29. April

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich loslasse, was ich habe, bekomme ich was ich brauche.“ Laotse

Das ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben im Leben: Loslassen. Das wohl schönste Bild für das Loslassen führt uns die Natur vor Augen: Im Frühling zeigen sich an den gerade noch kahlen Ästen mehr und mehr zartgrüne Blätter. Sie werden mehr, bringen Farbe zurück in die vormals karge Winterwelt, Leben erwacht. Es blüht und treibt, Früchte entstehen, werden geerntet. Und dann. Ganz langsam. Ändern die Farben. Was vormals noch kräftig und frisch weicht satten, warmen Farben. Als wäre es ein letztes Aufbäumen der Natur, die sich nochmals in der schönsten Pracht zeigen wollte. Danach lassen die Bäume los. Die Blätter fallen zu Boden, die Bäume stehen kahl.

Was wäre, wenn sie die Blätter behalten wollten, sie festhalten würden? Es kämen keine zarten Blättchen mehr, Blüten könnten nicht wachsen, Früchte nicht reifen. Das Loslassen ist so gesehen das Glück des Naturkreislaufs. Wir sollten uns nicht aus diesem herausnehmen.

28. April

„Der Mensch leidet, weil er Dinge zu besitzen und zu behalten begehrt, die ihrer Natur nach vergänglich sind.“ (Buddha)

Schön, hässlich, angenehm, unangenehm, gewollt, ungewollt – wir gehen durch die Welt und bewerten alles, was wir antreffen. Das, was uns gefällt, wollen wir unbedingt haben und behalten, das, was wir nicht mögen, versuchen wir zu meiden. Leider ist das Leben kein Ponyhof und es nimmt wenig Rücksicht auf unsere Begehrlichkeiten. Dazu kommt, dass Leben immer auch Wandel bedeutet: Was entsteht, wird auch wieder vergehen, was in unser Leben tritt, dieses auch wieder verlassen.
Wie oft fürchten wir uns schon im Vorfeld, dass etwas enden könnte, so dass wir uns einen Teil des Genusses des Guten schon versagen? Wie viel Energie stecken wir in Vermeidungsstrategien bei den Dingen, die wir nicht mögen? Und damit trüben wir die Zeiten, in denen das nicht Gewollte gar nicht da ist.
Wir können die Natur nicht ändern. Natur ist immer auch Veränderung. So lange wir uns dagegen sträuben, werden wir immer auch leiden. Wieso also nicht versuchen, das zu geniessen, was ist, so lange es ist? Um dann zu schauen, was kommt? Was man nie vergessen darf: Veränderung hat auch was Tröstliches, denn: Sind die Zeiten mal nicht gut, dauern auch diese nicht ewig.

27. April

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen.“ (Epiktet)

Vor Prüfungen habe ich mich immer dabei ertappt, wie ich mir in den düstersten Farben ausmalte, was alles schief gehen könnte. Vor wichtigen Terminen blieb der Schlaf aus, weil in meinem Kopf die Gedanken drehten – nicht auf erfreuliche Weise. Ich malte mir aus, was alles passieren könnte, stellte mir vor, welche Gefahren und Risiken auf mich warten könnten.

Ich war beunruhigt, ohne dass etwas passiert war. Alles fusste nur auf meinen eigenen Vorstellungen. Eigentlich blöd, oder? Klar können Prüfungen misslingen, Termine können auch wenig erfreulich ausgehen, aber: Sich das schlechte Ende schon vorher immer und immer wieder vor Augen zu führen, wird kaum etwas Positives bringen – im Gegenteil. Es stiehlt mir Zeit und Ruhe und bildet damit keinen guten Boden für das Bevorstehende.

Wie viel besser wäre es also, wenn wir uns vor Herausforderungen aufmuntern und innerlich stärken würden statt uns niederzumachen und in Ängsten zu versinken?

26. April

„Die Welt kann nur gut und rein sein, wenn unser Leben gut und rein ist. Sei rein und gelassen, die gereizte Seele kann das Innere nicht widerspiegeln.“ (Swami Vivekananda)

Bist du auch schon einmal an einem klaren Bergsee gesessen und hast bis zum Grund geschaut? Hast du die Steine gesehen, Fische, die schwammen, und einfach die Ruhe genossen, die in dem See lag und die sich auf dich übertrug? Und hast du auch irgendwann einen Stein genommen, ihn ins Wasser geworfen? Hast dann zugesehen, wie die Kreise sich zogen, wie das Wasser in Unruhe geraten war und der Durchblick zum Grund nicht mehr möglich war?

