Nicht ohne meinen Philosophen

Wenn ich früher jemandem erzählte, dass ich Philosophie studiere (und Germanistik dazu), kam postwendend die Frage: „Was macht man denn damit?“ Spätestens seit Precht weiss man, dass man bei entsprechendem Aussehen im Fernsehen als Allerwelt- und Für-alle-Themen-Philosoph gross rauskommen kann. Und nein, ich bin kein Precht-Verächter, ich finde gut und sinnvoll, was er tut und wie er es tut. Ich finde es grossartig, wie er es schafft, relevante Themen in einer Weise aufzubereiten, die zwar nicht neu, aber verständlich ist. Viele werfen ihm den ersten Teil vor, nur: Es ist alles schon mal gedacht worden, wirklich neu ist wenig. Was neu wäre, wenn all das Gedachte mal ankäme und zur Umsetzung gelangte. Aber das ist eine andere Baustelle, die hier heute nicht Thema ist.

Da nun nicht alle Fernsehphilosophen werden können, bleibt die Frage noch immer da. Und nun kam die neue Lösung: Grosse Konzerne wie Google, Facebook und Konsorten heuern Philosophen an. Sie sollen nicht etwa die 1673. Version der internen Firmenethik verfassen, sondern den Unternehmen aus einer Sinnkrise helfen. Nun machen sie alles so gut und doch wandern die Jungen ab… es geht ihnen also etwa so wie Müttern von Pubertierenden. Und nun soll die vormals verschmähte Philosophie helfen.

Das klingt nun vielleicht eher polemisch, und ja, ich bin mit mir selber im Zwiespalt. Eine Seite würde gerne jubeln und sagen: „Das sage ich doch schon lange. Schon Platon sagte es…“ Die andere ist skeptisch. Oft, wenn etwas zum grossen Retter erklärt wird – gerade, wenn es ein vormals belächeltes Objekt war (Subjekt liess man es kaum je werden) -, sind das Momentaufnahmen aus einer Verzweiflung. Und die ebbt irgendwann ab. Oder aber sie flacht die Inhalte des Hochgejubelten ab, indem denen die Tiefe genommen und sie mit plakativen Sprüchen mehrheitstauglich gemacht werden. Beides würde ich der westlichen Philosophie nicht wünschen (die östliche ging den Weg im Westen schon zu sehr, wie ich finde).

Ich bin durchaus der Meinung, dass was gehen muss. Und ich bin ebenso der Meinung, dass die Philosophie helfen könnte. Der Blick auf den Menschen und was ihn ausmacht, sollte gerade in einer Zeit, in der Maschinen zum Konkurrenten werden, ein zentraler werden. Wir müssten uns fragen, was wir eigentlich haben, das uns einzigartig macht, was wir fördern, leben müssen, weil es uns hilft, als Menschen unter Menschen zu bestehen. Aktuell sind wir wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft: Wir pochen auf Wissen, das jede Maschine besser memoriert, lehren Dinge, die von Maschinen genauso gut, wenn nicht besser ausgeführt werden könnten. Was wir immer mehr vernachlässigen? Sozialkompetenzen, Werte, Beziehungen – das ganze meschliche Dasein da, wo nicht mehr Fakten und Zahlen zählen, sondern das Miteinander, das Sein im Dasein und das Fühlen desselben.

Das mag nun sehr esoterisch angehaucht klingen, ist aber alles andere als so gemeint. Ich bin ein sehr rationaler Mensch, der aber auf die ganz harte Tour gelernt hat, was fehlende Beziehungen und Zugewandtheit (in der Schule und privat) auslösen können. Und es gibt Studien, die das belegen. Der Mensch ist ein Beziehungstier. Der Mensch ist sozial. Ohne soziale Beziehungen geht der Mensch ein. Und genau das ist seine Schwäche. Und seine Stärke. Genau da hebt er sich von Maschinen ab. Maschinen können (fast) alles. Aber sie sind NIE sozial. Sie sind berechnet berechnend. Nun sind auch Menschen durchaus ab und an berechnend. Ich denke aber, sie sind es, weil sie in einem System aufwachsen, das aus Menschen Maschinen machen will.

Nur: Wir kommen nun in eine Zeit, in der Maschinen immer überlegen sein werden. Wenn es darum geht, Maschine zu sein. Vielleicht ist genau das das Glück. Der Mensch muss sich zurück besinnen. Auf sich. Und vielleicht ist es ein Glück, dass man irgendwann merkt, dass man das schon ganz früh tun sollte. In der Schule. Kinder müssen keine kleinen Computer sein, sie müssen Menschen bleiben dürfen. Kürzlich las ich einen Artikel* darüber, dass spielen das Hirn mehr fördert als jede Förderung (die Punkte könnte man gut weglassen, es sind immer Forderungen dahinter). Das wusste schon Schiller, wenn er sagte, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Wir aber schaffen das Spiel immer früher ab, indem wir Kinder in die Frühförderung schicken, den Kindergarten verschulen. Wir entmenschlichen den Mensch und nehmen ihm damit die einzige Chance, die er hat, gegen Maschinen zu bestehen.

Vielleicht haben Google und seine Freunde doch recht: Philosophen an die Macht! Ich denke aber nicht. Es bräuchte nur ein wenig gesunden Menschenverstand und ein Herz auf dem richtigen Fleck. Und dann den Mut, alte Wege zu verlassen. Das wünsche ich mir.

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*https://mymonk.de/spielen-lassen/?fbclid=IwAR17GvT_6penv0RHI2FKVaf1M4W63KdQ5Ifm4az0kxDdaO0Z2i8r6fKPLxk

Lernen als Bedürfnis – mit Haltung zum Gelingen

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Digitalisierung und Bildung

Nutzte man früher Papieragenden, verwaltet man heute die Termine elektronisch. Papierbücher sehen sich in Konkurrenz mit eReadern, Bibliotheken mit Buchbeständen rüsten um. Der Liebesbrief weicht der eMail, Anrufe werden durch Whatsappnachrichten ersetzt. Wir sind angekommen – in der digitalen Welt.

Die oben genannten Veränderungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Dass ich heute auf meinem iPad herumtippe, statt auf Papier zu kritzeln, heisst noch wenig. Digitalisierung geht weiter.

Anfänge der Digitalisierung
Anfänglich ging es in der Tat darum, analog verfügbare Daten digital zugänglich zu machen. Erstens sind digitale Daten einfacher zu teilen und von überall einzusehen, zweitens stellen sie auch eine Sicherung von teilweise dem Verfall ausgelieferten Beständen dar. Zudem ist es einfacher, in digitalen Dokumenten zu suchen als analog. Auch die Verarbeitung ist deutlich einfacher und auch umfangreicher möglich. Dass das Ganze noch zusätzlich Platz sparte, kam obendrauf. Digitalisiert wurden Texte, Bilder, Tondokumente, Filme.

