Von der Überlistung der Evolution

Mein Sohn hatte am Montag Schulanfang in einer neuen Schule. Wir zogen kurz vor den Sommerferien um, nun ging es am neuen Ort los. Je näher der Anfang kam, desto bedrohlicher wurde er. Söhnchen ist generell eher schüchtern und zurückhaltend, und er hatte Angst vor dem, was ihn erwartet, von dem er nicht wusste, was es genau war, was ja genau die Angst auslöste. Er stellte sich vor, er könnte keine Freunde finden, die Kinder könnten gemein sein, die Lehrerin nicht gut. Und noch viel schlimmer war, er wusste nicht mal was konkret Angst macht, es war einfach das Neue, das nicht wissen, was kommt, wie es ist, was ihn erwartet.

Ich kenne das nur zu gut. Ich mag keine neuen Dinge, Ich liebe das Gewohnte. Zwar kann das auch ab und an langweilig anmuten, klar kann man manchmal denken, Spannung, Neues im Leben, das wäre toll. Und doch, wenn es dann kommt, mag ich es nicht. Fürchte mich, hadere mit mir und dem Neuen, versuche es doch noch zu umgehen, werde unleidlich. Bis es da ist. Dann schick ich mich drein und nehme es hin. Und es kommt eigentlich immer gut.

Die letzte Nacht von Sonntag bis Montag konnte er nicht mehr schlafen. Die Angst war zu gross geworden. Sonst eher streng in diesen Angelegenheiten, liess ich die Nacht sausen, setzte mich zu ihm ins Bett, die Kater waren bald auch zugegen und wir plauderten und lachten uns durch die Stunden. Der Morgen kam, der Schulweg wurde unter die Füsse genommen. Dann sass ich zu Hause. Wartete, hoffte, bangte. Merkte, wie sehr ich mit dem Kind mitfiebere, mit hoffe. Merkte, dass ich wohl als Glucke geboren bin und eine bleibe. Dann endlich die Erlösung: Alles gut, die Lehrerin nett, die Kinder ok, mein Kind zufrieden. Tag zwei noch besser, er freute sich gar drauf.

Und was lehrt uns die Geschicht‘: Zermartere dich wegen ungelegter Eier nicht. Wie oft zerbrechen wir uns den Kopf über Dinge, die noch nicht da sind. Malen uns aus, was kommen könnte, kommen sollte, kommen wird und sind in unserem Denken in der Zukunft gefangen, die noch nicht da ist und von der wir nie wissen können, wie sie sein wird. Dabei vernachlässigen wir das einzige, was wir wirklich haben: das Heute. Denn heute ist noch nichts schlecht, gefährlich. Das Leben wäre gut, alles schön. Aber wir sorgen uns. Haben Angst. Rauben uns damit den Schlaf und die Möglichkeit, das Heute wirklich zu leben.

Zu diesem Thema gibt es viele nette Kalender- und Yogitee-Sprüche, zum Beispiel: Gestern ist vorbei, morgen noch nicht da, alles, was du hast, ist das Heute. Und auch Meister Eckehart rief dazu auf, den Moment als den wertvollsten zu sehen, der gerade ist. Logisch ist das so und die Wahrheit in dieser Aussage liegt auf der Hand. Nur: Kann man nur im Heute leben? Dann könnte man keine Ziele mehr haben. Wieso was tun? Wenn ich nur das Heute hätte, läge ich in der Hängematte am Meer und liesse Gott einen lieben Mann sein. Ok, vielleicht auch in den Bergen am See und an Gott glaube ich nicht. Oder wäre ich doch hier, wo ich bin? Da ich ja eigentlich ganz zufrieden damit bin, liegt das nahe.

Was lehrt mich diese ganze Sache? Sohnemann sagte ich ganz weise: Siehst du, deine Angst war ganz unbegründet, alles kam gut. Wenn ich wieder einmal in einer solchen Situation bin, könnte ich mich daran halten. Tue ich aber nicht. Ich kenne mich mittlerweile doch ein paar Jährchen und obwohl ich mir rein intellektuell all die Kalendersprüche merken und sie sogar noch logisch begründen kann, spielt mir die Natur einen Streich und ich reagiere immer wieder exakt gleich: ANGST!

Sind das die alten Schutzmechanismen des lieben Grossvater Neandertalers, welcher Gefahren abschätzen musste, um zu überleben? Ein Tribut an die Evolution, in welcher man nur durch genaue Kenntnis der Gegebenheiten und damit auch Gefahren zum Fittesten und damit zum Überlebenden wird? Oder sind andere anders und können ganz relaxt an Dinge rangehen? Ich glaube fast. Ich kann es nicht. Aber ich lebe noch. Vielleicht habe ich die Evolution überlistet.

2 Kommentare zu „Von der Überlistung der Evolution

  1. Das ist klar so – nur ist man eben doch immer damit beschäftigt, was kommt. gewisse Dinge, die sicher kommen (so sicher etwas halt sein kann) bedürfen ab und an der Vorbereitung, Dinge, die man gerne hätte, muss man angehen und das im Heute. So kann man das Morgen nicht aus dem Blick lassen im Heute. Und würde man das Gestern vergessen, würde man Fehler ständig wiederholen (was man ab und an auch so tut, keine Frage). Die Hoffnung, aus der Vergangenheit etwas zu lernen, bleibt doch bestehen, trotz vieler Beweise, dass es damit nicht immer weit bestellt ist.

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