Anne Bertheau: „Das Mädchen aus der Fremde“: Hannah Arendt und die Dichtung (Rezension)

„Man vergisst mich leicht, wenn man meine Traurigkeit vergisst.“

Die Fremde,
die Dir selber fremd,
sie ist:
Gebirg der Wonne,
Meer des Leids,
die Wüste des Verlangens,
Frühlicht der Ankunft.
[…]

BertheauArendtDie Denkerin Hannah Arendt ist seit langem bekannt, die Dichterin wurde bislang wenig beachtet, obwohl Dichtung für Hannah Arendt zeitlebens sehr wichtig war, Heinrich Blücher bezeichnete die Dichtung sogar als Hannah Arendts Heimat – er bezog dies auf ihre eigene Dichtung.

Anne Bertheau geht dieser Dichtung im vorliegenden Buch auf den Grund. Sie tut dies, indem sie sie in der Zeit und damit in Arendts Biographie verortet, immer auch mit Blick auf die theoretischen Werke, die in derselben Zeit entstanden sind. Von Hannah Arendt sind keine Tagebücher im persönlichen Sinne überliefert. Ihr Denktagebuch (LINK) offenbart wenig von ihrem Seelenleben, es ist mehr Zeugnis ihres täglichen Denkens und Arbeitens. Will man mehr über den Menschen und die inneren Vorgänge Arendts erfahren, sind neben ihren zahlreichen Briefen, die das eine oder andere offenbaren, die Gedichte einziges Zeugnis.

Das Buch umfasst drei Teile:

  • Teil 1 behandelt Hannah Arendts eigene Lektüre von Lyrik, ihre Kontakte zu Dichtern als auch poetische Korrespondenzen.
  • Teil 2 wendet sich Arendts theoretischen Aussagen über Sprache allgemein und Dichtung im Besondern zu. Dabei verfügt Arendt über keine eigentlich eigene Ästhetik, vielmehr sind es Gedanken, die sie im Zuge ihrer theoretischen Werke macht, sei es für Vita Activa, wo Kunst als Oberbegriff des Herstellens fungiert, oder für Vom Leben des Geistes, welche sich mit der Metapher und dem Unsagbaren beschäftigt und diese dem Denken unterstellen.
  • Teil 3 setzt schliesslich Arendts eigene Dichtung und ihre Gedanken zu gelesener Dichtung in Beziehung und analysiert, wie das eine das andere beeinflusst hat.

Hannah Arendt war eine Vielleserin und sie las alles: Philosophie, Dichtung sowie Romane (mehrheitlich der deutschen und französischen Literatur). Neben der eigenen Dichtung verspürte sie schon als Kind den Drang, selber zu erzählen und zu gestalten. Gerade aber das Poetische bereitete schon dem Kind Hannah Freude und sollte ihre Dichtung auch prägen, nennt sie doch selber „das poetische der Kinderzeit als Urquell der Dichtung“ und fügt an:

Unausrottbar ist das Poetische, solange es noch das Wundern gibt, das wir in der Kindheit gelernt haben.

Am Dichten mag Hannah Arendt wohl vor allem eines gefallen haben: Die Klarheit der Worte, war sie doch auch im Denken auf Klarheit aus, wollte verstehen, wollte die Dinge auf den Punkt bringen.

Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte nehmen weiss.

Es ist Anne Bertheau gelungen, die Dichtung Hannah Arends einerseits im Leben und Denken derselben zu verorten, sowie auch die Einflüsse anderer Menschen auf diese Dichtung offenzulegen. Sie tut dies auf eine sehr kompetente, umfassende, informative und trotzdem gut lesbare Weise.

Fazit:
Eine sehr umfassende, informative und kompetente Analyse von Hannah Arendts eigenem Dichten und deren Verständnis von Dichtung generell. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin:
Anne Bertheau
Anne Bertheau (Dr. phil.), geb. 1971, verfasste ihre Doktorarbeit zu Hannah Arendt und Dichtung an der Universität Paris IV, Sorbonne. Sie forscht zu Hannah Arendt sowie zu dem Revoltebegriff bei Albert Camus (Postdoc-Stipendium DAAD, Maison des Sciences de l’Homme).

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: transcript; Auflage: 1 (3. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3837632682
Preis: EUR 44.99; CHF 5.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie beim Verlag selber.

Markus Günther: Weiss (Rezension)

Das Leben eine einzige Lüge?

Inhalt
Die Liebe zwischen zwei Menschen bleibt dem Rest der Welt immer unverständlich.

Hannah, kühl analysierende und rationale Staatsanwältin, und Jo, sensibler, kreativer Architekt, sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Zwischen ihnen herrscht die Vertrautheit der Zeit, über die Jahre hat man den anderen in seinen Bewegungen, Worten, Eigenarten kennengelernt.

War da überhaupt jemand? Der erste Schrecken warf sie zurück, beinahe so, als suchte sie sich rasch zu verstecken. Doch so weit hatte sie gar nicht gedacht. Es war eine unwillkürliche Reaktion gewesen, ein Zurückweichen wie beim Überqueren einer Strasse, wenn man plötzlich die Gefahr spürt, die von einem herannahenden Fahrzeug ausgeht, das man nicht wahrgenommen hatte und jetzt in letzter Sekunde im Augenwinkel näher kommen sieht.

Als Hannah eines Tages früher als geplant nach Hause kommt, macht sie eine erschütternde Beobachtung, die alles, worauf sie gebaut hat, einstürzen lässt. Fieberhaft drehen die Gedanken, immer wieder versucht sie, das Gesehene mit juristischer Klarheit zu fassen, um dann wieder von den eigenen Emotionen mitgerissen zu werden.

Nur sie allein konnte entscheiden, was jetzt zu tun war.

Beurteilung
GüntherWeissMarkus Günther erzählt seinen Roman aus der Sicht seiner Protagonistin Hannah. So sieht der Leser das Geschehen und die gemeinsame Vergangenheit von Hannah und Jo aus ihrem Blickwinkel und wird mitgerissen in ihre gespaltenen Gefühle, in ihre Versuche, alles einzuordnen und dabei zu scheitern. Es gelingt dem Autor, durch eine atemlos anmutende Sprache, die damit formal den Inhalt widerspiegelt, den Leser ins Buch und durch die Geschichte hindurch zu ziehen. Dass der Text wenige Abschnitte aufweist, verstärkt den Effekt noch.

Der ganze Roman spielt sich im gemeinsamen Haus der beiden Eheleute ab, die aktuelle Handlung umfasst nur ein paar Tage, wobei der ganze behandelte Zeitraum sich auf die ganze Ehe der beiden ausweitet durch die Erinnerungen von Hannah. Insgesamt ist Markus Günther ein stimmiger Plot gelungen, den er mit einer gut lesbaren Sprache aus einer geschickt gewählten Perspektive erzählt.

Fazit:
Ein stimmiger Plot in einer gut lesbaren und in die Geschichte hineinziehenden Sprache erzählt, so dass man – einmal angefangen – das Buch in einem Zug durchlesen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Markus Günther
Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war. Für seine Texte wurde er vielfach ausgezeichnet. Weiß ist sein Prosa-Debüt. Markus Günther ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Dörlemann; Auflage: 1 (13. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3038200437
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Hannah Arendt: Denktagebuch (Rezension)

Denken und Schreiben im Dienste des Verstehens

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Hannah Arendt hat 28 dicht beschriebene Schreibhefte hinterlassen, in denen sie ihre täglichen Gedanken, Ideen, Theorien notierte, entwickelte, ausführte. Sie reflektierte darin ihre Lektüre, definierte politische und philosophische Begriffe oder leitete Zusammenhänge im Weltgeschehen her. In ihrem Interview mit Günter Gaus sagte sie zum Grund ihres Schreibens:

Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess.

ArendtDenktagebuchDiese 28 Hefte sind in den vorliegenden zwei Bänden enthalten. Sie lassen den Leser teilhaben an den Denkprozessen einer der grössten Denkerinnen. Anhand der Lektüre der Denktagebücher lassen sich Arbeitsprozesse an den grossen Werken nachvollziehen, lässt sich aber auch Einblick in die Persönlichkeit Hannah Arendts gewinnen. Zwar fehlen intime Innenbetrachtungen oder Beschreibungen aus dem eigenen Leben, allerdings sind dann und wann doch kürzere oder längere Gedanken – oft in Form von Gedichten – eingestreut, die den Menschen Hannah Arendt sichtbarer werden lassen.

Die Herausgeberin rundet das Tagebuch mit einem sehr informativen Nachwort ab, indem sie auf die Struktur der Originaldokumente eingeht, deren Funktion erläutert und auch wichtiges Hintergrundwissen liefert. Im Anhang hilft ein thematisches Inhaltsverzeichnis, sich gezielt bestimmte Themen Hannah Arendts aufzufinden, ein Personen- und Sachregister ermöglichst die Begriffsuche. Die ausführlichen Anmerkungen helfen beim Leseverständnis durch wissenswerte Querbezüge oder Erklärungen und ein Wörterverzeichnis greift die in den Tagebüchern verwendeten griechischen Begriffe. Schliesslich sind die von Hannah Arendt häufig zitierten Bücher bibliographisch erfasst, so dass man auf Hannah Arendts Lesespuren wandeln kann.

Die vorliegenden Bücher sind eine Schatzkammer für alle, die sich für Hannah Arendt und ihr Denken interessieren und eine editorische Meisterleistung.

Fazit:
Ein Zeugnis messerscharfen und tiefgründigen Denkens, ein Einblick in die Persönlichkeit der Denkerin Hannah Arendt und eine editorische Meisterleistung. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.

Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 48; CHF 63

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Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann (Rezension)

Lebensprägende Literaturbegegnung

An welchen Stellen nimmt sie den Bleistift in die Hand, um eine Unterstreichung oder Randmarkierung vorzunehmen? Wo schien es ihr nötig, eine kurze Anmerkung an den Textrand oder zwischen die Zeilen zu schreiben? […] Lesespuren wie diese können Aufschluss darüber geben, mit welcher Intensität, mit welchen intellektuellen Voraussetzungen Sontag den Zauberberg gelesen hat.

Am 28. Dezember 1949 besucht Susan Sontag – gerade mal 16 Jahre alt – mit zwei Kommilitonen Thomas Mann. Vorher hatte sie dessen Zauberberg gelesen, eine Lektüre, die sie für ihr Leben lang prägen soll. So erstaunt es auch nicht, dass sie dem grossen literarischen Idol schüchtern gegenüber steht, was sie im Rückblick mit Scham erfüllt.

Alles, was mit dem Treffen mit ihm [Thomas Mann, S.M.] zusammenhängt, ist mit Scham durchsetzt. [Übersetzung S.M.]

SinaTMSSSusan Sontag ist eine Vielleserin, in ihrer Lektüreliste finden sich erstaunlich viele deutschsprachigen Autoren wie Walter Benjamin, Franz Kafka, Peter Weiss oder Elias Canetti. Ein Buch wird sie aber immer wieder lesen und in jedem Alter neue Erkenntnisse daraus ziehen – für sich und ihr eigenes Schreiben.

Kai Sina ist es gelungen, anhand von Sontags Nachlass, den Tagebüchern und Gesprächen sowie durch die Analyse von Essays und Romanen deren Bezüge zu Thomas Mann offenzulegen. Das vorliegende Buch liefert einen Einblick in Susan Sontags Art und Weise, an ihre Themen (u. a. Krankheit, Fotografie und Literatur), an ihr Schreiben heranzugehen sowie auch stückweise eine Analyse von Thomas Manns Zauberberg, welcher von der amerikanischen Intellektuellen als wichtigstes Buch ihres Lebens bezeichnet wurde.

Fazit:
Ein grossartiges Buch über zwei herausragende Denker und Schreibende. Absolute Leseempfehlung

Zum Autor und den Beschriebenen
Kai Sina, geboren 1981, ist Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen. 2015/2016 hat er an der University of Chicago über Konstellationen der transatlantischen Literaturgeschichte geforscht.

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich, Schweiz) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Susan Sontag, geborene Rosenblatt, (* 16. Januar 1933 in New York City, New York; † 28. Dezember 2004 ebenda) war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin. Sie war bekannt für ihren Einsatz für Menschenrechte sowie als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:124 Seiten
Verlag: Wallstein Verlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3835330214
Preis: EUR 20 / CHF 28.90
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Hannah Arendt, Günther Anders: Schreib doch mal hard facts über Dich (Rezension)

Briefe 1939 bis 1975

ArendtAndersSchreib1925 lernen sich Hannah Arendt und Günther Stern (er nannte sich bald darauf Günther Anders) in Marburg in den Seminaren des gemeinsamen Lehrers Martin Heidegger kennen und heiraten 1929. Die Ehe war für Arendt mehr Flucht den Leidenschaft, war sie doch zur Zeit des Kennenlernens noch in einer heimlichen Beziehung mit ihrem Professor Martin Heidegger – eine Beziehung, die fraglos keine Zukunft hatte. Durch einen Wechsel des Studienortes und die Ehe mit Günther Stern hoffte Hannah Arendt, Stabilität und ein Gefühl von Zuhause zu kriegen.

Die Ehe war nicht lange glücklich, trotzdem lebten Arendt und Anders bis 1933 zusammen in Berlin und arbeiteten in dieser Zeit an gemeinsamen Publikationen. Als sich die politische Lage für Juden in Deutschland zuspitzte, flohen die beiden nach Paris, wo sie sich aber mehr und mehr auseinander lebten. 1936 lernte Hannah Arendt ihren zweiten Mann Heinrich Blücher kennen, eine Beziehung, die bis zum Tod desselben von gemeinsamen Werten und Liebe getragen war.

Hannah Arendt und Günther Anders schafften es, eine Freundschaft zu bewahren. Anders war es auch, der Blücher und Arendt half, in die USA auszuwandern, als die Lage in Europa zu gefährlich wurde.

Der vorliegende Briefwechsel ist ein Zeugnis dieser Freundschaft. Er zeugt aber auch von den Erschwernissen des Auswanderns und den unterschiedlichen Umgang der beiden damit, berichtet über gemeinsame Bekannte – Zeitgenossen wie Walter Benjamin, Heidegger, Adorno.

Neben dem Briefwechsel beinhaltet das Buch auch gemeinsam verfasste Text, unter anderem zu Rilkes Duineser Elegien. Abgerundet wird das Buch durch zwei tabellarische Lebensläufe der Briefschreiber sowie einen ausführlichen und informativen Anmerkungsteil sowie eine Bibliographie der in den Briefen erwähnten Publikationen.

Fazit
Ein Briefwechsel, der nicht nur Zeugnis einer Freundschaft ist, sondern auch Zeitzeugnis. Sehr empfehlenswert!

Zu den Autoren und der Herausgeberin
Hannah Arendt (1906 – 1975) und Günther Anders (1902 – 1992) lernten sich 1925 in einem Seminar Martin Heideggers kennen und waren von 1929 bis 1937 miteinander verheiratet. Beide zählen zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Das Hauptwerk der streitbaren politischen Theoretikerin ist Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, das des „wahrscheinlich schärfsten und luzidesten Kritikers der technischen Welt“ (Jean Améry) Die Antiquiertheit des Menschen.
Kerstin Putz studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Wien und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an Forschungsprojekten zum Nachlass von Günther Anders am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 286 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (29. August 2016)
Herausgeberin: Kerstin Putz
ISBN: 978-3406699108
Preis: EUR: 29.95 ; CHF 42.90
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Pablo Macias: Italian Streetfood (Rezension)

Panini, Pasta, Salate, Desserts

MaciasItalianStreetItalienisches Lebensgefühl zum Mitnehmen – das ist dieses Buch und dafür stehen auch die Rezepte darin. In Italien haben die kleinen Mahlzeiten auf die Hand Tradition. Überall im Land werden auf Märkten, an Festen oder auch am Strand frisch zubereitete Speisen aus saisonalen und regionalen Produkten angeboten für den direkten Verzehr vor Ort.

Auf seinen vielen Reisen durch Italien hat der Opernsänger Pablo Macias diese Tradion kennen- und lieben gelernt. In diesem Kochbuch nimmt er den Leser mit auf eine Reise durch die Küche Italiens – es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Die einzelnen Gerichte lassen sich gut einzeln zu einem Glas Wein reichen, können aber auch kombiniert und zu einem italienischen Menu ausgebaut werden. Auch wenn mal spontan Besuch kommt, lässt sich mit wenigen Zutaten schnell etwas auf den Tisch zaubern: Wie wäre es zum Beispiel mit Focaccia mit Feigen und Ziegenkäse? Dazu könnte ein lauwarmer Tomatensalat gut schmecken. Wer einen süssen Abschluss möchte, dem könnte ein Panna Cotta mit Orangengelee gefallen. Auch den Limoncello kann man künftig selber machen, traditionell oder als moderne Variation als Spritz.

Jedes Rezept wird von einem persönlichen Kommentar, einer Anekdote oder einer Erklärung begleitet. Die, welche gerne mehr Informationen zur italienischen Küche hätten, werden sich über die Artikel zur Warenkunde freuen, Themen wie verschiedene Pasta-Sorten, Käse, Öl und mehr werden behandelt.

Damit das Kochen und Essen noch mehr Spass machen, liegt dem Buch noch eine CD mit italienischer Musik bei. Auch das Buch selber ist ein Genuss. Es ist hochwertig gestaltet, die einzelnen Rezepte werden durch ästhetische und appetitanregende Fotos in Szene gesetzt. Mit diesem Buch zieht Italien zu Hause ein, gute Laune ist garantiert.

Fazit:
Ein wunderbares Buch voller Italianita. Genuss pur für alle Sinne. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Pablo Macias ist in Chile, Mexiko und Spanien aufgewachsen. Seine Karriere als Opernsänger führte ihn durch die ganze Welt, wo er die kulinarischen Eigenheiten verschiedenster Länder kennenlernte. Besonders angetan hat es ihm die facettenreiche italienische Küche. In München betreibt er seit 2015 als Koch und Gastronom einen Feinkostladen und ein Bistro namens „Italian Streetfood“.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer (16. März 2017)
Preis: EUR: 24.99 ; CHF 35.90
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J. M. Coetzee: Die jungen Jahre (Rezension)

Der Dichter, der nicht zu schreiben beginnt

Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen?
Befreien wird ihn, wenn es soweit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er.

coetzeeJungenJahreJohn wächst im politisch immer schwierigeren Südafrika, in Kapstadt, auf und studiert Mathematik. Er ist sich sicher, dass er zum Dichter berufen ist, nur gelingt das mit dem Schreiben nicht ganz, da die Umstände nicht stimmen. Er wähnt sich am falschen Ort und vor allem von der Muse – der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird – ungeküsst.

Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte – beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.

Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.

John ist ein Suchender – er sucht seinen Platz im Leben und den Weg dahin, seiner Bestimmung zu folgen und Künstler zu sein. Dabei ist er verblüffend passiv, hofft grundsätzlich, dass die Entscheidungen von anderen getroffen werden und wenn dem so ist, fügt er sich auch ohne besseres Wissen oder rechte Überzeugung hinein. So hält er Beziehungen zu Frauen aufrecht, die ihm nichts bedeuten, ihn im Gegenteil bedrücken. Er fängt nicht zu schreiben an, trotzdem er überzeugt ist, Dichter zu sein, da er auch dazu erst jemanden braucht, der ihm die Initialzündung gibt. Dass er auf diese Weise immer unglücklicher wird, liegt auf der Hand, er analysiert diesen Zug denn auch selber:

Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein. Im Unglücklichsein ist er immer noch Klassenbester. Für das Unglück, das er auf sich ziehen und ertragen kann, scheint es keine Grenzen zu geben.

und findet darin etwas Gutes (frei nach dem Motto „ich erkläre mir meine Welt, wie sie mir am besten passt“:

Unglück ist sein Element. […] Wenn das Unglück abgeschafft werden würde, wüsste er nicht, was er mit sich anfangen sollte. […] Unglück ist eine Schule für die Seele.

Zudem kann ein Dichter nur unglücklich sein, nur aus dem Unglück entspringt gute Kunst – dessen ist sich John sicher. Bei allem Unglück driftet John nie ins Selbstmitleid ab, der Stil des Romans bleibt schonungslos offen, das Leben wird auf einer sehr rationalen Ebene durchdacht, gelebt und abgehandelt.

M. Coetzee ist mit Die jungen Jahren ein wunderbarer Roman gelungen, der autobiographische Züge trägt, Künstlerroman und Zeitzeugnis gleichermassen ist. Aus der Sicht des Protagonisten erfährt der Leser mehr über die Zustände in Afrika in den 1960er Jahren, erfährt, was es heisst, als Ausländer im vom Klassendenken beherrschten London Fuss fassen zu wollen. Er ist Zeuge der vielen Fragen und Überlegungen, die im Kopf des Protagonisten herumwirbeln und sein eigenes Leben und (Nicht-)Schreiben sowie auch die Welt um sich sehr klar und differenziert analysieren. Das Ganze verpackt Coetzee in eine wunderbar poetische, fliessende Sprache.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.:
Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:224 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. August 2004)
Übersetzung: Reinhild Böhnke
ISBN-Nr.: 978-3596155842
Preis: EUR 9.90 / CHF 15.90

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Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders (Rezension)

Was uns die Philosophen zu sagen haben

Es ist noch nicht lange her, da räumte ich ein paar Bücher weg und stiess dabei auf ein altes Notizbuch mit der Aufschrift „Sinnsprüche“. Es enthielt kurze, flüchtig zu Papier gebrachte Zitate von Philosophen, auf heder Seite einen. […]
Der Grund für diese Entscheidung – und für dieses Notizbuch – lag darin, dass ich gehofft hatte, von den grossen Philosophen ein paar Orientierungshilfen zu bekommen.

Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

KleinPhilosophieTag39 Zitate vereinte er zu diesem Buch, von Aristoteles über Epikur, Ralph Waldo Emerson, David Hume bis hin zu Blaise Pascal und Reinhold Niebuhr. Zwar weiss er nun in seinem Alter, dass er wohl naiv war, zu glauben, dass ihm die Philosophen sagen könnten, wie er zu leben hätte. Und doch: Immer mal wieder während des Lebens fand er wieder Sprüche und schrieb sie nieder, denn die Frage, wie man das bestmögliche Leben führe, beschäftigte die Philosophie doch über tausende von Jahren, war eine ihrer zentralsten Fragen überhaupt.

Jedes Zitat ergänzt Daniel Klein mit einem persönlichen Kommentar, der einerseits das Zitat ein wenig verortet und erhellt, andererseits aus seinem Leben und seinen Erfahrungen erzählt. So ist ein wunderbares Buch entstanden, in das man immer mal wieder reinschnuppern, etwas für sich rausziehen und weiterleben kann – vielleicht sogar ein wenig besser als zuvor.

Verdirb dir nicht die Freude an dem, was du hast, indem du dir wünschst, was du nicht hast; denke daran, dass das, was du heute hast, einst zu den Dingen gehörte, von denen du nur träumtest. (Epikur)

Fazit
Ein kleines, feines, unterhaltsames, tiefgründiges und zum Nachdenken anregendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Daniel Klein
Daniel Klein, Jahrgang 1939, studierte Philosophie in Harvard. Nach einer kurzen Station als Gagschreiber beim Fernsehen arbeitet er seit vielen Jahren als Autor und Ghostwriter. Er ist Koautor des Buches „Plato und Schnabeltier gehen in eine Bar“, das in 26 Sprachen übersetzt wurde. Klein lebt mit seiner Familie in New England.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. März 2016)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3492057509
Preis: EUR: 18 ; CHF 26.90
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Martin F. Mexer: Illustrierte Geschichte der Philosophie (Rezension)

Eine Reise durch die Philosophie von der Antike bis in die Neuzeit

MeyerIlluPhiloEpochen – Autoren – Werke, so heisst der Untertitel dieses reich bebilderten Übersichtswerk über die Geschichte der Philosophie. Martin F. Meyer startet bei den Vorsokratikern und führt den Leser in einer gut verständlichen Sprache durch die Zeit bis hin in die Neuzeit. Dabei bettet er die einzelnen Philosophen immer in ihre Zeit ein, gibt einen kurzen Einblick in ihre persönliche Herkunft und den Werdegang und geht dann auf die zentralen Werke und deren grundlegenden Aussagen ein.

Die Illustrierte Geschichte der Philosophie ist sehr geschmackvoll aufgemacht, das Layout ist schlicht, übersichtlich und überzeugt ästhetisch. Kleine Infoblöcke (in Kreisform, was dem Layout ein gewisses Etwas gibt) bieten schnell erfassbare Überblicke über die vorherrschenden Denker einer Zeit oder aber erläutern deren wichtigsten Theorien. Eine schöne Auswahl an Bildern rundet den Gesamteindruck ab.

Philosophie hat mitunter nicht den Ruf, sehr unterhaltsam und prickelnd zu sein, dieses Buch hat aber Suchtcharakter und es birgt die Gefahr, zur nächsten Buchhandlung rennen zu wollen und alle vorgestellten Bücher gleich auch noch lesen zu wollen. Ich kann es jedem, der sich mal einen Überblick über die Geschichte der Philosophie verschaffen will, nur ans Herz legen. Aber: Nicht nur denen, das Buch ist wirklich einfach eine wunderbare Unterhaltung und man entdeckt ja auch als alter Hase immer wieder etwas Neues oder findet etwas wieder, das in Vergessenheit geriet.

Fazit
Ein sehr fundiertes, umfassendes, lesbares und schön aufbereitetes Buch, das eine breite Übersicht über die Geschichte der Philosophie bietet und zu weiterer Lektüre verleitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Martin F. Meyer ist Privatdozent am Philosophie-Seminar der Universität Koblenz-Landau

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 186 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (16. März 2016)
ISBN: 978-3476026484
Preis: EUR: 24.95 ; CHF 31.90
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Jane Austen: Stolz und Vorurteil (Rezension)

Liebeswirren und Spiegel der Gesellschaft

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der ein beträchtliches Vermögen besitzt, einer Frau bedarf.

AustenStolzDieser erste Satz beschreibt gut das Denken der Zeit, in welcher Elizabeth Bennet aufwächst. Er beschreibt vor allem die Haltung von Elizabeths Mutter, die kaum einen anderen Lebensinhalt hat, als ihre fünf Töchter gut zu verheiratet. Ihre Chance sieht sie gekommen, als in der Nachbarschaft ein alleinstehender und reicher Mann einzieht: Charles Bingley. Die älteste Bennet-Tochter verliebt sich denn auch in den von ihrer Mutter so gewünschten Schwiegersohn, eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht.

Schwieriger sieht es bei Elizabeth aus. Selber sehr belesen, schlagfertig, von sich überzeugt, hat sie nichts weniger im Sinn, als sich einfach mit einem reichen Mann zu verheiraten. Der letzte, der als Ehegatte in Frage käme, ist Charles Bingleys Freund Mr. Darcy, den sie höchst unsympathisch findet – eine Sicht, die sich aufgrund verschiedener Missverständnisse noch verstärkt.

Jane Austen war erst 21, als sie die erste Fassung von Stolz und Vorteil (unter dem Titel First Impressions) geschrieben hat, allerdings wurde diese von den Verlagen abgelehnt. Über ein Jahrzehnt später nahm sie die Arbeit an der Erstfassung wieder auf und fand schliesslich 1813 auch einen Verlag, der das Buch veröffentlichte.

Stolz und Vorurteil thematisiert auf eine zeitlose Art das Thema Liebe durch Schwierigkeiten, Missverständnisse, Hoffnungen und auch Glück hindurch. Auch entbehrt der Roman nicht einer gewissen Komik und einer wunderbaren Ironie, mit welcher einzelne Figuren und Situationen dargestellt werden.

Der Roman ist aber auch mehr als eine blosse Liebesgeschichte, er ist ein gesellschaftskritisches Zeugnis einer Zeit, in welcher Frauen als höchstes Ziel die Ehe mit einem Mann haben durften. Auch werden die verschiedenen Gesellschaftsschichten und die (eher negative )Bedeutung von Arbeit darin blossgelegt.

Bei der dtv Verlagsgesellschaft wurde der wunderbare Roman (wie übrigens viele weitere Klassiker) in einer bezaubernden Geschenkausgabe publiziert. Für Liebhaber schöner Bücher fast ein Muss

Fazit:
Eine humorvolle, ironische, wunderbar lesbare Liebesgeschichte, die darüber hinaus auch die Gesellschaft des angehenden 19. Jahrhunderts unter die Lupe nimmt. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Jane Austen
In Jane Austens Romanen spiegeln sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit in einzigartiger Klarheit. Eine Frau – ob adelig oder nicht – hatte nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich in Beruf oder gesellschaftlichem Engagement zu entfalten. Nur durch die Heirat mit einem reichen und weltoffenen Ehemann konnte sie eine gewisse Freiheit erlangen. In diese Zeit wurde Jane Austen am 16. Dezember 1775 geboren als siebtes von insgesamt acht Kindern eines englischen Pfarrers. Es war eine belesene und gebildete Familie, zwei ihrer Brüder brachten es gar zum Admiral. Ihr selbst hingegen gelang das Kunststück, ihre Verlobung einen Tag später wieder zu lösen und trotz schwerer Krankheit ein relativ unabhängiges Leben als unverheiratete Frau zu führen. Nach außen hin führte sie ein ereignisloses Leben im elterlichen Pfarrhaus. Ihre Romane jedoch – neben ›Mansfield Park‹ (1814) sind dies vor allem ›Verstand und Gefühl‹ (1811), ›Stolz und Vorurteil‹ (1813), ›Emma‹ (1816), ›Northanger Abbey‹ (1817) und ›Anne Elliot oder Die Kraft der Überredung‹ (1817) – erfreuen sich heute weltweit einer millionenfachen Leserschaft. Fast alle sind mehrfach erfolgreich verfilmt worden.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 456 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Oktober 2012)
Übersetzung: Helga Schulz
ISBN: 978-3423141604
Preis: EUR 9.95 / CHF 14.90
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David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick (Rezension)

Vom Pizzabäcker zum Starautor

Eine Besonderheit des Konzepts dieser Bibliothek liegt zudem darin, dass die Autoren ihren Platz in den Regalen frei wählen dürfen. Bevor man das eigene Anti-Vermächtnis einreiht, kann man noch ein wenig in den Werken der ebenfalls verstossenen Kollegen blättern.

Ein bretonischer Pizzabäcker schreibt heimlich einen Roman, den niemand will. So endet das Buch in der Bibliothek für von Verlagen abgelehnte Manuskripte und wäre da wohl auch für alle Tage liegen geblieben, hätte es nicht zufällig eine junge Lektorin gefunden. Das Buch wird ein Renner und mischt Frankreich, die Verlagsszene, Autoren und die Medien auf. Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Kann es wirklich sein, dass ein Mann, der – so seine Witwe – Zeit seines Lebens kein Buch gelesen hat und höchstens mal eine Einkaufsliste schrieb, plötzlich einen so grandiosen Roman geschrieben hat? Wann und wie hat er das getan?

Der Erfolg ruft – das liegt in der Natur des Menschen – Neider hervor, welche dem geheimnisvollen Romanschreiber und dessen Geheimnis auf die Spur kommen wollen.

FoenkinosPickDavid Foenkinos hat die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte nicht erfunden, die gibt es wirklich: Die Richard Brautigan Library an der Westküste der USA. Ausgehend von dieser, wie er fand, schönen Idee schrieb er den vorliegenden Roman um Monsieur Pick. Entstanden ist ein satirischer und unterhaltsamer Roman, welcher den Buchmarkt kritisch unter die Lupe nimmt: Das Leiden an der Welt von erfolglosen Schriftstellern ist ebenso Thema wie blutrünstige Kritiker und die Mechanismen von nach Erfolg gierenden Verlagen.

Das Buch ist locker und leicht zu lesen, die Geschichte stimmig, wenn auch ab und an etwas zu sehr mit plakativen Allgemeinplätzen und Klischees behaftet. Auch fehlt mir hier ein wenig das Einfühlsame, das Tiefe, das Foenkinos beispielsweise bei seinem Buch Charlotte so meisterhaft beherrschte. Sehr gelungen ist die Wende am Schluss, welche der ganzen Geschichte nochmals neuen Auftrieb gibt. Alles in allem eine wunderbare Geschichte, die neben dem Unterhaltungswert auch immer wieder zum Nachdenken anregt.

Fazit:
Eine unterhaltsame, witzige, teilweise satirische Geschichte. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (13. März 2017)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978- 3421047601
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
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Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten (Rezension)

Schaurig schöne Geschichten

Von Madame L’Espanaye fehlte jede Spur. Doch aufgrund der ungewöhnlichen Menge Russ in der Feuerstelle wurde der Kamin inspiziert und (horribile dictu!) der Leichnam der Tochter, mit dem Kopf nach unten, herausgezogen. […] Nach gründlicher Durchsuchung aller Winkel des Hauses, die keine weiteren Aufschlüsse erbrachte, begab sich die Gruppe in einen kleinen, gepflasterten Hinterhof, wo der Leichnam der alten Frau lag; ihr Hals war so vollständig durchtrennt, dass, als man sie hochzuheben versuchte, der Kopf abfiel.

PoeUnheimlicheEdgar Allan Poe ist ein wahrer Meister des Grauens und er gilt auch als Erfinder des Detektivromans. Im vorliegenden Band zeigt er sich von seiner schaurig-schönsten Seite. Der Titel verspricht nicht zuviel, wenn von unheimlichen Geschichten die Rede ist.

Herausgegeben wurde das Buch von Charles Baudelaire, welcher sich schon in jungen Jahren von Poes Werk angezogen fühlte, es später durch seine Übersetzungen nach Europa brauchte.

Der vorliegende Band ist der erste einer geplanten fünfbändigen Neuauflage von Poes Werk. Er enthält folgende Geschichten:

  • Der Doppelmord in der Rue Morgue
  • Der entwendete Breif
  • Der Gold-Skarabäus
  • Ente einer Ballonfahrt
  • Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall
  • „Manuskript in Flasche gefunden
  • Ein Sturz in den Malstrøm
  • Die Faktem im Fall von M. Valdemar
  • Mesmerische Offenbarung
  • Eine Geschichte aus den Ragged Mountains
  • Morella
  • Ligeia
  • Metzengerstein

Abgerundet wird das Buch durch einen Text von Charles Baudelaire zu Edgar Allen Poes Leben und Werk sowie durch ein Nachwort des Übersetzers Andreas Nohl, welcher eine wirklich herausragende Übersetzungsarbeit geleistet hat. Das Buch besticht zudem über ein schönes Layout und einen hochwertig gestalteten Schutzumschlag, Leinenbezug und ein Lesebändchen. Ein rundum wunderbares Lesevergnügen.

Fazit:
Schaurige, grausame, abenteuerliche, skurile Geschichten und Menschen in einer mehr als gelungenen Neuauflage und Neuübersetzung. Unheilmliche Geschichten, die man jedem Edgar-Allan-Poe-Fan ans Herz legen möchte – und allen, die es werden möchten. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und weiteren Mitwirkenden
Edgar Allan Poe, geboren 1809 in Boston als Sohn von Schauspielern, gilt als eigenwilligste und faszinierendste Dichterpersönlichkeit im Amerika des 19. Jahrhunderts. Sein kurzes, aber bewegtes Leben, das 1849 in Baltimore unter geheimnisvollen Umständen ein Ende fand, wurde schon bald zur Legende.

Charles Baudelaire, geboren 1821 in Paris, begründete als Herausgeber und Übersetzer der Werke Edgar Allan Poes dessen Weltruhm. Mit seinem Gedichtzyklus Fleurs du Mal (1857) setzte er ein neues Datum in der Dichtungsgeschichte. Er starb 1867 in seinem Geburtsort.

Andreas Nohl wurde 1954 in Mülheim an der Ruhr geboren. Seine Übersetzungen u.a. von Mark Twains Tom Sawyer & Huckleberry Finn und Rudyards Kiplings Dschungelbuch wurden von der Presse hochgelobt. Zuletzt erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. März 2017)
Herausgeber: Charles Baudelaire
Übersetzer: Andreas Nohl
ISBN: 978-3423281188
Preis: EUR 28 / CHF 39.9’
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Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte (Rezension)

Poesie als sinnliche Rede

Zum Inhalt

Letzter Winter
Des Tages ist die Sonne und
nachts der Mond
über den Bergen.
Doch das Herz ist ertrunken
lang in den blauen Schatten
des Tals.

Am 9. April 2017 wäre Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat die DVA seine Gedichte neu in einem Band verlegt. Der Band besteht aus drei Teilen:

  • Die Gedichte: Sämtliche Gedichte, die Bobrowski selber herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat
  • Gedichte aus dem Nachlass
  • Anhang

BobrowskiGesammelteGedichteDie Gedichte umfassen den Gedichtband Sarmatische Zeit (1961), Schattenlandströme (1962), und Wetterzeichen (leider nicht mehr zu Lebzeiten publiziert, aber für die Publikation vorbereitet). Diese drei Gedichtbände stellen Bobrowskis Hauptwerk dar. Daneben existieren vereinzelte Gedichte, die an unterschiedlichen Orten publiziert, aber zu keiner Sammlung vereinigt worden waren.

Teil 2 des vorliegenden Bandes umfasst die Gedichte aus dem Nachlass. Darin enthalten sind Gedichte aus den Jahren 1935 – 1965. An ihnen lässt sich auch gut die Entwicklung Bobrowskis als Lyriker ablesen.

Den Abschluss macht ein umfangreicher Anhang, der einerseits ein Nachwort von Helmut Böttinger (Literaturkritiker) enthält, des Weiteren editorische Nachbemerkungen, Bobrowskis Lebensdaten sowie ein alphabetisches Gesamtverzeichnis.

Bobrowskis Lyrik
Bobrowski bezeichnete Poesie einst als „vollkommen sinnliche Rede“. Dichtung solle dabei nicht anheimeln, sie solle die Zeit zeigen, wie sie ist, nicht verschönernd, sondern mit all ihren Dissonanzen, Unruhen und Spannungen. Er selber verwirklichte das oft mit Stilmitteln wie der Inversion und des Enjambements. Beide durchbrechen den normalen Fluss der Sprache, setzen Akzente und bauen Spannungen auf. Beide können sie Dissonanzen verstärken und Disharmonie herstellen – das, was Bobrowski auch in der Welt sah und ausdrücken wollte.

Die Enjambements tragen also den Inhalt in die Form und verstärken ihn so. Indem das Enjambement die Versgrenze überschreitet, widerspricht es dem eigentlichen Sprachgefühl und hat so eine akzentuierende Funktion im Gedicht. Dasselbe gilt für die Inversion, bei welcher das Subjekt an den Schluss gestellt wird, Prädikat und Adjektiv ihre angestammten Plätze in der Syntax verlassen, so dass sich eine Spannung hin zum Subjekt aufbaut.

Trotz dieser Stilmittel sind Bobrowskis Gedichte oft in alten Gedichtformen verhaftet. Er legte grossen Wert auf Versmass und Metrum, es findet sich auch die klassische Ode in seinen Werken und Gedichte, die sich ganz offensichtlich an den alten Meistern orientieren. Trotzdem bewegt er sich inhaltlich in der Gegenwart.

Thema seiner Lyrik sind oft die Landschaften und Siedlungen Osteuropas, sind die Zeit und ihre Wunden durch den Krieg. Bobrowski war wies auf die Geschichichte und war dabei immer auch politisch. Er spielte eine einzigartige Rolle als Vermittler zwischen Ost und West, indem er auf eine Weise schrieb, die für den Osten eigentlich fast nicht denkbar schien.

In den Gedichten aus dem Nachlass finden sich aber auch leisere Töne. Gedichte über Blumen, die seine Sinnesschärfe und Beobachtungsgabe zeigen, die trotz leiser Töne auch ab und an kritische Zwischentöne mitklingen lassen, ohne dabei das schöne Bild zu stören.

Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Lyrikers. Laute und leise Töne, alte Formen und neue Inhalte, Poesie, die durchdringt, in der Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Sehr empfehlenswert.

Autor
Johannes Bobrowski wurde am 9. April 1917 in Tilsit geboren. Ab 1949, nach der Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, lebte er in Ostberlin, wo er als Lektor arbeitete. 1961 publizierte er seinen ersten Lyrikband „Sarmatische Zeit“, der wie auch seine folgenden Bücher parallel in Ost- und Westdeutschland erschien. 1962 wurde ihm der Preis der Gruppe 47 verliehen, 1965 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis für den Roman „Levins Mühle“. 1965 starb der Dichter in Ostberlin. Seine Texte sind in über 35 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 752 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (13. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3421047625
Preis: EUR 34.99/ CHF 48.90
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Safiye Can: Kinder der verlorenen Gesellschaft (Rezension)

Die Verortung des Ich

Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain
ein Vers Attilâ Ilhan
eine tausendjährige Sehnsucht, ergraut das Haar
[…]

CanKinderSafiye Can stellt Fragen. Sie fragt nach Heimat, nach Zugehörigkeit, Sie thematisiert das Fremdsein in der Welt mit einem klaren, unverstellten Blick. Can wurde als Tochter tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main geboren. Es sind wohl autobiografische Fragen, aber es sind auch Fragen, die sich jeder stellt, der in dieser Welt lebt: Die Fragen nach dem eigenen Sein in dieser Gesellschaft, die ab und an nicht unsere zu sein scheint, auch wenn wir mitten drin sind.

Im vorliegenden Band kommen ganz unterschiedliche Gedichtformen der Lyrikerin zusammen: Langgedichte, kurze Alltagslyrik, visuelle und konkrete Poesie. Auch Liebesgedichte findet man:

Irgendwann
werden wir uns begegnen
und anblicken
wie zwei Kinder
die sich gegenüber stehen
wie einem Wunder.

Es sind Gedichte, die ohne Kitsch und abgedroschene Bilder auskommen, die von der Sprache leben, von dem, was ist und sein kann in leisen Tönen. Überhaupt besticht Safiye Cans Lyrik durch eine klare, schnörkellose Sprache. Es sind Worte, die offenlegen, eingängig sind, sich festsetzen, nachwirken.

Fazit:
Ein tiefgründiges, vielseitiges, hinterfragendes und nachhallendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Autorin 
Safiye Can studierte Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft in Frankfurt am Main. Sie schreibt Lyrik und Prosa, übersetzt aus dem Türkischen und gibt Lyrikworkshops an Schulen. Safiye Can wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis (2016) und dem Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur (2016). Sie lebt in Offenbach.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Wallstein (27. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3835330481
Preis: EUR 18/ CHF 26.90
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Theodor Fontane: Jenseits des Tweed (Rezension)

Bilder und Briefe aus Schottland (Grosse Brandenburger Ausgabe)

Mit Fontane durch Schottland reisen

Eine Reise an der Seite eines Freundes ist eine Freundschaftsprobe, wie die Ehe eine Liebesprobe ist. Wir haben sie bestanden.

Im Sommer 1858 zieht Theodor Fontane mit seinem Freund Bernhard von Lepel los, um sich einen Wunsch zu erfüllen: Zwei Wochen wollen die beiden durch Schottland reisen.

„Nach Schottland also!“ Die Koffer waren gepackt, die Billets gelöst, und als der Spätzug sich endlich in Bewegung setzte und majestätisch aus der Halle des Kings-Cross-Bahnhofs hinausglitt, überlief es mich ähnlich wie vierzehn Jahre früher, wo es zum ersten Male für ich hiess: „Nach England!“

FontaneTweedVon Anfang an plante Fontane, die Reise mit Zeitungsartikeln und einem Buch zu dokumentieren, um einerseits seine Leser teilhaben zu lassen, wichtiger aber, um die Reise zu finanzieren. Entstanden ist eine wunderbare, unterhaltsame, sehr persönliche Reisebeschreibung – für Fontane-Liebhaber ein Muss. Der Schriftsteller berichtet über schottische Sagen ebenso wie über touristische Attraktionen und die beeindruckende Natur. Als Leser fühlt man sich teilweise wie der Dritte im Bunde mit den beiden Freunden und erlebt so die Reise im Geiste mit.

Die Grosse Brandenburger Ausgabe ist in Zusammenarbeit mit der Theodor-Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen entstanden, dieses ist der zweite Band des reiseliterarischen Werks Fontanes. Ziel ist es, das Werk des grossen Realisten vollständig zu publizieren und umfassend zu kommentieren. So wird denn der eigentliche Text auch durch einen sehr ausführlichen Anhang ergänzt, welcher von der Entstehungsgeschichte über die Rezeption, Stellenkommentare sowie editorische Informationen dieser Ausgabe alles enthält. Das Register nach Personen und Werken sowie geographischen Angaben hilft, gezielt im Text zu suchen.

Fazit:
Ein ausführlich und kompetent kommentierter Reisebericht eines wunderbaren Autoren. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Theodor Fontane
Theodor Fontane wurde am 30. Dezember 1819 im märkischen Neuruppin geboren. Er erlernte den Apothekerberuf, den er 1849 aufgab, um sich als Journalist und freier Schriftsteller zu etablieren. Ein Jahr später heiratete er Emilie Rouanet-Kummer. Nach seiner Rückkehr von einem mehrjährigen England-Aufenthalt galt sein Hauptinteresse den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Neben der umfangreichen Tätigkeit als Kriegsberichterstatter, Reiseschriftsteller und Theaterkritiker schuf er seine berühmt gewordenen Romane und Erzählungen sowie die beiden Erinnerungsbücher „Meine Kinderjahre“ und „Von Zwanzig bis Dreißig“. Fontane starb am 20. September 1898 in Berlin.

Zum Herausgeber
Maren Ermisch
Die Bandherausgeberin Maren Ermisch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universät Göttingen. Sie wurde 2014 mit einer Arbeit über Theodor Fontane und den deutschen Schottland-Reisebericht des 19. Jahrhunderts promoviert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (19. Januar 2017)
Herausgeber: Maren Ermisch
ISBN: 978-3-351-03137-4
Preis: EUR 44 / CHF 58
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