Martha C. Nussbaum: Nicht für den Profit

Warum Demokratie Bildung braucht

«Leistung definiert sich heute immer mehr als etwas, was eigentlich eine gut programmierte Maschine besser kann als der Mensch. Das Hauptanliegen der Erziehung, nämlich dem Menschen einem gelingenden und sinnerfüllten Leben zu verhelfen, bleibt dabei auf der Strecke.» John Dewey

Martha C. Nussbaums Nicht für den Profit ist ein schmales, aber gedanklich dichtes Buch – und vor allem eine Intervention. Es richtet sich gegen eine Entwicklung, die man kaum bestreiten kann: Bildung wird zunehmend ökonomisch funktionalisiert. Was zählt, ist Verwertbarkeit; was nicht unmittelbar in Wachstum übersetzbar ist, verliert an Legitimation. Nussbaum stellt sich diesem Trend mit einer klaren, normativen Gegenposition entgegen und formuliert dabei nichts weniger als eine Verteidigung der Demokratie selbst.

Der Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist präzise und zugleich beunruhigend: Moderne Gesellschaften messen Bildung immer stärker an ihrem Beitrag zur wirtschaftlichen Produktivität. Damit verschiebt sich der Bildungsbegriff fundamental. Wenn „Leistung“ primär als etwas verstanden wird, das Maschinen künftig besser erbringen können als Menschen, dann gerät das eigentliche Ziel von Bildung aus dem Blick, nämlich die Befähigung zu einem gelingenden, sinnvollen Leben. Bildung wird dann zur Ausbildung; der Mensch zum funktionalen Träger von Kompetenzen.

Nussbaums zentrale These ist ebenso einfach wie weitreichend: Eine solche Entwicklung unterminiert die Voraussetzungen der Demokratie, denn Demokratie lebt nicht von Verfahren allein, sondern von bestimmten Fähigkeiten ihrer Bürger. Werden diese nicht mehr gefördert, bleibt die institutionelle Hülle bestehen, während ihr Gehalt erodiert.

In diesem Zusammenhang führt Nussbaum einen Begriff ein, der zunächst irritieren mag: den der „Seele“. Gemeint ist damit ausdrücklich nichts Religiöses, sondern – präziser – die „Kräfte des Denkens und der Fantasie, die uns zu Menschen machen“. Es geht um jene Fähigkeiten, die unsere Beziehungen vertiefen, die es uns ermöglichen, andere nicht als Mittel, sondern als eigenständige Wesen wahrzunehmen. Genau hier liegt der Kern ihrer Diagnose: Wo diese Fähigkeiten verkümmern, wird auch das demokratische Miteinander unmöglich. Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder nicht dazu befähigt, einander als gleichwertige Subjekte zu sehen, verliert die Grundlage von Respekt, Anteilnahme und letztlich politischer Urteilskraft.

Entsprechend konkret wird Nussbaum, wenn sie die Fähigkeiten beschreibt, die ein demokratisches Bildungssystem fördern muss: kritisches Denken, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Empathie, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und nicht zuletzt die Orientierung am Gemeinwohl statt an partikularen Interessen. Diese Aufzählung ist mehr als ein pädagogisches Programm, sie ist eine politische Anthropologie. Sie beschreibt, was ein Mensch können muss, um Bürger zu sein.

Bemerkenswert ist dabei, wie stark Nussbaum ihre Überlegungen historisch verankert. Von Jean-Jacques Rousseau über Johann Heinrich Pestalozzi bis zu John Dewey zeigt sie, dass die Idee einer ganzheitlichen, auf Selbstständigkeit und Urteilskraft zielenden Bildung keineswegs neu ist. Im Gegenteil: Die gegenwärtige Entwicklung erscheint vor diesem Hintergrund als Bruch mit einer langen Tradition. Rousseaus Kritik an einer Erziehung, die Passivität erzeugt, oder Deweys Plädoyer für ein Lernen durch Erfahrung wirken heute fast prophetisch. Wenn Unterricht zur „Zwangsfütterung für gute Prüfungsergebnisse“ wird, dann ist das nicht Fortschritt, sondern Rückschritt.

Ein zentraler Bezugspunkt ist dabei auch die sokratische Tradition, verkörpert durch Sokrates. Das sokratische Fragen, das insistierende Nachdenken, das sich nicht mit Autorität zufriedengibt, erscheint bei Nussbaum als Gegenmodell zu einer Bildung, die auf Anpassung zielt.

«Sokratisches Denken ist soziale Praxis.»

Kritisches Denken ist nicht nur eine individuelle Fähigkeit, sondern eine Form des Zusammenlebens. Wo Argumente zählen und nicht Personen, entsteht ein Raum, in dem Differenz nicht zerstörerisch, sondern produktiv wird.

«Die Lerninhalte, die demokratische Gesellschaften den jungen Menschen vermitteln, verändern sich radikal, und diese Veränderungen sind keineswegs wohlüberlegt. Getrieben vom Gewinnstreben der eigenen Volkswirtschaft vernachlässigen Gesellschaften und ihre Bildungssysteme genau die Fähigkeiten, die benötigt werden, um Demokratien lebendig zu halten. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden die Nationen überall auf der Welt bald Generationen von nützlichen Maschinen produzieren statt allseits entwickelter Bürger, die selbstständig denken, Kritik an Traditionen üben.» Martha Nussbaum

Besonders stark ist Nussbaum dort, wo sie die politischen Implikationen ihrer Diagnose zuspitzt. Bildung, die auf Gehorsam und Funktionalität ausgerichtet ist, produziert keine Bürger, sondern „nützliche Maschinen“. Und sie zeigt klar, dass dies kein unbeabsichtigter Nebeneffekt ist: „Geistige Freiheit von Schülern ist gefährlich“, wenn das Ziel ein Arbeitsmarkt ist, der vor allem Anpassung verlangt. Hier wird ihre Argumentation zur Kritik an Machtverhältnissen und damit zur eigentlichen Streitschrift. Gleichzeitig bleibt das Buch bewusst zugänglich. Nussbaum verzichtet auf theoretische Überfrachtung und schreibt in einer Klarheit, die ihrer politischen Intention entspricht.

Das ist eine Stärke, aber auch eine mögliche Schwäche: Wer eine systematische Ausarbeitung oder eine tiefere Auseinandersetzung mit Gegenpositionen erwartet, wird sie nur ansatzweise finden. Nicht für den Profit ist kein umfassendes Theoriegebäude, sondern ein normatives Plädoyer. Genau das will es auch sein und darin liegt auch seine Wirkung. Nussbaum erinnert daran, dass Demokratie nicht einfach eine Regierungsform ist, sondern eine Lebensform, die bestimmte menschliche Fähigkeiten voraussetzt. Werden diese nicht gepflegt, kann keine institutionelle Raffinesse ihren Verlust kompensieren. Oder zugespitzt: Die Krise der Bildung ist eine Krise der Demokratie.

Vor diesem Hintergrund liest sich das Buch weniger als Analyse denn als Aufforderung. Es fordert dazu auf, Bildung wieder vom Menschen her zu denken und nicht von seiner Verwertbarkeit, von seiner Fähigkeit, zu urteilen, zu fühlen und gemeinsam mit anderen eine Welt zu gestalten. In einer Zeit, in der genau diese Perspektive unter Druck steht, ist das kein nostalgischer Rückgriff, sondern eine politische Notwendigkeit.

