Erziehung heute – oder: Gegen die menschliche Natur

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen Ansichten dazu, wie ein sozialisierter und in die jeweilige Kultur und Gesellschaft passender Mensch zu sein hat, verwundert es nicht, dass man sich mit einer grossen Bandbreite an möglichen Erziehungsmodellen konfrontiert sieht.

Betrachtet man die heutige Gesellschaft, scheint der Mensch ein Rad in einer Maschine zu sein, ein Leistungserbringer in einer immer mehr fordernden Maschinerie. Er wird von aussen danach beurteilt, wie gut seine Leistungen sind, wie stark er sich in die für ihn vorgesehene Struktur einpassen kann. Es liegt auf der Hand, dass der Mensch selber sein Selbstbild auch davon abhängig macht, zumal Menschen immer auch von der Bestätigung von aussen abhängig sind in ihrem Selbstbild.

Immanuel Kant stellte einst folgende Maxime auf:

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“*

Diese Maxime erfüllen wir in unserer heutigen Gesellschaft und den von ihr geprägten Blick auf die Natur des Menschen definitiv nicht. Das ist nicht neu. Die Tendenz, den Menschen und seine Natur und damit die in ihm angelegten Möglichkeiten nach den Bedürfnissen der Gesellschaft zu definieren, auf welche der Mensch durch Erziehung ausgerichtet werden sollte, liegt auf der Hand. Durch die sich immer wieder wandelnden gesellschaftlichen Bedürfnisse änderte dadurch auch die Ansicht über die Natur des Menschen.

Nun sind Lebewesen zwar in der Tat anpassungsfähig, dadurch sichern sie ihren Fortbestand in sich verändernden Umgebungen, allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit nicht beliebig und schon gar nicht durch äusserlichen, der wahren Natur entgegenlaufenden Zwang zu bewirken. Gewisse Faktoren der menschlichen Natur sind unveränderlich, so zum Beispiel die notwendige Befriedigung bestimmter körperlicher Bedürfnisse oder der Bedarf an zwischenmenschlichen Beziehungen zur Vermeidung der seelischen Vereinsamung. Daraus resultiert ein Menschenbild, das zwar in gewissen Belangen durchaus formbar ist durch äussere Faktoren, das aber der Rücksicht auf die in der menschlichen Natur angelegten unveränderlichen Anlagen bedarf.**

Lebendige Systeme streben immer danach, sich zu vervollkommnen, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen. Der Mensch bildet da keine Ausnahme. Dies sieht man schon bei kleinen Kindern, die zuerst nur auf dem Rücken liegen, schon bald aber ihre Möglichkeiten ausbauen wollen, um sich fortzubewegen. Was auf einer körperlichen Ebene so deutlich sichtbar ist, passiert auch auf der von aussen weniger sichtbaren geistigen Ebene. So gesehen kann man also davon ausgehen, dass der Mensch (dazu)lernen will, dass Lernen in seinen Anlagen steckt, man ihn nicht erst dazu erziehen muss.

Das sieht die heutige Schule anders. Sie will Kinder dazu bringen, das für sie Wichtige und (vermeintlich) Richtige zu lernen. Das tut sie mit der menschlichen Natur nicht angemessenen Strukturen und Mitteln. Sie füllt kleine Kinderköpfe mit Wissen nach in Lehrplänen festgehaltenem Umfang auf, will etwas nicht rein, wird das Kind abgestuft, es genügt den Anforderungen offensichtlich nicht. Es sind nicht mehr kindliche Neugier und Wissbegier gefragt, sondern Kinder werden konditioniert und in repressive Strukturen eingeschlossen, was die menschliche Entfaltung behindert, wenn nicht gar verhindert.

Nun gibt es durchaus Kinder, die mit diesen Methoden umgehen können, die (dadurch oder trotzdem) zu gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen. Viele Kinder bleiben dabei aber auf der Strecke. Während einige zwar noch die Leistungen erbringen, dabei aber psychisch leiden, fallen andere ganz durch die Maschen und werden zu so genannten Schulversagern. Betrachtet man die Menge an therapierten Kindern, spricht diese Zahl eine deutliche Sprache. Wenn bereits Kinder verhaltensgestört, enttäuscht, unzugänglich, depressiv sind, spricht dies dafür, dass Kindern etwas angetan wird. Betrachtet man des Weiteren die zunehmenden psychischen Erkrankungen im Erwachsenen-Alter (bis hin zur Selbstmordrate auch bei so genannt erfolgreichen Managern), wird noch offensichtlicher, dass etwas falsch läuft.

Ein Umdenken ist dringend nötig. Kinder werden frei und mit vielen Möglichkeiten und Anlagen geboren. Es gilt, sie in der Entfaltung dieser Möglichkeiten und Anlagen zu begleiten, sie mit ihrer Neugier ernst zu nehmen und diese zu befeuern. Es gilt als Schule und vor allem für Lehrer, mit Kindern in Beziehung zu treten und Fähigkeiten und Werte zu fördern, statt reine Wissensvermittler zu bleiben. Wir wissen nicht, welches Wissen in der Welt von morgen gefragt ist, zu schnell entwickelt sich alles. Was immer gefragt bleiben wird, sind Fähigkeiten und Werte. Es geht darum, Menschen lernfreudig zu erhalten, ihre Fähigkeiten zur Empathie, Kooperation, Freude und Liebe zu empfinden zu stärken. Es geht darum, das Gefühl für die eigene Identität und Individualität zu stärken, da nur ein starkes Individuum auch ein starkes Mitglied eines Miteinanders (und damit einer Gesellschaft) ist.

