Mussolinis Schweizer Ehrendoktortitel – ein Skandal?

In letzter Zeit geisterte die Meldung des Ehrendoktortitels von Benito Mussolini durch die Medien, welcher diesem von der Uni Lausanne im Jahr 1937 verliehen wurde. Hans Wollner, Dozent am Münchner Institut für Zeitgeschichte und momentan an der Erstellung einer Biographie Mussolinis, findet es einen Skandal, dass diesem der Titel nicht nachträglich aberkannt wird. Begründung? Er nennt die Aufarbeitung der Umstände sowie deren Offenlegung „ehrenwert“, findet aber das Festhalten an dem Titel politisch kurzsichtig und untragbar. Mussolini werde so verharmlost, konstatiert er, und fährt fort, dass dieses Verhalten Rechtsradikalen in die Hände spielen könnte, welche durch das Festhalten am Titel argumentieren könnten, der Faschismus und Mussolini seien nicht so schlimm gewesen, wenn diesem sogar ein Titel verliehen und nicht wieder aberkannt worden sei. 

Mit seinem Ansinnen ging Wollner nicht zur Unileitung direkt, sondern wandte sich direkt an die Presse. Begründet hat er dieses Vorgehen damit, dass die Unileitung bislang kein Interesse an einer Aufhebung gezeigt hätte, so dass er einen Vorstoss vor Ort als obsolet erachtete. Leider stiess er auch bei der Presse nicht auf offene Ohren. Die NZZ weigerte sich, den Artikel zu drucken, die BZ druckte schliesslich ein Interview ab. Leider lässt dieses wirkliche Argumente vermissen, die Wiederholung das Verhalten der Uni Lausanne sei ein „no brainer“ macht die Argumentation für eine Aberkennung nicht schlüssig und zeigt schon gar keinen Handlungsbedarf auf. 

Wollner stützt sich bei seiner Aussage auf einen Artikel der jüdischen Zeitschrift Tacheles. Dieser zeigt detailliert auf, wie es zu dem Doktortitel kam. Er erklärt auch, dass weder damals noch heute die jüdische Gemeinschaft ein irgendwie geartetes Problem mit dem Umstand dieser Ehrenwürde gehabt hätte oder hat. Auch ein Wunsch nach Aberkennung sei nicht vorhanden, so dass man davon absähe, sich irgendwie zu engagieren oder Schritte einzuleiten. 

Mussolini wurde 1937 der Titel Dr. h.c. von der Universität Lausanne verliehen, sie ernannten ihn zum „Docteur des sciences soziales et politiques honoris causa“ mit der Erklärung, dass er in Italien eine soziale Bewegung geschaffen hätte, die in schwierigen Zeiten für mehr sozialen wie wirtschaftlichen Zusammenhalt innerhalb der italienischen Bevölkerung sorge. Dass die Verleihung des Titels schon damals nicht mit ausschliesslich guten Gefühlen erfolgte, ist ebenso aufgearbeitet wie die politischen Zwänge, die sich weiter ergaben. Eine plötzliche Weigerung der Übergabe hätte sich auf die politische Lage der Schweiz sicher nicht positiv ausgewikt. 

Wem ist gedient, wenn Mussolini posthum der Titel aberkannt wird? Was ändert das an der Geschichte selber? Die Geschichte passierte damals genau so, wie sie es tat. Man ging daran, dies aufzuarbeiten, offenzulegen. Das ist, wozu Geschichtswissenschaft da ist: Die Erforschung der Vergangenheit, ihrer Motive, ihrer Ursachen, ihrer Vorkommnisse. Die Geschichte nachträglich korrigieren zu wollen, indem man damals passierte Ereignisse nachträglich negiert, ist in meinen Augen ein nicht zulässiger Umgang mit der Vergangenheit. Statthaft wäre das wohl nur, wenn die vergangene Verfehlung eine schwerwiegende und bis heute geltende Wirkung hätte, die man durch die Korrektur abwenden könnte. Das ist in diesem Fall nicht gegeben, da sich niemand an diesem Titel stört. Das Argument, dass man Neonazis damit Munition für ihre verfehlten Kreuzzüge liefert, qualifiziert nicht als ausreichend in meinen Augen, zumal die Aberkennung wohl mehr Wellen schlagen würde als eine saubere, wissenschaftliche Abhandlung über den tatsächlichen Hergang des Geschehens. 

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