Ben Ansell: Warum Politik so oft versagt

Und warum das besser wird, wenn wir unseren Egoismus überwinden

«Damit die Demokratie funktioniert, müssen wir lernen, uns auseinanderzusetzen und miteinander zu diskutieren, damit wir herausfinden, wo wir übereinstimmen, und sicherstellen, dass die Verlierer nicht zu ewigen Verlierern werden.»

Ben Ansells „Warum Politik so oft versagt“ ist ein Buch, das einen zentralen Irrtum moderner politischer Erwartungen freilegt: dass Politik vor allem an mangelndem Willen, falschen Akteuren oder schlechter Umsetzung scheitert. Ansell widerspricht dieser Intuition entschieden. Sein Argument ist radikaler und vor allem unbequemer: Politik scheitert oft gerade dort, wo sie rational, legitim und im Interesse vieler handelt. Das Scheitern liegt nicht am Rand, sondern im Kern politischer Ordnungen selbst.

Ausgehend von fünf grundlegenden Politikfeldern – Demokratie, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und Wohlstand – entfaltet Ansell eine systematische Analyse politischer Dilemmata. Diese sind nicht zufällig, sondern strukturell angelegt. In jedem dieser Bereiche stehen legitime Ziele in einem Spannungsverhältnis, das sich nicht einfach auflösen lässt. Demokratie etwa verspricht kollektive Selbstbestimmung, kennt aber keinen einheitlichen „Volkswillen“. Gleichheit ist politisch gewollt, kollidiert jedoch mit individuellen Freiheitsrechten und ökonomischen Anreizen. Solidarität setzt Vertrauen und Nähe voraus, stößt aber in anonymen, pluralen Gesellschaften an Grenzen. Sicherheit verlangt Kontrolle, die wiederum Freiheit einschränkt. Und Wohlstand schließlich basiert auf Kooperation – scheitert aber regelmäßig am kurzfristigen Eigeninteresse der Beteiligten.

Was Ansell hier leistet, ist im Kern eine politökonomische Entzauberung. In der Tradition rationaler Entscheidungstheorie zeigt er, wie individuelles, nutzenorientiertes Verhalten kollektive Ergebnisse hervorbringt, die niemand eigentlich will. Das klassische Gefangenendilemma wird dabei zur Grundfigur des Politischen: Kooperation wäre für alle besser, ist aber für den Einzelnen riskant. Diese Logik durchzieht seine Analyse – vom Klimawandel über Steuerpolitik bis hin zur internationalen Sicherheit.

«Sämtliche Fallen wurden durch den Konflikt zwischen individuellen Interessen und unseren kollektiven Zielen ausgelöst.»

Besonders überzeugend ist dabei die Diagnose der Demokratie. Ansell macht deutlich, dass demokratische Systeme nicht daran scheitern, dass Menschen „falsch“ wählen, sondern dass kollektive Präferenzen grundsätzlich schwer aggregierbar sind. Der Brexit dient hier als paradigmatisches Beispiel: eine klare Entscheidung ohne klare Vorstellung ihrer Konsequenzen. Demokratie produziert Entscheidungen, aber nicht notwendig kohärente oder langfristig tragfähige Lösungen. Dass sie dennoch stabil bleiben kann, erklärt Ansell mit der moderierenden Wirkung politischer Mittepositionen – eine Stabilität, die jedoch angesichts zunehmender Polarisierung brüchig wird.

Auch im Bereich der Ungleichheit zeigt sich diese strukturelle Perspektive. Obwohl ökonomische Ungleichheit wächst und Mehrheiten theoretisch Umverteilung unterstützen könnten, verhindern institutionelle Rahmenbedingungen und individuelle Anreizstrukturen entsprechende politische Maßnahmen. Rechtliche Gleichheit schützt Eigentum – und damit auch Ungleichheit. Versuche der Korrektur stoßen auf reale (Kapitalflucht) wie imaginierte (Angst um das Eigenheim) Widerstände. Politik erscheint hier weniger als Instrument der Gerechtigkeit denn als Austragungsort widersprüchlicher Interessenlagen.

Stärken des Buches liegen zweifellos in seiner Klarheit und Systematik. Ansell gelingt es, komplexe theoretische Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne sie zu simplifizieren. Die Verbindung von historischer Anekdote, empirischem Beispiel und theoretischer Reflexion verleiht dem Buch eine narrative Dynamik, die über eine rein akademische Abhandlung hinausgeht. Zugleich bleibt seine Analyse nüchtern: Es gibt keine einfachen Lösungen, keine politischen Heilsversprechen.

Gerade darin liegt jedoch auch eine gewisse Schwäche. Ansells Perspektive ist stark von einem rational-choice geprägten Menschenbild bestimmt. Politik erscheint primär als Aggregation individueller Interessen, weniger als Raum von Sinn, Urteilskraft oder gemeinsamer Weltgestaltung. Fragen nach politischer Bildung, nach öffentlicher Deliberation im emphatischen Sinn oder nach der Fähigkeit, über Eigeninteressen hinaus zu urteilen, bleiben unterbelichtet. Seine vorgeschlagenen Auswege – Bürgerräte, institutionelle Reformen, internationale Kooperation – sind plausibel, bleiben aber im Rahmen eben jener Logiken, deren Grenzen er zuvor aufgezeigt hat.

So hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Es klärt auf, ohne zu erlösen. Es schärft den Blick für die strukturellen Bedingungen politischen Handelns, nimmt aber zugleich die Hoffnung auf einfache Verbesserbarkeit. Genau darin liegt seine eigentliche Stärke. Ansell zwingt dazu, Politik nicht moralisch zu überfordern. Wer von ihr erwartet, klare, widerspruchsfreie Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme zu liefern, wird zwangsläufig enttäuscht.

«Nur wenn wir lernen, die eigene Meinung überzeugend zu formulieren und andere zu tolerieren, werden wir jemals in der Lage sein, Konsens zu erreichen.»

„Warum Politik so oft versagt“ ist damit kein Buch der politischen Resignation, sondern eines der realistischen Nüchternheit. Es zeigt, dass politisches Scheitern kein Betriebsunfall ist, sondern Ausdruck der Bedingungen, unter denen Politik überhaupt stattfindet. Wer das versteht, wird vorsichtiger urteilen – und vielleicht gerade deshalb politisch klüger handeln.

Rezension – Maggie Nelson: Freiheit

«Ein Teil des Problems liegt im Wort «Freiheit» selbst, dessen Bedeutung keineswegs selbstverständlich oder allgemeingültig ist… sprechen wir über negative Freiheit? Über positive Freiheit? Anarchistische Freiheit? Marxistische Freiheit? Abolitionistische Freiheit? Libertarische Freiheit? Die Freiheit weisser Siedler? Die dekoloniale Freiheit? Neoliberale Freiheit? Zapatistische Freiheit? Geistige Freiheit? Und so fort.»

Mit dem Untertitel Vier Variationen über Zuwendung und Zwang gibt Maggie Nelson ihrem Essayband eine begriffliche Spannung mit, die weit über eine bloße Ergänzung hinausgeht. Freiheit erscheint hier von Beginn an nicht als Gegenbegriff zu Zwang, sondern als etwas, das sich gerade im Spannungsfeld von Zuwendung und Einschränkung konstituiert. Diese Verschiebung ist zentral: Nelson interessiert sich nicht für Freiheit als Abwesenheit von Zwang, sondern für die Formen, in denen Bindung, Verantwortung und Begrenzung selbst Bedingungen von Freiheit sein können.

