Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Inhalt
Ein kleiner Junge, früh von der Mutter verlassen, übernimmt die Haushaltspflichten für seinen Vater, immer mit dem Gefühl, diesem nicht zu genügen. Kaum ein liebes Wort, keine Bestätigung, nur Kälte, Desinteresse, Distanz. Täglich kauft er im kleinen Laden von Monsieur Ibrahim ein, welcher seine Situation insgeheim durchschaut und sich seiner annimmt. Die beiden sprechen über Gott und die Welt, über Recht und Unrecht, über Menschlichkeit und Liebe. Als Momo, so heisst der kleine Junge, auch noch seinen Vater verliert, adoptiert ihn Monsieur Ibrahim und nimmt ihn mit auf eine Reise, die ein unerwartetes Ziel hat.

„Dank des Eingreifens von Monsieur Ibrahim bekam die Welt der Erwachsenen Risse, sie war nicht mehr die gleiche glatte Mauer, gegen die ich stiess, durch einen Spalt hatte sich mir eine Hand entgegengestreckt.“

Rezension
In einer klaren, einfachen Sprache erzählt Eric-Emmanuel Schmitt die Geschichte des kleinen Momo. Es ist kein einfaches Leben, das sich dem Leser zeigt, es sind keine schönen Umstände, in denen Momo aufwächst, es eröffnen sich Tiefen und Schmerzhaftes, doch nie verfällt Schmitt ins Psychologisieren, nie wird der Stil emotional, nimmt ein Urteil vorweg oder schreibt ein Gefühl vor. Der Leser fühlt beim Lesen selbst mit, weil er tief in die Geschichte eintaucht.

Aus der Sicht eines Kindes werden landläufige Glaubenssätze entlarvt, Absurdes zeigt sich in seiner Deutlichkeit, menschliche Verletzungen und deren Folgen kommen ans Tageslicht. Die Geschichte geht direkt ins Herz und ruft da auf zu mehr Mit-Menschlichkeit über die Grenzen von Gesinnungen, Klassen und Religionen hinaus, ohne dabei zu moralisieren.

Ein Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.

Fazit:
Ein wunderbares, berührendes, bewegendes Buch, da ich nur von Herzen ans Herz legen kann. Lest es. Saugt es ein. Lasst euch berühren. Tankt ein wenig Herzenswärme.

Zum Autor
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon, studierte Klavier in Lyon und Philosophie in Paris. Mit seinen Erzählungen wie »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« wurde er international berühmt und gehört heute zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren in Frankreich. Seine Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Schmitt lebt in Brüssel.

Zum Buch:
Herausgeber: Fischer; 16. Edition (1. Oktober 2004)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-13: 978-3596161171
Originaltitel: Monsieur Ibrahim et les Fleurs du Coran
Übersetzung: Annette Bäcker, Paul Bäcker

Lesemonat Januar

Man könnte sagen, bei mir fliesst alter Wein in neuen Fässern, denn es ist im neuen Jahr alles so, wie das alte es hinterliess, und so kommt es, dass auch im Januar gelesen wurde. Den Anfang machte Michelle Obama mit ihrem neuen Buch «Das Licht in uns». Nachdem dieses Licht mal entdeckt war, ging es mit Selbstliebe und Aufforderungen zur Lebensänderungen weiter (ein grossartiges Buch, das mir ans Herz gegangen ist). Mit Jay Shetty wurde es dann wieder seichter, Osho toppte das noch. Gekämpft habe ich mit Audre Lorde. Schön daran war, dass ich es nicht alleine las, die Diskussion zum Buch steht noch aus, ich weiss nur, meiner Mitleserin ging es wie mir: Diese Wut und so vieles war uns zu fremd.

Das grosse HIghlight im Januar war Karl Jaspers mit seinen grossen Philosophen, eine wunderbare MIschung aus Ost und West mit tiefgründigen Texten zu Leben und Werk. Von Viktor E. Frankl holte ich mir Ermutigungen für schwierige Zeiten (die ich zum Glück aktuell nicht habe). Danach ging ich mit Alan Watts auf Glückssuche, um am Schluss mit Nietzsche zu schauen, was so ein Leben überhaupt ausmacht und wie es gelebt werden sollte. Eine spannende Lesereise.

Es wurden 10 Bücher, mehrheitlich in Spanien gelesen bei wunderbaren 20 Grad. Wieder zuhause bin ich noch nicht so im Lesen angekommen, dafür habe ich die ganzen Bücherregale umgeräumt, um sie für meine neuen Projekte und weiteren Leseabsichten passend zu haben. Vielleicht schwang auch ein wenig die Freude mit, wieder mit all meinen Büchern vereint zu sein – für mich ein Gefühl von Heimat, frei nach dem Motto:

«My Home is, where my books are.»

Ich habe beschlossen, wieder mehr über Bücher zu schreiben, was ich nun doch eine Zeit lang vernachlässigt habe. Einerseits, weil Bücher seit ich denken kann einen zentralen Wert in meinem Leben habe und ich gerne zum Lesen anrege, vor allem weil ich der Überzeugung bin, dass Bücher gute Freunde sein können, die einem mit Trost, Freude und auch neuen Einsichten das Leben bereichern können.

Was waren eure Lesehighlights im Januar?

Hier die ganze Liste

Michelle Obama: Das Licht in uns. Halt finden in unsicheren ZeitenEin sehr authentisches, offenes Buch über das Leben, über Beziehungen, ein Buch über Selbstzweifel, die auch nicht aufhören, wenn man es nach aussen „geschafft hat“. Ein Buch darüber, wo wir Kraft finden können, wenn es schwierig wird, und darüber, dass wir hinstehen müssen und können, wenn wir etwas bewirken wollen – für uns und für andere. Ein Blich in die Lebensgeschichten von Michelle Obama, das berührt, weil es von Herzen zu kommen scheint. 5
Rüdiger Schache:Die Selbstliebe-Illusion. 7 grosse Selbstliebe-Irrtümer – und wie du wirklich bei dir ankommst. Ein Buch darüber, dass wir uns nicht mehr lieben müssen, sondern anfangen, uns nicht mehr abzulehnen. Indem wir erkennen, wer und was wir wirklich sind und wollen im Leben, können wir zu dem Menschen werden, der wir sein wollen und tief im Herzen auch sind. Die Selbstliebe wird dann von selbst kommen. Etwas seicht, aber leicht und flüssig zu lesen und zum Nachdenken anregend.4
Wayne Dyer: Ändere deine Gedanken und dein Leben ändert sich. Die lebendige Weisheit des TaoInterpretationen der 82 Verse des Tao te Kings, Gedanken und Meditationen über die Inhalte, lebenspraktisch, teilweise persönlich, zum Nachdenken und ins eigene Leben Integrieren anregende Texte. Ein gedankliches Kleinod, ein zu Herzen gehendes und da wirkendes Buch. 5
Jay Shetty: Ruhe in dir. Zeitlose Weisheiten für ein selbstbestimmtes LebenJay Shetty erzählt von seinem Alltag als Mönch im Ashram und greift auf die Methoden der Mönche zurück, um zu zeigen, wie ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben erreicht werden kann. Durch Selbsterkenntnis, Annehmen der Umstände, Loslassen des falschen Strebens und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens können wir an einen Punkt kommen, mit uns und andern in Frieden und Harmonie zu leben – nach unseren Werten.4
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig. Zudem zu viele Wiedreholungen, zu  viel Geplauder.
Audre Lorde: Sister OutsiderEin Zeugnis der Wut einer schwarzen, lesbischen, feministischen, alleinerziehenden Mutter und Uni-Dozentin, welche diese ergründet, in Geschichten erläutert und, gezielt eingesetzt, als Motivation für den Kampf gegen die Unterdrückung propagiert. Ein Einblick in die Welt einer Schwarzen und was es bedeutet, mit dieser Hautfarbe auf die Welt gekommen zu sein in den herrschenden Herrschaftsverhältnissen. Manchmal ein wenig zu schwarz-weiss, mitunter aber auch ein kraftvoller Aufruf für mehr Miteinander im Kampf für eine gemeinsame gerechtere Welt. 5
Karl Jaspers: Die grossen PhilosophenEinblicke ins Denken grosser Philosophien. Kein schlichtes Zusammenfassen oder Darlegen, sondern ein analytisches Ergründen und Durchdenken. Sowohl Erläuterung wie auch Schulung im Selberdenken, Hinterfragen, genauer Lesen. Ein grossartiges Buch, ein Buch, das nachhallt und zum tiefer Graben und Weiterdenken inspiriert. 5
Viktor E. Frankl: Zeiten der Entscheidung. ErmutigungenEin Werkzeugkasten aus ausgewählten Texten mit Fallbeispielen aus dem Gesamtwerk Frankls, der dazu dienen soll, gerade in schwierigen Zeiten als Anleitung zum gelingenden und sinnerfüllten Leben zu dienen. Teilweise in wissenschaftlichem Jargon verfasst bieten die einzelnen Texte eine Einsicht ins Denken und Arbeiten Frankls und in seine Logotherapie, es sind Texte, die darauf bauen, dass der Mensch für ein gelingendes Leben einen Sinn braucht und er frei ist, auf eine gute Weise auf das, was das Leben bringt zu reagieren.4