Auf diese Weise haben wir eine Chance, Kinder gesund aufwachsen zu sehen, haben wir eine Chance, dass aus diesen gesunden Kindern gesunde (und dadurch auch leistungsfähige) Mitglieder der Gesellschaft werden. Leistung ist dann etwas, das jeder von sich aus erbringen will qua seines Menschseins, denn im Menschsein ist Tätigsein angelegt, nicht etwas, das durch Zwang und Unterdrückung von aussen auferlegt wird.

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* Vgl. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
**Vgl. dazu Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit

Durch Beziehungen zum Lernerfolg

Als ich frisch im Gymnasium war, hatte ich ganz klare Lieblingsfächer – die, bei denen mich der Stoff per se interessierte. Ein Fach, das sicher nicht dazu gehörte, war Latein. Zwar war der Lehrer durchaus kompetent, er war auch nett, aber irgendwie funkte es nicht – nicht mit dem Latein und nicht mit dem Lehrer. So schlug ich mich mehr schlecht als recht durch den Unterricht. In der dritten Klasse kam es zu einem Lehrerwechsel. Mein Lieblingslehrer, vorher mein Deutschlehrer, übernahm den Lateinunterricht. Als ich das erfuhr, setzte ich mich in den Sommerferien hin und lernte das ganze bislang ignorierte Vokabular – und noch ein bisschen mehr. Und siehe da: Latein wurde schlagartig zu meinem Lieblingsfach und meine Noten erholten sich fast ebenso schnell – Latein war am Schluss eines meiner besten Fächer.

Woran lag es? Ganz klar am Lehrer. Allerdings hatte er mir nicht den Stoff vermittelt, den habe ich mir in den Ferien selber angeeignet anhand der Unterlagen, die ich hatte. Es lag an meiner Beziehung zu ihm, an seiner Art, Lehrer zu sein. Herr Bleiker war uns Schülern gegenüber immer fair, zugetan, verlässlich. Er war ein eher strenger Lehrer, der klare Regeln hatte, die einzuhalten waren. Das gab uns aber auch den Halt und das Vertauen, genau zu wissen, welchen Spielraum wir hatten. Daneben war er humorvoll, immer für uns da bei Problemen – auch privaten –und zeigte ein grosses Einfühlungsvermögen. Und: Er war leidenschaftlich begeistert von seinen Fächern. Das übertrug sich.

Es hat in den letzten Jahren viele Studien gegeben, die genau das nachweisen, unter anderem die von John Hattie[1]. John Hattie erbrachte zuerst den empirischen Beweis und stellte nachher die Forderung auf: Wir brauchen Lehrer, die auf den Schüler ausgerichtet sind und mit Leidenschaft unterrichten. Lehren ist kein Selbstzweck, sondern eine Tätigkeit, die ihren Ausgangspunkt beim Lernenden nimmt. Sein Erfolg ist das Ziel des Lehrens.

Dass die Lehrerpersönlichkeit (noch vor seinem Fachwissen) ausschlaggebend für den Lernerfolg ist, wusste aber auch schon der amerikanische Philosoph John Dewey. Für ihn war der Schulstoff ein Ort der Begegnung von Lehrendem und Lernendem. Er nannte das „meeting of minds“, was den sozialen Austausch, die dialogische Struktur ins Zentrum stellt. Lehrer und Schüler begegnen sich in Deweys Modell auf Augenhöhe. Es ist nicht einer der (Besser-)Wisser, der andere der Unwissende, sondern sie sind Partner auf einem Lernweg.

Dewey war ein grosser Kritiker gängiger Schulformen, propagierte er doch ein Schulmodell, in welchem Lernen durch Erfahrung stattfinden sollte, nicht durch vermittelnden Unterricht. Kinder sollen experimentieren, sie sollen in geeigneten Lernumwelten die passenden Materialien haben und Werkstätten, um sich zu erproben. Sie sollen sich dabei selber entdecken und auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln. Dabei setzte er grossen Wert auf Individualität. Lernen soll in Projekten, nicht im Frontalunterricht passieren.

Die Idee, dass eine Schule mit Frontalunterricht, in welcher Lehrer als Respektsperson und Wissensvermittler vor der Klasse stehen, ist also schon lange überholt. Nicht nur Dewey propagierte neue Wege, die Liste der Namen, die es ihm gleich taten, ist lang. Es liegen zudem Studien vor, welche diese unterstützen mit empirischen Daten. Alle kommen zum Schluss, dass für den Lernerfolg vor allem die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ausschlaggebend ist, dass diese auf Vertrauen aufbauen und auf Augenhöhe passieren muss.[2] Dass eine solche Beziehung vom Lehrerpult aus hin zum Schülerpult mit kaum Möglichkeiten eines persönlichen Gesprächs schwer zu gestalten ist, liegt auf der Hand. Die Frage, die bleibt ist: Wann setzt man dieses Wissen endlich um?

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[1] Hattie John (2009), Visible Learning

[2] Dabei kam sogar raus, dass neue Schulformen nicht nur auf den Lernerfolg der Schüler positive Wirkung hätten, sondern auch deren Gewaltpotential verringern könnten (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2016/PDF/160802_MM_Lehrer_Schueler_Beziehung.pdf)

Julian Nida-Rümelin: Philosophie einer humanen Bildung

Bildung als Persönlichkeitsentwicklung

Das oberste Bildungsziel ist menschliche Freiheit.

