Der Tag war schön, die Sonne schien. Ich lief durch meine Stadt, ich war zu früh für eine Verabredung. Zeit also, mal wieder zu geniessen, was quasi vor der Haustür liegt, selten gesehen ist, weil man lieber im Internet ferne Destinationen googelt und dann in Bildern und Träumen schwelgt, statt das so Naheliegende zu geniessen. Ich genoss.

Bei Schlendern kam ich zum Zirkus Robinson. Der hatte seinen Zelte (es war eigentlich nur eine Bühne) inmitten der Stadt aufgebaut und die motivierten kleinen Artisten boten eine Show vom feinsten. Für all diejenigen, die den Zirkus nicht kennen sollten, sei gesagt: Ein Zirkus mit Kindern, die üben, proben, Herz und Blut einbringen und dann auftreten.

Der Zirkus führte also auf, die Das Besucherareal war eingegrenzt und hatte ein Tor, an dem man Tickets kaufen und damit dieses wunderbare Projekt unterstützen konnte. Ich lief um den Zaun rum, und sah ein Paar. Beide gut und teuer bekleidet, standen sie da. Sie guckten durch einen Spalt im Zaun. So umgingen sie den Eintritt. Sie blinzelten nicht mal schnell rein, um zu sehen, was da zu sehen wäre. Nein, sie schauten lange und intensiv.

Das ist sie wohl, unsere Welt. Das Geld geht für teure Klamotten und Status drauf, den Rest holt man sich gerne umsonst. Dass damit das stirbt, was diese Welt lebenswert macht, ist egal. Betrifft einen ja nicht.

Der Zirkus Robinson ist übrigens noch ne Weile in Zürich, führt da auf. Schaut mal rein, es geht auch bequem auf Stühlen, man muss nicht stehend durch einen Spalt linsen…Die Daten findet ihr HIER

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Wir hatten ja das Znüni-Problem. Das Kind hatte sich erlaubt, quer über den Schulhof zu laufen und am anderen Ende desselben im Supermarkt seine Zwischenverpflegung preiswert und lecker (im Gegensatz zum Mensaznüni, der ungeniessbar und teuer wäre) zu kaufen. Dafür erntete er Nachsitzen und soziale Arbeit. Am Morgen und über Mittag haben die Schüler hier ganz andere Wege zu bewältigen, wir leben in einer Grossstadt. Man kann sagen, die Aufsichtspflicht wäre schwer, dürften die Kinder einfach den Schulplatz verlassen (wobei der Supermarkt wirklich am Rande desselben ist). Über Mittag bleiben aber ein paar in der Schule, sind quasi am Mittagstisch und damit der Aufsicht übergeben. Sie dürfen dann doch gehen. Weil es ja die Mittagspause ist und einige gehen wollen/können/müssen.

Nun schrieb mir die Lehrerin. Erklärte mir, das sei so von wegen Aufsichtspflicht und sei auch mit der Schulleitung abgesprochen. Der Entschluss stehe. Nicht verrückbar. Ich verstehe es (sprachlich schon, rational jedoch) nicht, kenne aber das Schweizer Schulsystem und weiss: Menschenverstand gilt nicht, man liebt Formalismus. Und: Mal Festgesetztes sitzt. Starr. Und: Ich würde mich im Umgang damit nur aufregen und dazu ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich denke, was ich da alles Positives machen könnte? Und das aufgeben für einen Znüni? Für mich war’s abgehakt. Kind geht nicht mehr vom Schulplatz, will nun aber keine Zwischenmahlzeit mehr essen (finde ich nicht sinnvoll, aber nun denn…).

Da kommt von der Lehrerin eine SMS, ich solle mich doch bitte mit dem Schulleiter in Verbindung setzen. Er könne mir dann nochmals ganz genau erklären, wieso der Entschluss so sei, wie er sei. Ich sitze hier, weiss nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll. Was genau soll mir das bringen? Doppelt erklärter Unsinn wird nicht besser. Und wenn er unverrückbar ist, verschwende ich meine Zeit sicher nicht damit. Ich hoffe, ich muss nun nicht zum Nachsitzen, weil ich der Aufforderung nicht nachkomme. Wenn ihr nichts mehr lest von mir, tanze ich im Schulhausareal eine Entschuldigung und binde dabei gemeinnützig Bücher ein. Oder so ähnlich.

tamamura_kozaburo_glyzinien_beim_kameido_schreinMonet, Gauguin, van Gogh – dies nur einige Namen der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Über 350 Gemälde, Holzschnitte und Kunstgegenstände europäischer und japanischer Meister warten auf den Besucher – und dieser wird nicht enttäuscht werden. Die ausgestellte Kunst stammt hauptsächlich aus dem Zeitraum 1860 bis 1919, als die Rezeption japanischer Kunst in Frankreich ihre Anfangs- und Hochphase erlebte. Das grosse Interesse ist auf die Öffnung Japans im Jahr 1854 zurückzuführen – vorher war das Land vollständig abgeschottet.

