Trügerische Erinnerungen?

Wenn Sie am Rand einer Klippe einer schönen jungen Frau begegnen, reichen Sie ihr nicht die Hand. Man könnte glauben, Sie hätten sie hinabgestossen.

Jamal joggt den Klippen entlang, als er zuerst den roten Schal, dann die Frau sieht. Sie will sich von den Klippen stürzen. Jamal will ihr helfen, doch er kommt zu spät – sie springt. Jamal rennt nach unten, mit ihm sind zwei Zeugen da, die die junge Frau fallen sahen. Ein tragischer Selbstmord.

Die Polizei geht bald von Mord aus und sie hat den Mörder gefunden: Jamal. Alles spricht gegen ihn. Erschwerend kommt hinzu, dass auf dieselbe Weise schon andere junge Frauen zu Tode kamen. Und immer war Jamal in der Nähe. Die Schlinge um seinen Hals zieht sich enger und enger und er versucht verzweifelt, seine Unschuld zu beweisen. Er erhofft sich Unterstützung von den anderen beiden Zeugen – doch die sind plötzlich vom Erdboden verschwunden, als ob es sie gar nie gegeben hätte.

Eine spannende Geschichte, die durch Verknüpfungen mit der Vergangenheit immer mysteriöser wird. Bald sieht sich der Leser am gleichen Punkt wie der Protagonist steht: Er weiss nicht mehr, was richtig und was falsch ist.

Die Rückblenden in Form von Mails aus den vergangenen Fällen wirken ab und an ermüdend und langweilig, lassen sich aber gut etwas schneller überfliegen, um im Lesefluss zu bleiben.

Fazit:
Fängt etwas langsam an, wird dann aber immer spannender und zieht einen schliesslich gänzlich in den Bann. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michel Bussi
Michel Bussi, geb. 1965, Politologe und Geograph, lehrt an der Universität in Rouen. Er ist einer der drei erfolgreichsten Autoren Frankreichs. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Bei Rütten und atb liegen seine Romane „Das Mädchen mit den blauen Augen“ und „Die Frau mit dem roten Schal“ vor. „Beim Leben meiner Tochter“ und „Das verlorene Kind“ erscheinen im Frühjahr 2016 Mehr zum Autor unter www.michel-bussi.fr

Angaben zum Buch:
BussiFrauRotTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Rütten & Loening Verlag (21. August 2015)
Übersetzung: Dr. Olaf Matthias Roth
ISBN-Nr.: 978-3352006760
Preis: EUR 14.99 / CHF 21.90

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Sex, Crime and Rock’n’Roll

Er liebt sie. Deshalb bricht er ihr das Genick. So bleibt ihre Schönheit erhalten. Und sie muss nicht leiden. Es ist die humanste Art, jemanden zu töten. Sauber, sicher und schnell. Und vollkommen schmerzlos.
Sie hat keine Chance. Nicht die geringste. Nicht gegen ihn. Er ist stark.

Als der Polizist Harry Tenge nach seiner Silvesterschicht ins Gebüsch pinkelt, schauen ihm aus diesem zwei dunkle Augenhöhlen entgegen. Er hat soeben einen Schädel freigepinkelt. Der Schädel, man erfährt es später, gehört einer seit langem vermissten Frau. Kurz nach diesem Fund bringt sich ein renommierter Mathematikprofessor, Professor Katzenstein, um, der – wie der Zufall so will – der Professor der nunmehr als Leiche gefundenen jungen Frau war – und wie man munkelte, auch deren Liebhaber.

Die Journalistin Alexandra Katzenstein, mit ihrem Vater seit Jahren zerstritten, glaubt nicht an einen Selbstmord. Da ihr niemand glaubt, will sie die Sache selber in die Hand nehmen und den Mord an ihrem Vater klären. Sie erhält dabei Hilfe von ihrem Freund Matze, Fotograf bei derselben Zeitung wie sie. Zwar glaubt er nicht immer an Alexandras Theorie, aber seine Verehrung für die schöne Rothaarige lässt ihn ihr beistehen. Ihnen zu Hilfe kommt alsbald Harry Tenge, welcher auf eigene Faust den Mord an der jungen Frau klären will, weil die Mordkommission zu wenig Gas gibt, und er an eine Verbindung zwischen Katzensteins Tod und „seinem“ Mord glaubt.

