„Wenn ich auf Twitter so lese, wer wen Corona zum Tod vorwerfen würde und dabei lächeln… die Welt wird auch nach Corona keine friedlichere sein… die Menschen haben NICHTS begriffen“

Das schrieb ich heute auf Twitter. Und nein, es fiel mir nicht leicht, nur: Es ist meine persönliche (leider) und fachliche (ebenfalls leider) Meinung. Ja, es gibt in der heutigen Zeit viel sich zeigende Solidarität. Wenn man aber genau hinschaut, kommt sie meist von Menschen, die vorher schon auf einem sehr mitmenschlichen und solidarischen Weg unterwegs waren. Vielleicht noch mehr im Versteckten, vielleicht auch wenig gelebt, nur gedacht – aber vorhanden. Es ist wunderbar zu sehen, wie plötzlich Menschen sich um Nachbarn kümmern, wie im Netz Angebote entstehen von Künstlern (sicher auch anderen, das ist die Szene, die ich am besten kenne), die Kurse, Tutorials und Ideen gratis bereit stellen, damit aus dem Leben geworfene und mit neuen Situationen konfrontierte Menschen ein Angebot haben, damit umzugehen. WUNDERBAR!

Es gibt aber auch andere. Die nun ihr Angebot (das wohl vorher nicht so optimal lief) inflationär bewerben und mit Prozenten locken. Ich sage nicht, dass das nicht legitim ist, es ist immer noch ein gangbarer und sauberer Weg – schlussendlich müssen wir alle überleben. Aber es gibt auch die noch anderen. Die, welche sehen, was alles zu holen wäre durch die Krise. Mieterlässe, Zuschüsse, Unterstützung – und die Möglichkeit, da wo sie selber Geld zahlen müssten, einzusparen. Und selbst wenn sie selber keine Einbussen haben, setzen sie andere auf Mindestlohn oder entlassen ganz, schnorren bei den anderen um Erlässe, Zinsen und Unterstützung. Ohne Not, einfach, weil es geht.

Wir können gut applaudieren, weil Krankenschwestern gute Dienste leisten. Im Moment sind wir uns auch sicher, dass Coiffeure einen guten Dienst leisten. NUR: Wenn das alles vorbei ist: Wollen wir dann höhere Prämien zahlen, damit Krankenschwestern einen besseren Lohn erhalten? (Und nein, ich bin nicht so naiv, dass ich denke, dass die höheren Prämien denen zugute käme, nur: Selbst wenn es so wäre, würden wir es nicht zahlen wollen – und viele auch nicht können).

Ich lese auf Twitter immer mal wieder: Ach, wenn die und der durch Corona sterben würde, wäre das ein gelöstes Problem. Und ich denke bei mir: Ich mag nicht mit jedem auf einer Welle schwimmen, das tue ich wohl langfristig und auf die ganze Welle betrachtet mit quasi keinem, nur: Ich würde KEINEM den Tod wünschen. Nicht mal im Spass! Und so lange das so ist und sogar auf so viel Zustimmung und Applaus stösst, sehe ich keine Änderung in Sicht. Es bleibt der oben, der oben sein kann, dazu sind ihm alle Mittel recht. Auch der Tod derer, die nicht in seinem Sinne handeln. Frei nach Macchiavelli: Der Zweck heiligt alle Mittel.

Nun kann man sagen: Das sind nur Worte, das ist nur Spiel und Spass – nur: Am Anfang war das Wort – oder: Die latente Wahrheit der Sprache: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Jeder Witz gründet auf einer Wahrheit – gäbe es die nicht, würde man den Witz gar nicht verstehen.

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.

