#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.

Rainer Maria Rilke: Nennt ihr das Seele…

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

Die Grundfrage hinter vielen von Rilkes Gedichten ist eine anthropologische: Was/Wie ist der Mensch? Oft verortet er ihn ganz explizit zwischen Engel (reines Geisteswesen, spirituelles Bewusstsein) und Tier (pure körperlichkeit, Instinktwesen). Zwischen diesen Polen sitzt der Mensch und er ist in diesem Dazwischensein ein Mängelwesen. Hier spricht er nur noch den Mangel an: Was der Mensch Seele nennt, deckt nie das volle, mögliche Bewusstsein ab, es ist ein begrenztes, kleines Etwas, das noch dazu auf das Falsche ausgerichtet ist.

«Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?»

Es finden sich Worte wie Narr, betteln, arm, alles ist nur gewollt, es wird nur um Würde geworben, sie wird nie erreicht, selbst das Sterben ist würdelos, es ist nur arm. Eine Seele, die den Namen verdiente, wäre grösser, sie würde über die Begrenzungen des irdischen Lebens hinausreichen:

«ich trage ein Stück Ewigkeit / in meiner Brust»

«und will hinauf und will mit ihnen kreisen…
Und das ist Seele.»

Rilke stellt eine grosse Frage, nämlich die, was wirklich ein gutes Leben ist, eines, das mit den richtigen Werten und Ansprüchen gelebt wird. Setzen wir nicht viel zu oft auf das falsche Pferd, indem wir uns von Beifall und Aufmerksamkeiten anderer abhängig machen, anstatt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen und in uns zu ruhen?

Das Problem dabei ist doch oft, dass wir uns beweisen wollen, dass wir uns für die Anerkennung auch mal so verbiegen, dass wir selber gar nicht mehr wirklich durchscheinen, sondern nur noch als Erfüllung einer gefühlten Erwartung durchs Leben gehen: Nur: Wer kriegt dann den Beifall? Doch nicht wirklich wir, sondern nur das, was wir, um anderen zu entsprechen, vorgeben, zu sein. Das ist kein Leben aus vollem Herzen, das wir führen, das ist Bemühen darum, in fremdbestimmte Schubladen zu passen.

Ein Leben aus eigenem Antrieb, ein Leben aus vollem Herzen wäre ein Leben, in welchem wir für uns selber einstehen, an uns selber glauben, zu uns selber schauen. Damit nicht gegen andere, aber für uns. Nur so können wir Selbstwirksamkeit erfahren, nur so können wir authentisch leben, nur so können wir als der, der wir sind, geliebt werden. Und nur so ist es möglich, Eigenverantwortung zu übernehmen, da wir das, was wir tun, aus vollem Herzen tun, und dann auch dahinter stehen.

«Und das ist Seele»

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Was bleibt

Ich wasche die Wäsche, ich hänge sie auf,
ich putze das Bad und mach’ den Einkauf,
ich koche das Essen, ich wasch wieder ab,
und zwischendurch bin ich auch meistens auf Trab.

Ich geh’ durch die Strassen, ich habe kein Ziel.
Ich fahr mit dem Bus und ich hab’ das Gefühl,
er führe für mich wo ich nicht hin will.
Ich denke an nichts und doch viel zu viel.

Das ist, was wir Lebenden tagtäglich tun,
und irgendwann werden auch wir einmal ruh’n.
Bis dahin trag ich dich durchs Leben in mir,
Erinnerung hält dich am Leben – jetzt – hier.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – T wie Georg Trakl

Georg Trakl war – er befindet sich da in guter Gesellschaft – ein miserabler Schüler, mehrfach reichten die Noten nicht zur Versetzung, er brach ohne Abschluss ab und begann eine Ausbildung zum Apotheker. Das war insofern praktisch, als er nach dem Schulabbruch mit Drogen zu experimentieren begann und so nun an der Quelle sass. An selbige schloss er sogar noch ein Pharmaziestudium, welches er unter finanziell schwierigen Umständen trotzdem bis zum Master durchzog, nur mit einer Anstellung wollte es nicht klappen. Alkohol und Drogen säumten weiter seinen Weg. Ob es diesen geschuldet war oder schlicht Veranlagung, ist schwierig zu sagen, doch es stellten sich bei ihm mehr und mehr psychische Probleme ein.

