Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Michael Herzig – Nachgefragt

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Wanderung aufs Schnebelhorn – 11. Mai 2014

DSCF0002War ich als Kind viel gewandert, das sogar gerne (wenn ich mal unterwegs war, vorher konnte es durchaus vorkommen, dass ich motzte und nicht wirklich begeistert war), hörte das Wandern mit der Pflicht durch die Eltern ziemlich auf. Nicht dass ich nicht bei jedem Bild von Bergen das Reissen bekam, noch immer war ich Bergkind, die Berge für mich Kraftorte und wenn ich die Wahl hatte zwischen Bergen und Meer, wählte ich immer die Berge, aber ich raffte mich nicht mehr auf, hatte auch niemanden, der half, Motivation wachzurufen und ohne sah ich mich nicht in der Lage, meine eher faulen Glieder in Bewegung zu kriegen.

DSCF0009Heute kam die Veränderung. Ich wanderte aufs Schnebelhorn, seines Zeichens höchster Berg des Kantons Zürich. Die Wettervorhersagen waren eher mässig, meine sonst wirklich liebe Mama lachte sich kaputt, als sie von meinen Plänen erfuhr, ich aber zog es dank wunderbarer Begleitung durch (zumal ich nicht das Gesicht verlieren wollte und mich auch wirklich freute).

Mit dem Zug ging es nach Steg, von wo die Wanderung losging. Schon nach kurzer Zeit waren wir mitten im Grünen. Nach all den Jahren einfach nur wunderbar. Die ersten Meter waren eher steil, aber gut machbar. Ich spürte einen lange nicht mehr gekannten Elan, stieg munter bergan. Das Grün nahm zu, mit jedem gewonnenen Meter wurde der Horizont weiter, die Sicht ging mehr in die Ferne. Berge erhoben sich weit hinten, umschlossen von Tälern, Ebenen mit Städten und Dörfern. Weit hinten erkannte man alsbald auch den Bodensee – ein Panorama, das seinesgleichen sucht (zumindest für einen Langzeitnichtmehrwanderer).

DSCF0019Der Aufstieg war problemlos, auch das als schmal und gefährlich ausgewiesene Weglein war gut machbar (an dieser Stelle auch mal ein grosses Dankeschön an meine Eltern und vor allem meinen Papa, der mir ein guter Lehrmeister in Sachen Wandern gewesen ist).  Das stille und gleichmässige Hochsteigen liess meine Gedanken fliessen, ohne dass ich sie gross lenkte. Eine Weite und Klarheit tat sich auf – aussen wie innen – und das war wunderbar. Ich gestand mir ein, dass ich vor der Wanderung schon meine Ängste hatte – Angst, den Mund zu voll genommen zu haben, Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Angst, dadurch das Gesicht zu verlieren. Und ich lernte über mich viel dabei:

Oft sehen wir die Herausforderungen grösser als sie sind, weil wir uns selber kleiner einschätzen, als wir in Tat und Wahrheit sind.

DSCF0030Der Gipfel kam nah und näher, am Ende wartete nochmals ein eher steiles Stück. Oben angekommen war das Hochgefühl grandios. Geschafft. Was am Anfang so gross und hoch erschien, war einfach erlaufen worden. Ich war oben und ich fühlte mich toll. Das Wetter hatte ziemlich gehalten, ein paar sehr starke und kalte Winde liessen mich zwar vor Kälte erbeben, das tat meinem Glücksgefühl keinen Abbruch. Auf das geplante Picknick wurde zugunsten einer Einkehr im Tierhag verzichtet. Ein zünftiges Bergplättli gab neue Kraft und der Abstieg konnte beginnen.

DSCF0040Es gab mehrere Optionen, eine war wegen Forstarbeiten geschlossen. Wir wählten eine Variante, die teilweise sehr steil durch den Wald ging, schlussendlich aber bei der Tössscheide ankam und dem Fluss entlang bis nach Steg zurückführte. Insgesamt sind wir wohl an die 4,5 Stunden gelaufen – die Pausen nicht eingerechnet. Es war wunderbar, es war ein Erlebnis, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Klar hat es Kraft gebraucht, aber es gab noch viel mehr zurück. Drum meine Erkenntnis:

Der Weg auf einen Berg mag dich Kraft kosten, ihn bezwungen zu haben wird dir aber ein Vielfaches an Kraft zurück geben.

DSCF0049Die Zugfahrt zurück war eine erfüllte, eine sehr stille, ein wenig müde, aber glückliche. Fazit des Tages: Das war erst der Anfang (und was für einer), es geht weiter und ich freue mich drauf.

Ingeborg Gleichauf: Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Von Anfang an ist die reale Begegnung zwischen Bachmann und Frisch nicht zu trennen von den Worten, den Sätzen, die sie schreiben, schreiben werden, von ihren Texten, von den gegenseitigen Erfindungen.

Max Frisch, noch verheiratet, liest Bachmanns Gedichte, ist davon angetan und bittet um ein Treffen. Er ist erstaunt, nicht einfach ignoriert zu werden von dieser grossen Schriftstellerin, die auch als Diva bekannt ist. Da sitzen sie nun im Café, es ist schon da etwas zwischen ihnen. Vieles davon ist reine Spekulation, die Ingeborg Gleichauf sprachlich gekonnt in die Geschichte der zwei Schriftsteller einbaut. Frisch und Bachmann werden ein Paar, ziehen zusammen nach Zürich, dann nach Rom, reisen durch die Welt, oft getrennt, weil sie zu viel Nähe nicht aushalten, sich dann aber doch sehnen nach dem anderen – vor allem Max Frisch nach Ingeborg Bachmann.

Bachmann und Frisch sind Reisende und Bleibende in einem. Sie kennen Herkunfts- und Sehnsuchtsorte, -städte, -landschaften. Sie suchen Orte, an denen sie länger verweilen, ja vielleicht sogar für immer wohnen könnten. Und sie verlassen diese Orte, um auf ausgedehnte Reisen zu gehen. Und nie sind sie ganz da, wo sie gerade weilen, denn den eigentlichen Aufenthaltsort bestimmt schliesslich die Arbeit, das Schreiben.