Ich hatte kürzlich auf einer Social Media-Plattform mehr spasseshalber denn wirklich ernst gemeint die Statusmeldung reingestellt, dass ich mir ein Leben wie in einem Pilcherroman wünsche. Zwar finden sich sogar da Irrungen und Wirrungen, das sich findende Paar durchläuft einige Schwierigkeiten, findet schlussendlich sich aber und die schönen Momente und guten Gefühle überwiegen bei weitem. Die Reaktion auf diese Meldung war ziemlich eindeutig. Das sei langweilig, hiess es, das könne ich mir nicht wirklich wünschen. Rosamunde Pilcher wurde als absolutes „No Go“ gesehen, zu voraussehbar, zu schön, zu süss, zu romantisch, zu kitschig, zu problemlos. Dass man es nur schon schaut (ans Lesen wollen wir gar nicht denken), schien eine Schande und bedürfte wohl vieler Momente versunken in Scham; so leben zu wollen schien an absolute Undenkbarkeit zu grenzen. Wieso? Heile Welt ist langweilig.

Schaut man in die Zeitungen, stechen einem Meldungen von Krieg, Selbstmord und anderem Leid und Übel ins Gesicht. Schaut und hört man sich um, sieht man sich mit Klagen über eine grausame, brutale, menschenverachtende, Menschen kaputt und krank machende Welt konfrontiert. Stimmen werden laut, man müsse sich mehr auf ein Miteinander besinnen, die Liebe hoch halten, den Krieg eindämmen. Es werden Parolen von Kehrtwende und Besinnung auf wesentliche Werte propagiert. Doch wenn man sich genau das wünscht, eine Welt in Liebe, in Harmonie, mit einem Happy End und gutem Gefühl, dann wird das vehement bekämpft, belächelt und verspottet.

Wieso ist eine harmonische, heile Welt langweilig? Wieso brauchen wir Ärger, Zwist, Kampf und Krieg, um ein spannendes Leben zu haben? Und selbst wenn das spannend wäre, wieso sehnen wir uns danach, da es uns ja offensichtlich krank macht? Immer mehr Menschen leiden an psychosomatischen Störungen, immer mehr Menschen kommen mit dem immer mehr fordernden, immer kälter und härter werdenden Alltag nicht klar. Immer mehr Menschen gehen unter in den Fluten von Druck, Leistungszwang, Rigorosität, Menschenunwürdigkeit und Ausrichtung an Profit, Macht und Sieg. Sich dem entziehen zu wollen wird aber als langweilig, nicht erstrebenswert und schon fast zu verachten abgetan.

Man fühlt sich bemüht, zu rufen: „Ja, was wollt ihr denn?“ Wovor fürchtet man sich, wenn man sich nicht auf die heile Welt einer Pilcher einlassen will, Mord und Totschlag von all den blutrünstigen Krimiserien (die ich durchaus sehr liebe und regelmässig schaue) gut heisst? Wieso ist Blut, Kampf und Gewalt cool, Liebe und Happy End langweilig und öd? Dass der Mensch sich eigentlich nur nach Liebe sehnt, scheint ein alter Hut und biologisch, soziologisch und psychologisch gut belegt, was hindert den Menschen also daran, dazu zu stehen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein Satz, der schön klingt, einleuchtet und so oft mit Füssen getreten wird. Wie selten kümmert man sich im Alltag um die Würde des Menschen, um die Würde seiner Mitmenschen? Man geht durchs Leben, meist mit sich und seinen Belangen beschäftigt, fügt im besten Falle den Nächsten keinen Schaden zu, im allerbesten gar keinem. Oft ist das eher Zufallsprodukt, weniger gezielt so getan, es kam schlicht nicht dazu. Wenn man sich ständig fragen müsste, ob das, was man tun, sagen, nicht sagen wollte die Würde des anderen antasten könnte, müsste man sich zuerst fragen, worin diese Würde bestände und wie sie zu verletzen wäre. Dabei könnte man sich sicherlich auf einen eigens dafür angefertigten Katalog zu erfüllender Kriterien berufen, den irgendwelche klugen Köpfe erstellt und hoffentlich auffindbar publiziert haben. Mangels Kenntnis desselben wäre das ganze wohl ein Denken der Gedanken, das jegliche Handlung lahmlegen würde, da man zu keinem Ziel käme.

Max Frisch kam zu folgendem Schluss:

Die Würde des Menschen liegt in der Wahl.