„Kann sein, dass ich gerade einen Riesenfehler mache“, begann Harry mit einem leisen Zittern in der Stimme, das verriet, wie unsicher er war. […| „Obwohl es auf der Hand liegt, dass Nicole keines natürlichen Todes gestorben ist, will der Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Kühlborn, jetzt nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird zwar ermittelt, aber, wie ich aus sicherer Quelle weiss, nicht mit Nachdruck. Und das finde ich merkwürdig.“

Tod eines Mathematikers ist ein Krimi, der mit sehr vielen Personen agiert, der an vielen Orten spielt, der die Perspektiven wechselt, den Leser jedes Kapitel wieder in einen neuen Zusammenhang setzt. Aus einer Vielzahl von Anhaltspunkten, möglichen und tatsächlichen Verbrechen, mehreren Verdächtigen und Theorien, kristallisiert sich mehr und mehr eine Lösung heraus, die wieder verworfen wird, um einer neuen Platz zu machen. Die tatsächliche Lösung wirkt schlussendlich ein wenig gesucht, der Schluss nach der Auflösung des Falls erinnert an eine Rosamunde Pilcher-Geschichte und ist gar zuckersüss. Trotzdem ist der Krimi packend, spannend, man will die Auflösung kennen, weswegen man das Buch nicht eher aus der Hand gibt. Gewisse Nebengeschichten hätte man wegstreichen können, da sie dem Storyverlauf keinen Gewinn brachten und auch sonst wenig Gewicht hatten.

 

Fazit:
Spannender Krimi, kompliziert, aber interessant aufgebaut mit einem etwas gesuchten Ende. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Kerstin Herrnkind/Walter K. Ludwig
Kerstin Herrnkind ist eine waschechte Hanseatin. Sie wurde 1965 in Bremen geboren. Im zarten Alter von zehn Jahren verschleppten sie ihre Eltern in die Nähe von Hamburg aufs platte Land. Nach dem Studium volontierte sie bei der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, wo sie und Walter K. Ludwig sich kennenlernten. Nach Zwischenstation bei der taz ging sie zum Stern, wo sie für Polizei- und Justizthemen zuständig ist. 2011 erschien bei Grafit ihr Psychothriller Mein Mann der Mörder. Walter K. Ludwig wurde 1957 in Bad Neustadt a. d. Saale geboren. Er machte Musik, studierte Geschichte und Politikwissenschaft und absolvierte ein Zeitungsvolontariat. Mehrere Jahre arbeitete er als Redakteur. 2007 erschien sein erster Roman. Er lebt als Autor in Hamburg.

Angaben zum Buch:
HerrnkindLudwigMatheTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (27. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254223
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.00

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Was kann man vom eigenen Leben wissen?

Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.

Nach der Schule trennen sich die mehrheitlich – bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die drei ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert, Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man lesen möchte, immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

 

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

 

Angaben zum Buch:
BarnesGeschichteGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid

Das Leben geht weiter – aber wie?

„Ich nehme mir jedes Jahr an ihrem Todestag frei, das weiss mittlerweile auch mein Arbeitgeber. Das ist mein Ritual, es ist mein Tag, es ist ihr Tag. Dann setze ich sie wieder auf den Olymp.“

Wenn sich jemand das Leben nimmt, bleiben Menschen zurück. Familie, Freunde, Bekannte. Vor allem auf Familien hat Suizid eine enorme Wirkung, er reisst eine Lücke in ein System, das sich nachher neu organisieren muss. Eltern und Geschwister müssen mit dem Verlust, ihrer Trauer und der Frage nach dem Warum, die oft von Schuldgefühlen begleitet ist, umgehen.

Samira Zingaro befasst sich in ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ mit der Situation der Geschwister nach einem Suizid. Wie trauern sie, was geht in ihnen vor, wie geht ihr Leben nach so einem Verlust weiter?

