Habe ich die Wahl?

In der Nähe meines Hauses prangt in  grossen Lettern ein Zitat von Max Frisch an der Wand:

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl. 

Der Satz bringt zwei Grössen in Beziehung: Menschliche Würde und die menschliche Fähigkeit zu wählen.

Würde ist verwandt mit Wert. Nach Kant kann dieser Wert nur von innen kommen und die Würde des Menschen kommt diesem zu aufgrund seines Menschseins, seiner Vernunft, welche ihn vom Tier abhebt. Es ist also die Fähigkeit des vernünftigen – und auch moralischen – Handelns, die dem Menschen die Würde gibt, welche ihm eben dadurch auch zusteht als Ansehen bei den anderen. Die gegenseitige Achtung der Menschenwürde trägt massgeblich zu einer friedlichen Koexistenz von Menschen bei, weil sie sich ihrer Fähigkeit bewusst moralisch verhalten.

Schiller, welcher mit Kant nicht immer einer Meinung war, was Ethik und Ästhetik betrifft (Kallias-Briefe), sieht als menschliche Fähigkeit, welche diesen vom Tier abhebe, den freien Willen. Schiller sieht die Würde dann gegeben, wenn sich der Mensch über seine Naturtriebe erhebt und an ihrer statt die Moral hochhalte. Schon hier findet sich also der Konnex von Wahl/Willen und Würde. Es liessen sich noch einige dichterische und denkerische Grössen zitieren, welche in ein ähnliches Horn blasen. Ob wohl etwas dran ist?

Wir kommen auf die Welt, klein und unselbständig. Oft fühlen wir uns rechtlos, ausgeliefert. So viel ist zu lernen, so wenig wissen wir, vor allem: so wenig können wir bestimmen. Immer sind da die Eltern, welche sagen, wo es  lang geht, lang gehen muss, weil die grosse Welt von einem irgendwann erwartet, zu wissen, wie der Hase läuft. Und genau auf diese Hasenspur werden wir angesetzt. Wie sehr wünschen wir, endlich auch erwachsen zu sein, endlich auch sagen zu dürfen, wo wir stehen, gehen, sein wollen. Wir sehen diese Entscheidungsfreiheit als Erfüllung.

Dann werden wir älter und sehen: die Zwänge werden nicht weniger, an die Stelle der Eltern treten Arbeitgeber, wirtschaftliche Zwänge, Partner, die Gesellschaft. Irgendwer sagt immer, was er von uns will und wir haben meist zwei Möglichkeiten: es tun oder es lassen – wobei das Lassen oft seinen Preis hat. Dann stehen wir da und hadern. Hadern mit der grausamen Welt, die uns vor solche Entscheidungen stellt. Hadern mit dem Leben, das auch erwachsen nicht viel einfacher ist als als Kind. Damals waren es liebende Eltern, die nur unser Bestes wollten (wie wir heute sehen, früher hätten wir das natürlich abgestritten und ihnen alles Böse unterstellt – ausser in ganz hellen und dadurch seltenen Momenten, in denen wir es einsahen). Heute sind es Aussenstehende und nicht immer sind wir sicher, ob sie wirklich unser Bestes wollen und nicht eher ihr eigenes.

In solchen Situationen überkommt uns schnell das Gefühl, keine Wahl zu haben. „Ich muss ja, was soll ich sonst?“, denken wir und fügen uns in unser Schicksal. Und mit jedem „Ich muss“ wächst das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Und damit auch das Gefühl des eigenen Wertes, der eigenen Würde.

Je kleiner wir uns fühlen, desto anfälliger werden wir für Hilfsversprechen. Was den Anschein macht, uns wachsen zu lassen, wird dankbar angenommen, als Strohhalm. Seien es Religionen, die Halt durch den allwissenden und alles mit Sinn versehenden Gott versprechen, seien es Heilversprechen von irgendwelchen selbsternannten Heilanden und Scharlatanen (böse Zungen sehen zwischen den Optionen keinen Unterschied) oder seien es Aufschwungparolen von Diktatoren, die dem Volk die Befreiung von allem Übel versprechen, dabei nur die eigene Macht im Sinn haben. Dass man damit den letzten Zacken Würde mitverliert, weil fortan keine Möglichkeit der Wahl mehr besteht, sondern nur noch das erlaubt ist, was diktiert wird, fällt dann meist zu spät oder gar nie auf.

Haben wir eine Wahl? Natürlich. Wir könnten uns gegen die vermeintlichen Zwänge entscheiden. Wenn wir bereit sind, den dafür geforderten Preis zu zahlen. Wir müssen nicht treu sein, wenn wir das gemachte Nest aufs Spiel setzen wollen. Wir müssen nicht arbeiten, wenn wir die soziale Ächtung nicht scheuen. Wir müssen nicht moralisch handeln, wenn wir den Gesellschaftsausschluss nicht fürchten. Wir müssen unsere Kinder nicht aufziehen, wenn sie unsere Grenzen sprengen, wir können sie in Heime geben. Sofort. Wir haben die Wahl. Eine Wahl besteht immer. Doch wir haben auch innere Werte, Wünsche, Handlungsmaximen. Die Gelehrten streiten noch, ob die naturgegeben sind oder kulturell bedingt. Vermutlich eine zufällig gute Mischung von beidem. Auf alle Fälle erkennen wir als vernünftige Menschen, dass nicht alle von aussen erstellten Maximen und Regeln schlecht sind, sondern sie uns auch dienen. Und insofern wollen wir sie haben. Und verhalten uns so, dass sie auch auf uns selber angewendet werden. Aber wir haben so gewählt. Wir können nicht dahin gehen und uns als arme Opfer des Systems sehen, das uns unterdrückt. Wir wollten den Preis nicht zahlen, den es gekostet hätte, anders zu wählen. Vielleicht auch, weil wir es als unter unserer Würde ansehen würden, entgegen den Vorstellungen unserer Vernunft zu handeln. Wir haben selber einen Massstab in uns, der uns steuert. Auch der ist vielfältig zusammengesetzt – Kultur, Eltern, eigene Anteile und Gedanken. Aber prägend und leitend.

