„The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple. And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves.“ (Alan Watts)*

Wie oft sind wir einfach getrieben? Wie oft denken wir, etwas erreichen zu müssen oder zu wollen, rennen Wünschen und Erwartungen hinterher, ohne zu merken, dass wir immer mehr zu Sklaven ebendieser Wünsche und Erwartungen werden?

Wir reden uns ein, wir wären glücklich, wenn wir nur dies oder jenes erreichten oder hätten. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens und versuchen, diesen durch Leistungen zu erreichen. Und dabei vergessen wir oft das, was eigentlich der Sinn des Lebens wäre: Wirklich zu leben.

Auf dem Sterbebett befragt, was man sich im Leben noch gewünscht hätte, antworten die wenigsten, dass sie gerne noch mehr gearbeitet, noch eine Karrierestufe höher gestiegen oder noch einen grösseren Fernseher, ein teureres Auto gehabt hätten. Sie hätten gerne mehr geliebt, mehr gelacht, mehr gelebt.

Wir haben dieses eine Leben: Leben wir es.

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*Der Sinn des Lebens besteht schlicht darin, am Leben zu sein. Es ist so klar, so offensichtlich und so einfach. Und doch hetzt jeder in einer grossen Panik durchs Leben, als ob es nötig wäre, etwas ausserhalb einem selber zu erreichen. (Übersetzung S.M.)

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“ (Friedrich Nietzsche)

Das Leben ist kein Ponyhof. Leider wahr. Und oft müssen wir uns mit Dingen rumschlagen, die wir eigentlich lieber nicht in unserem Leben hätten. Ich zum Beispiel träume insgeheim immer von einem Leben wie in einem Rosamunde-Pilcher-Roman. Was könnte schöner sein? Ein paar absehbare Schwierigkeiten, danach ist alles in Butter. Doch ab und an fühlt sich das Leben an, als ob ich der Frosch im Milchfass wäre, der trotz Strampeln nicht sicher ist, ob da je Butter draus wird.

Das Strampeln mag anstrengend sein, doch wenn ich ein Ziel vor Augen habe, das Strampeln einen Sinn hat für mich, dann nehme ich es doch in Kauf. Was aber, wenn ich strample und im Strampeln keinen Sinn mehr erkenne? Woher nehme ich dann die Motivation? Und die Kraft?

Sinnlosigkeit ist der wohl grösste Krafträuber in unserem Leben. Nun ist Sinn aber nichts, was in den Dingen liegt, Sinn ist etwas, das wir den Dingen zuschreiben. Wir können ihn auch entdecken und dann daraus Motivation gewinnen. Oder aber wir merken, dass etwas für uns durch und durch sinnlos ist. Und ändern es.

Vielleicht lohnt es sich, einfach mal hinzuschauen und zu fragen: Was mache ich den ganzen Tag? Und wieso mache ich es? Ergibt es Sinn für mich? Wenn nein: Was könnte ich ändern?

„Ist das schon Kunst,
kann das nicht weg?
Das könnt ich auch,
wenn ich Zeit hätt.“

„Was tust du denn
den ganzen Tag?
Ist es noch Freud,
ist es schon Plag?“

So kämpfen Menschen
an den Fronten
einer selbst gewählten
Lebensform.

Ein jeder stellt
die seine hin
als Massstab und
als gült’ge Norm.

Wir opfern Werte,
nehmen Würde,
schauen nur noch
nach Gewinn.

Wir streben alle
nach dem einen,
suchen alle
Lebenssinn.

Der Mensch ist Mensch
nur durch sein Schaffen,
nur wo er tätig,
ist er ganz.

Drum wähle klug
dein eignes Tun,
und lass dem andern
dieses auch.

Ein Keiner hat
das Mass erfunden,
ein Jeder strebt
nach seinem Sinn.

Und könnten wir
dies so belassen,
es wär uns allen
ein Gewinn.

©Sandra Matteotti

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“

Heute gelesen:

Ich bereue nicht meine Vergangenheit, sondern die Zeit, die ich für falsche Menschen geopfert habe.

