Rezension: Kerstin Herrnfeld/Walter K. Ludwig – Tod eines Mathematikers

Sex, Crime and Rock’n’Roll

Er liebt sie. Deshalb bricht er ihr das Genick. So bleibt ihre Schönheit erhalten. Und sie muss nicht leiden. Es ist die humanste Art, jemanden zu töten. Sauber, sicher und schnell. Und vollkommen schmerzlos.
Sie hat keine Chance. Nicht die geringste. Nicht gegen ihn. Er ist stark.

Als der Polizist Harry Tenge nach seiner Silvesterschicht ins Gebüsch pinkelt, schauen ihm aus diesem zwei dunkle Augenhöhlen entgegen. Er hat soeben einen Schädel freigepinkelt. Der Schädel, man erfährt es später, gehört einer seit langem vermissten Frau. Kurz nach diesem Fund bringt sich ein renommierter Mathematikprofessor, Professor Katzenstein, um, der – wie der Zufall so will – der Professor der nunmehr als Leiche gefundenen jungen Frau war – und wie man munkelte, auch deren Liebhaber.

Die Journalistin Alexandra Katzenstein, mit ihrem Vater seit Jahren zerstritten, glaubt nicht an einen Selbstmord. Da ihr niemand glaubt, will sie die Sache selber in die Hand nehmen und den Mord an ihrem Vater klären. Sie erhält dabei Hilfe von ihrem Freund Matze, Fotograf bei derselben Zeitung wie sie. Zwar glaubt er nicht immer an Alexandras Theorie, aber seine Verehrung für die schöne Rothaarige lässt ihn ihr beistehen. Ihnen zu Hilfe kommt alsbald Harry Tenge, welcher auf eigene Faust den Mord an der jungen Frau klären will, weil die Mordkommission zu wenig Gas gibt, und er an eine Verbindung zwischen Katzensteins Tod und „seinem“ Mord glaubt.

„Kann sein, dass ich gerade einen Riesenfehler mache“, begann Harry mit einem leisen Zittern in der Stimme, das verriet, wie unsicher er war. […| „Obwohl es auf der Hand liegt, dass Nicole keines natürlichen Todes gestorben ist, will der Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Kühlborn, jetzt nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird zwar ermittelt, aber, wie ich aus sicherer Quelle weiss, nicht mit Nachdruck. Und das finde ich merkwürdig.“

Tod eines Mathematikers ist ein Krimi, der mit sehr vielen Personen agiert, der an vielen Orten spielt, der die Perspektiven wechselt, den Leser jedes Kapitel wieder in einen neuen Zusammenhang setzt. Aus einer Vielzahl von Anhaltspunkten, möglichen und tatsächlichen Verbrechen, mehreren Verdächtigen und Theorien, kristallisiert sich mehr und mehr eine Lösung heraus, die wieder verworfen wird, um einer neuen Platz zu machen. Die tatsächliche Lösung wirkt schlussendlich ein wenig gesucht, der Schluss nach der Auflösung des Falls erinnert an eine Rosamunde Pilcher-Geschichte und ist gar zuckersüss. Trotzdem ist der Krimi packend, spannend, man will die Auflösung kennen, weswegen man das Buch nicht eher aus der Hand gibt. Gewisse Nebengeschichten hätte man wegstreichen können, da sie dem Storyverlauf keinen Gewinn brachten und auch sonst wenig Gewicht hatten.

 

Fazit:
Spannender Krimi, kompliziert, aber interessant aufgebaut mit einem etwas gesuchten Ende. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Kerstin Herrnkind/Walter K. Ludwig
Kerstin Herrnkind ist eine waschechte Hanseatin. Sie wurde 1965 in Bremen geboren. Im zarten Alter von zehn Jahren verschleppten sie ihre Eltern in die Nähe von Hamburg aufs platte Land. Nach dem Studium volontierte sie bei der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, wo sie und Walter K. Ludwig sich kennenlernten. Nach Zwischenstation bei der taz ging sie zum Stern, wo sie für Polizei- und Justizthemen zuständig ist. 2011 erschien bei Grafit ihr Psychothriller Mein Mann der Mörder. Walter K. Ludwig wurde 1957 in Bad Neustadt a. d. Saale geboren. Er machte Musik, studierte Geschichte und Politikwissenschaft und absolvierte ein Zeitungsvolontariat. Mehrere Jahre arbeitete er als Redakteur. 2007 erschien sein erster Roman. Er lebt als Autor in Hamburg.

Angaben zum Buch:
HerrnkindLudwigMatheTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (27. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254223
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.00

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Rezension: Sabine Ibing – Zenissimos Jagd

Die Rache des Verlassenen

Seit November hatte Jeremias das Haus nicht mehr verlassen, seit jenem unglückseligen Tag, an dem er zurück zu seinem Vater in seine alte Wohnung gezogen war. Tagelang lag er im Bett, dachte an Carina. Die Dunkelheit umfing ihn, sogar am Tag.

Jeremias zieht sich aus dem Leben zurück, als ihn Carina verlässt. Seine Welt liegt in Trümmern, er verkriecht sich förmlich vor ihr. Als er sich langsam erholt, beschliesst er, eine Reise zu machen, um auf andere Gedanken und zurück ins Leben zu kommen. Er bucht spontan nach Teneriffa, wo er langsam wieder Lebensmut schöpft, Pläne macht, bis er eines Abends Carina mit ihrem Mann, ihrem Bruder und dessen Frau in einem Café sieht.

Seine Hand krampfte sich zusammen, drückte den Fuss des Weinglases, bis sich der angeschlagene Rand in seinen kleinen Finger bohrte. Jeremias spürte den Schmerz in der Hand wie eine Verletzung von innen, überall in seinem Körper, an jeder Stelle. Es schien, als öffne sich eine alte Wunde, ein eiterndes Geschwür, das abgeheilt sein sollte.

 Jeremias beschliesst Rache. Er will Carina all den Schmerz heimzahlen, den sie ihm angetan hat. Er verfolgt Carina, wo sie geht und steht, verwanzt ihr Haus, ist überall, wo sie ist, ohne sich zu erkennen zu geben – als bedrohlicher Schatten, als Angst einflössende Gefahr.