Ingeborg Bachmann und Max Frisch sind ein Paar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Während sie die Freiheit sucht, unabhängig sein will, sucht er Struktur und Ordnung, sie will Liebe erfinden, als Kunstwerk gestalten, er muss sie leben. Sie abstrakt, er konkret, sie erfindet das Leben mit der Sprache, benutzt die Natur, um Gefühle zu versinnbildlichen, er erfährt das Leben, um darüber zu schreiben, liebt die Natur um ihrer selber willen. Die Beispiele wären unendliche mehr. Dies und der Umstand, dass beide mit einer ausgeprägten Eifersucht ausgestattet sind – Ingeborg Bachmann auf Frischs Schreiben, das diesem unermüdlich aus den Fingern fliesst, während es bei ihr öfters stockt, Frisch auf Bachmanns Verehrer und nie ganz abgelegte frühere Lieben, lässt die Beziehung immer anstrengender werden. Die Trennung bahnt sich wohl schon von Anfang an an, trotzdem ist es eine Liebe, die tief ist, die wohl nie ganz endet, die weiter wirkt, in den Werken der beiden, in den Herzen.

Er denkt häufig an sie, aber nicht mit einem Bewusstsein der Schuld, wohl aber mit dem Gefühl der Reue. Schuld wirkt endgültig, trennend, schafft eine letzte Realität. Reue hingegen bewahrt einen Zwischenraum aus ungelebten Möglichkeiten.

Ingeborg Gleichauf gelingt es, die zwei Persönlichkeiten Max Frisch und Ingeborg Bachmann einzufangen, lebendig werden zu lassen. Man taucht als Leser in eine Beziehung ein, wie sie spannender nicht sein könnte. Man lernt die jeweiligen Charakterzüge, Neigungen, Herangehensweisen ans Leben der beiden kennen und erhält dadurch auch immer wieder einen Zugang zu ihrem Werk, zur Motivation und zu den Hintergründen ihres Schreibens. Ab und an rutscht Gleichauf ins Pathetische ab, manchmal nimmt das Spekulative zu den Beziehungshintergründen und –gedanken der beiden ein wenig überhand, was aber dem Lesegenuss und dem Buch an sich keinen Abbruch tut. Es ist wunderbar, informativ, reich an Eindrücken und ein  Lesegenuss.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über zwei spannende Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen, trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Ingeborg Gleichauf
Ingeborg Gleichauf, geboren 1953 in Freiburg, studierte Philosophie und Germanistik und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie ist die Autorin erfolgreicher Bücher, u. a. von Biografien über Max Frisch, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, und lebt in Freiburg.

 

Angaben zum Buch:
GleichaufBachmannFrischGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. Oktober 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492054782
Preis: EUR  19.99 / CHF 32.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

Milena Moser: Das wahre Leben

Was vom Leben bleibt, wenn man die Masken ablegt

Eine Siedlung in Zürich Seebach, ein Projekt des Miteinanders. Hier treffen problematische Jugendliche auf die an MS erkrankte Yogalehrerin Nevada, zu ihnen stösst Erika Keiner, eine sich als nichts und nichtig empfindende Frau aus gutem Hause, dem sie gerade den Rücken gekehrt hat, um ihr eigenes Leben zu finden.

Man kannte Max und Erika als eingespieltes Paar, das reibungslos funktionierte. Jeder Seitenblick sass, jede Berührung, jede halblaute Bemerkung. Es war gar nicht unbedingt so, dass diese Intimität, diese Vertrautheit gespielt war, es war mehr so, dass sie sich nur in Gesellschaft an sie erinnerten. Erika dachte, dass sie schuld sei an dieser Entfremdung.
Sie fühlte sich nicht geliebt, weil sie nicht liebenswert war. Das musste es sein.

Doch Erika verlässt nicht nur Max – wobei sie nicht mal sicher weiss, ob sie ihn wirklich verlassen kann oder nur, wie er sagt, eine Auszeit nimmt –, sie verlässt auch Suleika, ihre Tochter, für die sie sich insgeheim schämt, zu der sie keinen Zugang mehr findet, weil diese ihn vielleicht nicht will und sich unter Fettschichten davor schützt.

Auch Nevada sucht ihr eigenes Leben, eine Möglichkeit, mit den ständig stärker werdenden Schmerzen umzugehen. Als sie sich in einem Projekt mit schwierigen Jugendlichen wiederfindet, merkt sie, dass sie nicht alleine steht mit ihrer Behinderung, dass nicht alle anderen gesund waren, nur sie krank.

Nevada hatte verstanden, dass, in unterschiedlichem Ausmass, jeder versehrt war. Den einen war es bewusst, den anderen nicht. Die einen litten darunter, die anderen merkten es nicht. Die einen kämpften dagegen an, die anderen liessen es laufen.

Das wahre Leben ist ein modernes Märchen über die Schwierigkeiten des Lebens und die wundersamen Heilkräfte, die es ertragbarer machen. Es ist ein Märchen, das von Menschen handelt, die kein alltägliches Leben führen, in denen man sich aber trotzdem wiedererkennt, weil sie mit denselben Ängsten und Gefühlen zu kämpfen haben, wie man selber. Es ist ein Märchen des möglichen Miteinanders in Siedlungen, in dem jeder seinen Platz hat und jedem geholfen wird, weil alle hinschauen und helfen wollen. Es ist ein Märchen von Menschen, die ihre Fehler haben und lernen, dass Fehler zum Menschsein dazugehört. Die Menschen sehen in Zürich Seebach, dass sie, wenn sie sich ihren Schwächen stellen, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und damit glücklich sein können. Das Leben ist nachher nicht rosarot und ohne Probleme, aber es ist ein „wahres Leben“, das sich durch diese Wahrheit gut anfühlt.

Das wahre Leben erzählt eine Geschichte, bei der man sich beim Lesen wünscht, dass sie kein Märchen sei, sondern Realität. Man möchte die Koffer packen und in dieses Zürich Seebach ziehen, im Kopf hat man es lesenderweise bereits getan. Milena Moser ist ein Buch gelungen, das man nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man tief und tiefer in die Geschichte eintauchen will. Es ist ein Buch, das man aber doch immer wieder beiseite legt, damit die Geschichte nicht zu schnell endet. Die Liebe, mit der Milena Moser ihre Figuren zeichnet, die feinfühlige Art, mit der sie aus deren Leben erzählt, lassen vor den Augen des Lesers eine Welt entstehen, die sich real anfühlt. Man ist geneigt zu sagen, dass hier eine Autorin zugange war, die ihr Handwerk versteht, die es vermag, Märchen zumindest für eine kurze Zeit real erscheinen zu lassen.

Fazit:
Ein einnehmender, feinfühliger Roman, in den man eintaucht und nicht mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser
Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

MoserLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3312005765
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90
Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.

