Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.  

Lebenskunst: Spiegelungen

«Wende den Blick auf dich selbst und schau, ob du nicht ähnliche Fehler hast.» Marc Aurel

Wenn andere uns enttäuschen, sich nicht so verhalten, wie wir das erwarten, sind wir schnell dabei, sie zu be- und verurteilen. Wir sehen sie als rücksichtslos, weil sie nicht zu Zeiten zu einer Verabredung kamen, herzlos, weil sie zu wenig Anteil an unserem Leid nehmen, chaotisch, weil sie alles überall liegen lassen. Und wir können uns ob dieser (in Tat und Wahrheit nichtigen) Dinge aufregen, zürnen, schmollen. In ganz schwierigen Fällen zerbrechen daran sogar Freundschaften. Und wir sehen uns im Recht. «So nicht», denken wir. «Nicht mit mir.» 

Nur: Geht es uns danach besser? Haben wir uns bei all dem mal gefragt, wieso der andere ist, wie er ist, tut, was er tut. Und vor allem auch: Haben wir uns mal gefragt, wieso uns das so aufregt? Worauf trifft das Verhalten bei uns, dass wir so viel negative Energie aufwenden, ihm zu begegnen? Was ist in uns, das mit diesem Verhalten in Resonanz tritt?  Vielleicht liegt der Ursprung unseres Zorns, unseres Ärgers gar nicht beim andern, sondern bei uns selbst? Vielleicht gibt es da sogar eine Seite in uns, die genau dem entspricht, was wir beim anderen kritisieren. Und wir mögen die Seite an uns selbst nicht und kritisieren uns dafür, versuchen sie zu unterdrücken. Vielleicht auch nicht immer erfolgreich. Wenn dann jemand kommt und genau das lebt, bricht die ganze Kritik, der ganze Ärger über diese Seite aus uns heraus und trifft den anderen. Könnte das nicht sein?

Tagesgedanken: Frei handeln

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“

(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Ich habe (ziemlich hohe) Ansprüche an mich und mein Tun und strebe danach, diese zu erfüllen. Gelingt es mir nicht, kommt eine Unzufriedenheit auf, eine innere Stimme schilt mich einen Versager, spornt mich an, es noch härter zu versuchen, noch mehr Einsatz zu leisten. Es geht mir nicht gut damit. Wo kommt diese Stimme her. Wessen Stimme habe ich da verinnerlicht? Und ich frage mich weiter, wie frei ich eigentlich bin in meinem Tun und Sein. Tue ich alles, was ich tue, aus mir heraus, oder versuche ich, äussere Anforderungen, Ansprüche zu erfüllen? Will ich etwas beweisen, gut dastehen, und handle aus dieser Motivation heraus? Wessen Ansprüche sind es? Die der Gesellschaft? Des Vaters? Des Chefs?

Im Alltag tun wir vieles aus Gewohnheiten und Prägungen heraus. Unsere Reaktionen auf Umstände, unser Umgang mit Herausforderungen sind selten reflektierte Handlungen, sondern automatisierte Abläufe. Ebenso ist es mit unseren Wünschen und Zielen: Geprägt von unserem Leben, unserer Herkunft und unserer Kultur haben wir Werte und Anforderungen verinnerlicht, denen wir zu entsprechen versuchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, in gewissen Bereichen ist es sogar sinnvoll und gut für ein gelingendes Miteinander. Wichtig ist dabei jedoch, sich dessen bewusst zu sein.

Es hilft mir, immer wieder innezuhalten und auf mein Leben zu schauen: Was will ich wirklich? Und ich schaue auf meine Wünsche und Ziele, versuche herauszufinden, wo sie herkommen und ob sie wirklich meine sind. Will ich, was ich tue, für mich? Versuche ich, jemandem zu gefallen? Erfülle ich einen alten Anspruch? Versuche ich, Anerkennung zu erhalten durch mein Tun? Die Frage nach dem Wozu hilft, das aktuelle Tun zu hinterfragen und mit meinen wirklichen Wünschen abzugleichen: Wo will ich hin? Was erwarte ich vom Leben für mich? Lebe ich wirklich mein Leben?

