Sabine und Klaus sassen am Frühstückstisch und tranken ihren gewohnten Morgenkaffee. Bald war ihre Ferienwoche vorbei, bald hatte sie der Alltag wieder. Noch genossen sie aber den Blick über die geliebten Berge wie jedes Jahr im August. Schon seit Jahren kamen sie hier her in die Ferien. Sie schätzten das, denn diese Ferienroutine bedeutete, alles schon zu kennen, sich gleich vom ersten Tag an entspannen zu können, ohne zuerst noch die Gegend erkundigen zu müssen.

Es war eine schöne Ferienwoche gewesen. Sie hatten alte Bekannte getroffen, die auch schon seit Jahren zur selben Zeit hier in den Ferien waren, und konnten am Sonntag am Dorffest teilnehmen. Am Montag waren sie – wie jedes Jahr – aufs Stockhorn gewandert, danach kamen das Brienzer Rothorn und der Niesen an die Reihe und heute stand ein Ausflug nach Thun auf dem Programm. Plötzlich sagte Sabine zu Klaus:

„Meinst du nicht, wir sollten mal etwas verändern in unserem Leben? Ich habe gerade in einem Artikel gelesen, man solle aus Gewohnheiten ausbrechen, das brächte neuen Wind ins Leben, man sei dann kreativer.“

Klaus schaute sie an: „Ich will nicht malen oder töpfern.“

„Wie kommst du denn nun auf malen und töpfern?“

„Du sagtest doch, man sei dann kreativer.“

Sabine verdrehte die Augen: „Das ist doch nicht so gemeint. Auf alle Fälle finde ich, uns täte etwas frischer Wind gut. Wir könnten nächstes Jahr mal an einem anderen Ort Ferien machen. Lass uns ans Meer fahren.“

Klaus sagte nichts mehr. Er kannte Sabine lange genug und wusste, wann es besser war, zu schweigen.

Nach dem Kaffee brachen Sabine und Klaus auf, um nach Thun zu fahren. Da wollten sie auch gleich in einem Reisebüro Prospekte mit möglichen Feriendestinationen besorgen und diese dann in ihrem Stammcafé auf dem Mühleplatz studieren.

Thun begrüsste sie mit prächtigem Wetter und dem gewohnten Charme. Mit einer riesigen Beige an Prospekten machten sie es sich an der Sonne bequem. Sie blätterten sich durch spanische Inseln und toskanische Felder, streiften durch die Provence und machten einen Abstecher nach Griechenland. Balearen oder Kanaren? Italien oder Frankreich?

Bald schon rauchte den beiden der Kopf, zumal alles irgendwie ähnlich aussah. Grosse weisse Betonbauten oder aber kleine Bungalo-Siedlungen mit Pools, Strand, Palmen, Badetuch an Badetuch. Die anpreisenden Texte klangen auch alle etwa gleich. Worauf sollte man da achten? Nach welchen Kriterien entscheiden? Blätterten beide anfangs noch eifrig, wurde das Umschlagen der Seiten stiller und stiller – und die Stimmung bedrückter.

„Was machen wir denn da den ganzen Tag?“, fragte Sabine.

„Ich weiss auch nicht. Ausruhen? Uns erholen? Baden?“

„Du weißt doch, dass ich nicht gerne bade?“

„Aber du wolltest doch ans Meer? Kreativ werden und so…“

Sabine packte schnaubend ihre Prospekte zusammen, stand auf, schmetterte das Papier in den nächsten Eimer und stapfte davon. Klaus hatte Mühe, sie noch einzuholen, er wusste nur eines: Besser war es, nun nichts zu sagen. So fuhren sie schweigend wieder zurück in die Berge, zurück in „ihr“ Hotel. Als sie oben ankamen, stiegen sie aus dem Auto und Sabine fragte Klaus:

„Sag mal, könnten wir nicht schon fürs nächste Jahr buchen? Nicht dass unser Zimmer schon belegt ist und wir in ein anderes ausweichen müssen.

Da sitze ich nun also und habe mir was eingebrockt. 100 Wörter sollen es sein, Drabble. Nie vorher gehört. Aber ich sollte anfangen, denn 100 Wörter sind wenig. Ist eine Zahl eigentlich auch ein Wort? Muss ich also die 100 zählen? Oder nur, wenn ich hundert schreibe?

Ich mach erst mal Kaffee. Dabei überlegt es sich besser. Ich könnte einen Schokokeks dazu essen, dann wäre auch gleich ein Wort verbraucht. Oder reicht nur essen nicht, müsste ich dazu noch schreiben, dass ich den Keks esse? Aber das interessiert doch keinen? Zudem mag ich eigentlich gar keine Kekse. Schon gar keine mit Schokolade. Wobei: Auf Facebook könnte ich für Likes ein Bild mit einer Tasse Kaffee und dem säuberlich drapierten Keks posten. Zu spät, der Keks ist gegessen. Gibt es halt keine Likes.