Gedanken und Buchtipp: Ich sein in dieser Welt

Eigene Gedanken

„Wir Menschen sind Geschichtenerzähler. Was wir uns von uns erzählen, erfahren wir als unsere Identität.“

Wir leben in einer Zeit der Singularität, der Einzigartigkeit. Oft hört man in dem Zusammenhang die Aufforderung, man selbst zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen, sich selbst treu zu sein und zu bleiben. Doch: Wer ist dieses ich? Was macht es aus? Oft erzählen wir uns dazu Geschichten, die wir uns dann glauben. Wir erzählen von Vorkommnissen in der Vergangenheit, von der Kindheit, unserem Beruf, Menschen um uns, die uns geprägt hätten – und manchmal sind es auch schwierige Ereignisse, Ereignisse, die uns umtreiben, umwerfen gar.

„Es gibt Ereignisse in unserer Biografie, die verändern alles. Von einem Moment auf den nächsten ist das Leben keine planbare Grösse mehr und die Welt eine andere, als wir bis dahin dachten. Wir sprechen dann von einer Krise […] plötzlich wissen wir wieder, was Menschsein heisst: Wir sind verwundbar, und wir brauchen die Anderen.“

Und plötzlich sind die Fragen noch drängender: Wer bin ich nun? Noch derselbe? Ein anderer? Und wir machen uns auf die Suche nach dem, woran wir uns wieder erkennen können.

„Besonders in Lebenskrisen, in Zeiten der Neuausrichtung oder im Alter werden die fragen drängender: Was zeichnet mich aus? Warum erlebe ich all dies? Was ist meine Aufgabe? Was sind die Muster in meinem Leben, die Lebensspur, die meine Erdenzeit durchwebt, der ich folge oder die mir ausgelegt wurde?“

Wir suchen nach unserem Wesenskern, danach, was uns ausmacht und wozu wir auf dieser Welt sind. Vor allem vom „Wozu“ erhoffen wir uns viel, soll es doch dem Leben Sinn verleihen.

„Das Eigene erkennt man im Fremden, das Ich im Vergleich mit dem Gegenüber.“

Was wir dabei oft vergessen, ist, dass es bei der Suche nach uns selbst nie nur um uns geht. Wir sind nicht allein auf dieser Welt und nie unabhängig von dieser und den Menschen um uns zu denken. Erst im Anderen erkennen wir uns selbst, in unserem Miteinander, in unserem Austausch erkennen wir unseren Beitrag und unser Sein in dieser Welt.

„Die Geschichten wollen neu erzählt, die Fragen neu gestellt werden, und zwar so, dass wir unser Einzigartigsein nicht länger durch die Abgrenzung vom Anderen erfahren, sondern aus der Verbundenheit heraus mit den Anderen erleben.“

Es gilt also, diese Perspektive mit aufzunehmen in die eigene Biografiearbeit. Es gilt, so eine umfassendere Geschichte zu schreiben – und dies im wahrsten Sinne des Wortes am besten wirklich zu schreiben, nicht nur zu denken. Schon Hannah Arendt sagte, dass sie schreibe, weil sie verstehen wolle. Schreibend gelingt es uns besser, die Gedanken in eine Ordnung zu bringen, sie zu sortieren und so fassbarer zu machen. Wenn es dabei um die eigene Biografie geht, ist das Ziel, uns in der Welt verortet zu sehen, als Teil eines Ganzen. Wir erfahren Wort für Wort mehr über unseren Platz in dieser Welt:

„In den goldenen Faden unserer Existenz, ins Licht unseres Daseins webt sich der rote Faden unseres Schicksals ein. Beides zusammen stellt das Gewebe unseres Lebens dar.“

Der Buchtipp dazu:

Liane Dirks: Sein & Werden: Schätze und Chancen unserer Biografie neu erkennen

Anhand verschiedener Fragen nimmt Liane Dirks den Leser an die Hand und läuft die Stationen seines Lebens ab. Sie beleuchtet den Anfang, wo die Lebensreise begann, analysiert, was uns als Menschen ausmacht und wodurch wir wachsen, zeigt auf, was Liebe bedeutet und wieso sie so wichtig ist. Sie zeigt auf, was wir vom Leben lernen können und wieso es wichtig ist, die kleine egozentrische Sicht zugunsten eines grösseren Zusammenhangs zu erweitern. Wir sind alles Teil eines Ganzen, Teil einer Welt. Was es heisst, darin verortet zu sein, schliesst das Buch schliesslich ab.

Liane Dirks ist ein wunderbares Buch über das Erkennen des eigenen Seins gelungen. Wie einer ist und was ihn ausmacht, welche Geschichten über sich er sich erzählt und wie neue Geschichten aussehen könnten – all das sind Themen dieses Buchs.

Zur Autorin
Liane Dirks, geboren 1955, ist freie Schriftstellerin, Meditations- und Tai-Chi-Lehrerin und hat eine Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächstherapie absolviert. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen und trug mit ihren Romanen zu wichtigen gesellschaftlichen Debatten bei. Sie entwickelte den zertifizierten Ausbildungsgang zum Life Script® Coach in kreativer potenzialorientierter Biografiearbeit, der Selbstentfaltung, Kreativität und Spiritualität zusammenführt. Liane Dirks gibt regelmäßig Seminare und lebt in Köln.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Kösel-Verlag (2. November 2022)
Gebundene Ausgabe : 272 Seiten
ISBN-13 : 978-3466347377

Ruediger Schache: Die Selbstliebe-Illusion

7 grosse Selbstliebe-Irrtümer und wie du wirklich bei dir ankommst

„Eine Selbstablehnung ist der Druck eines falschen Gedankens auf Dich selbst. Beende einen solchen Irrtum, und die Gedanken und Gefühle von Selbstablehnung werden aus Deinem Magneten verschwinden. Als Folge wird sich die Welt um Dich herum positiv verändern. Du kannst sie immer mehr lieben und Dich selbst als aktiven Teil darin ebenfalls.“

Es gibt den Spruch, man müsse sich selbst lieben, um andere lieben zu können. Oder man denkt, wenn man sich nur selbst mehr lieben würde, wäre das Leben einfacher. Wie aber kommt man zu dieser Selbstliebe? Was kann ich tun, damit ich mich mehr liebe? In diesem Ansatz, so Ruediger Schache, liegt ein Leistungsgedanke, der nicht wirklich zu grösserer Selbstakzeptanz oder -liebe führt, sondern einem Optimierungswahn entspricht, wie er in der heutigen Zeit weit verbreitet ist.