 

 

Sunil Mann – Nachgefragt

©Eke Miedaner
©Eke Miedaner

 Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

Sunil Mann hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Herausgekommen ist ein Interview, das – obwohl er nicht zuviel Privates an die Öffentlichkeit geben möchte mit seiner Selbstbeschreibung –  tiefe Einblicke in sein Schreiben gewährt und den Menschen und Autoren Sunil Mann authentisch und sympathisch erscheinen lässt, so dass man gerne der wäre, der das eine oder andere Bier mit ihm trinkt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Mit der ersten Frage beschäftigte ich mich schon seit ein paar Jahrzehnten, ohne dass ich dabei eine endgültige und allumfassende Antwort gefunden hätte. Ein Mensch, der sich nach längerer Suche eine mehrheitlich glücklichmachende Beschäftigung und eine ebensolche Lebenssituation geschaffen hat, würde es wohl am ehesten treffen.

Meine Biografie würde ich dennoch nie erzählen wollen, soviel Privates mit der Öffentlichkeit zu teilen ist nicht mein Ding  – ausser natürlich das Angebot wäre wirklich sehr, sehr lukrativ und es bestünde die reelle Chance, dass das Buch von David Fincher verfilmt würde.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe, weil sonst mein Leben arm an Inhalt und Freude wäre. Weil ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene und weil ich es gut kann (glaube zumindest ich).

Entgegen der hin und wieder geäusserten Meinung Aussenstehender, ich hätte doch „ein hübsches Hobby“, ist Schreiben viel essenzieller für mich als beispielsweise Kanarienvögel zu züchten oder eine Tomatenplantage auf dem Balkon anzulegen. Halten mich äussere Umstände ein paar Tage davon ab, werde ich ziemlich unleidlich, auf der anderen Seite erfüllt mich ein gelungener Text mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen. Und ja, ich wollte das schon immer, genau das und nichts anderes. Bereits mit sechs habe ich meinen Eltern zu Weihnachten selbstgebastelte Bücher mit Text und Zeichnungen geschenkt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Prinzipiell glaube ich, dass alles lernbar ist. Allerdings braucht es dazu je nach Veranlagung viel Durchhaltewillen und Ehrgeiz. Und ein Funke Talent schadet sicher auch nicht.

Ich persönlich habe einfach einen Text nach dem anderen geschrieben, bis ich das Gefühl hatte, das Schreiben eingermassen im Griff zu haben. Wahrscheinlich eignet man sich jede andere Fertigkeit genauso an.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich entwickle erst einen Plot, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Der kann durchaus vage sein, der Verlauf einer Geschichte verändert sich nach meiner Erfahrung während des Schreibprozesses ohnehin, manchmal sogar mehrmals.
Mit der Recherche beginne ich erst kurz vor Beginn der Schreibarbeit, wenn ich weiss, was ich genau brauche. Auch später tauchen immer wieder Fragen auf, sodass ich oft parallel zum Schreiben recherchiere. Dank Internet ist das aber meist keine grosse Sache mehr.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause, an meinem wunderschönen Sumpfeichentisch im Esszimmer. Normalerweise zu gängigen Bürostunden, nur manchmal erlaube ich mir gleitende Arbeitszeit oder sogar unbezahlten Urlaub.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Feierabend ist der Zeitpunkt, wo die Denkarbeit einsetzt. Irgendein Teil des Gehirns ist immer am Text, an dem man gerade arbeitet, festgezurrt und manchmal kommen mir die besten Ideen erst, wenn ich den Arbeitsplatz verlassen habe. Ferien im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, denn die Aufnahmetaste ist immer gedrückt. Alles um mich herum ist bereichernd und spannend, möglicherweise sogar potenzielles Material für einen Roman oder eine Kurzgeschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein, bedeutet für mich zu tun, was ich am liebsten tue und am besten kann. Man kämpft dabei vor allem mit finanziellen Engpässen, zeitweise mit Akzeptanz (>Ach so, „nur“ Krimiautor< oder die oben erwähnte Hobbyfrage), andererseits ist das gute Gelingen einer Textpassage oder eines Dialogs pures Endorphin. Und wenn man später vor Publikum liest und die Leute genau an den richtigen Stellen lachen oder einem wissen lassen, dass das Buch sie berührt, amüsiert oder gut unterhalten hat, dann hat man das Gefühl, doch etwas richtig gemacht zu haben.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich kann mich in der Hinsicht nicht beklagen. Man lässt mich grundsätzlich schreiben, was ich möchte und mir wichtig ist, bezahlt mich anständig und pünktlich und sorgt dafür, dass sich meine Bücher verkaufen. Und kurz vor Weihnachten gibt es ein Essen mit den Verlagsmitarbeitern und allen anderen Autoren, was eigentlich immer feuchtfröhlich endet.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Ich glaube, Deutschland und Österreich warten nicht unbedingt auf Schweizer Krimiautoren, dazu haben beide Länder eine zu lebendige und vielfältige Szene. Allerdings kann man sich über Jahre hinweg durchaus eine Fangemeinde im deutschsprachigen Ausland aufbauen, unter anderem auch mit Themen, die nicht nur lokal verankert sind, sondern in Berlin, Köln oder Wien genauso gut funktionieren wie in Zürich.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lese täglich mindestens eine Zeitung. Gerade die kleinen Meldungen sind es oft, die mich inspirieren. Dazu kommen Gespräche, auch belauschte (z.B. Handybenutzer im Tram), (Dokumentar-)Filme, Bücher … die Liste liesse sich beliebig verlängern. Am Ende steckt in allem eine mögliche Story. Meine Arbeit ist es, diese herauszufiltern, mit anderen Elementen zu verbinden und mit meinen eigenen Worten zu erzählen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sunil Mann steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich steckt eine gute Portion Sunil Mann in Vijay Kumar, der nicht rein zufällig ebenfalls indischstämmiger Schweizer ist. Auch wenn er mir sehr nah steht, ist die Figur aber keineswegs autobiografisch angelegt, seine Erlebnisse sind nur ganz selten auch meine.

Allerdings muss ich mich in alle meine Figuren hineinfühlen, was sie denken und fühlen, wie sie agieren – das stammt alles von mir. Von dem her findet man in jedem Buch eine ganze Menge von mir, meist ist es aber gut versteckt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Krimis sind eine beinahe alles umspannende Literaturgattung. Da finden sich Liebesgeschichten, Sozialdramen, Frauen- und/oder Männerthemen, manchmal werden sogar Katzen oder Schafe eingesetzt, es gibt Krimis für Kinder- und Jugendliche und so weiter. Das reizt mich an dem Genre. Dass es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern man noch viel mehr reinpacken kann. In meinen Romane sind das unter anderem eine Einwanderergeschichte und eine Love Story, die neben der jeweiligen Krimihandlung über mehrere Bücher hinweg erzählt werden.

Natürlich macht es Spass, auch mal in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie das sein könnte, wie so jemand denkt. Aber etwas ausleben, was ich mir im realen Leben versage, tue ich damit nicht.