Georg Trakl: Traumwandler

Wo bist du, die mir zur Seite ging,
Wo bist du, Himmelsangesicht?
Ein rauher Wind höhnt mir ins Ohr: du Narr!
Ein Traum! Ein Traum! Du Tor!
Und doch, und doch! Wie war es einst,
Bevor ich in Nacht und Verlassenheit schritt?
Weißt du es noch, du Narr, du Tor!
Meiner Seele Echo, der rauhe Wind:
O Narr! O Tor!
Stand sie mit bittenden Händen nicht,
Ein trauriges Lächeln um den Mund,
Und rief in Nacht und Verlassenheit!
Was rief sie nur! Weißt du es nicht?
Wie Liebe klang’s. Kein Echo trug
Zu ihr zurück, zu ihr dies Wort.
War’s Liebe? Weh, daß ich’s vergaß!
Nur Nacht um mich und Verlassenheit,
Und meiner Seele Echo – der Wind!
Der höhnt und höhnt: O Narr! O Tor!

Trakl begann seine lyrische Produktion schon früh, diese trat in den Ausbildungsjahren etwas in den Hintergrund, wurde aber später auch wieder intensiviert. Bei Kriegsausbruch wurde er in den Militärdienst eingezogen, welcher ihm nicht gut bekommen sollte. Einen Suizidversuch konnten seine Kameraden vereiteln, nach einem Fluchtversuch wurde er aufgrund seines Geisteszustands in eine Klinik eingewiesen, wo er durch eine Überdosis Kokain schliesslich starb.

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Bei solchen Lebensumständen verwundern die eher düsteren Gedichte kaum. Themen wie der Tod, die Angst, der Herbst sind vorherrschend, das Dasein wird häufig von seiner grauenvollen Seite gezeichnet, Vergänglichkeit und Untergang sind oft präsent.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Farben sind ein roter Faden in Trakls Werk, meist düstere Farben des Herbst oder aber Blau. Sind die Farben erst noch an Gegenstände geheftet, stehen sie später allein metaphorisch für Stimmungen. Trakls Gedichte leben von einer Bildhaftigkeit und einer Symbolik.

Die Sonne

Täglich kommt die gelbe Sonne uber den Hügel.
Schön ist der Wald, das dunkle Tier,
Der Mensch; Jäger oder Hirt.

Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.

Langsam reift die Traube, das Korn.
Wenn sich stille der Tag neigt,
Ist ein Gutes und Böses bereitet.

Wenn es Nacht wird,
Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;
Sonne aus finsterer Schlucht bricht.

Dass im lyrischen Werk Einflüsse französischer Dichter zu erkennen sind, vor allem Baudelaire und Rimbaud, erstaunt wenig, kam Georg Trakl durch ein französisches Kindermädchen doch schon früh mit ebendieser Literatur in Berührung. Ebenfalls in Berührung kam er wohl mit seiner jüngeren Schwester, Biographen unken von einer inzestuösen Beziehung, das Gedicht Blutschuld scheint ihnen damit recht zu geben:

Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Vergänglichkeit

Ich hab’ ein Schloss aus Luft gebaut,
ich stellte es auf Sand.
Dann hat es Zephyr weggehaucht,
als er zog übers Land.

Bäume wogen, Blätter fallen,
langsam neigt die Zeit
sich mit sonnigem Aufwallen
und der Winter ist nicht weit.

Alles fällt und nichts besteht,
das ist des Lebens Kreis.
Doch immer, wenn das Alte geht,
ein Neues steht bereit.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – S wie Theodor Storm

Schaut man den heutigen Deutschunterricht an, finden sich da vor allem Storms Novellen, seine Gedichte sind kaum erwähnt. Das mutet komisch an, sah sich Storm selber doch vor allem als Lyriker und hatte als ebensolcher auch Verehrer: Thomas Mann lobte die Kraft der «Lebens- und Empfindungsaussagen», welche Storm in einfache Formen giesse, Fontane, Verspotter von Storms Prosa, nannte ihn einen der besten Dichter nach Goethe und Georg Lukács schloss sich dem Lob an.

Ausgangspunkt von Storms Gedichten, so seine eigene Aussage, ist immer das Ereignis. Es geht ihm dabei um Empfindungen, um das aktuelle Erleben und nicht einfach um personifizierte Bilder. Damit ist er in guter Gesellschaft, nannte doch auch Goethe «Gelegenheiten», aktuelles Erleben den Anstoss zu seinen Gedichten. Inspiriert haben ihn dabei sicher Eichendorff und Mörike.

Dahin!

Wie in stille Kammer
Heller Sonnenschein,
Schaut in stille Herzen
Mild die Lieb herein.

Kurz nur weilet die Sonne,
Schatten brechen herein,
Ach, wie so schnell entschwinden
Liebe und Sonnenschein.

Zentrale Motive seiner Gedichte sind die Natur, die Liebe und der Tod. Dabei wählt er oft eine einfache Sprache, ebensolche Metrik und Reimformen. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, seine Lyrik abzuwerten oder gar als seicht zu sehen. Oft zeigen sich wahre Grösse und Können gerade in den einfachen Mitteln.