Die Digitalisierung oben genannter Daten führte zu einer ständig verfügbaren, von überall und zu jeder Zeit zugreifbaren Masse an Wissen. Eine Gefahr für den Menschen. Was eine Maschine weiss, die systematisch mit Wissen gefüllt werden kann, übersteigt um ein Weites das, was ein Mensch sich merken kann. Die Maschine vergisst nicht (es sei denn, das System liegt ab, aber dafür gibt es Backups, die ja hoffentlich jeder regelmässig macht). Der Mensch vergisst nicht nur, er kann sich schon viel gar nicht merken. Schon gar nicht so schnell und schon gar nicht endlos und umfassend.

Unser Schulsystem
Schaut man auf unsere Lehrpläne, sieht man hauptsächlich eines: Was an Wissen muss in welchem Zeitraum in Kinderköpfe gepaukt werden. Man behandelt Kinder also wie Computer, indem man sie mit Wissen füttert, das sie dann auf Abruf wieder ausspucken müssen. Das mag kurzfristig bei Prüfungen noch gelingen (ob es sinnvoll ist, sei dahingestellt und wird hier nicht weiter thematisiert), mittel- und langfristig führt es nur zu einem: Wir bilden unsere Kinder zu Unterlegenen aus. Kein Kind wird je mit einem Computer mithalten können. Wenn das Kind mit all dem angehäuften Wissen aus der Schule kommt – und wir gehen vom Optimalfall aus, dass es noch alles weiss, nichts vergessen hat – , wird es nie mit der abrufbaren Informationsmasse eines Computers mithalten können.

Was heisst das? Überall, wo ein Computer Menschen ersetzen kann, wird der Mensch ersetzt. Wenn wir nun unseren Kindern das beibringen, was der Computer besser kann, setzen wir sie durch unsere Bildungsmassnahmen auf die Ersatzbank. Zwar können diese Kinder sicher nett im Smalltalk mit ihrer Allgemeinbildung brillieren, sie können das Brutverhalten von Singvögeln erklären, die Flüsse in den Kontinenten einzeichnen, wenn sie Humor haben, sogar unterhaltsam darlegen, wieso beim Aufeinandertreffen gewisser Chemikalien eine Explosion entsteht. Nur: Das wird ihnen im Arbeitsleben wenig helfen.

Was noch dazu kommt: Die Digitalisierung schreitet voran. Heute werden nicht mehr nur Daten und Fakten von analog auf digital umgestellt, heute ist es möglich, Simulationen von realistischen Situationen herzustellen. Computer sind in der Lage, auf Aussagen zu reagieren und sie antworten. Zu einem grossen Prozentsatz angepasst und kompetent.

Was nun?
Fassen wir zusammen: Computer speichern mehr Daten als sich ein menschliches Hirn merken kann. Computer können diese schneller abrufen. Sie sind zudem so vernetzt, dass von überall zu jeder Zeit auf die Daten und Fakten zugegriffen werden kann. Computer werden mehr und mehr interaktiv, auch sprachlich. Ich frage was, der Computer antwortet. So kann ich von Computern Wissen erfragen, Zimmer in Hotels buchen oder aber einen Tisch fürs Abendessen.

Die Forschung geht weiter. Es gibt mittlerweile Computer, die die Körpersprache lesen und darauf reagieren können. es existieren Roboter, die aussehen wie Menschen (auf Wunsch wie ein bestimmter Mensch mit den diesem typischen Ausdrucksweisen, seiner Stimme und mehr). Die Technik rüstet auf.

Wo bleibt der Mensch?
Mit Wissen werden wir keine Chance haben. Mit ganz viel anderem auch nicht. Die Maschine holt uns ein. Was bleibt sind Beziehungen, sind Werte, sind Fähigkeiten. Klar kann ein Computer von Liebe, Mitgefühl und Hingabe erzählen, er lebt sie nicht, er vermittelt sie nicht. Was menschlich bleibt, sind unsere tief inneren Qualitäten. Vielleicht will uns die Digitalisierung lehren, uns wieder darauf zu besinnen? Vielleicht wäre es an der Zeit, unsere Kinder auf das einzustimmen, was wirklich zählt, darauf, wo sie Experten sind und sein werden. Vielleicht ist es an der Zeit, zu merken, dass reines Faktenwissen anhäufen nicht lernen heisst. Und dass es vor allem nichts bringt.

Fazit
Die Digitalisierung ist unglaublich spannend, sie treibt unsere Welt in immer schnellerer Zeit zu immer neuen Ausgangslagen. Das macht Angst. Immer mehr übernehmen Computer Dinge, die mal von Menschen ausgeführt wurden. Menschen wurden ersetzt durch Maschinen, es werden mehr werden. Es wäre an der Zeit, umzudenken. Und wo müsste man damit nicht anfangen, wenn nicht in der Schule? Einfach neu iPads statt Notizblöcke zu verteilen reicht nicht aus, um mit der Digitalisierung mitzuhalten. Umdenken ist gefordert. Und dann sind iPads toll. Man kann damit auch spielen, kreativ sein. Nutzt man sie zur reinen Checkliste für erfolgte Leistungen, kann man auch zum Notizblock zurückkehren.

Was wir von der künstlichen Intelligenz für die Schule lernen können

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die seit einiger Zeit durch die verschiedenen Medien schwirren, mal werden sie euphorisch zu den Hoffnungsträgern der Zukunft erklärt, mal wird durch sie in düsteren Szenarien der Untergang der Menschheit prognostiziert. Die Wahrheit liegt – wie so oft wohl – irgendwo in der Mitte. Was sicher wichtig ist für die nächste Zeit: Wir müssen einen Umgang mit der sich immer schneller verändernden Umwelt finden, wir müssen erkennen, wie wir uns mit ihr – und auch durch sie – entwickeln können.

KI und Digitalisierung sind nicht per se schlecht oder gut, sie sind. Sie wurden von Menschen entwickelt und sind nun dadurch ein Bestandteil unseres Lebens – und das wohl in zunehmendem Masse. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst einmal zu verstehen, worum es sich dabei überhaupt handelt, und dann zu erkennen, wo sie uns nützen können und wo sie uns in unserem Denken mehr behindern. Die Automatisierung von Entscheidungen, Abläufen und Prozessen kann sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Unternehmen eine Chance sein, die Gesellschaft kann davon profitieren – wichtig dafür ist allerdings, dass wir uns bewusst sind, welche Entscheidungen wir wirklich Maschinen überlassen wollen und können, und welche wir doch lieber in Menschenhand wissen.
Was ist künstliche Intelligenz?
KI ist grundsätzlich als Software zu verstehen, welche in einer steuerungsfähigen Hardware sitzt. Die Software lernt in Verbindung mit der Hardware Dinge aufzunehmen, zu analysieren und in eine Handlung umzusetzen. Nach einem solchen Ablauf evaluiert das System das Ergebnis: Wenn es zum gewünschten Ziel führt, wird das Ganze als funktionierender Ablauf gespeichert, Problemen werden entsprechend festgehalten. Aus solchen Abläufen lernt das System also, was funktioniert und was nicht, so dass aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen in nächsten Situationen das anzuwendende Handlungsprinzip immer mehr und besser angepasst werden kann und leistungsfähiger funktioniert.