Manchmal komme ich dann zum Schluss, dass ich von meiner eigenen Spur abgekommen bin. Was nun? Zuerst ist es sicher wichtig, hinzusehen, wieso ich an den Ort gelangt bin, an dem ich nun bin: Waren es Muster und Prägungen, die mich geleitet haben? Waren die äusseren Umstände so gelagert, dass nur dieser Weg möglich schien oder war? Gab es andere Gründe, die meinen eigenen Wünschen und Zielen nicht entsprachen, die mich aber angeleitet haben? Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, meine eigenen Wünsche zu verwirklichen: Was kann ich nun tun, um meinen Kurs zu korrigieren? Was brauche ich dazu? Und dann gehe ich weiter – auf meinem Weg.

Tagesgedanken: „Erkenne dich selbst“

Ich bin teilweise zu impulsiv. Etwas passiert, fällt auf einen Boden, der durch Muster und Prägungen vorbereitet, mit Ängsten und (Selbst-)Zweifeln gepflastert ist, und schon explodiert von tief innen etwas und bricht aus mir heraus. Kurze Zeit später kommt die Einsicht, dass dies erstens unnötig, zweitens unangemessen und drittens beschämend war. Das innere Hadern um das eigene Fehlverhalten, das neben der Erkenntnis, eine Zumutung für die Welt und mich selber zu sein, setzt sich auf den Boden der Prägungen und verstärkt die eigenen Ängste und (Selbst-)Zweifel und schon haben wir das Perpetuum Mobile des eigenen Unglücks beisammen. 

„Erkenne dich selbst“ steht am Apollotempel in Delphi geschrieben. Heraklit hat den Gedanken auch geäussert:

«Allen Menschen ist es zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.»

 In dieser Selbsterkenntnis liegt die Chance, Möglichkeiten von Wandlungen zu erkennen. 

„Denn nur was Innen erkannt und integriert ist, verhindert, dass es sich aus dem Unbewussten nach Aussen wendet und uns dort schicksalshaft gegenüber tritt. Es lässt sich dauerhaft keine Versöhnung und kein Frieden mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen herstellen, wenn ich im Innen nicht von mir selbst erkannt bin und den grossen Schritt zur Versöhnung mit mir selbst gewagt habe.“

Versöhnung ist wohl ein zentraler Punkt. Wenn ich nicht mit mir versöhnt bin, wird das innere Hadern, Zweifeln, Nagen immer wieder neuen Boden für Verhaltensweisen legen, die nicht der Situation, sondern eigenen Wunden geschuldet sind. Diese Wunden zu erkennen, hilft, mit mir selber und mit anderen in eine wirkliche Beziehung zu treten, die aus dem Moment heraus gelebt ist und nicht aus blinden Tiefen heraus immer wieder torpediert wird. Das Gute daran: Wir können es aus uns heraus schaffen, denn nur in uns liegt der Hund begraben:

„Aus der Kraft des Geistigen geben wir uns selbst die Freiheit, das zu werden, was an Möglichkeiten in uns ruht…. Der Gedanke allein schon führt zur Wandlung und Verwandlung. Gedanken schaffen Wirklichkeit.“

Wir leben in einer Welt der Machbarkeit, des Strebens nach mehr, das auch vor einem selbst nicht halt macht. Selbstoptimierung ist das Ziel, dazu stellen wir uns täglich auf die Waage, um ja die Kontrolle zu bewahren, zählen unsere Schritte und den Puls kontinuierlich durch Uhren am Arm, die gleichzeitig auch noch das Geschehen der Welt ständig bereit halten und die eigene Erreichbarkeit rund um die Uhr garantieren. Kein Wunder, gehen wir hart ins Gericht mit uns, wenn wir nicht so funktionieren, wie es unserem idealen Selbstbild und den gefühlten Erwartungen von aussen entspricht.

Was dabei verloren gegangen ist, ist die Demut, das Wissen um die eigenen Grenzen, die Einsicht, dass Idealvorstellungen genau das sind: Vorstellungen. Albert Schweizer sagte einst:

«Alles Leben ist heilig.»

