Warum Menschen rechts wählen – und was daraus folgt
Es beginnt oft mit einem Satz, der in seiner Schlichtheit leicht überhört wird. „Die da oben interessieren sich doch nicht für uns.“ Man hört ihn beim Vorbeigehen, an der Bushaltestelle, im Restaurant, an Familienfesten oder liest ihn auf Facebook unter irgendeinem politischen Beitrag. Häufig folgt darauf ein reflexhaftes Augenrollen. Wieder einer dieser „Wutbürger“. Wieder jemand, der „einfach rechts“ ist. Doch je länger man diesen Gesprächen zuhört, desto schwieriger wird es, sie ausschliesslich als Ausdruck politischer Verirrung zu verstehen.
Denn so unerquicklich manche der daraus gezogenen politischen Konsequenzen sein mögen, die Erfahrungen dahinter sind oft real. Und vielleicht liegt genau hier eines der grössten Probleme gegenwärtiger Demokratien: dass weite Teile der politischen und kulturellen Öffentlichkeit verlernt haben, zwischen dem Verstehen von Ursachen und dem Gutheissen von Lösungen zu unterscheiden.
Der Erfolg rechter Parteien lässt sich nicht begreifen, wenn man ihre Wählerinnen und Wähler vorschnell als irrational, ungebildet oder moralisch defizitär abtut. Eine solche Erklärung beruhigt zwar das eigene Weltbild, analytisch trägt sie jedoch erstaunlich wenig. Sie verstellt vielmehr den Blick auf jene sozialen und politischen Dynamiken, aus denen autoritäre Tendenzen überhaupt erst entstehen.
Dabei ist der Reflex der moralischen Abgrenzung nachvollziehbar. Die europäische Geschichte liefert genügend Gründe, sensibel auf Nationalismus, autoritäres Denken und exkludierende Ideologien zu reagieren. Gerade progressive Milieus erleben den Rechtsruck deshalb häufig als unmittelbare Bedrohung demokratischer und humanistischer Errungenschaften. Doch politisch bleibt reine Abgrenzung oft wirkungslos. Einstellungen verschwinden nicht dadurch, dass man sie moralisch delegitimiert. Was gesellschaftlich keinen Ausdruck mehr findet, verschwindet nicht einfach, sondern sucht sich andere Wege. Es radikalisiert sich, kapselt sich ab oder formiert sich neu.
Hannah Arendt wusste, wie gefährlich gesellschaftliche Isolation politisch werden kann. Totalitäre Bewegungen entstehen nicht allein aus Ideologien, sondern ebenso aus Erfahrungen der Vereinzelung und des Verlusts gemeinsamer Welt. Wo Menschen das Gefühl verlieren, politisch überhaupt noch vorzukommen, entsteht ein Vakuum, das durch einfache Zugehörigkeitsangebote gefüllt werden kann. Gerade deshalb greift es zu kurz, den gegenwärtigen Rechtsruck primär moralisch zu betrachten. Er ist auch Ausdruck einer sozialen Krise.
Diese Krise zeigt sich besonders deutlich in der wachsenden Ungleichheit westlicher Gesellschaften. Lange wurde soziale Ungleichheit primär als ökonomisches Problem behandelt: als Frage unterschiedlicher Einkommen oder Vermögen. Doch die eigentliche Wirkung reicht tiefer. Ungleichheit entscheidet zunehmend darüber, wer sich sicher durch die Welt bewegen kann, wer politische Sprache beherrscht, wer sich gehört fühlt und wer nicht. Sie bestimmt nicht nur Besitzverhältnisse, sondern Sichtbarkeit.
Man spürt das bereits in alltäglichen Situationen. Manche Menschen betreten Institutionen – Schulen, Universitäten, Verwaltungen oder kulturelle Räume – mit einer Selbstverständlichkeit, als gehörten sie dorthin. Andere tun es mit dem Gefühl, fehl am Platz zu sein. Genau hier setzt Pierre Bourdieu an. Seine Analyse der verschiedenen Kapitalformen beschreibt Ungleichheit nicht bloss materiell, sondern ebenso kulturell, sozial und symbolisch. Bildung, Sprache, Netzwerke und gesellschaftliche Anerkennung verteilen sich nicht gleichmässig. Wer über wenig ökonomisches Kapital verfügt, verfügt oft zugleich über geringere Möglichkeiten, sich gesellschaftlich Gehör zu verschaffen.
Was Bourdieu theoretisch als Habitus beschreibt, zeigt sich im Alltag als schleichende Trennung gesellschaftlicher Erfahrungswelten. Menschen begegnen einander immer seltener in gemeinsamen sozialen Räumen. Sie wohnen in unterschiedlichen Quartieren, konsumieren unterschiedliche Medien, bewegen sich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten und entwickeln unterschiedliche Selbstverständlichkeiten darüber, was als normal, richtig oder erstrebenswert gilt. Die soziale Schere wird dadurch auch zu einer kommunikativen.
