Christian Morgenstern: Nachts im Wald

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Nachts im Wald
(1906)

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuss nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man von der Angst geplagt ist

Ab und an fühlen wir uns verloren: Wo geht der Weg hin? Oft blockiert man sich auch selber mit seinen Ängsten, traut sich kaum, weiter zu gehen, man könnte fallen, man könnte scheitern, man könnte unter gehen. Doch: Wenn man nie den nächsten Schritt wagt, wird man nie sehen, wohin alle Schritte führen könnten. Deswegen hilft es ab und an, zurückzudenken, sich daran zu erinnern, dass man schon Schritte wagte, dass es gut kam! Und mit der Zuversicht dieser Erinnerung kann man dann den nächsten Schritt wagen.

 

Bertolt Brecht: Sonett Nr. 19

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Sonett Nr. 19

Nur eines möchte ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst

Und wenn du blind wärst, möchte ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt, als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Lass mich, denn ich bin verwundet!“
So gilt kein „Irgendwo“ und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

(1939)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Man kennt Brecht mehrheitlich anders, zynischer, politischer – aber: Er kann auch so. Eines meiner liebsten Liebesgedichte!

Liebe ist, wenn man auch in dunklen Stunden zueinander steht. Sie ist, wenn man sich dem anderen mit all seinen Schwächen zeigen kann und weiss, er ist da. Gebraucht zu werden und zu brauchen mögen unfrei machen, nur:  Was nützt schon alle Freiheit, wenn man am Schluss alleine ist, ungeliebt, nicht liebend? Udo Jürgens sang dazu mal: „Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist alleine…“. Tief im Herzen wollen wir wohl alle das gleiche.

Mascha Kaléko: Memento

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

(1945)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn jemand gestorben ist oder schwer krank ist

Es gibt wenig, das schwerer wiegt, als der Gedanke an ein Leben ohne die, welche man liebt.

(Zitiert nach Mascha Kaléko, Sämtliche Werke und Briefe, S. 227)

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

E.T.A. Hoffmann, Lisbeth Zwerger: Der Nussknacker

ZwergerNussknackerHeilig Abend steht vor der Tür, die Kinder sind voller Erwartungen, was für sie auf dem Gabentisch liegt. Sie werden nicht enttäuscht; Bilderbbücher, Süssigkeiten und Spielzeug warten auf sie. Plötzlich entdeckt Marie einen kleinen Mann mit grossem Kopf und kleinem Körper: Ein Nussknacker. Weil er Marie so gut gefällt, darf sie ihn behalten. Bis alle ins Bett gehen, hat der arme Nussknacker allerdings alle Zähne verloren vom vielen Knacken der Nüsse. Marie will ihn drum besonders weich betten, damit er sich erholen kann.

Die Nacht bricht ein und plötzlich regt sich was, es wispert und flüstert und raschelt. bald sieht sich Marie umgeben von einem Mäuseheer, angeführt vom siebenköpfigen Mausekönig. Der Nussknacker ruft die anderen im Zimmer zu Hilfe – die Mäuse müssen bekämpft werden.

Am nächsten Morgen ist Marie krank. War alles nur ein Fiebertraum? Steckt doch mehr dahinter? Ein wunderbares Märchen für Gross und Klein!

E.T.A. Hoffmann erfand die Geschichte vom Nussknacker ursprünglich für die Tochter eines Freundes: Marie Hitzig. Realität und Phantasie gehen eine wunderbare Verbindung ein, indem Marie, selber mit einer reichen Phantasie ausgestattet, zur Protagonistin eines Märchens wird, das voller Magie ist, dabei aber auch immer eine Spur Witz mit sich trägt.

Lisbeth Zwerger hat die Geschichte mit ihren Illustrationen grossartig eingefangen. Mit klaren Linien, einer gedämpften Farbpalette und dem feinen Sinn für die Details entwickeln sich ihre Bilderwelten. Man kann sich nicht satt sehen an den Zeichnungen, die viel mehr sind als blosse Wiedergabe des Textes, sondern immer tiefer gehen.