Mit unserer Seele verhält es sich wie mit diesem Bergsee: Ist sie in Ruhe, ist sie gelassen, ist ein Blick bis zum Grund möglich. Dann erkennen wir uns selber, sehen bis in unsere tiefsten Tiefen hinein. Oft lassen wir eine solche Ruhe gar nicht entstehen. Gedanken rasen durch unseren Kopf, wir hasten von einem zum andern, im Innen wie im Aussen und verschliessen so den Blick auf uns selber. Als ob wir uns fürchteten vor dem, was wir da sehen könnten. Tun wir es?

Wieso nicht einmal innehalten, zur Ruhe kommen und dann hinschauen, was sich zeigt? Wer bin ich tief drin? Was wünsche ich mir? Was treibt mich an? Wer will ich sein? Die Antworten warten nur darauf, gesehen zu werden.

25. April

„Denen gegenüber, die mir Böses wollen, laß mich angemessen reagieren, und meine Seele möge gelassen bleiben, was auch geschieht.“ (Babylonischer Talmud)

Es gibt immer wieder Menschen, die dir was Böses wollen. Oft hat das gar nicht so viel mit dir zu tun, sondern mehr mit ihnen selber. Aus einer eigenen Unzufriedenheit heraus agieren sie auf eine Weise, die statt Gutes zu bringen Schlechtes schafft.

Da es leider nicht in unserer Macht liegt, andere Menschen oder die Umstände, in denen wir leben, zu ändern, haben wir nur die Wahl, wie wir darauf reagieren. Wir können uns aufregen, wütend werden, schimpfen hadern, unglücklich sein. Oder aber wir belassen alles da, wo es hingehört, nämlich bei dem anderen Menschen, und konzentrieren uns auf das, was in unserer Macht liegt: Unser eigenes Leben und Verhalten.

24. April

„Begehre nicht, daß die Sachen in der Welt gehen, wie du es willst, sondern wünsche vielmehr, daß alles was geschieht, so geschehe, wie es geschieht, dann wirst du glücklich sein.“ (Epiktet)

Ertappst du dich auch ab und an dabei, zu denken: „Ach, wenn doch nur dies und das anders wäre?“ Und mit welchem Erfolg? Du haderst mit dem, was ist, wünscht dir etwas, das offensichtlich nicht ist. Und fühlst dich dabei alles, nur nicht zufrieden.

Wir können die Umstände nicht ändern, wir können nur bestimmen, wie wir mit ihnen umgehen. Wenn wir das wissen, leuchtet es auch ein, dass der Wunsch, die Umstände könnten anders sein, nicht nur vergeblich, sondern sogar verderblich ist: Er verdirbt unsere Laune.

Wenn also wieder einmal ungünstige Umstände herrschen, frage dich, wie du das beste aus ihnen machen kannst. Und sei dann froh, einen guten Weg gefunden zu haben. Vielleicht stellt sich nicht immer gleich das grosse Glück ein, eine grössere Zufriedenheit aber sicher.

23. April

„Wenn dein Haus in Flammen steht, wärme dich daran.“ (Spanisches Sprichwort)

Es gibt Situationen im Leben, denen lässt sich beim besten Willen nichts Positives abgewinnen. Klar kann man versuchen, zu denken, dass es für etwas gut sein könnte irgendwann, man dies nur noch nicht weiss (und ja, das mag sogar so sein), nur: Hier und jetzt ist es nicht schön und durch nichts schön zu reden.

Nach der ersten Trauer, Frustration, Wut über das, was ist, hilft nur eines: Das Beste daraus machen. Dann gilt es, genau hinzuschauen und zu analysieren: Was ist passiert? Welche Ausmasse nimmt das Schlamassel ein? Was kann ich doch noch tun, um den Schaden zu minimieren, noch etwas zu retten, möglichst heil weiter zu gehen. Und dann gilt es, mit neuem Mut das Leben in die Han zu nehmen.

22. April

„Ahme den Gang der Natur nach. Ihr Geheimnis ist die Geduld.“ (Ralph Waldo Emerson)

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, Früchte sind nicht aromatisch, wenn man sie nach zu wenig Sonnentagen erntet und aus unreifen Trauben wird kein süsser Wein. Alles in der Natur braucht seine Zeit. Zwar erheben wir uns immer gerne über die Natur, doch sind wir schlussendlich immer ein Teil davon und ihr damit auch unterworfen.