Wer wählen kann, ist frei. Er kann sich entscheiden. Wahl bedingt aber Verfügbarkeit. Was, wenn diese nicht da ist? Ist meine Würde in Gefahr, wenn im Laden, Gurken aus sind und ich Tomaten nehmen muss? Wohl kaum. Es geht um wichtigere Dinge. Doch wie frei ist man wirklich in seiner Wahl? Wie oft ist man Pflichten unterworfen, die man kaum ablegt? Was, wenn die eigene Wahl die anderer torpediert? Dann geraten Rechte in Konflikt. Wer gewinnt ihn, was passiert mit dem Verlierer?

Du sollst nicht töten.

Hier scheint keine Wahl zu bleiben. Das Leben ist ausserhalb der Wahlmöglichkeiten. Sowohl das eigene Leben, wie oft scheint, wie vor allem auch das anderer. Der Mensch soll nicht Herr sein über Leben und Tod. Was aber, wenn einer die Würde des Menschen – anderer Menschen – mit Füssen tritt? Hat er dann sein eigenes Leben verwirkt? Gibt es eine Rechtehierarchie, in der die Verletzung des höheren Rechtes die eigenen tiefer gelegenen ausser Kraft setzt? Kann man die Todesstrafe damit rechtfertigen, dass der, welcher sie erhält, vorher höher gestellte Rechte anderer mit Füssen trat? Verwirkt er damit seine eigenen? Und wenn nicht, was ist die angemessene Strafe für deren Missachtung?

Was ist höher einzustufen, Würde oder Leben? Ist ein Leben, egal wie gelebt, egal unter welchen Umständen, mehr wert als die Würde? Oder ist ein würdeloses Leben nicht mehr lebenswert und damit wertlos? Kann man die beiden Werte überhaupt in die Waagschale werfen? Muss man nicht sogar, da sie so eng zusammen hängen?

Eine freundschaftsähnliche Beziehung ist eine soziale Beziehung, in der sich die Partner in Zeiten der Not entsprechend ihren Fähigkeiten unterstützen und in der dieses Verhalten zum Teil durch positive Emotionen zwischen den Partnern motiviert ist.

Diese universal gültige Definition von Freundschaft stammt vom Anthropologen Daniel Hruschka. Sie zeigt Freundschaft als eine Beziehung zwischen Menschen, die füreinander da sind und sich wohlgesonnen sind. Carlin Flora geht in ihrem Buch Richtig gute Freunde dem Thema Freundschaft auf den Grund. Sie beleuchtet, wie Freundschaften entstehen, worauf sie gründen, wie sie bestehen bleiben und was sie dem einzelnen Menschen bringen.

Dass Menschen sich anfreunden hat verschiedene Gründe. Die einen sind sicher evolutionärer Natur, da schon früh klar war, dass man miteinander bessere Chancen zu überleben hat als alleine. Auch im Gehirn lassen sich Strukturen feststellen, die Freundschaften fördern. Je nach Grösse des Gehirns ist das entsprechende Lebewesen zu einem grösseren oder kleineren Freundeskreis angelegt. Wonach aber sucht man Freunde aus? Misst man der Partnerwahl sehr viel Zeit und Überlegungen zu, scheint das bei Freundschaften nicht der Fall zu sein, sie passieren eher zufällig.

Flora nennt verschiedene Parameter, welche Freundschaften wahrscheinlicher werden lassen. Einerseits ist die Nähe und das häufige Sehen sicher ein ausschlaggebender Punkt, damit eine Freundschaft überhaupt entstehen kann. Des Weiteren ist die Ähnlichkeit bei Interessen, Wertvorstellungen und Verhaltensmustern oft ausschlaggebend, hilft zumindest, langfristige Beziehungen entstehen zu lassen. Indem man den anderen einschätzen kann, weil er Ähnlichkeiten mit einem selber aufweist, ist es leichter, ihm zu vertrauen, sich ihm auch nahe zu fühlen.

Freundschaften sind nicht nur schön zu haben, weil man sich nicht alleine, sondern immer aufgefangen fühlt. Sie haben auch positive Effekte auf den einzelnen Menschen. Freundschaften scheinen aus Menschen gesündere, selbstbewusstere und fröhlichere Menschen zu machen, während mangelnde Freundschaften zu Depressionen, kognitivem Verfall und gar Suchtverhalten führen kann. Des Weiteren prägen Freundschaften unser Denken, Fühlen und Handeln, dies sogar oft mehr als Verwandte oder Beziehungen.