Fazit:
E.T.A. Hoffmanns wunderbare Geschichte wurde gekonnt gekürzt und grossartig illustriert – ein Genuss für alle Sinne, für Gross und Klein. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und die Mitwirkenden
E.T. A. Hoffmann kam am 24. Januar 1776 als Sohn eines Hofgerichtsadvokaten in Königsberg zur Welt. Der Jurist und Richter war ein künstlerisches Multitalent: Er arbeitete unter anderem als Komponist und Kapellmeister, Zeichner und Literat. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 an einer schweren Krankheit in Berlin. Er hat mit seinen tiefenpsychologisch geprägten Erzählungen der deutschen Romantik Weltgeltung verschafft.

Susanne Koppe studierte Germanistik, Pädagogik und Psychologie in München sowie Children’s Literature am Simmons College in Boston. Sie leitet eine Agentur für Autoren und Illustratoren. Susanne Koppe lebt und arbeitet in Hamburg und Wien.

Lisbeth Zwerger, geboren 1954 in Wien. Sie gewann mit ihren zahlreichen Werken unter anderem zweimal den Goldenen Apfel der Internationalen Biennale für Illustration in Bratislava und dreimal den Preis der ‚New York Times‘ für die zehn bestillustrierten Bücher. Für ihr Lebenswerk wurde sie mit dem H. C. Andersen Preis ausgezeichnet, der als Nobelpreis der Kinder- und Jugendliteratur bezeichnet wird.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 40 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (26. September 2016)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3-314-10413-8
Preis: EUR 16.99 / CHF 23.90
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Walter Moers: Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Keine Frage: SIe führte ein anstrengendes und entbehrungsreiches, aber auch ein aussergewöhnliches und interressantes Leben. „Meine Gedanken sind meine Freunde“, dachte die Prinzessin. „Desegen bin ich niemals allein.“

MoersInsomniaPrinzessin Insomnia leidet unter einer schweren Schlafkrankheit. Teilweise kann sie ganze Wochen nicht schlafen, kein Mittel hilft. Zwar war diese Schlaflosigkeit sehr anstrengend und die Prinzessin litt auch dann und wann darunter, sie brachte aber auch Vorteile mit sich: Ihre Sinne wurden geschärft. So konnte sie nach drei schlaflosen Nächten das Gras wachsen hören, nach vier Musik riechen, nach neun Tagen Farben schmecken – und noch vieles mehr. Sie sah auch Gestalten, die nur für sie sichtbar waren und auch das nur nach einer bestimmten Anzahl schlafloser Nächte. Gerne hätte sie darüber eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, nur: Wer sollte ihr glauben?

So geht das Leben der Prinzessin dahin, meist schläft sie nicht und erlebt die märchenhaftesten Dinge, hat die speziellsten Begegnungen, dann wieder schläft und träumt sie und erlebt ebensolches. Als Leser blättert man sich so durch die Seiten und fragt sich, wo eigentlich die Geschichte ist? Prinzessin Insomnia mutet ein wenig an wie die Aneinanderreihung sehr phantasievoller Gegebenheiten und auch wirklich zauberhafter Ideen, aber es fehlt das packende Element, ein Motiv, das zu einem Ziel hinführen würde.

Prinzession Insomnia ist der siebte Zamonienroman. Dabei verzichtet er aber auf alles, was ihn mit den vorhergehenden Bänden verknüpfen würde. Zamonien ist – würde es am Anfang nicht erwähnt – nicht existent, die Geschichte spielt sich mehr oder weniger in Prinzessin Dylias Innern ab. Das hat allerdings den Vorteil, dass man für dieses Buch die sechs Vorgänger nicht kennen muss.

Was an dem Buch bezaubert, sind die schönen Illustrationen von Lydia Rode. Die farbenfrohen, märchenhaften, filigranen und phantasievollen Zeichnungen sind wunderbar.

Fazit:
Eine etwas langweilige, aber durchaus phantasievolle Geschichte, welche wunderbar illustriert ist.

