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Ich wurde aufgefordert, über Bewusstsein zu schreiben. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat und das mir auch am Herzen liegt. Man könnte es meine tägliche Lebensschule nennen. Natürlich waren die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unterbewusstsein“ schon lange bekannt. Im Studium war Freud an allen Ecken und Enden Thema, er hat Wenden in allen möglichen Bereichen herbeigeführt und war in vielen literarischen Werken Thema – selten explizit, sehr oft aber implizit oder thematisch. Darüber hinaus habe ich mich wenig mit diesem Begriff befasst, er war rein theoretisches Gebilde, wissenschaftliche Definition. Alles weit davon entfernt, verinnerlicht zu werden.

Als ich begann, mich mit Yoga zu befassen, war Bewusstsein plötzlich in aller Munde. Alles sollte bewusst sein, das Atmen, das Essen, die Bewegungen, das Sprechen… Zum ersten Mal spürte ich damals ganz bewusst, wie Luft durch meine Nase einströmt, die Luftröhre runter bis in den Bauch, wie der Bauch sich hebt, wieder senkt, die Luft wieder den Weg zurücknimmt und zur Nase ausströmt. Ich wurde gewahr, dass meistens nur ein Nasenloch aktiv ist, die Nasenlöcher nach einer Zeit wechseln. Das war eine sehr spannende Erfahrung.[1] Das Bewusstsein war für mich auf der Matte angekommen. Ab und an nahm ich es ins Leben hinüber, atmete bewusst, wenn mir langweilig war, ich mich beruhigen wollte, ich Angst hatte und mich zu besänftigen versuchte. Es hat oft funktioniert, ich hatte dadurch ein Mittel gewonnen, mein Leben zur Ruhe zu bringen, indem ich bewusst atmete, mich ganz bewusst auf die Luft, die mir Leben und auch Ruhe einflössen kann, konzentrierte. Ich konzentrierte mich dabei auf mich und mein Sein. Eine ganz neue Erfahrung.

Durch diese kleine Übung lernte ich langsam zu sehen, was es heisst, mit Momenten bewusst umzugehen. Wie oft rasen wir durchs Leben, urteilen vorschnell über Dinge, lassen uns zu etwas hinreissen, das bei Lichte betrachtet weder gut noch sinnvoll ist. Wir sehen in dem Moment nur das, was wir gerade sehen wollen in unserer momentanen Stimmung, achten nicht in uns hinein, ob das, was da ist, in und um uns, wirklich den Tatsachen entspricht oder vielleicht doch nur eine Illusion ist. Wer kennt nicht Auseinandersetzungen mit lieben Menschen, in denen der eine ein Wort sagt, welches dem anderen schräg einfährt, dieser darauf reagiert – verteidigend oder gar schon angriffig – und schon bald ist man im schönsten Streit, ohne dass man hinterher noch weiss, wer wirklich angefangen hat und was die Ursache war. Man merkt nur, dass alles ein ganz grosses Missverständnis gewesen ist. Wie kann es dazu kommen?

Wir alle gehen durchs Leben und machen Erfahrungen. Aus diesen lernen wir und verinnerlichen Muster, wie wir in der Zukunft mit gleichen oder ähnlichen Situationen umgehen wollen. Wir legen quasi ein Raster aus Punkten und Strichen an (alles unbewusst), wie wir solche Situationen zukünftig erkennen können. Oft sind es Worte, Gesten oder Blicke, die als Auslöser für die verinnerlichten Muster genügen. Ob die so aufgegriffenen Worte wirklich der Intention entspringen, die wir dahinter sehen, sei dahingestellt. Wir haben nicht auf die momentane Situation reagiert, sondern aufgrund unserer vergangenen Muster. Dieses Verhalten hat seinen Sinn, vor allem evolutionstechnisch. Wenn der Hase immer erst überprüfen würde, ob der Fuchs ihn auch wirklich fressen will, wären Hasen ausgestorben auf dieser Welt. Deswegen ist es sinnvoll, wenn der Hase präventiv die Flucht ergreift, sobald er einen Fuchs sieht. Allerdings sind wir nicht immer Hasen im Angesicht von Füchsen und nicht immer geht es um Leben und Tod.