Dazu muss es nicht perfekt oder ideal sein, es reicht sich auf die eigenen Möglichkeiten zu besinnen und diese nach besten Kräften zu verwirklichen – immer im Wissen, dass man dabei auch scheitern kann, was aber kein Weltuntergang ist, sondern nur der Ansporn, es weiter zu versuchen. Das bedarf der immer wiederkehrenden Innenschau, des Nachdenkens über sich und sein Sein.

«Das Denken führt in die Bewältigung des Gegebenen und Gewordenen.»

Und aus der Erkenntnis können wir wachsen. Nicht zu einem Ideal, aber zum besten Ich, das wir sein können und wollen. Das mag nicht allen anderen gut genug sein, weil es deren Idealvorstellungen von Menschen nicht entspricht, nur ist es nicht unsere Aufgabe, diesen zu entsprechen.

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Buchempfehlung: Claus Eurich: Endlichkeit und Versöhnung, Claudius Verlag, München 2011. (Alle Zitate ausser dem von Heraklit stammen aus dem Buch)

Der Weg zum besseren Selbst

„Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

Nietzsche prägte einst den Spruch, dass uns das, was uns nicht umbringt, stärker mache. Ich kam im Leben oft an Punkte, wo ich dachte, dass ich nicht mehr kann, nicht mehr mag, dass ein Punkt erreicht sei, an dem es nicht weiter geht. Doch: Es gab keine Alternative. Irgendwie. Und ja, es ging weiter. Ich bin wohl nicht an allem gewachsen, ich bin bei weitem nicht für alles dankbar, und doch haben mich all die Situationen eines gelernt:

Ich kann mehr, als ich mir zutraue.

Wir wachsen an unseren Herausforderungen. Ich hätte auf so einiges in meinem Leben gerne verzichtet. Und doch hat es mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich bin noch immer ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit Höhen und Tiefen, mit Fähigkeiten und Schwächen. Ich höre oft, wenn ich etwas schreibe:

So einfach ist das nicht!

Oder aber man denkt, dass ich alles, worüber ich schreibe, gross überwunden hätte und nun wie im Märchen selig bis zum Lebensende lebe. Weit gefehlt. Ich habe lange geforscht, viel gelesen, pflege eine langjährige Praxis der Einkehr und Innenschau auf unterschiedlichen Pfaden. Ich habe dadurch einiges erkennt, vieles ergründet, manches auch durchschaut. Aber die Überwindung braucht Zeit, sie braucht Praxis. Es ist ein Weg. Und dieser beginnt mit dem Erkennen. Das ist aber erst der erste Schritt.

Sein eigener Steuermann sein

„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
erkennen; denn er mißt nach eignem Maß
sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
das Leben lehret jeden, was er sei.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Wie oft stossen wir im Leben immer wieder auf gleiche Situationen und oft wissen wir nicht, wie es kommen konnte. Wieso streiten wir immer wieder – auch mit unterschiedlichen Menschen – über gleiche Themen? Wieso fühlen wir uns unverstanden? Wieso fühlen wir uns in gewissen Umgebungen unwohl und wollen gewisse Dinge einfach nicht gelingen? Ein grosser Teil liegt wohl daran, dass wir unseren eigenen Anteil daran nicht erkennen. Wir sind für unsere eigenen Muster und Eigenheiten oft betriebsblind, gehen nach altbewährten und lange eingefahrenen Mustern durchs Leben, ohne bewusst hinzusehen, was wir da tun. Teilweise können wir es nicht sehen, teilweise wollen wir auch nicht, denn: Wer gräbt schon gerne im eigenen Sumpf? Man könnte drin versinken.

Oft brauchen wir einen Spiegel von aussen, um uns wirklich zu sehen. Wir erhalten ihn durch Beziehungen. Wenn diese immer wieder an ähnlichen Stellen schwierig werden, können wir irgendwann die Augen nicht mehr davor verschliessen, was abläuft. Und: Es wird uns auch bewusst, dass es nicht einfach abläuft, sondern dass wir aktiv daran beteiligt sind. Nicht willentlich vielleicht, aber doch agierend.