Carina zuckte zusammen, als sie hinter sich eine Person bemerkte. Die Geräusche der Absätze dröhnten in ihren Ohren, Schlich ER hinter ihr her? […] Drohend empfand sie die hohen Häuser, die eng um sie herum standen […] Auf einmal erschien ihr die Nacht schwarz und böse. Ein Rückweg war nicht möglich.

Langsam gleitet Carina in eine immer grösser werdende Angst hinein, fühlt sich nirgends mehr sicher. Von der Polizei alleine gelassen, fühlt sie sich dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert und fürchtet ab und an gar, den Verstand zu verlieren. Die Geschichte spitzt sich zu, als der Verfolger auch vor Mord nicht zurückschreckt. Lässt er sich noch aufhalten?

 Sabine Ibing ist eine spannende, mitreissende Geschichte zum Thema Stalking gelungen. Sie versteht es, den Plot folgerichtig aufzubauen, so dass man als Leser gebannt Seite um Seite umblättert, um die Auflösung dieses Schreckens zu erleben. Das Thema Stalking wird geschickt in eine Geschichte verpackt, die aufkommende Hilflosigkeit des Opfers glaubhaft und mitfühlbar dargestellt. Die Psyche des Täters bleibt ein wenig zu sehr im Verborgenen, was aber der Glaubhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tut.

 So gesehen wäre es Lesegenuss pur gewesen, wären nicht die vielen Längen gewesen, die man hätte ausmerzen müssen, weil sie den Lesefluss stoppten, zu viel und zu umständlich Informationen lieferten, die für die Geschichte nicht relevant waren. Dass sich dazu noch Unsummen an Grammatik- und Orthographiefehlern gesellten, machte es nicht besser und ich war einige Male kurz davor, die Lektüre zu beenden, weil ich solche sprachliche Schlamperei nicht mag. Da die Geschichte selber wirklich gut und auch packend erzählt ist, wäre das aber schade und so kann ich nur jeden Leser auffordern, über diese Schwächen hinwegzulesen.

Fazit:
Stalking als Thema spannend erzählt. Packende Story mit sprachlichen Schwächen. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Sabine Ibing
Sabine Ibing wurde 1959 in Hannover geboren. Ihr Weg führte sie über Teneriffa zurück nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz, wo sie heute mit ihrem Mann wohnt. Die studierte Sozialpädagogin veröffentlichte 1999 (noch unter ihrem alten Namen Sabine Rieger) ihren ersten Roman Ch@tlove, seit da liess sie das Schreiben nicht mehr los. 2014 erschien nun ihr zweiter Roman Zenissimos Jagd.

Angaben zum Buch:
IbingZenissimoTaschenbuch: 392 Seiten
Verlag: C. Portmann Verlag (14. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3906014197
Preis: EUR 17.80

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Rezension: Martin Walker – Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de Police

 Die Vergangenheit zieht ihre Fäden

Wie hängen ein toter Résistance-Veteran, eine Einbruchserie und ein brutaler Mord an einem schwulen Antiquitätenhändler zusammen? Nachdem es anfänglich wenige Verbindungen gibt, finden sich mehr und mehr Fäden, die sich schliesslich zu einem dichten Netz verstricken. Bruno, der sympathische Chef de Police von Saint-Denis hat alle Hände voll zu tun. Dass diese Fälle in eine Zeit fallen, die wegen anstehender Neuwahlen und dadurch angestachelte Profilierungszwänge politisch schwierig ist, erleichtert die Aufklärung nicht. Bruno lässt sich nicht beirren, verfolgt die Ursprünge der Verbrechen bis in die tiefe Vergangenheit, in die Zeit der Résistance und zurück zu einem nie aufgeklärten, sagenumwobenen Zugüberfall in Neuvic 1944. Dank der tatkräftigen Hilfe seiner Freunde setzt sich das Puzzle langsam zusammen.

Man mische ein (oder mehrere) Verbrechen, einen Sympathieträger als Ermittler, dessen Frauengeschichten und des Mannes Schwanken zwischen ihnen sowie viele Freunde, gutes Essen und ebensolchen Wein in einer malerischen Umgebung: Fertig ist ein Walker-Krimi. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz, allerdings wird sie im neuen Fall arg oft durch unnötige Längen strapaziert, die ein guter Lektor hätte eliminieren müssen. Hätte der Korrektor noch alle Fehler (und es hatte so einige) gefunden, wäre der Lesegenuss noch grösser gewesen.

Trotzdem ist zu sagen, dass das Buch unterhält, man sich schnell hineinfindet in die Geschichte und sich bei all den bekannten Charakteren gleich wieder zu Hause fühlt. Wie schon beim fünften Fall von Bruno ist auch bei diesem zu sagen: Nach Schreiblehrgang vorgehend ist der Protagonist perfekt gezeichnet, der Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, der Schauplatz lebendig, so dass man sich mittendrin fühlt, der Plot stringent.

[Mich hat das Buch zeitweise so gepackt, dass ich vergass, aus dem Zug aus- oder in den Zug einzusteigen, weil ich so ins Lesen vertieft war. Wie bei jedem Buch von Martin Walker nehme ich mir auch dieses Mal vor, diese Region mal besuchen zu wollen (vielleicht in der leisen Hoffnung, dort auf Bruno und seine Freunde zu treffen).]

 

Fazit:
Leichte Unterhaltung mit Spannung und ans Herz wachsenden Protagonisten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde. Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013), Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de police (2014).

 

Angaben zum Buch:
WalkerReinerWeinGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (30. April 2014)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068962
Preis: EUR 22.90 / CHF 34.90

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Judith Winter: Siebenschön

Wettkampf mit der Zeit um Leben und Tod

Theo hat versagt. Tja, Glück für dich! Ich schätze, das bedeutet, dass nummer sibn Dir gehört. Masl-tow! Wohlan denn: Folge dem Pfad der Erleuchtung, und er wird Dich ans Ziel führen. Allerdings solltest Du Dich lieber beeilen. Die Adresse ist: Fordstrasse 237. Ach übrigens: ihr Name ist jennifer, falls es Dich interessiert.

Als Christina Höffgen diesen Brief im Briefkasten findet, ohne zu wissen, wer ihn schickte, wer Jennifer ist und was sie damit zu tun hat, ist Jennifer schon lange tot. Und sie ist nicht das erste Opfer dieses Täters. Schon früher gab es Briefe, damals an andere Empfänger. Schon früher gab es Opfer.