Nachts

Sternenschimmer, Schlummerleuchten
Hat nun rings die Welt umfangen;
Eingewiegt in tiefen Frieden
Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,
Leise durch den Himmel schwebend,
Alle, die hier unten schieden,
An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens
Nach der letzten Not auf Erden
Tief befriedet, kinderselig
So von dir getragen werden.

Die Liebe, die Storm so oft in seinen Gedichten thematisierte, war natürlich auch in seinem Leben präsent. Die erste Verlobung endete allerdings bald, die Verlobte sprang ab. Der zweite Heiratsantrag war ebenfalls unglücklich, die von ihm Angebetete lehnte ab. Dass er sich schon als 19 Jähriger in die zu dem Zeitpunkt 10 Jährige verliebt hatte, wirft ein zwiespältiges Licht auf den Heiratswilligen. Ich will hier nicht weiter auf die Pädophilie-Vorwürfe eingehen, es gibt dazu eine Biografie, die dieses Thema beleuchtet. Schlussendlich heiratet Storm seine Cousine und hat mit ihr in der Folge 7 Kinder. Dass seine Frau nach der Geburts des siebten Kindes starb, stürzte Storm in tiefe Trauer.

Auf Wiedersehen

Das Mädchen spricht:

Auf Wiedersehn! Das ist ein trüglich Wort! –
O reiß dich nicht von meinem warmen Herzen!
Auf Wiedersehn! Das spricht von Seligkeit
Und bringt mir doch so tausend bittre Schmerzen.

Auf Wiedersehn! Das Wort ist für den Tod! –
Weißt du, wie über uns die Sterne stehen!
Noch schlägt mein Herz, und meine Lippe glüht –
Mein süßer Freund, ich will dich immer sehen.

Du schwurst mir ja, mein Aug bezaubre dich;
Schaut ich dich an, so könntst du nimmer gehen!
Mein bist du ja! – Erst wenn mein Auge bricht,
Dann küß mich sanft und sprich: Auf Wiedersehen!

Die Trauer währte allerdings nicht lange, schon ein Jahr später heiratete Theodor Storm erneut. Fast möchte man sagen, zum Glück, wären doch sonst wohl keine Liebeserlebnisse mehr Pate gestanden für seine wunderbaren Liebesgedichte.

Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well’ um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Oder auch dieses:

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Theodor Storm war aber nicht nur für seine Liebesgedichte bekannt, er drückte auch seine Liebe zu seiner Heimat Husum in immer wieder wunderbaren Gedichten aus:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn’ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm starb 1888 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Erst kurz zuvor hat er noch sein wohl bekanntestes Werk, «Der Schimmelreiter», fertiggestellt. Er hinterlässt ein Werk, das in meinen Augen viel zu gering geschätzt wird, vor allem, was seine Lyrik betrifft.

Trost

So komme, was da kommen mag!
So lang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

#abcdeslesens – R wie Rainer Maria Rilke

Glücklich kann man die Kindheit von René Karl Rilke, wie er ursprünglich hiess, wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Drei Jahre sollte die Beziehung halten, doch verbunden blieben die beiden ein Leben lang, war ihm doch Lou Beraterin, Muse und wichtigste Freundin. Durch sie kam er auch mit der freudschen Psychoanalyse in Kontakt.

Träume, die in Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoss.

Und ich weiss jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn –

Rilke war ein Sprachtalent. Nach einer Reise nach Russland war er vom Land so begeistert, dass er die Sprache lernte – und zwar so gut, dass er sogar auf russisch Gedichte schrieb. Auch Französisch sprach er in einer Qualität, dass in dieser Sprache seine wunderbaren Rosengedichte entstanden. Dänisch kam auch noch dazu, wollte er doch Kierkegård im Original lesen. Wenn wir schon dabei sind, soll auch das Englische nicht unter den Tisch gekehrt werden, Rilke hat Gedichte von Elizabeth Barrett-Browning auf eine wundervolle Weise ins Deutsche übertragen, allerdings ging er da von einer Grundübersetzung und nicht vom Original aus.

Elizabeth Barett-Browning: Wie ich dich liebe?

Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.

