Es gibt ein Zitat von Buddha, welches in etwa so lautet:

„Ich lehre euch nicht alle Dinge, die ich weiss, denn ich glaube nicht, dass sie für eure Transformation, eure Heilung und euer Glück wichtig sind. Ich biete euch nur die Dinge an, die ihr wirklich braucht.“

Wie schön wäre es, in unseren Klassenzimmern ginge es genauso zu und her? Wie lebensnah und förderlich wäre es, Lehrer würden Kindern das vermitteln, was sie wirklich brauchen für ihr Leben, für ihr Bestehen in dieser Welt, statt sie mit (so oft unnützem) Wissen abzufüllen?

Wissen ist nicht per se zu verdammen, Wissen ist etwas Wunderbares. Doch es ist nicht primär wichtig. Primär müssten Kindern das lernen, was sie für ihr Leben in der Welt, wie sie sich ihnen präsentiert, brauchen. Faktenwissen, das jeder Computer besser memoriert, gehört da eher nicht dazu, eher sind Fähigkeiten, Werte und soziale Kompetenzen gefragt – all das, was Menschen vom Computer unterscheiden, all das, was Menschen in dieser Welt die Möglichkeit bietet, in ihr zu bestehen und in einem Miteinander zu existieren.

Kinder wollen lernen. Kinder lernen von Natur aus immer. Doch wenn man sie mit Gewalt, Zwang, auch Wut und gar Verzweiflung dazu bringen will, die von einem lebensfremden Bildungsplan auferlegten Inhalte in den Kopf zu beigen, verleidet man ihnen nicht nur oft das Lernen, man macht sie auch krank. Dies oft in mehrfacher Hinsicht. Es gab noch nie eine Zeit, in welcher Kinder so viel krank waren: Depressionen, Burnouts, Suchtkrankheiten – all diese und noch einige mehr sind auf dem Vormarsch. Kinder stehen unter Druck. Und sie merken tief drin wohl auch, wenn man ihnen nicht jegliche Intuition bereits ausgetrieben hat, dass das, was sie tagtäglich vorgesetzt kriegen, mit ihrem Leben herzlich wenig zu tun hat. Dies wohl umso mehr, je intelligenter sie sind, weil sie dann selber erkennen, dass all das Faktenwissen zu leicht abrufbar wäre, würde man sich dem Stand der Welt anpassen und sich nicht so verhalten in der Schule, als ob Computer und all das abrufbare Wissen nicht existierte.

Das heutige Schulsystem leidet unter einem Scheuklappendenken. Es versucht krampfhaft ein Lehrkonzept zu erhalten, das schon vor 200 Jahren überholt war. Es versucht krampfhaft, Wissensinhalte zu vermitteln, die in einer Zeit wie heute nicht mehr adäquat sind in der Form. Es versucht krampfhaft, sich selber weiter am Leben zu erhalten durch das Blockieren innovativer Zugänge zu einem neuen Lernen, zu einer neuen Form von Schule.

Wenn Schule überhaupt noch nötig ist – und ja, ich denke, in der heutigen Form ist sie das nicht -, müsste man zuerst einmal hinschauen, was Kinder wirklich brauchen. Heute und für morgen. Kinder haben Bedürfnisse: Das erste ist, geliebt zu werden. Werden Kinder geliebt, lieben sie auch – es entsteht eine Beziehung. Diese Beziehung ist die wichtigste Grundlage überhaupt. Auf ihr baut alles Weitere auf. Ein zweites ist, zu verstehen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie wollen wissen, wieso Dinge sind, wie sie sind. Wer kennt nicht all die Fragen nach dem Warum? Wenn man ihnen diese Neugier lässt, wollen Kinder auch lernen. Und sie tun es ohne Druck, Gewalt und Strafandrohungen.

Würde in einer Schule eine Kultur herrschen, in welcher Menschen unter Menschen sind, sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen, von einem Gefühl der gegenseitigen Akzeptanz und Liebe getragen, wäre die notwendige Basis für ein sinnvolles und aus eigenem Antrieb kommendes Lernen gegeben. Dann wäre es Kindern möglich, auf eine gesunde, weil ihrem Naturell entsprechende Weise zu lernen.