Der Autor und die Illustratorin
Walter Moers ist der Schöpfer vieler erfolgreicher Welten und Charaktere. Von ihm stammen unter anderem die Comicwelten um „Das kleine Arschloch“ und dem „Alten Sack“, „Adolf, die Nazisau“ und die Figur des Käpt`n Blaubär. Seit fast 20 Jahren schreibt er fantastische Romane, die auf dem Kontinent Zamonien spielen. Dazu gehören unter anderem die internationalen Bestseller „Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“ und zuletzt „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“. „Prinzessin Insomnia“ ist der siebte Zamonienroman.
Lydia Rode lebt, malt und zeichnet in Berlin. Ihre Aquarelle für „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ sind ihre ersten veröffentlichten Illustrationen.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 344 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (28. August 2017)
ISBN-Nr: 978-3813507850
Preis: EUR 24.99 / CHF 36.90
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Jahrbuch der Lyrik 2015 (Rezension)

Jahrbuch15Im Jahr 2015 war es bereits das 35. Jahr, in welchem das Jahrbuch der Lyrik herausgekommen ist. Ziel der jeweiligen Ausgaben ist es, Gedichte aus der aktuellen Zeit zu vereinen und so dem Leser einen Eindruck zu geben vom zeitgenössischen Dichten und Denken der Lyriker.

Es finden sich im vorliegenden Band Gedichte, die sich mit der Zeit und den Menschen, mit den politischen Verhältnissen und dem Leiden unter ihnen auseinander setzen. Es finden sich aber auch Gedichte, welche den Mensch an sich thematisieren mit seinem Leiden, seinem Denken, seinem Sein in dieser Welt.

Aus über 1000 Einsendungen haben Christoph Buchwald und Nora Gomringer einen interessanten Ausschnitt ausgesucht und präsentieren damit eine grosse Bandbreite an Zeitgenössischer Lyrik – thematisch, formal und sprachlich.

Fazit:
Ein breiter Ausschnitt zeitgenössischen Dichtens. Sehr empfehlenswert für jeden Lyrik-Interessierten.

Die Herausgeber
Christoph Buchwald, geboren 1951 in Tübingen, ist seit 1979 ständiger Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und experimentellen Komposition war er als Lektor tätig und hat dabei zahlreiche Lyriker begleitet. Heute ist er Verleger des literarischen Verlags Cossee in Amsterdam.

Nora Gomringer, Jahrgang 1980, ist Schweizerin und Deutsche, schreibt Lyrik und für Radio und Feuilleton. Seit 2000 hat sie sechs Lyrikbände und eine Essay-Sammlung bei Voland & Quist veröffentlicht. Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt vor. Zuletzt wurden ihr der Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) und der August-von-Platen-Preis (2013) zugesprochen. Sie hatte die Poetikdozenturen in Landau, Sheffield und in Kiel inne und lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt (23. Februar 2015)
ISBN-Nr: 978-3813507850
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
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Die Ungelesenen

Im Artikel „Gute Bücher, schlechte Bücher“ (Hier) kündigte ich an, dass ich fortan auch Bücher vorstellen will, die ich nicht lesen konnte. Die Gründe dafür können mannigfaltig sein, sie sind aber meist eine durchaus persönliche Einschätzung und nicht zwangsläufig ein Qualitätsurteil für das Buch.

Ich werde diese Bücher nicht mehr einzeln behandeln, sondern ab und an eine Zusammenfassung meiner Ungelesenen präsentieren. Mich würde natürlich interessieren, was andere zu diesen Büchern zu sagen haben. Es ist, wie ich finde, immer spannend, wie unterschiedliche Menschen Bücher unterschiedlich lesen. Hier die erste Präsentation meiner Ungelesenen:

Ingrid Noll: Halali

Klappentext
NollHalaliKarin und Holda sind Kolleginnen und teilen sich das Büro. Vor allem aber verbringen die beiden ihre Freizeit miteinander und teilen ihre Geheimnisse bei der Suche nach dem richtigen Mann. Gerade ist Bonn Hauptstadt geworden, und im Innenministerium gibt es viel zu tun, nicht nur im Vorzimmer, sondern auch in der Dunkelkammer. Ihr Alltag wird immer spannender – und immer gefährlicher: Schon bald haben sie es nicht nur mit toten Briefkästen, sondern auch mit toten Agenten zu tun. Manchmal hilft nur noch Gegenspionage, um die eigene Haut zu retten.

Halali ist eine originelle Mischung aus Kriminalkomödie und Agentenroman. Die große Politik trifft auf die Sehnsucht nach dem kleinen Glück.