Das mit den 100 Worten wird eng. Ich muss mal zählen, wie viele es schon sind – am Computer wäre das einfacher gewesen als hier auf dem Papier. Technik hat schon was für sich, nur: Es sollte ja eine Flaschenpost werden – wie wäre der Computer in die Flasche gekommen? Flaschenpost – Ideen haben die Leute… Wo soll ich die Flasche eigentlich hinwerfen? Zwar ist die Schweiz eine Insel, wie an sagt, aber weit und breit kein Meer. Wir haben nur Nachbars Bioteich. Frustrierend ist das, zum Trübsal blasen.

Aber nun losgeschrieben: Ich schreibe ein Märchen von einem Prinzen, der einer Prinzessin eine Sonnenblume schenkt, die sich dann an den Dornen sticht. Heldenhaft verbindet sie der Prinz mit einem Pflaster.

Wer sagt da, Sonnenblumen haben keine Stacheln? Ihr habt doch alle keine Ahnung von künstlerischer Freiheit.

Ich glaube, ich mache ein Tripple-Drabble. Sind verbundene Worte eigentlich ein Wort oder sind es zwei Wörter? Was man alles wissen muss!? So kann ich ja nie anfangen mit dem Schreiben. Das wird nix.

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Geschrieben für das Etüdensommerpausenintermezzo 2 (HIER )

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Aufgabe war es, ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Trippel-Drabble zu schreiben, wobei ein Drabble 100, ein Double-Drabble 200 und ein Trippel-Drabble 300 Wörter haben darf.

Beim Drabble wären drei Wörter gefragt gewesen: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume,
Beim Double-Drabble 4: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks
Beim Trippel-Drabble 5: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks, Pflaster

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti

Die fröhlich karierte Mütze halb ins Gesicht gezogen, schaute er aus kleinen Augen durch kreisrunde Gläser in die Welt. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, sie wollten gar nicht so richtig zur Mütze passen – als hätte er zur Stimmung das falsche Outfit gewählt.

Der letzte Bus war ihm vor der Nase abgefahren, was ihn aber nicht sehr zu beunruhigen schien. Er sass ruhig auf der Bank, von der Sonne beschienen, die Arme über die Rücklehne gebreitete: Er nahm den Raum ein, aber füllte ihn irgendwie doch nicht aus.

Ab und an wechselte er die Verkreuzung seiner Beine. Das war die einzige Bewegung, die an ihm zu sehen war. Die Sonne wirkte wie ein Scheinwerfer, sie rückte ihn ins rechte Licht. Ob das sein Auftritt war? Die Darstellung des Wartenden? Worauf wartete er?

Die Frage schien eine offensichtliche Antwort zu haben: Auf den nächsten Bus. Wobei, war das so klar? Vielleicht gab es eine ganz andere Antwort, die auch seine Ruhe ob des verpassten Busses erklären würde? Eine, die mir lieber wäre?

Ich würde mir lieber eine andere Geschichte vorstellen, nämlich: Er wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf die Liebe, die mit dem Bus kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass die heruntergezogenen Mundwinkel nicht Verdruss ausdrückten, sondern Konzentration, weil er sich immer wieder innerlich die Worte vorsagte, die er ihr gleich entgegen rufen wollte. Ich stellte mir vor, wie der nächste Bus käme, sie ausstiege, seine Miene sich aufklärte und sich in ein strahlendes Lächeln verwandelte. Ich stellte mir vor, wie er aufsprang, auf sie zuging, die Mütze plötzlich zum Gesicht passte. Ich stellte mir vor, wie er ihr all die Worte sagte, die er gerade noch so konzentriert geübt hatte.

Dann sah ich von weitem den Bus kommen. Noch bevor sich in mir weitere Vorstellungen breit machen konnten, stand er auf. Die Türen öffneten sich, keiner kam raus. Er stieg ein – ich hinter ihm. Wir setzten uns auf die gleiche Höhe in zwei unterschiedliche Abteile. Bei einem versteckten Blick zu ihm sah ich, dass sich in seinem Gesicht nichts geändert hatte. Noch immer war nur die Mütze fröhlich. Nur in mir weckte noch die Vorstellung des Strahlens nach.

Sie sitzen an der Bushaltestelle. Sie sind jung, tragen mit einer Selbstverständlichkeit Modelabels an allen Gliedern und sind bunt geschminkt. Genauso bunt sehen sie wohl auch die Welt. Sie trinken Energy Drinks und rauchen. Sie fühlen sich gross. Sie sind sich sicher. Ihrer selbst und der Welt, wie sie sie sehen.