Wenn wir wirklich hinschauen, wahrnehmen was passiert, erkennen, was wir dazu beitragen, dann haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir das Steuer selber in die Hand nehmen und uns so verhalten, wie wir es wirklich wollen. Wir sind nicht nur die Marionetten unserer Prägungen und Muster aus der Vergangenheit, sondern frei(er) agierende Menschen, die aufgrund ihrer Überzeugungen und Werte handeln.


Es liegt dabei auf der Hand, dass dies nicht alles von einem Tag auf den anderen klappen wird, was sich lange eingebrannt hat, braucht auch Zeit, wieder zu verschwinden. Aber: Je früher wir damit anfangen, desto besser sind die Chancen, dass es gelingt.

Den Mut haben, sich dem eigenen Leiden zu stellen

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du auf etwas reagiert und dich im Nachhinein gefragt hast: „Was hat mich da geritten?“ Dann fallen dir spontan mehrere Möglichkeiten einer besseren Reaktion ein – alles Möglichkeiten, die du nicht gewählt hast, weil du aus dem hohlen Bauch heraus, ohne innezuhalten oder nachzudenken, spontan reagiert hast.

Was also hat dich geritten? Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Wir haben etwas erlebt, das schmerzhaft oder unerfreulich war, haben beschlossen, das aus unserem Bewusstsein zu verbannen, weil wir nicht mehr weiter leiden wollten. Wir haben es verdrängt. Nur: Alles, was wir verdrängen, ist nicht einfach weg. Es tobt fortan in unserem Unterbewusstsein weiter. Und es kommt just dann wieder hervor, wenn etwas passiert, das in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten hat mit dem, was wir verdrängen. So passiert es, dass wir in aktuellen Situationen nicht auf das reagieren, was wirklich ist, sondern darauf, was wir in die Situation hineinlesen aufgrund vergangener Erfahrungen.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, weil wir sie auf diese Weise nicht los werden. Im Gegenteil: Sie bringen von da, wo sie sind, nur noch viel mehr Leid und Schmerz, da sie uns immer wieder neu in Situationen bringen, in denen wir das nochmals erleben, was wir eigentlich verdrängen wollten. Erst wenn wir uns dem Ganzen stellen, wenn wir hinschauen, analysieren, akzeptieren und verarbeiten, können wir frei werden davon. Nicht immer ein einfacher Weg, schon gar nicht der des geringsten Widerstandes, aber einer, der auf mittel- und langfristige Sicht Heilung und Wachstum mit sich bringt. Nur wenn wir uns bewusst sind, was in uns vorgeht, nur wenn wir genau hinschauen, können wir auf Situationen reagieren, wie sie sind, anstatt immer wieder in alte Muster zu verfallen und von neuem zu leiden.

Raus aus der Opferrolle

„Heute bin ich allen bedrückenden Umständen ausgewichen, besser gesagt, ich habe mich von ihnen befreit, denn der Druck kam nicht von aussen, sondern von mir und meinen Annahmen.“ (Marc Aurel)

Wenn etwas nicht gelingt wie gewünscht. suchen wir dafür Gründe – und oft auch Schuldige. Zweitere finden wir schnell:
Die Eltern sind schuld für die eigenen Schwierigkeiten mit dem Leben und wenn dieses nicht herausgekommen ist wie gewünscht. Dem Chef schieben wir die ausgebliebene Karriere in die Schuhe und dem Exfreund, der uns schlecht behandelt hat, das mangelnde Vertrauen in folgenden Beziehungen.