Emilia Capelli, engagierte Hauptkommissarin, wird mit dem Fall betraut. Allerdings hat sie ausgerechnet jetzt eine neue Kollegin an die Seite gestellt bekommen, die ihr so gar nicht in den Kram passt: Mai Zhou. Nicht genug, dass diese ebenfalls Frau ist, sie sieht auch noch gut aus, ist – Emilia muss es zugeben – klug und ebenso engagiert wie sie selber. Konflikte sind vorprogrammiert.

Distanziert. Untadelig höflich. Und einfach nur zum Kotzen, fand Em. So werden wir bestimmt keine Freunde, dachte sie, indem sie ihre Partnerin einer erneuten, ebenso gründlichen wie kritischen Musterung unterzog. Doch zu ihrem bedauern fand sie – zumindest rein äusserlich – wenig Angriffsfläche: Mai Zhous Gesicht war ein Traum in Pastell.

Das Team hat es mit einem gefährlichen Serientäter zu tun, der eine Mission zu verfolgen scheint. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, nächste Opfer sind in immer schnelleren Abständen zu erwarten.

Ein solider Thriller, nach Lehrbuch aufgebaut, spannend geschrieben mit einem guten und in sich stimmigen Plot. Die Figuren bleiben ein wenig unpersönlich, die Konflikte zwischen ihnen werden nicht ausgeschöpft, versanden nach wenigen Andeutungen. Da wäre noch viel Potential, das der Autorin zugetraut werden kann, das sie in diesem Buch allerdings noch nicht ausgeschöpft hat. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, der Lesegenuss ist da, einmal zur Hand genommen, mag man das Buch kaum noch weglegen, bis der Täter gefasst ist.

 

Fazit:
Guter Plot, spannend geschrieben, packend zu lesen – sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Judith Winter
Judith Winter, 1969 in Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Berlin und Wien und arbeitete viele Jahre in einem renommierten wissenschaftlichen Institut, bevor sie sich selbständig machte. Nach Aufenthalten in Mailand und Paris lebt sie heute mit ihrer Familie in der Nähe ihrer Heimatstadt.

 

WinterSiebenschönAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423214896
Preis: EUR  9.95 / CHF 15.90
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Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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Sabine Durrant: Ich bin unschuldig

Die Wahrheit liegt versteckt hinter Masken

Äste stechen auf Augenhöhe hervor, auf Knöchelhöhe lauern Grasbüschel. Und dann fällt durch ein Gewirr aus Ästen mein Blick darauf.
Zuerst dachte ich an aufblasbare Puppen. Oder Fische. […] Dann trifft mich das ganze Entsetzen dessen, was ich sehe, und alles, was ich denken kann, ist: Es ist weder eine Puppe noch ein Fisch noch ein Schwan.
Sie liegt auf der Seite, die nackten, weissen Arme über dem Kopf ausgestreckt, den Kopf nach hinten gebogen.

Gaby Mortimer, Fernsehjournalistin, Ehefrau und Mutter, stösst beim Joggen auf eine Leiche. Der Fund soll ihr ganzes Leben verändern, da kurze Zeit später sie die Hauptverdächtige ist, festgenommen wird und ihre Stelle verliert. Während der ganzen Zeit ist ihr Mann auf Geschäftsreise, sie ganz allein und hilflos. Die Journalisten stürzen sich wie Hyänen auf sie, Gaby Mortimer weiss nicht mehr, wem sie trauen kann, bis Jack Hayward auftaucht und ihr verspricht, ihr zu helfen.

„Woher weiss ich, dass sie mich nicht reinlegen? Sie könnten mich doch übers Ohr hauen.“
Seine Schultern sinken leicht nach vorn. „Sie müssen mir einfach vertrauen.“

Gemeinsam wollen sie den wahren Mörder finden.

Ich bin unschuldig ist eine interessante Geschichte mit teilweise tiefgründigen Gedanken rund um die menschliche Identität und die täglichen Masken, mit der man sie verdeckt. Der Thriller fängt sehr langsam an. Nach dem Leichenfund findet man sich im endlos scheinenden Alltag von Gaby Mortimer und ihrem Umfeld wieder, es passiert kaum etwas, das die Geschichte weiterbringt. Nach über hundert Seiten fängt die Geschichte an, Spannung und Tempo zu kriegen und dann fesselt sie einen, lässt einen nicht mehr los.

Sabine Durrants Thriller bewegt sich zwischen Gesellschaftskritik, Beziehungsroman und Spannung. Er nimmt schlussendlich eine überraschende Wendung, spart davor nicht an möglichen Verdächtigen. Hätte man den Anfang stark gekürzt, wäre das Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Wenn man gewillt ist, diesen Anfang grob zu überblättern, ebenso. Die weniger ungeduldigen Leser finden vielleicht sogar darin Interessantes, da das Buch durchaus gut geschrieben und die Figuren authentisch sind.

Fazit
Langsamer Anfang, danach grosse Spannung. Ein Thriller mit einem bunten Potpourri an Themen und Verdächtigen und einem überraschenden Abgang. Empfehlenswert.

Zum Autor
Sabine Durrant
Sabine Durrant lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London, wo sie als Autorin und Journalistin arbeitet. Sie schreibt unter anderem für den Guardian, den Daily Telegraph sowie die Sunday Times und hat bereits mehrere erfolgreiche Romane und Kinderbücher veröffentlicht. Ich bin unschuldig ist ihr erster Thriller.

 

DurrantUnschuldigAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Elvira Willems
ISBN-Nr.: 978-386612361
Preis: EUR  14.99 / CHF 14.90

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Michael Robotham: Bis du stirbst

Ein Unglücksrabe kämpft sich durch

An seinem letzten Morgen im Knast wachte Sami Macbeth früh auf, putzte sich die Zähne, faltete seine Decken ordentlich zusammen und setzte sich wartend auf das Bett.
Er hatte sich gesagt, dass er alles, was er machte, zum letzten Mal machte. […] Heute Mittag ist er hier raus. Nicht vollkommen frei, aber so gut wie.

