Jean-Jacques Rousseau hat den Menschen als „edlen Wilden“ beschrieben, der durch die Zivilisation verdorben werde. Der Staat lege ihn in Ketten – und beginne damit früh. Die Schule, so liesse sich zuspitzen, ist eines seiner wirksamsten Instrumente. Was als Ort der Befähigung zur Selbstbestimmung gedacht ist, gerät zur Anstalt der Anpassung. Nicht das Kind steht im Zentrum, sondern seine Verwendbarkeit. Diese Diagnose ist alt und doch auch erschreckend aktuell. Rousseau ist wahrlich kein unproblematischer Gewährsmann. Seine Anthropologie ist idealisierend, seine Pädagogik teilweise lebensfern. Doch wer sich an seinen Überzeichnungen stösst, verfehlt deren Kern, nämlich die Einsicht, dass Bildung entweder zur Freiheit führt oder sie untergräbt. Ein Drittes gibt es nicht.
Hier setzt Immanuel Kant an. Aufklärung, so Kant, ist „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Unmündig ist, wer nicht den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Mündigkeit ist kein biologischer Reifezustand, sondern eine geistige Haltung: die Fähigkeit, ohne fremde Leitung zu urteilen. Zwischen Dogmatismus und Skeptizismus liegt für Kant der eigentliche Raum des Erwachsenseins. Der Dogmatiker übernimmt fertige Wahrheiten, der Skeptiker zweifelt alles hinweg – beide entziehen sich der Verantwortung des eigenen Denkens. Mündigkeit hingegen heisst: urteilen, prüfen und sich orientieren können. Und genau hier liegt das Versagen unseres Bildungssystems, denn wenn Mündigkeit nicht mit dem Alter kommt, sondern gelernt werden muss, dann ist Schule nicht irgendeine Institution unter vielen, sie ist der Ort, an dem Aufklärung praktisch werden müsste. Nicht im theoretischen Sinn sondern als fortdauernde Aufgabe, Menschen hervorzubringen, die denken können. Stattdessen produzieren wir Anpassung.
Das gegenwärtige Schulwesen ist strukturell auf Selektion ausgerichtet. Es setzt auf Bildungspläne, Notensysteme, Leistungsbewertungen und dient damit weniger der Entfaltung individueller Fähigkeiten als der Sortierung nach Verwertbarkeit. Wer „gut“ ist, passt in die oberen Segmente; wer nicht passt, wird nach unten gereiht oder aussortiert. Bildung wird zur Vorstufe des Arbeitsmarktes, nicht zur Bedingung von Freiheit. Dabei entsteht ein doppelter Schaden. Zum einen wird Wissen instrumentalisiert. Es wird nicht gelernt, um die Welt zu verstehen, sondern um Prüfungen zu bestehen. Inhalte werden aufgenommen, reproduziert, vergessen. Was bleibt, ist nicht Erkenntnis, sondern eintrainiertes Funktionieren. Zum anderen wird das Verhältnis zu anderen Menschen deformiert. Mitschüler werden zu Konkurrenten, Lernen wird zum Vergleich, zum Wettbewerb, zur permanenten Bewertung. Was verloren geht, ist die Erfahrung gemeinsamer Weltaneignung, jene Erfahrung, die für demokratisches Zusammenleben zentral wäre.
Genau hier zeigt sich die politische Dimension dieses Problems. Demokratie lebt nicht von Institutionen allein. Sie lebt von Menschen, die fähig sind zu urteilen, zu widersprechen, zu argumentieren, Verantwortung zu übernehmen, kurz, von mündigen Bürgern. Wer nie gelernt hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wer nicht gelernt hat, Differenz auszuhalten und im Gespräch zu klären, der wird auch im politischen Raum nicht handeln, sondern folgen. Eine Schule, die Anpassung belohnt, erzieht keine Bürger, sie produziert Gefolgschaft.
Das ist nicht folgenlos. Es untergräbt die Substanz demokratischer Ordnungen. Was dann bleibt, sind Strukturen, die formal noch demokratisch erscheinen, inhaltlich aber ausgehöhlt sind. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat dafür selbst den Begriff der „illiberalen Demokratie“ geprägt: Systeme, die sich auf Wahlen berufen, aber den Geist der Freiheit, die Bindung an den Rechtsstaat und die Bedeutung pluraler Öffentlichkeit systematisch schwächen.
Solche Systeme fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen dort, wo Menschen nicht gelernt haben, Freiheit zu praktizieren. Die Schule ist deshalb kein Nebenschauplatz. Sie ist ein politischer Ort im tiefsten Sinn. In ihr entscheidet sich, ob Menschen später fähig sind, eine gemeinsame Welt zu gestalten oder ob sie sich in vorgegebene Ordnungen einfügen, ohne sie zu hinterfragen. Die Folgen sind sichtbar.
Kinder, die früh erfahren, dass ihr Wert an Leistung gebunden ist. Jugendliche, die keinen Sinn mehr sehen in dem, was sie tun. Erwachsene, die sich in Arbeitsstrukturen wiederfinden, auf die sie jahrelang vorbereitet wurden – und die sie dennoch erschöpfen oder leer zurücklassen. Lehrerinnen und Lehrer, die an einem System arbeiten, das sie selbst zermürbt, weil es nicht bildet, sondern zurechtbiegt. Man kann diese Entwicklung nicht allein psychologisch erklären, sie ist strukturell. Ein System, das auf Anpassung angelegt ist, erzeugt notwendigerweise Entfremdung und politisch gesprochen Demokratieschwäche. Dabei wäre die Alternative nicht einmal schwer zu denken.
Wenn man ernst nimmt, dass Mündigkeit gelernt werden muss, dann müsste Bildung anders ansetzen: nicht bei Lehrplänen, sondern beim Menschen. Nicht bei der Frage, was jemand können soll, sondern bei der Frage, wie jemand sich entfalten kann, wie er sein Menschsein ausleben und zur Mündigkeit kommen kann. Das bedeutet: Räume schaffen, in denen Erfahrung möglich ist, Situationen herbeiführen, in denen Denken gefordert ist, Begegnungen zulassen, in denen Perspektiven sichtbar werden.
Das Kind ist kein leeres Blatt, wie John Locke meinte, aber es ist ein offenes Wesen. Es will lernen, sich entwickeln, sich zur Welt verhalten. Bildung hätte die Aufgabe, diese Bewegung zu begleiten, nicht zu unterbrechen. Eine Schule, die diesen Namen verdient, würde daher nicht primär Wissen vermitteln, sondern Urteilskraft bilden. Sie würde nicht normieren, sondern differenzieren. Sie würde nicht selektieren, sondern ermöglichen. Vor allem aber würde sie eines tun: den Menschen ernst nehmen als ein Wesen, das fähig ist, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. und das genau darin die Voraussetzung findet, gemeinsam mit anderen eine politische Welt zu gestalten. Das wäre Aufklärung nicht als Epoche, sondern als Praxis.
Und vielleicht ist genau das die entscheidende Frage unserer Zeit: Ob wir weiterhin Menschen hervorbringen wollen, die funktionieren oder solche, die frei sind.
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