monet_seerosenteich_pushkinDurch die Augen vieler grosser Künstler (Monet, Gauguin, van Gogh, Degas – um nur einige zu nennen) sieht man das Bild, das man im Europa des 19. Jahrhunderts von Japan hatte. Diese liessen sich von Motiven, Stilmitteln und den leuchtend kräftigen Farben inspirieren. Entstanden ist eine Kunst, die einerseits japanische Bildsujets übernommen hat, andererseits die Bildsprache verinnerlicht und sie mit der eigenen Kultur und Bildtradition verbunden hat.

monet_chrysanthemenbeetAls Beispiel sei hier Monet genannt, welcher Seerosenteiche und die Brücken von japanischen Farbholzschnitten übernommen hat und in seinen Gärten die fernöstliche Pflanzenwelt (wie Schwertlilien, Glyzinien, Azaleen und Chrysanthemen) integrierte.

Die Ausstellung läuft schon seit Februar, wurde nun aber verlängert bis am 25. Mai – Zeit genug, ihr einen Besuch abzustatten, was ich nur empfehlen kann.

Am Mittwoch, 29. April findet von 18 – 19 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt, in der man viel Hintergrundwissen mitnehmen kann. Wer diesen Termin nicht wahrnehmen kann, hat immer die Möglichkeit, mit dem Audioguide selber durch die Ausstellung zu gehen und Wissenswertes über die einzelnen Kunstwerke zu erfahren.

Link zur Ausstellung

Öffnungszeiten Museum
Di/Fr–So 10–18 Uhr
Mi/Do 10–20 Uhr

Feiertage: 1. Mai, Auffahrt 14. Mai,  Pfingsten 23.–25. Mai: 10–18 Uhr.

BlatterAm 1. April findet im Kaufleuten Zürich die Buchpremiere von Silvio Blatters neustem Roman Wir zählen unsere Tage nicht statt. Moderiert wird der Anlass um den Roman, der von einer Ehe, von Eltern-Kind-Beziehungen, dem Leben an sich und vielem mehr handelt, von Eva Wannenmacher.

 

Zu Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

Am 10. März wird ein Buch getauft. Sibylle Berg stellt im Kaufleuten Zürich ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand vor. Dabei liest sie nicht nur, sie performt sogar – das mit dem Kabarettisten Patrick Frey und dem Zürcher Musiker Fai Baba. Der Abend wird also wohl verschiedene Sinne und Muskeln beanspruchen und ein Erlebnis werden.

Zu Sibylle Berg

Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)
Sibylle Berg in der NDR Talkshow (2011)

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Sibylle Berg – Nachgefragt

Kaufleuten

Schon um 19 Uhr standen die Leute Schlange vor dem Kaufleuten, Milena Moser hatte sie in Scharen angezogen. Das Ambiente gewohnt gediegen, füllte sich der Saal nach und nach, um 20 Uhr eröffnete Dirk Vaihinger, Verlagsleiter bei Nagel & Kimche, den Abend mit einer humorvollen Begrüssung, die Mosers USA-Pläne im Zentrum hatte.

Bänz  Friedli, der schliesslich auch durch den Abend führte, übernahm das Wort, bereitete das Publikum darauf vor, was es zu erwarten hat und begrüsste schliesslich „the one and only“: Milena Moser, Star des Abends, unterhielt das Publikum mit Auszügen aus ihrem neuen Buch Das Glück sieht immer anders aus und Einsichten in ihr Leben als Schriftstellerin, Aussichten auf ihre Zukunft und Einblicke in ihr Denken und Sein als Frau über 50.

Fazit: Ein wirklich gelungener Abend!

Unter der Rubrik „Kultur Zürich“ werde ich in Zukunft ausgewählte kulturelle Anlässe in Zürich beleuchten. Mal weise ich auf ein kommendes Ereignis hin, mal blicke ich auf eines zurück – so oder so gibt es hier in Zukunft viel lokale Kultur zu sehen.

Den Anfang macht Milena Moser. Am 3. März 2015 stellt sie im Kaufleuten Zürich ihr Neues Buch Das Glück sieht immer anders aus vor und spricht mit Bänz Friedli über das Glück und ihr neues Lebensabenteuer.

Wie der Abend war: Link zum Rückblick

Zu Milena Moser

MoserMilenaMilena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Milena Moser – Nachgefragt.

