Die Sehnsucht, geliebt zu werden

Es gibt eine Sehnsucht, die sich nicht einfach auswächst. sie begleitet einen Menschen manchmal durch ein ganzes Leben: die Sehnsucht, geliebt zu werden. Nicht bewundert, nicht gebraucht, nicht bestätigt, geliebt. So, dass man nicht erst leisten, funktionieren oder gefallen muss, um willkommen zu sein.

Wer als Kind diese Erfahrung vermisst hat, trägt oft eine latente Unsicherheit in sich. Vielleicht wurde für alles gesorgt, es gab Essen, saubere Kleider, Ordnung, Pflichten, Termine, von aussen sah alles nach Fürsorge aus und doch fehlte das Entscheidende: Wärme. Zärtlichkeit, ein Arm, in den man fallen durfte, ein Blick, der nicht prüfte, sondern empfing. Mutterschaft kann Dienst nach Vorschrift sein, sie kann korrekt, pflichtbewusst und zuverlässig, und dennoch fehlt dem Kind, was es am meisten gebraucht hätte: das Gefühl, gemeint zu sein. Ein Kind kann das schlecht einordnen, es denkt nicht: Sie konnte ihre Liebe nicht zeigen. In ihm wächst das Gefühl: Mit mir stimmt etwas nicht. Wäre ich liebenswerter, weicher, einfacher, besser, dann würde sie mich wohl in den Arm nehmen. So entsteht früh ein Grundgefühl, das sich später in Glaubenssätzen verfestigt: Ich bin nicht liebenswert genug.

Dieser Irrtum kann ein Leben lang nachhallen. Er zeigt sich selten offen, oft wird er erst da sichtbar, wo Anerkennung und Ablehnung möglich sind: in Beziehungen, in Freundschaften, im Beruf. Wenn Menschen einem wohlgesonnen sind, kann man es kaum annehmen, wenn Menschen einen nicht mögen, trifft es tief. Dann ist da nicht nur die erlebte Gegenwart, sondern alle alten, schmerzhaften Gefühle spielen mit rein. Es fühlt sich an wie die Bestätigung dessen, was man tief innen ohnehin befürchtet hat, und man versucht wieder mit denselben Mitteln, aus diesem Gefühlsschmerz herauszukommen: Man tut alles dafür, ausgerechnet den Menschen gefallen zu wollen, die ihnen kühl begegnen. Statt sich zu fragen, ob diese Beziehung überhaupt guttut, beginnt man zu kämpfen. Man nimmt sich mehr und mehr zurück, wird leiser, stärker, nützlicher. Man passt sich an. Man liest Stimmungen, vermeidet Zumutungen, verschweigt Bedürfnisse. Man versucht, durch die eigene Veränderung zu jemandem zu werden, der kriegt, was als Kind gefehlt hat.

Leider ist das selten von Erfolg gekrönt. Liebe, die man durch Selbstaufgabe zu erhalten versucht, bleibt zweifelhaft. Selbst wenn sie kommt, erreicht sie einen nicht ganz, denn irgendwo weiss man: Nicht ich wurde gesehen, sondern meine Anpassung. Nicht mein Wesen wurde bejaht, sondern meine Bereitschaft, mich kleiner zu machen.

Hier liegt eine der schmerzhaften Aufgaben des Erwachsenwerdens: das alte Muster zu unterbrechen. Nicht, indem man die Sehnsucht verachtet, sie ist nichts Beschämendes, sie erzählt davon, dass wir Menschen Beziehungswesen sind. Wir wollen gesehen, berührt, gemeint sein. Martin Buber hat dieses Grundgeschehen im Satz verdichtet, dass der Mensch am Du wird. Wir kommen nicht allein zu uns, wir brauchen Resonanz, Antwort, Begegnung. Aber nicht jede Begegnung ist ein Ort für unsere Sehnsucht. Nicht jeder Mensch, der uns nicht liebt, ist eine Aufgabe. Nicht jede Kälte fordert uns heraus, noch mehr zu geben. Manchmal ist sie ein Hinweis, weiterzugehen. Das ist schwer zu lernen, wenn man früh erfahren hat, dass Liebe unsicher ist. Dann fühlt sich Gelassenheit zunächst fast falsch an. Nicht kämpfen? Nicht erklären? Nicht noch besser werden? Nicht versuchen, doch noch gewählt zu werden? Das alte Muster hält Festhalten für Liebe und Verbiegen für Hoffnung. Es verwechselt Anstrengung mit Beziehung.