Würde zudem die Schule realisieren, dass die Lerninhalte sich den gegebenen Veränderungen, die noch dazu immer schneller voranschreiten und so eine Zukunft erahnen lassen, in welcher das bis anhin Gelernte wenig brauchbar und umsetzbar ist, könnte sie sich auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren: Fähigkeiten, Werte und soziales Verhalten. Das heisst nicht, dass fortan Wissen keinen Platz mehr haben sollte, aber es sollte mehr den Kindern überlassen sein, welches Wissen ihnen wichtig ist und auf welche Weise sie sich dieses aneignen können. Lehrer wären in einer solchen Schule nicht per se Vermittler, sondern zugewandter Wegbegleiter.

Ich bin überzeugt, dass aus einer solchen Schule lebenskompetente, gesunde und motivierte Persönlichkeiten ins Leben hinaus gingen und dieses in die Hand nehmen könnten und wollten. Ich bin überzeugt, dass solche Menschen nicht von Maschinen ersetzt werden können, weil sie nicht versuchen, mit diesen zu konkurrieren, sondern sich auf ihre eigenen Stärken berufen und diese einsetzen können. Ich bin überzeugt, dass damit eine Zukunft realisiert würde, in welcher Menschen friedlicher miteinander leben könnten und sie Maschinen nicht als Gefahr, sondern als wertvolle Unterstützung sehen könnten, welche ihnen möglich macht, mehr als Mensch unter Menschen und nicht als funktionierendes Rad im Getriebe zu agieren.

Lernen ist eigentlich eine Lebensform. Jeder Mensch kommt als lernendes Wesen zur Welt. Sieht man einen Säugling, wie er sich langsam aufrichtet, dann zu krabbeln und schliesslich zu laufen lernt, zeigt sich dies deutlich. Im Laufe der Zeit kann es aber dazu kommen, dass Menschen das Lernen verlernen. Die Gründe dafür können vielschichtig sein. Plötzlich steht man ein einem Punkt und will lernen, aber

  • man weiss nicht wie
  • es bleibt einfach nichts hängen
  • die Konzentration bleibt aus
  • man kann keine Motivation aufbringen
  • man leidet gar unter Prüfungsangst

 

Hier setzt das Lerncoaching an. Grundsätzlich ist zu sagen, dass nicht jeder Mensch gleich ist und es darum auch nicht eine einzig richtige Art zu lernen gibt. Das Lerncoaching als wichtiger Teil in einer Schule, in welcher autonomes Lernen gefördert wird, hilft, Lernstrategien und – techniken zu entwickeln, die zum individuellen Lerntyp passen. Wichtig beim Lernprozess sind aber nicht nur die Technik und die Strategie, sondern auch Themen wie Motivation, Ausdauer, Zielsetzungen, Konzentration und die geeignete Umgebung.

Das Lerncoaching hilft dabei

  • sich selber Ausbildungsziele zu setzen
  • die Verantwortung über den eigenen Lernprozess zu übernehmen
  • innerhalb verschiedener Ziele Prioritäten zu setzen
  • die geeignete Lernmethoden für die individuellen Ziele zu finden
  • sich zu motivieren
  • Lernfortschritte zu kontrollieren und einzuordnen
  • besser mit Frustrationen im Bereich des Lernens und der Schule umzugehen
  • mit Stresssituationen umzugehen
  • mit Prüfungsangst umzugehen

Wichtig ist die Einsicht, dass man für das eigene Lernen selber verantwortlich ist. Das lässt und erfordert ein gutes Mass an Autonomie. Die Aufgabe eines Lerncoachs ist es, den Lernenden auf dem Weg dahin zu begleiten. Zuerst finden der Lerncoach und der Schüler zusammen heraus, was für ein Lerntyp der Lernende ist. So verschieden Menschen sind, so verschieden können auch die passenden Methoden sein, die zu ihnen und den selbst gesetzten Zielen passen. Danach geht es darum, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen:

Welche Lernumgebung fördert das eigene Lernen, wie um welche Zeit fällt lernen am leichtesten, wie viel Zeit braucht man, um ein Ziel zu erreichen und welches ist die passende Methode, dies zu tun? Aufgrund solcher Fragen kann der Lernende seinen persönlichen Lernweg definieren und hat auch ein Mittel in der Hand, die eigenen Fortschritte zu prüfen.

Ein Lerncoaching ist also nicht an Fachbereiche gebunden und hilft auch nicht, ein spezifisches Prüfungsthema zu bearbeiten, sondern es hilft dabei, Lernenden die Fähigkeiten in die Hand zu geben, ihren eigenen Lernweg zum persönlichen Ziel zu finden und zu gehen.

