Ich bin, wie ich bin

„Es gibt keine Normen. Alle Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die es nicht gibt.“ (Fernando Pessoa)

Wer bestimmt, wie wir zu sein haben? Wonach müssen wir uns ausrichten? Wer setzt den Massstab und mit welchem Recht? Ich erinnere mich gut an meine Kindheit, als mein Vater oft zu mir sagte: „Sei mal normal, sei mal wie die anderen, verhalte dich so.“ Und ja, es liess mich ein wenig hilflos und auch traurig zurück, denn so, wie ich war, schien ich nicht richtig zu sein. Und vor allem nicht normal.

Wer oder was ist normal? Wenn es eine solche Norm gäbe, wären dann alle gleich? Eine Welt voller gleich geschalteter Menschen, die das gleiche denken, tun, sagen? Wäre das nicht fürchterlich langweilig?

Kurz bevor mein Vater starb, hatten wir ein schönes Gespräch. Da sagte er mir: „Du warst schon immer anders als andere, hast schon immer dein Ding gemacht und darauf bin ich sehr stolz.“ Wie gut hätte mir das als Kind getan? Aus ihm sprach damals aber wohl die Sorge, wie die Gesellschaft mit mir und ich in der Gesellschaft klar käme. Landläufig haben es Menschen, die sich anpassen, einfacher. Nur: Was ist der Preis? Und bin ich bereit, ihn zu zahlen? Das muss jeder für sich selber entscheiden. Und dann ist jeder Entscheid gut und richtig, denn es war ein eigener.

Das Leben leben

„Schlussendlich zählen nur drei Dinge: Wie gut wir gelebt haben. Wie gut wir geliebt haben. Wir gut wir gelernt haben, loszulassen.“ (Jack Kornfield)

Was ist ein gutes Leben? Wann können wir auf unser Leben schauen und sagen: Ja, es ist gut, wie es ist? Was brauchen wir dazu? Geld?

Wenn wir unsere Tage anschauen, sind die oft mehrheitlich mit Dingen gefüllt, die dazu dienen, etwas zu erreichen. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, gehen ins Fitnessstudio, um abzunehmen, gehen shoppen, um mehr Kleider zu haben und besser auszusehen, kaufen ein neues Auto, um mit dem Nachbarn mithalten zu können. Dafür schieben wir anderes auf die Seite: Wir besuchen den alten Onkel nicht, den wir immer so liebten, weil schlicht die Zeit fehlt, wir geniessen nicht den Sonnentag, weil wir uns auf dem Stepper abstrampeln müssen, wir spielen nicht mit den Kindern, weil wir Überzeit machen, die gut bezahlt wird.

Und dann ist der Onkel tot, die Kinder sind gross, draussen ist Nebelwetter und den Job verlieren wir wegen Reorganisation. Und nun? Sitzen wir nun da und denken: Aber wenigstens haben wir ein neues Auto und eine Traumfigur? Nein, sehr wahrscheinlich wird in uns Bedauern laut. Wir merken, was wir verpasst haben und klagen uns an. Leider hilft das wenig, im Gegenteil: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Es gilt also, loszulassen, was war und nach vorne zu schauen. Wir haben einige Chancen verpasst, aber neue warten auf uns. Die sehen wir nur, wenn wir nicht an den verpassten hängen, sondern mit offenem Blick nach vorne schauen, mit dem Lehrstück aus der Vergangenheit im Hinterkopf. Und dann machen wir es besser. Wir haben jeden Tag die Chance, neu anzufangen. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit zu sagen:

Heute beginnt der Rest meines Lebens. Ich will leben und lieben. Und irgendwann lasse ich los im Wissen, dass ich gut gelebt und von Herzen geliebt habe.

Der Sinn des Lebens

„The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple. And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves.“ (Alan Watts)*

Wie oft sind wir einfach getrieben? Wie oft denken wir, etwas erreichen zu müssen oder zu wollen, rennen Wünschen und Erwartungen hinterher, ohne zu merken, dass wir immer mehr zu Sklaven ebendieser Wünsche und Erwartungen werden?

Wir reden uns ein, wir wären glücklich, wenn wir nur dies oder jenes erreichten oder hätten. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens und versuchen, diesen durch Leistungen zu erreichen. Und dabei vergessen wir oft das, was eigentlich der Sinn des Lebens wäre: Wirklich zu leben.