Philosophisch gesprochen geht es hier um Lebenskunst. Nicht um jene leichte Lebenskunst, die sich mit schönen Sätzen zufriedengibt, sondern um die ernste Kunst, das eigene Leben nicht länger von einer alten Verletzung führen zu lassen. Lebenskunst heisst nicht, unverletzlich zu werden, sie heisst, mit der eigenen Verletzlichkeit so umzugehen, dass sie nicht mehr alles bestimmt. Dazu gehört, zwischen der Sehnsucht und dem eigenen Handeln einen Raum zu gewinnen. Nicht sofort in die vertraute Geschichte zu fallen: Ich genüge nicht. Ich bin zu viel. Ich bin zu wenig. Ich muss anders sein. Sondern innezuhalten und zu fragen: Was geschieht gerade wirklich? Und woher kommen all diese Gefühle, dieser Schmerz?

Dieser Raum entsteht durch Wahrnehmung. Statt mich von alten Gefühlen und prägenden Erfahrungen leiten zu lassen, schaue ich genau hin, was hier und heute wirklich passiert: Lehnt mich dieser Mensch ab oder meldet er sich nur nicht sofort? Werde ich übersehen oder berührt eine harmlose Situation eine alte Erfahrung? Muss ich jetzt handeln oder müsste ich zuerst bei mir bleiben? Will ich wirklich diesem Menschen nah sein oder will ich nur endlich gewinnen, was mir früher verwehrt blieb?

Das ist nichts, was schnell und ein für alle Mal erreicht ist, eine schnelle Heilung ist nach oft vielen Jahren der Prägung nicht zu erwarten, denn alte Erfahrungen sitzen nicht nur im Denken, sondern im Körper, in Reflexen, in der Art, wie wir Schweigen deuten, Blicke lesen, Abstand ertragen. Darum braucht es Geduld und manchmal auch Begleitung, jemanden, der hilft, hinzusehen. Es ist möglich, alte Deutungen zu prüfen. Dass mir Liebe fehlte, beweist nicht, dass ich nicht liebenswert war. Es zeigt zunächst nur, dass ein anderer Mensch nicht geben konnte, was ich gebraucht hätte.

Das klingt im ersten Moment nicht nach einem grossen Gedanken oder einem schwerwiegenden Unterschied, aber es verändert viel. Der Gedanke zeigt, dass das Kind, das Liebe brauchte, keine Schuld trifft, dass an ihm nichts falsch war, sondern es einfach in einer Beziehung aufwuchs, wo es diese Liebe nicht erfahren konnte. Das bedeutet nicht, die Mutter zu verurteilen, vielleicht war auch sie geprägt, erschöpft, ungeübt, verschlossen, aber ihr Unvermögen darf nicht länger zur Wahrheit über den eigenen Wert werden.

Zu sich finden heisst dann nicht, niemanden mehr zu brauchen, es heisst, sich selbst nicht mehr zu verlieren, sobald man gebraucht werden will. Es heisst, die eigene Würde nicht an die Zustimmung anderer auszuliefern. Es bedeutet, Menschen zu wählen, bei denen man nicht ständig um seinen Platz kämpfen muss, Zuwendung annehmen zu lernen, ohne sie sofort zu verdächtigen, Grenzen zu setzen, ohne sich lieblos zu fühlen, Enttäuschung auszuhalten, ohne daraus ein Urteil über das eigene Sein zu machen. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Formen von Selbstachtung: nicht mehr überall dort um Liebe zu bitten, wo man immer nur um Duldung kämpfen muss. Sich nicht an Türen die Finger wund zu klopfen, die verschlossen bleiben. Nicht aus Stolz, nicht aus Härte, sondern aus Treue zum eigenen Leben.