Was meine Lektüre betrifft: Ich lese alles, querfeldein, Hauptsache, es fesselt mich.

Ihre Krimis bewegen sich zwischen kleinen familiären Themen wie einer verschwundenen Katze oder Putzfrau und politschen Schauplätzen wie einem ermordeten Politiker oder dem Bankenwesen. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen?

 Mich reizt es zu zeigen, dass Menschen sich grundsätzlich immer gleich verhalten, unabhängig von ihrem sozialen und beruflichen Status. Auch wenn das Umfeld variiert, die Beweggründe für ein Verbrechen bleiben immer dieselben. Zudem finden sich die Ursachen für grosse Skandale und Untaten oft im Kleinen, im Privaten.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Von einem Auftrag würde ich nicht sprechen. Aber es schadet sicher nicht, wenn ein Autor eine politische Meinung hat und diese öffentlich vertritt. Als Autor ist man in der Hinsicht wesentlich freier als ein Politiker und kann sich durchaus auch mal selbstironisch oder sarkastisch äussern. Dies ist auch ein Grund dafür, dass ich in meinen Krimis immer wieder meine persönlichen politischen Ansichten einfliessen lasse, oftmals aber mit einem Augenzwinkern.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Einen ansprechenden Schreibstil, interessante Figuren und eine Geschichte, die mich zwingt, weiterzulesen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Unzählige. Ich kann an dieser Stelle nur einige nennen: Stephen King, Alice Munro, Ralf Rothmann, Raymond Chandler, Richard Yates, Gabriel Garcia Marquéz, Friedrich Dürrenmatt, Jakob Arjouni, Jan Costin Wagner, Tana French …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Als Erstes eine hohe Frusttoleranz entwickeln. Der Weg eines Autoren ist ein steiniger und deine Meinung, dass du mit deinem ersten Roman einen garantierten Weltbestseller geschrieben hast, teilen in den meisten Fällen nicht einmal deine besten Freunde.
  • Weiterschreiben, egal, was geschieht. Denn nur Übung macht den Meister. Dabei sollte aber immer die Geschichte im Vordergrund stehen, keinesfalls du.
  • Lesen! Andere haben Weltbestseller geschrieben und genauso mit einer leeren Seite angefangen wie du.
  • Das Privatleben nicht vernachlässigen, denn wenn es mal nicht so gut läuft, brauchst du unbedingt Leute, die mit dir ein Bier trinken gehen. Oder auch zwei.
  • Sich nicht so wichtig nehmen. Die Erde dreht sich auch in ein paar Millionen Jahren noch, aber ganz sicher nicht um dich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Martin Andreas Walser – Nachgefragt

WalserMartinAndreasMartin Andreas Walser
Martin Andreas Walser ist 1952 in Zürich geboren worden und wuchs in Winterthur auf. Er hat unter anderem als freischaffender und angestellter Journalist gearbeitet, hatte Stellen als Chefredaktor und Kommunikationschef inne und war als Leiter eines Zürcher Fachverlags tätig. Heute konzentriert er sich voll und ganz auf sein Schreiben als freier Autor. Martin Andreas Walser lebt seit über 30 Jahren mit seiner Familie bei Kreuzlingen am Bodensee und seit 2012 teilweise in Broglio TI. Von ihm erschienen sind unter anderem Sehnsucht, Silberherz, Jakob, ScherbenLeben. Mehr zu seinen Büchern findet sich hier.

Martin Andreas Walser hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Seine Antworten nehmen mit auf eine Reise durch Zeit und Raum, sie spannen einen Bogen vom Tessin über den Bodensee bis nach Lissabon und von der Jugend bis in die Gegenwart.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Geboren 1952 in Zürich, aufgewachsen in Winterthur, die Hauptzeit des Lebens unterwegs als Journalist, seit über 30 Jahren mit der Familie wohnhaft oberhalb von Kreuzlingen/Thurgau und seit bald zwei Jahren zeitweise in Broglio/Tessin, Vater dreier Söhne und zweifacher Grossvater: die Kürzestfassung.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit 16 Jahren wusste ich: Ich will Schriftsteller werden. Der Kompromiss: ich wurde Journalist, machte das Schreiben zum Beruf, was im Rückblick keineswegs ein Fehler war, nur dauerte es deshalb wohl rund vierzig Jahre, bis ich mein erstes Buch veröffentlichte (abgesehen von einem Fortsetzungsroman 1992/93 für eine Zeitung, den es nicht in Buchform gibt). Beim ersten meiner zahlreichen Aufenthalte in Lissabon habe ich schliesslich mein erstes Buch («Vom Leben») geschrieben; ich kehrte so oft nach Portugal zurück, bis es vollendet war (und ich obendrein Teile von «UnGlück» und die Erzählung «Silberherz» geschrieben hatte). Ohne Lissabon gäbe es mich «in Buchform» also kaum.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich schreibe seit meiner Jugend: Ich begann mit etwa fünfzehn Jahren mit Gedichten und kleineren Texten, es entstanden Fragmente für Romane, die nie vollendet wurden, ich schrieb schon während der Schulzeit Beiträge für Zeitungen: «learning by doing»… Sicher kann man vieles lernen, aber nicht alles. Man mag das Talent nennen; ich spreche lieber vom inneren Feuer, von Passion, von Leidenschaft, mitunter von Besessenheit. Gelernt zu schreiben in einem akademischen Sinn habe ich also nicht – aber ein Leben lang geübt, geübt, geübt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere kaum, bevor ich zu schreiben beginne; ich greife auf Bilder zurück, die sich in mir gespeichert haben, frühe(re) Eindrücke, Ereignisse, Erlebnisse, manchmal eine Resterinnerung an einen Traum. Plötzlich, «aus dem Nichts heraus», entsteht daraus eine Idee. Damit spiele ich in Gedanken. Einiges verwerfe ich bereits, bevor ich zu schreiben beginne, andere Schnipsel wachsen sich zu kleineren Sequenzen in meinem schwarzen Notizbuch aus. Manche Ideen ruhen während Wochen, Monaten oder gar Jahren und Jahrzehnten (wie bei «SehnSucht» oder «UnGlück») in mir und reifen dabei. Irgendwann spüre ich: nun ist die Zeit gekommen, die Geschichte zu schreiben. Selbst da kann es passieren, dass ich den Text beiseite lege, da etwas «fehlt», andere Texte (zum Beispiel «Jakob») schreibe ich praktisch in einem Zug nieder – wenigstens als zu Ende formulierten Entwurf. In jedem Fall schliesst sich eine intensive Überarbeitungsphase an, was vor allem auch neuerliche Kopfarbeit und falls notwendig die Recherche einschliesst. Mitunter bleibt so letztlich kaum ein Stein auf dem anderen, bis der Moment der Erlösung meist sehr überraschend eintritt: vollendet!