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

_______

* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Betrachtet man den herkömmlichen Unterricht, sieht man meist einen Lehrer, der basierend auf einem Lehrplan Stoff vermittelt. Er füllt kleine Kinderköpfe wie Fässer mit Wissen, das diese kurz aufnehmen, behalten, wiedergeben müssen. Darauf basierend werden sie bewertet. Wir haben also einen Klassenverband mit gleichaltrigen Schülern, die beim gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut erreichen müssen (7G-Prinzip).[1]

Nun sind aber Kinder nicht gleich, sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, brauchen unterschiedliche Bedingungen zum lernen und haben ein unterschiedliches Tempo. Wie viel besser wäre also, wenn Kinder die Möglichkeit hätten, sich auf die ihnen eigene Art den nötigen Stoff anzueignen? Wenn sie also „als vielfältige Menschen auf vielfältigen Wegen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen kämen“ (8V-Prinzip)[2]?

Mit dem althergebrachten Frontalunterricht ist das sicher nicht zu bewerkstelligen, neue Lehr- und Lernformen sind gefragt. Lehrer sollen nicht mehr länger Lieferanten von Wissensinhalten sein, sondern Begleiter auf dem Lernweg der Schüler. Diese wiederum sind nicht blosse Wissenstanks, die passiv aufnehmen, was präsentiert wird, sondern aktive Lerner, die sich ihr Wissen selber erarbeiten durch autonomes Lernen.

Autonomes Lernen heisst, dass das Lernen eigenverantwortlich erfolgt, die Mittel und Wege selbstbestimmt sind und individuell angewendet werden, den eigenen Bedürfnissen angepasst. Der Schüler ist also frei in der Wahl seiner organisatorischen, zeitlichen, räumlichen, methodischen Mittel. Autonomes Lernen ist mehr als selbständiges Lernen. Beim autonomen Lernen setzt sich der Lernende die Ziele selber. Zwar liegt es in der Natur unseres Schulsystems, dass Lehrpläne Ziele vorschreiben, doch beim autonomen Lernen versucht man, sich diese Ziele zu eigenen zu machen. Je besser das gelingt, desto leichter fällt schliesslich auch das Lernen.

Es liegt schlussendlich in der Verantwortung jedes einzelnen Lernenden, seine sich gesetzten Ziele zu erreichen. Damit diese – meist langfristigen – Ziele erreicht werden können, müssen oft auch kurzfristige zurückgestellt werden. Wenn der Lernende kein Neulernender ist, verfügt er zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Repertoire an Lernstrategien. Er wählt nun die für das zu erreichende Ziel passende aus. In der Folge kann er die eigenen Lernfortschritte immer selber kontrollieren und die Fortschritte beurteilen, um zu evaluieren, ob seine Strategie Früchte trägt. Er erkennt dabei auch Hürden und Hindernisse und kann gezielt um Hilfe bitten.

Autonomes Lernen ist je nach Ziel einfacher oder schwerer, bedarf mehr oder weniger Begleitung. Wie diese Begleitung auszusehen hat, ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal reichen methodische Anregungen, manchmal braucht es ein wenig Druck oder aber im Gegenteil Gewährenlassen. Autonomie so verstanden ist keine absolute Grösse, sondern immer zielabhängig. Damit autonomes Lernen gelingen kann, bedarf es einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die auf Augenhöhe stattfindet, in der beide ihre Authentizität bewahren und in welcher ein Vertrauensverhältnis herrscht. Der Lehrer tritt nicht länger als Wissender auf, der doziert, sondern als Partner im Dialog. Der Lehrer ist dabei nicht dazu da, den Schüler zu motivieren, sondern er (und die Schule) schafft Bedingungen, unter denen der Schüler sich selber motivieren kann. Dieser ist dann frei in der Wahl seiner Mittel und Wege, er hat die Gelegenheit, in Eigeninitiative und mit Neugier den zu erarbeitenden Stoff zu verinnerlichen.

Damit Autonomie gefördert werden kann, müssen auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einerseits den Lernprozess unterstützen, andererseits die Zielvorgaben beinhalten und deren Erreichen sichern. Dabei kann ein Lernvertrag helfen: Lehrer und Schüler vereinbaren, welche Ziele zu erreichen sind, in welchem Zeitrahmen das passieren soll und was beide voneinander brauchen, damit das Ziel erreicht werden kann. Auf dieser Basis kann sich der Schüler auf seinen persönlichen Lernweg machen, er wird dabei vom Lehrer begleitet, hat die Möglichkeit, auftretende Probleme mit diesem zu besprechen.