„Hinterher ertrage ich es manchmal fast nicht, dass ich so naiv war und annahm, dass er einen Weg aus seiner Krise finden würde. Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde.“

Das Buch vereint verschiedene Porträts von Geschwistern, die nach den Suizid ihres Bruders oder ihrer Schwester ihr Leben weiter führen mussten. Zingaro traf diese Geschwister teilweise über einen längeren Zeitraum, sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Entstanden sind sieben Geschichten, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie zeigen, dass Trauer unterschiedlich ist und der Umgang mit dem Tod ebenso. Sie zeigen auch, dass Suizid auch heute noch ein Tabuthema ist, mit dem sich die Menschen schwer tun.
Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Ebo Aebischer-Crettol, dem Pionier der Internet-Seelsorge, und dem Psychiater Thomas Reisch, seit Jahren zum Thema Suizid forschend, welche ihre Erfahrung mit dem Thema Suizid darlegen.

Fazit:
Sachlich, auf den Punkt gebracht. mit dem nötigen Feingefühl und viel Offenheit geht Zingaro ein sensibles Thema an. Empfehlenswerte Lektüre.

Zum Autor
Samira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier

ZingaroSorgeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (11. Oktober 2013)
Preis: EUR 28.80 ; CHF 38.90

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Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.

Mord in der Anstalt

Eine Patientin der Hamburger Universitätspsychiatrie wird erhängt im Bad aufgefunden. Ausser dass ihr Tagebuch und ihre Geldbörse fehlen deutet nichts auf ein Gewaltverbrechen hin. Tessa Ravens, behandelnde Therapeutin, kann trotzdem nicht an Selbstmord glauben, sie versucht, die ermittelnden Kommissare Torben Koster und Michael Liebetrau von ihrer Skepsis zu überzeugen, allerdings mit wenig Erfolg. Als wenig später eine zweite Patientin offensichtlich ermordet wird, stellt sich für alle die Frage, wie die beiden Todesfälle zusammenhängen und was dahinter steckt.

Angélique Mundt gelingt in diesem Erstlingswerk ein solider Krimi, welcher bis am Schluss viele Verdächtigen aber keine konkrete Spur präsentiert. Die Geschichte ist eher gemächlich erzählt, lässt trotzdem eine gewisse Spannung nicht vermissen. Die Figuren sind einfühlsam und plastisch gezeichnet, die Klinikatmosphäre gut wiedergegeben ohne durch zu viel Faktenwissen zu erschlagen, über das die Autorin, welche selber Psychologin ist, durchaus verfügen würde. Zwischenmenschliche Spannungen und andere Gefühlsverwirrungen runden die Geschichte ab.

Fazit:
Ein solider, gut aufgebauter Krimi mit allem, was leichten Lesegenuss mit Spannung ausmacht. Empfehlenswert.

Zum Autor
Angélique Mundt
Angélique Mundt wurde 1966 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Psychologie arbeitete sie lange in der Psychiatrie, bevor sie sich 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbstständig machte. Sie arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuz, das Menschen bei potentiell traumatisierenden Ereignissen „Erste Hilfe für die Seele“ leistet. Angélique Mundt lebt in Hamburg. Nacht ohne Angst ist ihr erster Roman und Start einer Serie um die Psychotherapeutin Tessa Ravens und Hauptkommissar Torben Koster.

MundtNachtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: btb Verlag  (10. Juni 2013)
ISBN-Nr.: 978-3442746262
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Heute las ich die Schlagzeile, dass sich ein erfolgreicher Mann umgebracht haben soll. Sie hat mich erschüttert. Ich kannte ihn nicht, nicht mal namentlich. Und doch schaue ich immer und immer wieder sein Bild an. Ich suche nach Spuren. Suche nach einem Anzeichen, wieso sich ein solcher Mann das Leben nehmen könne. Sind das Falten, die von Ärger, Trauer, Wut, Überdruss, Verzweiflung zeugen, die seinen Mund, seine Augen umgeben? Ist das Lachen echt? Was sagen die Augen?

Ein Mann geht einen Weg ganz nach oben. er hat viel mehr zum leben als sicher 90% der Menschen weltweit. Er sieht gut aus. Er hat Familie. Ein Mann, ein Mensch, der es geschafft hat, würde man denken. Und man scheint falsch gedacht zu haben, denn er ist nicht mehr. Er hatte so viel mehr als so mancher oft zu träumen wagte, was fehlte noch? Wohin soll man streben, wenn selbst all das nicht reicht, leben zu wollen? Was ist Glück? Was sind wirkliche Ziele und Inhalte? Was heisst Leben überhaupt und wann ist es blosses Überleben und damit bald mal nur noch Plage?