Richtig gute Freunde beleuchtet das Thema Freundschaft von verschiedenen Seiten, verweist auf unterschiedliche Studien und Theorien, greift zu Beispielen mitten aus dem Leben, um die einzelnen Themenkreise bildhaft darzustellen. Neue Erkenntnisse gewinnt man dadurch nicht, das Buch hilft aber, den Wert von Freundschaften wieder deutlich vor Augen zu sehen und dankbar für die eigenen zu sein.

Fazit:
Gut lesbares, breit abgestütztes Buch zum Thema Freundschaft.

FloraFreundeAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (25. März 2013)
Übersetzung: Gabriele Lichtner
Preis: EUR 8.99 ; CHF 14.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Wer denkt, wenn ich denke, wer fühlt, handelt, wenn ich handle oder fühle? Erich Fromm beleuchtet die wirkliche Motivation hinter dem Handeln, Fühlen, Denken, hinter dem Sein des Menschen. Lebt er wirklich selbstbestimmt und frei oder sprechen durch ihn die vielen Stimmen der Umwelt, die er als Erwartungen an sich zu Handlungsmaximen erhoben hat?

[…] dass wir Gedanken, Gefühle, Wünsche, ja sogar Sinnesempfindungen haben können, die wir subjektiv als unsere empfinden, obwohl sie uns von aussen suggeriert wurden und uns daher im Grunde fremd sind und nicht das, was wir wirklich denken, fühlen und so weiter.

Der Mensch entfernt sich damit immer mehr von sich selber, wird zum Ding, zur Ware auf dem Markt, die daran gemessen wird, ob sie Erfolg hat, ankommt, die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Dies wirkt sich sowohl auf das menschliche Selbstgefühl als auch auf die Beziehungen zwischen Menschen aus.

Es handelt sich nicht um eine Beziehung zwischen zwei menschlichen Wesen, die ein Interesse aneinander haben, abgesehen davon, dass sie sich gegenseitig von Nutzen sind.

Erich Fromm analysiert in diesem Buch den Menschen in seinem Sein, er schaut auf die Gesellschaft und ihre Instrumentalisierung von Menschen hin zu Waren, die ihr dienen. Er analysiert die Ohnmachtsgefühle, die das im Menschen auslöst und wie er darauf reagiert. Und er versucht, durch diese Analyse ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu wecken, die dabei helfen können, zu sich selber und dem wirklich eigenen Denken, Fühlen, Handeln zu finden.

Mut, sich um nichts zu kümmern als um die Wahrheit und zwar um die Wahrheit nicht nur in Bezug auf das eigene Denken, sondern auch in Bezug auf das eigene Fühlen.

Fazit:
Ein Buch, das dem Leser auf gut lesbare Weise das Wesen und die Masken des eigenen Seins aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: Herder Verlag 2000
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

Zu kaufen bei BOOKS.CH und BÜCHER.DE

 

RifkinZivilisation

Jeremy Rifkin schöpft aus der ganzen Menschengeschichte, um seine These des von Natur auf Empathie angelegten Menschen zu stützen. Dabei bedarf es zur Entwicklung dieser Anlage immer das Bewusstsein des Selbst sowie die Wahrnehmung der anderen als ebensolche Individuen. Im Miteinander können die Anlagen zur Empathie entwickelt werden.

 

 

Unsere empathische Prädisposition ist kein fehlersicherer Mechanismus, der es uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer Grossfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert werden.

Rifkin besticht durch sehr fundierte und genaue Abläufe der Menschheitsgeschichte, verortet verstärktes Aufkommen von Empathie nach Krisen und Revolutionen, welche er sehr detailliert und dadurch auch oft zu ausschweifend und langatmig präsentiert. Ob all der Geschichtsflut geht die Argumentationskette oft unter. Überzeugen seine Geschichtskenntnisse mit Fakten, erscheinen seine Fazits in Bezug auf die Empathie mehr als Spekulation und wenn auch sinnvoll klingende, doch nicht wirklich belegte Gedankenexperimente. Dass Rifkin ob all der Geschichtsflut die Jahre der beiden Weltkriege völlig ignoriert, bei 1920 aufhört und 1947 wieder einsetzt, mutet merkwürdig an. Auch verwundert es, dass er über die gelebte Empathie der Jungsteinzeit besser informiert scheint als über heute, wo er alles in der Schwebe empfindet. Wie genau die gelebte Empathie der Jungsteinzeit fundiert gewusst werden kann, ist mir auch nach dem Lesen des Buches ein Rätsel.