Auf dem Sterbebett befragt, was man sich im Leben noch gewünscht hätte, antworten die wenigsten, dass sie gerne noch mehr gearbeitet, noch eine Karrierestufe höher gestiegen oder noch einen grösseren Fernseher, ein teureres Auto gehabt hätten. Sie hätten gerne mehr geliebt, mehr gelacht, mehr gelebt.

Wir haben dieses eine Leben: Leben wir es.

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*Der Sinn des Lebens besteht schlicht darin, am Leben zu sein. Es ist so klar, so offensichtlich und so einfach. Und doch hetzt jeder in einer grossen Panik durchs Leben, als ob es nötig wäre, etwas ausserhalb einem selber zu erreichen. (Übersetzung S.M.)

Der Umgang mit den eigenen Ängsten

Der Umgang mit eigenen Ängsten
Gibt es sinnvolle Ängste? Diese Frage las ich kürzlich im Internet. Der Fragesteller verneinte die frage sogleich. Nun sind wir Menschen oft mit Ängsten konfrontiert. Soll das alles sinnlose Zeitverschwendung sein? Ich denke nicht.

Angst ist ein Warnsignal. Sie kann vor akuten Gefahren warnen und somit das Überleben sichern. Sie hier als sinnlos zu bezeichnen, wäre fatal. Sie zu überwinden mitunter tödlich. Es gibt aber auch Ängste vor Dingen oder Situationen, die wir uns nur einbilden. Wir malen uns Situationen aus und stellen uns die für uns negativen Konsequenzen vor. Aus diesen Vorstellungen heraus bilden wir Ängste – und vermeiden dann die Situation, um nicht in Gefahr zu kommen – eine Gefahr, die nur in unserer Vorstellung existiert.

Ist die zweite Angst also sinnlos? Ich würde auch das nicht absolut setzen. Wenn die Angst dazu führt, dass wir alles meiden, das uns aus irgendwelchen Gründen Ängste bereitet, wäre das sicher nicht wünschenswert. Wenn wir uns aber unseren Ängsten stellen, schauen, woher sie rühren und versuchen, damit umzugehen, kann daraus etwas Gutes erwachsen. Und wir lernen viel über uns selber. Wir erkennen unsere Muster, unsere Abwehrmechanismen und lernen, damit umzugehen – bewusst.

Wenn wir also wieder einmal in einer Situation sind, die uns Angst bereitet, hilft es, hinzusehen:

  • Wovor habe ich genau Angst?
  • Woher kommt die Angst?
  • War ich schon früher mal in ähnlichen Situationen? Was habe ich damals gemacht?
    • Wenn es gut ausging: Kann ich es heute wieder ähnlich lösen?
    • Wenn es nicht wie gewünscht ausging: Ist wirklich alles gleich heute?

Wenn ich die Situation so analysiert habe, geht es daran, Wege zu finden, wie mit der heutigen Situation umzugehen. Entweder ich wende die Mittel erneut an, die beim letzten Mal funktioniert haben, oder ich passe sie an die heutige Situation an.

Natürlich gibt es immer Dinge oder Situationen, die nicht zu uns passen, die uns Angst machen, die wir nicht zu meistern glauben. Wenn sich keine Lösung zeigt, stellt sich die Frage: Kann ich die Situation umgehen oder muss ich da durch? Wenn mich etwas eigentlich Freiwilliges heute überfordert, ist vielleicht die Zeit nicht reif. Vielleicht kann ich kleinere Ziele setzen, die im langen Lauf zum Endziel führen. Wenn ich nicht darum herum komme, etwas zu tun, dann kann es helfen, auch da Strategien zu entwickeln:

  • Eigene Stärken nochmals vergegenwärtigen
  • Möglichkeiten sehen, die auch beim Nichterreichen offen bleiben
  • Das Bewusstsein: Das Leben wird nicht daran hängen.
  • Methoden entwickeln, selber ruhig zu bleiben (Atmen, Achtsamkeitsübungen, etc.)

Ist Angst also sinnlos? Ich denke nicht. Wir dürfen uns nur nicht von unseren Ängsten lähmen lassen, sondern sie als Zeichen nehmen, hinzusehen. Wir können unser Bewusstsein schulen und uns immer wieder ein Stück besser kennenlernen.

Dem Leben Sinn geben

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“ (Friedrich Nietzsche)

Das Leben ist kein Ponyhof. Leider wahr. Und oft müssen wir uns mit Dingen rumschlagen, die wir eigentlich lieber nicht in unserem Leben hätten. Ich zum Beispiel träume insgeheim immer von einem Leben wie in einem Rosamunde-Pilcher-Roman. Was könnte schöner sein? Ein paar absehbare Schwierigkeiten, danach ist alles in Butter. Doch ab und an fühlt sich das Leben an, als ob ich der Frosch im Milchfass wäre, der trotz Strampeln nicht sicher ist, ob da je Butter draus wird.

