Ohne Liebe ist alles nichts

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel Lied. Aus dem Spanischen, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt und dadurch darauf hindeutet, dass er mit dem Nachsatz, von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher, als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Und doch kommt man nicht davon los, sie zu ersehnen. Man nimmt das Leiden in Kauf, nimmt sogar den eigenen Tod in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Lessing spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Das Wiedergeliebtwerden verdoppelt dieses Glück, aber davon ist hier nicht die Rede. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen. Es ist die Innensicht eines vormals Liebenden, der nun der Liebe entbehrt, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Er fühlt nicht mehr nur, er denkt auch noch. Und selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl. Das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte, was zeigt, dass das Fühlen des Gefühls, der Liebe, das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Und das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Wie schrieb schon Goethe:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Die Sehnsucht ist erst gestillt, wenn die Liebe wieder da ist. Denn: Ohne Liebe ist alles nichts.

9 Kommentare zu „Ohne Liebe ist alles nichts

    1. Ich denke, es ist immer noch so, nur stellt man andere, modernere Werte in die erste Reihe, verdrängt das eigentlich lebensnotwendige und verliert sich in dem Streben nach mehr und grösser und höher selber. Das macht krank, das öffnet Löcher im Herzen, in der Seele, die dann irgendwie gestopft werden müssen – kurzfristig mit Surrogaten.

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  1. Ohne Liebe ist alles nichts! Teile deine Ansicht dazu – wenn auch primär aus eigenem Interesse ;-). Ich könnte mir ein Leben ohne nicht vorstellen.

    Was sagt aber die Forschung dazu? Aus der Verhaltensforschung gibt es Ansätze, die vor allem mit Experimenten bezüglich Deprivationsforschung (Aufzucht in Umgebung ohne Möglichkeit zum Übernehmen von Verhaltensweisen).
    Hier gibt es klare Anzeichen bereits bei Tieren, dass dauerhafte Isolation (sprich auch Aufzucht ohne Liebe) zu massiven Verhaltensstörungen führt.
    Denke hier liegt auch ein Grund unseres Suchen danach – wir erlernten dass Bezugspersonen die uns die ersten Jahre begleiten äusserst wichtig sind – und wir als Erwachsene auch danach suchen. Und das erleben dieser Art Beziehung, dieser Art Brücke zwischen den Geisten ist wohl das erfüllendste überhaupt.

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    1. Danke für den Blick in die Biologie. Ich habe von solchen Experimenten auch gehört. Liebe verbindet und sie sucht das Miteinander. Da, wo keine Liebe ist, braucht es andere Bindemittel, um eben gemeinsam an einem Strick zu ziehen – und nur so ist Überleben möglich. Quasi alles im Dienste der Evolution?! So oder so eine wunderschöne Sache 🙂

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