Ab und an täten wir gut daran, wirklich hinzusehen, was im Hier und Jetzt geschieht, bevor wir unsere innerlichen Muster ablaufen lassen. Dazu hilft es, sich die eigenen Gefühle ins Bewusstsein zu rufen und genau hinzusehen, wie sie ausgelöst wurden, was wirklich gerade passiert ist und ob wir mit unseren Gefühlen tatsächlich auf das aktuelle Geschehen reagiert haben oder aber einem alten Muster folgten. Auf diese Weise könnten wir einige Missverständnisse und auch Verletzungen – eigene und auch die anderer – vermeiden. Zudem würden wir wohl sehr viel über uns selber erfahren und darüber, was uns leitet, was uns geprägt hat, wie wir funktionieren und welchen Mechanismen wir ausgeliefert sind.

Manchmal läuft man mehrmals in dieselbe Falle alter Muster, bis man sie durchschaut. Trotzdem ist es nie zu spät, etwas dazuzulernen und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir haben das grosse Glück, jeden Tag eine neue Chance zu haben, unser Leben neu anzupacken.

 


[1] Ich habe diese Übung in praktisch alle meine Yogastunden eingebaut und kann sie jedem nur ans Herz legen. Sich einfach mal entspannt auf den Rücken legen, atmen und dem Atem nachspüren. Versuchen, ihn in allen Bereichen, die er durchfliesst, zu spüren. Auch schön ist in einem weiteren Schritt der Versuch, ihn zu lenken wohin man ihn haben will.

…Kontrolle besser.

Nur wenn man kontrolliert, ist das Vertrauen meist dahin, denn würde man vertrauen, bräuchte man die Kontrolle nicht, man sässe da in seiner Sicherheit, dass alles so ist, wie es sein sollte, wie man denkt, dass es sei.

In einer Welt ohne Lügen gäbe es keine Zweifel. Leider ist eine solche Welt eine Utopie, wir begegnen wo wir gehen und stehen Lügen, belügen uns gar ab und an selber. Oft sogar unbewusst. Wenn wir also uns selber schon nicht immer und in allen Belangen trauen können, wem denn dann?

Beziehungen bauen auf Vertrauen. Fehlt es, obsiegt ein anderes Gefühl: Eifersucht. Ein Blick des anderen, ein Anruf, ein neues After Shake – alles könnte Anzeichen sein. Doch man will ja vertrauen. Könnte man lieben, wäre nicht wenigstens ein wenig Grund zu glauben, dass der andere ehrlich ist, dass er es ehrlich meint, sich an die gemeinsamen Regeln hält. Doch wenn das alle glauben, wo sind denn die vielen Fremdgänger? Sicher 50% müssen sich täuschen in ihrem Vertrauen.

Ist man im Wissen darum nicht naiv, wenn man denkt, dass ausgerechnet man selber verschont bleibt? Ist man nicht dumm, wenn man sich in Sicherheit wähnend zu Hause sitzt und den anderen tun lässt, was er nicht lassen kann, im Vertrauen darauf, dass es nichts ist, das er lassen sollte? Doch besser Kontrolle? Damit kommen wir zum nächsten Zitat:

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Kann man sich den Betrug auch herbeireden? Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung daraus machen, indem man so lange misstraut, bis es begründet ist, oft aus einer Frustration heraus, doch kein Vertrauen geschenkt zu kriegen? Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Der Fremdgeher oder das fehlende Vertrauen in ihn?

Oft war zuerst ein Fremdgeher, dem man auf den Leim kroch. Das machte vorsichtig. Der nächste sollte das nicht mehr schaffen, er sollte einen nicht mehr auf dem falschen Fuss erwischen, man will die Augen offen halten. Zwar lässt man diesen dann unter den Taten des letzten leiden, doch das ist wohl ein Stück Weit der Evolution geschuldet: Man erkennt Gefahren, lernt daraus und versucht, sie in Zukunft zu vermeiden. In der Natur kann man nur so überleben. Würde man jedes Mal in die gleiche Falle laufen, wäre man schneller tot als man das Wort denken könnte.