Das Strampeln mag anstrengend sein, doch wenn ich ein Ziel vor Augen habe, das Strampeln einen Sinn hat für mich, dann nehme ich es doch in Kauf. Was aber, wenn ich strample und im Strampeln keinen Sinn mehr erkenne? Woher nehme ich dann die Motivation? Und die Kraft?

Sinnlosigkeit ist der wohl grösste Krafträuber in unserem Leben. Nun ist Sinn aber nichts, was in den Dingen liegt, Sinn ist etwas, das wir den Dingen zuschreiben. Wir können ihn auch entdecken und dann daraus Motivation gewinnen. Oder aber wir merken, dass etwas für uns durch und durch sinnlos ist. Und ändern es.

Vielleicht lohnt es sich, einfach mal hinzuschauen und zu fragen: Was mache ich den ganzen Tag? Und wieso mache ich es? Ergibt es Sinn für mich? Wenn nein: Was könnte ich ändern?

Was wirklich zählt

„Die grössten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“ (Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Wie oft trachten wir nach dem Grossen, nach dem Lauten, nach dem, was auffällt, was hergibt. Je grösser, desto besser – so lautet die Devise und daran wird man auch landläufig gemessen in einer Gesellschaft, die Wert über Leistung definiert. Und wir? Wir wollen dazugehören. Wollen jemand sein. Wollen Anerkennung, dürsten nach Bestätigung. Und rennen all dem hinterher, oft über unsere Kräfte, entgegen besseres Wissen, ungeachtet dessen, was dabei auf der Strecke bleibt; oft wir selber, nicht selten unsere Beziehungen, ganz oft unsere Gesundheit. Was leider ausbleibt, ist das Glück, das wir uns aus all dem versprechen. Kaum ist etwas Grosses erreicht, muss das nächste her. Es hört nie auf.

Und dann. Ein kleiner Moment. Ein Lächeln, ein liebes Wort, das gemeinsame Sitzen mit einem lieben Menschen auf einer Bank, um den Sonnenuntergang zu bestaunen. Ein Kuss. Ein Blick. Eine Tasse Tee zurück an der Wärme nach einem kalten Tag draussen.

Wie schön wäre es, könnten wir aus solchen Momenten etwas fürs Leben lernen, darüber, was wirklich zählt, was wirklich Wert hat. Und dann das Hamsterrad verlassen.

Ich glaube, es ist möglich. Wir müssen es nur ausprobieren.

Dem eigenen Glück auf die Sprünge helfen

Schon Aristoteles sagte, dass Glückseligkeit das höchste Gut des Menschen sei. In seiner Nikomaschischen Ethik versucht er aufzuzeigen, wie man ein guter Mensch ist und ein glückliches Leben führt. Leben heisst nach Aristoteles immer auch handeln. Indem wir handeln, leben wir. Und wir handeln, um etwas zu erreichen, ein Gut – und da wären wir wieder am Anfangspunkt:

Das Höchste all dieser Güter ist die Glückseligkeit.

Allem Handeln um unterschiediche Güter liegt immer etwas zugrunde:

Wir wollen glücklich sein.

Nur: Was ist Glück? Bücher darüber gibt es viele, Ratgeber, wie wir es erreichen, ebenso. Noch scheint keines wirklich der Erfolgsgarant zu sein, denn es entstehen immer neue. Vermutlich liegt ein Grund dafür, dass es mit dem Lesen der Bücher nicht getan ist, man auch gewisse Einsichten anwenden müsste – eben handeln. Und das anders, als man es bislang tat, denn offensichtlich erreichta man auf die althergebrachte Weise das Glück nicht. Und hier wird es ungemütlich. Wir lebten schon eine Weile so, verhielten uns auf eine gewohnte Weise – irgendwie war das unser Ich, wie wir es kannten. Nur:

If you do what you did, you’ll get what you got.

Sprich: Es ändert sich nichts und das Glück – sofern du nicht schon jetzt glückselig lächelnd da sitzt und dies liest– wird nicht einfach an die Tür klopfen und sich häuslich niederlassen.

tatsächlich tun wir jeden Tag ganz viel, in der Hoffnung, glücklich zu werden. Wir erfüllen uns Wünsche, wir strengen uns an, um anderen zu gefallen, Ziele zu erreichen. Wir gönnen uns was – Schokolade, Urlaub, ein neues Auto. Und doch: Nichts will so wirklich wirken. Und wenn etwas nicht klappt, sind wir nicht nur nicht glücklich, dann leiden wir. Und noch schlimmer: Wir tun tagtäglich Dinge, die uns nicht gut tun, die uns mehr schaden als nützen – und doch tun wir sie immer wieder. Würden wir nur diese Dinge loslassen, wären wir dem eigenen Glück schon ein ganzes Stück näher.