Existenzielle Responsivität bedeutet, dem Leben nicht nur aus alten Verletzungen heraus zu antworten. Sie fragt: Was ist jetzt meine Antwort? Nicht: Wie kann ich endlich beweisen, dass ich liebenswert bin? Sondern: Welche Beziehung stärkt mein Leben? Wo werde ich gesehen? Wo verliere ich mich? Wo bleibe ich mir treu?

Die Sehnsucht nach Liebe muss nicht verschwinden. Ein Mensch ohne Sehnsucht wäre kein freier, sondern ein verhärteter Mensch. Entscheidend ist, ob die Sehnsucht uns führt oder beherrscht. Ob sie uns öffnet oder in alte Abhängigkeiten treibt. Ob sie uns in Beziehung bringt oder von uns selbst entfernt.

Gelassenheit entsteht nicht dadurch, dass einem alles gleichgültig wird. Sie entsteht, wenn die eigene Mitte nicht mehr bei jedem fremden Urteil erschüttert wird. Wenn ein Nein traurig machen darf, ohne einen zu vernichten. Wenn ein Mensch einen nicht mag, ohne dass daraus gleich ein Urteil über den eigenen Wert wird. Wenn man lieben und geliebt werden möchte, aber nicht mehr bereit ist, sich dafür selbst aufzugeben. Eine gelassene Haltung beginnt genau da, wo sich die alte Frage verwandelt von «Wie muss ich sein, damit du mich liebst?» hin «Bei wem darf ich sein, wie ich bin?»

Das ist kein Ende der Sehnsucht, aber es ist ein Anfang von Selbstachtung. Man bleibt berührbar, aber nicht beliebig verfügbar. Offen, aber nicht ausgeliefert. Verletzlich, aber nicht ohne Grenze. Und irgendwann entsteht etwas, das früher fehlte: ein fester Grund unter den Füssen, die Ahnung: Ich muss mich nicht verlassen, nur damit ein anderer bleibt.

Sehnsucht

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich und
denke an mich.
An uns denke ich.

Und ich denke,
denke gar nicht.
Fühle so mich und
fühle tief dich.
Und fühle dann uns.

Und ich denke.
Und fühle ganz dich.
Und fühle und bin
nur ich ohne dich.
Vermisse dich schlicht.

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich
und plötzlich weiss ich:
Dich spüren will ich.

©Sandra Matteotti

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Heute vor 229 Jahren, am 10. März 1788 kam Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff als zweiter Sohn eines preussischen Offiziers, Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, und dessen Frau Karoline auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien zur Welt. Er liebte Abenteuer- und Ritterromane sowie antike Sagen und versuchte sich schon als Kind selber im Schreiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau studierte Eichendorff in Halle Jura und Geisteswissenschaften. Er reiste viel, liebte das Theater und war überhaupt Kunst und Kultur sehr angetan.

Nach Abschluss seines Jura-Studiums 1812 nahm Eichendorff von 1813 bis 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Kurz nach seiner Rückkehr nach Breslau heiratete er, es folgten 4 Kinder, von denen das letzte kurz nach der Geburt starb. 1818 starb auch Eichendorffs Vater, nach dessen Tod viele der hoch verschuldeten Ländereien und Güter verkauft wurden. Ein Verlust, der an Joseph von Eichendorff zehrte, von dem er sich kaum mehr erholte.

Ab 1816 arbeitete Eichendorff im Staatsdienst und arbeitete sich zum Geheimen Regierungsrat hoch. Nach einer schweren Lungenentzündung 1943 quittierte er seinen Dienst 1944 und trat frühzeitig in Ruhestand. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen, in welche er den grossen Teil seines lyrischen Werkes einbaute. 1857 auf, selber zu schreiben, um publizistisch zu betätigen. Er starb im selben Jahr am 26. November in Neisse.

