#abcdeslesens – T wie Georg Trakl

Georg Trakl war – er befindet sich da in guter Gesellschaft – ein miserabler Schüler, mehrfach reichten die Noten nicht zur Versetzung, er brach ohne Abschluss ab und begann eine Ausbildung zum Apotheker. Das war insofern praktisch, als er nach dem Schulabbruch mit Drogen zu experimentieren begann und so nun an der Quelle sass. An selbige schloss er sogar noch ein Pharmaziestudium, welches er unter finanziell schwierigen Umständen trotzdem bis zum Master durchzog, nur mit einer Anstellung wollte es nicht klappen. Alkohol und Drogen säumten weiter seinen Weg. Ob es diesen geschuldet war oder schlicht Veranlagung, ist schwierig zu sagen, doch es stellten sich bei ihm mehr und mehr psychische Probleme ein.

Georg Trakl: Traumwandler

Wo bist du, die mir zur Seite ging,
Wo bist du, Himmelsangesicht?
Ein rauher Wind höhnt mir ins Ohr: du Narr!
Ein Traum! Ein Traum! Du Tor!
Und doch, und doch! Wie war es einst,
Bevor ich in Nacht und Verlassenheit schritt?
Weißt du es noch, du Narr, du Tor!
Meiner Seele Echo, der rauhe Wind:
O Narr! O Tor!
Stand sie mit bittenden Händen nicht,
Ein trauriges Lächeln um den Mund,
Und rief in Nacht und Verlassenheit!
Was rief sie nur! Weißt du es nicht?
Wie Liebe klang’s. Kein Echo trug
Zu ihr zurück, zu ihr dies Wort.
War’s Liebe? Weh, daß ich’s vergaß!
Nur Nacht um mich und Verlassenheit,
Und meiner Seele Echo – der Wind!
Der höhnt und höhnt: O Narr! O Tor!

Trakl begann seine lyrische Produktion schon früh, diese trat in den Ausbildungsjahren etwas in den Hintergrund, wurde aber später auch wieder intensiviert. Bei Kriegsausbruch wurde er in den Militärdienst eingezogen, welcher ihm nicht gut bekommen sollte. Einen Suizidversuch konnten seine Kameraden vereiteln, nach einem Fluchtversuch wurde er aufgrund seines Geisteszustands in eine Klinik eingewiesen, wo er durch eine Überdosis Kokain schliesslich starb.

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Bei solchen Lebensumständen verwundern die eher düsteren Gedichte kaum. Themen wie der Tod, die Angst, der Herbst sind vorherrschend, das Dasein wird häufig von seiner grauenvollen Seite gezeichnet, Vergänglichkeit und Untergang sind oft präsent.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Farben sind ein roter Faden in Trakls Werk, meist düstere Farben des Herbst oder aber Blau. Sind die Farben erst noch an Gegenstände geheftet, stehen sie später allein metaphorisch für Stimmungen. Trakls Gedichte leben von einer Bildhaftigkeit und einer Symbolik.

Die Sonne

Täglich kommt die gelbe Sonne uber den Hügel.
Schön ist der Wald, das dunkle Tier,
Der Mensch; Jäger oder Hirt.

Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.

Langsam reift die Traube, das Korn.
Wenn sich stille der Tag neigt,
Ist ein Gutes und Böses bereitet.

Wenn es Nacht wird,
Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;
Sonne aus finsterer Schlucht bricht.

Dass im lyrischen Werk Einflüsse französischer Dichter zu erkennen sind, vor allem Baudelaire und Rimbaud, erstaunt wenig, kam Georg Trakl durch ein französisches Kindermädchen doch schon früh mit ebendieser Literatur in Berührung. Ebenfalls in Berührung kam er wohl mit seiner jüngeren Schwester, Biographen unken von einer inzestuösen Beziehung, das Gedicht Blutschuld scheint ihnen damit recht zu geben:

Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

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