Henrik Ibsen: Ein Vers

Leben heißt – dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.
Dichten – Gerichtstag halten
Über sein eignes Ich.

Ibsen schrieb dieses Gedicht 1871, diese Übersetzung stammt von Christian Morgenstern. Henrik Ibsen, Dramatiker und Lyriker, schreibt in seinen Werken immer gegen die Moral der Zeit an. Mit klarem Blick sieht er auf die Lebenslügen seiner Zeitgenossen, zeigt auch, dass diese ihre Lügen gar nicht durchschauen wollen, sondern es sich gemütlich in ihnen einrichten. Man denke nur an Die Wildente, wo Gregers Werle durch das Aufdecken der Lebenslügen seines alten Freundes nicht nur dessen Leben, sondern auch das von dessen Frau zerstört. Die Menschen, so die Moral der Geschichte, sind der Wahrheit nicht gewachsen, darum verschliessen sie lieber den Blick vor ihr.

Das vorliegende Gedicht ist kurz – und trotzdem steckt eine grosse Botschaft drin. Ibsen will uns erklären, worin „Leben“ überhaupt besteht, was es heisst, wirklich zu leben – in seinem Sinne eines lebenswerten Lebens. Vier Verse nur, alle dreihebig und im Kreuzreim. Durch die beiden Enjambements verlängern sich die Verse und werden quasi zu zweien. Was also heisst Leben?

Man soll in sich den Spuk der dunklen Gewalten bekämpfen. Ruhmessuch, Machtwillen, Begehren, Hass – all das sind die dunklen Gewalten, die in uns herrschen, die uns und unsere Mitmenschen ins Unglück stürzen. Ibsen sieht in der Dichtung die Lösung, da man beim Dichten Gerichtstag hält über sein Ich. Man schaut hin und urteilt. Und – wenn das Urteil negativ ausfällt, bietet es sich an, etwas zu ändern. Dann hat man die dunklen Gewalten entlarvt und soll sie bekämpfen.

Ibsen sagt selber:

„Alles, was ich gedichtet habe, hängt aufs engste zusammen mit dem, was ich durchlebt habe.“

Damit offenbart er sich als den Richter über sein Leben, der beim Schreiben immer auch mit sich selber ins Gericht geht, nicht nur mit der Gesellschaft um sich. Indem man Gerichtstag hält, nimmt man die Verantwortung für das eigene Leben wahr. Man schaut hin, erkennt die Abgründe und überwindet sie. Man befreit die Seele vom Spuk der dunklen Gewalten. Der Leser von seinen Gedichten und Dramen kann das Wahrgenommene durch ihn erkennen. So kann die Dichtung auch denen helfen, Herr über den Spuk der dunklen Gewalten zu werden, die nicht selber dichten, sich aber damit auseinandersetzen und dann in sich gehen.

Die Insel

Den ganzen Tag Ärger, und nie auch nur Ruh,
und wenn du’s nicht glaubst, zieh an meinen Schuh.
Nur immer noch mehr, wenn alles schon voll,
nur immer mehr Plagen, wo Trost kommen soll.
Bleibt nur noch Trauer in mir besteh’n,
sie weckt dann den Wunsch, einfach zu geh’n.

Dann träum’ ich von Blumen und blauem Meer,
Sehe nur mich und keinen sonst mehr.
Die einsame Insel, mehr brauche ich nicht,
nur der Gedanke, bringt schon mehr Licht.

Der nächste Tag kommt, bin immer noch hier,
die grasgrüne Insel verblasst schon in mir.
Ich steige hinein, die Hoffnung steigt mit,
so geh’n wir ihn an, geh’n Schritt für Schritt.
Möge er besser und wohlgesinnt sein,
frei von den Sorgen und frei von der Pein

seinen Lauf nehmen, mehr will ich nicht,
ansonsten die Insel – im Schacht ist dann Schicht.

Und irgendwann dann, das weiss ich genau,
fahr’ ich dorthin, denn: Selbst ist die Frau.
Dann lebe ich da und liebe die Ruh,
was vielleicht fehlt, das bist dann nur du.
Doch wärst du bei mir, es fehlte so sehr,
die Ruhe für mich, ich brauche nicht mehr.

Hier ist die Sonne

Lange gewartet
nun ist sie da,
Spring just has started
und ich sage: JA!

Strahlen, die wärmen,
Licht, das erquickt,
Vögel, die lärmen,
Trauer erstickt.

Es knospen die Blüten,
es jubelt das Herz,
nun reimen nur Tüten,
das bereitet mir Schmerz.

Was sollte mal werden
ein Frühlingsgedicht,
liegt nun im Verderben,
dies meine Sicht.

Es hat alles drin,
was man so will…
Schaut nur mal hin!!!
Und seid dann schön still!

Eduard Mörike: Er ist’s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Eduard Mörike schrieb dieses Gedicht 1829, es ist Teil des Werks Maler Nolten. Novelle in zwei Theilen (ein romantischer Künstlerroman). Mit diesem Gedicht ist Mörike eines der bekanntesten Frühlingsgedichte überhaupt gelungen, das seither in zahlreichen Anthologien erschienen ist.