Die Fähigkeit, die eigenen Ergebnisse zu analysieren und sich aufgrund gewonnener Daten immer weiter selber zu verbessern, stellt den grossen Unterschied zur herkömmlichen Programmierung dar. Während man früher das Wissen aus Menschenköpfen in Maschinen speiste, damit aber auch die Grenzen des Einspeisbaren quasi selber setzte, können sich verselbständigende Mechanismen nun über diese Grenzen hinaus entwickeln. Neu setzt der Mensch nur noch den Rahmen, die Maschine ist dann innerhalb dieses Rahmens selbstlernend.

Es geht also nicht mehr darum, Theorien und Regeln einzuspeisen, sondern Ziele zu definieren, so dass Computer dann durch verschiedene Beispiele, Ergebnisanalysen und Feedbackketten lernen, ob sie die vom Menschen gesteckten Ziele erreichen können. Die Abkehr von der reinen Wissenseinspeisung anhand von festgesetzten Regeln und Theorien hin zur Entwicklung von sich durch Zielorientierung selber steuernden und weiter entwickelnden Systemen hat in der Informatik zu einer Weiterentwicklung geführt, die immer schneller immer bessere Ergebnisse liefert.

Was wir daraus für die Schule ableiten können
Im herkömmlichen (Frontal-)Unterricht werden Kinder wie früher Computer mit Wissen gespeist. Sie sind quasi die Trägerplatinen, auf welche nun Daten geschrieben werden sollen. Das System schreibt vor, welche Daten relevant sind, welche nicht. Durch den entsprechenden Druck wird sichergestellt, dass die Kinder dies aufnehmen und damit mehrheitlich ausgelastet sind. Für mehr bleibt wenig Zeit und oft auch wenig Interesse, da in den Köpfen steckt: „Das brauchen wir nicht für die Prüfung.“

Dadurch, dass Computer technisch besser in der Lage sind, Daten zu speichern, sie dies erstens schneller, zweitens zuverlässiger und drittens langfristiger können, sind sie dem Menschen immer überlegen in dem Punkt. So gesehen bilden wir unsere Kinder zu Verlierern gegen die Maschine aus. Es verwundert also auch nicht, dass der Mensch, der sich damit konfrontiert sieht, dass jede Maschine besser kann, was er kann, und dieser Vorteil auch immer mehr genutzt wird in der Wirtschaft, Angst um seine Zukunft hat. Statt aber in der Angst zu verweilen, könnte man etwas ändern.

Statt an dem Punkt stehen zu bleiben, den die Computerindustrie überwunden hat, könnte man sich nach ihrem Beispiel weiter entwickeln. Kinder wären dann keine Träger, die gefüllt werden müssen, sondern selber denkende Systeme, denen man den passenden Rahmen geben muss, in welchem sie Ziele erreichen können. Idealerweise wären das selbstgesteckte Ziele aufgrund eigener Interessen und persönlicher Neugier, aber auch vom Lehrplan definierte Ziele, welche mit der nötigen Faszination vermittelt werden, können Antrieb genug sein, den Forscherdrang junger (und auch älterer) Menschen anzustacheln und sie auf die Lern-Reise bringen.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbstbestimmt agieren lassen, wenn sie darauf merken, dass sie es selber in der Hand haben, dadurch auch die Verantwortung tragen für das, was sie tun und damit erreichen, gibt das ein Gefühl einer Selbstwirksamkeit. Während die Maschine rein analytisch Wahrscheinlichkeiten berechnet und das weitere Handeln daraus ableitet, kommt beim Menschen die Freude hinzu, welche den Antrieb für neue Herausforderungen noch zusätzlich stärkt.

Auf diese Weise, so bin ich überzeugt, können Menschen über (ihre selber gedachten und von aussen gesetzten) Grenzen hinauswachsen. Sie können sich auf die ihnen mögliche Weise entwickeln. Auf diese Weise könnte sich auch die Angst abbauen, dass Maschinen ihren Platz einnehmen können, denn Maschinen können viel, das dem Menschen eigen ist, nicht. Das sieht man aber mehrheitlich dann, wenn man nicht versucht, aus Menschen (schlechtere) Maschinen zu machen. Man sieht es dann, wenn man den Mensch in seinem Menschsein akzeptiert, stärkt und vor allem: leben lässt.

Autonomes Lernen

Betrachtet man den herkömmlichen Unterricht, sieht man meist einen Lehrer, der basierend auf einem Lehrplan Stoff vermittelt. Er füllt kleine Kinderköpfe wie Fässer mit Wissen, das diese kurz aufnehmen, behalten, wiedergeben müssen. Darauf basierend werden sie bewertet. Wir haben also einen Klassenverband mit gleichaltrigen Schülern, die beim gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut erreichen müssen (7G-Prinzip).[1]

Nun sind aber Kinder nicht gleich, sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, brauchen unterschiedliche Bedingungen zum lernen und haben ein unterschiedliches Tempo. Wie viel besser wäre also, wenn Kinder die Möglichkeit hätten, sich auf die ihnen eigene Art den nötigen Stoff anzueignen? Wenn sie also „als vielfältige Menschen auf vielfältigen Wegen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen kämen“ (8V-Prinzip)[2]?

Mit dem althergebrachten Frontalunterricht ist das sicher nicht zu bewerkstelligen, neue Lehr- und Lernformen sind gefragt. Lehrer sollen nicht mehr länger Lieferanten von Wissensinhalten sein, sondern Begleiter auf dem Lernweg der Schüler. Diese wiederum sind nicht blosse Wissenstanks, die passiv aufnehmen, was präsentiert wird, sondern aktive Lerner, die sich ihr Wissen selber erarbeiten durch autonomes Lernen.

Autonomes Lernen heisst, dass das Lernen eigenverantwortlich erfolgt, die Mittel und Wege selbstbestimmt sind und individuell angewendet werden, den eigenen Bedürfnissen angepasst. Der Schüler ist also frei in der Wahl seiner organisatorischen, zeitlichen, räumlichen, methodischen Mittel. Autonomes Lernen ist mehr als selbständiges Lernen. Beim autonomen Lernen setzt sich der Lernende die Ziele selber. Zwar liegt es in der Natur unseres Schulsystems, dass Lehrpläne Ziele vorschreiben, doch beim autonomen Lernen versucht man, sich diese Ziele zu eigenen zu machen. Je besser das gelingt, desto leichter fällt schliesslich auch das Lernen.

Es liegt schlussendlich in der Verantwortung jedes einzelnen Lernenden, seine sich gesetzten Ziele zu erreichen. Damit diese – meist langfristigen – Ziele erreicht werden können, müssen oft auch kurzfristige zurückgestellt werden. Wenn der Lernende kein Neulernender ist, verfügt er zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Repertoire an Lernstrategien. Er wählt nun die für das zu erreichende Ziel passende aus. In der Folge kann er die eigenen Lernfortschritte immer selber kontrollieren und die Fortschritte beurteilen, um zu evaluieren, ob seine Strategie Früchte trägt. Er erkennt dabei auch Hürden und Hindernisse und kann gezielt um Hilfe bitten.