Gerade Demokratien sind jedoch auf geteilte Erfahrungsräume angewiesen. Politik lebt nicht allein von Institutionen und Verfahren, sondern von der Möglichkeit, sich überhaupt noch gegenseitig verstehen zu können. Wo diese gemeinsame Welt verloren geht, entstehen voneinander abgeschlossene Milieus, die sich zunehmend fremd werden. Konflikte werden dann nicht mehr ausgehandelt, sondern moralisiert. Die anderen erscheinen nicht mehr als politische Gegner innerhalb derselben Gesellschaft, sondern als Bedrohung der eigenen Lebensweise.
Hinzu kommt eine politische Entwicklung, die viele Menschen zusätzlich entfremdet hat. Während klassische soziale Fragen – Arbeitsbedingungen, Wohnraum, ökonomische Sicherheit oder Abstiegsängste – teilweise aus dem Zentrum politischer Aufmerksamkeit gerückt sind, gewannen kulturelle und identitätspolitische Themen an Bedeutung. Diese Themen sind keineswegs unwichtig. Problematisch wird es jedoch dort, wo soziale Fragen darüber unsichtbar werden.
Gerade Menschen aus prekären oder abstiegsgefährdeten Milieus erleben deshalb häufig, dass ihre unmittelbaren Sorgen politisch kaum noch vorkommen. Sie hören Debatten über Sprache, Lebensstile und kulturelle Repräsentation, während sie selbst nicht wissen, wie sie steigende Mieten oder Krankenkassenprämien bezahlen sollen. Das erzeugt nicht nur Frustration, sondern das Gefühl, dass Politik zunehmend für andere gemacht wird.
Didier Eribon beschreibt diese Erfahrung eindrücklich als politische Entfremdung sozialer Klassen, die sich von linken Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Der Rechtsruck erscheint dann weniger als plötzliche ideologische Radikalisierung denn als Ausdruck eines Verlusts politischer Heimat. Menschen wählen nicht unbedingt rechts, weil sie autoritär sind, sondern weil sie das Gefühl haben, dass überhaupt noch jemand ihre Wut, ihre Angst und ihre soziale Unsicherheit anspricht.
Gerade darin liegt die Stärke rechtspopulistischer Bewegungen. Sie bieten einfache Erzählungen in einer komplexen Welt. Sie übersetzen diffuse Erfahrungen von Kontrollverlust in klare Feindbilder und schaffen Zugehörigkeit dort, wo gesellschaftliche Bindungen brüchig geworden sind. Dass diese Antworten politisch häufig destruktiv, vereinfachend und demokratiegefährdend sind, macht ihre soziale Funktion nicht weniger real.
Vielleicht liegt hier auch ein Versäumnis progressiver Politik. Zu oft wurde ökonomische Unsicherheit als Randthema behandelt oder technokratisch verwaltet, während gleichzeitig der Glaube entstand, gesellschaftlicher Fortschritt lasse sich primär über kulturelle Aufklärung organisieren. Doch Menschen leben nicht von moralischer Anerkennung allein. Sie brauchen reale Möglichkeiten, ihr Leben gestalten zu können.
Genau hier setzen die Überlegungen von Amartya Sen und Martha Nussbaum an. Ihr Befähigungsansatz fragt nicht primär danach, was Menschen besitzen, sondern welche tatsächlichen Möglichkeiten ihnen offenstehen. Demokratie erschöpft sich nicht im formalen Wahlrecht. Sie lebt davon, ob Menschen sich als handlungsfähig erleben können – sozial, politisch und existenziell.
Vielleicht müsste man den gegenwärtigen Rechtsruck deshalb weniger als blosses Problem falscher Überzeugungen verstehen denn als Symptom einer Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen aus der gemeinsamen Welt herausfallen fühlen. Der politische Kampf gegen rechts wird deshalb nicht allein durch moralische Empörung gewonnen werden. Er entscheidet sich vielmehr an der Frage, ob demokratische Gesellschaften wieder Räume schaffen können, in denen Menschen soziale Sicherheit, politische Sichtbarkeit und reale Teilhabe erfahren.
Denn am Ende wählen die meisten Menschen nicht den gesellschaftlichen Bruch um des Bruches willen. Sie suchen einen Ort in einer Welt, die ihnen zunehmend entgleitet. Und vielleicht beginnt die eigentliche demokratische Aufgabe genau dort: nicht bei der Verachtung dieser Menschen, sondern bei der ernsthaften Frage, warum so viele von ihnen das Gefühl verloren haben, überhaupt noch dazuzugehören.
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