Wenn wir also wieder einmal von Ungeduld geplagt sind und dringend etwas erreichen wollen, sollten wir uns zuerst fragen, was wir ausgesät haben und ob die Zeit wirklich schon reif ist für die Ernte.

21. April

„Leicht muß man sein:
mit leichtem Herz und leichten Händen,
halten und nehmen, halten und lassen …“ (Hugo von Hofmannsthal)

Als wir Kinder waren, haben wir das Leben spielerisch erkundet. Im Spiel lernten wir uns besser kennen, lernten vieles fürs Leben und lachten dabei. Schiller hatte das im Sinn, als er sagte, dass man nur da ganz Mensch ist, wo man spielt, denn nur im Spiel lässt sich das Menschsein in seiner ganzen Form entfalten, lassen sich Dinge probieren. Im Spiel herrscht eine Leichtigkeit, die uns oft im späteren Leben abhanden gekommen ist. Drum heisst es wohl auch, dass man, wenn man erwachsen wird, in den Ernst des Lebens eintritt.

Mit Blick auf Schillers Satz bedeutet das aber auch, dass wir damit einen Teil unseres Menschseins ablegen. Wozu? Um verbissen irgendwelchen Vorgaben nachzurennen, Erwartungen zu erfüllen und Leistungen zu erbringen? Wie wäre es, einfach mal wieder das Spielerische ins Leben zu lassen, das Leben leichter zu nehmen? Es ist nicht alles so ernst, wie es aussieht und ein wenig mehr Leichtigkeit macht das Leben oft nicht nur erträglicher, sondern auch den Umgang mit schwierigen Situationen leichter. Dann würden vielleicht die verbissenen Mienen aufhellen und ein Lachen ginge durch die Welt.

20. April

„Die höchste Krone des Helden ist die Besonnenheit mitten in Stürmen der Gegenwart.“ (Jean Paul)

Auseinandersetzungen, Angriffe, unfaires Verhalten – jeder hat sie schon erlebt und darauf reagiert. Oft reagieren wir aus dem Affekt heraus, wollen gleich antworten, wenn wir angegriffen werden, wollen reagieren, wo wir uns ins Unrecht gesetzt fühlen. Und sehr oft ist genau das nicht wirklich zielführend, sondern es endet in einem unschönen Schlagabtausch in welchem meist alle, sicher aber man selber verliert.

Spontanes Verhalten ist in uns Menschen angelegt und ist durchaus sinnvoll in gewissen Situationen: Wenn ein Löwe auf uns zustürmt, ist es sicher besser, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen, anstatt noch lange zu überlegen. In Auseinandersetzungen führt die Flucht nach vorne jedoch meist ins Verderben. Besser wäre es, den ersten Ärger verziehen zu lassen, die Situation zu analysieren und eine angemessene Reaktion auszudenken. Nicht nur besteht so die Hoffnung, einen noch im Keim befindlichen Streit zu umgehen, selbst wenn das nicht gelingt, kann man sich nicht hinterher vorwerfen, unangemessen reagiert zu haben.

19. April

„Weise ist der Mensch, der Dingen nicht nachtrauert, die er nicht besitzt, sondern sich der Dinge erfreut, die er hat.“ (Epiktet)

Ein neues Auto, ein grösserer Fernseher, endlich mal Urlaub, ein paar Kilos mehr oder eine neue Beziehung – du bist überzeugt, dass du glücklich wärst, wenn du nur erst das hättest, was du dir so sehnsüchtig wünschst? Du kannst dich in Tagträumen verlieren, wie du durch die Gegend führest, die Filme endlich geniessen könntest, am Strand lägst, neue Kleider kaufen könntest und die deinem neuen Freund vorführen? Und statt all das zu geniessen, bist du frustriert, weil all das in weiter Ferne ist, du stattdessen das leben hast, das du eben hast?

Wünsche zu haben, ist nicht verkehrt, wenn sie dir aber die Laune vermiesen, ist es höchste Zeit, genauer hinzusehen: Gibt es neben all diesen unerfüllten Wünschen wirklich nichts Gutes in deinem Leben? Wie wäre es, einmal eine Liste mit all den Dingen zu machen, die gut sind, und dich dann daran zu freuen?