Was also tun? Immer wieder auf 0 Stellen, neu vertrauen? Die vergangenen Wunden vergessen, neu starten? Kann man das? Haben wir Menschen einen Reset-Knopf, mit dem man sein System neu aufsetzen kann und all die guten Dinge wie Vertrauen, Liebe, Gelassenheit, Selbstsicherheit, Unversehrtheit neu installieren? Der Knopf ging wohl bei der Erfindung der menschlichen Maschine vergessen. Und so ist man dazu verdammt, Altes mitzuschleppen und den eigenen Rucksack zu füllen.

Das Leben wird damit nicht leichter, vieles auch ab und an als Ballast empfunden, den man gerne los würde. Gewisse Dinge kann man über die Zeit wieder abwerfen, gewisse begleiten einen durchs Leben. Damit muss man wohl leben und das Umfeld mit. Dieses hat immer die Möglichkeit, zu gehen, was dem eigenen Misstrauen Wasser auf die Mühlen werfen würde. Doch die Mühle betreibt man selber. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Man selber bleibt immer da. Entkommen ist nicht.

Heute las ich einen Artikel über Models, die sich die kleinen Zehen amputieren lassen, um besser in Stöckelschuhe zu passen. Kürzlich sah ich ein Finalbild eines Modelcontests und die Siegerin war Haut und Knochen. Die Mutter gab noch an, sie hätte ihrer Tochter geholfen, ein paar Pfunde zu verlieren im Hinblick auf diesen Wettbewerb. Dass das gute Kind schon vor der Abnahme nach gesundheitlichen Massstäben untergewichtig war, schien sie nicht zu kümmern. Alles für die Schönheit, alles für den Erfolg.

Die Modelwelt hat Schönheitsideale, die Gesundheitsaspekte ignoriert. Sie stellt Menschen aufs Podest, die sich diesem Diktat unterordnen auf Kosten ihrer Gesundheit, auf Kosten jeglicher Vernunft. Wozu? Für die paar Jahre Rampenlicht? Für das Geld, das lockt, wenn man wirklich on the top ist (drunter hat man nur die gesundheitlichen Risiken und hangelt sich von Casting zu Casting). Ist die Verheissung von Ruhm und Ehre so gross, dass der eigene Körper und dessen Wohlergehen nichts mehr zählt?

Man muss gar nicht so weit gehen. Schon im realen Leben (weit ab vom Scheinwerferlicht der Modelmärchenwelt) hat der Schönheitswahn Einzug gehalten. Frau muss schön sein. Sie muss gefallen. Sie will gefallen. Dafür ordnet sich alles unter, auch die eigene Gesundheit.

Schaut man auf Singlebörsen, sieht man Männer, kaum hübsch zu nennen, ein paar Kilos zu viel, ein paar Jahre über dem Zenit, die junge, schlanke, sexy Frauen suchen. Mit welchem Recht? Wieso denkt ein abgehalfterter Grufty, er könne sich gehen lassen, dürfe sich aber eine Frau an seiner Seite wünschen, die, um ihm zu gefallen, grossen Aufwand betreibt? Und wieso lässt sich Frau drauf ein? Sind wir nicht in einer emanzipierten Zeit, wo Frau gleiche Rechte hat wie Mann? Auf dem Papier schon, in den Köpfen nicht. In beider Geschlechter Köpfen nicht.

Kämpft Madame Feministin zwar auf allen Parketten der Genderdiskussion, geht sie danach heim, zieht den Lippenstift nach und pudert das Näschen, zwängt sich in Highheels (hoffentlich mit 5 Zehen pro Fuss) und stöckelt dann durch die Strassen, neben ihr der Mann in Jeanslook und Turnschuh. Er darf das, sie wäre damit out. Besteht sie auf Schlabberlook und Ökobluse, unterliegt sie neben all den anderen, die sich dem Diktat unterwerfen. Die stöckeln mit hohen Schuhen, roten Lippen und Kriegsbemalung (denn es herrscht Krieg in der Frauenwelt; jede sieht die andere als Rivalin im Kampf um den ach so begehrten Mann und dessen Aufmerksamkeit) daher, lächeln vornherum nett und spannen hintenrum den Mann aus. Die Schlampen, die, ruft die Unterlegene aus. Nun gut, jedes Spiel hat Verlierer.