Zum literarischen Schaffen:
Zahlreiche Gedichte Eichendorffs wurden vertont, allen gemein ist die idyllische Darstellung der Natur, die bildliche Sprache:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Entstanden  um 1835, das erste Mal veröffentlicht 1837 zählt das Gedicht zur Spätromantik und gehört in die Gattung der Naturlyrik. Es wurde 1840 von Robert Schumann vertont und zum Mittelpunkt seines Liederkreises gewählt.

Wenn der Himmel die Erde küsst, kann das als Segnung Gottes verstanden werden. Diese träumt von der Erhebung hin zu ihm. Es breitet sich eine Idylle auf der Erde auf, die sich in wogenden Ähren und rauschenden Wäldern ausdrückt. In der sternenklaren Nacht kann sich die Seele des Menschen erheben, durchs stille Land gleiten, in Frieden,  und frei aller Sorgen. Es ist ein Gefühl von Heimkommen in die Geborgenheit.

Heimweh, Erinnerung und Sehnsucht sind zentrale Elemente i Eichendorffs Lyrik. Sicherlich drückt da der nachwirkende Verlust der elterlichen Güter durch.

Eichendorffs bekanntestes Werk war sicher Aus dem Leben eines Taugenichts. Die 1826 erschienene Novelle wiederspiegelt ganz deutlich das Lebensgefühl der Spätromantik. Es handelt von jungen Sohn eines Müllers, welcher (nicht ganz freiwillig, sagt doch der Vater:

Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger füttern.)

in die weite Welt hinaus geht, um sein Glück zu finden. Zufälle und Abenteuer säumen seinen Weg, er wird Gärtner auf einem Schloss, verliebt sich in Aurelie, welche unerreichbar scheint, und wandert weiter. In Italien sieht er sich inmitten farbenprächtigen Lebens und einiger Liebschaften, bis ihn die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelia die Zelte abbrechen lässt und er zum Schloss zurückfährt. Es folgt die Aufklärung eines Missverständnisses, Heirat und das märchenhafte Happy End. Die Novelle gleicht einem naiven Märchen, in eben dem Ton ist sie auch geschrieben.

Werke

  • Ahnung und Gegenwart, Roman (1810-12 geschrieben, erschienen 1815)
  • Das Marmorbild,  Novelle (1818)
  • Die Freier, Lustspiel in drei Aufzügen (Vorstufen entstanden 1816-1820, fertiggestellt und erschienen 1833)
  • Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in fünf Abenteuern (1824)
  • Aus dem Leben eines Taugenichts, Erzählung (1817 begonnen, abgeschlossen 1822/23, erschienen 1826)
  • Auch ich war in Arkadien, Politische Satire in Form eines Reiseberichts (1832 entstanden, 1866 posthum erschienen)
  • Dichter und ihre Gesellen, Novelle (erschienen 1834)
  • Das Schloss Dürande, Novelle (1837)
  • Die Glücksritter, Novelle (1841)
  • u.a.

Sehnsucht

Einfach mal schwach sein. Aufgefangen werden. Nicht mehr selber müssen. Einfach mal wissen, dass jemand da ist und alles macht, man sich zurück lehnen kann, anlehnen. An starken schützenden Schultern. Sich geborgen fühlen in starken Armen. Die einen halten. Die einen stützen. Die da sind. Um einen, bei einem, mit einem. Wo und wie man sie braucht. So dringend.

Einfach mal wissen, man ist nicht allein. Man muss nicht alles selber schaffen. Man kann auch mal aufatmen. Man kann ausspannen. Man muss nicht immer selber. Und nicht immer allein. Vertrauen können, dass alles läuft. Auch ohne eigenes Tun. Darauf bauen können. Und Kraft schöpfen. 

Einfach mal aufatmen. Tief und nachhaltig. Sich geborgen fühlen. An nichts denken müssen. Sich einmal freuen. An der Leichtigkeit des Seins, das bloss Illusion nur scheint. Einmal keine Sorgen. Keine Nöte. Keine Ängste. Sich einfach zu Hause fühlen, angekommen. In Sicherheit. 

Fertig!