Trotz dieser Kritikpunkte finden sich in dem Buch einige sehr zutreffende Analysen der menschlichen Psyche und ausführliche Beschreibungen der Entwicklungen der Menschlichen Identität und deren Erforschung durch die Wissenschaft. Rifkin erkennt die Problematik der heutigen auf Materialismus eingestellten Welt deutlich und benennt die damit einhergehende Tendenz zur Selbstsucht, welche der Empathie im Wege steht.

Je materialistischer der Mensch eingestellt ist, desto weniger grosszügig ist er im Umgang mit anderen, desto weniger versetzt er sich in sie hinein, desto geringer ist seine Achtung von deren Standpunkten. Die Selbstlosigkeit weicht der Selbstsucht.

Die Untersuchungen zum Glückssyndrom lassen vermuten, dass eine Gesellschaft mit einem gewissen behaglichen Lebensstandard und relativ geringen Unterschieden im Vermögen und Einkommen wahrscheinlich die glücklichsten Bürger hervorbringt.

Wie realisierbar er die Lösung eines auf gleichem Einkommen und gleichem Vermögen basierenden Staates wäre, lässt er offen, ebenso zeigt sich an der Verwendung des Wortes „wahrscheinlich“, dass es auch reine Spekulation ist, dass dann alles besser und der Mensch glücklich wäre.

Fazit
Ein sehr informatives, detailliertes Geschichtsbuch, das in Bezug aufs Hauptthema der Empathie oft falsche Schlüsse zieht und zu Spekulationen neigt. Lesenswert als Ganzes, streng thematisch eher enttäuschend.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage (15. Dezember 2011)
Übersetzung: Ulrike Bischoff, Waltraut Götting, Xenia Osthelder
Preis: EUR: 11.99 ; CHF 19.90

Wir träumen von einem Leben in Gerechtigkeit, einem Leben in einem Land, in welchem alle die gleichen Rechte haben, es allen so gut geht, dass sie ein menschenwürdiges Leben leben können, ein Leben, welches durch Rechte gesichert und geschützt ist. Wir wünschen uns ein Miteinander in Frieden und ohne Krieg. Und machen eigentlich ständig genau das Gegenteil von all dem. Woran liegt es?

Der Mensch stellt gerne ideale Konzepte auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie an einem immer scheitern: Am Menschen selber.

Die Divergenzen zwischen Wunsch und Realität finden sich auf allen Stufen des Zusammenlebens. Die ideale Staatsform wird theoretisch immer wieder neu gesucht und gar gefunden. In der Praxis zeigen sich immer Schwächen, zeigt sich immer, dass jedes ideale Modell von einigen ausgenutzt werden kann und auch wird, was dann auf Kosten der anderen geschieht. Und einige fallen dabei durch die Masche in einen Zustand, der dem gewünschten nicht nur nicht ähnlich ist, sondern ihm entgegengesetzt ist.

Wo liegt der Ausweg? Zuerst müsste man die Variable Mensch in dem Spiel beachten und zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch kein Übermensch ist, der nach moralischen Grundsätzen, frei von egoistischen Ansprüchen und ständig auf der Suche, Gutes zu tun, durchs Leben geht. Man müsste die menschlichen Abgründe mit in die Waagschale werfen und ihnen Rechnung tragen. Jedes Modell, das auf idealen Menschen fusst, wird zur Utopie verkommen.