18. April

„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Was gibt es nicht alles für ärgerliche Dinge auf dieser Welt: Unfreundliche Verkäuferinnen, Buschauffeure, die dich kommen sehen und trotzdem abfahren, Autofahrer, die dir die Vorfahrt nehmen, Nachbarn, die ständig Streit suchen, Chefs mit dauerhaft mieser Laune, Lehrer, die ständig Fehler sehen, aber nichts zu leben sehen. Und du sitzt zu Hause und ärgerst dich. Holst dir immer wieder ins Gedächtnis, was dir passiert ist, fühlst erneut, was du in der Situation gefühlt hast, schimpfst über all die Menschen, die dir den Tag versaut haben. Und die? Haben von allem keine Ahnung und lassen es sich gut gehen (wenn sie nicht sind wie du).

Im Moment gibt es eigentlich nur einen Menschen, der dir den Tag vermiest: Du selber mit deinen Gedanken. Bist du sicher, dass du das willst?

17. April

„Wer bei allem affektfrei bleibt, wenn er dies oder das erfährt, Erfreuliches oder Unerfreuliche, weder begehrt noch hasst, dessen Weisheit ist fest gegrundet.“ (Bhagavad Gita, 2.57)

Es klingt gar utopisch, keine Affekte mehr zu zeigen auf alles, was passiert im Leben. Der erste Impuls auf diesen Satz ist vielleicht auch, dass man das gar nicht möchte, da man sich gerne freut, wenn etwas schön ist, da man – vor allem positive – Gefühle nicht aus dem Leben verbannen will. Was für ein eintöniges Leben wäre das, würden wir nur in einer Einheitssuppe gleichförmiger Gefühlslosigkeit dahin leben?

Auf der anderen Seite bringt es wenig, Dinge zu wollen oder abzulehnen, auf die wir keinen Einfluss haben. Was passiert, tut das oft ohne unser Zutun. Wenn wir darauf aus dem Affekt heraus reagieren, führt das mehrheitlich nicht zu einem Gefühl der Freude, sondern eher zu Unzufriedenheit und Unausgeglichenheit. Wenn es uns gelingt, unsere Gefühle so unter Kontrolle zu haben, dass sie uns nicht überwältigen, sondern heilsam sind, wird unser Leben in ruhigeren Bahnen laufen, keine unnötige Kraft brauchen, aber doch Freude beinhalten. Das wäre wohl ein weiser Umgang mit den eigenen Ressourcen.

16. April

„Wo zwei zusammenstossen, siegt der Besonnene.“ (Laotse)

Gehen mit dir auch mal gerne die Pferde durch? Etwas passiert, jemand kommt dir schräg, dein Adrenalinspiegel steigt und die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Direkt aus dem Bauch heraus, impulsiv und – oft übers Ziel hinaus.

Es heisst nicht umsonst, man solle erst mal durchatmen, bevor man reagiert. Das tiefe Durchatmen verschafft dir einerseits Zeit, andererseits hilft es auch, dich zu beruhigen. So gewappnet mit dem nötigen Abstand und einer Prise eingeatmeter Ruhe wird deine Reaktion besonnener und angemessener ausfallen.

15. April

„Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins.“ (Marie von Ebner Eschenbach)

Gelassenheit ist ein grosses Wort. Zwar ist es leicht zu verstehen, dass mit mehr Gelassenheit das Leben insgesamt einfacher wird, auch gibt es genügend Hinweise, was du alles tun könntest, um gelassener zu werden, und du kennst sie alle, nur wenn es dann soweit ist: Von Gelassenheit keine Spur. Du hast dir was vorgenommen, es ging gründlich daneben, nun kreisen deine Gedanken und du schimpfst mit dir.

Neigst du zu Verallgemeinerungen, dazu, mit dir hart ins Gericht zu gehen und beim kleinsten Versäumnis zu Abwertungen (ich tauge nichts, ich bin nicht genug…)? Wie soll auf so einer Grundlage Gelassenheit entstehen? Der erste und wichtigste Schritt hin zu mehr Gelassenheit ist ein gesundes Selbstbewusstsein. Nur weil du einen Fehler machtest, heisst das nicht, dass du eine Niete bist. Nächstes Mal machst du es besser. Auch wenn etwas nicht klappte, bist du gut genug. Fange an, deine selbstzerstörerischen Sätze auszutauschen gegen aufbauende. Und wie durch die Hintertür taucht plötzlich auch mehr Gelassenheit in deinem Leben auf.