Mit der heutigen Bildungspolitik steht es nicht zum Besten. Das weiss man nicht erst seit der Pisa-Studie, allerdings hat diese die Bildungsverantortlichen aufgescheucht. Ob sie allerdings in die richtige Richtung rennen bei ihren Rettungsversuchen, ist fraglich. Schaut man auf die Bildungsziele der letzten Jahrzehnte, so sieht man, dass Bildung mehr und mehr instrumentalisiert wurde, dass Zweck der (Aus-)Bildung eine berufliche Verwertbarkeit des Bildungsinhaltes ist und dieser Zweck die Persönlichkeit der Auszubildenden, ihre menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten, aussen vor lässt. Es herrscht der Glaube, dass die Höhe des Bildungsgrads den Wert des Menschen bestimmt und dessen Berufsaussichten optimiert. Kinder werden zu immer mehr Leistung getrieben, reicht es nicht auf dem normalen staatlichen Bildungsweg, werden Privatschulen bezahlt (von denen, die es vermögen). Das hat eine Zunahme von Abiturienten und eine Heraufsetzung der Schranken bei den Zulassungsbedingungen zu verschiedenen Berufen zur Folge. Auf diese Weise werden die einzelnen Bildungsstufen immer weiter herabgesetzt, der Ruf nach immer mehr Titeln und Papieren wird lauter, wenn es darum geht, einen Beruf zu ergreifen. Wo früher ein einfacher Schulabschluss genügte, muss es heute Abitur sein, wo früher ein Studium ausreichte für den Berufseinstieg, braucht man heute das Zusatzdiplom eines Weiterbildungslehrgangs. Am Ende dieser Kette resultiert eine Hierarchie von Berufen, die bei näherem Betrachten unverständlich ist, da sie sich weder an der Verantwortung noch an der Notwendigkeit des ausgeübten Berufs für die Gesellschaft orientiert, sondern alleine an der Ausbildungsdauer und –höhe auf dem Weg zum Beruf. Wie weiter?

Eine humanistische Bildungsphilosophie und –praxis knüpft an das lebensweltlich Etablierte an, schützt die lebensweltliche Praxis vor den Übergriffen systematischer Rationalität und postmoderner Skepsis, setzt auf die Vernunftfähigkeit des Einzelnen und dessen Angewiesenheit auf gleichwürdige Interaktion und Kooperation.

Um zu einer humanen Bildungspraxis zu gelangen, wie sie von Julian Nida-Rümelin gefordert ist, bedarf es zuerst eines Blicks auf den Menschen selber. Wie ist er und was will er? Es ist dabei wichtig zu sehen, dass Menschen, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, viel mehr Verbindendes haben als Trennendes.

Es ist nicht Aufgabe der Bildung, Stände, Klassen, Einkommensgruppen oder kulturelle Gemeinschaften zu schaffen.

Bildung soll dabei im Blick behalten, dass alle Menschen ein gutes Leben führen wollen. Jeder Mensch hat die dem Menschen inhärenten Anlagen und Fähigkeiten, die es auszubilden gilt. Dass sich in verschiedenen Kulturen und Kontinenten gewisse Werte und Urteile unterscheiden, ist weniger relevant als die Tatsache, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu Urteilen in sich hat und genau diese ausgebildet werden soll. Ein Urteilsfähiger Mensch ist einer, der in der Lage ist, zu handeln, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und damit auch in der Lage ist, am politischen Geschehen als aktives Mitglied teilzuhaben. Insofern hängen Demokratie und Bildung eng zusammen, als Bildung die Demokratiefähigkeit des Menschen fördern sollte und Demokratie es ist, die ein Interesse daran hat, mündige und verantwortungsvolle Bürger auszubilden. Jeder Mensch ist dabei gleich würdig und hat das gleiche Recht auf Freiheit (im Rahmen des Kollektivs), Autonomie und Wahrung seiner Rechte.

Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel. Ihre Stimmigkeit des eigenen Lebens und der humane Umgang mit anderen sind weder genetisch noch kulturell determiniert, sondern bedürfen einer Praxis der Freiheit, der Bildung und der Selbstbildung.

Julian Nida-Rümelin zeigt in seinem neuen Buch Philosophie einer humanen Bildung die Grundpfeiler einer Bildung auf, die den Menschen ins Zentrum stellt und auf eine Herausbildung seiner Persönlichkeit ausgerichtet ist. Dabei soll Bildung nicht separieren, sondern auf Kooperation und Wahrung der Menschenwürde zielen. Der Mensch soll in seinen Fähigkeiten erkannt und zu dem gebildet werden, was in ihm angelegt ist, damit er ein Leben führen kann, das ein würdiges, menschliches ist. Nicht blosse Employability ist Zweck der Bildung, sondern Herausbildung von vernunftbegabten Menschen.