Was genau suchen wir, wenn wir denken, uns zu wenig zu lieben? Wir möchten von uns und von anderen nicht abgelehnt werden, wir wünschen uns, dass wir in unserem Sosein akzeptiert und angenommen sind. Statt also durch ein Tun, eine Leistung zu mehr Selbstliebe zu kommen, führt der Weg zu einem gelingenden Leben besser über das Ablegen der Ablehnung, das Loslassen dessen, was uns im Weg steht, allem voran falsche und überhöhte Ansprüche an uns selbst.

„Mache künftig keine große Sache mehr aus einem scheinbaren Fehler, Irrtum oder Rückfall. Verschwende keine Gedanken an Selbstvorwürfe. Etwas geschieht, Du erkennst es, registrierst es und gehst weiter.“

Anhand von sieben Selbstliebe-Irrtümern zeigt Ruediger Stache auf, wie wir uns aus Mustern und Abwertungen befreien können und hin zu einem selbstbestimmten und selbstwirksamen Leben kommen können. Die Gedanken und Ratschläge sind sicher nicht neu, aber doch interessant, anregend und nachvollziehbar. Dass beim Lesen immer wieder eine Erinnerung an Streleckys „Café am Rande der Welt“ aufkommt, ist dabei gewollt.

Fazit
Ein leicht lesbarer Lebensratgeber ohne wirklich neue Erkenntnisse, aber doch guten Denkanstössen.

Zum Autor
Ruediger Schache ist Coach, Seminarleiter, Weisheitslehrer und international renommierter Bestsellerautor für Sachbücher und Romane. Seine Bücher erreichen eine weltweite Auflage von über 2 Mio Exemplaren und sind in 26 Sprachen erschienen. Alleine das »Das Geheimnis des Herzmagneten« stand 84 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste.
Neben seiner Arbeit als Vortragender und Autor betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Nicole Diana Engelhardt, südlich von München ein Institut für Bewusstseinsforschung, ein Zentrum für die Lehre ihrer Arbeit, sowie eine Heilpraxis für Neue Medizin.
Einer seiner besonderen Fähigkeiten liegt darin, auf eingängige und spannende Weise, die Brücke zwischen aktueller Wissenschaft, spiritueller Wahrheit und praktischem Leben zu bauen.

»Es gibt zwischen innerem Erwachen, spirituellem Wissen und wissenschaftlicher Weltsicht keine Unvereinbarkeiten«, erklärt Ruediger Schache. »Es gibt nur Nichtwissen und Wissen. Fragen und Entdeckungen. Unbewusstheit und Bewusstheit. In Beziehungen, auf dem Lebensweg oder in der Welt existieren in tiefster Wahrheit auch keine falschen oder richtigen Ereignisse. Es gibt nur das, was geschieht und die Kräfte, die es formen. Verstehe diese Kräfte und du verstehst die Schöpfung und den Sinn. Und dann wird es in dir ruhig und still.«

Angaben zum Buch:
Herausgeber : Nymphenburger in der Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG; 1. Edition (18. Juli 2022)
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 160 Seiten
ISBN-13 : 978-3968600314

Lebenskunst: Achtsames Tun

«Ganz im Tun, ganz bei mir.» Anselm Grün

Ich mag Rituale. Sie geben meinem Leben eine Kontinuität, einen Halt, sie vermitteln mir eine Art von Geborgenheit im Leben, weil sie wiederkehrend mich aufnehmen und mir einen Ort geben, wo ich mich wohl fühle. Das rituelle Tun ist damit Hort für Sinn, für Musse, für Vertrauen auch. Es ist eine Form von Verlässlichkeit in einer Welt, die zu oft durch Unruhen und Unvorhergesehenes aus den Fugen zu geraten scheint.

Wenn man Rituale hört, denkt man vordergründig an grosse Inszenierungen, wie sie in Religionen vorkommen. Doch das meine ich hier nicht. Ich meine die kleinen Alltäglichkeiten, die den Tag zu meinem Tag machen. Das kann der Kaffee am Morgen sein, das Anzünden einer Kerze vor meiner Yogastunde. Der Gang auf die Matte ist eines meiner liebsten Rituale, das morgendliche Schreiben ebenso.

Es gibt Dinge, die man tun muss und die einem eher lästig sind oft: Abwaschen, Staubsaugen, Putzen. Sogar daraus kann man ein Ritual machen, indem man die Dinge bewusst macht. Wenn ich abwasche, tue ich nur das. Ich spüre das warme Wasser, den Schaum, drehe das Glas, höre das Reiben auf der Oberfläche, trockne es ab. Ich bin ganz bei dem, was ich aktuell tue. Das beschreibt auch Thich Nhat Hanh, wenn er die Geschichte eines Mönchs zitiert:

«Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich…»

Wir neigen dazu, immer mehrere Dinge gleichzeitig tun zu wollen. Dadurch wird das einzelne Tun sinnbefreit, unser Tun ist nur noch ein Abspulen von Handlungen, mit dem wir nicht mehr viel zu tun haben. Die Rückkehr ins achtsame Tun kann uns uns selbst näherbringen und aus Alltäglichem ein Ritual machen.

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Buchtipp:
Anselm Grün: Rituale, die gut tun. Jeden Tag erfüllter leben

Anselm Grün beschreibt verschiedene Rituale, kleine alltägliche Verrichtungen, die in Kapiteln zusammengefasst sind. Die Rituale sollen Halt geben in schwierigen Zeiten oder helfen, in die eigene Mitte zu kommen, sie beschäftigen sich mit Tages- und Jahreszeiten, sind Mittel, Balance zu finden oder das Leben zu feiern. Entstanden ist ein inspirierendes Büchlein, das helfen kann, eigene Rituale ins Leben aufzunehmen, welche diesem mehr Tiefe und Schönheit verleihen.

Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit

Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude

Mehr Achtsamkeit im Alltag

„Präsenz zu entwickeln, heisst, mit der Aufmerksamkeit und den Gedanken bewusst im gegenwärtigen Moment zu sein, bei dem, was jetzt gerade ist oder was wir gerade tun.“ Christiane Wunderlich

Thich Nhat Hanh zitiert in seinen Büchern gerne einen Mönch, der Achtsamkeit folgendermassen beschreibt:

„Wenn ich gehe, gehe ich,
wenn ich esse, esse ich,
wenn ich trinke, trinke ich.“

Oft kommt dann der Einwand, dass man das doch auch tue. Doch ist es wirklich so? Denken wir beim gehen nicht schon ans Ankommen? Essen wir nicht schnell mal etwas im Stehen zwischendurch, um schnell weiter zu können? Planen wir nicht heute schon, was wir morgen machen?

Kürzlich las ich diesen schönen Satz:

„Geniesse deine Gegenwart, dann hast du in Zukunft eine schöne Vergangenheit.“

Leider haben wir genau das oft verlernt. Wir sind getrieben von eigenen und fremden Ansprüchen, denen wir allen gerecht werden wollen, und vergessen uns dabei oft selbst. Wie fühlen wir uns? Ist das wirklich das Leben, das wir leben wollen? Wem es so geht, dem sei das kleine Buch von Christiane Wunderlich empfohlen: „6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude“

Christiane Wunderlich erklärt zuerst, was Stress ist und wie er sich auswirkt auf unseren Körper. Danach führt sie ins Thema Achtsamkeit ein und zeigt auf, wie diese helfen kann bei der Stressbewältigung. Sie hat ein Programm in sechs Schritten entwickelt, das hilft, den eigenen Stress zu erkennen und mit gezielten Übungen dagegen anzugehen, um das Leben gelassener und freudvoller zu gestalten.