10 Dinge, die wir loslassen können, um dem Glück ein bisschen näher zu kommen:

  1. Vergleiche

Wie oft schauen wir, was andere haben oder nicht haben, und sind dann mit uns selber nicht mehr zufrieden? Warten wir eben noch zufrieden, sehen wir bei jemand anderem mehr… Neid macht sich bemerkbar, zumindest aber Unzufriedenheit mit dem, was wir haben. Das muss nicht sein. Der andere ist ein anderer, ich bin ich. Das zu geniessen und sich daran zu freuen, was man hat, ist ein ganz grosser Schritt hin zum eigenen Glück.

  1. Es allen recht machen wollen

Wie oft nehmen wir uns zurück, um es anderen recht zu machen? Nicht selten danken es diese uns kaum, im Gegenteil, sie merken es unter Umständen gar nicht. Und wir sitzen dann da und grummeln innerlich – darüber, dass unsere Bedürfnisse auf der Strecke blieben, und darüber, dass nicht einmal Dankbarkeit dafür geäussert wurde. Es geht nicht darum, keinem mehr einen Gefallen zu machen, aber es tut weder einem selber noch der Beziehung gut, wenn einer sich immer zurücknimmt – und oft dann den anderen seinen Frust darüber merken lässt.

  1. „Das kann ich nicht!“

Wie oft stehen wir vor einer Aufgabe und sagen uns als erstes: Das kann ich nicht. Wie viel verpassen wir, weil wir es nicht mal probieren? Wie viel entgeht uns, weil wir uns zu wenig zutrauen?

  1. „Was denken wohl die anderen?“

Auch hier steht uns die Angst, das Gesicht zu verlieren, im Wege. Der Gedanke, andere können uns auslachen, etwas schlechtes von uns denken oder uns nicht mögen, lässt uns oft erstarren. Wir meiden Dinge, die uns eigentlich Freude machen würden, nur um ein Bild zu wahren.

  1. Sich zu ernst nehmen

Wenn mal etwas in die Hose geht, geht die Welt nicht unter. Einfach mal über die eigenen Fehler lachen, die eigenen Unsicherheiten zugeben, fünf gerade sein lassen. Das Leben ist nicht nur ernst und wenn man es mit Humor und ein bisschen Nachsicht (mit sich selber) nimmt, geht vieles leichter von der Hand.

  1. Alles persönlich nehmen

Nicht alles, was passiert, hat wirklich mit einem selber zu tun. Wenn jemand einen grimmig anschaut, muss das nicht heissen, dass wir etwas falsch gemacht haben (vor allem dann, wenn er uns gar nicht kennt und nichts vorgefallen ist). Vielleicht hat er einfach einen schlechten Tag? Viele Reaktionen anderer sagen zu einem grossen Teil mehr darüber aus, was in den anderen Menschen vorgeht, als es mit uns zu tun hat.

  1. Sich aufopfern

Oft schauen wir, dass es allen gut geht, vergessen uns selber dabei selber. Wieso messen wir uns selber so wenig Wert zu?

  1. Geliebt werden wollen um jeden Preis

Was tun wir alles, um geliebt zu werden? Wir passen uns an, interessieren uns für Dinge, die uns vorher egal waren, versuchen so zu sein, wie wir denken, dass der andere uns haben will, nur weil wir denken, dass er uns so, wie wir sind, nicht lieben kann. Wen aber liebt er, wenn wir gar nicht mehr sind, wer wir wirklich sind? Und was passiert mit unserem wahren Sein? Halten wir das Versteckspiel ewig durch oder platzt irgendwann die Bombe? Ist es das wirklich wert? Liebe sollte nie aufgrund irgendwelcher Anpassungen und äusserer Merkmale erarbeitet werden müssen. Wirkliche Liebe geht tiefer.