Konkret schlägt Julian Nida-Rümelin verschiedene konkrete Änderungen vor. Die Wissensvermittlung sollte sich mehr auf Zusammenhänge als auf auswendig zu lernende Fakten, welche einem berufsorientierten Katalog entsprechen, setzen. Dabei wäre auf viele Bildungsinhalte, die nun den Lehrplan dominieren, zu verzichten, da diese für das normale menschliche Leben wenig Relevanz haben und einzig in spezifischen Berufen von Nutzen sind. Dafür fehlen wiederum lebensrelevante Inhalte wie rechtliche, medizinische und psychologische Grundlagen, welche im menschlichen Miteinander unerlässlich sind. Die Vernachlässigung von Kunst, Sport und musischen Fächer ist in Bezug auf die hier angestrebte Form von Bildung wenig sinnvoll, sie vernachlässigt den Menschen als Ganzes und reduziert ihn zu einer blossen Fakten produzierenden Geistmaschine. Wichtig ist also summa summarum, den Menschen als Ganzes zu betrachten und auszubilden, die Einheit seiner Persönlichkeit zu berücksichtigen, die Einheit der Gesellschaft im Blick zu behalten und das Wissen als Einheit zu erfassen. Dafür sind nicht einzelne Fächer, die sich in kurzen Intervallen abwechseln sind sinnvoll, sondern die Vermittlung von sich überschneidenden, zusammenhängenden Wissensinhalten. Bildung auf diese Weise verstanden, als humane, den Menschen in seiner Persönlichkeit ins Zentrum stellende, ermöglicht es, dass Menschen ein zufriedenstellendes, selbstbestimmtes, verantwortungsvolles und ihren Fähigkeiten gemässes Leben führen können in Kooperation mit andern.

Ob das gewählte Leben gelingt, ob es die eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung bringt, ob es eine Praxis ermöglicht, die Sinn stiftet und Selbstbestimmung ermöglicht, hängt von seiner inneren Stimmigkeit ab, davon, dass die Autorin ihr eigenes Leben lebt.

Philosophie einer humanen Bildung ist eine fundierte und scharfsinnige Analyse des heutigen Bildungssystems und dessen Mängel. Daneben beinhaltet das Buch eine präzise Aufarbeitung der bildungsrelevanten Ziele und Zwecke sowie eine klare Ansage, wohin Bildung steuern muss, will sie den Menschen in seinem Sein erfassen und damit der heutigen Bildungskrise (die in einer gesellschaftlichen Krise resultiert) entgegenwirken.

Fazit:
Eine aktuelle, wichtige und komplexe Thematik fundiert analysiert und verständlich präsentiert. Philosophie, wie sie sein sollte: dem Leben dienend, nicht als abgehobener Selbstzweck ein Dasein im Elfenbeinturm pflegend. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor:
Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin wird am 28. November 1954 geboren und wächst in einer Künstlerfamilie in München auf. Nach seinem Abitur 1974 studiert er an den Universitäten München und Tübingen Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaften und promoviert 1983 beim Münchner Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller. Es folgt 1989 die Habilitation und Stellen an diversen Unis in Deutschland und der USA. Von 1998 bis 2001 ist Julian Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München und folgt im Jahr 2004 dem Ruf der LMU und besetzt zuerst den Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut, seit 2009 einen Lehrstuhl für Philosophie an der LMU. Von ihm erschienen sind unter anderem Über die menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie und Lebensform (2009), Verantwortung (2011), Der Sokrates Club. Philosophische Gespräche mit Kindern (2012), Philosophie einer humanen Bildung (2013).

NidaRümelinBildungAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 246 Seiten
Verlag: Edition Körber Stiftung (6. März 2013)
ISBN-Nr: 978-3896840967
Preis: EUR 18; CHF 28.90

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Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott

Mit Fakten, Zahlen und Parolen gegen den Bildungsnotstand

Ein gerechtes Bildungssystem, das jedem die gleiche Chance gibt, nach seinen Möglichkeiten davon zu profitieren – an diesem Massstab muss sich jede Schule und jedes Bildungssystem in Deutschland messen lassen.

Richard David Prechts Vorgabe an ein Bildungssystem ist hoch und in der heutigen Zeit kaum erfüllt. Obwohl alle von einer Bildungskrise sprechen, scheint keiner wirklich was dagegen tun zu wollen, schon gar nicht, wenn das Tun hiesse, neue Wege zu beschreiten, alte Muster – darunter fallen Noten, Frontalunterricht, Jahrgangsklassen und vieles mehr – zu durchbrechen und ganz neue Lernstrukturen in neuen Lernumgebungen zu schaffen.

Um den Missstand in Deutschland aufzuzeigen, reist Precht durch die Zeiten, zeigt verschiedene falsche Massnahmen und politischen Entscheide auf, verweist oft polemisierend Politiker und deren Fehlurteile. Dem gegenüber fährt er mit diversen Schulmodellen auf, welche andere Wege propagierten, die Khan Universität, Mastery Learning nach Carleton Washburne und Maria Montessoris Ansatz sind nur einige der vielen.

Aus der grossen Fülle von Fakten und Modellen resultiert immer wieder dieselbe Einsicht: Es läuft alles falsch und man sollte daran gehen, dies zu ändern. Kinder sollen als ganze Wesen wahrgenommen und in ihren Stärken gefördert werden. Da die Welt sich schnell verändert, soll der Schwerpunkt bei allem sein, aus Kindern selbständige Wesen zu machen, die selber denken und wissen, wie sie lernen und sich damit den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen können.

Weil keiner definitiv wissen kann, was die Zukunft bringt, wird es in unseren Schulen allgemein weniger darauf ankommen, was wir unseren Kindern beibringen. Wichtiger ist, sie erfolgreich dazu zu ermächtigen, sich möglichst viel selbständig beizubringen.