Autonomes Lernen ist je nach Ziel einfacher oder schwerer, bedarf mehr oder weniger Begleitung. Wie diese Begleitung auszusehen hat, ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal reichen methodische Anregungen, manchmal braucht es ein wenig Druck oder aber im Gegenteil Gewährenlassen. Autonomie so verstanden ist keine absolute Grösse, sondern immer zielabhängig. Damit autonomes Lernen gelingen kann, bedarf es einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die auf Augenhöhe stattfindet, in der beide ihre Authentizität bewahren und in welcher ein Vertrauensverhältnis herrscht. Der Lehrer tritt nicht länger als Wissender auf, der doziert, sondern als Partner im Dialog. Der Lehrer ist dabei nicht dazu da, den Schüler zu motivieren, sondern er (und die Schule) schafft Bedingungen, unter denen der Schüler sich selber motivieren kann. Dieser ist dann frei in der Wahl seiner Mittel und Wege, er hat die Gelegenheit, in Eigeninitiative und mit Neugier den zu erarbeitenden Stoff zu verinnerlichen.

Damit Autonomie gefördert werden kann, müssen auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einerseits den Lernprozess unterstützen, andererseits die Zielvorgaben beinhalten und deren Erreichen sichern. Dabei kann ein Lernvertrag helfen: Lehrer und Schüler vereinbaren, welche Ziele zu erreichen sind, in welchem Zeitrahmen das passieren soll und was beide voneinander brauchen, damit das Ziel erreicht werden kann. Auf dieser Basis kann sich der Schüler auf seinen persönlichen Lernweg machen, er wird dabei vom Lehrer begleitet, hat die Möglichkeit, auftretende Probleme mit diesem zu besprechen.

Wichtig ist auch die Umgebung, in welcher autonomes Lernen stattfindet: Die individuelle Herangehensweise an den zu lernenden Gegenstand bedarf eines Lernorts, welcher verschiedenen Lerntypen die nötige Infrastruktur liefert. Es sind Orte zum stillen Lernen wie auch zum Lernen in Gruppen nötig.

Zusammengefasst lassen sich folgende Parameter für autonomes Lernen auflisten:

Autonomes lernen ist

  • individuell
  • selbstbestimmt
  • eigenverantwortlich

Autonomes Lernen braucht

  • eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • Vertrauen
  • Empathie
  • eine geeignete Lernumgebung

Ein autonom Lernender verfügt über folgende Fähigkeiten:

  • Er setzt sich selber Ziele
  • Er übernimmt die Verantwortung über seinen Lernprozess
  • Er setzt die Prioritäten innerhalb seiner Ziele
  • Er kann aus verschiedenen Strategien die für das aktuelle Ziel geeignete auswählen
  • Er kontrolliert seine Lernfortschritte und kann diese einordnen
  • Er merkt, wo er Hilfe braucht und kann diese einfordern

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[1] vgl. dazu Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht

[2] ebd.

Denken? Unbequem und unerwünscht!

Vor einigen Jahren konstatierte Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, in einem Artikel des NZZ Campus*, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand.
Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?

Du lernst für dich

Wie oft hörte ich das in meiner Schulzeit und ich konnte es kaum glauben. Klar, Schule wurde als das hingestellt, was mich auf die Zukunft vorbereiten, das mir den Zugang zu einer Ausbildung, zu einem Studium, zu einer weiterführenden Schule ermöglichen sollte. Und so lernte ich, was mir vorgegeben wurde, zu lernen. Sinn und Zweck sah ich selten, was sich auf die Lernmotivation niederschlug und oft das Lernen eher als notwendiges Übel denn als sinnvolle Tätigkeit erscheinen liess.

Lernen in der Form, wie ich es in der Schule kennengelernt habe, war eigentlich kein wirkliches Lernen, es war eher das Pauken von Inhalten, die mir vom Lehrer frontal gegen den Kopf geschleudert wurde und die ich nun in diesem hätte ansammeln sollen. Dass sich diese Inhalte oft nur kurzzeitig und nur gerade im Hinblick auf eine Prüfung niederliessen, bestärkt die Ansicht, dass von Lernen, wirklichem Verinnerlichen, kaum die Rede sein konnte.

Von vielem, das ich damals gehört habe, ist kaum etwas geblieben. Das ist insofern schade, als ich heute finde, dass ganz vieles davon spannend gewesen wäre, dass es mich eigentlich interessieren würde. Nun ist es nicht so, dass ich ein gänzlich uninteressiertes Kind gewesen wäre, im Gegenteil. Es gelang im Unterricht in der Form schlicht nicht, mein Interesse zu wecken. Das hatte verschiedene Gründe:

  • Ich sah beim Lehrer selten eine eigene Faszination für den Stoff. Meist leierten unsere Lehrer die gleichen Inhalte auf die gleiche Art und Weise runter, wie sie das schon seit Jahren getan hatten.
  • Ich sah in vielen Inhalten keinen Sinn für mein Leben, da ich sicher war, die Mehrheit davon nie mehr im Leben brauchen zu können. Und ich habe recht behalten.
  • Das stupide Auswendiglernen von prüfungsrelevantem Stoff tötete noch den letzten Funken an Interesse in mir.

Und ja, so fühlte es sich schlicht nicht so an, als ob ich für mich lernte – ich lernte für die Schule. Ich lernte für eine Schule, die so ausgerichtet war, dass sie mir Stoff eintrichtern musste nach Lehrplan, welcher für mich nicht relevant war, auf eine Weise, die weder kindgerecht noch lernpsychologisch sinnvoll war.

Nun kann man sagen, dass man es nicht besser wusste. Das wage ich zu bezweifeln, denke ich nur an Aussagen von Humboldt, Dewey oder auch Piaget (um nur einige wenige zu nennen, die Liste wäre lang). Seit da kam die Hirnforschung dazu, welche viele der Aussagen stützte, vor allem aber, dass Lernen, wie es heute in Schulen gefordert wird, nicht den menschlichen Anlagen entspricht.

So oder so: Wenn ein Kind wirklich für sich lernen soll, dann müsste dieses Lernen auf eine ihm mögliche Weise geschehen können und es müsste für sein persönliches Leben einen Sinn ergeben. Im Hinblick darauf, dass wir in unserer immer schneller sich verändernden Welt keine Ahnung mehr haben, welche Berufe es in der Zukunft noch geben wird, wäre es wichtig, dem Kind Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, welche ihm eine Anpassung an diese sich verändernde Welt ermöglichen. Zudem müsste es sich in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt orientieren und austauschen können. Es müsste, um in eben dieser Welt friedlich mit andern zusammenleben zu können, Werte verinnerlichen, die dieses Zusammenleben ermöglichen. Es muss wissen, wie und wo es sich Informationen beschaffen und wie es diese verinnerlichen kann – was es von Natur aus könnte, würde man ihm dieses natürliche und autonome Lernen nicht abgewöhnen würde durch zu viele vorgefertigte Antworten, welche das neugierige Fragen im Keime ersticken.

Werte und Fähigkeiten und Kompetenzen in grundlegenden Bereichen, die lebensrelevant in einer Welt des Miteinanders sind, wären also das, was in Schulen vermittelt werden sollte. Dass eine gewisse Allgemeinbildung durchaus sinnvoll ist, soll nicht bestritten werden, allerdings sollte es dem Interesse des Kindes überlassen werden, wie tief es in gewissen Bereichen gehen (nämlich so weit, wie es für seinen persönlichen Lebensweg sinnvoll erscheint) und auf welchen Wegen es sich diesen Stoff erarbeiten will.