Entstanden ist ein kleines, leicht lesbares Buch mit guten Anleitungen, die einzelnen Übungen gleich umzusetzen.

Fazit:
Ein lebenspraktisches Buch mit leicht anwendbaren Übungen für ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit, das vielen Menschen Leid bringt. Empfehlenswert!

Die Autorin
Christiane Wunderlich ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Achtsamkeitstrainerin in eigener Praxis bei Nürnberg. Sie ist Dozentin in der Heilpraktikerausbildung für Psychotherapie und gibt Stressbewältigungs- und Achtsamkeitstrainings in Unternehmen. Daraus entwickelte Sie in den vergangenen Jahren ein großes Repertoire an Techniken zum Umgang mit stressvollen Gedanken sowie das Konzept »6 Schritte zur Achtsamkeit«, das bereits bei vielen Teilnehmern zu mehr Gelassenheit und Lebensfreude in ihrem Alltag geführt hat. http://www.christine-wunderlich-coaching.de

Angaben zum Buch
Herausgeber : Schirner Verlag; 1. Edition (20. Mai 2021)
Taschenbuch : 200 Seiten
ISBN-13 : 978-3843414784

Lebenskunst: Glück

«Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich, es anderswo zu finden.» Arthur Schopenhauer

Aristoteles sah sie als oberstes Ziel eines gelingenden Lebens: die Glückseligkeit. Im folgten über Jahrtausende viele Menschen, alle auf der Suche nach dem Glück, danach, was das Leben zu einem schönen macht. Es wurden Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst, Regale mit gefüllt mit vielen Büchern – und doch scheint es nicht gefunden worden zu sein, denn es entstehen ständig neue Bücher. Fruchten die Anleitungen nicht? Oder halten sich die Menschen einfach nicht dran?

Die buddhistische Sicht auf das Glück ist eine einfache: Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.

Das ist natürlich sehr ärgerlich, haben wir doch die letzten Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, genau das zu tun: Etwas zu wollen, etwas anzustreben, etwas zu kaufen. Zwar haben wir auch gemerkt, dass es mit dem Glück dann doch nicht weit her war. Im besten Fall zeigte es sich für einen kurzen Moment, doch auch dann war es schnell wieder weg. Doch es ist nicht zu spät:

Will man sich auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.

Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe. Darin sind sich die westliche und die östliche antike Philosophie einig. Bei den Stoikern ist das oberste Ziel im Leben, zu einer gelassenen Haltung, einer inneren Ruhe zu kommen. Ist dies erreicht, ist das Glück automatisch da. Glück ist danach also nicht etwas, das wir anstreben sollen, sondern es ist das Nebenprodukt einer eigenen Haltung, eines Seins.

Dies deckt sich sowohl mit dem yogischen Denken wie auch dem buddhistischen, es wird von der neuen wissenschaftlichen Forschung untermauert. Das Schöne daran: Man muss es nicht einfach glauben, man kann es erfahren, indem man etwas dafür tut. Wenige Minuten der Bewusstwerdung, der Meditation, des Zur-Ruhe-Kommens reichen, um nach und nach zu einer Veränderung führen hin zu einem Gefühl von mehr Ruhe, mehr Wohlbefinden – und sogar Glück.

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Buchempfehlung zu dem Thema:

Matthieu Ricard: Glück

Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Er greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.

Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!

Zum Autor: Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der Kraft

Dem Leben mit mehr Kraft begegnen

Inhalt
Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung, immer mehr Menschen fallen in ein Burnout. Schaut man in die Welt, scheint der Grund dafür klar: Die immer grösseren Belastungen durch den Leistungsdruck, die Klimakatastrophe, Pandemien und Kriege – die Welt scheint nicht mehr sicher, das eigene Überleben wird immer herausfordernder. Der Umstand, dass diese äusseren Umstände viele Menschen betreffen, davon aber nicht alle erschöpft sind, deutet darauf hin, dass die Gründe tiefer liegen müssen, dass sie beim Menschen selbst gesucht werden sollten.

Andreas Salcher geht der Frage nach diesen Gründen nach und er beruft sich dabei immer wieder auf drei Menschen: Viktor Frankl, der trotz seinen grausamen Erfahrungen als Überlebender Sinn im Leben sah, Mihaly Csikszentmihalyi, der sein Leben der Erforschung des Glücks gewidmet hat, und den Benediktinermönch David Steindl-Rast, der zu Innehalten und Ruhe für die richtige Entscheidung zum Tun aufrief.

Zu lernen, mit Frustration und Ablehnung umzugehen, ist ein Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Unsere Einstellung ist unsere grösste Freiheit, die wir uns von niemandem nehmen lassen sollten.“

In vielen, oft wie zusammengewürfelt erscheinenden Beispielen, Gedankengängen und Geschichten kreist Andreas Salcher sein Thema ein, beleuchtet es von den verschiedensten Seiten und fördert so einem Goldschürfer gleich Erkenntnisse ans Tageslicht. Er zeigt auf, wie falsche Erwartungen, zu viel Fremdbestimmung und zu wenig Selbstverantwortung regelrecht krank machen können, und nennt wirkungsvolle Werte und Haltungen, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

„Du bist für dein Denken und Handeln, deine Sicht auf die Welt und deren Konsequenzen selbst verantwortlich.“

Der Weg zum Glück ist kein einfacher, er braucht Disziplin, den Mut, genau hinzuschauen und den Willen, etwas zu tun. Wichtig dabei ist, zu entscheiden, was wirklich selbstgewolltes und passendes Tun ist und wo wir äusseren Erwartungen und Zwängen unterliegen. Die nächste Herausforderung ist, für das eigene Tun die Verantwortung zu übernehmen, im Wissen, dass es unsere Wahlfreiheit war, die dieses Tun bewirkt hat. Und bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dankbar zu sein für das, was uns möglich ist und für das Gute, das wir oft zu schnell übersehen.

Fazit
Andreas Salcher ist es gelungen, ein wichtiges Thema unserer Zeit aus verschiedenen Blickrichtungen zu beleuchten, es anschaulich und verständlich zu präsentieren und lebenspraktische Herangehensweisen für eine Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu skizzieren. Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Lesemonat November – Ein Rückblick

Der November war grau zu mir – vor allem, was das Wetter anbelangte. Sonst schaue ich sehr dankbar auf einen Monat zurück, der gut tat, der von Zufriedenheit, Freude, Energie und schönen Momenten geprägt war. Zu den letzteren gehörten auch einige Lesemomente. Es war ein guter Monat, wenn auch ein paar Bücher nicht ganz dem entsprachen, was ich mir davon erhofft hatte.

Ich habe mich dem Osten zugewandt, hauptsächlich Yoga, Ayurveda und Buddhismus. Es waren Bücher, die nicht zwischen Buchdeckeln stecken bleiben wollen, sondern ins Leben greifen. Es waren Bücher, die dazu anregten, das Gelesene in der Praxis umzusetzen, Bücher, die zu mehr Bewusstsein für das eigene Sein und Tun aufriefen. Das meiste war zwar nicht neu für mich von den Gedanken her, aber manchmal helfen verschiedene Anläufe und Ansätze, Dinge besser zu verinnerlichen, so dass sie dann von innen heraus ins Leben wirken.