Kinder sollen lernen, sich eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Sie sollen lernen, miteinander Dinge zu erarbeiten, dabei aber auch die eigene Kreativität einzusetzen. Projekten und Fächerübergreifende Zusammenhangsvermittlung ist nachhaltiger in der Wissensvermittlung als blosse Faktenpaukerei nach Fächern aufgeteilt und auf Prüfungen ausgerichtet. Wichtiger als das Alter sind die persönlichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden sollen, in welchen Klassenverbänden Kinder sein sollen. Ihre Leistungen sollen nicht durch Zahlen, sondern durch persönliche Einschätzungsberichte bewertet werden und die Weggabelungen sollen nicht zu früh passieren und sich dann nicht auf eine Quersumme durch alle (und oft mit unnützem Wissen überhäuften) Fächer stützen. Ganztagesschulen sollen helfen, allen Kindern dieselbe Ausgangslage und Möglichkeit zu gewähren, da so keine ungleichen Chancen durch unterschiedlich motivierte und ausgestattete Elternhäuser zum Tragen kämen. Schule soll so auf das Leben vorbereiten und helfen, aus Kindern zufriedene Menschen zu machen, die sich in Beruf, Gesellschaft und politischem Miteinander zurechtfinden.

Diese durchaus nachvollziehbaren Forderungen stellt Precht an die Politiker und Verantwortlichen des deutschen Bildungswesens. Er bettet sie ein in eine Vielzahl von Verweisen auf die unterschiedlichsten Theorien, Philosophen, Pädagogen einerseits und Tadel und Polemik gegen Politiker, Lehrer, Elternhäuser, falsche Strukturen und viel Schlechtes mehr andererseits. Es fehlt dem Buch der rote Faden, man sieht sich einem Hin und Her zwischen Forderungen und Fehlläufen ausgesetzt. Ein klares Ziel und dessen konkrete Umsetzung geht unter in dem, was er den Schulen selber vorwirft: Faktenschlacht und Vermittlung unwesentlicher Inhalte, die im Moment des Lesens markig klingen und dem Autoren den Anschein von Belesenheit und breitem Wissen attestieren sollen, der Sache selber aber nicht wirklich zuträglich sind.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für eine Verbesserung der heutigen Schul- und Bildungssituation vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).

PrechtSchuleAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (22. April 2013)
ISBN-Nr: 978-3442312610
Preis: EUR 19.99; CHF 23.90

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Wie die Mücke zum Elefanten wurde: Handshake

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Schule heute – eine Ode

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Znüni-Gate

Wir hatten ja das Znüni-Problem. Das Kind hatte sich erlaubt, quer über den Schulhof zu laufen und am anderen Ende desselben im Supermarkt seine Zwischenverpflegung preiswert und lecker (im Gegensatz zum Mensaznüni, der ungeniessbar und teuer wäre) zu kaufen. Dafür erntete er Nachsitzen und soziale Arbeit. Am Morgen und über Mittag haben die Schüler hier ganz andere Wege zu bewältigen, wir leben in einer Grossstadt. Man kann sagen, die Aufsichtspflicht wäre schwer, dürften die Kinder einfach den Schulplatz verlassen (wobei der Supermarkt wirklich am Rande desselben ist). Über Mittag bleiben aber ein paar in der Schule, sind quasi am Mittagstisch und damit der Aufsicht übergeben. Sie dürfen dann doch gehen. Weil es ja die Mittagspause ist und einige gehen wollen/können/müssen.

Nun schrieb mir die Lehrerin. Erklärte mir, das sei so von wegen Aufsichtspflicht und sei auch mit der Schulleitung abgesprochen. Der Entschluss stehe. Nicht verrückbar. Ich verstehe es (sprachlich schon, rational jedoch) nicht, kenne aber das Schweizer Schulsystem und weiss: Menschenverstand gilt nicht, man liebt Formalismus. Und: Mal Festgesetztes sitzt. Starr. Und: Ich würde mich im Umgang damit nur aufregen und dazu ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich denke, was ich da alles Positives machen könnte? Und das aufgeben für einen Znüni? Für mich war’s abgehakt. Kind geht nicht mehr vom Schulplatz, will nun aber keine Zwischenmahlzeit mehr essen (finde ich nicht sinnvoll, aber nun denn…).

Da kommt von der Lehrerin eine SMS, ich solle mich doch bitte mit dem Schulleiter in Verbindung setzen. Er könne mir dann nochmals ganz genau erklären, wieso der Entschluss so sei, wie er sei. Ich sitze hier, weiss nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll. Was genau soll mir das bringen? Doppelt erklärter Unsinn wird nicht besser. Und wenn er unverrückbar ist, verschwende ich meine Zeit sicher nicht damit. Ich hoffe, ich muss nun nicht zum Nachsitzen, weil ich der Aufforderung nicht nachkomme. Wenn ihr nichts mehr lest von mir, tanze ich im Schulhausareal eine Entschuldigung und binde dabei gemeinnützig Bücher ein. Oder so ähnlich.

Schulmensa – gegessen wird, was es gibt

Das Kind ist nun in der Oberstufe. Also schon gross. Das Kind findet, es sei schon ganz gross, könne alles entscheiden. Für mich ist es mein Kind und wird es wohl immer bleiben – ich kenne meine Gluckenmentalität. Aber zurück zur Oberstufe: Die haben da eine Mensa. Mit Mensakarte, die man online aufladen kann. Man bedeutet: Die Eltern. Das Essen ist überteuert und nicht geniessbar (sagen relevante Quellen). Das Kind sprach von halb gefrorenen Sandwiches und Tiefkühlessen. Ein Schreiben an die Eltern besagte, dass diese gefordert seien, die Karte zu füllen. Als Mindestbetrag standen 100 Franken da. Die Mutter schluckte leer.