Freiheit als relationale Praxis

In Anlehnung an Michel Foucault versteht Nelson Freiheit als Praxis, als etwas, das sich nur im Vollzug, im Umgang mit anderen und mit Welt realisiert. Der Untertitel macht deutlich, dass diese Praxis notwendig relational ist: Zuwendung impliziert Abhängigkeit, Nähe, Verletzbarkeit; Zwang verweist nicht nur auf äußere Restriktionen, sondern auch auf jene inneren und sozialen Dynamiken, die unser Handeln strukturieren.

Die vier „Variationen“ – Kunst, Sex, Drogen und Klimakrise – lassen sich so als unterschiedliche Konstellationen dieser Relation lesen. In allen Fällen geht es darum, wie Freiheit unter Bedingungen gedacht werden kann, die sie zugleich ermöglichen und begrenzen. Am Beispiel der Kunst wird zum Beispiel deutlich, dass das Bemühen um Rücksichtnahme – etwa gegenüber verletzlichen Gruppen – selbst in neue Formen der Einschränkung umschlagen kann. Ähnlich im Bereich der Sexualität: Zuwendung, Fürsorge und Konsens sind unabdingbar, doch sie lösen die grundlegenden Spannungen des Begehrens nicht auf.

Freiheit ist immer konflikthaft und sie ist eine Frage der Aushandlung zwischen verschiedenen Polen. Mit diesem Verständnis von Freiheit richtet sich Nelsen gehen zwei verbreitete, aber verkürzte Positionen: einerseits gegen ein libertäres Freiheitsverständnis, das Bindungen als Einschränkung begreift, andererseits gegen moralische Diskurse, die im Namen von Fürsorge und Schutz neue Regime der Kontrolle etablieren. Damit verweigert sich Nelsen aber auch einer klaren Positionierung. Einfache Antworten finden sich in dem Buch nicht, Maggie Nelsen demonstriert einleuchtet, wie unzureichend diese sind, versäumt es aber, eine Alternative im Sinne einer normativen Theorie anzubieten. Entstanden ist so ein Text, der stark theoretisch grundiert ist und sich bisweilen in Referenzen verdichtet, eine sachlich-distanzierte Analyse ohne empirische, erfahrene oder anwendbare Dimension.

Fazit

Der Untertitel Vier Variationen über Zuwendung und Zwang ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dieses Buches. Er macht deutlich, dass Freiheit bei Maggie Nelson nicht als souveräne Unabhängigkeit gedacht wird, sondern als ein prekärer, nie abgeschlossener Prozess innerhalb von Beziehungen, Verpflichtungen und Begrenzungen.

Freiheit ist damit weniger ein Buch über Freiheit im lebenspraktischen Sinne als eines über ihre Bedingungen sowie die Unmöglichkeit, je vollständig eingelöst zu werden. Wer bereit ist, diese Spannung auszuhalten, wird in Nelson eine präzise Diagnostikerin unserer Gegenwart finden. Wer hingegen nach Orientierung sucht, könnte das Buch als ebenso klug wie unbefriedigend erfahren.

Lesezeiten – Joseph Stiglitz: Der Weg zur Freiheit

«Eine zentrale Aufgabe kollektiven Handelns besteht darin, die Freiheit aller Menschen zu erweitern…»

In seinem neusten Buch Der Weg zur Freiheit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sein Denken der letzten Jahrzehnte pointiert und eindringlich neu formuliert. Wer Stiglitz kennt, wird vieles wiedererkennen, wirkliche Neuentdeckungen sind kaum zu erwarten. Trotzdem ist das Buch nicht einfach eine (und schon gar keine überflüssige) Zusammenfassung alter Ideen, sondern es trifft den Nerv der Gegenwart, weil es einen Begriff ins Zentrum rückt, der politisch umkämpfter kaum sein könnte: die Freiheit.

«Wenn die Handlungen einer Person sich auf andere auswirken, müssen wir Mittel und Wege finden, um diese Wechselwirkungen in geordnete Bahnen zu lenken.»

Stiglitz’ zentrale These ist ebenso einfach wie folgenreich: Freiheit ist kein rein individuelles Gut, sondern ein soziales Verhältnis. Die Freiheit des einen steht oft in Spannung zur Freiheit des anderen. Damit wendet er sich entschieden gegen den neoliberalen Freiheitsbegriff, den Denker wie Hayek oder Friedman geprägt haben, eine Freiheit, die vor allem als Abwesenheit staatlicher Eingriffe verstanden wird. Für Stiglitz greift das zu kurz. Freiheit bedeutet für ihn vielmehr reale Möglichkeiten: Zugang zu Bildung, Gesundheit, Sicherheit und politischer Teilhabe. Ohne diese Voraussetzungen bleibt Freiheit eine leere Formel.

Diese Perspektive erlaubt ihm eine breit angelegte Kritik des Neoliberalismus. Märkte, so zeigt er überzeugend, sind weder neutral noch selbstregulierend. Sie produzieren Machtkonzentrationen, verstärken Ungleichheiten und externalisieren Kosten, etwa in Form von Umweltzerstörung oder sozialer Unsicherheit. Besonders stark ist das Buch dort, wo Stiglitz diese Dynamiken konkret durchbuchstabiert: bei der Finanzkrise, bei globalen Handelsregimen oder im Umgang mit der Klimakrise. Seine Argumentation bleibt nicht nur theoretisch, sondern er greift immer wieder zurück auf seine Erfahrung als Berater und Weltbank-Ökonom.

Freiheit ist in der Moderne oft interessengeleitete Forderung verwendet worden. Er steht als Forderung einer politischen Rhetorik im Raum, welche Freiheit auf Deregulierung und Marktlogik reduziert. Dem setzt Stiglitz ein positives Verständnis des Begriffs entgegen und definiert Freiheit als Erweiterung menschlicher Handlungsspielräume. Aus dieser Perspektive ist der Staat und dessen Handeln nicht der Gegner oder gar Verhinderer von Freiheit, sondern er ermöglicht Freiheit erst. Staatliche Regulierungen sind keine Einschränkung, sondern sie sind Bedingung eines fairen Ausgleichs von Freiheiten.

Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buches. So überzeugend die Diagnose ist, so vage bleiben oft die Lösungsansätze. Stiglitz’ Konzept eines „progressiven Kapitalismus“ oder einer erneuerten Sozialdemokratie bleibt skizzenhaft. Viele Vorschläge wirken wie Spiegelbilder neoliberaler Positionen, ohne in ihrer konkreten politischen Umsetzung ausgearbeitet zu sein. Gerade angesichts der Komplexität globaler Machtverhältnisse und der Dynamik aktueller politischer Entwicklungen hätte man sich hier mehr Präzision gewünscht.

Hinzu kommt, dass Stiglitz’ Kritik bisweilen asymmetrisch bleibt. Autoritäre Tendenzen auf der politischen Rechten analysiert er scharf und überzeugend, problematische Entwicklungen innerhalb progressiver Bewegungen oder die Ambivalenzen moderner Demokratien geraten hingegen weniger in den Blick. Das schwächt den Anspruch, eine umfassende Diagnose der Gegenwart zu liefern.

Dennoch ist Der Weg zur Freiheit ein wichtiges Buch. Nicht, weil es radikal Neues bietet, sondern weil es einen zentralen Begriff unserer politischen Ordnung neu justiert. Stiglitz zeigt, dass Freiheit ohne Gerechtigkeit zur leeren Hülle wird oder schlimmer: zu einem Instrument der Macht. Sein Buch ist damit weniger ein detaillierter Fahrplan als ein normativer Kompass. Es erinnert daran, dass eine freie Gesellschaft nicht dort beginnt, wo der Staat sich zurückzieht, sondern dort, wo Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, ihr Leben zu gestalten.

Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»

Aus dem Bücherschrank – Markus Gabriel: Ethische Intelligenz

«Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd – ein Resonanzmedium unserer inneren und äusseren Welt, dem man sich nicht entziehen kann.»

Markus Gabriel gehört zu jenen Philosophen, die sich nicht damit begnügen, technologische Entwicklungen zu kommentieren, sondern versuchen, sie begrifflich neu zu rahmen. In seinem Essay „Ethische Intelligenz“ unternimmt er genau das: Er verschiebt die Diskussion über künstliche Intelligenz von der Technik zur Ethik – und damit von der Maschinentheorie zum Menschenanliegen.

Aus dieser Perspektive ist für Gabriel die KI-Revolution nicht primär eine technische, sondern eine emotionale und ethische Revolution. Er betrachtet Künstliche Intelligenz nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Spiegel menschlicher Praxis. In ihr verdichten sich unsere Werte, Interessen und Verhaltensweisen. Als richtigen Umgang mit ihr sieht Gabriel deswegen weder die Einschränkung derselben oder sie in ihrer Entwicklung ganz den grossen Tech-Konzernen zu überlassen, sondern er ruft dazu auf, sie aktiv zu gestalten – auf Grundlage klarer ethischer Prinzipien.

Hier setzt sein zentraler Begriff an: Ethische Intelligenz. Darunter versteht Gabriel nicht einfach eine moralische Regulierung von Technologie, sondern eine neue Phase der Ko-Evolution von Mensch und Maschine. KI soll weder als Bedrohung noch als Heilsversprechen verstanden werden, sondern als Partner in einem Prozess, der uns zwingt, unsere eigenen moralischen Massstäbe zu reflektieren. Statt einer „Ethik der KI“ plädiert Gabriel daher für eine „Ethik mit KI“ – ein fortlaufendes Gespräch zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz.

Optimistisch ist Gabriels Blick vor allem deshalb, weil er in der Entwicklung moderner Sprachmodelle und neuronaler Netze eine neue Dimension erkennt: KI bewegt sich zunehmend im Bereich des Emotionalen. Viele Menschen suchen heute bereits Rat bei künstlichen Systemen, teilen Sorgen, Zweifel oder alltägliche Probleme. Die digitale Sphäre wird so zu einem neuen Resonanzraum, in dem sich menschliche Selbstverständigung abspielt. In diesem Sinne sieht Gabriel in der KI weniger das Ende des Menschlichen als vielmehr eine Erweiterung unseres Selbstverständnisses.

«KI kann dabei helfen, regionale Unterschiede zu vermitteln, kulturelle Ausdrucksformen zu bewahren, Bildung zu personalisieren, Pflege und Teilhabe zu verbessern, Kunst und Forschung transkulturell zu vernetzen.»

Aus dieser Perspektive entwickelt er auch eine politische Vision. Europa, so Gabriel, habe die Chance, eine „Neue Aufklärung“ einzuleiten: eine technologische Entwicklung, die wirtschaftliche Innovation mit moralischem Fortschritt verbindet. Philosophie, normative Klarheit und interdisziplinäres Denken seien dabei keine akademischen Luxusgüter, sondern zentrale Voraussetzungen für eine verantwortliche Gestaltung der digitalen Zukunft.

Der grosse Reiz des Buches liegt in dieser Perspektiverschiebung. Während viele Debatten über KI zwischen Alarmismus und Technikbegeisterung schwanken, sucht Gabriel einen dritten Weg. Sein Essay lädt dazu ein, künstliche Intelligenz als kulturelle und ethische Herausforderung zu verstehen und nicht nur als technologisches Problem.
Ganz frei von offenen Fragen bleibt der Ansatz allerdings nicht. Wie sich eine ethisch gestaltete KI tatsächlich gegen die wirtschaftliche Macht globaler Technologiekonzerne oder gegen autoritäre politische Systeme durchsetzen soll, bleibt im Buch eher skizzenhaft. Auch die Frage nach den konkreten ethischen Grundlagen einer solchen „Ethischen Intelligenz“ wird eher angedeutet als systematisch ausgearbeitet. Auch zentrale Themen wie Datensicherheit oder die sozialen Folgen digitaler Geschäftsmodelle erscheinen nur am Rand.

«Wenn Daten wertvoll sind, dann nicht als Rohstoff, sondern weil sich in ihnen Werte verbergen, die wir dank der KI methodisch erfassen können. Ethische Intelligenz bedeutet, diese Werte sichtbar zu machen und sie in kooperative Formen des Lebens und damit auch in Geschäftsmodelle zu übersetzen.»

Des Weiteren ist fraglich, ob bei ausbleibender Kontrolle der Verwertung eingegebener Daten wirklich eine Wendung zum moralisch Guten möglich ist, spiegelt doch – was Gabriel ja sagt – die KI die menschliche Natur, wie sie sich zeigt (quasi wenn keiner hinschaut). Da stellt sich dann die alte Frage nach dem Menschenbild. Geht man davon aus, dass der Mensch von Grund auf gut ist, wird das System eine Potenzierung dieses Guten bringen. Im Gegenteil eher nicht.

Dennoch ist „Ethische Intelligenz“ ein anregender philosophischer Beitrag zur KI-Debatte. Gabriel gelingt es, die Diskussion aus dem engen Horizont technischer Machbarkeit zu lösen und sie in einen grösseren kulturellen Zusammenhang zu stellen. Sein Buch liefert keine fertigen Antworten, sondern einen Denkrahmen, der deutlich macht: Die eigentliche Frage der künstlichen Intelligenz lautet nicht, was Maschinen können, sondern was wir als Menschen aus dieser neuen Beziehung machen wollen.

Aus dem Bücherschrank – Sarah Bakewell: Das Cafe der Existenzialisten


Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

«Ich bin meine eigene Freiheit, nicht mehr und nicht weniger.»

Der Mensch erschafft sich erst durch sein Handeln. Er wird nach Sartre in die Welt geworfen und hat es dann in der Hand, sich und sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

«Das ist für Sartre die Conditio Humana schlechthin, die Grundbedingung unseres Menschseins von dem Augenblik an, da wir uns unserer selbst bewusst werden, bis zu dem Moment, da der Tod dieses Bewusstsein auslöscht.»

Mit Im Café der Existenzialisten legt Sarah Bakewell keine systematische Einführung in eine philosophische Schule vor, sondern eine intellektuelle Bewegungsgeschichte – erzählt entlang ihrer prägenden Figuren. Im Zentrum stehen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, deren Denken und Leben Bakewell eng miteinander verschränkt darstellt. Von hier aus öffnet sie den Blick auf ein erweitertes Netzwerk von Denkern, Freunden, Rivalen und Weggefährten, darunter Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus.

Bakewell zeigt, dass der Existenzialismus nie blosse Theorie war. Er entstand nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern im Gespräch, im politischen Engagement, in persönlichen Krisen und historischen Erschütterungen. Paris, Krieg, Besatzung, Nachkriegszeit – all das bildet den Resonanzraum, in dem die berühmte Formel „Existenz geht der Essenz voraus“ ihre Dringlichkeit erhält. Freiheit ist dementsprechend auch keine abstrakte Kategorie, sondern eine Zumutung.