Es ist ein kurzes Gedicht, umfasst nur neun Verszeilen, alle in einer Strophe. Sein Reimschema ist eher komplex (abbacdcxd), spiegelt aber den Inhalt in seiner Form auf. Die ersten vier Zeilen sind ein umarmender Reim, das Band und das Land nehmen die Lüfte und die Düfte in ihre Mitte. Danach wird es unruhiger. Ein Kreuzreim wird durch eine Waise unterbrochen. Während die ersten vier Zeilen eher Beobachtungen waren, wird es nun aktiv: Veilchen träumen, sie wollen sogar kommen. Dann ein Appell: Horch! Und nun wird der Frühling, um den es hier geht, direkt angesprochen. Er ist mit keinem anderen Vers durch einen Reim verbunden – er ist die Waise. Damit sticht er heraus aus all seinen Boten und steht dem lyrischen Ich personifiziert gegenüber.

Mörike erfasst den Frühling mit allen Sinnen. Er sieht die Farben, fühlt die Lüfte, die das Band flattern lassen. Er riecht süsse Düfte, hört die Harfen. Es fällt auf, dass der Frühling am Anfang personifiziert wird. Es ist ein erwarteter Freund, der endlich vor der Tür steht. Auch die Veilchen sind personifiziert, sie träumen von den Dingen, von denen wohl auch das lyrische Ich träumt. Dieses tritt erst in der letzten Zeile selber in Aktion, indem sich als den ausgibt, der all das, was die Frühlingsboten von sich gaben, vernommen hat.

Man fühlt den Frühling förmlich beim Lesen dieses Gedichts. Man sieht, wie das Blau des Bandes Farbe in die Welt bringt, die im Winter grau war. Während der Winter eher starr und kalt war, erwacht nun neues Leben. Es wird geträumt, Süsse liegt in der Luft, Blumen machen bald wieder die Welt bunt, bringen neues Leben. Und all das wird von einem leisen Harfenton begleitet.

Für einmal sind es nicht Vögel, die zwitschern, es ist eine Harfe, die klingt. In der Psychologie deutet man die Harfe als Instrument des Traumes, sie schafft Harmonie im Leben. Das würde zu den träumenden Veilchen passen. Spirituell führt die Harfe als Leiter in die kommende Welt. Das passt zum kommenden Frühling. Und so ruft denn auch das lyrische Ich nach dem Hören der Harfe aus:

Frühling, ja du bist’s!

Nun ist das Ich sicher, dass es alles richtig gedeutet hat.

Er ist’s ist ein hoffnungsvolles, optimistisches Gedicht. Es wiederspiegelt den Glauben an das Gute, das kommt. Der Frühling steht für Neuanfang, für neues Leben. Im Frühling erwachen die Dinge, die vorher schliefen. Frühling steht für den Auftrieb in der Welt. Das lyrische Ich freut sich auf den Frühling, es kann ihn kaum erwarten und man spürt wie Erleichterung, wenn es am Ende ausruft

Frühling, ja du bist’s!

Das Warten hat ein Ende, Freude herrscht..

Gotthold Ephraim Lessing: Lied aus dem Spanischen

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel „Lied aus dem Spanischen“, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht auch nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt: Kurz zuvor war seine Frau gestorben, der kleine Sohn wurde kaum einen Tag alt. Das deutet darauf hin, dass er mit dem Nachsatz von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Kaum einer litt nicht an der Liebe, und doch: Wir sehnen uns immer wieder danach. Wir nehmen das Leiden in Kauf, nehmen sehr viel in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Das lyrische Ich (Lessing?) spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Ob die Liebe gegenseitig war, ist kein Thema im Gedicht. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen.

Das Gedicht spiegelt die Innensicht eines einst Liebenden wieder, der diese Liebe verloren hat, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Das Fühlen hat aufgehört, es ist nur noch Erinnerung, nun denkt er daran zurück. Das Ich ist das Bleibende, alles andere verändert sich. Während die Welt im Wandel ist, erlebt das Ich diese Welt, bleibt aber bestehen als (wenn auch sich veränderndes, aber trotzdem im Kern bleibendes) Ich. Es setzt dem Ausgeliefertsein an den Wandel ein „dennoch“ entgegen, das auf dem Verstand gründet. Hier drückt klar die Aufklärung der Zeit des Verfassers durch.

Selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl – das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte. Damit sagt der hier Sprechende, dass das Fühlen der Liebe das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Weil:

Ohne Liebe ist alles nichts.

Abgang

Ab und an
würde ich gerne ausbrechen
aus dem Leben.
Aus allem

Ich möchte verlassen.
Dich! – alles,
wohl auch mich…
Ja – so ganz.

Und dann sitze ich hier
und schreibe Briefe
zum Abschied.
Gemeinte.

Ich schicke sie nicht ab.
Weil ich weiss,
ich bleib’ ja doch
Irgendwie.

Ein Teil geht immer.
Der Rest bleibt hier.
Es wird weniger.
Ich geh aus.