Gleich neben dem Schulhaus hat es einen Supermarkt. Mit Frischetheke. Das Kind, preisbewusst, wie es die Mutter es erzogen hat, kaufte sein Essen da. Und kriegte Nachsitzen als Ertrag obendrauf. Es hätte unerlaubt das Schulgelände verlassen. Es gebe Regeln. Die müsse man einhalten. Es gehe um Sicherheit.

Ich finde Regeln grundsätzlich wichtig. Und ja, man muss sie einhalten, wir leben ja in einer Gemeinschaft und Kant, Rawls und Konsorten haben den Gesellschaftsvertrag zur Genüge thematisiert, so dass ich das nun hier nicht nochmals tue. ABER!!!!! Und: Bevor ich mit dem Aber anfange, schreibe ich nichts über den Schulweg, der teilweise mit mehrfachem Umsteigen von einem Verkehrsmittel zum nächsten und einigen vielbefahrenen Strassen obendrauf in einer Grossstadt erfolgt. Ich sage auch nicht, dass ich beim Sicherheitsargument bei einem Gang mal schnell über den Schulhof nur leise schlucke, an Gottfried Kellers Seldwyla und die Schildbürger denke und dann schnell schweige, da ich weiss, dass solche Gedanken nie gut kommen. Drum sag ich nix. Nirgends. Zu KEINEM!

Das Kind muss also überteuertes Essen kaufen, das nicht mal geniessbar ist. Eltern müssen die Karte dafür mit MINDESTENS 100 Franken aufladen (und natürlich nachladen). Preisbewusstsein, das man dem Kind lange eingeimpft hat, muss man ihm nun wieder abtrainieren. Sonst sitzt das Kind nämlich am Mittwoch Nachmittag in der Schule und leistet gemeinnützige Arbeit. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber unter gegebenen Umständen fragwürdig.

Was bin ich froh, sitzen wir hier auf Rosen gebettet, laden Kindes goldene Kreditkarte (von der Schule ausgegeben) ständig auf, damit das Kind den Tiefkühlfrass überteuert an der Schule kaufen kann.

Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Pubertäre Innensichten

Doch mit siebzehn hatte ich bereits begriffen, dass man mindestens siebzig Prozent seines Lebens damit zubringt, Sachen zu machen, die man lieber nicht machen würde. Und so fand ich mich mit dem zentralen Irrsinn meines Lebens ab, dass ich fünf von sieben Wochentagen an dem Ort der Welt verbrachte, an dem ich am liebsten überhaupt nie sein wollte. Schon erstaunlich, was die Menschen sich so zumuten, dachte ich oft.

James Weinbach, 17 Jahre Alt, Schüler der Osborne Senior Highschool, setzt sich innerlich mit der Welt um ihn und seiner eigenen Stellung gegen sie auseinander. Er taxiert die Welt und seine Mitschüler mit seinem eigenen Wertesystem, welches dem der anderen gegenübersteht und ihn zu einem Einzelgänger werden lässt. Mit viel Ironie lässt er sich über die Kleider, Sitten, Lebensformen der anderen aus, legt dabei aber an andere gerade was Anstand und Freundlichkeit anbelangt, höhere Massstäbe an, als er selber erfüllt.

Die Paarungszeit war voll im Gange – nicht, dass sie je endete –, doch diese Phase lag zwischen den besessenen Sexkapaden des Spring Break und dem Dauerausstoss jugendlicher Sekrete namens Schulabschlussball, einem Ereignis, das viele für den wichtigsten Abend ihres Lebens hielten, ihr A und O, ihren Daseinszweck, für den ultimativen Initiationsritus. Die pheromongesättigte Aprilluft verwandelte die Genitalien sämtlicher Jungs in winselnde Wiesel, die sich abstrampelten, um zu den Mädchen zu gelangen, deren Eierstöcke durch Verhütungsmittel geschützt waren.

Während sich seine Mitschüler mit Sex, Partys und Drogen beschäftigen, setzt sich James in Anzug und Krawatte statt wie diese in kurzen Hosen, gedanklich mit sich und der Welt auseinander, versucht, einen Platz in dieser Welt zu finden und wird dabei aber seinen eigenen Ansprüchen nicht ganz gerecht, vor allem wenn es um die Asexualität geht, die er sich auferlegt hat, die allerdings durch seine Liebe zu Chloe in Gefahr gerät.

Mehr als einmal dachte ich: Satan, dein Name ist Pubertät.

Goebel zeichnet in seinem Roman den Mikrokosmos einer amerikanischen Highschool nach, zeigt aus der Innensicht von James Weinbach heraus die Selbstfindungsbestrebungen Pubertierender und durch dessen Analyse seines Umfelds die Abgrenzungsmechanismen, die in diesem Alter vermehrt zum Tragen kommen. Durch die unterschiedlichen Wertesysteme von James und seinen Mitschülern stellt man sich mehr und mehr die Frage, was denn nun normal, was anormal und was grundsätzlich gewünscht wäre als Leben.

In einer ironischen, klaren, einfachen Sprache führt Goebel durch den Schulalltag von James Weinbach, das Buch ist denn auch in Uhrzeiten aufgeteilt, so dass man lesend aktiv am Tag teilnimmt. Die inneren Monologe sind gelungen, allerdings zieht sich das anfänglich spritzig und witzig wirkende Buch mit der Zeit in die Länge und man wird etwas müde beim Lesen. Der halbe Umfang hätte für diese Thematik durchaus gereicht.

Fazit:
Das amerikanische Leben dargestellt am Mikrokosmos einer Highschool aus Sicht eines pubertierenden Siebzenjährigen. Witzig, ironisch, etwas zu lang geraten. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joey Goebel
Joey Goebel wurde 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt. Von ihm erschienen sind unter anderem Vincent, Freaks und Heartland. Goebel wird mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt.