Wichtig ist auch die Umgebung, in welcher autonomes Lernen stattfindet: Die individuelle Herangehensweise an den zu lernenden Gegenstand bedarf eines Lernorts, welcher verschiedenen Lerntypen die nötige Infrastruktur liefert. Es sind Orte zum stillen Lernen wie auch zum Lernen in Gruppen nötig.

Zusammengefasst lassen sich folgende Parameter für autonomes Lernen auflisten:

Autonomes lernen ist

  • individuell
  • selbstbestimmt
  • eigenverantwortlich

Autonomes Lernen braucht

  • eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • Vertrauen
  • Empathie
  • eine geeignete Lernumgebung

Ein autonom Lernender verfügt über folgende Fähigkeiten:

  • Er setzt sich selber Ziele
  • Er übernimmt die Verantwortung über seinen Lernprozess
  • Er setzt die Prioritäten innerhalb seiner Ziele
  • Er kann aus verschiedenen Strategien die für das aktuelle Ziel geeignete auswählen
  • Er kontrolliert seine Lernfortschritte und kann diese einordnen
  • Er merkt, wo er Hilfe braucht und kann diese einfordern

____________________

[1] vgl. dazu Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht

[2] ebd.

Wie oft hörte ich das in meiner Schulzeit und ich konnte es kaum glauben. Klar, Schule wurde als das hingestellt, was mich auf die Zukunft vorbereiten, das mir den Zugang zu einer Ausbildung, zu einem Studium, zu einer weiterführenden Schule ermöglichen sollte. Und so lernte ich, was mir vorgegeben wurde, zu lernen. Sinn und Zweck sah ich selten, was sich auf die Lernmotivation niederschlug und oft das Lernen eher als notwendiges Übel denn als sinnvolle Tätigkeit erscheinen liess.

Lernen in der Form, wie ich es in der Schule kennengelernt habe, war eigentlich kein wirkliches Lernen, es war eher das Pauken von Inhalten, die mir vom Lehrer frontal gegen den Kopf geschleudert wurde und die ich nun in diesem hätte ansammeln sollen. Dass sich diese Inhalte oft nur kurzzeitig und nur gerade im Hinblick auf eine Prüfung niederliessen, bestärkt die Ansicht, dass von Lernen, wirklichem Verinnerlichen, kaum die Rede sein konnte.

Von vielem, das ich damals gehört habe, ist kaum etwas geblieben. Das ist insofern schade, als ich heute finde, dass ganz vieles davon spannend gewesen wäre, dass es mich eigentlich interessieren würde. Nun ist es nicht so, dass ich ein gänzlich uninteressiertes Kind gewesen wäre, im Gegenteil. Es gelang im Unterricht in der Form schlicht nicht, mein Interesse zu wecken. Das hatte verschiedene Gründe:

  • Ich sah beim Lehrer selten eine eigene Faszination für den Stoff. Meist leierten unsere Lehrer die gleichen Inhalte auf die gleiche Art und Weise runter, wie sie das schon seit Jahren getan hatten.
  • Ich sah in vielen Inhalten keinen Sinn für mein Leben, da ich sicher war, die Mehrheit davon nie mehr im Leben brauchen zu können. Und ich habe recht behalten.
  • Das stupide Auswendiglernen von prüfungsrelevantem Stoff tötete noch den letzten Funken an Interesse in mir.

Und ja, so fühlte es sich schlicht nicht so an, als ob ich für mich lernte – ich lernte für die Schule. Ich lernte für eine Schule, die so ausgerichtet war, dass sie mir Stoff eintrichtern musste nach Lehrplan, welcher für mich nicht relevant war, auf eine Weise, die weder kindgerecht noch lernpsychologisch sinnvoll war.

Nun kann man sagen, dass man es nicht besser wusste. Das wage ich zu bezweifeln, denke ich nur an Aussagen von Humboldt, Dewey oder auch Piaget (um nur einige wenige zu nennen, die Liste wäre lang). Seit da kam die Hirnforschung dazu, welche viele der Aussagen stützte, vor allem aber, dass Lernen, wie es heute in Schulen gefordert wird, nicht den menschlichen Anlagen entspricht.