Beurteilung
Da ich Ingrid Noll immer liebte, freute ich mich sehr auf das Buch – und war sehr enttäuscht. Das Problem, das ich beim Lesen hatte, war, dass die Geschichte nicht losging. Der Text wirkte wie ein Geplauder aus dem Nähkästchen, er war eine Ansammlung von Rückblicken und Bewertungen von Heute und Gestern, alles sehr wirr, in die Länge gezogen, ohne Tempo, Witz oder Charme. Wenn ich nun den Klappentext lese, wirkt allerdings auch schon der eher wirr. Man hätte es vielleicht wissen können, aber eben: Meine Erwartungen an die Autorin, die mir schon so viele tolle Lesestunden geschenkt hat, liessen mich blind zum Buch greifen. Ich habe nach – ich gebe es zu – kläglichen 20 Seiten aufgegeben.

Fazit:
Ein vom Einstieg in die Geschichte her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin
Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. ›Die Häupter meiner Lieben‹ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet und, wie andere ihrer Romane, auch erfolgreich verfilmt. 2005 erhielt sie zudem den ›Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren‹ für das Gesamtwerk.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Juli 2017)
ISBN: 978-3257069969
Preis: EUR 22 / CHF 33.90
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Karin Schneuwly: Glück besteht aus Buchstaben

Klappentext
SchneuwlyWir lesen aus Interesse, aus Vergnügen, aus Wissbegier. Die Gebanntheit, das Staunen, das innerliche Zittern, das wir als Kinder erlebten, daran erinnern wir uns vage. Karin Schneuwly erzählt in ihrem Leseverführer von diesem Gefühl und erweckt es zu neuem Leben. Als Kind eroberte sie sich die Welt der Literatur gegen alle Widerstände ihrer Familie und der Umwelt und las manisch jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Anhand ihrer Lektüren von „Heidi“ bis zu „Krieg und Frieden“ lässt Schneuwly diese Verzauberung neu entstehen, die Neugier und die Jagdlust, die einen nie wieder loslassen. Eine wunderbar erzählte Buch- und Büchergeschichte, die selbst das Glücksgefühl hervorruft, das nur Lesen bewirkt.

Beurteilung
Schon die ersten zwei Sätze liessen mich stutzen:

Mein Vater hat keine Bücher gelesen. Deshalb kann ich heute nicht genau sagen, wer er war.

Zeigt sich das Wesen von Menschen nur in ihrer Lektüre? Eine merkwürdige Ansicht, vor allem in Bezug auf den eigenen Vater. Auch die Mutter wird über ihr Leseverhalten definiert, die Grossmutter allerdings nicht, da sind Bücher kein Thema, die scheint dann doch auf einem anderen Weg wahrgenommen zu werden. Nach seitenlangen Beschreibungen von dörflicher Landidylle mit Hühnern, Klos und Kartoffelkellern, gestorbenen Grossvätern und deren Krankheiten sowie weitere merkwürdigen Taxierungen verschiedener Verwandter habe ich das Buch abgebrochen. Diese Buchstaben haben mir leider kein Glück verschafft.

Fazit:
Ein für mich wenig überzeugendes Buch, da die vorgebrachten Bewertungen nicht nachvollziehbar und die Beschreibungen schlicht langweilig waren.

Zur Autorin
Karin Schneuwly, geboren 1970, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie arbeitete für Verlage und war Ko-Programmleiterin im Literaturhaus Zürich. Seit 2010 ist sie Texterin, Lektorin und Korrektorin. Glück besteht aus Buchstaben ist ihr erstes Buch.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche Verlag (21. August 2017)
ISBN: 978-3312010417
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
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Meine beste Freundin: Geschichten – Gedichte – Briefe

Klappentext
FreundinDie beste Freundin ist ein besonderer Mensch. Bei ihr findet man Freiraum, Vertrauen, Respekt, Nähe, Verständnis, Zuwendung, Akzeptanz, Seelenverwandtschaft und Liebe. Mit ihr kann man sich über alles austauschen: über die eigenen Gedanken und Gefühle, über Berufliches, über Poesie, Literatur, Philosophie. Sie ist die engste Vertraute und Beraterin in allen Lebensfragen.

