Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

Über die Freude am Wiederlesen, die Schönheit der Sprache und einen Mann namens Lord Henry
Es gibt Bücher, die uns nicht nur in eine andere Welt entführen, sondern uns zugleich etwas zurückgeben, das wir beinahe verloren glaubten. Für mich war Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray ein solches Buch. Nicht nur wegen seiner einnehmenden Geschichte, sondern weil es das erste literarische Werk war, das ich nach einer langen Lesepause wieder mit wirklicher Freude gelesen habe.

Das mag unspektakulär klingen, aber für jemanden, der sein Leben lang gelesen hat und für den Bücher immer Heimat, Abenteuer, Begegnung und manchmal auch Zuflucht waren, ist es das nicht. Ich hatte die Freude am Lesen verloren. Kein Buch vermochte mehr, mich wirklich eintauchen zu lassen, keine Geschichte packte mich und liess mich alles um mich herum vergessen. Jedes Buch landete nach ein paar gelesenen Zeilen, maximal Seiten wieder im Regal. Ich merkte, wie mir das mehr und mehr fehlte, und doch wollte es nicht mehr gelingen.

Und dann kam Oscar Wilde.

Schon auf den ersten Seiten wusste ich wieder, weshalb ich Literatur liebe. Nicht nur wegen der Geschichten, die sie erzählt, sondern wegen der Sprache, mit der sie Welten erschafft. Wilde schreibt mit einer Eleganz, die beinahe übermütig wirkt. Seine Sätze sind geschliffen, geistreich, voller Schönheit und zugleich von einer Boshaftigkeit, die mich immer wieder zum Schmunzeln brachte. Er spielt mit Worten und Gedanken, verdreht scheinbare Gewissheiten, stellt moralische Überzeugungen auf den Kopf und lässt seine Figuren Dinge sagen, die man kaum für wahr halten möchte und über die man dennoch nachdenken muss. Besonders seine Metaphern haben es mir angetan. Sie sind nicht nur immer treffend in ihrer Bildhaftigkeit, sondern auch oft zynisch und scharf wie eine Messerspitze. Wilde versteht es, mit wenigen Worten eine ganze Weltanschauung zu entlarven. Manchmal genügt ihm ein einziger Satz, um menschliche Eitelkeit, gesellschaftliche Heuchelei oder moralische Selbstgefälligkeit blosszustellen. Und während man noch über seine Formulierung lächelt, bemerkt man, dass sie durchaus einen wahren Kern enthält.

Mein heimlicher Favorit war denn auch nicht Dorian Gray, sondern Lord Henry Wotton. Was für eine Figur! Ein Mann, der mit seinen Bonmots und Provokationen die Gesellschaft ebenso brillant unterhält, wie er ihre Werte verspottet. Er ist geistreich, zynisch, charmant, manipulativ und dabei keineswegs so leicht zu durchschauen, wie es zunächst scheint. Gerade diese Widersprüchlichkeit machte ihn für mich zur spannendsten und vielschichtigsten Figur des Romans. Lord Henry redet über das Leben, als wäre es ein ästhetisches Experiment, bei dem die üblichen Regeln keine Gültigkeit besitzen. Er scheint alles zu verstehen und sich zugleich jeder Verantwortung für die Wirkung seiner Worte zu entziehen. Wie viel von dem, was er sagt, glaubt er selbst? Wie viel ist Pose, wie viel Überzeugung? Und ist seine vermeintliche Freiheit nicht vielleicht selbst eine Form der Gefangenschaft? Ich habe mich bei der Lektüre immer wieder dabei ertappt, dass ich weniger wissen wollte, was mit Dorian geschieht, als was Lord Henry als Nächstes sagen würde.

Natürlich ist Dorian Gray die eigentliche tragische Gestalt. Seine Geschichte von Schönheit, Eitelkeit, Verführung und moralischem Verfall ist ebenso faszinierend wie beklemmend. Das Porträt, das an seiner Stelle altert und die Spuren seines Lebens trägt, ist ein grossartiges literarisches Bild. Es erzählt von unserer Sehnsucht, die Zeit anzuhalten, von der Angst vor Vergänglichkeit und von der Frage, ob wir uns selbst entkommen können. Es erzählt aber auch, was geschieht, wenn die äussere Erscheinung wichtiger wird als das, was sich dahinter verbirgt.

Allerdings hat mich das Buch nicht durchgehend gleichermassen gefesselt. Etwa in der Mitte verlor die Geschichte für mich an Schwung. Die ausufernden Beschreibungen von Dorians Interessen, seinen Sammlungen und ästhetischen Leidenschaften empfand ich als ermüdend. Gewiss lassen sie sich als Ausdruck seiner rastlosen Suche nach immer neuen Sinneseindrücken verstehen. Doch was sie über ihn erzählen, hatte ich längst begriffen. Für mich brachten diese Seiten weder die Geschichte voran, noch waren sie sprachlich oder inhaltlich so reizvoll, dass ich gerne bei ihnen verweilt hätte. Ich wollte zurück zu den Menschen, ihren Widersprüchen und den Abgründen, die sich hinter ihren schönen Worten auftaten. Glücklicherweise fand der Roman zu seiner Intensität zurück. Und am Ende blieb mir nicht nur die Geschichte eines Mannes, der an seiner eigenen Schönheit zugrunde geht, sondern vor allem die Erinnerung an eine Sprache, die mich begeistert hat.

Das Schönste an dieser Lektüre war: Da war eine Geschichte, die mich einnahm und ich freute mich über Wildes Formulierungen, schmunzelte über Lord Henry, ärgderte mich über Dorian und las gelegentlich einen Satz ein zweites Mal, einfach weil er so wunderbar geschrieben war. Das war besonders schön, da ich merkte, dass Literatur keine Aufgabe mehr ist, die ich bewältigen muss oder wo ich etwas analysieren und beweisen muss, sondern wieder eine Einladung, mich in andere Welten zu begeben, fremden Menschen zu begegnen und dabei vielleicht auch etwas über mich und meine eigene Welt zu entdecken.

Das Bildnis des Dorian Gray war der Anfang dieser neuen Lesereise. Und vielleicht ist das mein schönster Leseeindruck überhaupt: Ich habe die Freude am Lesen wiedergefunden. Ein kleines grosses Glück!


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