Als Zweites müsste man sich wohl den realen Gegebenheiten stellen. Es bringt nichts, von Idealvorstellungen auszugehen, um neue Lebensmodelle zu verwirklichen, welche Ansprüchen genügen sollen. Was Sand gebaut wird, wird nie halten. Die heutige Realität ist weit davon entfernt, ein Idealzustand zu sein. Armut ist verbreitet, die Schere zwischen arm und reich tut sich immer mehr auf. Zwar hätte es genug Ressourcen für alle, niemand müsste hungern, doch sie sind so verteilt, dass einige immer noch mehr kriegen, andere immer ärmer werden.

Staaten sind über Jahrzehnte im Krieg, es gibt Länder, die über Jahre keinen Frieden mehr kennen oder aber nach einer langen Unterdrückung direkt in Unruhezustand übergingen. In anderen Ländern geht die ganze Wirtschaft kaputt, sie stehen kurz vor dem Bankrott. Krise klingt es von überall.

Auch im Kleinen drückt die Krise durch. Familien sind zum Auslaufmodell geworden, sie zerbrechen am laufenden Band. Der Kampf um das Danach wird gross. Wie soll man es regeln, was ist fair? Dabei geht man vom althergebrachten Modell aus und will möglichst wieder zusammenkleben per Gesetz, was der Mensch entzweite. Und alle sehen sich als Verlierer. Der Vater klagt, seine Kinder nicht mehr zu sehen, die Mutter klagt, keine Freiheit mehr zu haben, keine Stelle mehr zu kriegen, weil sie gebunden ist. Einer von beiden oder beide laufen in die Gefahr, zum Sozialfall zu werden. Die Kinder? Stehen mittendrin und leiden. Je grösser der Streit, desto grösser das Leiden. Der Staat will eingreifen. Will gerecht sein. Will per Gesetz regeln, wie die beiden zerstrittenen oder im besten Fall nur getrennten Parteien miteinander umzugehen haben. Er vergisst dabei, dass kein Gesetz Frieden bringen kann, wenn Gefühle verletzt sind. Kommunikation lässt sich nicht per Gesetz erzwingen und jede neue Regelung birgt wieder neue Unrechtsmöglichkeiten.

Wo liegt die wirkliche Lösung?  Wohl in einem kompletten Umdenken. Die Richtung wird noch zu finden sein, was offensichtlich scheint: Wir sind noch weit davon entfernt und bewegen uns eher davon weg als darauf zu.

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 277 Seiten

Verlag: C.H. Beck (2003)

Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Der Mensch ist Mensch dadurch, dass er sein Verhalten hinterfragen kann, dass er quasi in zweiter Instanz denken kann und so das primäre Denken und Handeln zum Gegenstand des eigenen Denkens macht. Diese Selbstreflexion macht den Menschen aus und hebt ihn vom Tier ab. 

Nun stellt sich natürlich die Frage: Indem er sich hinterfragt, sollte er auf das Gute stossen. Sollte sehen, ob das, wie er handelt, dem entspricht, wie er sein will. Wäre dies nicht der Fall, könnte er mittels seines Willens das Handeln dahin steuern, so zu handeln, wie er es für seinen Wunsch des Seins als angebracht erachtete. 

Ist der Wille so stark? In jeder Sekunde unseres Seins? Kann mein Wille wirklich frei über mein Handeln bestimmen und ist dieses nicht auch anderen Einflüssen unterworfen? Solchen von innen wie von aussen? Was prägt das Ich? Was prägt mein Sein? Mein Handeln? Mein blosser Wille? Ist er Teil einer Kette von Faktoren? Wie sehen die aus? Kultur, Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse? Ist mein Wille frei von all diesen oder beeinflussen sie nicht nur mich, sondern auch den Willen? Wäre er frei, stünde er gleichberechtigt neben den restlichen Einflüssen. Wäre er beeinträchtigt, würde seine Kraft mit der steigenden Masse von Einflüssen an Kraft einbüssen. 

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Wie frei ist er in der Bestimmung seines Seins? Seines Handelns?

 

Work on Progress…

Was ist der Mensch, wie soll er sein?

Was macht ihn gross, wann ist er klein?

Sind es die Berge auf der Bank,

was ist gefragt, dick oder schlank?

Zählen  Titel oder Schönheit,

Sein allein oder zu zweit?

Ist Egoist er oder nett?