Schon inhaltlich könnte man 1000 Fragen stellen. Indem ich die Zeit geopfert habe, gehört das zur Vergangenheit. Insofern bereut man ja immerhin einen Teil der Vergangenheit. So gelesen, fehlte ein „nur“ im Nebensatz. Lassen wir den Inhalt der Sprache mal beiseite und betrachten den Kontext.

Weisse Schrift vor einem unscharfen Bild, welches eine (halbe – man sieht sie nur bis unter die Schultern) Frau auf dem (Ping-Pong?-)Tisch sitzend von hinten zeigt. Wie dieses Bild zum Inhalt der Sprache passt, liesse sich nun fragen. Vielleicht insofern, als man nur den Rücken sieht, die Vergangenheit also als dahinter liegend bildlich erfasst worden ist? Auch das lassen wir offen.

Aber dann: Wer  kommt auf die Idee, das so typographisch umzusetzen? Welchen Sinn ergibt das nicht zusammenpassende Sammelsurium von Schriften? Was sollen die Schriften in den Teilbereichen aussagen? Und: Wieso hat man die Zeilen so gesetzt, dass die Zeilenumbrüche in keinem Verhältnis zu irgendeinem Teilsinn des Ganzen stehen?

Vermutlich denke ich wieder einmal zuviel. Darauf kommt es nicht an. Worauf aber sonst?

 

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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Er weiss nur, dass es kein Wiedergutmachen gibt, wenn man sein Leben verpfuscht hat, kein Zurückgreifen in vergangene Zeit, kein Nachholen und Verbessern, keine Gnade; er weiss es wie noch nie, dass alles endgültig ist, was man tut oder nicht tut, jeder Irrtum, jedes Versäumnis […]

Die Geschichte eines Mannes, der den Tod riskiert, um das Leben zu finden. Ein Mann, der sich nicht mit dem zufrieden geben will und kann, was gemeinhin als Leben erscheint. Für ihn ist es nur sinnloses Dasein. Er will mehr, sucht den Sinn des Lebens, sucht sich selber. Er kann sich nicht abfinden mit dem Belanglosen, will ganz hoch hinauf – im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hoffnung, da Antworten auf seine Fragen zu finden, Antworten, die über dem Leben stehen, die von weiter oben, von ausserhalb all dessen kommen, das man auf der Erde findet.

 […] immer bleibt diese einsame Stille zurück, die um alles Leben ist und jeden Aufschrei verschluckt, als sei er nie gewesen, diese namenlose Stille, die vielleicht Gott oder das Nichts ist.

Es ist eine metaphysische Suche, getrieben vom fast fieberhaften Pessimismus und Wahn eines Mannes kurz vor der Hochzeit. Er steht an einem Punkt im Leben, an dem er nie sein wollte. Vor ihm scheint die gefürchtete Langeweile des Daseins zu liegen, die den Entschluss reifen lässt: Tat oder Tod. Entschlossen zur Tat macht er sich auf den Weg, den unbezwingbaren Nordgrat zu erklimmen, bereit, alles zu geben, da ohne die Antworten alles nichts ist. Nur indem er den Tod versucht, glaubt er, erfahren zu können, was Leben heisst.

Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.

Ein frühes Werk, das schon alles in sich trägt, was den späteren Frisch ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, ein Buch über Selbstfindung und innere Konflikte. Es ist ein Buch über den Sinn des eigenen Lebens und den Wert anderer in demselben. Es ist ein autobiographisches Werk, wobei die Autobiographie im Inhalt liegt und nicht in den Personen.

Das dünne Büchlein wird beschlossen durch ein Nachwort von Peter von Matt, den ich als Literaturwissenschaftler sehr schätze, der mein eigenes Studium bereichert hat und von dem ich viel lernen durfte. In präzisen Worten zeigt er den roten Faden der Geschichte auf, legt ihren Kern frei und zeigt ihre Berührungspunkte mit dem Leben des Autors auf.

Fazit:

Ein wahrer Lesegenuss. Diese frühe Erzählung wird in meinen Augen zu unrecht als Heimatroman belächelt, sie ist in meinen Augen grosse Literatur.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 172 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2011)

Preis: EUR: 7.95 ; CHF 12.90

Max Frisch: Antwort aus der Stille, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.

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