Ich war gestern an der Fastnacht. Das an sich ist schon ein Paradoxon, denn ich und Fasnacht, das passt nun gar nicht. Und da ich nie weiss, wie man die schreibt, ob nun mit oder  ohne T nach dem S, schreib ich sie fortan mal so und mal anders. Und klar, ich weiss es eigentlich schon und könnte es auch nachschauen, wenn nicht, aber es ist wirklich ein Wort, bei dem ich immer ins Stocken komme. Das sind wohl so persönliche Stolperwörter, die bei jedem wieder anders aussehen. Ein anderes vom mir sind die Ortschaften Dietikon und Dietlikon. Ich weiss nie, welche von beiden (wo sie sind, weiss ich) nun welche ist. Aber ich schweife ab.

Ich war also an der Fastnacht (man sieht, ich halte den Rhythmus ein), sass in lustiger Gesellschaft bei gutem Essen und viel (!!! seufz) Trank am Tisch, eine Gruppe nach der anderen kam rein, der Lustigkeitsgrad war durchaus auf breitem Band. Und dann kam der Spruch:

Wer hinter meinem Rücken über mich redet, ist gerade am richtigen Ort, mich am Arsch zu lecken.

Den fand ich toll. Vor allem weil mir in den letzten Tagen/Wochen/Monaten so einiges zu Ohren kam, das hinter meinem Rücken getuschelt wurde…leider vergessen die Tuschelnden, dass die Welt klein ist und andere auch tuscheln. Was mir vor einiger Zeit noch an die Nieren gegangen wäre, prallte von mir ab. Das war schön zu sehen, insofern Dank an die Lästertanten. Mittlerweile finde ich es sogar ziemlich witzig.

Zurück zum Spruch: Wer nun denkt, dass er ja toll wäre, dass man ihn nur nicht einfach so sagen könnte, da er ja ach so vulgär sei, dann versucht, ihn abzumildern durch einen Hintern statt den Arsch, dem sei gesagt: Das ist ein Goethe-Zitat. Das ist nicht vulgär, das ist hohe Literatur.

„Er aber sag’s ihm, er kann mich am Arsche lecken!“

So steht es geschrieben (im Götz von Berlichingen, wer’s nachlesen möchte – was ich als Germanistin natürlich empfehlen kann..). Und ich finde, das ist ein gutes Motto. Lass sie reden. Lass sie sich gross fühlen in ihrem Reden, so die Welt ver- und über allem stehend. So lange du weisst, wo du stehst, können sie alle tun, was Goethe schon sagte. Ich weiss schon, wieso ich den alten Knaben liebe. (Ok, man sagt mir eine gewisse Vorliebe für diese nach… ich kann’s nicht abstreiten). Es gibt nur einen Menschen, der dir deinen Wert zuschreiben kann: Du selber. Von aussen wirst du ihn nie WIRKLICH annehmen. Im Guten schon gar nicht, wenn, dann im Schlechten (weil wir ja geübt sind, das Schlechte, den Tadel, die Fehler zu sehen). Und DAS ist nun wirklich nicht nötig.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wie sagte Johann Wolfgang von Goethe so schön: Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen. Ich stimme ihm hier zu und möchte euch heute eines schenken – vom Meister selber.

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (Klärchens Lied, aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Es gibt ein Gedicht für jede Lebenslage, es gibt ein Gedicht für jede Gefühlslage. Ich bin der Überzeugung, dass Lyrik helfen kann, weil sie Raum gibt, weil sie Worte findet, weil sie Sinn über die Worte hinaus vermittelt. Darum auch mein Projekt „Lyrische Helfer“.

 

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel Lied. Aus dem Spanischen, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt und dadurch darauf hindeutet, dass er mit dem Nachsatz, von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher, als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Und doch kommt man nicht davon los, sie zu ersehnen. Man nimmt das Leiden in Kauf, nimmt sogar den eigenen Tod in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Lessing spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Das Wiedergeliebtwerden verdoppelt dieses Glück, aber davon ist hier nicht die Rede. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen. Es ist die Innensicht eines vormals Liebenden, der nun der Liebe entbehrt, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Er fühlt nicht mehr nur, er denkt auch noch. Und selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl. Das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte, was zeigt, dass das Fühlen des Gefühls, der Liebe, das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Und das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Wie schrieb schon Goethe:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Die Sehnsucht ist erst gestillt, wenn die Liebe wieder da ist. Denn: Ohne Liebe ist alles nichts.

Irgendwie scheinen viele Menschen eine schwere Kindheit gehabt zu haben. Wo ich hinhöre, taucht das auf: Meine Kindheit war nicht schön, sie war schwer, beschwerlich, die Schwere drückt oft nach, lastet auf den Schultern, auf den Seelen. Die Zeitungen sind voll von schweren Kindheiten. Sei es bei Sportlern, bei Schauspielern, aber auch bei Verbrechern – alle erzählen davon. Die einen, um Verständnis für ihre Taten zu erhalten, die anderen? Um zu zeigen, dass sie auch normale Menschen sind? Nicht nur auf der Sonnenseite? Sich ihren Erfolg erkämpft haben? Ist es wie Thomas Mann einst sagte, dass man sich als Künstler ständig rechtfertigt für das, was man tut, weil man mit dem Künstlertum irgendwie da steht, wo man nicht stehen sollte, vom normalen Leben aus gesehen? Es macht den Anschein.