Gleichzeitig arbeitet Bakewell die philosophischen Voraussetzungen sorgfältig heraus. Sie verweist auf Søren Kierkegaard als existenziellen Vorläufer, auf Edmund Husserl und die Phänomenologie als methodischen Ursprung sowie auf Martin Heidegger, dessen Denken prägend wirkte. Dabei spart sie auch dessen politische Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht aus. Gerade hier zeigt sich die Stärke des Buches: Es verklärt nicht, sondern kontextualisiert. Denken ist immer auch biografisch und historisch situiert.

Das Buch ist Einführung, Überblick, Zeitzeugnis und Doppelbiografie zugleich. Sartre und de Beauvoir erscheinen nicht als Denkstatuen, sondern als Menschen mit Ambitionen, Eitelkeiten, politischen Irrtümern und intellektueller Radikalität. Bakewell macht nachvollziehbar, wie eng Lebensführung und Philosophie hier miteinander verwoben sind. Existenzialismus wird zur Haltung: eine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln in einer kontingenten Welt.

Stilistisch verbindet Bakewell erzählerische Leichtigkeit mit gedanklicher Präzision. Sie erklärt philosophische Positionen verständlich, ohne sie zu simplifizieren, und führt zugleich durch ein dichtes Geflecht persönlicher Beziehungen und ideengeschichtlicher Verschiebungen. Wer eine streng systematische Darstellung erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch verstehen will, wie Existenzialismus entstand, wovon er lebte, wie sich seine Er-Denker zerstritten und immer wieder neu politisch positionierten, erhält eine lebendige und kluge Einführung.
So bleibt am Ende weniger ein abgeschlossenes Lehrgebäude als ein Eindruck: Philosophie kann eine Form des Lebens sein – und unter bestimmten historischen Bedingungen sogar eine existenzielle Notwendigkeit.

Aus dem Bücherschrank – Anselm Grün: Im Wandel wachsen


Wie wir freier, authentischer, gelassener und hoffnungsvoller werden können

«Verwandlung bedeutet: ich schaue zurück, aber auch nach vorne. Ich würdige mich und mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe. Aber ich spüre: Ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Wandel kann nur geschehen, wenn ich das, was ist, annehme.»

Im Wandel wachsen ist kein Ratgeber im engeren Sinn, sondern ein geistlicher Begleiter durch die unterschiedlichen Phasen und Zumutungen des Lebens. Anselm Grün entfaltet sein Thema entlang zweier großer Bewegungen: den biografischen Entwicklungsstufen und den existenziellen Erschütterungen, die uns widerfahren – und die wir nicht gewählt haben.

Am Anfang stehen die ersten Stationen menschlicher Entwicklung: Geburt, Kindheit, Jugend, Ablösung, Elternschaft, Lebensmitte, das Altern der eigenen Eltern. Diese Phasen erscheinen nicht bloß als chronologische Abfolge, sondern als je eigene „Schulen“ der Reifung. Wachstum ist hier nie spannungsfrei. Ablösung bedeutet Verlust von Geborgenheit; Elternschaft ist zugleich Bindung und Loslassen; die Lebensmitte konfrontiert mit Begrenztheit.

Anselm Grün zeigt auf, dass es dabei nie um Optimierungsprojekte geht, nicht darum, sich neu zu erfinden oder sich permanent zu verbessern. Sein zentrales Motiv lautet vielmehr: Annahme als Voraussetzung von Veränderung. Nur wer sich selbst annimmt – mit Geschichte, Brüchen und Grenzen –, kann wirklich wachsen. Wer sich ändern will, weil er sich ablehnt, bleibt innerlich unfrei.

Das Leben schreitet nicht nur chronologisch von der Kindheit zum Alter, immer wieder konfrontiert es uns auch mit Erfahrungen: Ausgrenzung, Krankheit, Trennung, Begegnungen mit dem Tod, spirituelle Dunkelheit oder gesellschaftliche Umbrüche. All das iegt nicht in unserer Hand, betrifft uns aber oft nachhaltig. Es gilt hier – wie es schon Epiktet tat, zu unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Wir können nur beim ersten etwas bewirken, hier tragen wir die Verantwortung: Wir entscheiden, wie wir uns in Bezug auf das Leben und seine Zumutungen (im Guten wie im Schlechten) vergalten. Wachstum geschieht dort, wo wir nicht im Widerstand verharren, sondern unsere Reaktion bewusst gestalten.

«Es ist heute eine grosse Chance, dass wir uns im Dialog zwischen Kulturen und Religionen gegenseitig bereichern… Unterschiede sind eine Bereicherung, insofern verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen zum Tragen kommen und die Wahrnehmung erweitern.»

Wir sind bei all dem nie allein, sondern in eine Welt eingebettet und von anderen Menschen umgeben. Wachstum ist denn auch kein individualistisches Projekt, sondern immer eingebettet in Beziehung.

Grüns geistliche Perspektive ist bei all dem präsent, aber nicht missionarisch. Gott erscheint weniger als dogmatischer Lehrsatz denn als Vertrauensraum. Das Buch lässt sich daher auch säkular lesen: als Einladung, die eigene Biografie anzunehmen und Krisen nicht nur als Störung, sondern als Möglichkeit zur Vertiefung zu verstehen. Es verbindet Lebenshilfe, spirituelle Deutung und anthropologische Reflexion. Wer eine analytische Gesellschaftsdiagnose sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Orientierung im persönlichen Wandel sucht, findet ruhige, klärende Impulse.

«Das wäre das Ziel der Verwandlung, mein wahres Selbst zu erkennen und es zu leben.»

Fazit
Im Wandel wachsen plädiert nicht für Selbstoptimierung, sondern für Selbstannahme. Wachstum ist kein Akt der Selbstüberwindung, sondern der Versöhnung mit sich selbst. Gerade darin liegt die befreiende Kraft des Buches: Veränderung wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht – durch Annahme, Vertrauen und bewusste Gestaltung der eigenen Haltung.

Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Fazit
Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.

Ulrich Schnabel: Zusammen


Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen

«Kein Mensch ist eine Insel, begrenzt in sich selbst;
jeder Mensch ist ein Stück vom Kontinent, ein Teil aus dem Ganzen;» John Donne

Ulrich Schnabel ist ein wichtiges Buch gelungen. Er ruft dazu auf, uns wieder bewusst zu werden, dass wir nur gemeinsam unsere Welt zu einer besseren machen können. Er zeigt anhand von Studien und wissenschaftlichen Erkenntnissen aber auch mit Blick auf aktuelle Krisen und Probleme, dass Kooperation und Solidarität den Menschen weiterbringen als Egoismus und Selbstoptimierung.

«…die Kraft des Gemeinsinns: die Fähigkeit, sich als Teil eines grossen Netzwerkes zu begreifen und sich darauf auszurichten. Das heisst, nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das der anderen im Blick zu haben – was letztlich alle stärker macht.»

Oft vergessen wir, dass wir durch Kooperation und Gemeinsamkeit auch selbst profitieren. Wir blenden aus, wie viele Abhängigkeiten in unserem Leben bestehen und denken, dass wir alles möglichst alleine schaffen wollen und können. Wir bilden unsere Meinung und halten an ihr fest, blenden andere aus, die anders denken, hören nicht hin und werten sie ab. Dabei vergessen wir, dass jeder nur einen begrenzten Horizont hat und der Blick über den Gartenzaun mitunter neue Welten eröffnen könnte. Während es früher noch grosse Gemeinschaftsgärten gab, in welchen alle miteinander zuständig waren und sich dadurch auch verbunden fühlten, pflegt heute jeder sein eigenes Gärtchen. Zwar mögen die Blumen gedeihen und die Freude daran gross sein, doch wir haben sie für uns allein und können sie nicht teilen. Gerade in diesem Teilen aber liegt viel Energie, soziale Energie.