So oder so: Wenn ein Kind wirklich für sich lernen soll, dann müsste dieses Lernen auf eine ihm mögliche Weise geschehen können und es müsste für sein persönliches Leben einen Sinn ergeben. Im Hinblick darauf, dass wir in unserer immer schneller sich verändernden Welt keine Ahnung mehr haben, welche Berufe es in der Zukunft noch geben wird, wäre es wichtig, dem Kind Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, welche ihm eine Anpassung an diese sich verändernde Welt ermöglichen. Zudem müsste es sich in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt orientieren und austauschen können. Es müsste, um in eben dieser Welt friedlich mit andern zusammenleben zu können, Werte verinnerlichen, die dieses Zusammenleben ermöglichen. Es muss wissen, wie und wo es sich Informationen beschaffen und wie es diese verinnerlichen kann – was es von Natur aus könnte, würde man ihm dieses natürliche und autonome Lernen nicht abgewöhnen würde durch zu viele vorgefertigte Antworten, welche das neugierige Fragen im Keime ersticken.

Werte und Fähigkeiten und Kompetenzen in grundlegenden Bereichen, die lebensrelevant in einer Welt des Miteinanders sind, wären also das, was in Schulen vermittelt werden sollte. Dass eine gewisse Allgemeinbildung durchaus sinnvoll ist, soll nicht bestritten werden, allerdings sollte es dem Interesse des Kindes überlassen werden, wie tief es in gewissen Bereichen gehen (nämlich so weit, wie es für seinen persönlichen Lebensweg sinnvoll erscheint) und auf welchen Wegen es sich diesen Stoff erarbeiten will.

Damit plädiere ich nicht dafür, den Lehrer abzuschaffen und die Kinder auf sich selber gestellt zu lassen beim Lernprozess, im Gegenteil. Lehrer sind wichtig. Allerdings sollte ihre Aufgabe weniger in der dozierenden Fachvermittlung liegen, als mehr in der Begleitung auf den individuellen Lernwegen und im Aufbau einer Beziehung, welche dem Kind Halt und einen geschützten Rahmen gibt auf seiner Reise durch die Lernwelten.

Als Mutter eines Schulkindes und neu in der Ausbildung zum Gymnasiallehrer steckend, mache ich mir dann und wann Gedanken über den Lehrerberuf und die dahin führende Ausbildung. Einige davon habe ich hier mal gesammelt:

In den letzten Jahren wurde die Lehrerausbildung immer mehr verschult. Theorie wuchs im Vergleich zur Praxis an, was in den Grundschul- und Sekundarlehrerausbildungen wohl dem Wandel vom Seminar zur Fachhochschule und damit einhergehender Anforderungen geschuldet war, beim Gymnasiallehrer dem Ausbau der Anforderungen für das zu erwerbende Diplom und die generelle Akademisierung einer universitären Ausbildung. Ursache für diese Verschiebung war wohl der Anspruch, gesicherte Qualitätsmerkmale zu erhalten, welche durch Prüfungen und theoretische Abhandlungen besser zu erreichen sind als durch praktische Arbeit. Das Resultat überzeugt in meinen Augen nicht.

Der Lehreranwärter erlebt hauptsächlich Theorie und in der Praxis einen quasi geschützten Rahmen, indem die Anforderungen nie denen entsprechen, die ihn erwarten, wenn er wirklich in den Beruf einsteigt. Was wirklich alles auf einen zukommt als Lehrer, erfährt man zwar in der Theorie anhand von Statistiken und Untersuchungen, womit es auf einer rationalen Ebene bleibt, vielleicht die einen oder anderen Ahnungen weckt, dabei aber nie emotional erfahrbar wird. Steigt man dann in den Beruf ein, wird aus den rationalen Überlegungen ein emotionales Wechselbad der Gefühle, welches für so manchen überfordernd sein kann. Ich habe das in letzter Zeit an einer Reihe von Berufseinsteigern in der Grundschule miterleben müssen, was meine Sicht bestätigt hat. Dabei entsteht Schaden sowohl an Kindern, die überfordernden und bald abtretenden Lehrerin gegenüber stehen und auch an Menschen, die den Lehrberuf aus Überzeugung wählten, um sich dann einer Situation gegenüber zu sehen, mit der sie nicht klar kommen.