 

Angaben zum Buch:
GoebelOsborneGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257068535
Preis: EUR  22.90 / CHF 31.40

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Schule in Zürich – der ganz normale Wahnsinn

Kind brachte heute eine Deutschprüfung heim. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr zu wundern (schon gar nicht aufzuregen). Zweiteres klappt einigermassen, am Wundern arbeite ich noch. Was ist passiert? Thema der Prüfung waren die Fälle. Aufgabe 2 lautete: Ersatzprobe. Nun kennt man die von früher, man kann, um einen Fall zu ermitteln, das entsprechende Wort durch das Fragewort wer, wen, wem oder wessen ersetzen und weiss dann, ob das Wort im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht.

Kindes Lehrerin war das zu banal. Die Ersatzprobe sollte in dieser Prüfung nicht durch das entsprechende Fragewort passieren, sondern durch der, den, dem oder des Esel(s).

Beispiel gefällig?

Das glückliche Schwein erhält einen neuen Stall.

________________ erhält ______________ .

 

Man ahnt wohl schon Böses. Von den Kindern wurde in der Tat gefordert, die Lücken hier folgendermassen zu füllen:

Der Esel erhält den Esel.

Noch ein Beispiel?

Bestimmt kommt Sandro morgen mit uns ins Schwimmbad

Bestimmt kommt _______ morgen mit _______ ins Schwimmbad.

Lösung: Bestimmt kommt der Esel morgen mit dem Esel ins Schwimmbad.

Das Kind konnte bei den Sätzen wenig Sinn ermitteln und hat mit wer, wen, wem und wessen ersetzt. Das wurde ihm falsch angerechnet, was nun die Note ziemlich runterzog. Irgendwie bin ich doch stolz auf meinen Sohn, hat er sich nicht gedankenlos diesem sprachlichen Unsinn gebeugt. Verstanden hat er alles und darauf kommt es (mir in diesem Fall) an. Ich hoffe, das nächste Jahr, das doch ein wichtiges sein wird (notenmässig), wird etwas vernünftiger, zumindest wechselt dann der Lehrer. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Bildung und andere Übel

Die Stadt Zürich hat ein Musikprojekt. Es gibt Bläser- und Streicherklassen. Das heisst, einige 4.- und 5.-Klässler kommen in den Genuss, ein Instrument zu spielen im Musikunterricht der Schule, das passende Instrument kriegen sie geliehen. Für die dem Projekt angeschlossenen Kinder ist das Ganze gratis. Den Steuerzahler kostet das pro Klasse und Jahr 20’000 Franken. Ausgeschrieben: Zwanzigtausend. Und es sind einige Klassen in Zürich, die Zahl habe ich leider vergessen, ich war wohl zu geschockt über die 20’000 pro Klasse und Jahr und spann meine Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens.

Ich höre schon die entsetzten Aufschreie, wieso ich ein so toll kulturelles, musisches Angebot in Frage stelle. Das hat Gründe. Am Elternabend, an welchem diese Zahl genannt wurde, kriegten die anwesenden Eltern nach einer ausführlichen Laufbahninformation der extra engagierten Musiklehrerinnen auch zu hören, dass dies vor allem für finanzschwache Familien toll wäre, da ihre Kinder so in den Genuss des Instrumentalunterrichts kämen. Das fand ich toll. Weniger toll fand ich aber, dass das Projekt nur 2 Jahre dauert, danach ist kein gratis Unterricht mehr da für die finanzschwachen Familien, und dass die Lehrerinnen sagten, nach diesen zwei Jahren könne kein Kind das gespielte Instrument spielen, der Schulunterricht ersetze sowieso den Einzelunterricht nicht. Also was nun? Da setzt also die Stadt Bildungsgelder für  Instrumentalunterricht ein, der a) nichts bringt und b) auf Scheinargumenten gründet?

Ich habe noch im Ohr, dass es immer hiess, wir sparen bei der Bildung. Und immer regte ich mich darüber auf. Und dann sowas? Wäre es nicht sinnvoller, wirklich interessierten Kindern Musikunterricht mitzufinanzieren, statt einer Horde ein paar Geigen in die Hand zu drücken, auf welchen sie dann mehr schlecht als recht rumzupfen (nicht alle dürfen streichen, was wohl zum Schutz der hörenden Gesellschaft gedacht ist).

Heute las ich, dass die Stadt Zürich viele Sportvereine unterstützt und so begeisterten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, gratis oder gegen kleines Entgelt einer Sportart nachzukommen. Eine tolle Sache, denn hier werden die unterstützt, die wirklich etwas tun wollen. Wenn man sieht, was das Leben mit Kind heute kostet, da jedes ein Hobby mindestens, besser zwei oder drei braucht und alles kostet, dann ist das eine sehr tolle Sache.

Nun möchte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich bevorzuge Sport gegenüber musischen und künstlerischen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke aber, dass man Kinder da unterstützen sollte, wo ihre Stärken und Interessen liegen und sie nicht alle über einen Kamm scheren kann, der schlussendlich niemandem wirklich gerecht wird. Nicht wirklich spielen könnende Geiger nützen der holden Kunst gar nichts, im Gegenteil. Das verleidet eher noch die Freude an der Musik. Zudem will nicht jedes Kind Geiger werden (oder Bläser).