«…ein solch positives Zugehörigkeitsgefühl fehlt heute vielen. Als Nebenwirkung des Individualismus erleben wir eine regelrechte Epidemie der Einsamkeit.»

Einsamkeit ist die Krankheit unserer Zeit. Wir fühlen uns in der Welt nicht mehr zuhause, fühlen uns alleine. Wir sitzen in immer kleineren Wohnungen mit immer weniger Menschen und verstehen wenig: die Welt, die anderen, teilweise sogar wir selber sind zu Mysterien geworden. Eine Entfremdung in grossen Teilen der Bevölkerung.

Gerade jetzt, in Anbetracht all der globalen Krisen, ist es wichtig, die Grenzen zu weiten und zu sehen, dass wir nur gemeinsam weiterkommen. Wir können nicht warten, bis einer kommt und uns die perfekte Lösung auf dem Silbertablett präsentiert.

«Denn es ist klar, dass die Lösung der grossen Zukunftsfragen nicht von den Geistesblitzen einzelner Genies zu erwarten ist, sondern nur im gemeinsamen Handeln entstehen kann…sowohl kommunal wie global brauchen wir die Weisheit der Vielen, mit all ihren unterschiedlichen Perspektiven, Ansichten und Ideen.»

Es geht gerade nicht darum, als gleichgeschaltete Einzelne gemeinsam zu agieren, sondern als je eigene Wesen mit eigenen Gedanken und Meinungen sich einzubringen in einen offenen Dialog, in welchem sich alle begegnen und aus der so entstehenden Vielfalt ein gemeinsames Ziel errichten, das gemeinsam anzustreben ist. Gemeinsam, so Schnabel, erreichen wir viel mehr, als viele Einzelne erreichen könnten.

Eine grosse Leseempfehlung!

Jagoda Marinić: Sanfte Radikalität

«Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu schaffen.»

Das sagte Hermann Hesse und weist damit darauf hin, wie sehr wir uns mit unserem Grenzdenken selbst beschränken. Wie oft schauen wir auf die Welt und denken: „Es ist unmöglich, da etwas zu verändern.“ Oder wir sehen Missstände in der Gesellschaft und geben schon auf, bevor wir Lösungen gesucht haben, weil wir denken, dass die Strukturen nicht zu verändern sind. Wir vergessen dabei, dass diese Strukturen nicht durch eine Naturgewalt entstanden sind, sondern von Menschen gemacht wurden. Und was der Mensch macht, kann der Mensch auch verändern. Dies war auch die Ausgangslage von Jagoda Marinić. Sie wollte nicht nur in der Theorie verharren, sondern etwas auf die Beine stellen. Praktisch. Für Menschen. Ein interkulturellen Zentrums in Heidelberg.

Ein grosser Motivator war die Hoffnung: Denken, dass es möglich ist. Es gab viele Steine auf dem Weg, sie stiess auf kritische Stimmen, Ablehnung und Beleidigungen. Statt mit Wut und Hass zu reagieren entschied sie sich für eine Haltung, die zwar durchaus radikal die Ziele verfolgt, dies aber auf eine gemässigte, leise Weise. Sie suchte den Dialog, hielt durch, war beharrlich. Und es gelang. Von all dem handelt ihr neues Buch «Sanfte Radikalität».

«Sanfte Radikalität, das ist für mich die Entscheidung, eine Idee oder ein Projekt wirklich in die Welt zu bringen, statt Radikalität nur dafür zu nutzen, jene anzuprangern, die anders denken.»

Jagoda Marinić ist der Überzeugung, dass

«Zustände, die sich verändern sollen, nicht besser werden können, wenn die Menschen, die sie verbessern wollen, auf dem Weg dorthin ihre Werte und ja, ihre Sanftmut verlieren.»

In vielen jüngeren Schriften wird Wut gelobt als Motivator, etwas zu bewegen, gegen Missstände aufzubegehren. Dabei passiert es oft, dass sich Fronten mehr und mehr verhärten, weil die, welche mit Wut angegangen werden, nicht einfach anhören, was die Wütenden zu sagen haben, sondern ihre Schutzschilder, die meist aus Gegenschlägen bestehen, hochzuhalten. Auf beiden Seiten wüten dann die Emotionen, die Wut ist das Öl ins Feuer des destruktiven Konflikts, sie verunmöglicht einen sachlichen und konstruktiven Dialog und damit auch die Möglichkeit eines Wandels. Aus dieser Einsicht heraus ging Jagoda Marinić einen anderen Weg:

«Ich brauchte meine Klarsicht, um meine Fähigkeiten zusammenzuhalten, um das, was ich als Möglichkeitsraum sah, zu betreten und meine Kritik an Missständen in etwas Konstruktiveres zu verwandeln.»

Die Welt mag heute wie ein oftmals düsterer Ort erscheinen, in dem viel Unrecht und Leid herrschen. Statt mit Blick darauf zu verzweifeln und Schuldige zu suchen, dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, dass wir die Dinge nicht so lassen müssen, dass wir sie verändern können. Das schaffen wir nur in einem Miteinander. Es gilt also, sich zu verbinden statt immer neue Fronten zu schaffen oder bestehende zu verhärten.

«Wer Wandel will, muss jene finden und gewinnen, die für eine Sache zu begeistern sind, statt auf Radikales mit derselben Art von Radikalität zu antworten.»

Dabei ist jeder aufgefordert.

«Der Einzelne kann immer auch Verantwortung übernehmen, statt anderen nur vorzuwerfen, dass sie die Dinge nicht so tun, wie man es selbst richtig fände.»

Leseerlebnisse – Benedict Wells: Die Geschichten in uns

Vom Schreiben und vom Leben

«Denn Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, holt uns vielmehr erst in die Welt. Es macht uns greifbar und gibt uns die Möglichkeit, das Erlebte zu teilen.»

Nicht nur der Untertitel erinnert an Stephen Kings Buch «Das Leben und das Schreiben», das ganze Buch tut es. Trotzdem ist es nicht einfach eine Kopie. Benedict Wells schreibt offen wie nie über sein Aufwachsen, über seinen Weg hin zum Schriftsteller, der er heute ist. Er schreibt von seinen Plänen, von der Umsetzung, schreibt davon, wie ein Roman entsteht bei ihm und woran er anfangs scheiterte. Ein ehrliches, ein tiefgründiges, ein persönliches Buch.

«Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene lange nicht erzählen konnte.»

Wenn die eigene Geschichte keine leichte ist, fällt es oft schwer, genauer hinzuschauen. Es braucht eine Distanz, die den Schmerz mildert, der zu befürchten ist, wenn man noch in das Vergangene hineinsticht. Und das muss man, will man davon erzählen. Benedict Wells hat Zeit gebraucht, seine eigene Geschichte zu erzählen. Er hat sie hinter sich gelassen und doch immer wieder an ihr entlang geschrieben, indem die Themen seiner Bücher immer um die Themen kreisten, die auch ihn über all die Jahre seines Aufwachsens geprägt haben.

«Wenn ich keine Worte für meine tieferen Gefühle habe, empfinde ich sie überhaupt? Weiss ich dann wirklich, wer ich bin, oder bleibe ich mir am Ende ein Schatten?»