Damit plädiere ich nicht dafür, den Lehrer abzuschaffen und die Kinder auf sich selber gestellt zu lassen beim Lernprozess, im Gegenteil. Lehrer sind wichtig. Allerdings sollte ihre Aufgabe weniger in der dozierenden Fachvermittlung liegen, als mehr in der Begleitung auf den individuellen Lernwegen und im Aufbau einer Beziehung, welche dem Kind Halt und einen geschützten Rahmen gibt auf seiner Reise durch die Lernwelten.

Es lebe der Unterschied

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Martha Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Die Verantwortung der Pädagogen

„Die Verantwortung Konflikte zu vermeiden, obliegt den Politikern; diejenige, einen dauerhaften Frieden zu begründen, den Pädagogen.“ (Maria Montessori)

In einem Schulhaus, das für Gewalt und sogar sexuelle Übergriffe bekannt war, reagierte die Schulleitung prompt: Es wurde ein Gewaltpräventionsexperte ins Haus geholt, der einen Vortrag hielt, und es gab eine Kleiderordnung: Keine grossen Ausschnitte, keine kurzen Röcke, nicht mehr bauchfrei. Man hat sich also auf die Symptome gestürzt und diese zu eliminieren versucht. Natürlich versuchte man auch Ursachen für die Gewalt zu benennen, zuerst wurden immer fremde Mentalitäten und dementsprechende Handlungen genannt.

Das mag durchaus dazu beitragen, ist aber in meinen Augen auch nur die Oberfläche. Wieso reagiert man mit Gewalt auf andere? Doch weil man sich vom anderen abgegrenzt fühlt. Man fühlt keine Verbindung und kann ihm drum Gewalt antun. Fühlte man die Verbindung, wäre Gewalt keine Option, denn man würde sich selber damit schaden. Um eine Verbindung aufzubauen, muss man in Beziehung treten. Es reicht nicht, einfach im selben Klassenzimmer zu sitzen und dem gleichen Lehrer bei der Vermittlung des für alle gleichen Stoffes zuzuhören, den man dann zu Hause durch Hausaufgaben alleine verarbeiten muss.

Beziehungen spielen im Klassenzimmer eine grosse Rolle. Nicht nur hat Hattie in seiner gross angelegten Studie herausgefunden, dass für den Lernerfolg die Lehrperson und nicht zuletzt die Beziehung zu dieser ausschlaggebend ist (und erst viel später die Fachkompetenz und –vermittlung), eine Studie der ETH und der Cambridge und der Toronto University kamen zudem zum Schluss, dass eine gelingende Beziehung zwischen Lehrer und Schülern auch das Gewaltpotential an Schulen mindert.

Was können uns solche Studien lernen? Was sollten Pädagogen und vor allem Bildungsbehörden daraus lernen? Statt immer weiter auf Fächerunterricht zu setzen, bei welchem dem Lehrer immer weniger Zeit für eine gelebte Beziehung zu seinen Schülern bleibt, wäre es an der Zeit, mehr Zeit auf Werte zu setzen. Es wäre dringend nötig, Lehrern die Möglichkeit zu geben, mit ihren Schülern in Beziehung zu treten und sie dann auf ihrem Lernweg zu begleiten. Statt also Stunden mit Frontalunterricht zu verschwenden, welcher aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse und Anlagen der einzelnen Schüler für viele nicht das Passende bietet, wäre es wichtig, den Schülern einen Bezugsrahmen zu geben, sich das Wissen selber anzueignen, im Wissen, dass sie auf jemanden zurückgreifen können, wenn sie anstehen. Das verstärkte Setzen auf Kooperation sowohl auf der Schüler-Lehrer-Ebene wie auch unter den Schülern, würde dazu beitragen, ein Beziehungsnetz aufzubauen, welches nicht nur dem Lernerfolg zugute käme (siehe Hattie), sondern auch die Aggressionen an Schulen eindämmen würden.

Und: Auf diese Weise legte man eine Basis für das weitere Sozialverhalten der Kinder, welches der Welt, in der sie später die entscheidenden Faktoren sind, nur gut tun würde.

Das sokratische Gespräch in der Schule

 

Die Fragen sind es,
aus denen das, was bleibt, entsteht.
Denk an die Frage jenes Kindes:
„Was tut der Wind, wenn er nicht weht?“
(Erich Kästner)

Weshalb, wieso, warum?
Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort die Frage hinterfragen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können. Als Lehrer kann man das fördern: Durch das sokratische Gespräch.

Das sokratische Gespräch
Als sokratisches Gespräch bezeichnet man einen Dialog zu einem Thema, einem Gegenstand. Das Ziel ist, durch immer wieder neues Hinterfragen der gefundenen Antworten tiefer zu stossen und gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Diese sind nie in Stein gemeisselt, sondern immer nur vorläufige Ergebnisse, die immer auch wieder neu hinterfragt werden können.

Namensgeber des sokratischen Gesprächs war der griechische Philosoph Sokrates, der tagein tagaus über den Marktplatz schlenderte und mit Menschen Gespräche führte. Die behandelten Themen waren vielfältig, die Methode der Gesprächsführung haben wir durch Platons Schriften (mehrheitlich Dialoge) kennengelernt: Jemand tritt mit einer Frage an Sokrates heran, die dieser für seine Klugheit bekannte Philosoph beantworten soll. Doch anstatt einfach eine pfannenfertige Antwort zu liefern, fragt er nach und bewirkt damit, dass der Fragesteller seine Frage selber bedenken und eine Antwort finden muss. Auch diese Antwort stellt Sokrates wieder in Frage, was zu weiterem Nachdenken und mitunter zum Anpassen der vorherigen Antwort führt.

Leonard Nelson, ein Göttinger Philosoph, hat diese Methode des Philosophierens anfangs des 20. Jahrhunderts als Sokratisches Gespräch benannt und fortan in weiten Kreisen – auch in der Pädagogik – propagiert. Durch gemeinsames Argumentieren soll ein Problem umkreist werden und gemeinsam nach einem Konsens über die Wahrheit darüber gesucht werden.

Die sokratische Methode verlangt von allen Beteiligten die Offenheit, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Sie bedingt, dass sich die Gesprächsteilnehmer gegenseitig ernst nehmen und verstehen wollen. Es geht weiter darum, offen die eigenen Überzeugungen und Zweifel zu erläutern:

„Ehrlichkeit des Denkens und Sprechens.“

lautet Nelsons Devise.

Das sokratische Gespräch in der Schule
Sokratische Gespräche können sowohl zwischen Schülern wie auch zwischen Lehrern und Schülern stattfinden. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen. Der Lehrer ist also nicht der, welcher mehr weiss, er ist genauso Teilnehmer am Gespräch wie die Schüler und unterliegt denselben Bedingungen, die für einen solchen Dialog notwendig sind:

• die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
• Begegnung auf Augenhöhe
• die Bereitschaft, sich selber einzubringen
• Authentizität in Wort und Gefühl
• direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
• Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
• Wirkliches Zuhören
• Gegenseitiger Respekt
• Offenheit
• Verantwortung übernehmen
• Gegenseitiges Lernen
• Mitgefühl

Es kann anfänglich allerdings sinnvoll sein, wenn der Lehrer (oder ein dazu bestimmter Schüler) darauf achtet, dass das Gespräch nicht zu sehr abschweift – es sei denn, das sei gewünscht und sinnvoll.