Nur: So lange wir uns als Opfer von Situationen oder Menschen sehen, werden wir genau das auch bleiben: Opfer. Dabei merken wir nicht, dass wir selber es sind, die uns zu diesem Opfer machen, indem wir uns all diese Geschichten erzählen. Bei den Eltern sind wir längst ausgezogen, hätten also spätestens beim Auszug die Gelegenheit gehabt, von nun an eigene Wege zu gehen. Der Chef mag vielleicht kein Sympathieträger sein, aber ist er wirklich schuld, wenn unsere Karriere nicht läuft, wie wir uns das wünschen? Könnte es nicht auch an unserer Haltung zum Chef oder aber zur eigenen Arbeit liegen, dass wir nicht weiter kommen? Könnten wir daran etwas ändern? Und wenn nicht, wäre eine Änderung des Arbeitsumfeldes oder gar der Tätigkeit möglich? Schliesslich: Der Exfreund ist Geschichte, wieso also geben wir ihm so viel Macht über unser heutiges Leben? Wieso hadern wir noch immer mit dem, was war, anstatt nach vorne zu schauen und einem neuen Menschen eine wirkliche Chance zu geben?

Es sind selten die äusseren Umstände, welche uns leiden lassen, sondern mehrheitlich ist es unsere Haltung zu diesen: Statt auf das Leben heute zu schauen und die Dinge, die passieren, anzunehmen und zu schauen, wie wir konstruktiv damit umgehen könnten, lassen wir uns in eine Gedanken- und Gefühlsspirale ziehen, aus der nur eines resultiert: Leiden. Nur wenn wir das erkennen, haben wir die Möglichkeit, diese Spirale zu durchbrechen. Dann sind wir in der Lage auf die Dinge, wie sie sind, zu reagieren im Hier und Jetzt, statt im Aussen einen Schuldigen aus der Vergangenheit zu suchen und uns in unserer Opferrolle zu suhlen. So kann es gelingen, aus Negativspiralen auszubrechen und vom Opfer zum Steuermann des eigenen Lebens zu werden.

Eigene Wege gehen

„Glaube an deine eigenen Gedanken.“ (Ralph Waldo Emerson)

Wir suchen uns oft Autoriäten im Leben, die uns dann sagen sollen, wo es lang geht. Früher hatten Religionen diese Aufgabe, heute sind es Eltern, Lehrer, Gurus, Coaches – Menschen, die sagen, dass sie wüssten, wie der Hase läuft, Menschen, die dich glauben machen, dass es dir gut geht, wenn du ihnen und ihren Anleitungen folgst.

Wir folgen gerne, denn wieso erst einen eigenen Weg trampeln, wenn uns schon jemand die Arbeit abgenommen hat und ihn uns nun zeigen kann? Wieso sollen wir uns erst selber Gedanken machen? Erstens wüssten wir nicht, ob sie richtig sind, wir würden sie also bezweifeln, zweitens steht da jemand, der siegesgewiss lächelnd den Erfolg zu garantieren scheint.

Dabei gibt es nur ein Problem: Jeder kann uns seinen Weg zeigen, nur den eigenen Weg kennt man nur selber. Er ist in einem angelegt und wartet da auf Entdeckung. Indem wir uns immer mehr nach aussen wenden, verlieren wir immer mehr das, was wir eigentlich sind und tun wollen. Wir orientieren uns an fremden Wegen, eifern Vorbildern nach, kopieren die, welche wir verehren. Dabei bleiben wir selber teilweise auf der Strecke. Niemand sagt, wir müssten den Weg alleine gehen, aber: Wenn wir einen eigenen Weg gehen wollen, dann finden wir den nur in uns selber. Andere Menschen können uns vielleicht dabei helfen, ihn zu suchen, sie können uns beim Gehen begleiten, aber nie können sie ihn uns zeigen, ihn für uns gehen, für uns entscheiden, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Das können wir nur selber tun.

Wenn wir uns also wieder einmal auf die Wegessuche machen, gilt es, die eigenen Gedanken zu erforschen. Aus ihnen können wir den Weg lesen. Danach gibt es nur noch dies: An diesen Weg glauben und ihn gehen. Zielstrebig, mit Mut, Zuversicht, Ausdauer und Vertrauen.

Die eigenen Muster erkennen

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Wie gehe ich mit Stress um? Wie reagiere ich auf unangenehme Situationen? Wie benehme ich mich bei Auseinandersetzungen?