Dass das so ist, hat er nicht selbst gemerkt. Erst als ihn Leser und Freunde darauf hinwiesen, dass in allen seinen Büchern die Einsamkeit ein zentrales Thema war, fiel es auch ihm auf. Irgendwann beschloss er, nun eine Weile keinen Roman mehr zu schreiben. Das war der Moment, an dem er sich für seine eigene Geschichte öffnete. Die Zeit war wohl reif dafür. Entstanden ist dieses wunderbare Buch, in welchem er einen wirklich offenen Blick gewährt auf seine Kindheit, auf sein Aufwachsen, auf seine Hintergründe, die ihn zu dem Schriftsteller werden liessen, der er ist.

«Ich habe Schreiben gelernt, um Gefühlen nicht mehr ausgeliefert zu sein, sondern sie ins Bewusstsein zu holen und mit Menschen zu teilen, die mir wichtig sind.»

Neben dem Blick auf sein Leben gewährt er auch einen auf sein Schaffen. Er schreibt über seinen Prozess von der Idee hin zum fertigen Buch, schreibt von seinen Schwierigkeiten, Niederlagen, von seinem Scheitern und auch vom Erfolg. Entstanden ist ein wunderbar tiefes, ehrliches und authentisches Buch.

«Und so haben wir alle unsere charakterlichen Defizite und Stärken, die sich auf unseren Arbeitsprozess auswirken. Es bringt nichts, sich zu vergleichen und von Hand zu schreiben, nur weil die Lieblingsautorin das macht.»

Wer hofft, mit diesem Buch nun den ultimativen Ratgeber für das Schreiben eines eigenen Buches zu haben, den wird das Buch enttäuschen. Zwar legt es den Schreibprozess von Wells offen, zeigt seinen Werkzeugkasten, zeigt, wie er arbeitet und was auf dem Weg vom ersten Gedanken hin zum fertigen Buch alles zum Einsatz kommt, doch ist es eben genau das: Der Schreibprozess von Benedict Wells. Es gibt wohl so viele Möglichkeiten, ein Buch zu schreiben, wie es Schriftsteller gibt. Jeder muss für sich herausfinden, was am besten passt.

«Es gibt keine todsicheren Tipps für das Schreiben, nur Übung und das Sammeln von Erfahrung.»

(Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Leben und vom Schreiben, Diogenes Verlag 2024.)

Paris ist eine Reise wert

«Paris ist ein veritabler Ozean… Man mag Paris durchlaufen und beschreiben: Welche Mühe man sich auch dabei gibt, so zahlreich und so sorgfältig auch die Erforscher dieses Meeres sein mögen, immer wird man auf eine unbekannte Stelle stossen, auf eine unentdeckte Höhle, auf Blumen, Perlen, Ungeheuer, auf irgendetwas Unerhörtes, das die literarischen Taucher vergessen haben.» Honoré de Balzac

«Wenn einer eine Reise tun, so kann er was erzählen.» So oder so ähnlich ging ein Spruch, den ich seit Jahren kenne. Ich war nie der begeisterte Reiser. Reisen war mir eher beschwerlich, zu Hause gefiel es mir am besten, denn da kannte ich mich aus, da hatte ich alles, und vor allem: Da war ich schon. Vielleicht bin ich so oft umgezogen in meinem Leben, um trotzdem nicht immer am gleichen Ort zu sein. So konnte ich jeweils alles mitnehmen und hatte dann wieder eine Weile Ruhe.

Auf alle Fälle las ich mich in der letzten Zeit durch das Werk von Simone de Beauvoir, war mehr und mehr begeistert von ihr und damit passierte es unweigerlich: Ich wollte dahin, wo sie gewesen war. Nach Paris. Ich war Feuer und Flamme, plante Projekte, die ich mit der Reise verbinden wollte, und besorgte mir – wie sollte es anders sein – die nötige Literatur zur Vorbereitung. Die Auswahl ist gross, es galt auszuwählen.

Auf der Hand lag folgendes Buch:

Inga Westerteicher: Das Paris der Simone de Beauvoir

«Er trug so leicht an der Last der Welt, dass sie auch mich nicht mehr niederzudrücken vermochte; im Luxemburggarten strahlten morgens der blaue Himmel, der gründe Rasen, die Sonne, wie an den schönsten Tagen.» Simone de Beauvoir, Memoiren

Eine Reise durch das Paris von Simone. Lange wohnte Simone de Beauvoirs nur in Hotels, die vor allem eines sein mussten: Preiswert. Nachdem sie durch einen Literaturpreis Geld gewonnen hatte, kaufte sie sich eine Wohnung. Nach und nach wurden die Finanzen besser, doch Simone blieb ihrem Lebensstil treu, in dem sie sich mit Sartre zusammen eingerichtet hatte – man kann die beiden kaum getrennt denken. Simone de Beauvoir verkehrte in Cafés, wo sie häufig auch schrieb, in Bars abends, wo sie Freunde trafen, schlenderte durch Strassen und Gärten. Auf all diesen Wegen können wir ihr nun dank dieses Büchleins folgen, das zudem immer auch Einblicke in ihr Leben und ihre Begegnungen bietet. Nicht nur für die, die Simone de Beauvoir lieben, aber für die ist es wunderbar.

(Inga Westerteicher: Das Paris von Simone de Beauvoir, mit einem Vorwort von Florence Hervé, edition ebersbach, Dortmund 1999.)

Antje Kahnt: Zu Fuss durch Paris

«…nirgends sei man wirklich gewesen, wo man nicht zu Fuss war, wusste schon der alte Goethe. Für keine Stadt gilt das so wie für Paris… Den Reiz der Stadt machen nicht nur die Wahrzeichen wie Eiffelturm, Notre-Dame und Sacré-Cœur aus, sondern ihre vielen Gesichter.»

Als ich mal in Venedig war, liebte ich es, die Stadt zu erlaufen. Ich ging über Brücken und durch Gässchen, kam an malerischen Kapellen vorbei, schaute in verwunschene Hinterhöfe. So stellte ich mir meine Erkundung von Paris auch vor, denn ich war mir sicher: Auf keine andere Weise geht einem ein Ort tiefer. Wie schön, dass ich gleich auch das passende Buch dazu fand. 12 Spaziergänge durch Paris, untermalt mit Bildern, Beschreibungen der sehenswerten Wegetappen und ein paar Hintergrundinformationen. Beim Anschauen des Buchs ist man praktisch schon auf dem Weg.

(Antje Kahnt: Zu Fuss durch Paris. 12 Spaziergänge, Droste Verlag, Düsseldorf 2024.)

Ulrich Wickert: Alles über Paris

«Keine Metropole erweckt am Morgen solche Gefühle des Glücks, wie dies Paris vermag, wenn der Duft der frischen Croissants aus den Bäckereien auf die Strasse weht, wenn die geflochtenen Stühle der Bistro-Terrassen auf dem frisch abgesprühten Trottoir einladen, einen Café crème zu bestellen.» Ulrich Wickert

Die Liebeserklärung an Paris («die Stadt aller Städte» des langjährigen ARD-Korrespondenten Ulrich Wickert. Er zeigt mir in kurzen Aufsätzen und Reportagen sein Paris, führt mich durch die Gassen hin zu den verschiedensten Orten, erzählt, wie es da klingt und riecht, lässt die Stadt lebendig werden. Bald fühle ich mich mittendrin im Treiben, lese von den Katzen, die über Mauern balancieren, von Voltaire, der einst in Paris lebte, von der Kunst der Bäcker, Kunst und Kulinarik.