Nach drei Jahren Knast für einen Juwelendiebstahl, den er nicht begangen hat, will Sami Macbeth nur zwei Dinge im Leben: nie mehr in den Knast zurück und ein berühmter Gitarrist werden. War ihm Das Glück schon drei Jahre vorher nicht hold, so hat sich das nicht geändert. Seine Schwester Nadja, die einzige, die von seiner Familie noch lebt und für die er sich verantwortlich fühlt, ist entführt worden und nur er kann sie retten. Allerdings hat das seinen Preis.

Der pensionierte Detective Inspector Vincent Ruiz   erfährt von der Geschichte durch seine Exfrau Miranda Wallace, welche Samis Bewährungshelferin ist. Er macht sich auf die Suche nach Sami und Nadja und sieht sich immer grösseren Herausforderungen gegnüber. Mittlerweile wird Sami Macbeth als gefährlicher Terrorist gesucht, welcher nach einem Bombenanschlag in der U-Bahn in einem Restaurant Geiseln genommen hat und nun auf der Flucht ist. Dabei ist die Polizei nicht allein darum bemüht, ihn unschädlich zu machen.

„Erlauben Sie mir, Folgendes zu sagen, Mr Macbeth. Ich habe die letzte Nacht damit verbracht, die genaueren Umstände dieses Falles zu studieren, und kann daraus nur schliessen, dass Sie ohne Zweifel einer der grössten Unglücksraben sind […]. Sie scheinen ausserdem über die unglückliche Gabe zu verfügen, eine verzweifelte Situation in eine hoffnungslose zu verwandeln. Könnte ich damit recht haben?“

Michael Robotham macht in Bis du stirbst alles richtig. Die Geschichte besticht durch durchdachte und lebendige Charaktere, einen spannenden und folgerichtigen Plot, sie hat die nötigen Aufhänger, Spannungsträger und Nebenhandlungen. Sami Macbeth ist ein Verbrecher wider Willen, der durch seine menschliche, trotz allen Unglücks humorvolle und vielschichtige Art die Sympathie und das Mitgefühl des Lesers auf seiner Seite hat. Die Motive seines Handelns sowie auch des Handelns der anderen Figuren sind nachvollziehbar und realistisch, die Grenzen zwischen gut und böse weichen langsam auf, zurück bleibt die Frage, wie das alles bloss enden soll. Und bis man das weiss, legt man das Buch nicht aus der Hand.

Fazit
Ein Thriller, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Robotham
Michael Robotham wird 1960 in New Sout Wales, Australien geboren. Er arbeitet zuerst in Sydney als Journalist, geht später nach London, um dort für verschiedene Zeitungen zu schreiben. 1993 hängt er seine Karriere als Journalist an den Nagel und schreibt als Ghostwriter Biografien für Politiker und Prominente, darunter Geri Halliwell und Rolf Harris. Später folgt der Wechsel zur fiktiven Literatur. Sein erster Roman The Suspect schläft gleich ein, wird in 22 Sprachen übersetzt und wird zum Bestseller. Robotham lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Avalon bei Sydney. Von ihm erschienen sind unter anderem The Suspect (2004; dt. Adrenalin 2005), Lost (2005; Amnesie 2006), Shatter (2008; Dein Wille geschehe 2009), Bombproof (2009; Bis du stirbst 2013).

  

RobothamBisdustirbstAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. Mai 2013)
Übersetzung: Sigrun Zühlke
ISBN-Nr.: 978-3442473397
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Angélique Mundt: Nacht ohne Angst

Mord in der Anstalt

Eine Patientin der Hamburger Universitätspsychiatrie wird erhängt im Bad aufgefunden. Ausser dass ihr Tagebuch und ihre Geldbörse fehlen deutet nichts auf ein Gewaltverbrechen hin. Tessa Ravens, behandelnde Therapeutin, kann trotzdem nicht an Selbstmord glauben, sie versucht, die ermittelnden Kommissare Torben Koster und Michael Liebetrau von ihrer Skepsis zu überzeugen, allerdings mit wenig Erfolg. Als wenig später eine zweite Patientin offensichtlich ermordet wird, stellt sich für alle die Frage, wie die beiden Todesfälle zusammenhängen und was dahinter steckt.

Angélique Mundt gelingt in diesem Erstlingswerk ein solider Krimi, welcher bis am Schluss viele Verdächtigen aber keine konkrete Spur präsentiert. Die Geschichte ist eher gemächlich erzählt, lässt trotzdem eine gewisse Spannung nicht vermissen. Die Figuren sind einfühlsam und plastisch gezeichnet, die Klinikatmosphäre gut wiedergegeben ohne durch zu viel Faktenwissen zu erschlagen, über das die Autorin, welche selber Psychologin ist, durchaus verfügen würde. Zwischenmenschliche Spannungen und andere Gefühlsverwirrungen runden die Geschichte ab.

Fazit:
Ein solider, gut aufgebauter Krimi mit allem, was leichten Lesegenuss mit Spannung ausmacht. Empfehlenswert.

Zum Autor
Angélique Mundt
Angélique Mundt wurde 1966 in Hamburg geboren. Nach ihrem Studium der Psychologie arbeitete sie lange in der Psychiatrie, bevor sie sich 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbstständig machte. Sie arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuz, das Menschen bei potentiell traumatisierenden Ereignissen „Erste Hilfe für die Seele“ leistet. Angélique Mundt lebt in Hamburg. Nacht ohne Angst ist ihr erster Roman und Start einer Serie um die Psychotherapeutin Tessa Ravens und Hauptkommissar Torben Koster.

MundtNachtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: btb Verlag  (10. Juni 2013)
ISBN-Nr.: 978-3442746262
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Sophie McKenzie: Seit du tot bist

Verratenes Vertrauen

Als Gen ihr Kind durch eine Totgeburt verliert, hört auch ihr Leben ein Stück weit auf, der Schmerz hüllt es ein und legt es lahm. Zwar führt sie eine gute Ehe mit Art, einem erfolgreichen Unternehmer, doch sie selbst bringt neben ein paar Kursen in kreativem Schreiben nichts mehr auf die Reihe. Alle Versuche, wieder schwanger zu werden, sind erfolglos, Gen ist nicht mal mehr sicher, ob sie noch weiter machen will. Acht Jahre ist der Verlust her, als plötzlich eine Frau vor Gens Tür steht. Ihre Behauptungen sind ungeheuerlich.