Man könnte ketzerisch sein und sagen: Die (menschliche) Frau ist die Unterlegene im Evolutionsspiel. Plustert sich im Tierreich das Männchen auf, um dem Weibchen zu imponieren und es abzukriegen, hat sich im Menschendasein das Ganze gedreht. Frau muss sich verbiegen, um im Kampf der weiterzugebenden Gene zu obsiegen.

Ich erinnere mich an einen Einkaufsbummel mit meinem geliebten Vater. Das muss nun 24 Jahre her sein. Er schimpfte mit mir, weil alle  anderen Mädchen nette Jupes und Kleidchen trugen, ich ungeschminkt in Jeans daher kam. Ich solle mal was aus mir machen, meinte er. Ich erwiderte ihm, dass mich der, welcher mich möge, so nehmen müsse, wie ich sei.

Ich erinnere mich an ein Modelangebot in Jugendtagen. Mein Dad hätte meine Setcard arrangiert. Von seinem Umfeld im Winterthurer Landboten hatte er die Kontakte, auch zu Fotographen. Ich liebäugelte damit, war geschmeichelt. Sagte dann, dass ich es nicht mögen würde, auf mein Äusseres reduziert zu werden. Mein Inneres sei wichtiger.

Die Aussagen klingen cool. Sie klingen selbstbewusst. Das war und bin ich bei Weitem nicht. Ich zweifle oft. Sehe all die zurecht geschminkten Wesen in den Strassen. Wünschte mir ab und an, eines von Ihnen zu sein. Finde sie schön, mich blass. Sehe ihre Fotos auf Facebook und Twitter und lösche alle von mir, weil sie hässlich sind, wie ich finde. Doch ab und an schaue ich in den Spiegel und denke „so schlecht bist du auch nicht“.

Wo ist die Lösung? Ich habe keine Ahnung. Ich kann leider auf hohen Schuhen nicht gehen. Lippenstift mag ich nicht, fühlt sich so fremd an. Was ist schön? Wer legt den Masstab fest? Die Wirtschaft geht flöten, in den Zeitungen werden Ideale propagiert, die ungesund sind, jeder will der Schönste sein, am Meisten haben. Das Streben nach Erfolg und Ruhm ist die erste Priorität geworden. Dieses Streben lässt Werte wie Moral, Gesundheit, Natürlichkeit als Witz dastehen. Dass die Menschen daran kranken, nimmt man wahr, erörtert es in Boulevard-Medien und gesellschaftskritischen Aufsätzen, kämpft vor der Kamera für gleiche Rechte der Geschlechter, um sich hinter selbiger die Lippen nachzuziehen.

Bin ich böse? Vielleicht schon. Bin ich frustriert? Nicht grundsätzlich. Ich habe alle Zehen, darf in Turnschuhen gehen und zu Hause meine Schlabberhosen tragen. Ab und an beneide ich die überschminkten Schönheiten in Kosmetikabteilungen in Warenhäusern. Im morgendlichen Stress mit Schulkind bin ich froh, nicht den Aufwand betreiben zu müssen. Wo ist die Lösung? Ich bezweifle, dass es eine gibt. Die Welt nimmt ihren Gang. Man muss entscheiden, wo man sich einordnen will. Und dann damit leben.

Ängste sind evolutionär gesehen Überlebenshelfer. Die Angst löst Reaktionen auf als solche erkannte Gefahren aus, was im Falle eines Raubtiers überlebenswichtig sein kann. Fehlte die Angst, würden wir uns unbedarft in gefährliche Situationen begeben und damit unser Leben aufs Spiel setzen oder gar verlieren.

Angst ist also durchaus sehr sinnvoll, auch wenn wir sie eigentlich nicht mögen. Sie steht auf der Liste der von uns als negativ wahrgenommenen Gefühle, weil wir nicht ihren Nutzen sehen, sondern nur das Gefühl als solches, welches unangenehm, beengend, niederdrückend erscheint. 