Sokratische Gespräche zwischen Schülern können dazu dienen, dass die Schüler miteinander im Austausch Themen und Fragestellungen erarbeiten. Der offene Austausch hilft dabei, die begrenzte Sicht des Einzelnen aufzubrechen und weitere Sichtweisen kennenzulernen. Dadurch können (Denk- und Sicht-)Grenzen erweitert und neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Bei sokratischen Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern passiert grundsätzlich dasselbe. Die Form der Gesprächsführung kann aber – im Gegensatz zu einem Frontalunterricht mit Lehrer-Schüler-Hierarchie – dazu beitragen, eine neue Beziehungsebene zwischen Lehrern und Schülern zu fördern, welche auf mehr gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert.

Bilden statt ausbilden

Kinder kriegen Depressionen, Lehrer Burnouts. Kinder hassen die Schule, Lehrer denken am Sonntag Abend mit Bauchweh daran, am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Dabei ist es im heutigen Schulsystem so einfach: Es gibt einen Lehrplan, an den hat sich der Lehrer zu halten, und der Schüler muss die darin enthaltenen Punkte nach Vorgabe und in der dafür vorgesehenen Zeit abarbeiten, dabei die als solche bestimmten genügenden Bewertungen erhalten. Tun sie das nicht, werden sie vom Lehrer abgemahnt, im System zurück gestellt, von den Eltern gescholten. Hätten sie sich bloss mal mehr angestrengt und ins System gepasst. Es wäre so einfach!

Nur: Wenn es so einfach ist, wo also liegt das Problem? Wieso leiden Kinder und Lehrer? Welche Rolle spielen die Eltern? Welche Rolle spielen alle in diesem Schulsystem und wer hat diese Rollen definiert? Nach welcher Massgabe?

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen. Es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in den Köpfen und in der Bewertung unterlegen. Sie werden dann Pflegepersonal für kranke Menschen, Maurer, damit die Menschen, sind sie nicht grad krank und in Pflege, ein Dach über dem Kopf haben.

Mein Sohn fragte mich mal, als er noch klein war, wieso ein Maurer weniger verdient als ein Architekt. Schlussendlich könnten wir nur in einem Haus wohnen, weil ein Maurer die Mauern hingestellt habe. Es seien doch also beide wichtig, um ein Haus zu bauen.

Wir leben in einem System, in dem das nicht so gesehen wird. Der Architekt, der das Haus zeichnet, verdient mehr, als der Bauleiter, welcher den Bau desselben überwacht. Dieser verdient wiederum mehr als der Maurer, der Stein auf Stein legt. Und alle verdienen sie wohl meist weniger als der Banker, der darüber entscheidet, ob Geld für den Bau fliessen darf oder nicht. Und: Geld ist wichtig. Und es zählt was. Darum ist so wirklich toll nur der, welcher entscheidet, wer den Kredit kriegt, um das Haus überhaupt bauen zu können.

Wer also was sein will in dieser Welt, sollte sich gut ausbilden. Nach Norm und Lehrplan. Er muss dazu Tonnen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst (bei Platon begänne da die Schulbildung erst. Nur, wer das in sich aufgenommen hat, kommt weiter auf dem Bildungsweg. Doch das ist eine andere Geschichte und die hat in diesem Artikel keinen Platz.), die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele gut tut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben und dann mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selber mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Besonders erfolgreich im Verderben ist die Erziehung. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, nimmt sie ihm die natürliche Unbefangenheit und legt es quasi – wie der Staat nach Rousseau auch – in Ketten.

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? Schon John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt (man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mit berücksichtigen). Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Wir hätten eine Verantwortung und wir hätten es in der Hand, es besser zu machen. Es wäre an der Zeit.

 

Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

Durch Beziehungen zum Lernerfolg

Als ich frisch im Gymnasium war, hatte ich ganz klare Lieblingsfächer – die, bei denen mich der Stoff per se interessierte. Ein Fach, das sicher nicht dazu gehörte, war Latein. Zwar war der Lehrer durchaus kompetent, er war auch nett, aber irgendwie funkte es nicht – nicht mit dem Latein und nicht mit dem Lehrer. So schlug ich mich mehr schlecht als recht durch den Unterricht. In der dritten Klasse kam es zu einem Lehrerwechsel. Mein Lieblingslehrer, vorher mein Deutschlehrer, übernahm den Lateinunterricht. Als ich das erfuhr, setzte ich mich in den Sommerferien hin und lernte das ganze bislang ignorierte Vokabular – und noch ein bisschen mehr. Und siehe da: Latein wurde schlagartig zu meinem Lieblingsfach und meine Noten erholten sich fast ebenso schnell – Latein war am Schluss eines meiner besten Fächer.

Woran lag es? Ganz klar am Lehrer. Allerdings hatte er mir nicht den Stoff vermittelt, den habe ich mir in den Ferien selber angeeignet anhand der Unterlagen, die ich hatte. Es lag an meiner Beziehung zu ihm, an seiner Art, Lehrer zu sein. Herr Bleiker war uns Schülern gegenüber immer fair, zugetan, verlässlich. Er war ein eher strenger Lehrer, der klare Regeln hatte, die einzuhalten waren. Das gab uns aber auch den Halt und das Vertauen, genau zu wissen, welchen Spielraum wir hatten. Daneben war er humorvoll, immer für uns da bei Problemen – auch privaten –und zeigte ein grosses Einfühlungsvermögen. Und: Er war leidenschaftlich begeistert von seinen Fächern. Das übertrug sich.

Es hat in den letzten Jahren viele Studien gegeben, die genau das nachweisen, unter anderem die von John Hattie[1]. John Hattie erbrachte zuerst den empirischen Beweis und stellte nachher die Forderung auf: Wir brauchen Lehrer, die auf den Schüler ausgerichtet sind und mit Leidenschaft unterrichten. Lehren ist kein Selbstzweck, sondern eine Tätigkeit, die ihren Ausgangspunkt beim Lernenden nimmt. Sein Erfolg ist das Ziel des Lehrens.

Dass die Lehrerpersönlichkeit (noch vor seinem Fachwissen) ausschlaggebend für den Lernerfolg ist, wusste aber auch schon der amerikanische Philosoph John Dewey. Für ihn war der Schulstoff ein Ort der Begegnung von Lehrendem und Lernendem. Er nannte das „meeting of minds“, was den sozialen Austausch, die dialogische Struktur ins Zentrum stellt. Lehrer und Schüler begegnen sich in Deweys Modell auf Augenhöhe. Es ist nicht einer der (Besser-)Wisser, der andere der Unwissende, sondern sie sind Partner auf einem Lernweg.