 Wann und wo schreiben Sie?

Die letzten Jahre habe ich in Lissabon und in der Heimat in der Regel am frühen Morgen während der Bahnfahrt nach Zürich und abends eine weitere Stunde auf der Rückfahrt geschrieben. Dann und wann wache ich mitten in der Nacht auf und schreibe eine oder zwei Stunden. Oder es haben sich in den Ferien Geschichten nachgerade aufgedrängt («SehnSucht» ist im Liegestuhl auf Rhodos, «Jakob» in Tunesien entstanden). Heute ziehe ich mich meistens in mein Haus nach Broglio zurück, damit die Geschichten in Ruhe und Abgeschiedenheit wachsen und erblühen können; die definitive Form erhalten die Texte zu Hause im Thurgau.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es stellt sich ja nicht nur bei Autoren und Schriftstellern die Frage, wie man Feierabend oder Ferien definiert. Im Sinne von Erholung, Entspannung, Abschalten: ja, natürlich schreibe ich nicht ununterbrochen. Allerdings sind «Feierabend» oder «Ferien» bei mir weniger an bestimmte Tages- oder Jahreszeiten gebunden. Abschalten kann ich bei allen möglichen Dingen: ich lese, ich bin unterwegs, ich sehe mir im Fernsehen einen Film an (am liebsten Krimis) – oder ich tue ganz einfach «nichts».

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es bedeutet, dass ich meinen wohl wichtigsten Lebenstraum verwirklicht habe. Ich liebe das Schreiben. Somit erlebe ich fast nur Freude dabei. Womit ich immer wieder kämpfe? Nicht zwischendurch zu verzweifeln, wenn es gerade nicht läuft oder ich glaube, eine Geschichte nicht zu Ende bringen zu können.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da ich ein Leben lang «Lohnschreiber» war, publiziere ich selber. Ich habe diesen Weg bewusst gewählt, da ich mir die Freiheit, die Kontrolle über mich und mein Werk bewahren und vor allem: mich keinem Zeitdruck oder irgendwelchen «Sachzwängen» unterwerfen wollte. Dies bringt einige Nachteile, da Vorurteile bestehen. Indessen: Bei weitem nicht alle, die sich selber produzieren, sind Unfähige, die es nicht geschafft haben, bei einem Verlag unterzukommen, Selbstdarsteller und was der Annahmen mehr sind. In Zeiten, in denen die gesamten «Spielregeln» der Kommunikation sich aufgrund der vielen neuen Möglichkeiten geändert haben, muss umgedacht werden; die Trennung zwischen Verlag gleich gut bzw. Selbstproduzent gleich schlecht ist absurd. Gewiss: es wird viel Ungenügendes angeboten, was aber gemäss meiner Beobachtung durchaus auch auf Verlage zutrifft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiss es nicht! Geschichten entstehen bei mir auch selten «plötzlich»: da ist eine Idee, der ich nachgehe; manchmal entsteht eine völlig andere Geschichte daraus als jene, von der ich ursprünglich glaubte, dass sie das Resultat wäre. Beispielsweise hatte ich ein Motiv im Kopf, seit Jahren, am Ort der Handlung war ich vor knapp vierzig Jahren einmal und seither nie wieder. Dort spielt «SehnSucht», doch war dies nicht die Geschichte, die ich ursprünglich schreiben wollte. Als ich mich erneut mit diesem Grundmotiv beschäftigte, wurde «Am See» daraus. Und beim dritten Versuch entstand «Jakob, der Hausdiener». Vergleicht man diese Erzählungen miteinander, wird man kaum dahinter kommen, dass ein einziges Erlebnis vor so langer Zeit (das ich in diesen drei Geschichten noch nicht einmal verwendet habe!), angereichert mit späteren Erlebnissen, Begegnungen mit Menschen und – im Falle von «Jakob» – einem noch früheren Ereignis, nämlich aus meiner Primarschulzeit, der späte Auslöser aller drei Erzählungen war.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

In jedem Buch steckt etwas Autobiografisches. Es mag mitunter bloss eine Kleinigkeit sein, aber man wird keine ernsthafte Geschichte schreiben, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Trotzdem darf/kann aufgrund einer Figur in einem meiner Bücher nicht auf mich geschlossen werden; jede Figur trägt auch Züge anderer Menschen. Ich identifiziere mich mit keiner Figur mehr oder weniger – aber es gibt Texte, die insgesamt persönlicher sind als andere, sicher «Vallemaggia» und «ScherbenLeben» sowie Teile von «Die Zukunft der Zukunft».

Viele Autoren äussern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Wohl weniger einen Auftrag, als eine Meinung oder Überzeugung. Dies fliesst natürlich in die eigene Arbeit ein. Bei mir stehen weniger tagespolitische Bezüge zur Debatte, sondern grundsätzlichere Fragen des Menschseins, des Zusammenlebens, der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Ihre Bücher behandeln oft die leidvollen Seiten des Lebens, die Scherben desselben, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Das Leben ist in jedem Fall viel, viel heller als düster! Aber es gibt natürlich die dunkleren Phasen. Eigentlich ist das Hauptthema bei mir dann aber doch die Hoffnung – und die Botschaft, dass man sie nicht verlieren darf. Niemals!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es gibt ungezählte «gute Geschichten», die mich ansprechen. Was mich indessen besonders anspricht: Wenn ich geistig gefordert werde, wenn sich beim Lesen Widerspruch oder Zustimmung in mir regt, wenn ich mitunter ein Buch für eine Weile beiseite legen muss, um erst einmal über den Inhalt bis zu dieser Stelle nachzudenken. Und ich freue mich über Autoren, die sich nicht nur auf eine Geschichte einlassen, sondern mit der Sprache «spielen», die experimentieren, die Grenzen sprengen – im Ausdruck, in der Form usw.

 Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich habe immer sehr viel und mich dabei quer durch die Weltliteratur gelesen, weshalb die Liste entsprechend lang wäre. In frühen Jahren haben mich Max Frisch und Robert Walser wohl ein Stück weit geprägt, Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, Ernest Hemingway und Friedrich Dürrenmatt besonders angesprochen. Später kam beispielsweise Alberto Moravia dazu. In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit portugiesischer, spanischer und südamerikanischer Literatur befasst.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben

Lesen, lesen, lesen

Neues entdecken, im Leben so gut wie in der Sprache

Das Neue wagen, im Leben so gut wie beim Schreiben

Die Geschichten schreiben, die geschrieben sein wollen – nicht jene, die am ehesten Erfolg versprechen

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Lebenswege weit ab der Lebensplanung

Laura d’Oriano, widerspenstige Tochter herumziehender Musikanten, träumt davon, eine grosse Sängerin zu werden. Felix Bloch möchte sich mit Physik der Kriegsmaschinerie entziehen und Emile Gilliéron träumt von einem Künstlerleben in einem Häuschen am Genfersee. Alle sehen sie ihr Leben vor sich, haben Wünsche und Träume, die bald von der Realität eingeholt werden. Es gibt einen Zeitpunkt im Leben der drei, an welchem sie sich getroffen haben könnten, ob dem so war, bleibt Spekulation.

Gut möglich, dass dem Mädchen bei der Einfahrt in die Stadt jener junge Mann auffiel, der im November 1924 oft zwischen den Gleisen auf der Laderampe eines grau verwitterten Güterschuppens sass, um die ein- und ausfahrenden Züge zu beobachten und sich Gedanken über sein weiteres Leben zu machen.

Nichts verbindet die drei Biographien als der Umstand, dass Lebenswege nicht immer den geträumten Gang nehmen. Laura will sich nicht in eine Marionettenrolle einspannen lassen, Felix neue Erkenntnisse finden und Emile Kunst schaffen. Die Leben unserer drei Protagonisten führen alle zu einem Ziel, das sie nicht angestrebt haben, und doch ist es ein selbstgewählter Weg, einer, den sie mit ganzem Herzen gehen.

Alex Capus versteht es in seinem neuen Buch, drei voneinander unabhängige Leben zu einer Einheit werden zu lassen. Mit Hintergrundwissen in die jeweiligen Lebenswege und –inhalte, veranschaulichenden Metaphern und plastisch gezeichneten Figuren gelingt es ihm, den Leser in drei Leben eintauchen und eine Botschaft erkennen zu lassen, die nicht plakativ hingeschrieben, sondern eindrücklich erzählt werden.

Der Fälscher, die Spionin und der Bombenleger bleibt zwar an Tiefe sowohl in Bezug auf die Figuren wie auch auf die Geschichte hinter seinem Werk Léon und Louise zurück, besticht aber trotzdem durch seine Sprach- und Linienführung und die stimmige Komposition von Zeit und Raum.

…je tiefer er in den Wald ging und je länger er allein war, desto stärker empfand er im Gegenteil, dass alles Gleichzeitige ebenso gegenwärtig war wie das Vergangene und das Zukünftige.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

 

CapusFälscherAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (29. Juli 2013)
ISBN-Nr.: 978-3446243279
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90

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Literarische Reise durch die Zeit

Der Abschluss meines Studiums liegt nun einige Zeit zurück. Ich habe gerne studiert, studieren war mein Kindheitstraum. Ich habe mich nur durch all die Schuljahre (teilweise wirklich) gequält, weil ich immer wusste: Ich will studieren. Was genau war nicht immer klar, das schwankte oft je nach gelegtem Fokus – mal überwiegte das Herz, mal die Sinnfrage. Das Herz hat gewonnen, ich habe mich für Literaturwissenschaft und Philosophie (das waren meine persönlichen Schwerpunkte, die Sprachwissenschaft und das Nebenfach Geschichte gehörten zum geforderten Gesamtpaket dazu und waren durchaus auch wichtig, lieferten sie doch immer Grundlagen für die von mir bevorzugten Teile) entschieden.

Wenn ich an meine Studienzeit zurück  denke, gibt es neben einigen wunderbaren Vorlesungen und Seminaren (ich hatte das grosse Glück, Peter von Matt in Aktion zu erleben. Seine Art, mit Literatur umzugehen, von ihr mit einem inneren Feuer, seiner ausgeprägten Liebe und dem unglaublichen Schatz an Wissen und Hintergrund gepaart mit viel Humor zu erzählen, hat mich sicher geprägt und in meinem Weg bestärkt) zwei Studienphasen, die mir die liebsten waren:

–       die Vorbereitung auf die Literaturzwischenprüfung

–       Die Zeit meiner Masterarbeit und die Vorbereitung auf die Literaturabschlussprüfung

In der Zeit meiner Masterarbeit tauchte ich in das Leben und Schaffen Thomas Manns (ich ging förmlich auf in Thomas Mann, saugte alles auf, was ich von und über ihn fand) ein, las dessen gesamtes Werk (wenige Ausnahmen) und daneben die Gesamtwerke Schnitzlers und Goethes. Ich hatte mir viel vorgenommen, aber es war wunderbar. Neben den Gesamtwerken hatte ich das Thema Bildungsroman, auch da gab es einige „dicken Schunken“ und tollen Werke zu lesen. Diese Zeit wurde massgeblich durch meinen menschlich wie fachlich tollen Professor geprägt, Thomas Fries. Er hat es verstanden, mir Mut zu machen, wenn mich meine Selbstzweifel übermannten, er verlor nie die Geduld, wenn ich am Thema zweifelte und stand in allem immer hinter mir. Menschen von dieser Grösse und humanistischem Geist hätte ich mir mehr gewünscht in den universitären Kreisen.

Die andere Zeit, die ich herausstreichen möchte, war die Vorbereitung auf die Literaturprüfung. Es lag mir eine Liste der zu lesenden Werke vor und ich stürzte mich hinein. Lesen im Akkord könnte man es nennen, aber es war eine fruchtbare Zeit, in der ich viele mir noch unbekannte (Literatur)Welten erforschte, in sie eintauchte und ganz viel für mich mitnahm. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mir diese Aufgabe nochmals vorzunehmen. Ich werde die ganze Liste erneut lesen (ohne Zeit- oder sonstigen Druck) und darüber schreiben. Die komplette Liste hat den schönen Namen Selbststudieneinheit Neuere Deutsche Literaturwissenschaft.

Die dazu entstehenden Texte werden auf einer gesonderten Seite mit dem Namen „Literarische Zeitreise“ gesammelt werden.

Viel Spass denen, die mich dabei begleiten, ich freue mich drauf!

Robert Walser (*15. April 1878)

Am 15. April 1878 kommt Robert Walser in Biel zur Welt, besucht ebenda die Schule und macht später eine Banklehre. Nach einer kurzen Anstellung in Basel zieht Robert Walser 1895 nach Stuttgart, wo er sich als Schauspieler versuchen will, was allerdings ohne Erfolg bleibt. Schon damals ein guter Wanderer läuft er zurück in die Schweiz und landet schliesslich 1896 in Zürich. Es folgen diverse Anstellungen als Schreibkraft.