„Es…“ Die Frau holt tief Luft. „Es geht um Ihr Baby.“
Ich starre sie an. „Wie meinen Sie das?“
Sie zögert. „Es lebt.“ Ihre dunklen Augen scheinen mich zu durchdringen. „ Ihr Baby, Beth, ist am Leben.“

Der Boden unter Gens Füssen scheint sich aufzutun. Nicht nur soll ihr totgeglaubtes Kind noch am Leben sein, sie weiss nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Spricht die Frau die Wahrheit oder geht es ihr nur um Geld? Wer hat davon gewusst? Wieso will sie niemand verstehen, wenn sie der Sache nachgehen will?

Gens Mann Art macht sich Sorgen um Gen, er denkt, sie habe den Verstand verloren, will ihr helfen, will nach vorne schauen mit ihr, der Frau, die er über alles liebt. Kann sie ihm trauen oder ist auch das nur eine Masche? War sein Schmerz nicht echt damals?

Gen macht sich auf die Suche nach Anhaltspunkten, niemand will etwas wissen, alle damals involvierten Personen sind verschwunden, tot oder kommen unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Sophie McKenzie ist mit Seit du tot bist ein packender Thriller gelungen, der einen von der ersten Seite an nicht mehr loslässt. Ein sauber gestrickter Plot, geschickt platzierte Cliffhanger, plastisch gezeichnete Figuren lassen das Buch zum Lesegenuss werden. Als Leser leidet man mit Gen mit, wird man immer wieder in Zweifel gestürzt, wer wirklich die Wahrheit spricht, wem man trauen soll, worauf man hoffen darf.

Fazit:
Spannung und Tiefe in eine packende Form gebracht. Ein Thriller, der seinem Namen alle Ehre macht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sophie McKenzie

Sophie McKenzie wurde in London geboren und wuchs auch da auf. Sie arbeitete als Journalistin und als Herausgeberin eines Magazins, entdeckte als sie arbeitslos wurde die Liebe zum Schreiben und meldete sich in einem Kurs über Kreatives Schreiben an. Sophie McKenzie hat bereits mehr als fünfzehn Romane geschrieben, darunter die preisgekrönten Teenage-Thriller Girl, Missing, Sister, Missing und Missing Me. Sie erhielt zahlreiche Preise und stand zwei mal auf der Longlist für die Carnegie Medal. Sophie McKenzie lebt mit ihrem Sohn in London. Von ihr erschienen sind unter anderem Lauren vermisst (2013), Seit du tot bist (2013).

McKenzieTotAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (13. Mai 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3453410442
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Martin Walker: Femme fatale. Der fünfte Fall von Bruno, Chef de police

Frauen und andere Ungereimtheiten

Eine nackte Frauenleiche treibt in einem Boot durch Périgord, mit an Bord ein toter Hahn und grosse schwarze Kerzen. Schnell werden Stimmen laut, es handle sich um das Werk von Satanisten. Die einen fürchten um den Ruf von Périgord, die anderen freuen sich über Touristenströme. Aks kurz darauf in der örtlichen Höhle eingebrochen wird und ein blutiger Ziegenkopf sowie eine schwarz angemalte Madonna den Tatort zieren, sieht sich Bruno, der örtliche Chef de police, inmitten eines undurchschaubaren Falles welcher nicht nur mit Mord und möglichen Teufeln, sondern auch mit dubiosen Finanzgeschäften und vielen schönen Frauen mit verführerischen Absichten im Zusammenhang steht.

Die Fäden reichen immer weiter, bis nach ganz oben, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert. In welche Richtung Bruno auch ermittelt, immer wieder führen ihn die Spuren zur Roten Komtesse, die auf einem Schloss in Périgord lebt. Früher eine blühende Schönheit, Kämferin für den Widerstand und Kommunistin, liegt sie heute mit Alzheimer unansprechbar im Bett. Neben all dem beruflichen Chaos sind da auch noch die Frauen in Brunos Leben. Wohin das alles führen soll?

Martin Walkers neuster Fall für seinen Chef de Police Bruno ist ein Krimi wie er im Bilderbuch steht. Er lebt von seinem überaus sympathischen Polizisten Bruno, bei dem man gerne einfach an den Tisch sitzen würde, sein Kochkünste bewunderte und den Hund zwischen den Ohren kraulte. Man sieht ihn vor sich und man mag ihn. Dabei wird der ganze Rest schon fast zweitrangig, das Buch hat den Leser quasi adoptiert.

Martin Walker passt prima in die Reihe der traditionellen Krimiautoren. Ihm gelingt es, eine charismatische Hauptfigur zu entwerfen, die er in ein liebliches französisches Dörfchen mit all seinen Eigenheiten und typischem Dorfcharakter setzt.

Mischt man dann noch ein paar männliche Probleme eines in die Jahre geratenen gutherzigen Mannes hinzu und lässt die entsprechenden Frauen mitspielen, wird die Handlung eigentlich fast nebensächlich, man ist gefangen. Trotzdem entbehrt der Krimi keineswegs der Spannung. Zwar hat man immer eine Ahnung, wer denn der Gesuchte sein könnte, erkennt aber die  Zusammenhänge nicht und tappt so immer wieder erneut im Dunkeln. All das macht Femme fatale zu einem Lesevergnügen.

Geht man nach Schreiblehrgang vor, kann man sagen: Protagonist perfekt gezeichnet, Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, Schauplatz lebendig, man fühlt sich mittendrin, Plot stringent.

Fazit:
Schlicht ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Unbedingt empfehlenswert.

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde.  Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013).

WalkerFemmeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 426 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. April 2013)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068627
Preis: EUR  22.90 / CHF 34.90

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Bettina Plecher: Giftgrün

Gift und bayrische Gemütlichkeit

„Ich laufe nicht davon. Ich will mein Leben ändern.“
„Und da wirfst du einfach alles fort, was du dir aufgebaut hast?“ Nader lächelte nicht, als der das sagte. „Entwciklungshilfe. Ich bitte dich. Das sind Perlen vor die Säue, wenn du den Ausdruck entschuldgist. Jemand wie du kann der Menschheit auf anderem Wege weit effektiver nützen.