Oft gehen wir durchs Leben und reagieren spontan auf dieses und auf die Menschen. Alles läuft nach einem Automatismus ab, wir brauchen nicht nachzudenken. Das mag in gewissen Situationen hilfreich sein, da es einerseits Zeit spart, andererseits das Leben leichter macht. Es kann aber auch zu einer Belastung werden, nämlich dann, wenn wir uns immer wieder in ähnlich unliebsamen Situationen wiederfinden durch unsere Reaktionen und nicht wissen, wie das passieren konnte.

Es gibt nur einen Weg, das zu ändern: Wir müssen ergründen, was genau passiert, dass wir immer wieder in gleiche Verhaltensfallen tappen. Wir müssen dazu quasi Licht ins Dunkel unserer Muster und Prägungen bringen. Tun wir das nicht, bleiben wir Sklaven unserer Gewohnheiten, wir sind ihnen hilflos ausgeliefert. Erst wenn wir herausfinden, was uns in gewissen Situationen auf eine nicht sinnvolle Weise reagieren lässt, können wir daran arbeiten.

Es wird nicht ausbleiben, dass auch wenig angenehme Wahrheiten über uns ans Tageslicht kommen, weswegen der Blick ins eigene Innere auch Mut kostet. Aber: Er lohnt sich. So tief die eigenen Abgründe auch sein mögen, erst wenn wir sie erkennen, können wir daran arbeiten, sie zu überwinden. Dann kann es uns gelingen, vormals blindes Tun in bewusstes Verhalten zu verändern und damit aus der Spirale der ewig gleichen Abläufe auszubrechen.

Was ich denke, bin ich

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir unsere Welt.“ (Buddha)

Wieso habe ich mich so blöd verhalten? Wieso ist mir bloss dieser Fehler unterlaufen? Was bin ich doch für ein Idiot? Keiner wird mich mögen, wenn ich mich so anstelle…. Die Reihe liesse sich beliebig erweitern und wohl kaum jemand, der nicht schon mal so von sich gedacht hat.

Den ganzen Tag schiessen Gedanken durch unseren Kopf. Die meisten davon nehmen wir nicht mal bewusst wahr, sie kommen, gehen und sind weg. Doch: Ganz weg sind sie nicht, sie haben eine Spur hinterlassen, eine, die wir nicht sehen, nicht direkt fühlen, die wir aber irgendwann wahrnehmen, weil wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten – und teilweise nicht wissen, wieso wir das so tun.

Wenn wir uns die Zeit nehmen, mal genau hinzuschauen, wenn wir uns unserer Gedanken bewusst werden, sehen wir, was wir uns den ganzen Tag erzählen – und: Die Botschaften sind nicht immer nett, oft sind sie auch abwertend, verurteilend, destruktiv. Wenn diese negativen Selbstbewertungen unbewusst bleiben, nagen sie nur tief in uns, wir können kaum etwas dagegen oder damit anfangen. Erst wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wir lernen, besser damit umzugehen. Aber: Es wäre falsch, uns für negative Gedanken zu verurteilen, damit täten wir das Gleiche nochmals. Stattdessen sollten wir besser versuchen, liebevolle und mitfühlende Gedanken für uns selber aufzubringen, um so Positives zu säen.

Je öfter wir uns bewusst werden, was wir tun und versuchen, uns liebevoll zu behandeln, desto mehr positive Spuren legen wir in uns an, die sich vertiefen, verfestigen, zu neuen Denkgewohnheiten werden und sich schliesslich ganz in unserem Sein niederlassen.

An mich selber glauben

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

„Das kann ich nicht! Das schaffe ich nie!“

Ich erinnere mich an eine Motorradtour, bei der ich zum ersten Mal einen Beifahrer auf dem Motorrad hatte. Obwohl ich ein guter und sicherer Motorradfahrer bin, traute ich mir das zusätzliche Gewicht nicht zu und fand xxx Gründe, wieso das nicht gehen, wo ich Probleme haben oder anstehen könnte. Diese Gründe erzählte ich natürlich auch allen, die sie hören oder nicht hören wollten…

Kennst du das auch? Eine schwierige Aufgabe steht an, eine Prüfung, auf die du zwar geübt hast, aber trotzdem nicht an ein gutes Ergebnis glaubst – und schon sind die Gedanken da. Oder da ist da dieser nette Nachbar, den du dich trotz seines netten Lächelns nicht anzusprechen traust, zu überzeugt bist du, einen Korb zu bekommen. Nur: Wieso denkst du so?