Angst kann aber durchaus auch negativ auf unser Leben wirken. Nicht immer sind wir in Gefahr, von einem Raubtier gefressen zu werden, nicht immer droht von überall Gefahr, wo wir sie sehen. Ab und an sehen wir Gefahren, wo keine sind, gründen unsere Ängste auf Vorstellungen, die von Ereignissen in unserem Umfeld, aus vergangenen Erfahrungen oder ähnlichen negativen Auslösern stammen. Diese Angst lähmt uns, ohne dass wir einen realen Grund ausserhalb unserer Vorstellung dafür haben. 

Angst und die Reaktion darauf sind unbewusste Vorgänge. Müsste man zuerst bewusst überlegen, was man tut, wäre es oft zu spät. Die Mechanismen laufen im Gehirn ab, ohne dass man es merkt. Leider tun sie das sowohl bei der gegründeten Angst wie auch bei der unbegründeten. Ich habe Panik vor Spinnen. Eine Nachbarin wusste das und als wir mal nachts vor dem Haus sprachen, sagte sie warnend, ich wolle mich nicht umdrehen, hinter mir sei eine grosse Spinne. Ich dachte, gewarnt zu sein, genügend Abstand zu haben, ich könnte also, so dachte ich, mich umdrehen und der Spinne quasi ins Auge sehen. Kaum umgedreht, die Spinne erblickt, entglitt mir ein dermassen gellender Schrei, dass wohl die ganze Nachbarschaft senkrecht im Bett stand. Ich hatte keine Chance, das zu unterdrücken. Diese Reaktion passierte auch schon in überfüllten Zügen und an anderen dafür peinlichen Orten. Mittlerweile nehme ich sie mit Humor und hatte damit mal meine wohl witzigste Zugfahrt überhaupt – ein ganzer Wagen lachte mit. 

Spinnenphobien, Höhenangst und Panik in engen Räumen kann man in den Griff kriegen, heisst es. Wie ist es mit anderen Ängsten? Solchen, die noch mehr psychischer Natur sind? Die Angst, unheilbar krank zu sein oder werden? Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren? Die Angst, die Stelle zu verlieren, nicht über die Runden zu kommen, ausgelacht zu werden, weil man ist, wie man ist oder tut, was man tut? Diese Angst kann auch vor den befürchteten Gefahren schützen, aber meist schützt sie auch vor ganz vielen schönen Momenten, die man nicht geniesst, weil man bereits die Angst im Hinterkopf hat und die Gedanken, womit dieses Glück zerstört werden könnte. 

Da sitzt man dann und denkt sich aus, was alles passieren könnte. Man sieht die Gefahren förmlich vor sich und kann kaum umhin, etwas anzuzweifeln, das in so vielen Farben und detailgetreu ausgemalt ist. Und klar, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, besteht immer. Schlussendlich ist das Leben immer ein Risiko. Schon mein 10jähriger Sohn hat kürzlich die Weisheit „erfunden“: Man hat im Leben auf nichts eine Garantie, nicht mal auf das Leben selber.“

Die Frage ist, ob wir uns wirklich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen die momentan erlebte Wahrheit kaputt machen wollen, nur weil wir uns von unseren Ängsten leiten lassen. Klar haben sie eine Berechtigung, man will nicht blind ins Unglück rennen. Oft suchen wir die Unglück bringenden Details aber förmlich, statt darauf zu vertrauen, dass es auch gut kommen könnte. Und ab und an führen wir das Unglück fast herbei, indem wir es heraufbeschwören. Da vieles davon unbewusst abläuft in dem Moment, in dem es passiert, ist es wohl schwierig, sofort umzuschwenken und anders zu funktionieren. Veränderungen des Verhaltens passieren langsam. Sie basieren auf einem Lernprozess des Hirnes, welcher sich wiederum aus Lernprozessen durch Ereignisse und Umfeld speist. 

Schlussendlich hilft es wohl, genau hinzusehen, was wirklich ist, sich die positiven Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, statt immer nur der negativen wegen zu hadern. Und je positiver die Sicht, desto positiver fällt auch die Bewertung der Dinge aus. Nicht blind soll es geschehen, nicht naiv, aber realistisch und der Situation angepasst, nicht durch negative Bildmalerei geprägt. 