Dewey war ein grosser Kritiker gängiger Schulformen, propagierte er doch ein Schulmodell, in welchem Lernen durch Erfahrung stattfinden sollte, nicht durch vermittelnden Unterricht. Kinder sollen experimentieren, sie sollen in geeigneten Lernumwelten die passenden Materialien haben und Werkstätten, um sich zu erproben. Sie sollen sich dabei selber entdecken und auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln. Dabei setzte er grossen Wert auf Individualität. Lernen soll in Projekten, nicht im Frontalunterricht passieren.

Die Idee, dass eine Schule mit Frontalunterricht, in welcher Lehrer als Respektsperson und Wissensvermittler vor der Klasse stehen, ist also schon lange überholt. Nicht nur Dewey propagierte neue Wege, die Liste der Namen, die es ihm gleich taten, ist lang. Es liegen zudem Studien vor, welche diese unterstützen mit empirischen Daten. Alle kommen zum Schluss, dass für den Lernerfolg vor allem die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ausschlaggebend ist, dass diese auf Vertrauen aufbauen und auf Augenhöhe passieren muss.[2] Dass eine solche Beziehung vom Lehrerpult aus hin zum Schülerpult mit kaum Möglichkeiten eines persönlichen Gesprächs schwer zu gestalten ist, liegt auf der Hand. Die Frage, die bleibt ist: Wann setzt man dieses Wissen endlich um?

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[1] Hattie John (2009), Visible Learning

[2] Dabei kam sogar raus, dass neue Schulformen nicht nur auf den Lernerfolg der Schüler positive Wirkung hätten, sondern auch deren Gewaltpotential verringern könnten (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2016/PDF/160802_MM_Lehrer_Schueler_Beziehung.pdf)

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Bildung als Persönlichkeitsentwicklung

Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit.

Mit der heutigen Bildungspolitik steht es nicht zum Besten. Das weiss man nicht erst seit der Pisa-Studie, allerdings hat diese die Bildungsverantortlichen aufgescheucht. Ob sie allerdings in die richtige Richtung rennen bei ihren Rettungsversuchen, ist fraglich. Schaut man auf die Bildungsziele der letzten Jahrzehnte, so sieht man, dass Bildung mehr und mehr instrumentalisiert wurde, dass Zweck der (Aus-)Bildung eine berufliche Verwertbarkeit des Bildungsinhaltes ist und dieser Zweck die Persönlichkeit der Auszubildenden, ihre menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, aussen vor lässt. Es herrscht der Glaube, dass die Höhe des Bildungsgrads den Wert des Menschen bestimmt und dessen Berufsaussichten optimiert. Kinder werden zu immer mehr Leistung getrieben, reicht es nicht auf dem normalen staatlichen Bildungsweg, werden Privatschulen bezahlt (von denen, die es vermögen). Das hat eine Zunahme von Abiturienten und eine Heraufsetzung der Schranken bei den Zulassungsbedingungen zu verschiedenen Berufen zur Folge. Auf diese Weise werden die einzelnen Bildungsstufen immer weiter herabgesetzt, der Ruf nach immer mehr Titeln und Papieren wird lauter, wenn es darum geht, einen Beruf zu ergreifen. Wo früher ein einfacher Schulabschluss genügte, muss es heute Abitur sein, wo früher ein Studium ausreichte für den Berufseinstieg, braucht man heute das Zusatzdiplom eines Weiterbildungslehrgangs. Am Ende dieser Kette resultiert eine Hierarchie von Berufen, die bei näherem Betrachten unverständlich ist, da sie sich weder an der Verantwortung noch an der Notwendigkeit des ausgeübten Berufs für die Gesellschaft orientiert, sondern alleine an der Ausbildungsdauer und –höhe auf dem Weg zum Beruf. Wie weiter?

Eine humanistische Bildungsphilosophie und –praxis knüpft an das lebensweltlich Etablierte an, schützt die lebensweltliche Praxis vor den Übergriffen systematischer Rationalität und postmoderner Skepsis, setzt auf die Vernunftfähigkeit des Einzelnen und dessen Angewiesenheit auf gleichwürdige Interaktion und Kooperation.

Um zu einer humanen Bildungspraxis zu gelangen, wie sie von Julian Nida-Rümelin gefordert ist, bedarf es zuerst eines Blicks auf den Menschen selber. Wie ist er und was will er? Es ist dabei wichtig zu sehen, dass Menschen, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, viel mehr Verbindendes haben als Trennendes.

Es ist nicht Aufgabe der Bildung, Stände, Klassen, Einkommensgruppen oder kulturelle Gemeinschaften zu schaffen.

Bildung soll dabei im Blick behalten, dass alle Menschen ein gutes Leben führen wollen. Jeder Mensch hat die dem Menschen inhärenten Anlagen und Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Dass sich in verschiedenen Kulturen und Kontinenten gewisse Werte und Urteile unterscheiden, ist weniger relevant als die Tatsache, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu Urteilen in sich hat und genau diese ausgebildet werden soll. Ein Urteilsfähiger Mensch ist einer, der in der Lage ist, zu handeln, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und damit auch in der Lage ist, am politischen Geschehen als aktives Mitglied teilzuhaben. Insofern hängen Demokratie und Bildung eng zusammen, als Bildung die Demokratiefähigkeit des Menschen fördern sollte und Demokratie es ist, die ein Interesse daran hat, mündige und verantwortungsvolle Bürger auszubilden. Jeder Mensch ist dabei gleich würdig und hat das gleiche Recht auf Freiheit (im Rahmen des Kollektivs), Autonomie und Wahrung seiner Rechte.

Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel. Ihre Stimmigkeit des eigenen Lebens und der humane Umgang mit anderen sind weder genetisch noch kulturell determiniert, sondern bedürfen einer Praxis der Freiheit, der Bildung und der Selbstbildung.

Julian Nida-Rümelin zeigt in seinem neuen Buch Philosophie einer humanen Bildung die Grundpfeiler einer Bildung auf, die den Menschen ins Zentrum stellt und auf eine Herausbildung seiner Persönlichkeit ausgerichtet ist. Dabei soll Bildung nicht separieren, sondern auf Kooperation und Wahrung der Menschenwürde zielen. Der Mensch soll in seinen Fähigkeiten erkannt und zu dem gebildet werden, was in ihm angelegt ist, damit er ein Leben führen kann, das ein würdiges, menschliches ist. Nicht blosse Employability ist Zweck der Bildung, sondern Herausbildung von vernunftbegabten Menschen.

Konkret schlägt Julian Nida-Rümelin verschiedene konkrete Änderungen vor. Die Wissensvermittlung sollte sich mehr auf Zusammenhänge als auf auswendig zu lernende Fakten, welche einem berufsorientierten Katalog entsprechen, setzen. Dabei wäre auf viele Bildungsinhalte, die nun den Lehrplan dominieren, zu verzichten, da diese für das normale menschliche Leben wenig Relevanz haben und einzig in spezifischen Berufen von Nutzen sind. Dafür fehlen wiederum lebensrelevante Inhalte wie rechtliche, medizinische und psychologische Grundlagen, welche im menschlichen Miteinander unerlässlich sind. Die Vernachlässigung von Kunst, Sport und musischen Fächer ist in Bezug auf die hier angestrebte Form von Bildung wenig sinnvoll, sie vernachlässigt den Menschen als Ganzes und reduziert ihn zu einer blossen Fakten produzierenden Geistmaschine. Wichtig ist also summa summarum, den Menschen als Ganzes zu betrachten und auszubilden, die Einheit seiner Persönlichkeit zu berücksichtigen, die Einheit der Gesellschaft im Blick zu behalten und das Wissen als Einheit zu erfassen. Dafür sind nicht einzelne Fächer, die sich in kurzen Intervallen abwechseln sind sinnvoll, sondern die Vermittlung von sich überschneidenden, zusammenhängenden Wissensinhalten. Bildung auf diese Weise verstanden, als humane, den Menschen in seiner Persönlichkeit ins Zentrum stellende, ermöglicht es, dass Menschen ein zufriedenstellendes, selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und ihren Fähigkeiten gemässes Leben führen können in Kooperation mit andern.

