerstört.

Persönlicher Bezug

«Another world is not only possible, she’s on her way. Maybe many of us won’t be here to greet her, but on a quiet day, if I listen very carefully, I can hear her breathing. (Arundhaty Roy)»

Ein Thema, das mich wohl nie loslässt in meinem Leben. Von klein an war es mir wichtig, dass Dinge gerecht zu und hergehen, im Studium wurde es mein Schwerpunkt, in der Dissertation hatte ich mich im wahrsten Sinne der Gerechtigkeit verschrieben. Der Traum einer gerechten Welt ist alt, sie zu erreichen erscheint oft als Utopie. Ja, wir werden die perfekte gerechte Welt vielleicht wirklich nicht erreichen, zumal die Meinungen, wie diese auszusehen hätte, divergieren. Aber: Wir können uns auf den Weg machen und versuchen, als Menschen mit Menschen zu leben, diese in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen und doch als Gleichwertige zu sehen. Das wäre ein grosser Schritt in eine gute Richtung. Noch sind wir nicht da – aber wer weiss, vielleicht atmet sie wirklich schon ganz in der Nähe, wie Arundhati Roy schrieb.

Fazit
Eine fundierte, ausführliche, informative und doch lesbare Analyse der heutigen Gesellschaft mit ihren Mechanismen von Diskriminierung und Abwertung im Hinblick darauf, etwas daran zu ändern für eine gerechtere Gesellschaft. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Emilia Zenzile Roig (*1983) ist Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Science Po Lyon. Emilia Roig lehrte in Deutschland, Frankreich und den USA Intersektionalität, Critical Race Theory und Postkoloniale Studien sowie Völkerrecht und Europarecht. Sie hält europaweit Keynotes und Vorträge zu den Themen Intersektionalität, Feminismus, Rassismus, Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion und ist Autorin zahlreicher Publikationen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Sie ist Interviewpartnerin in Sibylle Bergs Bestseller „Nerds retten die Welt“ und war Mitglied der Jury des Deutschen Sachbuchpreises 2020.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau Verlag; 3. Edition (15. Februar 2021)
Gebundene Ausgabe: 397 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3351038472

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3 Kommentare zu „Emilia Roig: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung

  1. Sandra: „Auch Männer werden in Rollen gezwängt, denen sie kaum entkommen können.“

    Ja – und es sind die Mütter, die in den entscheidenden ersten Jahren die Konditionierung ihrer Kinder prägen (siehe auch… Beschneidungen).

    Man kann sie wohl nicht ganz abstreifen, aber wir (Männer & Frauen) sind dennoch nicht (!) Opfer unserer Konditionierung.

    Es ist eine Frage der Reife – und die ist von
    niemand anderem abhängig, als uns selbst.

    ❄️

    Sandra: „Um zu einer gerechteren Welt zu gelangen…“

    Es fällt wohl nur sehr selten jemandem auf,
    dass es sowas wie Gerechtigkeit nicht gibt.

    ❄️

    Emilia Roig: „Die Schäden, die Rassismus bei einem Menschen hinterlässt, können durch radikale Akzeptanz – durch Selbstliebe – geheilt werden. Dafür muss…“

    Ja, die Liebe ist radikal.

    Auch die Selbstliebe; nämlich die umfassende
    Akzeptanz der eigenen Person – wie sie gerade ist.

    Und ja, Liebe heilt.

    ❄️

    Emilia Roig: „Dafür muss…“

    Dafür „muss“ gar nichts:

    Liebe ist voraussetzungsfrei.

    ❄️

    Sandra: „Es wird Zeit, mit vereinten Kräften gegen ein System anzugehen…“

    Kampf ist nicht Liebe.

    Kampf verhärtet die Verhärtungen.

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  2. Liebe ist ein Wunder und im Miteinander sowie mit sich selbst die wohl stärkste Kraft.

    Dein Zitat von Roig „dafür muss“ nimmt das Müssen aus dem Kontext, zumal es dabei nicht um ein Miteinander geht, sondern um die Anerkennung eines Unrechts, welches ein strukturelles und eben kein individuell gesteuertes ist. Strukturen gegenüber ist Liebe wohl wenig wirksam, da greifen andere Kräfte.

    Liebe ist nicht Kampf, das ist so, aber so sehr die Liebe eine Macht ist, so vermag sie wohl nicht gegen strukturelle Systeme anzugehen. Paragraphen und staatliche Bestimmungen, strukturelle und duch symbolische Herrschaft existierende Ge- und Verbote muss man gemeinsam angehen und das auch kämpferisch. Frauen würden ohne Kampf weder studieren noch abstimmen, Abtreibungen wären ohne Kampf noch immer strafbar, viele heutige Rechte von Frauen nicht realisiert.

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  3. Emilia Roig: „Die Schäden … können durch radikale Akzeptanz – durch Selbstliebe – geheilt werden. Dafür muss…“

    Selbstliebe ist ein Ausdruck der Liebe,
    wie die Nächstenliebe ein anderer ist.

    Hier eine Mini-Übung (vorgestern gefunden) in Selbstliebe:

    „Möge es mir wohl ergehen, möge ich glücklich sein!
    • Frei von Zorn und Hass,
    • frei von Rachsucht und Feindschaft,
    • frei von Kummer und Sorge!
    • Möge ich frei sein und in Frieden leben!“

    Liebe heilt – egal in welcher Form.

    Es ist ja nicht so, daß ich Schäden, Unrecht, Leid… nicht genau so wie du als schmerzlich wahrnehme, nur ist der Kampf nicht die Alternative.

    Kampf verhärtet die Verhärtungen.

    Dein Vertrauen gründet wohl eher im Kampf, meines beruht
    auf den feineren (von Kämpfern gerne unterschätzten 😉) Kräfte.

    🌱

    Emilia Roig: «Das Patriarchat heisst für Frauen, sich so klein zu machen wie möglich, nicht zu viel Platz einzunehmen, nicht zu viel zu sprechen, nicht zu laut zu lachen, nicht zu klug zu erscheinen, nicht aufzufallen (ausser aufgrund der Schönheit).

    Sich klein zu machen taugt zu nichts.

    Souveränität ist gegeben, wenn jemand laut ist, wenn es angebracht
    ist, leise ist, wenn es paßt und still ist, wenn es sich danach anfühlt.

    Und das betrifft jeden Menschen –
    unabhängig von Alter, Hautfarbe und Geschlecht.

    Schönen Sonntag! 🌷

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