Hier die vollständige Leseliste:

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfaltenWenn wir von uns sprechen, sprechen wir von unserem Herzen, denn da sitzt unsere Essenz, das, was uns ausmacht. Oft haben wir diesen Zugang verloren, was sich im Leiden an uns selbst und im Umgang mit anderen Menschen zeigt. Anna Trökes zeigt Wege zurück an, hin zu einer Verbundenheit mit dem eigenen Herzen, mit sich und der Welt. Verschiedene, praktisch umsetzbare, teilweise auf einer CD angeleitete Übungen sollen dabei helfen. 5
Thich Nhat Hanh: Alles, was du tun kannst für dein GlückViele einfach zu praktizierende Übungen, die mehr Glück ins Leben bringen sollen. Glück entsteht dann, wenn der Geist im Körper präsent ist und so im Hier und Jetzt achtsam den Augenblick lebt, dann ist der Mensch lebendig und glücklich. Ein Buch, das aufruft, nach innen zu schauen, die eigenen Gefühle und Muster zu erkennen, das eigene Leid anzunehmen, und mit Liebe, Güte und Achtsamkeit anderen Lebewesen und der Welt zu begegnen. 4
Gertrud Hirschi: Yoga 7×7abgebrochen – zu oberflächlich und zu einfach, hat mich nicht angesprochen
Remo Rittiner: Im Einklang mit dem Herzenabgebrochen – zu esoterisch, der Schreibstil hat mir nicht entsprochen. Es wirkt noch zu wenig ausgegoren, er hätte wohl seinem Kopf folgen sollen und das Buch erst in einem Jahr schreiben
Marion Küstenmacher: Wo die Seele Atem holtZu oberflächlich, zu wenig Tiefgang, mit der Zeit wirkt es ein wenig beliebig
Elena Lustig: Pro Age Life. Das Yoga-Praxisbuch für gesundes ÄlterwerdenÄlter-Werden ist verbunden mit Einschränkungen, Abbau und vermehrt Krankheiten. Wir werden das nicht ganz beseitigen können, aber wir haben viel in der Hand, gesünder älter zu werden und dem Abbau etwas vorzubeugen. Mit vielen Tipps zu Ernährung, Lebenshaltung und Yogastellungen gelingt es, dem Älter-Werden auch positive Seiten abzugewinnen. Das Rad wurde nicht neu erfunden, vieles ist bekannt und auch banal, doch es ist ein informatives und schön gestaltetes Buch.4
Ryan Holiday: Mut. Das Glück ist mit dem Tapferenabgebrochen – zu viele und lange Erzählungen und Geschichten, zu wenig Substanz und Aussage. Die vereinzelten guten Sätze muss man förmlich suchen in all dem Text.2
Michael Stone: The Inner Tradition of YogaYoga wird heute häufig nur auf der Matte als Asanas praktiziert, doch ohne die zugrunde liegende Philosophie ist es kein Yoga, sondern Turnen. Michael Stone zeigt, wie elementar die philosophischen Quellen für die heutige Praxis sind, er beschreibt Yoga als einen Weg auf und neben der Matte, als Haltung von innen heraus mit dem Ziel, sich für die Verbundenheit mit sich, den Menschen und der Welt zu erfahren. 4
Eckard Wolz-Gottwald: Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die PraxisEin Blick auf historische Hintergründe des Yoga, den Weg des Yoga an sich, die Philosophie, die hinter der Übungspraxis liegt und weitere Themen des Yoga. Jedes Thema wird mit einer Übung zur Selbstreflexion und der Hinterfragung der eigenen Praxis abgerundet. Ein inspirierendes Buch mit leider zu vielen Wiederholungen und sprachlichen Fehlern. 4
Dr. Andrea Klemmer: Die faszinierende Welt der Hormone. Wie winzige Botenstoffe unseren Körper steuern und was wir für unsere Hormonbalance tun könnenInformatives, umfassendes und verständliches Buch über unser Hormonsystem. Was sind Hormone, wo werden sie gebildet und wie wirken sie? Was passiert bei einer Störung und wie kann man eine solche vermeiden oder beheben? Diesen Fragen geht die Autorin nach. Das Buch eignet sich auch als Nachschlagewerk. Gefehlt haben veranschaulichende Bilder und Schemen.4
Anjali und R. Sriram: Yoga und Gefühle. Mit allen Sinnen lebenEin Aufruf, unsere Gefühle ernst zu nehmen und zu leben. Mit Hilfe von Atemübungen und Meditationen sollen Blockaden gelöst werden und der Zugang zu den eigenen Gefühlen geöffnet. Es gilt, sie anzunehmen und auszuleben, dies aber immer mit dem Bewusstsein, woher sie kommen und wie sie gut eingesetzt sind. Wichtig ist, dass es keine guten oder schlechten Gefühle sind, erst unser Umgang mit ihnen entscheidet, wie sie sich auswirken in unserem Leben. 4
Anna Trökes: Yoga der EnergieEin überblick über den Yogaweg, die philosophischen Schriften und Lehren, die tantrischen Hintergründe und darüber, was Yoga bewirken kann. Eine Einführung in den Yoga der Energie mit den wichtigen Übungsabfolgen, sowie die Erläuterung der verschiedenen Wirkungen auf den unterschiedlichen Ebenen des Seins bei ausgewählten Übungen. 5


Die Highlights des Monats waren die beiden Bücher von Anna Trökes. Zwar las ich in beiden nichts Neues, vieles vom Geschriebenen findet sich auch in anderen Büchern derselben Autorin, und doch finde ich es immer wieder schön, eine Autorin so aus dem Herzen, so fundiert und so verständlich schreibend zu lesen.

Was waren eure Lesehighlights des Monats? Was hat euch generell im November gefreut?

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfalten

Erfüllung auf und neben der Yogamatte

Inhalt

„Sei offen und lass dich immer wieder überraschen, was geschehen will, sobald du die Matte betrittst. Sei wahrhaftig und ehrlich mit dir – und dann tu, was du kannst, so gut du es kannst! Und das ist gut so!“

Offen bleiben, sich nicht verhärten und schon gar keinen Dogmen folgen oder selbst welche aufstellen. Yoga heisst, mit offenem Blick die eigenen Meinungen und Ansichten (auch über sich selbst) zu hinterfragen und sich zu öffnen für das, was möglich ist, für neue Sicht- und Lebeweisen. Mit Yoga können wir einen Weg zu unserem Herzen öffnen, es von innen heraus stärken und aus dieser starken Mitte heraus in die Welt treten.

Anna Trökes zeigt in ihrem Buch, wie wir dahin kommen, mehr zu uns zu finden, in uns die Kraft zu entdecken und zu fördern, die hilft, in der Welt als die, die wir sind und sein wollen, zu bestehen – als aktiver und eingebundener Teil dieser Welt. Das bedeutet immer auch, uns selbst zu hinterfragen, hinzuschauen, was wir brauchen, und das ernst zu nehmen. Es geht darum,

„…dass wir unsere eigenen Anliegen und Ziele ernst nehmen und aus diesem Grund ein echtes, im Herzen gegründetes Interesse zeigen, unserem Anliegen – wie zum Beispiel unserer Yoga-Praxis – die Priorität und genügend Zeit einzuräumen.“

Anna Trökes beschreibt in ihrem Buch, wie wir mit Hilfe von Yoga wieder Verbindung mit unserem Herzen aufnehmen können, um aus dieser Qualität heraus zu handeln. Wenn sie beschreibt, was wichtig ist für die Yogapraxis, indem sie auf die Philosophie Patanjalis, dem Autor der Yoga Sutras, verweist, klingen schon die Anweisungen für die Übungen auf der Matte so, dass man sie auch aufs Leben neben der Matte anwenden kann:

„Um mehr Stabilität und Leichtigkeit zu finden, sollen wir das aktuell für uns angemessene Mass an Anstrengung (Prayatna) finden und alle dabei auftretenden überflüssigen Anspannungen erkennen und gleich wieder loslassen (shaithilya). Ob das gelingt, zeigt uns unser Atem.“

Yoga ist mehr als die blosse Übungspraxis auf der Matte, es ist eine Philosophie, die Jahrtausende alt ist. Ziel ist es, sich zu befreien von äusseren und inneren Beschränkungen, vom Abgetrennt-Sein (Entfremdung vom eigenen Sein und von der Welt). Es weist einen Weg der Verbundenheit, die im Herzen gründen soll. Den Weg zum Ziel beschreibt Patanjali als achtstufigen Pfad, an deren Anfang ethische Grundhaltungen und der sorgsame Umgang mit sich selbst stehen. Nur wenn wir uns diese zu Herzen nehmen, können wir darauf aufbauen und uns entfalten.