1898 erscheinen erste Gedichte Walsers in der Berner Zeitung Der Bund. Durch sie wird man ausserhalb der Schweizer Grenzen auf ihn aufmerksam und er wird auch in der Zeitschrift Die Insel publiziert mit seinen Gedichten. Obwohl er durch diese Publikationen in Kontakt mit den literarischen Kreisen Münchens kommt, bleibt er vorerst in Zürich wohnen, wo er Militärdienst leistet 1905, danach zunächst als Gehilfe bei einem Ingeneur arbeitet, schliesslich eine Ausbildung zum Diener macht und eine kurze Zeit als ebensolcher arbeitet auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Auch diese Karriere ist nicht von Dauer, 1906 verschlägt es ihn nach Berlin, sein Bruder Karl lebt da und macht ihn mit den ansässigen Literaten- und Künstlerkreisen bekannt.

In dieser Berliner Zeit entstehen Walsers Romane Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Diese wie auch kürzere Prosatexte kommen in der Literaturszene bei Autoren wie Hesse, Kafka oder Tucholsky ausnehmend gut an, der Zugang zu einem breiteren Publikum blieb ihm aber verwehrt. Leben kann er von seiner Schreiberei kaum. 1913 zieht Walser in die Schweiz nach Biel zurück, es entstehen weitere kleine Prosastücke, die sowohl in Zeitungen wie auch in kleinen Bänden erscheinen. Neben dem Schreiben ist es vor allem das Wandern, das Robert Walser begeistert. Ganze Tage und auch Nächste wandert er durch die Gegend, verarbeitet diese Eindrücke auch in seinem literarischen Werk. 1921 zieht Walser nach Bern, in dieser Zeit entstehen viele Entwürfe zu Gedichten, Prosastücken  und sogar ein Roman. Alles in millimeterkleiner Schrift, die nur selten mit Tinte ins Reine geschrieben wird und so lange nicht zu entziffern ist.

1929 verstärken sich Robert Walsers gesundheitlichen Probleme, er leidet zunehmend an Angstzuständen und Halluzinationen, hört Stimmen. Er kommt in die Heilanstalt Waldau bei Bern, wo er weiter schreibt, immer noch Miniaturen, wie er seine Entwürfe in Millimeterschrift nennt. 1933 wird Robert Walser gegen seinen Willen nach Herisau in die dortige Heil- und Pflegeanstalt übersiedelt. Er hört auf zu schreiben, behält nur noch die Liebe zu ausgedehnten Spaziergängen bei. Auf einem solchen stirbt er am 25. Dezember 1956 an einem Herzschlag.

Werk und Wirkung

Robert Walsers literarisches Werk greift sehr stark seine beruflichen Erfahrungen auf. Das Angestelltentum sowie auch das Dienen sind Motive, die sich in verschiedenen seiner Werke aufgreifen lassen. Auch die ausgedehnten Spaziergänge finden ihren Niederschlag in der Literatur.  In einer ab und an naiven Sprache und auf spielerische Art greift Robert Walser zudem die Umstände seiner Zeit auf und unterlegt den oberflächlich heiter wirkenden Werken eine zweite Ebene, die von den existentiellen Ängsten der damaligen Zeit spricht und auch auf eine sehr feine Beobachtungsgabe der Gesellschaft schliessen lässt.

Obwohl Robert Walser in literarischen Kreisen hoch geschätzt wird, kann er beim breiten Publikum nicht Fuss fassen. Er fühlt sich als Versager, was seine von Natur schon zu Depressionen neigende Verfassung unterstützt.

Erst in neuerer Zeit wird Walser wieder entdeckt und die Grossartigkeit seines literarischen Werkes auch von einem grösseren Kreis erkannt. Leider sind einige seiner Werke verschollen, darunter mindestens drei Romane sowie auch Prosastücke und Gedichte. 1960 erscheint die von Jochen Greven editierte Gesamtausgabe, welche die vorher verstreut publizierten Werke vereint. Noch heute kommen immer wieder neue Funde ans Tageslicht.

Gelassenheit
Seit ich mich der Zeit ergeben,
fühl’ ich etwas in mir leben,
warme, wundervolle Ruh!

Seit ich scherze unumwunden
mit den Tagen, mit den Stunden,
schliessen meine Klagen zu.

Und ich bin der Bürd entladen,
meiner Schulden, die mir schaden,
durch ein unverblümtes Wort:
Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen,
immer findet sie als braven
Menschen mich am alten Ort.
(Robert Walser, in: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag)

Werke von Robert Walser

  • Geschwister Tanner (1907)
  • Der Gehülfe (1908)
  • Jakob von Gunten (1909)
  • Prosastücke (1916/17)
  • Der Spaziergang (1917)
  • Kleine Prosa (1917)
  • Seeland (1920)

Bildung und andere Übel

Die Stadt Zürich hat ein Musikprojekt. Es gibt Bläser- und Streicherklassen. Das heisst, einige 4.- und 5.-Klässler kommen in den Genuss, ein Instrument zu spielen im Musikunterricht der Schule, das passende Instrument kriegen sie geliehen. Für die dem Projekt angeschlossenen Kinder ist das Ganze gratis. Den Steuerzahler kostet das pro Klasse und Jahr 20’000 Franken. Ausgeschrieben: Zwanzigtausend. Und es sind einige Klassen in Zürich, die Zahl habe ich leider vergessen, ich war wohl zu geschockt über die 20’000 pro Klasse und Jahr und spann meine Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens.

Ich höre schon die entsetzten Aufschreie, wieso ich ein so toll kulturelles, musisches Angebot in Frage stelle. Das hat Gründe. Am Elternabend, an welchem diese Zahl genannt wurde, kriegten die anwesenden Eltern nach einer ausführlichen Laufbahninformation der extra engagierten Musiklehrerinnen auch zu hören, dass dies vor allem für finanzschwache Familien toll wäre, da ihre Kinder so in den Genuss des Instrumentalunterrichts kämen. Das fand ich toll. Weniger toll fand ich aber, dass das Projekt nur 2 Jahre dauert, danach ist kein gratis Unterricht mehr da für die finanzschwachen Familien, und dass die Lehrerinnen sagten, nach diesen zwei Jahren könne kein Kind das gespielte Instrument spielen, der Schulunterricht ersetze sowieso den Einzelunterricht nicht. Also was nun? Da setzt also die Stadt Bildungsgelder für  Instrumentalunterricht ein, der a) nichts bringt und b) auf Scheinargumenten gründet?