Sie lachen laut und strahlen sich an. Sie erzählen sich das Leben und alles, was darin passiert. Sie erzählen von Freunden, von Umarmungen, von Verabredungen. Sie erzählen vom Spass, den sie hatten, und von den Freunden, die daran beteiligt waren. Namen fallen, Blicke werden gewechselt. Sie lachen und trinken und rauchen und reden. Und sie sitzen da, so unglaublich jung und mit allen Möglichkeiten offen vor sich. Darum sind diese kein Thema.

Die eine hat Geburtstag. Ihr Freund wolle mit ihr schoppen gehen, erzählt sie. Die andere schaut sie mit grossen Augen an. Dann lacht sie laut. Es klingt nicht mehr so sicher wie das Lachen vorher, nur noch laut.

„Voll geil“, sagt sie, in der Stimme schwingt ein Unterton. „Der geht mit dir shoppen? Er arbeitet, oder?“

„Ja, aber er hat am Freitag immer frei.“

„Voll geil.“ Der Unterton klingt lauter als das Gesagte.

Eine kurze Zeit herrscht Schweigen, dann lachen beide wieder. Sie drücken ihre Zigaretten aus, trinken den letzten Schluck aus ihrer Büchse und steigen in den Bus. In der Luft hängen noch die vielen Möglichkeiten und ein letzter Hauch von Rauch, der zum Himmel steigt. Dann ist auch der weg.

Sie sah ihn nur an. Sie sagte nichts. Er wurde verlegen unter ihrem Blick, schwieg aber auch. Sein Blick schweifte umher. Mit dem Zeigfinger fuhr er sich über die Lippen, als ob er Krümel wegwischen wollte, die nicht da sein konnten. Er hatte nichts gegessen. Sie kannte diese Geste gut. Er machte sie oft. In ähnlichen Situationen. Man konnte aus der Geste ablesen, wie er sich fühlte. Sie konnte es ablesen. Aus allen seinen Gesten. Es fühlte sich vertraut an, von jemandem zu wissen, wie er sich verhält bei bestimmten Gefühlen. Ein Gefühl der Nähe kam in ihr auf. Sie wollte das nicht. Sie war wütend. Oder wollte sie es nur sein?

Er hatte ein liebes Gesicht. Sie kam nicht umhin, das zu denken, als sie ihn so ansah. Immer noch schweigend. Über die Jahre waren mehr weisse Haare zu seinen dunklen gekommen. Zeichen der Zeit, die gesehen werden wollen. Er hatte grosse runde Augen. Sie verliehen ihm immer etwas Hilfloses, Verlorenes. Rette mich. Ich brauche dich. Das stand irgendwie auch jetzt in seinem Blick. Oder las sie es nur hinein? Über die Jahre hatte er zugelegt. Alles war rund an ihm. Weich. Er auch mit sich selber. Nur mit ihr war er hart. Manchmal. Und es erschloss sich ihr nicht, wie jemand so Weiches so hart sein konnte. Sie mochte das Weiche nicht. Das Harte noch weniger. Manchmal dachte sie, sie wisse selber nicht, was sie mag.

Sie fühlte eine Trauer aufsteigen. Dachte zurück. An Momente, Augenblicke, Situationen. Sie dachte an Liebe, an ihren Beginn. Sie dachte, wie alles mal war und was hätte sein können. Sollen. Sie dachte daran, was sie sich erträumt hatten, was sie sich gewünscht hatten. Hatte sie es nur gewünscht? Oder nur er? War einer mitgezogen? Es erschien so bunt, so erreichbar, so realistisch damals. Wo waren sie gelandet?

Sie sassen an diesem Tisch in dieser Wohnung und schwiegen. Sie hatten sich viel zu sagen und hatten sich schon viel zu viel gesagt. Sie hatten sich Dinge gesagt, die sie nie hätten sagen wollen, nie hätten sagen sollen – und doch waren sie gesagt. Sie hingen in der Luft und klangen nach. Sie klangen aus allen Poren. Sie klangen aus seinen Gesten, aus seinem Blick, der in die Ferne ging. Und sie hingen ihr in der Brust.

Wie sollte es weiter gehen? Konnte es weiter gehen? Müsste es weiter gehen? Was würde es helfen, wenn dies nun das Ende wäre? Was käme danach? Was kommt nach dem Ende? Wo geht man dann hin? Sie sass da und schaute ihn an. Sie wünschte sich, er würde was sagen. Sie wünschte, er hätte eine Lösung, die er ihr präsentieren könnte. Und sie wusste, was immer er auch sagte, sie würde es zurück schmettern, würde ihn einen Besserwisser nennen, würde wütend sein, weil er Lösungen präsentierte, während sie keine mehr sah. Und weil sie wütend sein wollte. Auf sich. Auf ihn. Aufs Leben.

Er fragte nur leise: „Worum geht es hier eigentlich?“

Sie hatte keine Ahnung.