Wie sich kleiden, stets adrett?

Grosses Auto, teures Haus?

Oder macht das gar nichts aus?

Zählen wirklich inn’re Werte,

grosses Herz, das unbeschwerte?

Oder sind Struktur und hoher Rang,

grosses Anseh’n von Belang?

Ist angepasst, was er muss sein,

zählt wirklich Sein oder nur Schein?

Wer sagt es mir, wo muss ich hin,

wie muss ich sein, dass ich gut bin.

Wer setzt das Mass, wo ist die Norm,

gibt es Schablonen, eine Form?

Der Mensch ist von Natur aus böse, drum braucht es die Gesetze, den Staat, die diese Boshaftigkeit, die aus purem Egoismus entspringt, einzudämmen. Nur durch ein Netz an Regeln und Verhaltensmaximen schafft es der Mensch, einigermassen friedlich zu koexistieren. Noch schlimmer, er schafft es nicht mal dann. Kriege überfluten die Erde, Menschen, die auf eigene Macht und eigenen Profit aus sind, instrumentalisieren andere mittels wohlklingender Heilsversprechen oder angsteinflössender Prophezeiungen, den designierten Feind zu bekämpfen. Helfen tut es selten den Instrumentalisierten, sie sind Opfer des Systems. Helfen tut es denen, die das Geld und die Macht hatten, das anzuzetteln, was sie anzettelten. 

Eine schwarze Sicht? Pessimistisch? Mag sein. Ich tendiere ja in einer absolut blauäugigen Naivität immer wieder dazu, zu glauben, niemand wolle einem was Böses, die Welt sei gut und die Menschen wollen alle geliebt werden und lieben dementsprechend auch. Dass vor allem der zweite Teil so nicht stimmt, ist mir leider oft im Leben hautnah gezeigt worden. Wie oft wurde ich verletzt, wie oft musste ich erkennen, auf ein falsches Spiel, auf Intrigen, auf falsche Worte und Heuchelei hereingefallen zu sein oder gar manipuliert für eigene Zwecke eines anderen. Den Fehler suchte ich dann meist bei mir, dachte, mich nur falsch verhalten zu haben, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn ich das einmal nicht dachte, war mein Fehler immerhin, es nicht gesehen zu haben, auf etwas hereingefallen zu sein. Was nun schwerer wiegt, die eigene Naivität oder der Glaube an das eigene Versagen, bleibe dahingestellt.  Aber: eigentlich müsste ich es mal lernen und wissen: Der Mensch ist böse. 

Und doch stimmt das so nicht. Es gibt viele tolle Menschen. Liebe Menschen. Menschen, die zu unrecht in einen Topf geworfen werden mit denen, die lügen (zu andern, wohl aber auch zu sich selber), betrügen, hintergehen und ausnutzen. Wie oft im Leben stiess ich schon auf Engel, auf Menschen, die einfach nur toll waren. Also was nun? Ist der Mensch gut und wird böse? Oder ist der Mensch böse und es gibt gute Ausnahmen, Engel halt? 

Vermutlich ist beides in einem angelegt, in jedem von uns. Alles hat zwei Seiten, die diametral verschieden sind. Diese Komplementarität macht das Ganze erst ganz. Alles ist angelegt, die Ausprägung liegt in unseren Händen, ist aber meist gespurt durch Kultur, Erleben, Erziehung, Einflüsse sonstiger Art. Ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich geliebt werden will. Und ich denke weiter, dass genau da der Knackpunkt liegt. Ist die Liebe da, das Gefühl, in dieser Welt angenommen, willkommen zu sein, dann ist man zufrieden – mit sich, mit der Welt. Wenn man aber in diesem Bereich einen Mangel sieht, sich im Nachteil sieht, traurig ist, nach Liebe sucht, sie vermisst… dann passiert was in einem. Dieser Mangel muss behoben werden, denn er ist nicht auszuhalten. Säuglinge gehen ohne Liebe ein. Kleinkinder entwickeln Ticks, werden krank, sterben ab und an auch. Liebe ist Lebenselixier, ist wohl sogar Leben. 