Meine Kindheit war schön. Klar hatte sie auch Punkte, an denen ich nagte. Klar war nicht alles Sonnenschein. Ist es nie. Gewisse Dinge hängen nach. Gewisse sind vergessen. Gewisse Muster haben sich eingeprägt und viele Eigenarten, auch schwierige, gründen sicher in der Zeit. Glaubt man Freud, ist alles da verwurzelt und treibt nun seine Blüten. Aber auch Unkraut kann schöne Blüten treiben. Schlussendlich hat man es immer in der Hand. Lass ich die Vergangenheit meine Zukunft bestimmen oder nehme ich diese selber in die Hand?

Vieles kann schwer wiegen. Auch gibt es Dinge im Leben, die hart sind, die erschüttern, die Grundfesten wackeln lassen. Doch man kann sie, passieren sie, nicht ändern. Sie sind, wie sie sind. Man kann nur damit umgehen lernen und für sich entscheiden, wie man weiter gehen will – für sich. Verzweifle ich darüber, was passiert ist, werde ich des Lebens nicht mehr froh. Ich stecke den Kopf in den Sand, indem ich immer und immer nur noch am Vergangenen weiter verzweifle. Dadurch ist die Gegenwart nicht existent und eine Zukunft für mich wird es nie geben. Es ist nur noch Vergangenheit. Alles. Und diese ist voll präsent. Oder aber ich schaue hin, was war, gebe dem einen Platz in meinem Leben und halte den Rest frei für die Gegenwart, lebe diese und gehe in eine Zukunft, die ich präge. Es bleibt mitunter nicht aus, dass die Vergangenheit wieder hoch kommt. Ereignisse erinnern einen. Situationen rufen etwas auf. Aber der Rest des Lebens ist frei.

So frei halt, wie man es zulässt. Denn sobald man die Vergangenheit ausgeschaltet hat, melden sich die gegenwärtigen Stimmen. Die von Gesellschaft, von Markt, von Kultur. Als deren Mitglied muss man seine Rolle spielen. Sich einordnen. Tut man das nicht, ist man wieder da, wo Thomas Mann den Rechtfertigungsgrund sah. Man tut, was nicht dem Leben entspricht, wie es allgemein als (damals bürgerlich, heute wirtschaftlich) normal erachtet wird. Und man befindet sich in ständigem schlechtem Gewissen. Will zeigen, dass man durchaus was tut. Nicht nur nutzlos, tatenlos ist. Und gibt oft lieber auf, als weiter zu strampeln. Und doch. Das geht nicht. Man hat es sich nicht ausgesucht in dem Sinne, man ist einfach, wie man ist. Da scheint ein anderer Plan zu sein, etwas, das sich durchsetzt in einem. Nicht von aussen. Von innen heraus.

Man möchte das nicht, kämpft dagegen. Die Argumente sind schnell bei der Hand, sie kommen von aussen, sind sachlich, lebensnah, klingen gut. Überzeugen nicht. Man geht zurück. Nach innen. Schöpft neuen Mut. ist zuversichtlich. Fällt zurück. Ein Kreislauf. Denkt: Was, wenn es nicht klappt? Denkt, was, wenn ich es doch nicht kann? Was, wenn ich einer Illusion aufsitze? Alle lachen. Spotten? Vor allem die, welche jetzt schon argwöhnisch gucken? Oder die, welche einem nur eine Niederlage wünschen – förmlich darauf warten, aus welchen selbst gesuchten Gründen auch immer. Aber vielleicht ist man nicht gar so frei – dann nicht, wenn es darum geht, das eigene zu verleugnen. Dann wehrt sich dieses. Setzt auf Trotz, auf Widerstand. Und man selber flieht es. Flieht in Nebenhandlungen, verzettelt sich, verläuft sich, verliert sich. Strampelt, findet wieder, strampelt weiter. Und trifft auf Goethe:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Johann Wolfgang v. Goethe

Soll ich Hern Goethe widersprechen? Ich habe – jugendlicher Übermut? – sein Gesamtwerk gelesen – für eine Prüfung. Ich habe mein Forschen einem Verehrer von ihm, Herrn Mann, verschrieben. Und beide blasen sie ins gleiche Horn. Und so viele mit ihnen. An ihnen bewundere ich, was ich selber fühle und an mir verurteile. Damit nicht sagend, ich sei wie sie. Vor allem nicht so gut. Kein Vergleich. Der ist nie statthaft und sowieso nichts sagend. Schlussendlich ist man immer nur, wer man ist. Und das ist gut so. Trotzdem kann man lernen. Von andern. Und sich damit auch nicht mehr alleine fühlen mit seinen Gefühlen. Und Ängsten. Und Zweifeln. Und das ist schon mal gut. Und so schreibe ich weiter. Forsche weiter. Gehe meinen Weg, verschreibe mich diesem. Schreibend verschrieben.