Heute fuhr ich durch Zürich. Wohin ich schaute, sah ich Porsches, Mercedes, BMWs, Audis. Ab und an sicher auch eine andere Marke, aber die überwiegten stark. Es geht uns gut? Scheint so. Trotzdem heisst es, die Armut greife um sich in der Schweiz. Man sieht sie wohl noch nicht oder ist geblendet von all dem Reichtum, der sich so offensichtlich zeigt. Und viele der Armen schauen wohl auf die grossen Autos und denken sich, wie glücklich sie wären, hätten sie nur die Hälfte, gar nur einen Bruchteil dessen, was all diese Menschen haben, die in diesen Autos sitzen. Und dann liest man eine solche Schlagzeile. Und man fragt sich: Was nun? Woran noch glauben? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Es wäre nun einfach, auf die ach so schönen inneren Werte und immateriellen Güter zu verweisen. Das wäre die Moralinkeule und allen Idealismus nur so mit der Kelle ausschöpfen. Das greift zu kurz, wie ich denke. Wer hungert, kann noch so viel Herz, Verstand, positive Beziehungen und was es noch so an immateriellen Gütern gibt haben. Er hat Hunger und Hunger trübt das Glück ganz massgeblich. Was also ist Glück? Wonach soll der Mensch noch streben? Geld allein scheint nicht glücklich zu machen, wirtschaftsferner Idealismus stopft das Hungerloch nicht und alles kann man, das Leben lehrt es einen meist unbarmherzig, nicht haben.

Es bliebe nur noch das schöne Wort „sei zufrieden mit dem, was du hast“. Und genau das scheint so unendlich schwer, dass man zu oft daran verzweifelt.

Eine junge Studentin wohnt in einem Haus in Cagliari, unter ihr lebt Anna mit ihrer Tochter, oben Mr. Johnson. Die Schicksale der drei Stockwerke vermischen sich, die Menschen des Hauses wachsen langsam zu einer Familie zusammen. Die junge Studentin hängt an dieser Familie, da sie alles ist, was sie hat. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter flüchtete sich in eine Geisteskrankheit.

…sie seien einfach wehrlos gegenüber dem Leben gewesen. Wir Menschen seien nun einmal nicht, wie die anderen uns gerne hätten. Daran könne man verzweifeln, ja, sogar sterben. Oder aber man akzeptiert, dass man anders gestrickt ist als andere…

Die junge Frau blickt auf eine Vergangenheit voller Verlusten in der eigenen Familie zurück, woraus Verachtung und Isolation im Umfeld resultierte. Zurück bleibt die Angst, dass ihr dieses wieder passiert, sie die Menschen, die ihr nun nah sind, wieder verlieren könnte. Sie sucht ihren eigenen Weg, ihren Platz im Leben, weiss aber nicht genau, wo ihn finden. Das lässt ab und an Wehmut aufkommen, Verzweiflung fast.

Ob ich nun Romanschriftstellerin werde oder nicht, ich glaube, dass ich nicht für diese Welt geschaffen bin und es besser gewesen wäre, ich wäre gar nicht erst auf die Welt gekommen.

Trotz allem glaubt sie an die grosse Liebe, lebt ein Leben voller Mitgefühl, voller Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Sie schöpft immer wieder neuen Mut, geht ihr eigenes Leben an, fängt an zu schreiben und schreibt dem Leben den Fortgang zu, wie sie ihn sich für sich und die, welche ihr lieb sind, wünscht.

Die Welt auf dem Kopf ist eine Geschichte voller Farben und Gerüchen, voller Liebe und Enttäuschungen, voller Hoffnungen und Ängsten. Es ist die Geschichte von unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe wollen: ein glückliches Leben. Allerdings gehen sie alle von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen durch ihr Naturell an unterschiedliche Orte. So gesehen das ganz normale Leben.

Die Frage nach dem Normalen steht im Zentrum von Milena Agus’ Geschichte. Wer oder was ist normal und wo fängt das Abnormale an? Was ist Natur, wo wird sie verkehrt?