 

Seit heute weiss ich es: Ich habe keinen freien Willen, den gibt es gar nicht, das ist eine blosse Illusion, die aber insofern hilfreich ist, als sie mir beim Überleben hilft, da alles nur Evolution und dieser geschuldet ist. Ich selber bin sogar eine Illusion, eine Funktion meines Gehirns. Sagt Franz M. Wuketits in seinem Buch „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion. Wie ich ein Gehirn sein kann, wenn ich nur Illusion bin, wessen Gehirn das dann ist, steht freilich nirgends. Es liegt also nahe, dass nur das Ich in einem bestimmten Verständnis Illusion sein kann. Ich bin – offensichtlich. Und ich musste nun schreiben. Dass mein Pult dunkel ist, mein Computer silbrig, war keine freie Wahl, ich MUSSTE die förmlich nehmen. Weil meine Erfahrungen, Gene, mein Umfeld, die Evolution mich so vorgespurt hat.

Biologisch sei das erwiesen. Ist es das? Bestimmt die Biologie, ob ich ein rotes oder grünes Kleid trage, auf einem weissen oder schwarzen Sofa sitze? Die Biologie ist – soviel ich weiss – bis heute nicht sicher, ob unser Charakter vererbt oder erlernt ist. Die Standardantwort ist: Beides – zu Teilen. Zwar können wir auch nach Wuketits lernen, allerdings nur aus dem, was passiert ist, nicht aus freien Stücken. Wo bliebe Moral, wo das Recht? Haben wir eine Möglichkeit, uns moralisch zu verhalten? Wir wären nie mehr an etwas Schuld. Schuld sei nur ein Begriff, um Dinge zuzuordnen und damit für uns zu erklären. Verantwortung wäre noch schwieriger, wie soll man für etwas verantwortlich sein, das man nicht aus freien Stücken tat und genauso hätte unterlassen können?

Was ist mit all den Verbrechen der Vergangenheit? Müssen wir Geschichtsbücher neu schreiben? War Hitler nur ein willenlos biologischer Zellhaufen, der nicht anders konnte? Quasi eine Naturgewalt wie eine Flut, ein Erdbeben? Alle seiner Anhänger waren gezwungen, von ihren Veranlagungen und Neigungen, denen sie nichts entgegen halten konnten? Eine erschreckende Sicht.

Nun habe ich Hunger. Ich könnte nun essen oder auch nicht. Die Entscheidung dafür oder dagegen – ist sie frei? Klar gibt es Argumente dafür und dagegen (mehr dafür als dagegen). Es wäre also vernünftiger, zu essen. Irgendwann werde ich müssen, sonst sterbe ich. Also ist ein Zwang da. Wie steht es mit der Entscheidung, was ich esse? Das Angebot meiner Speisekammer ist vielfältig. Auch da gibt es sicher Kriterien, die helfen zu entscheiden. Ganz frei ist die Entscheidung nicht. Äusserer Rahmen ist, was ich mal eingekauft habe. Die Gelüste und meine Vorlieben spielen sicher auch mit. Schlussendlich wird es etwas werden. Wie frei war die Wahl?

Absolute Freiheit ist eine Utopie, es ist immer etwas da, was prägt, was leitet, Grenzen setzt. Sollte aber wirklich alles meiner eigenen Wahl entzogen sein, ich nur eine Marionette von verschieden gearteten Zwängen? Wuketits versucht zu trösten, dass uns das im alltäglichen Leben nicht betrifft, wir die Illusion des freien Willens hätten und behalten könnten und dadurch frisch fröhlich frei weiter leben könnten wie bisher. Die Illusion helfe, weiter motiviert durchs Leben zu gehen. Also doch alles mehr Schein als Sein und das ist sogar evolutionär gewollt?

Mein Sohn hatte am Montag Schulanfang in einer neuen Schule. Wir zogen kurz vor den Sommerferien um, nun ging es am neuen Ort los. Je näher der Anfang kam, desto bedrohlicher wurde er. Söhnchen ist generell eher schüchtern und zurückhaltend, und er hatte Angst vor dem, was ihn erwartet, von dem er nicht wusste, was es genau war, was ja genau die Angst auslöste. Er stellte sich vor, er könnte keine Freunde finden, die Kinder könnten gemein sein, die Lehrerin nicht gut. Und noch viel schlimmer war, er wusste nicht mal was konkret Angst macht, es war einfach das Neue, das nicht wissen, was kommt, wie es ist, was ihn erwartet.