Wir sind also grundsätzlich frei, zu wählen. Wir können immer entscheiden, was wir wollen und danach handeln. Goethe sagte in diesem Zusammenhang:

Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.

Es gibt Zwänge im Leben, die von aussen gegeben sind. Doch auch dann hat man die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden. Wenn man aber mit der eigenen Vernunft erkennt, dass diese Zwänge, dieses Muss einen Sinn ergibt, für das Individuum sowie das Kollektiv (und damit wieder für das Individuum), kommt man an den Punkt, zu sagen, dass man das auch will. Und der Zwang, in dem man steckt, für eine gute Sache ist. Und vielleicht ist dann nicht mehr so viel Ohnmacht da, sondern auch das Wissen: ich könnte anders entscheiden, aber ich entscheide selber genau so, wie ich es tue. Den Preis muss man immer zahlen, wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass man ihn freiwillig zahlt – so oder so. Sei es durch Verzicht auf etwas, das gerade verlockend erscheint, sei es durch das Durchsetzen des eigenen Wollens gegen alle Widerstände, was wiederum vielleicht mangelnde Akzeptanz zur Folge haben könnte. Die Frage ist, ob die, welche nicht akzeptieren wollen, wirklich Wert sind, auf sie Rücksicht zu nehmen. Und wenn ja, vielleicht zu fragen, wieso man so sehr will, was man will. Und aufgrund dieses Hinterfragens vielleicht auch etwas über sich selber lernt, das einem hilft, die richtige Wahl zu treffen, sie sich selber Wert zu sein. Die eigene Würde hochhaltend.

5 Comments

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  1. Mit dem freien Willen ist das so eine Sache. Ich empfehle Wuketits “Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion“ oder auch Frans de Waal “Der Affe in uns“. Ich bin dennoch ein Verfechter der Autonomie, auch wenn sie klein sein mag. Es lehrt aber Bescheidenheit, dass Autonomie ein Privileg ist.

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    • Es gibt ja diesen gehirnphysiologischen Vorstoss, dass wir gar keinen freien Willen haben. Es gibt Versuche, die zeigen, dass „das Gehirn“ schon entschieden hat, bevor wir uns bewusst entscheiden. Nur – das ist nichts Neues. Schon lange wissen wir, dass das Unterbewusste und Unbewusste dem Bewusstsein vorausgeht. Es ist eine Sache der Bewusstheit (= Grad des Bewusstseins). Und ausserdem: In dem Moment, in dem ich mich entscheiden soll, bin ich tatsächlich frei, so oder so zu entscheiden. Wenn ich dann entschieden habe, kann mir jeder Psychologe vorbeten, dass ich nicht frei entschieden habe, sondern aus dem und dem Grund, der tief in mir drin oder in der Vergangenheit liegt. Diese Kausalkette, die mir der Psychologe nachweist, ist aber kein Argument gegen die Willensfreiheit. Denn ich entscheide eben nicht nur zwischen möglichen Handlungen, sondern auch zwischen verschiedenen Kausalketten. Hätte ich nämlich anders entschieden, hätte mir derselbe Psychologe wieder nachgewiesen, warum ich so und nicht anders entschieden habe. Weil es eben auch für diese Entscheidung eine Kausalkette gibt.

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  2. Es war sehr schön, zum Auftakt des Tages etwas über die „Würde“ zu lesen und so viele gute Gedanken zur Wahlfreiheit und der Sinnsuche. Und weil es den Kern des Menschseins und einer lebendigen Welt trifft, wird es wohl immer nur eine Beschreibung sein, was wir dazu denken und mitteilen können. Anders als noch Kant sehe ich die Würde des Menschen nicht in der Abgrenzung zur Fauna in seinem herausgehoben Sein. Allem Leben wohnt eine Würde inne und ich spreche auch dem Tier nicht ab, eine Wahlfreiheit zu haben. Wir sind nicht am Ende dessen, was wir entdecken können und uns eine Gewissheit schafft.

    Die Würde des Lebens aber entscheidet sich im banalen Alltag, wo wir sie verletzt sehen und uns dann dazu verhalten. So kann aber nach meiner festen Überzeugung Würde nur verletzt werden, verlieren kann man sie nie!

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    • Danke für diesen schönen Kommentar, Gerhard. Wenn man Würde mit Wert in Verbindung setzt, was sowohl von der Wortgeschichte wie auch von den Philosophen gegeben ist, dann stimme ich dir zu, dass allem Lebendigen ein Wert innewohnt nur schon aufgrund seines Lebens, seines Seins. Dies zu achten heisst, es zu würdigen, man spricht dem andern Würde/Wert zu und zeigt damit gleichzeitig auch seinen eigenen, indem man sich als der Natur und dem Leben würdig(end) zeigt.

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