(Übersetzt von Rainer Maria Rilke)

Rilkes Werk ist stark geprägt von der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers. Er tritt gegen das christliche Jenseitsdenken ein, sieht die einzige Wirklichkeit im Diesseits offenbart durch die Natur und das menschliche Verhalten und Gefühlsleben. Dass es in Rilkes eigenem Gefühlsleben nicht immer rosig aussah, davon zeugen viele seiner – wie ich finde schönsten – Gedichte:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Einen weiteren, nicht zu verachtenden – ich würde ihn sogar den grössten nennen – Einfluss auf Rilkes Schreiben hatte seine Zeit mit Auguste Rodin. Rodin, so Rilke, habe ihn sehen gelehrt. Und diesen klaren Blick erkennt man auch in seinen Gedichten nach dieser Zeit, sie haben an Bildhaftigkeit, an Tiefe gewonnen.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Eine wirklich glückliche, andauernde Liebe war Rilke leider nicht vergönnt. Zwar säumen verschiedene Frauen sein Leben, waren ihm Geliebte, sogar einmal Ehefrau, oft Gönnerinnen, doch scheint seine grösste Liebe und Leidenschaft immer die Dichtkunst gewesen zu sein. Wie schwer muss es ihn getroffen haben, als diese plötzlich für 12 Jahre versiegte? Zum Glück fand sie wieder zu ihm zurück – man muss es in der Tat so nennen, flogen ihm die Zeilen förmlich zu, in nur vier Tagen hat er den ersten Teil der Sonette an Orpheus zu Papier gebracht. Er selber sah das als das «rätselhafteste Diktat», das er «je ausgehalten und geleistet habe». Nun denn, ein wenig Leistung scheint also doch dabei gewesen sein, wenn auch ein Dichtergeist diktiert zu haben scheint.

Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Mascha Kaléko: Der Eremit

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.[1]

In diesem Gedicht finden sich die typischen Themen Mascha Kalékos: Einsamkeit, Fremdsein, Vertriebensein. Wie oft musste sie den Ort wechseln, konnte nicht bleiben, wo sie war, und fühlte sich am neuen Ort nicht zu Hause. Sie litt zeitlebens unter einem tiefen Gefühl der Heimatlosigkeit.

Ein Mann wird mit Steinen beworfen, er leidet und lächelt trotzdem. Es wird kein frohes Lächeln sein, wohl eher ein resigniertes, ein schmerzvolles, vielleicht aber auch ein Erkennendes. Er wollte authentisch sein, sich geben, wie er war. Gefragt war wohl der Schein, angepasst zu sein. Dem hatte er nicht gehorcht und sah sich nun den Steinen ausgesetzt. Was in ihm vorging, was er dachte, wer er war, interessierte keinen. Die warfen nur Steine und verurteilten sein Anders-Sein.

Keinen kümmerte, wie er sich fühlte, wie er unter ihrer Verurteilung litt. Er zog sich zurück in die Wüste. Sie warfen ihm die Steine hinterher, doch er baute sich ein Haus daraus.

Hier wird eine Welt gezeichnet, in welcher der schöne Schein zählt und in welcher man sich diesem anpassen muss. Tut man dies nicht, wird man beschossen – vielleicht nicht mit Steinen, aber doch mit Unverständnis, Beschimpfungen und Ablehnung. Es kümmert kaum, was im Herzen eines Andersdenkenden vorgeht, sein Leiden wird oft ignoriert. Es gibt zwei Möglichkeiten in dieser Situation: Resignieren oder eine Lösung suchen, wie man mit den Widrigkeiten umgehen, wie man das Beste draus machen kann. Oft einfacher gesagt als getan, zumal der Schmerz des nicht Dazu-Gehörens doch nagt, ist Zugehörigkeit doch ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Der Rückzug in die Wüste ist hier die Suche nach Schutz, nach Sicherheit. Wo keiner mehr ist, kann keiner mehr Steine werfen. Die einen gehen ins äussere Exil, die anderen ins innere. Beiden gemeinsam ist die Einsamkeit, die sie da vorfinden.

Das Gedicht ist traurig in seiner Offenlegung menschlicher Leiden, und doch irgendwie kraftvoll, zeigt es doch einen Weg auf und damit die Hoffnung, dass man zumindest einen Teil auch selber in der Hand hat – nämlich: Was man mit dem, was man vorfindet, macht. Was für eine grossartige Kraft, wenn es gelingt aus den Steinen, die auf einen geworfen werden, ein Haus zu bauen. Diese Kraft muss aus dem Herzen kommen, in das keiner sieht, aus dem unhörbaren Weinen und dem lächelnden Schmerz. Ein Gedicht, das Mut macht.


[1] Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)

Klimawandel

Wasser marsch, die Fluten wogen,
Petrus sprach, der Mensch betrogen,
um sein Heim und Hab und Gut,
dem Petrus gilt nun alle Wut.

«Wie konnt’ er nur, was fiel ihm ein,
das darf doch schlicht nicht möglich sein.
Wir armen Opfer, Waisenknaben,
müssen nun hienieden darben.»

Nur: Wer jetzt noch glaubt, dass Petrus bockte,
und zwar ver- – das Unglück lockte,
da schau er hin und prüf’ genau,
ob nicht auch er ‘ne Umweltsau.

Das Leben ist nicht nur kommödlich,
und es endet meistens tödlich.

©Sandra von Siebenthal