Ich habe noch im Ohr, dass es immer hiess, wir sparen bei der Bildung. Und immer regte ich mich darüber auf. Und dann sowas? Wäre es nicht sinnvoller, wirklich interessierten Kindern Musikunterricht mitzufinanzieren, statt einer Horde ein paar Geigen in die Hand zu drücken, auf welchen sie dann mehr schlecht als recht rumzupfen (nicht alle dürfen streichen, was wohl zum Schutz der hörenden Gesellschaft gedacht ist).

Heute las ich, dass die Stadt Zürich viele Sportvereine unterstützt und so begeisterten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, gratis oder gegen kleines Entgelt einer Sportart nachzukommen. Eine tolle Sache, denn hier werden die unterstützt, die wirklich etwas tun wollen. Wenn man sieht, was das Leben mit Kind heute kostet, da jedes ein Hobby mindestens, besser zwei oder drei braucht und alles kostet, dann ist das eine sehr tolle Sache.

Nun möchte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich bevorzuge Sport gegenüber musischen und künstlerischen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke aber, dass man Kinder da unterstützen sollte, wo ihre Stärken und Interessen liegen und sie nicht alle über einen Kamm scheren kann, der schlussendlich niemandem wirklich gerecht wird. Nicht wirklich spielen könnende Geiger nützen der holden Kunst gar nichts, im Gegenteil. Das verleidet eher noch die Freude an der Musik. Zudem will nicht jedes Kind Geiger werden (oder Bläser).

Ändern kann ich daran nichts, ich nehme es zur Kenntnis, rege mich ein wenig auf, höre entzückt bald dem Weihnachtskonzert auf kindlich gezupften Geigen zu und denke mir das Meine.

Ode an mein Zuhause

Ich habe aufgrund diverser Gründe (die immer alle zu interessieren scheinen, vornehmlich die, welche es nichts angeht) schon an diversen Orten gelebt. Die Reise führte von Osten nach Westen und in die Mitte zurück. So sass ich dann Mitte diesen Jahres in der Schweizer Mitte (ich nannte es immer in der Mitte von allem, von wo man überall schnell ist und doch nirgends) in einem kleinen Kaff (welches sich allerdings seit neustem zu einem grossen dazugehörend nennen darf). So weit so gut. Nach all der Umzieherei war klar, irgendwann möchte ich ankommen und möchte mich niederlassen. Dass dafür dieser Ort nicht taugte, war immer klar und so beschlossen wir (!  wir sind ja demokratisch denkend), nach Zürich zu ziehen. Die Stadt, aus der ich meine Odyssee startete. Entgegen aller Unkenrufe fand sich auch relativ schnell eine bezahlbare Wohnung, die Freude war gross. Bald wieder Kultur in der Nähe, meine Uni nah, all die alltäglichen Bedürfnisse in Gehdistanz, nicht nur mit dem Auto erreichbar. Ich freute mich riesig. 

Dann betitelte eine weitläufig (eigentlich UN-)Bekannte den Kreis als „Little Istanbul“, schickte mir noch ein Bild von einem orientalischen Restaurant dazu. Meine Gehirnmühlen begannen zu rotieren: „Habe ich einen Fehler gemacht? Wo gerate ich hin? Ist der Kreis nicht gut? Was tue ich meinem Kind an?“ Mein Gluckenmutterherz malte sich all die negativen Seiten für das Kind aus, die dieser Entscheid mit sich bringen könnte, so dass ich gar nicht weiter über die Aussage nachdenken konnte. Die nachfolgende Feststellung besagter (UN-)Bekannten, dass sie froh sei, da nicht wohnen zu müssen, liess die Mühlen nicht ruhiger laufen. 

Die Natur richtet es günstig ein, irgendwann beruhigen sich Stürme und mit den Stürmen auch die Mühlen, das Denken läuft wieder folgerichtiger. Als Erstes merkte ich, wie abschätzig überhaupt die Aussage „Little Istanbul“ war. Als Zweites musste ich mir sagen, dass es legitim ist, irgendwo nicht wohnen zu wollen, ich würde mit jemandem, der so ignorant ist, auch nicht in der Nachbarschaft wohnen wollen. Und als Drittes: es liess sich eh nicht ändern, ich hatte mich so sehr gefreut, wir alle haben uns gefreut, wieso sich das von irgendwelchem dummem Geschwätz kaputt machen lassen?

Der Umzug kam, er lief gut, wir waren bald eingerichtet, der Alltag konnte beginnen. Als Erstes erfreute das viele Grün in Gehdistanz. Ein paar Minuten gegangen standen wir inmitten von Feldern und Wäldern. Auf der Strasse wurden wir gegrüsst, die Leute waren freundlich. Ausländer? Klar, die gab es, doch die gab es im MIttelschweizkaff auch. Söhnchen war da einer der wenigen Schweizer in der Klasse, seine besten Freunde von weit her.

In der neuen Schule fühlte sich das Kind sofort wohl, die Lehrerin ist gut, der Schulweg wunderschön. Ich traf bald jeden Morgen dieselben Frauen auf dem Hundespaziergang und wir gehen seit da Teilstücke gemeinsam. Wo ich stehe und gehe: ich begegne wohlwollenden und freundlichen Gesichtern. 

An einem Tag gingen wir ins nahe gelegene Gemeinschaftszentrum Pingpong spielen. Ich schmetterte einen gekonnt gedachten, geschnittenen Ball nicht gar so gekonnt, so dass er in den Ästen des Baumes hängen blieb. Sämtliche Anstrengungen waren vergebens: der Ball gefiel sich im Geäst. Ein paar (nicht urchig schweizerisch aussehende) Jugendliche kamen des Wegs, sahen das Dilemma, zeigten sich hilfsbereit und so kümmerten wir uns gemeinsam um den abtrünnigen Ball. Er gab irgendwann auf, begab sich in unsere Niederungen. Es war toll. 

Ich wohne also in „Little Istanbul“ und ich muss sagen: Es ist super schön hier. Ich mag meine Hundefrauen am Morgen, den Herrn mit der Freitagtasche, der mir immer entgegen kommt und grüsst, ich mag den Jungen auf dem Schulweg, der „Grüezi“ sagt und ich mag es, dass mein Sohn sich wohl fühlt in seiner Klasse, die Namen beherbergt, die bunt und fremd und melodisch klingen. Ich mag es, dass ich nur ins Tram sitzen muss und kreuz und quer durch die Stadt gondeln kann, dass meine Uni wieder nah ist. Ich schätze die Kultur, die zum greifen nah ist und liebe es, trotzdem Bäche, Seen, Wälder und Felder nah zu haben. Ich bin froh, hier zu wohnen. Ob es nun Little Istanbul ist oder einfach Zürich Seebach – egal. Es ist wunderschön.