Mit praktischen Übungen führt uns Anna Trökes dahin, wie wir unser eigenes Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten können, wie wir uns in die Welt einbringen können. Sie beschreibt Wege hin zu mehr Verbundenheit mit unserem Körper und mit anderen Menschen. Mit einfachen Übungen kann jeder selbst ausprobieren, was es heisst, mehr Entspannung zu finden und in sich Raum für Zuflucht zu schaffen in schwierigen Zeiten.

Fazit
Ein schön gestaltetes, informatives und lebenspraktisches Buch für ein entspannteres und erfüllteres Leben auf und neben der Matte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Anna Trökes ist eine Pionierin des deutschen Yoga. Sie unterrichtet seit 1974 und ist seit fast 40 Jahren eine Institution in der Yoga-Lehrer-Ausbildung des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDYoga) und lehrt europaweit Yoga-Philosophie, Pranayama, Meditation und die fortgeschrittenen Aspekte der Hatha-Yoga-Praxis. Die bekannte Autorin hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht.

Angaben zum Buch
Herausgeber : O.W. Barth; 1. Edition (3. April 2017)
Broschiert : 304 Seiten
ISBN-13 : 978-3426292648

Buchtipp: Liebe als Kunst

«Ich möchte den Leser davon überzeugen, dass alle seine Versuche zu lieben fehlschlagen müssen, sofern er nicht aktiv versucht, seine ganze Persönlichkeit zu entwickeln, und es ihm so gelingt, produktiv zu werden; ich möchte zeigen, dass es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann.»[1]

Die Grundvoraussetzungen für die Liebe sind nach Fromm zwei Dinge: Sich selbst als Persönlichkeit zu entwickeln und eine innere Haltung gegenüber Menschen einzunehmen, die auf Liebe, Demut, Mut, Glaube und Disziplin beruht.

«Sie [Die Liebe] ist eine Haltung, eine Charakter-Orientierung, welche die Bezogenheit des Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einzigen ‘Objekt’ der Liebe bestimmt.»[2]

Wenn wir von Liebe sprechen, denken wir oft an die romantische Liebe zwischen zwei Menschen, an die, teilweise fast symbiotische, Verbindung zwischen den beiden. Dies mag eine Form der Liebe sein, doch ist es keine reife. Liebe, so Erich Fromm, zielt nicht auf ein Objekt, sondern sie ist eine innere Haltung. Liebt man nur einen, liebt man nach Fromm keinen. Zudem fängt Liebe auch immer bei einem selbst an. Kann man sich nicht lieben, kann man auch keine Liebe zur Welt entwickeln. Ohne Selbstliebe fehlt einem das eigene Identitätsgefühl und man ist davon abhängig, dass die Welt einem die Identität quasi zuschreibt.

«Paradoxerweise ist die Fähigkeit, allein sein zu können, die Vorbedingung für die Fähigkeit zu lieben.»[3]

Liebe ist weiter eine Kunst, die man lernen kann. Um diese zu erlernen, braucht es einige Vorbedingungen: Disziplin, Ausdauer, Konzentration und Wichtigkeit. Disziplin lernt man am besten, indem man Routinen entwickelt, die zu Gewohnheiten werden: Täglich früh aufstehen, nicht zu viel essen und trinken. Sie soll nicht etwas von aussen Aufgezwungenes sein, sondern zum Ausdruck des eigenen Wollens werden. Konzentration bezeichnet die Fähigkeit, mit sich allein zu sein, möglichst ohne Ablenkungen. Geduld ist wichtig, da keine Kunst über Nacht erlernt werden kann. Wir neigen heute dazu, alles immer noch schneller machen zu wollen und denken, wir verpassen sonst etwas im Leben. Dadurch rennen wir aber nur durchs Leben und leben es nicht wirklich aus der Tiefe. Zuletzt muss einem Liebe als Kunst wichtig sein. Man muss sich ihr mit allem widmen, was man hat, sie muss oberste Priorität haben. Diese Voraussetzungen sollten nicht nur im Hinblick auf die Liebe gelebt werden, sondern im ganzen Leben.

«Genau wie der Glaube an ein Kind gründet auch die Idee, dass die dem Menschen gegebenen Möglichkeiten derart sind, dass er unter entsprechenden Bedingungen die Fähigkeit besitzt, eine von den Grundsätzen der Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe getragene Gesellschaftsordnung zu errichten.»[4]

Liebe als Haltung kann auch in der Gesellschaft relevant sein. Baut man diese auf den Grundsätzen der Liebe auf, handelt man im Miteinander aus einer Haltung der Liebe heraus, dann kann diese ein Ort der Gerechtigkeit werden, in dem Menschen als Gleiche miteinander leben und dieses Miteinander liebevoll gestalten.

«Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.»[5]

*****
Zitate aus folgender Ausgabe: Erich Fromm: Kunst des Liebens, Ullstein Materialien, Frankfurt/M, Berlin 1989.


  • [1] Fromm, Kunst des Liebens, S. 9
  • [2] Fromm, Kunst des Liebens, S. 57
  • [3] Fromm, KdL, S. 124
  • [4] Fromm, KdL, S. 137
  • [5] Fromm, KdL, S. 146

Lebenskunst: Befreiung von selbstgemachtem Leid

«Unser wahrer Feind ist nicht ausserhalb von uns, sondern sitzt in uns selbst.» Dalai Lama

Wie oft stehen wir uns im Leben selbst im Weg. Wir sehen die Dinge, wie wir sie sehen und bilden uns ein, sie zu erkennen, zu wissen, wie sie sind. Doch ist unser Sehen immer geprägt von unseren Gedanken, die wiederum verschiedene Herkünfte haben, allesamt dazu da die wahre Sicht zu verstellen und die Dinge im Licht unserer Prägungen zu sehen.

«Das Nichtwissen, also das Glauben, dass die Dinge, wie sie erscheinen, nämlich als unabhängig und autonom, ohne von Ursachen abzuhängen, ist die Wurzel aller irrtümlicher Vorstellungen.» Dalai Lama

Aus den Vorstellungen, wie die Dinge also seien, bilden sich dann in uns neue Gedanken, oft solche, die uns mehr behindern als fördern. Wir sehen Hindernisse auf dem Weg hin zur Erfüllung von Wünschen oder Erreichung von Zielen. Wir bilden Abneigungen aufgrund von erfahrenen Verletzungen und gefühlten Risiken, oder Abhängigkeiten und Begehren aufgrund von positiven Zuschreibungen: Ich muss etwas unbedingt haben, denn es wird mich glücklich machen. Damit fördern wir sicher kein Glück, sondern im Gegenteil eher Leid. So ist denn im Buddhismus auch die Sicht vertreten, dass es im Leben viel um Leiden geht, dass wir leiden, weil wir falschen Vorstellungen anhängen, die uns auf unserem Weg raus aus dem Rad der Wiedergeburt (Samsara) behindern und damit der inneren Harmonie im Wege stehen.