Zahlreiche literarische Texte wie Briefwechsel, Tagebucheintragungen, biographische Schriften oder Gedichte geben durch die Jahrhunderte hindurch intime Einblicke in die besondere Beziehung zur besten Freundin. Und zeigen: einzigartig und unersetzlich war sie schon immer. Man diskutiert damals wie heute persönliche wie gesellschaftliche Perspektiven, politische Fragen, die Rolle der Frau, spricht über Sehnsüchte, Liebe, Begehren und die Möglichkeiten zu Veränderungen im eigenen Leben.
Mit Briefen von Rosa Luxemburg an Clara Zetkin, Paula Modersohn-Becker an Clara Rilke-Westhoff, Vita Sackville-West an Virginia Woolf, Erika Mann an Lotte Walter-Lindt, Texten von Doris Lessing, Jane Austen, Elena Ferrante und Erinnerungen von Lillian Hellman über Dorothy Parker, Nadeschda Mandelstam über Anna Achmatowa u. v. m.

Beurteilung
Vielleicht scheiterte ich auch hier an zu hohen Erwartungen. Freundschaften sind etwas Wunderbares und ich wollte mehr über beste Freundinnen erfahren. Gefunden habe ich aber eine – wie mir schien – wahllose Zusammenstellung von (mehrheitlich) Briefen. In der Einnleitung erfuhr man kurz über die Hintergründe zur Freundschaft und zum Brief, dann stand dieser für sich da. Alle Briefe, die ich gelesen habe, haben wenig über die Freundschaft von Schreibender und Empfängerin ausgesagt. Zwar fanden sich teilweise interessante Gedanken oder auch persönliche Einsichten der Schreibenden, alles in allem war es aber zu wenig, um mich zu fesseln. Vielleicht sollte man das Buch nicht in einem Zug lesen wollen, sondern eher zwischendurch sich einen Brief vornehmen, nur: Mir erschloss sich der Sinn nicht ganz, wieso ich das tun sollte.

Fazit:
Der Ansatz, an das Thema Freundschaft heranzugehen, hat mich schlicht nicht überzeugt.

Die Herausgeberinnen
Klaudia Ruschkowski, Autorin, Kuratorin, Dramaturgin und Übersetzerin, lebt in Volterra, Italien und Berlin. Sie konzipiert Kunst- und Literaturprojekte und ist als Hörspielautorin tätig. Sie übersetzt aus dem Italienischen und Englischen, zuletzt Etel Adnan, Giuseppe Zigaina, Vincenzo Latronico.
Anna Schloss studierte Slavistik, Kulturanthropologie und Buchwissenschaft in Mainz. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Wiesbaden. Auswahl und Mitherausgabe diverser Lyrik- und Prosa-Anthologien, u. a. von Anton Tschechow, Christian Morgenstern, Guy de Maupassant, Liebesgedichte großer Männer.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1 (18. August 2017)
ISBN: 978-3737410588
Preis: EUR 18 / CHF 26.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ich merke, dass es mir nicht ganz leicht fällt, Bücher zu beschreiben, die ich nicht mochte. Zwar ist es meine ehrliche Meinung und zu der stehe ich auch, aber erstens befasse ich mich ungern länger als nötig mit Dingen, die ich nicht mag, zweitens liegt es mir schlicht besser, positive Dinge zu sagen.

Literatur im Netz – 9. September 2017

Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Was Vielleser nicht gelesen haben

5000 Bücher seien das Maximum an Büchern, die man im Leben lesen kann. Dies das Ergebnis einer Untersuchung. 10 Vielleser gestehen hier, welche Werke sie bislang NICHT gelesen haben – und das aus verschiedenen Gründen.

Der Artikel: HIER

Frauenkrimis fördern

Die Mörderischen Schwestern finden, Frauenliteratur kriege zu wenig Aufmerksamkeit, weil die Jurys so zusammengesetzt seien, dass Männer besser portiert würden. Sie haben darum acht Frauenkrimis gewählt und stellen sie vor.

Der Artikel: HIER

Digitales versus analoges Lesen

Wie verändern die digitalen Möglichkeiten das Leseverhalten?

Der Artikel: HIER

Oskar Maria Graf

Seit 50 Jahren ist Oskar Maria Graf tot. In München findet noch bis am 5. November eine Ausstellung zu seinen Ehren statt.

Der Artikel: HIER

Augen auf bei der Verlagssuche

Da sitzt man nun und hat sein Buch geschrieben, nun bräuchte man nur noch einen Verlag. Gar nicht so einfach, den zu finden, zumal es in der Verlagsbranche durchaus schwarze Schafe gibt.