Ich war zeitlebens ein eher theoretischer Mensch, habe darum wohl Philosophie und Germanistik studiert, weil es sich nirgends so schön theoretisieren lässt wie da. Um dieses Theoretisieren nicht gleich enden zu lassen, habe ich promoviert, dies zwar in praktischer Philosophie, die allerdings auch eher theoretisch ist in einer Dissertation. Nun steige ich in eine – wie ich dachte – praktisch anwendbare Ausbildung ein, und ich sehe mich Theorien ausgeliefert. Ich lerne, was Piaget vor 100 Jahren sagte, höre, dass man dies nicht mehr so sehe heute, muss es aber doch lernen. Ich lerne Statistiken, lese in der Fachdidaktik seitenlange Artikel über theoretische Unterrichtskonzepte, ohne bislang je eine Unterrichtsstunde nur im Ansatz gestaltet zu haben. Die Allgemeine Didaktik liefert zwar Raster, wie man eine solche gestalten sollte in der Theorie, allerdings geht auch das unter in Bergen von Blättern zu theoretischen Abhandlungen über theoretische Konzepte zu theoretischen Unterrichtseinheiten unter.

Und irgendwann steht man ganz allein vor 20 Schülern, die gar nicht theoretisch agieren, sondern ganz praktisch nicht mitmachen, dazwischenrufen, sich streiten, Deutsch doof finden, Philosophie kompliziert und überholt. Und dann? Soll man ihnen dann erzählen, was Piaget vor 100 Jahren gesagt hat?

Ich bin froh, hatte ich ein gutes Praktikum bei einem tollen Lehrer. 10 Lektionen durfte ich zusehen, wie er seine Klasse führte in meinen beiden Fächern. Das nächste Praktikum steht bevor, die Lehrerin habe ich selber gesucht und darf da mehr machen, als ich eigentlich müsste. Das klingt nach Strebertum, was mir allerdings fernliegt, ich möchte einfach endlich mal etwas Praxis sehen. Am Ende dieses Semesters muss ich eine Prüfung ablegen über all die Themen der Pädagogischen Psychologie. Spannend, keine Frage, zumal ich einen Sohn in dem Alter habe und Psychologie generell spannend finde. Was davon ich je anwenden können würde als Gymnasiallehrerin, weiss ich nicht. Vieles wohl kaum je, sicher nicht die vielen nicht zu merkenden Namen, nach welchen irgendwelche Konzepte benannt werden, die irgendwelche Statistiken liefern, die wir auswendig lernen müssen. Wir müssen also genau das machen, wovon man uns abrät, es in unserem eigenen Unterricht zu tun, denn: Auswendig lernen war gestern, heute konstruieren wir unser Wissen selber.

Bin ich frustriert? Nein. Ich mag Theorie. Ich bin sie gewohnt, mochte meinen akademischen Weg und lerne gerne Neues (das auch alt sein darf). Ich hätte für eine Lehrerausbildung mehr Praxis sinnvoller gefunden, da ich denke, dass der Umgang mit Menschen immer ein praktischer sein sollte, da Menschen immer real und nie statistische Zahlen sind. Meine Utopie einer funktionierenden Lehrerausbildung sähe so aus, dass Neulehrer als quasi Co-Piloten einem erfahrenen Lehrer zur Seite gestellt würden. Sie würden so Schritt für Schritt ins Lehrersein eingeführt, wären mit Klassen konfrontiert, übernähmen sukzessive neue Aufgaben und wüchsen in die Rolle. Das ergäbe erstens einen weniger harten Einstieg und damit wohl weniger Überforderung, zudem wären dabei Aufstiegsmöglichkeiten vorhanden, die ja heute fehlen. Man steigt unten ein und geht vom Hilfslehrer langsam über zum Hauptlehrer. Nächstes Semester mache ich weitere Praktikas – ich bin gespannt.

Ich lerne nun erst mal, was Piaget vor 100 Jahren sagte, schreibe meine Prüfung (und ja, ich habe Prüfungsangst, hatte die immer und starb bei jeder meiner unendlich vielen Prüfungen qualvolle Tode), dann sehen wir weiter. Zum Glück unterrichte ich heute schon mit grosser Freude und zufriedenen Schülern, ich weiss aber, dass Mitschüler, die das nicht haben, schon jetzt sehr beissen, weil sie überhaupt nicht wissen, wo sie stehen. Ich finde das schade. Für alle Beteiligten.