Wenn wir es schaffen, das zu erkennen, steht dem eigenen Weiterkommen nichts mehr im Weg. Dann können wir eine Weisheit entwickeln, die immer bedeutet: Erkennen, was wirklich ist, die wahre Natur allen Seins und aller Dinge zu erkennen und aus diesem Erkennen heraus zu handeln. Dies führt zu einer Befreiung und damit auch hin zum obersten Ziel: Nirvana. Wir können dies selbst fördern, indem wir uns in den sechs Vollkommenheiten üben:

«Buddha erläuterte den vollkommenen Weg auf der Grundlage der Erfahrung des erwachenden Geistes und der sechs Vollkommenheiten: Grossherzigkeit, Disziplin, Geduld, Bemühen, Konzentration und Weisheit.» Dalai Lama

Was dabei ganz wichtig ist: Geduld. Der Dalai Lama, ein weiser Mensch, sagt von sich selbst, dass er sich nun seit über 70 Jahren der Meditation widmet und noch immer nennt er seine Einsichten armselig. Daran zu verzweifeln und aufzuhören, wäre aber der falsche Weg: Geduld ist das Zauberwort und die Disziplin des weiteren Übens der Weg. Und mit dem Bewusstsein können auch wir uns auf den Weg machen. Vielleicht erreichen wir nicht das Nirvana, aber ein wenig mehr wirkliche Freiheit, Freude und die Zuversicht, dass unsere Ziele erreichbar sind – wenn wir uns nicht selbst ein Feind sind und uns im Weg stehen.

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Buchtipp:
Dalai Lama: Das kleine Buch der Harmonie: Durch Meditation zur innersten Erkenntnis
In kurzen, prägnanten Absätzen und einen längeren Text führt uns der Dalai Lama hin zur Erkenntnis der wahren Natur der Dinge und zeigt uns einen Weg auf hin zu mehr Weisheit, weniger Täuschung und damit der Befreiung.

Angaben zum Buch:
Verlag: Herder Verlag (8. März 2021)
Taschenbuch: 176 Seiten

Politik/Gesellschaft: Kategorisierte Identität

«Das Selbstgefühl jedes Menschen wird von seiner Herkunft geprägt, angefangen bei der Familie, aber darüber hinaus auch von vielen anderen Dingen – von der Nationalität die uns an einen Ort bindet; vom Geschlecht, das uns jeweils mit der Hälfte der Menschheit verbindet; von Kategorien wie Klasse, Sexualität, race und Religion, die über unsere lokalen Bindungen hinausreichen.»

Werde ich gefragt, wer ich bin, lautet eine mögliche Antwort: Ich heisse Sandra, bin Philosophin, bald 50 und wohne in der Schweiz. Es gäbe noch viele andere Kategorien, in die ich mich einordnen könnte, je nach Umfeld, in welchem diese Frage gestellt wird. Einige dieser Kategorien habe ich mir selbst ausgesucht. Ich wollte Philosophie studieren, ich bin zwar in der Schweiz geboren, aber ich hätte diese auch irgendwann verlassen können, was ich aber nicht tat. In andere bin ich quasi hineingeboren. Ich bin eine Frau, ich habe ein bestimmtes Alter, weil ich zu dem Zeitpunkt geboren wurde, den ich seit da als meinen Geburtstag feiere. Kategorien helfen, mich in unserem Gesellschaftssystem zu positionieren, einzuordnen.

«Den Ausgangspunkt bilden bei Identitäten Kategorisierungen und Vorstellungen darüber, warum und auf wen sie anzuwenden seien. IN einem zweiten Schritt prägen Identitäten Vorstellungen hinsichtlich des richtigen Verhaltens. Drittens haben sie Einfluss darauf, wie andere Menschen Sie behandeln. Und schliesslich sind all diese Dimensionen der Identität bestreitbar und geben stets Anlass zu Streitigkeiten über die Frage, wer dazugehört, wie die betreffenden Menschen beschaffen sind, wie sie sich verhalten und wie sie behandelt werden sollten.»

Kategorien, in die ich mich einordne, wende ich auch bei anderen an, so dass sie für mich als Menschen fassbarer werden. Das ist grundsätzlich unproblematisch, so lange ich diese Kategorien dann nicht dazu nutze, andere aufgrund dieser Zuordnung schlecht zu behandeln, was leider immer wieder getan wird auf sexistische, rassistische oder andere unterdrückende Weise. Wir vergessen dabei, dass die Kategorien allesamt menschgemacht sind, es sind Strukturen in unserem System, die unser System verständlich machen sollen. Die Kategorien sind dem Menschen nicht immanent, sie gehören nicht zu seiner Essenz. Schon Sartre sagte, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, wir also zuerst alle Menschen sind, erst dann bilden wir Identitäten aus.

Leider wird das oft vergessen, wenn es darum geht, Menschen entgegenzutreten. Vor allem wenn diese einer Gruppe oder Kategorie angehören, der wir kritisch gegenüberstehen, sehen wir sie oft mehr als Vertreter dieser Gruppe und weniger als einzelnen Menschen. Wir stützen uns auf Klischeevorstellungen der Kategorie und verhalten uns so, als wären diese dem Menschen eingeschrieben, als machten sie ihn aus, statt wirklich hinzusehen, mit wem wir es zu tun haben. Damit werden wir nicht nur dem einzelnen Menschen nicht gerecht, wir laufen auch Gefahr, Fronten zu bilden zwischen uns hier und unserer Kategorie, und denen da mit ihrer. Dass so keine wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch möglich ist, liegt auf der Hand. Und genau diese brauchen wir, wenn wir wirklich als Menschen unter Menschen leben wollen.

Es gab mal ein Lied „Das ganze Leben ist ein Spiel, und wir sind nur die Kandidaten“ – irgendwie hat das was für sich. Rollen sind wichtig in gewissen Umfeldern, damit man zugeordnet werden kann. Als Arzt übernimmt man für die Zeit des Tätigseins die Rolle des Arztes. Beim Lehrer dasselbe. Oft fällt dann im Privaten auf, dass die Rolle nicht ganz abgelegt werden kann (vornehmlich bei Lehrern). Um ernst zu bleiben: So gesehen sind Rollen wichtig. Noch wichtiger ist aber, zu erkennen, dass es Rollen sind, die an- und abgestreift werden können. Und darunter liegt was. Im Indischen gibt es die schöne Begrüssung „Namaste“. Das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in dir. Damit ist genau dieser Kern gemeint, der uns tief in uns ausmacht – und auch verbindet.Und dieser Kern will gesehen werden. Von dir. Von mir. Gegenseitig. Und von jedem bei sich selbst.

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Buchtipp: Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktion der Zugehörigkeit, Hanser Berlin, München 2021.

Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik

Inhalt

„Was mich interessierte, war lediglich, Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können. Warm sie selbst sich, im Unterschied zu dem, was andere über sie sagten, für ausserordentlich hielt, hat sie in nahezu jeder Epoche ihres Lebens in sich gleichbleibenden Wendungen und Bildern, die alle das umschreiben sollten, was sie unter Schicksal verstand, zum Ausdruck gebracht.“

Hannah Arendt erzählt die Lebensgeschichte der Rahel Varnhagen und gibt dabei sehr viel von sich selbst preis. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ist nicht nur Lebensthema bei Rahel Varnhagen, sie durchzieht auch Hannah Arendts (politisches) Denken. Hannah Arendt begann 1930 mit der Arbeit an diesem Buch, 1933 verliess sie Deutschland, das durch die politischen Umstände nicht mehr ihr Zuhause bleiben konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie das Buch über Rahel Varnhagen bis auf die zwei letzten Kapitel geschrieben.

Arendt bettet Rahels Geschichte ein in die die sie umgebende Zeit der Romantik, sie beleuchtet ihren Charakter mit den Stilmitteln ihrer Zeit, verweist auf verwandte (Frauen)Schicksale und Freundschaften zu Männern. Aus Briefwechseln und Aussagen anderer zu Rahels Person zeichnet sie das Bild einer im Inneren einsamen Frau, die sich selbst und ihren Platz in der Welt sucht, zu der sie nicht dazuzugehören scheint. Sie beschreibt eine Frau, die krampfhaft versucht, das von Geburt ihr anhaftende Stigma des Jüdischseins abzuschütteln, die aber bei jedem Anpassungsversuch an die nichtjüdische Welt scheitert.

„Es gibt keine Assimilation, wenn man nur seine eigene Vergangenheit aufgibt, aber die fremde ignoriert. In einer im grossen Ganzen judenfeindlichen Gesellschaft […] kann man sich nur assimilieren, wenn man sich an den Antisemitismus assimiliert.“

Erst als Rahel sich selbst als Jüdin anerkennen kann, steht ihr der Weg in die Gesellschaft wirklich offen und sie kann als politisches Wesen agieren. Diese Einsicht am Ende ihres Lebens hilft Rahel, aus ihrer eigenen Selbstverleugnung herauszutreten.

Weitere Betrachtungen

„Die Flucht in die Fremde ist der verzweifelte Versuch, nocheinmal geboren zu werden.“

Die „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ ist eine Geschichte des Ausgestossenseins. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich nichts mehr wünscht, als dazuzugehören und dafür sich selbst aufzugeben bereit ist, nur um zu merken, dass auch das nicht ganz reicht. Zu Hause, wo man sie kennt, haftet ihr immer ihre Geschichte, ihre (jüdische) Geburt an. Erst als sie ins Ausland, nach Paris, geht, fällt dies teilweise ab und sie erhält die Chance, sich neu zu erfinden. Durch ihre Heirat und den Erfolg ihres Mannes, an dem sie massgeblich beteiligt ist, ist sie in eine neue Gesellschaftsschicht geraten, in welcher sie sich endlich dazugehörend fühlt, ohne durch den Makel ihrer Herkunft befleckt zu sein. Doch auch da holt sie Judentum ein.

„Wenn man ganz allein ist, ist es schwer, zu entscheiden, ob Anderssein Makel oder Auszeichnung ist.“

 Rahel Varnhagen ist in eine Zeit hineingeboren, welche klare Vorstellungen davon hat, wie Mädchen und Jungen aufwachsen sollen, was ihre Rolle in der Gesellschaft sein wird und was sie dafür später brauchen. So wird Rahel keine Bildung zuteil, dass sie nicht eben ansehnlich und ohne finanzielle Mittel ist, schmälert die Aussicht auf eine Heirat. Der Zugang zu praktisch allem war Frauen verwehrt, was sie zu umgehen vermag durch ihren eigenen Salon, in welchem die Geistesgrössen der damaligen Gesellschaft verkehren und Rahel immer wieder für kurze Zeit das Gefühl geben, ein Teil von ihnen zu sein. In der Tat ist die junge Frau durchaus intelligent, mit Witz und Tiefsinn begabt, schafft es aber nicht, ein wirkliches Selbstbewusstsein daraus abzubilden, weshalb sie zeitlebens auf die Bestätigung von aussen angewiesen und davon abhängig bleibt.

Die vielen Verweise auf Rahel Varnhagens Zeitgenossen, der philosophisch tiefe Blick in deren Denken, Handeln und Sein in einer Zeit, die genauso detailliert durchdrungen wird, macht dieses Buch zu einer eher schwierigen Lektüre. Es zeichnet das Bild einer Frau, die weder schön noch charmant ist, die sich selbst verleugnet und sich ihrer selbst schämt. Rahel Varnhagen ist eine Frau, die trotz klarem Blick auf die Gesellschaft sich selbst nicht in ihr verhaften kann und immer am Rande und allein bleibt. Trotzdem übt sie eine Faszination auf ihre Umwelt aus, wird als scharfe und individuelle Denkerin erkannt. Sie setzt nie auf Hergebrachtes oder Überliefertes, sie sucht selbst nach der Wahrheit, indem sie selbst denkt. Sie löst sich von einer historisch gegebenen Welt, indem sie unbeschwert auf das schaut, was ist und versucht, vorurteilslos an die Dinge heranzugehen.

„Rahel stand immer als Jüdin ausserhalb der Gesellschaft, war ein Paria und entdeckte schliesslich, höchst unfreiwillig und höchst unglücklich, dass man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam, um den Preis einer viel allgemeineren Lüge als die der einfachen Heuchelei; entdeckte, dass es für den Parvenue – aber eben auch nur für ihn – gilt, alles Natürliche zu opfern, alle Wahrheit zu verdecken, alle Liebe zu missbrauchen, alle Leidenschaft nicht nur zu unterdrücken, sondern schlimmer, zum Mittel des Aufstiegs zu machen.“

Anhand von Rahels Geschichte wird die Unterscheidung zwischen Paria und Parvenue deutlich gemacht, den zwei Wegen, die ein Jude in der Welt einschlagen kann. Insofern ist das als Biographie gedachte Buch zugleich die Geschichte der jüdischen Emanzipation in einer Zeit des aufkeimenden Antisemitismus, aber auch die der Suche nach der weiblichen Identität in einer Zeit, da diese schwer öffentlich zu leben war.

„Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, dass es sie treffen konnte ‚wie Wetter ohne Schirm’.“

Die Suche nach Bestätigung von aussen kann schmerzhaft sein, wenn diese ausbleibt und man nichts in der Hand zu haben scheint, das dies ändern kann. Das eigene Sein als ein anderes Sein, als eines, das von denen, die dazugehören, als das andere und damit das Falsche, nicht Passende gewertet wird, wird zum Stigma und zur Wunde des Betroffenen. Der Versuch, sich zu verbiegen, das Eigene aufzugeben zugunsten einer Anpassung (als Parvenue), ist zum Scheitern verurteilt, vor allem dann, wenn das Eigene doch im Innern weiterlebt und leben will, wenn die Anpassung eine rein äusserliche bleibt. Dann bleibt man innerlich ein Paria, der nur zum Schein Parvenue ist, was zur Zerrissenheit führt. Der einzige Weg aus dem heraus ist insofern, mit sich selbst ins Reine zu kommen, das eigene Sein anzunehmen und sich selbst so die Bestätigung zu geben, die man zum Leben braucht.

„Ohne Kulisse kann der Mensch nicht leben.“

Das geht zwar nicht im losgelösten Raum, ohne andere Menschen, aber man kann sich wohl dahingehend vor Schmerz schützen, dass man sich diesen Raum passend aussucht und nicht versucht, sich in einen unpassenden hineinzuverbiegen.

Fazit:
Eine historische, philosophische und biographische Sicht auf eine Zeit, auf das Leben einer Frau in dieser Zeit. Sehr empfehlenswert, allerdings keine leichte Lektüre.

Zur Autorin:
Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 363 Seiten
Verlag: Piper Verlag (17. Auflage März 2013)
ISBN-Nr: 978-3492202305
Preis: EUR 12.99; CHF 16.90