Ändern kann ich daran nichts, ich nehme es zur Kenntnis, rege mich ein wenig auf, höre entzückt bald dem Weihnachtskonzert auf kindlich gezupften Geigen zu und denke mir das Meine.

Der gläserne Mensch

Der gläserne Mensch ist schon lange eine bekannte Tatsache, man hat sich fast schon damit abgefunden. Kameras filmen uns bei alltäglichen Gängen zur Post, Bank oder beim Einkaufen, die Cumuluskarte und neu auch die Supercard helfen, mein Einkaufsverhalten kennenzulernen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, Amazon schickt mir Büchervorschläge anhand der Auswertungen meiner vergangenen Einkäufe, Facebook und Twitter schlagen mir neue Freunde vor, da sie meine alten kennen. Alle kennen sie mich, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Das ist nicht toll, wohl aber nicht zu ändern. 

Eine ganz neue Dimension dieses Spiels entdeckte ich aber in den letzten Jahren, seit mein Kind in der Schule ist. Das Kind kam eines Tages mit einem Blatt nach Hause, auf dem ich feinsäuberlich meine Geburt und die nachfolgenden Stillerfahrungen notieren sollte, inklusive Stilldauer und weiteren Informationen. Ich bin sonst durchaus ab und an kooperativ, mitunter auch mitteilungsfreudig, aber ich suche mir gerne aus, wann ich was wem erzähle und eine mir unbekannte Lehrerin gehört nicht zu dem Kreis, der an meinen intimsten Details teilhaben sollte. Das Kind verstand zum Glück meine Beweggründe und trug das Blatt mit meiner Antwortverweigerung brav zur Schule. Ich dachte, damit sei die Sache gegessen. Der nächste Anschlag kam: Unsere Ernährungsgewohnheiten in Bezug auf Milchprodukte sollten in einer Wochentabelle notiert werden: Wann isst Familie Cosima wie viele Einheiten welches Milchprodukts. Mit der Aufforderung zur Offenlegung kam auch noch die klare Anweisung, wie viele Einheiten es zu sein hätten. Damit die Kinderchen sich auch wirklich dran halten, erzählte die gute Frau Lehrerin, wie wichtig das sei, dass sie sonst alle krank würden, wenn nicht heute, so sicherlich morgen. Zudem würde man unweigerlich dick, verzichtete man auf diese Milchprodukte. Nun vertrage ich Milchprodukte eher schlecht, früher noch schlechter als heute. Ich mied diese also früher ganz, heute esse ich sie in Massen. In der chinesischen Medizin lernte ich zudem, dass Milch den Körper verschleimt. Diesen Effekt sah ich bei meinem Sohn auch mal ziemlich deutlich, als er mit einer Erkältung kämpfte. Zuerst wollte ich brav schweigen und überlegte sogar kurz, die Tabelle zu fälschen. Doch dann schrieb ich ihr eine lange und ausführliche Stellungnahme zu dem Ganzen (ernährungstechnisch). 

Heute nun kriegte ich ein Schreiben der städtischen Gesundheitsdienste. Schlularzttermin fällt an. Dazu wollten sie alles über vergangene (wenn es ginge auch zukünftige, ich bin mir sicher) Krankheiten, Unfälle und sonstigen Gebrechen wissen. Dazu noch eine Kopie der bisherigen Impfungen. Danach musste man ankreuzen, wozu man sein Einverständnis gibt, die Auswahl war so, dass man kaum um die Impfung beim Schularzt herum kommt. Nun darf man mich nicht falsch verstehen, ich bin selber Wissenschaftler und bis zu einem gewissen Grad der Wissenschaft angetan. Ich impfe, weil ich davon ausgehe, dass die, welche die Impfungen erfinden, ihre Sache gut machen und mehr von der Materie verstehen als ich. Diesen Mehrverstand spreche ich den meist nicht medizinisch ausgebildeten Impfgegnern einfach mal ab. Ich weiss, reine Spekulation, meine eigene Hypothese, ich stehe dazu und baue darauf. Trotzdem möchte ich mein Kind nicht im Rahmen einer Schulkontrolle impfen lassen, das tut unser Kinderarzt, mit dem ich das angeschaut habe und dem ich vertraue.

Heute hatten wir Ärger mit dem Internet. Ein Anruf mit dem Kundencenter des Anbieters kam sogar über die Warteschlaufe hinaus, bis hin zu einem Mitarbeiter. Am Telefon führte er uns durch gewisse Schritte, sah dabei, wann unser Modem an war, wann aus. Mein Iphone weiss, wo ich wann bin, mein Facebookaccount schreibt, wo ich welchen Status schreibe, Twitter weiss das auch, Google kennt meine Bilder, hat auf dem Drive meine Dokumente, managt meinen Kalender, die Cloud synchronisiert den anderen Kalender sowie meine Kontakte und Lesezeichen. Bei diversen Seiten kann ich mich gleich mit dem Facebookaccount anmelden, der nun auch meine privaten Adressen und Telefonnummern freigibt. Ich bin umstellt, durchleuchtet, ein gläserner Mensch. 

 

Vom Begriff her hörte ich das schon ein paar Mal, in Tat und Wahrheit erschreckt es mich bei jedem Mal, wenn es akut bewusst wird, erneut. Meist verdränge ich es, denke nicht dran. Wozu auch, es lässt sich nicht ändern. Und doch: Will ich das? Eigentlich nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir immer der Ausspruch meines Sohnes in den Sinn:

Mama, ich will nie zu Facebook, Facebook ist doof. Ich will mal ein Mann mit Geheimnissen sein.