(Ulrich Wickert: Alles über Paris, Heyne Verlag, München 2004.)

Und dann das Wunderbuch:

Siobhan Ferguson: Paris wie es keiner kennt

«Paris ist die Stadt der Lichter, gross und majestätisch… die Stadt der charmanten Dörfer… Die Stadt der Dichter und Denker…. Die Stadt des Flaneur… Paris ist die Stadt der Träume.»

Ein Fest für die Sinne, eine Augenweide. Mit unzähligen Fotos zeigt dieses Buch die einzelnen Quartiere, lässt die Eindrücke vor Ort lebendig werden beim Anschauen. Neben Tipps, wie und wo sich gut fotografieren lässt, lerne ich, wie die einzelnen Arrondissements angeordnet sind, was ich mir auf keinen Fall entgehen lassen darf, was in den einzelnen Jahreszeiten zu beachten ist – und vieles mehr. Vor allem aber, ich kann mich nur wiederholen: Wunderbare Bilder. Ein Buch, in das sich gut versinken lässt.

«Siobhan Ferguson: Paris wie es keiner kennt, übersetzt von Martina Panzer, Midas Verlag, Zürich 2024.)

Ich glaube, diese Reise durch die Bücher wird mich noch eine Weile beschäftigen, die wirkliche Reise verschiebe ich auf später. Ein bisschen komme ich mir vor wie Peter Bichsel, der einst über Paris schrieb, ohne es je gesehen zu haben.

Julia Korbik: Schwestern

Die Macht des weiblichen Kollektivs

Inhalt

«Sisterhood is powerful!, und es gibt viele Beispiele, die das belegen. Die zeigen, was passiert, wenn Frauen sich zusammentun und solidarisch füreinander eintreten, wenn sie gemeinsam für ihre Anliegen kämpfen. Denn, das lehrt die Geschichte: Tun es Frauen nicht selbst, tut es im Zweifelsfall auch niemand anderes für sie.»

Eine Darstellung des Feminismus, wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat, die Vorstellung einzelner Feministinnen und Strömungen. Eine Analyse der Schwierigkeiten, die ihn seit jeher begleiten, allen voran die Konzentration auf das Trennende, die Exklusion statt Integration von unterschiedlichen Bedürfnissen und Kampfthemen. Und nicht zuletzt ein Aufruf zu mehr Miteinander, zu emphatischem Hinhören und gemeinsam Einstehen für die Sache, die allen gemeinsam ist: Eine gerechtere Welt mit mehr Gleichberechtigung – für alle.

Gedanken zum Buch

«Feminismus, das ist kollektive Stärke, ist schwesterliches Handeln. Das Wir kommt dort vor dem Ich. Für Feministi:innen ist es deshalb wichtig, sich nicht vereinzeln zu lassen – und sich daran zu erinnern, dass das Kollektiv Macht besitzt.»

Schaut man auf den Feminismus – nicht mal nur heute, die Tendenz gab es immer -, sieht man nicht nur eine Spaltung desselben, sondern eine regelrechte Zerstückelung. Jeder ist in eigener Sache unterwegs, wirft dem anderen vor, dass dieser nur seine sieht und hält es ja eigentlich genauso. Es wird sich zu stark an den Unterschieden aufgerieben, statt das Verbindende zu sehen, nämlich den Kampf für eine Gesellschaft, in der jeder und jede in seinem Sosein mit ihren Anliegen, Fähigkeiten und Bedürfnissen adäquate Chancen und Möglichkeiten hat. Es wäre viel mehr getan, sich zusammen um das gemeinsame Ziel zu kümmern, als sich in Kleingrüppchen persönlichen Einzelinteressen zu verschreiben.

«Sprache kann dabei helfen, verschiedene Aspekte des Frauseins auszudrücken… Allerdings, das müssen wir uns bewusst machen, ist Sprache nichts, das eins zu eins repräsentieren kann. Wir werden sprachlich nie alles ausdrücken, alle Menschen ansprechen können.»

Ein sehr präsentes Thema ist die Sprache. Die Frage, ob der Genderstern nun relevant ist oder nicht und alles, was damit zusammenhängt, nimmt unglaublich viel Raum ein, so dass es oft scheint, die lebenszentralen Themen wie Armut für Frauen, ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Gewalt gegen Frauen und viele mehr treten dagegen zu sehr in den Hintergrund. Bei Lichte betrachtet mag an den Sprachregelungen etwas sein, impliziert man, dass Sprache Realität abbildet und mit einer Veränderung derselben auch die Realität in den Köpfen verändert würde, was zu einem anderen Verhalten führen würde. Ich wage das zu bezweifeln. Wer Hunger hat und sein Kind nicht ernähren kann, wird sich nicht vertreten fühlen von um Sterne kämpfenden Feministinnen. Die, welche dort stehen und sich nicht vertreten fühlen durch falsche Verwendung von Worten, tun das oft von einem bildungshohen Stuhl aus und mit vollem Magen.

Das gleiche Problem sieht man in der Politik generell: Die aktuellen Themen der Linken sind selten die, welche die Menschen betreffen, für welche die Linke einmal stand: Arbeiter, Armutsgefährdete, sozial Benachteiligte, etc. Diese fühlen sich in der Folge nicht mehr gesehen und gehört von ihren Parteien und suchen welche, die ihnen aus dem Herzen zu sprechen scheinen – die rechten Parteien mit all ihren Versprechungen.

Wir müssen da dringend umdenken und uns primär wirklich relevanten Themen zuwenden. Schlussendlich ist das Argument, wenn man früher in der männlichen Form kommunizierte, sei die Frau nicht mitgemeint gewesen, deswegen bräuchten wir heute andere Wörter, obsolet, da wir wissen, dass sie heute mitgemeint ist (sein muss).

«Ein winziger Stein, aus dem viele Steine werden. Die dann, irgendwann, hoffentlich zu konkreten Veränderungen führen.»

Wie oft denkt man, dass alles, was man tun kann, nichts bringt. Wie oft resignieren wir, statt für uns einzustehen. Wir mögen nicht die Welt retten können, schon gar nicht von heute auf morgen, denn Veränderungen brauchen Zeit, aber: Es ist möglich. Langsam, in kleinen Schritten, kontinuierlich. Ich bin überzeugt, dass Dinge sich verändern, langfristig, wenn Menschen sich einsetzen, in ihrem Umfeld dafür sorgen, dass die Welt so aussieht, wie sie gewünscht ist. Das wird Kreise ziehen, wird sich ausweiten. Und immer daran denken: Gemeinsam sind wir stark.

«Die Andere ist nicht die Grenze meiner Freiheit, sondern ihre Basis: Sie erlaubt mir, mich zu verändern. Nur Differenz ermöglicht neue Perspektiven, ermöglicht neues Denken und Handeln. Feministisches Denken und Handeln. Nur so können wir wachsen – einzeln und gemeinsam.»

Fazit
Intelligent, aufschlussreich und anregend geschrieben – Wie sich Feminismus über die Zeit entwickelt hat und was wir uns von ihm wünschen und erhoffen für die Zukunft. Nichts Neues, aber das Alte gut zusammengefasst.

Zur Autorin
Julia Korbik ist freie Journalistin und Autorin in Berlin. Bei Rowohlt erschien von ihr zuletzt Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten sowie die Graphic Novel Simone de Beauvoir. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Luise-Büchner-Preis für Publizistik ausgezeichnet.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Buchverlag; 1. Edition (30. Januar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 256 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3498003722