„Und was ist bitte schön normal?“, fragte ich.
„Das, was die Mehrheit der Menschen tut! Normal ist man, wenn man ungefähr so ist wie die anderen.“
„Nein, weil wenn man verrückt ist und sich in einer Irrenanstalt befindet, ähnelt man ja auch den anderen, obwohl man nicht normal ist.“

Jede der Figuren von Milena Agus hat ihre normalen und ihre merkwürdigen Seiten. Alle sind sie liebenswürdig auf ihre Weise. Es sind Menschen, die sich kümmern, Menschen, die sich gegenseitig Familie sind. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die langsam zusammen wachsen und eine Welt bilden, wie sie eine Autorin hätte entwerfen können. Milena Agus zeichnet eine Welt, die Mut macht, eine Welt der leisen Töne, eine Welt, die fein und zart erscheint und trotzdem die Tiefen des Lebens auslotet.

Fazit:
Eine wunderschöne Geschichte mit märchenhaften Zügen über das Leben, über den Tod, und alles, was dazwischen ist. Ein Buch, das Mut macht, tief, nachdenklich und doch froh ist. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Milena Agus
Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, und unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011)

AgusWeltAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: dtv (April 2013)
Übersetzung: Monika Köpfer
Preis: EUR 17.90 / CHF 25.90

Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Noch eine Sekunde, dann liessen ihre Finger das Geländer los. Die Füsse tasteten langsam ins Leere. Eine kräftige Böe, sie verlor die Balance, ihre Zehen versuchten noch Halt zu finden und dann… der Fall.

Wann hatte alles begonnen? Als Rebecka Mikael kennen lernte und merkte, dass sie alles tun müsste, ihn zu halten? Als sie beschloss, ihn immer in Unsicherheit zu lassen bezüglich ihrer Gefühle, um ihn damit noch mehr an sich zu binden? Wann hatte sich das Spiel verselbständigt? Wieso funktionierte es nicht mehr irgendwann? Die Kluft zwischen ihnen wurde grösser, beide litten.

Sie war diejenige, die bestimmte, wie es zwischen uns lief. Am Ende war es wie ein Gefängnis.

Das Spiel beenden ging nicht, das Leiden aber musste aufhören. Und dafür gab es nur eine Lösung: Den Sprung, Mikaels Befreiung, das eigene Opfer.

Egoistisch? Ich habe mein Leben geopfert, um meine Ehe zu retten.

Rebecka stürzt sich eines Nachts von einer Klippe in den Tod. Zurück bleibt ein verzweifelter und tieftrauriger Ehemann, der mangels Erklärung nicht mehr weiss, wo er steht. Die Frage, ob er seine Frau überhaupt je gekannt hat, wird gross und grösser. Nie hat sie über sich gesprochen, die Verbindungen zu ihrer Familie, ihrer Herkunft hat sie abgebrochen.

Fragen liess sie nie zu, sie inszenierte die Gegenwart so, wie es für sie, wie es in ihr Spiel passte. So erstickte sie langsam die grosse Liebe, welche sie eigentlich bewahren wollte. Die Mittel dazu entsprangen einer Verlustangst, den Mustern, die sie sich in der Kindheit angeeignet hatte, als ihr Vater die ganze Familie verliess. Nie sollte sie so enden wie ihre Mutter, nie schwach sein, nie verlassen werden. Doch das wusste keiner, das hielt sie in sich gefangen und nahm es in den Tod.

Ich hoffe auch sehr, dass Rebecka das gefunden hat, was sie suchte. Und wenn nicht, dann tut sie es hoffentlich noch. Sie war nie zufrieden, solange die Dinge nicht genau so waren, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Nach und nach kehrt Mikael ins Leben zurück, die Trauer weicht, ab und an kommt Wut auf. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen Rebecka, der ein so grosses Geheimnis gewesen ist, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen. Rebecka begleitet diesen Weg aus dem Totenreich, begleitet von einem Engel. Sie möchte für ihn da sein, nun nach ihrem Tod die Liebe leben, die den Tod überdauert, ewig ist. Auch sie hat einiges zu lernen.

Die Geschichte verbindet Abschnitte mit Rebeckas Kindheit, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Mikael, die Welt im Jenseits mit allem, was einen da erwartet und Mikaels Weg zurück ins Leben. Unvermittelt findet man sich jeweils in eine andere Zeit, in eine andere Perspektive geworfen, muss sich neu zurechtfinden und lernt dazu. Langsam ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein ganzes Bild.