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick, einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Reclaim the Street

Das war das Motto der Aktion, die grad in Zürich über die Bühne ging. Eine Gruppe solcher, die wissen, was gut ist, wollten plakativ zeigen, was alles schief läuft in Zürich (und wohl auf der ganzen Welt). Sie prangerten an, dass zu wenig Freiheit herrsche, die Städte zu sehr aufgewertet würden materiell, so dass die immateriellen Werte auf der Strecke blieben. Die neue Organisation vertreibe die Alteingesessenen und mache Prunk und Protz Platz.

Freiheit – das wollten sie. Und sie kämpften dafür. Mit Zerstörung, Ausschreitung, verletzten Gegnern, welche die Sicherheit der restlichen Bevölkerung schützen wollten. Indem sie für eine Freiheit kämpften, die wohl nicht mal sie selber betraf, sondern ein Ideal war, von dem sie irgendwo mal gehört hatten (wenn überhaupt), zerstörten sie die der anderen, die da waren, wo sie nie sein würden, noch nie gewesen waren wohl, aber dachten, nie sein zu können, weil da wäre, wer nicht da hin gehörte, sondern nur da wäre, weil die Welt sei, wie sie ist, nämlich schlecht.

Es klingt kompliziert. Eigentlich ist es ganz einfach. Zürich setzt auf Erneuerung. Auf Profit. Neuer Wohnraum wird geschaffen, alter abgerissen. Der alte war für einige erschwinglich, der neue für wenige. Für alle ist er es schon lange nicht mehr. Dass diese Tendenz nicht nur schön ist, liegt auf der Hand. Es geht viel Charme verloren, viel Tradition. Die alten kleinen Läden starben schon teilweise aus, die Wohnungen für normale Familien folgen ihnen. Das bringt Leid mit sich, klar. Das entwurzelt Familien, alte Menschen, weil sie plötzlich ihren Wohnraum abgeben müssen, nur weil irgendein dahergelaufener Baumogul eine Luxushütte mit Luxuswohnungen hinpflanzen will.

Nur: Wenn wir nun alle Läden plündern, die uns auf unserem Wutmarsch in den Weg kommen, wenn wir die Autos, die da grad stehen, kaputt machen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mitnehmen, verbrennen, zu Schrott stampfen – was genau soll das bringen? Klar, man trifft (eventuell) einen, der sich grad so eine Wohnung leisten konnte, die man sich selber wohl nie leisten können wird (zumindest heute nicht kann und wohl nicht denkt, es je zu können). Und dann? Dann ist dessen Auto ausgebrannt. Der kleine Laden, dessen Inventar man klaute, kann vielleicht dicht machen, weil er den Schaden nicht mehr tragen kann. Dessen Existenz wäre zerstört, die eigene noch gleich. Besser wird nichts. Aber darum geht es doch irgendwie auch nicht. Würde es um eine wirkliche Verbesserung gehen, müsste man doch Mittel und Wege finden, die effektiver sind. Wir leben in einer direkten Demokratie. Eine definierte Anzahl von Stimmen hilft, Sachen vors Volk zu bringen. Dann wird abgestimmt. Demokratie heisst auch, dass die Mehrheit bestimmt. Wir bestimmen immerhin frei. Mehr als so manches Land von sich behaupten kann.

Liebe Randalierer: Wenn ihr ein Anliegen habt, gibt es legitime Mittel und Wege. Die nicht zu wählen, zeigt eher eure Dummheit als die eines anderen. Zürich wird nun wieder aufräumen. Der Verlust ist 6-stellig, gebracht hat es nichts. Bis zum nächsten.

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick , einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeitenSunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

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image-1Da der beste Wanderbegleiter von allen lädiert von einer früheren Wanderung ist, fallen schwierige Touren momentan flach. Nichts desto trotz wollten wir ein wenig die Beine bewegen und entschieden uns für eine Wanderung vom Üetliberg über die Albiskette bis zum Albis. Positiv an der Route war, dass sie direkt vor der Haustüre ist und die meiste Zeit im Wald verläuft.

Mit Tram und anschliessend SZU fahren wir bis zur Endstation Üetliberg, von wo wir loswandern. Wir sind nicht die einzigen mit der Idee, die Bahn ist gut gefüllt, die Mitläufer auch nicht wenige. Von der Üetlibergplattform aus hat man eine wunderbare Sicht über Zürich, den Zürichsee bis hin in die Glarner Alpen. Vrenelis Gärtli und Glärnisch stechen weit hinten noch schneebedeckt in den Himmel.

image-2Vom Schnee merken wir wenig, haben wir doch 31 Grad zu verzeichnen. Umso willkommener ist der Abstieg in den Wald. Zuerst führt eine Gittertreppe hinunter, was für den Hund nicht ideal ist, so dass ich ihn tragen muss (geht bei meiner Miniaturausgabe von Hund gut, ein grösseres Kaliber, das Gitter meidet könnte problematisch werden). Das Stück ist zum Glück nur kurz, danach führt ein schöner, leicht zu gehender Weg weiter durch den Wald.