Was also tun, wenn sie fehlt, wenn man sich alleine fühlt, nicht wahrgenommen, nicht angenommen fühlt? Man muss diesen Schmerz, der in einem entsteht irgendwie behandeln. Dafür gibt es verschiedene Strategien:

1) Man lebt ihn aus. Weint, schreit, jammert, klagt – um dann wieder weiter gehen zu können. 

2) Man stürzt sich in Aktivitäten, die einen so ablenken, dass man vergisst, dass da ein Schmerz war.

3) Man betäubt sich – mit Drogen, mit Alkohol, mit Essen, mit irgendeinem Surrogat, das hilft, zu vergessen, zu verdrängen

4) Man fügt anderen Schmerz zu, weil man sich dann kurz Befriedigung verschafft, der eigene Schmerz überdeckt ist vom Triumph, über den anderen gesiegt zu haben, ihm auch weh getan zu haben. Der Schmerz des anderen löst den eigenen Triumph aus, der kurzzeitig den eigenen Schmerz vergessen lässt. 

Ich denke, Punkt 4 ist häufig vertreten. Vor allem in Fällen, wo mal Liebe war, nun keine mehr ist. Und wenn es dem anderen noch gut geht, dann erst recht. Kann doch nicht sein, dass der zufrieden ist, man selber nicht. Dem muss man schnell ein wenig das Leben schwer machen. Ihm eins reinwürgen. Dann fühlt man sich gleich besser. Leider nicht für lange. Doch das merkt man erst später. Und dann ist natürlich wieder der andere schuld. Oder die Nachbarn. Oder der Postbote. Oder der Mitarbeiter, Chef, die Politik, das System, die ganze Welt. Man selber? Besser mal suchen, wer es noch sein könnte. Nur wird man im Aussen nie finden, wer es wirklich war, so dass man selber endlich zufrieden ist. Man wird auch nie die Liebe finden, die man sucht, wenn man so agiert, weil man immer nur noch verbissener wird, nur noch härter. Anziehend ist das nicht. Liebenswert noch weniger. Zwar wären gerade die Menschen die, welche eben am meisten Liebe bräuchten, um aus ihrer Spirale zu kommen. Aber leider stossen sie mit ihrem Verhalten alle weg. 

Es gibt einen Satz in Bezug auf Kinder:

Nimm mich dann in die Arme, wenn ich es am wenigsten verdient habe. 

Genau der tritt auch hier in Kraft. Da es aber schwer fällt, den in den Arm zu nehmen, der einen gerade mal so richtig in die Tonne gehauen hat, kann man kaum aus seiner Haut. Man kann sich aber bewusst sein, dass dieses in die Tonne hauen mehr mit dessen Problemen zu tun hatte als mit der eigenen Person. Und mit dem Denken vielleicht für sich selber ein wenig Frieden finden. Und dem anderen wünschen, dass er irgendwann seine Probleme in den Griff kriegt, einsieht, dass nur er selber für sich zufrieden sein kann. Und wenn er es nicht ist, liegt das selten an den anderen. Es ist die eigene Einstellung zu dem, was um einen und mit einem passiert.

Klar gibt es Schicksalsschläge, klar gibt es Ungerechtigkeiten. Das Leben ist oft hart, unfair und gemein. Es ist oft voller Hürden, Fallen und Löcher. Und doch: es gibt auch viel schönes und wir haben es in der Hand, was wir sehen wollen, worauf wir unser Befinden stützen wollen. Damit sage ich nicht, das Schwere solle man ausblenden, das wäre nicht gut, denn verdrängen hilft nie, sondern schafft nur unbewusste Strategien, die meist in die Irre führen. Das Schwere soll man angehen, es bearbeiten und verarbeiten, immer im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, nicht das ganze Leben, dass da noch viel Schönes ist. 

Diese Sicht hilft übrigens auch prima, wenn man über jemanden flucht, schimpft, dem alles Böse wünscht, ihm am liebsten irgendwie an den Karren fahren würde, denkt, das gäbe einem Befriedigung. Tut es nicht. Zumindest nicht für lange. Am meisten hilft, zu denken: Was kann ich für mich tun und nicht, was kann ich gegen den anderen tun.