Oft stellen wir uns vor, wie die Dinge misslingen, weil wir nicht an uns selber glauben. Wir trauen uns die Dinge nicht zu und werten uns schon im Vorfeld ab. Zudem: Wenn wir dann wirklich versagen, können wir uns immerhin darauf berufen, es ja gewusst zu haben. Zudem: Wie würde es andersrum auch aussehen, wenn wir dahin gingen und stolz verkündeten, die nächste Prüfung mit Bravour zu bestehen, Herausforderungen mit links meistern zu können? Wären wir dann nicht Aufschneider? Gehört es nicht zum guten Ton, etwas tiefzustapeln? Erhoffen wir uns dadurch nicht auch Sympathien. Unser Gegenüber wird sich hüten, uns im Negativen zu bestätigen, sondern gleich Gegensteuer geben und uns aufbauen. Uns quasi eine positive Haltung uns gegenüber zeigen.

Wozu wir in der Lage sind, zeigt sich immer erst dann, wenn eine Situation eintritt. Leider erfüllen sich Prophezeiungen oft und unsere Unkenrufe werden wahr. Wir haben zu wenig an uns geglaubt und dann auch zu wenig investiert. Es ist, als ruhten wir uns auf unserem eigens bereiteten Bett aus und wunderten uns dann, dass wir wirklich einschlafen.

Wirklich bringen tut uns das wohl alles nichts. Die durch die eigene Abwertung bekommene Zuwendung gilt nicht uns und unserem wirklichen Können, es ist eher eine der Situation geschuldete Spontanreaktion. Zudem ist Tiefstapeln nicht wirklich Bescheidenheit, sondern oft nur mangelndes Selbstwertgefühl, Angst oder gar ein Vorwand, nicht zu viel investieren zu müssen, da ein Erfolg sowieso aussichtslos erscheint – statt es einfach zu probieren (und eventuell sogar zu reüssieren…)

Wenn ich mir das nächste Mal also einrede, etwas nicht zu können oder zu schaffen, wieso schiebe ich dann nicht diese Gedanken zur Seite und tue es einfach?

(Die Fahrt mit meinem Sozius verlief übrigens problemlos, ich hätte mir viel ersparen können vorher, wenn ich einfach an mich geglaubt hätte).

Vor der eigenen Türe kehren

„Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.“ (Mahatma Ghandi)

Wenn der andere nur ein wenig anders wäre, wenn er sich nur ein bisschen ändern könnte, wäre das Zusammenleben viel leichter. Wer hat nicht schon so gedacht und sich gleich daran gemacht, Änderungswünsche anzubringen. Leider ist es eine alte Weisheit, dass man andere kaum ändern kann – ändern kann man nur sich selber.

Änderungswünsche an andere Menschen bringen meist nur Unfrieden und vergiften das Klima. Der andere denkt, er sei so, wie er ist, nicht in Ordnung, was ihn sicher nicht in Freudentaumel ausbrechen lässt. Zudem ist man selber immer mehr enttäuscht, wenn trotz mehrfacher Aufforderung keine Veränderung sichtbar wird.

Was also tun? Veränderungen fangen bei einem selber an. Statt beim nächsten Streit Veränderungen beim Gegenüber zu fordern, könnte man sich auch fragen, was man selber ändern könnte, um zukünftig Streitigkeiten zu vermeiden. Meist tragen immer zwei zu einem Streit bei – was ist der eigene Anteil? Und: Kann ich daran etwas ändern? Dabei geht es nicht um Komplettveränderungen oder gar das Verleugnen ganzer Wesenszüge. Oft sind es eigene Seiten, die man selber an sich nicht mag, unbewusste Verhaltensmuster, die uns auf eine Weise reagieren lassen in Situationen, die weder der Situation angemessen noch einem friedlichen Miteinander zuträglich sind.