  1. Wenn ich nur erst….

Oft denken wir, glücklich zu sein, wenn wir nur erst etwas erreicht haben. Mehr Geld, weniger Kilos, einen neuen Job, einen neuen Mann. Wir definieren unser heutiges Leben und damit unser heutiges Unglück damit, dass wir noch nicht haben, was wir dringend brauchen, und streben dann händeringend und mit Scheuklappen für anderes danach, dieses zu erreichen. Die Ernüchterung kommt meist dann, wenn das eine erreicht ist, das Glück (nach vielleicht kurzem Aufflackern) aber nicht von Dauer ist, weil wieder etwas fehlt. Glück hängt nicht am Erreichen von Dingen, sondern ist eine innere Einstellung zu dem, was ist.

  1. Ich bin nicht gut genug

Für wen oder was? Und wieso? Jeder Mensch ist gut genug. Das heisst nicht, dass man keine Ziele mehr haben darf oder an sich arbeiten soll, im Gegenteil, aber: Das, was heute ist, ist für heute gut genug. Gäbe es das heutige Ich nicht, hätten wir gar keine Basis. Was heute ist, ist alles, was wir haben, und dafür sollten wir dankbar sein.

Ändere dich

„Wenn du tust, was du schon immer getan hast, bekommst du, was du schon immer bekommen hast.“ (Unbekannt)

Wer hat nicht auch schon mal am Silvester gute Vorsätze gefasst? Und sie dann nicht eingehalten? Voller Elan starten wir ins neue Jahr, sind guten Mutes, dieses Mal unsere Vorsätze umzusetzen. Die ersten Tage gehen auch gut, doch dann wird es langsam harzig. Und schon bald ist alles beim Alten.

Leider ist eine Veränderung nicht damit passiert, diese Veränderung wirklich zu wollen. Um sich wirklich zu verändern, braucht es neben dem Vorsatz

  • den festen Willen, das zu tun, was man will,
  • die Entsagungskraft, das loszulassen, was man nicht mehr will,
  • die Ausdauer, auch in schwierigen Phasen durchzuhalten.

Veränderung ist immer Arbeit und immer Übung. Und: Sie passiert nicht für sich allein. Oft müssen wir unser Denken, Verhalten und Tun rund um den Punkt, der sich verändern soll, auch prüfen und anpassen.

Wenn wir tagtäglich die gleichen Dinge auf die gleiche Weise tun, ist dieses Tun zu einer Gewohnheit geworden, in welcher alles zusammen ein Ganzes gibt. Daraus nur ein einzelnes Teilchen zu lösen und zu verändern, kann schwer fallen, wenn nicht unmöglich sein. Wenn wir also etwas ändern wollen, müssen wir genau hinschauen, wie dieses in unserem Leben verwurzelt ist. Und es dann mitsamt den Wurzeln aus unserem Lebensgarten reissen.

Nun wünschen wir uns Veränderungen oft nicht nur für uns, sondern auch für andere oder gar die Welt. Es ist eine alte Weisheit, dass man andere nicht ändern kann, nur sich selber. Gandhi sagte:

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.

Oft ist unser erster Gedanke, was das bringen soll. Wenn wir plötzlich lieb und nett sind, bedeutet das nicht, dass der übellaunige Nachbar das auch ist. Das zumindest reden wir uns ein, und wir tun es häufig, weil wir selber vor der Arbeit, die eine Veränderung mit sich bringt, zurückschrecken. Allzu oft ist nämlich genau das, was wir in der Welt ändern wollen, auch in uns angelegt und uns ein wunder (teilweise auch ein blinder) Punkt im Leben.

Bevor wir also hingehen und die Welt ändern wollen, sollten wir zuerst bei uns anfangen und nach Anzeichen dessen suchen, das wir im Aussen ändern wollen. Wenn wir es erkannt haben, gilt es, zu akzeptieren, dass es ein Teil von uns ist. Wir können es von allen Seiten betrachten und schauen, wie es in unserem Sein verwurzelt ist, um es dann mitsamt den Wurzeln aus dem Leben loszulassen.

Oft denken wir, dass wir mit Gewalt gegen Unliebsames vorgehen müssen. Wir stellen uns auf Kämpfe ein, sagen dem Ungewollten den Krieg an, aber damit erzeugen wir nur Druck – und befeuern das, was wir loswerden sogar noch. Viel effizienter ist es, anzuerkennen, dass es ein Teil von uns ist – wie vieles andere auch. Statt das Negative zu bekämpfen, sollten wir das Positive stärken, um diesem mehr Gewicht zu geben. Dann gelingt es irgendwann, das andere loszulassen. Weil wir es nicht mehr brauchen. Weil wir eingesehen haben, dass es in unserem Leben nur Leid bringt und wir das so nicht mehr wollen. All das ohne verbissenen Kampf, sondern mit einem Lächeln im Gesicht. Und dieses schicken wir dann in die Welt hinaus:

„Lächle und die Welt verändert sich.“ (Buddha)

 

Nur kein Neid

„Wir mögen’s keinem gerne gönnen, daß er was kann, was wir nicht können.“ (Wilhelm Busch)

Wohl jeder hat sich wohl schon mal dabei ertappt, dass er neidisch auf einen andern schaute und innerlich grummelte, weil dieser was hatte oder konnte, das auch er gerne gehabt oder gekonnt hätte. Neid ist so ziemlich der Vorreiter unter den negativen Gefühlen. Ebenso ist es einem wohl auch schon so ergangen, dass man förmlich spürte, wie bei anderen der Neid regiert, einfach aus ihren Reaktionen – oder auch Nichtreaktionen.

So menschlich Neid sein mag, so vergiftend wirkt er – und dies hauptsächlich für den, welcher ihn hegt. Wenn ich jemandem etwas neide, hat dieser es immer noch, merkt oft gar nichts von meinen negativen Gefühlen (oder sie können ihm auch egal sein), ich dagegen habe es immer noch nicht. Und: Ich habe zusätzlich noch all die negativen Gefühle, die mir alles andere als gut tun.

Wieso mich nicht einfach freuen, dass jemand etwas hat oder kann? Mich mit ihm freuen? Im Buddhismus heisst das Mudita: Mitfreude. Eine wunderbare Sache, da sie Menschen verbindet. Studien zufolge halten Beziehungen länger, wenn man die Fähigkeit zur Mitfreude hat und lebt. Das Gefühl, dass da jemand ist, der sich mit einem freut, vertieft die Beziehung und verstärkt die eigene Freude. Zudem: Geteilte Freude ist doppelte Freude, da sich nun zwei freuen. Und ist es nicht schöner, mit Freude im Herzen durchs Leben zu gehen als sich von Neid zerfressen lassen.

Viele Wege führen nach Rom

There are a myriad different ways to search, but the object of the search is always the same. Don’t you see that the roads to Mecca are all different? One comes from Byzantium, another from Syria, still others wind through land or across the sea. The roads are different; the goal is one.
– Jalal-ud-Din Rumi

Selbst wenn wir das gleiche Ziel haben, können unsere Wege dahin doch unterschiedlich aussehen. Einfach darum, weil wir unterschiedliche Menschen sind. Wenn wir also wieder einmal jemanden von unserem Weg überzeugen wollen, weil er als der einzig gangbare zum Ziel erscheint, sollten wir uns zuerst fragen, ob das wirklich wahr und nicht nur unsere beschränkte Sicht ist. Und wer weiss: Vielleicht entdecken wir so für uns selber auch neue Wege, die noch besser zu uns passen als der, den wir bislang vor Augen hatten.

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*Es gibt eine Myriade unterschiedlicher Wege, zu suchen, doch das Objekt der Suche ist immer das gleiche. Siehst du nicht, dass die Wege nach Mekka alle unterschiedlich sind? Einer kommt aus Byzanz, ein anderer aus Syrien, noch andere überwinden Landstriche oder kommen übers Meer. Die Wege sind verschieden; das Ziel ist dasselbe. [Übersetzung S. M.]

Minimalismus: Bewusster Konsum

Wenn man über Minimalismus liest, findet man häufig Anleitungen, nach welchen Kriterien man sich von Dingen trennen soll, die man besitzt, um mit weniger bewusster und mit weniger Ballast leben zu können. Nun fällt es nicht immer leicht, Dinge wegzuwerfen, selbst Fragen wie „macht mich das glücklich?“, „brauche ich das wirklich?“, etc. führen nicht immer zu einer mit leichtem Herzen getroffenen Entscheidung.

Vielleicht fällt es leichter, wenn wir damit beginnen, was wir ins Haus holen, statt damit, was wir hinausräumen wollen? Nicht nur hilft uns das, Geld zu sparen, weil wohl so einiges im Regal bleibt, des Weiteren öffnet es uns vielleicht auch die Augen, mit welchen Begründungen wir all das, was wir zu Hause haben, angehäuft haben – so fällt es uns in einem zweiten Schritt leichter, die Argumente zu hinterfragen, die uns zum Behalten drängen wollen.