Trotz dieser vielen Perspektivenwechsel wirkt das Buch als Einheit, erzählt es die Geschichte eines Lebens, vieler Leben, die miteinander verknüpft waren, immer noch sind. Es stellt Fragen, lässt sie teilweise offen, veranschaulicht sie ab und an im Fortgang der Geschichte. Es zeigt auf, wie Muster das Verhalten prägen und zum Gefängnis werden können, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint. Man sieht von aussen den Ausgang, möchte ihn den Handelnden zurufen, lebt mit, leidet mit und sieht dann die Dinge ihren Lauf gehen – der auch gut ist, weil er den eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. So wie es das Leben wohl tut.

Fazit:

Das Buch packt von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los. Das war Lesevergnügen pur, welches aber auch tief ging, zum Nachdenken anregte. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 438 Seiten

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (25. Oktober 2012)

Übersetzung: Stefanie Werner

Preis: EUR: 12.00 ; CHF 19.90

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012.

 

 

 

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„Nichts ist dümmer und letzlich auch krimineller, als ein kaum angefangenes Leben wegzuwerfen, ohne auch nur zu ahnen, welche Überraschungen und spannenden Erlebnisse es für einen bereithält. Die Sterbezeit beginnt doch erst, wenn Neugierde und Lebenslust dauerhaft nachlassen, wenn der Überdruss unüberwindlich wird“, hörte er des Vaters Stimme von fern her flüstern.

Hat der Vater – in diesem Fall Thomas Mann, wie ihn Michael Degen in seinem Buch „Familienbande“ nach dem Selbstmordversuch seines jüngsten und ungeliebten Sohn Michael sprechen lässt – recht? Ist es dumm und (in einem moralischen Sinne) kriminell, sein Leben eigenständig zu beenden, bevor die Uhr abgelaufen ist? Oder gibt es eine Altersgrenze, welche besagt, dass man es vorher nicht dürfe, danach der Schritt aber akzeptabler wäre? 

In Thomas Manns Familie war Selbstmord keine Seltenheit. Seine beiden Schwestern haben sich umgebracht und zwei seiner Söhne gingen diesen Weg ebenfalls. Klaus wählte diesen Weg wohl aus Verzweiflung, weil trotz seines Talents nichts so gelang, wie er sich das wünschte, weil die Drogen kein Entrinnen zeigten, weil das Leben ihn von einer Enttäuschung in die nächste führte, immer den dominanten und erfolgreichen Vater im Nacken, aus dessen Schatten er nie kam. Michael Mann war erfolgreich.  Als Musiker und als Professor für Germanistik. Und doch beendete er sein Leben lange nach seiner schweren Zeit als ungeliebtes Kind zu Hause bei den Eltern. Konnte er sich nie von den Verletzungen lösen, die dieses kalte und lieblose Elternhaus bei ihm zurückliess?

Darf man einfach dahin gehen und sich umbringen? Hat man das Recht, das Leben, das einem geschenkt wurde, mutwillig zu beenden? Glaubt man an Gott, ist das Leben ein Gottesgeschenk. Sich dem zu entziehen wäre in dem Fall Undank gegen den grossen Schöpfer. Doch was ist, wenn man nicht an Gott glaubt? Wem schuldet man sein Leben? Den Eltern? Haben sie einen gefragt, ob man leben will? Sie haben das für einen bestimmt, wie so vieles mehr im Leben. Sie bestimmen die Religion, in die man hineingeboren wird und in welcher man die ersten Jahre des Lebens verbringt, bestimmen die Regeln, moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen, die im familiären Haushalt gelten und zu befolgen sind. Sie sagen, was gut ist und was schlecht und sie prägen damit ganz massgeblich das Heranwachsen und die Entwicklung einer Persönlichkeit. Irgendwann wird man flügge und entscheidet selber. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und trägt fortan die Verantwortung für sein Leben. Kann man sich aber wirklich ganz lösen? Von allem? Der Blick auf die Familie Mann scheint eine andere Sprache zu sprechen. 