Frieda May hat gerade ihre Dissertation beendet, ihr Doktorvater, Gabor Nader, will sie an die Klinik mitnehmen, in der er in Kürze eine Chefarztposition innehat. Zwar möchte Frieda lieber Entwicklungshilfe leisten statt die Karriereleiter weiter hochkraxeln, doch kann sie ihrem Doktorvater, mit dem sie mehr als nur Wissenschaft verbindet, nicht widerstehen – sie geht nach München, wo ihr Gabor Nader eine Unterkunft bei seinem alten Freund Quiril Quast, urchiger Bayer und nicht nur karrieretechnisch pures Gegenteil von Nader, vermittelt.

Kurz nach dem Klinikeintritt stirbt Gabor Nader an einer Vergiftung. Quast und May sind überzeugt, dass das kein natürlicher Tod war und gehen dem Ganzen auf eigene Faust nach. Immer tiefer tauchen sie in den Sumpf von Vetternwirtschaft, Plagiat und Intrigen im Klinikalltag ein. Dass auch Quast selber eine mysteriöse Vergangenheit mit Nader hat, lässt Frieda May vorsichtig werden.

Frieda wurde es heiss. Jetzt war der Moment, um nachzuhaken. Diesmal durfte sie ihn nicht verpassen. Krampfhaft suchte sie nach den Worten, die Quast aus der Reserve locken würden. Schliesslich sagte sie: Und was ist mit der Vergangenheit? Gab es da nicht irgendetwas zwischen Gabor und dir?“ Sie liess die Worte im Raum stehen und beobachtete Qusst: Er schien ungerührt, nur die Falte zwischen seinen Augen wurde um ein weniges Tiefer, das Grübchen in seiner Wange verschwand.

Mit Giftgrün ist Bettina Plecher ein amüsanter und spannender Erstling gelungen. Sie nimmt den Münchner Lokalkolorit genauso auf wie die Abläufe des Klinikalltags, spinnt inmitten dieser Schauplätze eine Geschichte, die trotz Themen wie Mord, Gift, Intrigen und Betrug leicht und spritzig daher kommt. Dass die einzelnen Figuren etwas gar klischeehaft erscheinen, kann man ihr verzeihen, da der Lesespass nicht darunter leidet, sondern eher dadurch gesteigert wird

Fazit:
Ein leichte und lockere Lektüre für zwischendurch. Absolut empfehlenswert!

Zur Autorin
Bettina Plecher
Bettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

PlecherGiftgrünAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (2. Mai 2013)
ISBN: 978-3499235627
Preis: EUR  9.99/ CHF 15.90

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Andreas Franz: Teufelsleib. Ein neuer Fall für Peter Brandt

Kindheitstrauma und Serienmord

„…Hey, komm, lass mich am Leben, bitte!…“
[…]
„Tja“, sagte er mit gespieltem Bedauern, „es gibt da nur ein klitzekleines Problem – ich habe die Entscheidung schon getroffen, heute eine Hure zu töten, bevor ich dich gesehen habe. Sagen wir’s mal so, du warst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Offenbach wird erschüttert durch einen Serienmörder, welcher auf brutale Weise Prostituierte umbringt. Peter Brandt, sonst schon sehr belastet durch seine aktuellen Fälle, muss dieses Mal bei seinen Ermittlungen auf seine Partnerin, Nicole Eberl verzichten, welche wegen einer aggressiven Form von MS den Dienst quittieren musste und nun auf den baldigen Tod wartet. Zum Glück steht  ihm seine Freundin, die Staatsanwältin Elvira Klein zur Seite. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem bestialischen Täter.

Teufelsleib ist ein solide gestrickter Krimi mit einem sauber aufgebauten Plot bestehend aus dem Hauptstrang der Serienmorde und den Nebensträngen bestehend aus Brandts Privatleben und allem, was dazu gehört, den Lebensgeschichten der Opfer, der Krankheit von Brandts Partnerin bei der Polizei. Das Mordmotiv ist vielleicht ein wenig sehr klischeehaft, dadurch aber nicht weniger glaubwürdig. Der Krimi hätte eine Überarbeitung gut vertragen, da sich einige Redundanzen darin befinden, die schade sind und dem Buch einen Anschein von Rohfassung verleihen. Dazu kommt eine etwas zu gesuchte Schlusswendung. Trotz alledem ist es ein guter Krimi und ein würdiger Abschluss der Peter Brandt-Reihe.

Fazit:
Ein kurzweiliger Krimi mit einigen stilistischen Mängeln, die aber den Lesegenuss nicht schmälern. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Andreas Franz
Andras Franz wurde am 12. Januar 1954 in Quedlinburg/Sachsen-Anhalt, geboren und zog danach mit seinen Eltern nach Helmbrechts. Nach der Trennung der Eltern folgte 1967 der Umzug nach Frankfurt a.M., wo er das Gymnasium besuchte, dann beschloss, „etwas Ordentliches“ aus seinem Leben zu machen und die Sprachschule besuchte, welche er mit einem Abschluss in Wirtschaftsenglisch und –französisch verliess. Danach frönte Andreas Franz seinem Hobby, der Musik, welche er zum Beruf machen wollte. Es folgten Jobs als LKW-Fahrer oder Mädchen für Alles in einer Werbeagentur, danach eine Kaufmännische Ausbildung, da die mittlerweile 7köpfige Familie ernährt sein wollte. 1990 eröffnete Frank ein Übersetzungsbüro.

Nach einigen Manuskripten, die bei den Verlagen abblitzten, wurde Jung, blond, tot vom Droemer Knaur Verlag angenommen. Es folgten 20 weitere Romane, Teufelsleib war der letzte. In der Schublade warteten noch viele Ideen, umgesetzt zu werden, leider machte ein plötzliches Herzversagen am 13.März 2011 diese Pläne zunichte. Von ihm erschienen sind unter anderem die Julia Durant-Reihe [Jung, blond, tot (2000), Das Verlies (2004), Mörderische Tage (2009), etc.], die Peter Brandt-Reihe [Tod eines Lehrers (2004), Schrei der Nachtigall (2006), Teufelsleib (2010), etc.] sowie die Kieler Reihe Sören Henning und Lisa Santos.

FranzTeufelsleibAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 252 Seiten
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag (10. November 2010)
ISBN: 978-3426639436
Preis: EUR  9.99/ CHF 17.90

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Horst Eckert: Schwarzer Schwan

Hinter Lügen und Intrigen in Politik und Wirtschaft lauert der Tod

Die Investmentbankerin Hanna Kaul steht kurz vor dem Abschluss eines grossen Geschäfts, von dem sie sich einen Karrieresprung erhofft. Dass genau in dieser Zeit ihre Nichte Leonie zu Besuch kommt, passt nicht in ihr Konzept. Aus unersichtlichen Gründen platzt der Milliardendeal und Hanna merkt, dass sie seit längerer Zeit ausspioniert wurde. Als dann auch noch Leonie verschwindet, liegt ihre Welt in Trümmern. Hilfe findet sie bei Dominik Roth, welcher nicht nur aus beruflichen Gründen helfen will – erstens hat er ein schlechtes Gewissen Hanna gegenüber, weil er an ihrer Beobachtung beteiligt war, zudem gefällt sie ihm zunehmend. Bald schon sieht er sich inmitten eines Falles, der viel grösser ist, als man vorerst ahnen konnte. Hochfinanz und Politik haben die Hände im Spiel, ihre Methoden sind durchtrieben, voller Betrug, und Lügen und sie schrecken auch vor Mord nicht zurück.

Horst Eckerts Thriller bewegt sich im Milieu der Banken und der Politik. Er legt detailliert unsaubere Bankgeschäfte und geschäftspolitische Intrigen offen, zeigt die Politik von ihrer bestechlichen Seite und verwebt diese Wirtschaftsaspekte mit der Entführung einer jungen Frau, der Ermordung einer Aussteigerin aus der Finanzszene, Kleinkriminalität und Burschenschaft.

Die ersten Kapitel sowie diverse Zwischenkapitel sind sehr den Machenschaften aus Politik und Wirtschaft gewidmet, wenn man sich dafür nicht interessiert, ist der ganze Roman sehr schwierig zu lesen und das Dranbleiben mühsam. Die darunter liegende Geschichte ist spannend, man möchte wissen, wie sie ausgeht und das hat geholfen, durchzuhalten, wobei die Geschichte nicht litt, wenn man einige Teile überblätterte beim Lesen. Ab der zweiten Hälfte gewinnt die Geschichte an Spannung und es ist wirklicher Lesegenuss.

Fazit:
Langatmiger Anfang mit spannendem Abgang. Für Wirtschafts- und Politikinteressierte sicher spannender als für andere.

Zum Autor
Horst Eckert
Horst Eckert wurde am 7. Mai 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren und wuchs in Pressrath auf. Er studierte in Erlangen und Berlin Soziologie und Politische Wissenschaften, jobte als Bierschlepper und Fahrstuhlführer, später als Hospitant im Berliner ZDF-Studio. Nach einem Umzug nach Düsseldorf 1987, die Liebe war Schuld, arbeitete er 15 Jahre lang als Fernsehreporter, seitdem ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig. Von ihm erschienen sind unter anderem Annas Erbe (1995), Finstere Seelen (1999), Ausgezählt (2002), Der Abrsprung (2006), Sprengkraft (2009), Schwarzer Schwan (2011).

Porträt der Frankfurter Rundschau

 

EckertSchwanAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 383 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (7. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254131
Preis: EUR  10.99 / CHF 17.90

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Håkan Nesser: Die Einsamen

Wenn die Zeit keine Wunden heilt

Letztes Mal. Wie viele Jahre war das jetzt her? 1975. Mit anderen Worten: fünfunddreissig Jahre. Ein Menschenalter, wie man so sagte. […]

Ich träume, dachte Elis Bengtsson. Es ist nicht möglich, dass die gleiche Geschichte noch einmal passiert.

Eines Morgens findet ein Hundebesitzer am Fusse eines Abhangs eine Leiche. Das wäre schon beunruhigend genug, aber noch beunruhigender ist der Umstand, dass an derselben Stelle vor 35 Jahren schon einmal eine Leiche lag. Wie hängen die beiden Fälle zusammen?

Die zweite Leiche war der Lebensgefährte der 35 Jahre früher zu Tode gestürzten Frau. Schon damals war der Ermittler der Meinung, es stecke mehr als ein Unfall oder Selbstmord dahinter, fand aber keine Beweise, so dass er den Fall einstellen musste. Auch dieses Mal deutet alles darauf hin, dass es wieder genau so enden wird. Und doch bleibt bei den Ermittlern, Gunnar Barbotti und Eva Backman ein Gefühl, dass mehr dahinter stecken muss. Sie tauchen ein in eine Geschichte, die in die 70er Jahre zurückreicht und noch weiter. Sie treffen auf eine Gruppe von sechs (oder sieben) Menschen, die irgend ein Geheimnis zu hegen scheinen, eines mit tödlichen Folgen.

Håkan Nesser beginnt langsam, man findet sich oft in neuen Zeiten und an neuen Plätzen, weiss nicht, mit wem man es zu tun hat, wie alles zusammen hängt. Die Einsamen erzählt die Geschichte von sechs Studenten aus Uppsala und überbrückt dabei einen Zeitrahmen von über 40 Jahren. In einem ständigen Wechsel zwischen den Zeiten verweben sich die verschiedenen Handlungsstränge des Buches immer weiter. Immer tiefer taucht man als Leser ein und will nur eines: herausfinden, was wirklich passiert ist – vor 35 Jahren, wie es dazu gekommen ist und wie es zu dieser neuen Leiche kam.

Steigt anfangs die Spannung immer mehr an, so dass man sich für jeden einzelnen Handlungsstrang interessiert, weil in jedem ein neues Puzzleteil zu Tage tritt, so wird das Buch in der zweiten Hälfte etwas zu ausführlich, weil man kaum schnell genug zur Lösung durchdringen kann. Man kann dies dem Buch nicht mal wirklich anlasten, denn wäre es nicht so spannend, hätte man mehr Geduld beim lesen.

Håkan Nesser gelingt es, eine Geschichte auf mehreren Ebenen zu konstruieren, die Ebenen wild zu durchmischen und dabei die Cliffhanger so zu setzen, dass man schnell die Fortsetzung der entsprechenden Ebene erreichen will. Dafür muss man durch die nächste Erzählebene durch, welche sich als genauso packend erweist wie die letzte. Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Bis zum Ende.