Wie viel von dem, was wir besitzen, nutzen wir auch wirklich? Wie viele der Blusen tragen wir, wie viele hängen nur im Schrank? Dasselbe gilt für Hosen, Röcke, Jacken, Schuhe. Wenn wir also wieder einmal an einem Schuhgeschäft vorbei gehen: brauchen wir wirklich ein weiteres Paar Schuhe? Wie oft werden wir Gelegenheit haben, es zu tragen? Gäbe es da Alternativen, die wir schon besitzen? Wenn nein, gibt es vielleicht ein Paar, das dafür ausziehen könnte?

Oft hilft auch ein Gedanke an die Nachhaltigkeit, sinnloses Anhäufen zu vermeiden: Es ist sinnvoller, etwas mehr auszugeben, dafür Kleider, Geräte, Gebrauchsgegenstände zu haben, die länger halten, statt ständig wieder neuen günstigen Schrott zu kaufen, der nach kurzer Zeit das zeitliche segnet, dann aber oft nicht ausrangiert wird, sondern in der Schublade weiter sein Dasein fristet. Dass wir damit – wenn wir noch ein wenig auf die Produktionsbedingungen achten – auch gleich einen Beitrag an die soziale Gerechtigkeit leisten, kommt als schöner Nebenaspekt dazu.

Wie oft flatterte schon Werbung ins Haus und du musstest plötzlich etwas dringend haben, von dem du vorher nicht mal wusstest, dass es existiert? Werbung abbestellen und im eigenen Leben hinschauen, was wirklich gebraucht wird, hilft oft auch, den Konsum einzuschränken. Den gleichen Effekt hat es, mit klaren Vorstellungen einkaufen zu gehen und sich nicht von Regal zu Regal treiben zu lassen, um noch etwas zu finden, wovon man nicht mal geträumt hatte.

Rabatte klingen nach Sparen. In Tat und Wahrheit gibt man oft mehr aus dadurch als man spart. Geschäfte rechnen damit. Wir kaufen, weil wir denken, nie mehr so günstig dazu zu kommen. Allerdings hatte es Gründe, dass wir es nicht kauften, als es noch nicht herabgesetzt war.

Ab und an hilft vielleicht nur ein gezielter Kaufstopp. Einen Monat wird nichts eingekauft (ausser lebensnotwendige Lebensmittel – keine Hamsterkäufe). Und alles, was wir sehen, im Normalfall in den Einkaufskorb gepackt hätten, legen wir als Geld in eine Kasse. Oft staunt man am Ende des Monats, was dadurch alles gespart werden konnte.

Schlussendlich müssen wir nicht vom Saulus zum Paulus werden. Ein wenig mehr Bewusstsein für unser Tun hilft aber oft, die Augen zu öffnen für Mechanismen, die sich eingefahren haben, zu Gewohnheiten wurden. Und gerade da, wo diese mehr belasten als freuen oder gut tun, ist das durchaus hilfreich.

Tagesgedanken: 3. August

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„Ein jeder ist dir auf einem Gebiet überlegen und von jedem kannst du etwas lernen.“ (Ralph Waldo Emerson)

Hast du dich auch schon mal beim Gedanken ertappt, dass andere Dinge besser können als du? Und oft passiert dir das bei Dingen, die dir wichtig sind, bei denen du selber gut sein willst. Doch: Mit wem vergleichst du dich?

Hast du dich auch schon mal beim Gedanken ertappt, dass du etwas weisst, dein Gegenüber von dir lernen kann? Nie wäre es dir in den Sinn gekommen, dass auch der andere dir noch was zeigen könnte.

Im Zen Buddhismus gibt es den Begriff des Anfängergeistes. Er ist eines der höchsten Güter. Wir sind dann wirklich fortgeschritten, wenn wir uns jeden Tag als Schüler sehen. Als Menschen, die gerade anfangen. Mit offenem Blick. Mit Neugier. Mit dem Wunsch, zu lernen.

Ein schöner Gedanke. Einfach nochmals anfangen. Die Welt neu sehen. Ohne Schubladen, ohne Kategorien, ohne zu meinen, alles wissen zu müssen. Mit einem frischen Blick. Offen.

Neuanfang

„Jeder Tag ist eine Gelegenheit, wieder neu zu beginnen. Jeder Tag ist unser Geburtstag.“
(Dalai Lama, Desmond Tutu)

Wer hat nicht schon einmal eine falsche Entscheidung getroffen? Wer sich nicht mal auf eine Weise verhalten, die einem am nächsten Tag leid tut? Wer ist nicht schon mal einen Weg gegangen, auf dem er plötzlich merkte, dass dies eigentlich kein passender Weg ist, man lieber einen anderen ginge? Und wer hat nicht schon mal von etwas geträumt, das er gerne verwirklichen würde, hat es aber nicht angepackt?