Wenn ich also wieder einmal die Welt verändert sehen möchte, frage ich mich: Lebe ich selber so, wie ich es mir von den anderen Menschen auf dieser Welt wünsche?

Ausbruch aus der negativen Spirale

„Ein grosser Teil des Leidens ist hausgemacht.“ (Dalai Lama)

Das Wetter ist schlecht, obwohl ich Pläne habe, eine Verkäuferin bedient mich unfreundlich oder gar nicht, ein Freund sagt etwas zu mir, das mich verletzt – die Liste liesse sich endlos weiter ziehen. All diesen Situationen gemeinsam ist, dass sie nicht so waren, wie ich sie mir gewünscht hätte. Ich litt. Und: Obwohl die Situation nun vorbei ist, leide ich weiter. Weil ich sie nicht aus den Gedanken verbannen kann, sondern diese ständig weiter um die ganze Sache drehen.

Ist nun wirklich die Situation an meinem Leiden schuld? Oder trage ich nicht zumindest eine Mitschuld? Es gibt Dinge, die ich schlicht nicht ändern kann. Da aus anderen Erwartungen heraus mit dem Schicksal zu hadern, bringt wenig mehr als Leiden – und das ist selbstgemacht. Und auch wenn Situationen unschön sind, wenn sie vorbei sind, könnte ich sie abhaken. Doch ich halte sie fast krampfhaft am Leben durch meine Gedanken. Ich erzähle mir immer und immer wieder, was mir passiert ist, erzähle es auch anderen und ärgere mich bei jedem Erzählen von Neuem. Ich verfange mich selber in einer negativen Spirale und lasse nicht los.

Wenn das wieder mal passiert, könnte ich auch anders reagieren? Könnte ich nicht hinschauen und mich fragen, ob das alles wirklich nötig ist, was ich tue? Was bringen mir die negativen Gedanken bezüglich des Wetters? Wäre es nicht sinnvoller, ein Alternativprogramm zu suchen? Und selbst wenn ich gefrustet bin: Wieso halte ich diesen Frust fest, selbst wenn der Tag gelaufen und eigentlich ein neuer, schöner Tag da ist? Gehören all die negativen Gefühle, die ich immer wieder heraufbeschwöre, wirklich ins Hier und Jetzt oder produziere ich sie selber durch meine Gedanken? Könnte ich damit aufhören? Gäbe es aktuell etwas Erfreuliches, an das ich viel lieber denken würde?

Erkenne dich selbst

„Gnothi seauton – erkenne dich selbst!“ (Inschrift am Apollotempel in Delphi)

Wer bin ich und wer will ich sein? Wie reagiere ich in schwierigen Situationen? Welche Motive stecken hinter meinen Handlungen?

Eigentlich einfache Fragen, doch sind sie selten leicht zu beantworten. Oft laufen wir mit einer Art Autopilot durchs Leben, unsere Reaktionen kommen aus dem Affekt, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, auch viele Handlungen sind zu Automatismen geworden, so dass wir nicht mehr darüber nachdenken, was wir wann tun – wir tun es einfach aus einer Gewohnheit heraus. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, da es uns den Alltag erleichtert, genauer hinschauen müssen wir nur, wenn wir immer wieder in ähnliche Situationen geraten, die uns nicht gut tun: Bei Streit in der Partnerschaft, Konflikten im Büro oder auch eigenen Reaktionen auf Situationen, die im Nachhinein eher zu unserem Schaden sind.

Was ist mein Anteil an dem Ganzen? Woher kommt mein Verhalten? Und wenn man das erst mal erkannt hat, kann man das verändern, was zu leidvollen Situationen führt. Das mag nicht immer einfach sein, sind die eigenen Verhaltensmuster doch tief eingeprägt und Veränderungen brauchen immer Zeit und Anstrengung, aber: Es kann helfen, wenn man sich bewusst ist, in welchen Situationen gewisse Muster auftreten, um dann statt gleich zu reagieren, erst mal durchzuatmen. Das verschafft Zeit, die eigene Reaktion zuerst zu überdenken, um sie gegebenenfalls anzupassen.

Und: Wenn es mal nicht gelingt: Die nächste Gelegenheit wird kommen.