Ich kenne das nur zu gut. Ich mag keine neuen Dinge, Ich liebe das Gewohnte. Zwar kann das auch ab und an langweilig anmuten, klar kann man manchmal denken, Spannung, Neues im Leben, das wäre toll. Und doch, wenn es dann kommt, mag ich es nicht. Fürchte mich, hadere mit mir und dem Neuen, versuche es doch noch zu umgehen, werde unleidlich. Bis es da ist. Dann schick ich mich drein und nehme es hin. Und es kommt eigentlich immer gut.

Die letzte Nacht von Sonntag bis Montag konnte er nicht mehr schlafen. Die Angst war zu gross geworden. Sonst eher streng in diesen Angelegenheiten, liess ich die Nacht sausen, setzte mich zu ihm ins Bett, die Kater waren bald auch zugegen und wir plauderten und lachten uns durch die Stunden. Der Morgen kam, der Schulweg wurde unter die Füsse genommen. Dann sass ich zu Hause. Wartete, hoffte, bangte. Merkte, wie sehr ich mit dem Kind mitfiebere, mit hoffe. Merkte, dass ich wohl als Glucke geboren bin und eine bleibe. Dann endlich die Erlösung: Alles gut, die Lehrerin nett, die Kinder ok, mein Kind zufrieden. Tag zwei noch besser, er freute sich gar drauf.

Und was lehrt uns die Geschicht‘: Zermartere dich wegen ungelegter Eier nicht. Wie oft zerbrechen wir uns den Kopf über Dinge, die noch nicht da sind. Malen uns aus, was kommen könnte, kommen sollte, kommen wird und sind in unserem Denken in der Zukunft gefangen, die noch nicht da ist und von der wir nie wissen können, wie sie sein wird. Dabei vernachlässigen wir das einzige, was wir wirklich haben: das Heute. Denn heute ist noch nichts schlecht, gefährlich. Das Leben wäre gut, alles schön. Aber wir sorgen uns. Haben Angst. Rauben uns damit den Schlaf und die Möglichkeit, das Heute wirklich zu leben.

Zu diesem Thema gibt es viele nette Kalender- und Yogitee-Sprüche, zum Beispiel: Gestern ist vorbei, morgen noch nicht da, alles, was du hast, ist das Heute. Und auch Meister Eckehart rief dazu auf, den Moment als den wertvollsten zu sehen, der gerade ist. Logisch ist das so und die Wahrheit in dieser Aussage liegt auf der Hand. Nur: Kann man nur im Heute leben? Dann könnte man keine Ziele mehr haben. Wieso was tun? Wenn ich nur das Heute hätte, läge ich in der Hängematte am Meer und liesse Gott einen lieben Mann sein. Ok, vielleicht auch in den Bergen am See und an Gott glaube ich nicht. Oder wäre ich doch hier, wo ich bin? Da ich ja eigentlich ganz zufrieden damit bin, liegt das nahe.

Was lehrt mich diese ganze Sache? Sohnemann sagte ich ganz weise: Siehst du, deine Angst war ganz unbegründet, alles kam gut. Wenn ich wieder einmal in einer solchen Situation bin, könnte ich mich daran halten. Tue ich aber nicht. Ich kenne mich mittlerweile doch ein paar Jährchen und obwohl ich mir rein intellektuell all die Kalendersprüche merken und sie sogar noch logisch begründen kann, spielt mir die Natur einen Streich und ich reagiere immer wieder exakt gleich: ANGST!

Sind das die alten Schutzmechanismen des lieben Grossvater Neandertalers, welcher Gefahren abschätzen musste, um zu überleben? Ein Tribut an die Evolution, in welcher man nur durch genaue Kenntnis der Gegebenheiten und damit auch Gefahren zum Fittesten und damit zum Überlebenden wird? Oder sind andere anders und können ganz relaxt an Dinge rangehen? Ich glaube fast. Ich kann es nicht. Aber ich lebe noch. Vielleicht habe ich die Evolution überlistet.