Und dann sitzt du da mit all diesen Gedanken von „Ach hätte ich doch…“ oder „wieso habe ich bloss…“. Die bringen aber nur etwas, wenn man genau hinschaut, was man besser getan hätte oder eben nicht, was man sich wünschen würde oder eben nicht. Und dann etwas daraus macht. Die Chance dazu bietet sich genau jetzt, denn:

Jeder Tag ist eine neue Chance.

Packen wir sie!

Wie frei sind wir?

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“
(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Wie frei bist du wirklich? Wenn du was tust, tust du es, weil du es willst oder weil du denkst, es zu müssen? Wer definiert dein Müssen? Die Forderungen des Alltags? Die Gesellschaft? eine innere Stimme, die eigentlich nicht dir gehört, sondern deinem Vater, deiner Mutter, einem Chef…?

Ab und an ist es sinnvoll, innezuhalten und das eigene Tun zu hinterfragen. Lebe ich wirklich noch mein Leben? Wer setzt die Grenzen? Stimmen sie für mich? Reissen andere meine Grenzen ein oder ignoriere ich sie selber? Lebe ich mein Leben oder erfülle ich nur Erwartungen? Was treibt mich an? Wo will ich hin? Solche Fragen können helfen, wieder zurück zu den Quellen zu kommen. Und dann bewusst er zu leben.

Minimalismus – Gesprächskultur

Ich habe kürzlich zum Thema Minimalismus geschrieben (HIER) und gesagt, dass ich das Thema sporadisch weiterverfolgen möchte. Heute habe ich mir Gedanken zu unserer Gesprächskultur gemacht.

Wenn man Gespräche genauer anschaut, merkt man oft, dass es mehr Menschen gibt in ihnen, die reden, als solche, die zuhören. Sagt einer etwas, spielen sich oft folgende Szenarien ab:

  • er wird mitten im Satz unterbrochen
  • Das Gegenüber feilt innerlich schon an der Antwort, bevor der Sprechende überhaupt zum Punkt kam
  • Das Gegenüber wartet ungeduldig ab, dass er Sprechende fertig ist, um dann nicht darauf einzugehen, sondern ein eigenes Thema zu bringen

Es gäbe wohl noch viele weitere Varianten, aber ich denke, mein Punkt wurde verstanden. Statt dem anderen seinen Raum zu lassen, drängen wir uns an ihm vorbei und stellen uns in den Mittelpunkt. Wir haben etwas zu sagen (glauben wir zumindest) und wollen damit gehört werden. Zum Zuhören fehlt da die Zeit, der Wille und die Geduld. Und schlussendlich auch der Respekt.

Nun könnte man sagen: Böse Nicht-Zuhörer, arme Sprechende. Das wäre wohl zu einfach. Eine Teilschuld liegt sicher auch bei den Sprechenden selber. Wie oft sprechen wir, nur damit gesprochen ist? Wir zerreden Banalitäten, die eigentlich keiner Erwähnung wert wären, breiten das sowieso Offensichtliche in allen Breiten und Tiefen aus, obwohl es schon jeder kennt. Wieso? Weil wir es können. Weil wir da was wissen. Und das wollen wir zeigen. Und ja, wir wollen sprechen, denn: Wer nicht spricht, der wird nicht wahrgenommen und wer nicht wahrgenommen wird, der existiert in einer Weise gar nicht. Er wird übersehen, überhört, er ist inexistent.

Wie viel Platz hätten wir für wichtige Themen, wenn die ganzen Offensitlichkeiten wegfielen? Ich sage nicht, dass wir fortan nur noch bierernst durchs Leben gehen müssen und uns nur noch mit den grossen Problemen der Menschheit beschäftigen dürfen, im Gegenteil. Humor und Witz machen das Leben erst lebenswert. Gerade, wenn es schwer ist.

Aber: Das Wetter sieht jeder selber und was in den Zeitungen steht, kann jeder, den es interessiert, nachlesen. Dass es im Sommer heiss ist und bei Regen nass, liegt in der Natur der Sache. All das erzählen wir uns aber gegenseitig. Um ja nicht still zu sein. Stille scheint bedrohlich, denn man könnte in ihr merken, dass man sich nichts zu sagen hat. Nichts zu sagen hat man sich nicht, wenn man sich nichts sagt, sondern dann, wenn man die Stille nicht erträgt und sie mit Unsäglichkeiten vollstopft.

Manchmal ist weniger mehr. Auch beim Sprechen.