Fazit:
Ein packender, spannender Roman, den man nicht mehr aus den Händen legen mag, bis man weiss, was hinter der Geschichte steckt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Håkan Nesser
Håkan Nesser wurde am 21. Februar 1950 in Kumla geboren, machte 1968 Abitur  und studierte ab 1969 an der Universität Uppsala Soziologie, Englisch, Literaturgeschichte, Skandinavistik, Geschichte und Philosophie . Nach einem Lehramtsstudium in den Fächern Schwedisch und Englisch arbeitete er als Gymnasiallehrer und begann daneben, Romane zu schreiben. Seit 1998 lebt Håkan Nesser als freier Autor in London und auf Gotland. Von ihm erschienen sind unter anderem die Krimi-Reihen um Kommissar Van Veeteren und Inspektor Barbotti sowie Romane wie Barins Dreieck (2003), Die Fliege und die Ewigkeit (2006), In Liebe (2006), Die Perspektive des Gärtners (2010).

Ein Einblick in Håkan Nessers Schreiben

NesserEinsamenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. April 2013)
Übersetzung: Christel Hildebrandt
ISBN-Nr.: 978-3442743797
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Eine merkwürdige Geschichte mit merkwürdigen Leuten

Die junge Krankenschweste Coral Glynn kommt in das herrschaftliche Hart House, um die alte, krebskranke Mrs Hart zu pflegen. Vor Ort trifft sie auf deren Sohn, den vordergründig gut aussehenden, unter der kleidenden Oberfläche aber kriegsversehrten Major Hart, seines Zeichens Junggeselle, sowie auf die Haushälterin Mrs Prence. Schon nach kurzer Zeit stirbt die Patientin. Damit könnte der Aufenthalt von Coral Glynn in Hart House vorbei sein, wenn nicht Major Hart aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte, was umso verwunderlicher erscheint, da die beiden kaum ein Wort miteinander gewechselt haben bis anhin. Dazu kommt, dass weder Carol Glynn noch Major Hart sich in der Gegenwart des anderen wohl zu fühlen scheinen.

Sein versehrter Körper disqualifizierte ihn als Liebhaber und somit auch als Gatten, und bei der Aussicht, Liebe und Ehe sowie den sie begleitenden Qualen und Verwirrungen zu entgehen, erfüllte ihn tiefe Erleichterung. Der Major war fest überzeugt, unwiderruflich aus der Welt intimer Beziehungen ausgeschlossen zu sein, und empfand dies als Gnade, weil er sich in Gesellschaft, vor allem von Frauen, stets unwohl gefühlt hatte.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Ehe wird geschlossen, die Gründe dafür sind undurchsichtig wie die Charaktere selber. Psychologische Innensichten und Erklärungsversuche bleiben eher unfassbar und unverständlich – für die Romanfiguren selber und den Leser. Erste Wolken zeigten sich schon vor der Eheschliessung, verdichten sich am Tag derselben und brechen in der Nacht vollends auf. Coral zieht nach London und beginnt ein neues Leben. Die ganze Geschichte handelt generell von vielen verschiedenen neuen und alten Leben verschiedener Personen. Nicht immer ist klar, was sie alle miteinander zu tun haben, die Leben wie die Personen.

Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn ist eine merkwürdige Geschichte voller merkwürdiger Menschen. Der Plot ist schulbuchmässig aufgebaut, erstes Hoch bei der Eheschliessung, anschliessender Tieffall, langsames Aufrappeln, kurze Dramatik kurz vor Schluss und finales Happy End. Dieses ist allerdings anders als man es sich denken würde oder könnte, es scheint eher weit hergeholt, wirklich happy wirkt irgendwie auch niemand.

Die Charaktere bleiben durch die Geschichte hindurch merkwürdig blass und farblos, man kann sie nicht fassen und sich schon gar nicht mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind gestammelt unsicher, wobei die Unsicherheit nicht nur in den Figuren selber zu liegen scheint, sondern beim Erzähler zu suchen ist. Was für einen alltäglichen Dialog zwischen unsicheren Menschen in der Realität durchgehen mag, wirkt in einem Roman eher schwach und unbeholfen.

Die Geschichte wimmelt von merkwürdigen Menschen. Neben den für sich schon sehr verworrenen Protagonisten wären da die Freunde des Majors Hart, ein Ehepaar, das in einem Sammelsurium von kuriosen Möbeln lebt. Sie trinkt zuviel, plaudert dabei unentwegt und verdrückt zu allen Gelegenheiten Tränen, er ist eigentlich schwul und dem Major zugetan, trotzdem findet er sich plötzlich im Bett seiner Ehefrau wieder, die – wie könnte es anders sein – weint, weil er sie wieder mal beehrt. Die Haushälterin wird zum klischeemässigen Hausdrachen. Ein Mord bringt Spannung in die ganze Geschichte, Flucht, Verrat, eine brennende Sexszene sollen den Leser bei der Stange halten.

Trotz all der offenkundigen Mängel, trotz der unglaubwürdigen Geschichte, der flachen Charaktere, der farblosen Beschreibungen der Schauplätze, Landschaften und Szenerien, trotz des unwahrscheinlichen Handlungsablaufs ist es kein Buch, das man einfach auf die Seite legen will. Man möchte wissen, wie diese Aneinanderreihung von Merkwürdigkeiten zu Ende geht, welchen Schluss sie findet. Es darf verraten werden, dass das Ende nicht minder merk- und fragwürdig ist als der ganze Rest des Buches. Zurück bleiben viele Fragezeichen, eine gewisse Erleichterung, dass man durch ist und trotz allem ein Lächeln ob so viel Merkwürdigkeit.

Fazit:
Es ist merkwürdig: Literarisch gesehen kann ich es nicht empfehlen, und doch, merkwürdigerweise, war es merkwürdig erheiternd.

Zum Autor
Peter Cameron
Peter Cameron wurde am 29. November 1959 in New Jersey geboren und ist ebenda und in London aufgewachsen. Er hat am Hamilton College in New York einen B.A in Englischer Literatur gemacht und lebt heute als Schriftsteller in New York. Für seine Werke erhielt er  zahlreiche Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Wochenende (1998), Die Stadt am Ende der Zeit (2004), Du wirst schon noch sehen wozu es gut ist (2008), Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn (2013).

cameronglynnAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (9. April 2013)
Übersetzung aus dem Englischen: Henning Ahrens
ISBN: 978-3813504774
Preis: EUR  19.99/ CHF 31.90

 

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