Ob das gewählte Leben gelingt, ob es die eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung bringt, ob es eine Praxis ermöglicht, die Sinn stiftet und Selbstbestimmung ermöglicht, hängt von seiner inneren Stimmigkeit ab, davon, dass die Autorin ihr eigenes Leben lebt.

Philosophie einer humanen Bildung ist eine fundierte und scharfsinnige Analyse des heutigen Bildungssystems und dessen Mängel. Daneben beinhaltet das Buch eine präzise Aufarbeitung der bildungsrelevanten Ziele und Zwecke sowie eine klare Ansage, wohin Bildung steuern muss, will sie den Menschen in seinem Sein erfassen und damit der heutigen Bildungskrise (die in einer gesellschaftlichen Krise resultiert) entgegenwirken.

Fazit:
Eine aktuelle, wichtige und komplexe Thematik fundiert analysiert und verständlich präsentiert. Philosophie, wie sie sein sollte: dem Leben dienend, nicht als abgehobener Selbstzweck ein Dasein im Elfenbeinturm pflegend. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor:
Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin wird am 28. November 1954 geboren und wächst in einer Künstlerfamilie in München auf. Nach seinem Abitur 1974 studiert er an den Universitäten München und Tübingen Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaften und promoviert 1983 beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller. Es folgt 1989 die Habilitation und Stellen an diversen Unis in Deutschland und der USA. Von 1998 bis 2001 ist Julian Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München und folgt im Jahr 2004 dem Ruf der LMU und besetzt zuerst den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, seit 2009 einen Lehrstuhl für Philosophie an der LMU. Von ihm erschienen sind unter anderem Über die menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie und Lebensform (2009), Verantwortung (2011), Der Sokrates Club. Philosophische Gespräche mit Kindern (2012), Philosophie einer humanen Bildung (2013).

NidaRümelinBildungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 246 Seiten
Verlag: Edition Körber Stiftung (6. März 2013)
ISBN-Nr: 978-3896840967
Preis: EUR 18; CHF 28.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott

Mit Fakten, Zahlen und Parolen gegen den Bildungsnotstand

Ein gerechtes Bildungssystem, das jedem die gleiche Chance gibt, nach seinen Möglichkeiten davon zu profitieren – an diesem Massstab muss sich jede Schule und jedes Bildungssystem in Deutschland messen lassen.

Richard David Prechts Vorgabe an ein Bildungssystem ist hoch und in der heutigen Zeit kaum erfüllt. Obwohl alle von einer Bildungskrise sprechen, scheint keiner wirklich was dagegen tun zu wollen, schon gar nicht, wenn das Tun hiesse, neue Wege zu beschreiten, alte Muster – darunter fallen Noten, Frontalunterricht, Jahrgangsklassen und vieles mehr – zu durchbrechen und ganz neue Lernstrukturen in neuen Lernumgebungen zu schaffen.

Um den Missstand in Deutschland aufzuzeigen, reist Precht durch die Zeiten, zeigt verschiedene falsche Massnahmen und politischen Entscheide auf, verweist oft polemisierend Politiker und deren Fehlurteile. Dem gegenüber fährt er mit diversen Schulmodellen auf, welche andere Wege propagierten, die Khan Universität, Mastery Learning nach Carleton Washburne und Maria Montessoris Ansatz sind nur einige der vielen.

Aus der grossen Fülle von Fakten und Modellen resultiert immer wieder dieselbe Einsicht: Es läuft alles falsch und man sollte daran gehen, dies zu ändern. Kinder sollen als ganze Wesen wahrgenommen und in ihren Stärken gefördert werden. Da die Welt sich schnell verändert, soll der Schwerpunkt bei allem sein, aus Kindern selbständige Wesen zu machen, die selber denken und wissen, wie sie lernen und sich damit den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen können.

Weil keiner definitiv wissen kann, was die Zukunft bringt, wird es in unseren Schulen allgemein weniger darauf ankommen, was wir unseren Kindern beibringen. Wichtiger ist, sie erfolgreich dazu zu ermächtigen, sich möglichst viel selbständig beizubringen.

Kinder sollen lernen, sich eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Sie sollen lernen, miteinander Dinge zu erarbeiten, dabei aber auch die eigene Kreativität einzusetzen. Projekten und Fächerübergreifende Zusammenhangsvermittlung ist nachhaltiger in der Wissensvermittlung als blosse Faktenpaukerei nach Fächern aufgeteilt und auf Prüfungen ausgerichtet. Wichtiger als das Alter sind die persönlichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden sollen, in welchen Klassenverbänden Kinder sein sollen. Ihre Leistungen sollen nicht durch Zahlen, sondern durch persönliche Einschätzungsberichte bewertet werden und die Weggabelungen sollen nicht zu früh passieren und sich dann nicht auf eine Quersumme durch alle (und oft mit unnützem Wissen überhäuften) Fächer stützen. Ganztagesschulen sollen helfen, allen Kindern dieselbe Ausgangslage und Möglichkeit zu gewähren, da so keine ungleichen Chancen durch unterschiedlich motivierte und ausgestattete Elternhäuser zum Tragen kämen. Schule soll so auf das Leben vorbereiten und helfen, aus Kindern zufriedene Menschen zu machen, die sich in Beruf, Gesellschaft und politischem Miteinander zurechtfinden.

Diese durchaus nachvollziehbaren Forderungen stellt Precht an die Politiker und Verantwortlichen des deutschen Bildungswesens. Er bettet sie ein in eine Vielzahl von Verweisen auf die unterschiedlichsten Theorien, Philosophen, Pädagogen einerseits und Tadel und Polemik gegen Politiker, Lehrer, Elternhäuser, falsche Strukturen und viel Schlechtes mehr andererseits. Es fehlt dem Buch der rote Faden, man sieht sich einem Hin und Her zwischen Forderungen und Fehlläufen ausgesetzt. Ein klares Ziel und dessen konkrete Umsetzung geht unter in dem, was er den Schulen selber vorwirft: Faktenschlacht und Vermittlung unwesentlicher Inhalte, die im Moment des Lesens markig klingen und dem Autoren den Anschein von Belesenheit und breitem Wissen attestieren sollen, der Sache selber aber nicht wirklich zuträglich sind.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für eine Verbesserung der heutigen Schul- und Bildungssituation vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).

PrechtSchuleAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (22. April 2013)
ISBN-Nr: 978-3442312610
Preis: EUR 19.99; CHF 23.90

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