Heute ist so ein Tag. Meine Laune ist gelinde gesagt bescheiden. Das stimmt nicht ganz, es begann schon gestern. Mich regt alles auf, nervt alles und natürlich geht auch einiges daneben, so dass die schlechte Laune sich gut genährt  weiter erhält. Und so starre ich missmutig an meinem Computer vorbei ins Freie, von wo eine graue Suppe zurückblickt. Wir starren uns an, weder meine Laune noch der Nebel weicht. Beides sture Böcke. 

Vor dem Haus steht ein Umzugswagen. Es ist nicht meiner, ich bleibe. Im Moment würde ich gerade gerne tauschen. Egal wohin, einfach weg von allem, vor allem weit weg von dieser Laune. Die wäre bestimmt überall besser als sie es hier ist. Sähe ich ein paar Berge, den See, röche ich die Alpenluft oder wüsste mich in meiner Lieblingsstadt München – alles wäre besser als das hier.

Ich denke zurück an all die Wege, die ich hätte gehen können und die ich nicht gegangen bin, um nun hier zu landen. Alle erscheinen sie besser, schöner, leuchtender, weniger grau. Ich wäre heute Lehrerin in den Bergen, Referentin auf Reisen, Redakteurin verschiedener Blätter irgendwo in den Bergen. Wo könnte ich nicht überall wohnen, hätte ich mich nicht dagegen entschieden an einem Punkt meines Lebens. Nun sitze ich hier, wo ich mal hin wollte und starre mit dieser absolut miesen Laune ins Graue. 

Gut, ich hatte Gründe. Ich entschied an jeder Weggabelung relativ frei und war immer in der positiven Lage, von wenig äusseren Zwängen gesteuert zu werden. Grundsätzlich führe ich momentan auch das Leben, das ich eigentlich leben möchte, wenn ich nicht grad mies drauf bin und ins Graue starre. Und wären da nicht all die Menschen, die mich grad nerven (wobei ich es ihnen leicht mache, zum Objekt meines Nervens zu werden), könnte es eigentlich ganz ok sein dieses Leben. Sogar an diesem Ort hier, der bei Lichte (welches grad fehlt) betrachtet ein schöner und guter ist.

Mir kommt gerade diese nette ältere Nachbarin in den Sinn, welche auf der Strasse immer meinen Hund freudig knuddelt und heute unvermittelt meinte, sie würde ihn jederzeit hüten, wenn ich wen brauche. Mir fällt meine Freundin ein, mit der ich jede Woche zum Kaffee gehe, mir fällt mein Sohn ein, welcher Fuss gefasst und Freunde gefunden hat, den Knopf in der Schule geöffnet hat und freudig gute Noten bringt. Mir fallen meine anderen Freunde ein, welche immer da sind, auch mal kritisch, aber stets hinter mir und für mich da. Und mir fällt der Postbote ein, welcher mich schon von weitem erkennt und mir zuruft, er hätte ein Paket in meinen Briefkasten gelegt (und ich wohne nicht auf dem Dorf). Die ältere Frau mit dem süssen Hund, mit welcher ich plaudere auf dem Hundespazier und vieles mehr. 

Ich glaube, ich hake den November ein paar Tage früher ab und stürze mich in die Weihnachtszeit. 

Zusammen mit ein paar Kerzen, Kaffee und selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen wird auch dieser Tag noch gut enden. Irgendwie geht es mir schon besser. 

Ohne Liebe ist alles nichts

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel Lied. Aus dem Spanischen, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt und dadurch darauf hindeutet, dass er mit dem Nachsatz, von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher, als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Und doch kommt man nicht davon los, sie zu ersehnen. Man nimmt das Leiden in Kauf, nimmt sogar den eigenen Tod in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Lessing spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Das Wiedergeliebtwerden verdoppelt dieses Glück, aber davon ist hier nicht die Rede. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen. Es ist die Innensicht eines vormals Liebenden, der nun der Liebe entbehrt, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Er fühlt nicht mehr nur, er denkt auch noch. Und selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl. Das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte, was zeigt, dass das Fühlen des Gefühls, der Liebe, das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Und das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Wie schrieb schon Goethe:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Die Sehnsucht ist erst gestillt, wenn die Liebe wieder da ist. Denn: Ohne Liebe ist alles nichts.