Je weiter weg wir vom Üetlibergrestaurant kommen, desto weniger Menschen treffen wir auf dem Weg.

Die Ruhe des Waldes hat mir schon immer gefallen. Das tiefe Grün, durch das dann und wann Sonnenstrahlen kommen, einen treffen, Lichtspiele auf den Boden werfen. Ich lasse im gleichmässigen Schritt die Gedanken fliessen, darüber, wie privilegiert ich bin so zu wohnen, dass gleich vor der Haustüre so viel wunderbare Natur anzutreffen ist. Darüber, wie schön es ist, diese Wege nicht alleine gehen zu müssen, sondern jemanden an der Seite zu haben, mit dem man sich auch mal schweigend versteht – über weite Strecken. Kein krampfhaftes nach Worten Suchen, kein totgequasselt Werden über Stunden, sondern einfach ein einträchtiges Gehen durch die Natur.

image-5Der Wald lichtet sich, weite Felder erstrecken sich bis zur nächsten Waldgrenze. Wir gehen weiter, der Felsenegg zu, wo wir einkehren. Ein wunderbarer Wurst-Käse-Salat sorgt für die nötige Stärkung, der Ausblick von der Gartenterrasse ist überwältigend. Ober- und Zürichsee erstrecken sich weit ins Gelände, gesäumt von Häuserflecken, Hügeln, Berge im Hintergrund, noch schneebedeckt. Danach führt unser Weg wieder weiter durch den Wald, kommt an der Buchenegg, später am Chnuschperhüsli vorbei, welche wir aber nicht besuchen, sondern weiter gehen.

image-4Ein Wegweiser stellt uns vor die Entscheidung, ob wir weiter zum Albis gehen, wie ursprünglich geplant, um dann das Postauto runter zum Zug zu nehmen, oder aber ob wir gleich nach Langnau runter laufen. Wir entscheiden uns für die zweite Variante und folgen dem gut ausgebauten, meist breiten, nicht allzu steilen, dafür aber stetig abfallenden Weg nach unten. Auch hier sind wir meistens im Wald, was immer noch warm genug, immerhin nicht so heiss wie ohne kühlendes Grün um uns ist.

image-3Nach einer knappen Stunde sind wir am Bahnhof Langnau, wo wir den Zug besteigen und wieder zurück nach Zürich fahren. Insgesamt sind wir wohl an die 4 Stunden gewandert, es war nicht anspruchsvoll, aber wunderschön und genau richtig für den Tag. Und hier sitze ich nun bei einem gespritzten Weissen, schreibe diesen Bericht, lasse dabei den Tag und die Route Revue passieren. Mein Dank geht an den besten Wanderbegleiter überhaupt, mein Lob an den kleinen Wuschelhund, der die Tour meisterhaft überstanden hat.

Kind brachte heute eine Deutschprüfung heim. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr zu wundern (schon gar nicht aufzuregen). Zweiteres klappt einigermassen, am Wundern arbeite ich noch. Was ist passiert? Thema der Prüfung waren die Fälle. Aufgabe 2 lautete: Ersatzprobe. Nun kennt man die von früher, man kann, um einen Fall zu ermitteln, das entsprechende Wort durch das Fragewort wer, wen, wem oder wessen ersetzen und weiss dann, ob das Wort im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht.

Kindes Lehrerin war das zu banal. Die Ersatzprobe sollte in dieser Prüfung nicht durch das entsprechende Fragewort passieren, sondern durch der, den, dem oder des Esel(s).

Beispiel gefällig?

Das glückliche Schwein erhält einen neuen Stall.

________________ erhält ______________ .

 

Man ahnt wohl schon Böses. Von den Kindern wurde in der Tat gefordert, die Lücken hier folgendermassen zu füllen:

Der Esel erhält den Esel.

Noch ein Beispiel?

Bestimmt kommt Sandro morgen mit uns ins Schwimmbad

Bestimmt kommt _______ morgen mit _______ ins Schwimmbad.

Lösung: Bestimmt kommt der Esel morgen mit dem Esel ins Schwimmbad.

Das Kind konnte bei den Sätzen wenig Sinn ermitteln und hat mit wer, wen, wem und wessen ersetzt. Das wurde ihm falsch angerechnet, was nun die Note ziemlich runterzog. Irgendwie bin ich doch stolz auf meinen Sohn, hat er sich nicht gedankenlos diesem sprachlichen Unsinn gebeugt. Verstanden hat er alles und darauf kommt es (mir in diesem Fall) an. Ich hoffe, das nächste Jahr, das doch ein wichtiges sein wird (notenmässig), wird etwas vernünftiger, zumindest wechselt dann der Lehrer. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter