Literatentochter, von der väterlichen Liebe erdrückt?
„Es gibt Sünden (oder lasst uns sie nennen, wie die Welt sie nennt) schlimme Erinnerungen, welche der Mensch in den dunkelsten Winkeln seines Herzens verbirgt. Doch dort verharren sie und warten.“ (James Joyce, Ulysses)
Inhalt
Lucy Joyce möchte eine grosse Tänzerin werden. Das Talent dazu hat sie, doch ihr Vater, James Joyce beobachtet den aufkommenden Erfolg seiner Tochter skeptisch. Er sähe lieber, seine Tochter würde ihm zur Seite stehen und nur für ihn tanzen. Lucy verliebt sich in Samuel Becket, doch die Liebe steht unter keinem guten Stern, ein bislang gehütetes Familiengeheimnis zerstört jegliche Hoffung auf ein eigenständiges Leben der jungen Frau, die sich immer mehr in ihrer Familie gefangen sieht.
Beurteilung
Ein Roman, angelehnt an die wahre Geschichte der Lucy Joyce, von der wenig überliefertes Material existiert. Die Geschichte springt hin und her zwischen der Lucy Joyces Psychoanalyse bei C. G. Jung im Jahr 1934 in Zürich, und dem Leben der Familie Joyce in Paris ab 1928. Geschrieben ist alles in einer einfachen Sprache mit kurzen Sätze, die fast ein wenig an einen Plauderton erinnert. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die fast inflationär verwendete Koseform „Babbo“, mit welcher Lucy ihren Vater anspricht oder an ihn denkt oder über ihn spricht, oder sehr markig formulierte Gedanken Lucys:
Es gibt einfach Dinge, über die man nicht reden kann. Nicht mit fetten Schweizern, die Taschenuhren tragen und pro Stunde bezahlt werden wie ganz gewöhnliche Prostituierte.
Was wohl dazu gedacht ist, dem ganzen Roman eine authentische Note zu geben, wirkt in Tat und Wahrheit eher aufgesetzt und auf die Figur gestülpt als Wertung aus dem Off, vom Autor in die Protagonistin hineingepflanzt.
Das Ganze wird sprachlich nicht besser durch das Gegenteil, nämlich bemüht gewählte und gesucht klingende Passagen:
Ich werde mit den ersten Anzeichen der Begierde und des Ehrgeizes anfangen, die sich wie gierige Ranken von Unkraut in mein junges Herz schoben.
Nach Seiten mit Beschreibungen von offenen Tänzerinnenfüssen, Schwärmereien für die blauen Augen Samuel Beckets und wenig aussagekräftigen Sitzungen bei Herrn Jung habe ich das Buch enttäuscht beiseite gelegt. Vielleicht hatte ich nach dem grossartigen Buch von Anne Girard, Madame Picasso, zu hohe Ansprüche, da die beiden Bücher in der gleichen Reihe erschienen sind, auf alle Fälle wurde ich nicht warm mit dem Roman, weder mit der Sprache, noch mit dem Aufbau, noch mit dem Fortgang der Geschichte (eigentlich eher eine Stagnation über weite Strecken).
Fazit:
Ein von der Sprache und vom Aufbau her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!
Zur Autorin und Übersetzerin
Annabel Abbs studierte Englische Literatur und leitete eine große Marketing Consulting Agency, bevor sie zu schreiben begann. Ihre Kurzgeschichten wurden hoch gelobt, und auch ihr Debütroman wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt Annabel Abbs in London und Sussex.
Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (14. Juli 2017)
Übersetzung: Ulrike Seeberger
ISBN: 978-3746633169
Preis: EUR 12.99 / CHF 17.90
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Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
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Taschenbuch: 208 Seiten
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