Muss man leben, wenn man dieses Leben nun mal hat? Gibt es eine Pflicht zu leben? Es gibt ein Recht zu leben, dieses Recht ist ein Menschenrecht und niemand darf es einem nehmen. Aber eine Pflicht? Und wenn ich das Recht auf mein Leben habe, habe ich dann nicht auch das Recht auf meinen eigenen Tod? Darf ich nicht frei entscheiden, was ich mit diesem Leben anfangen will, ob ich es weiter führen oder aber beenden möchte? Bin ich kriminell und dumm, wenn ich beschliesse, dass das Leben nicht lebenswert ist für mich, zu hart, zu grausam, zu kalt? Vielleicht auch hoffnungslos?

Bin ich schwach, wenn ich den Weg in den Suizid gehe, weil ich mich feige vor den Herausforderungen des Lebens drücke oder bin ich  mutig, da ich den Weg in den Tod gehe, den Weg also, den die meisten Menschen so sehr fürchten? Welche Angst wäre grösser als die vor dem Tod? Und wenn einer ihn wählt gegen das Leben, wie schwer muss ihm dann dieses Leben gefallen sein?

Muss man jemanden retten, der nicht mehr leben will oder sollte man seinen Entscheid respektieren? Welche Gründe sind Grund genug für diesen Schritt, wo ist er akzeptabel? Nie? Immer? Mal so, mal so?

Suizid ist ein grosses Tabuthema. Er wird als feige, als schwach, als rücksichtslos, als egoistisch gesehen. Immer aber steckt viel Leid dahinter. Leid bei dem, der den Weg wählt. Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er sah sah nicht mehr genug Licht, das ihn hielt, das Dunkel erdrückte ihn. Er sah nicht mehr genug Sinn, fühlte sich nur noch hilflos, ausgeliefert, allein, überfordert. Das Leben war schlimmer als die gröste Angst des Menschen: der Tod.

Nach der Tat ist das Leid beim Umfeld. Im Raum stehen all die offenen Fragen: Hätten wir was tun können? Haben wir versagt? War es unsere Schuld? Haben wir nicht hingeschaut? Wie konnte er uns das antun? Was hat er aufgegeben? Wieso er? Er hatte doch so viel. Und man fängt an zu sehen, was er alles (in den eigenen Augen) hatte. Erfolg, Geld, Familie – all das, was einem selber erstrebenswert vorkommt legt man in die Waagschale des Lebens und sieht den Tod als sinnlos und unverständlich. Vergisst dabei aber, dass der Gegangene wohl eine andere Rechnung hatte. Dass ihm etwas (Lebens-)Wichtiges fehlte. Dass er ohne dieses Etwas das Leben nicht mehr lebbar empfand. Und sich zu einem Schluss entschloss. Für sich.

Ich denke, Selbstmord ist immer egoistisch. Das ist nicht negativ gemeint, sondern soll heissen, dass es nicht gegen jemanden anders gerichtet ist. Mit Selbstmord will man niemandem etwas heimzahlen, keine Rache üben. Es ist eine Tat an sich für sich. Man will sich selber erlösen aus etwas, das man selber nicht erträgt, nicht ertragen will und vermutlich nicht ertragen kann. Die Schuldfrage ist dabei müssig, es kommt wohl zu viel zusammen. Bei den Söhnen Thomas Manns ist man schnell dabei, die Kälte, Härte und Dominanz des Vaters als schuldig zu sehen. Die Söhne zerbrachen daran. Mag sein. War er schuld? Liest man seine Tagebücher, litt er genauso und konnte nicht ausbrechen, kanalisierte sein Leiden im Schreiben. Die Schuld ginge damit eine Generation zurück – der Selbstmord der Schwestern würde diese Schlussfolgerung unterstützen. Und vermutlich könnte man auf die Weise Glied für Glied zurück gehen und sehen, dass keiner aus seiner Haut konnte, jeder aber wohl die Möglichkeit hatte, mit dem Erlebten umzugehen. Die einen schafften es, für sich einen Weg im Leben zu finden, die anderen sahen nur den Tod. Und alle gingen ihren Weg.

Von aussen zu urteilen ist einfach. Man steckt nie drin. Fühlt nie das Leid. Fühlt nie den Schmerz. Schlussendlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Man kann da sein für den anderen, kann helfen, unterstützen, lieben, die Hand bieten. Am Schluss wird man akzeptieren müssen, welchen weg er wählt. Im Leben oder ausserhalb.