Der Artikel: HIER

Lesen macht süchtig

Früher galt Lesen als gefährlich, aber wenn ich von Rausch, Sucht und Schlafverzicht lese, scheint es in der Tat seine Tücken zu haben. Aber lest selber:

Der Artikel: HIER

Bachmann und Celan – eine nicht lebbare Liebe

Zwei Grössen der Literatur, zwei, die sich liebten, sich schrieben, ihre Liebe aber nicht leben konnten. Helmut Böttiger studierte ihre Briefe und kommt zum Schluss, dass die Liebe nicht alltagstauchlich gewesen sei.

Der Artikel: HIER

150 Bücher, die man gelesen haben muss

Ich bin ja grundsätzlich der Meinung, dass es kein Buch gibt, das man gelesen haben MUSS, aber natürlich ganz viel wunderbare, die ich als lesenswert und Bereicherung empfinde. Trotzdem finde ich Listen immer wieder spannend, da sie inspirieren und man sich dazu Gedanken machen kann.

Der Artikel: HIER

Iris Radisch zum Deutschen Buchhandlungspreis

„Der Buchhandlungspreis ist es eine Mischung aus Anerkennung und Förderung“ – und weil Buchhandlungen wunderbar sind und nicht genügend gewürdigt werden können, hier nochmals ein Artikel dazu.

Der Artikel: HIER

John Ashbery ist tot – ein Nachruf

Am 3. September starb der Lyriker John Ashbery.
«Wenn mir ein Gedicht gefällt, dann empfinde ich es. Es kümmert mich nicht sonderlich, was es bedeutet».
Ein schöner Nachruf in der NZZ.

Der Artikel: HIER

Ich setze auch diese Woche einen drauf:

Alex Capus über die Historie – und sein Schreiben

Ich habe ihn bei einer Lesung erlebt, die ich moderieren durfte. Ein spannender Mensch, ein offener Mensch, ein Mensch, der sich Gedanken macht. Wieso er kaum über Frauen schreibt? Wie genau er es mit der Geschichte nimmt?

Der Artikel: HIER

Rudyard Kipling, Aljoscha Blau: Das Dschungelbuch (Rezension)

Die Mowgli-Geschichten

Ruft Chil der Greif: Die Nacht ist reif!
Trägt Mang sie auf Fledermausflügeln.
Im Stall geborgen sind die Herden bis morgen,
doch uns vermag keiner zu zügeln.
Denn die Stunden der Nacht
sind die Stunden der Macht
für Reisszahn, Klaue und Pfote.
Glück auf nun zur Jagd, bis es dämmert und tagt!
Und achtet des Dschungels Gebote!
(Nachtgesang im Dschungel)

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Mowgli, des Findelkindes, das bei wilden Tieren im indischen Dschungel aufwächst. In einer Reihe von Erzählungen sieht man die Entwicklung von Mowgli vom kleinen hilflosen Kind hin zum verspielten Jungen und schliesslich zum Herrn über die Tierwelt.

Das hier vorliegende Buch fasst die bekanntesten dieser Erzählungen zusammen. Mit Mowgli erlebt man die verschiedensten Abenteuer, immer mit dabei sind auch der Panther Bagheera als Beschützer und der Bär Baloo, der Mowgli beibringt, was man im Dschungel wissen muss. Es sind Geschichten über die Gefahren des Lebens, aber auch Geschichten über Freundschaft, Respekt und Geborgenheit.

In der letzten Geschichte heisst es dann: Abschied nehmen. Mowgli verlässt den Dschungel und geht in die Zivilisation zurück.

Ein wunderbares Buch, das von Aljoscha Blau neu illustriert wurde. Der schöne Leineneinband sowie das hochwertige Papier machen aus dem Leseerlebnis auch eine Sinnenfreude. Ein Buch, das man gerne immer wieder zur Hand nimmt, drin blättert, über die Seiten fährt, die Bilder bestaunt und liest. Nicht nur als Kind.

Fazit:
Die Geschichten des kleinen Mowgli wunderbar neu illustriert. Absolut empfehlenswert.

Die Mitwirkenden
Rudyard Kipling wurde 1865 in Bombay geboren und ging in England zur Schule. Kipling reiste viel und lebte in Indien, England, Südafrika und in den USA. Er arbeitete als Journalist und schrieb Kurzgeschichten für verschiedene Zeitungen. Als die Dschungelbücher 1894 und 1895 erschienen, war Kipling bereits einer der bekanntesten Schriftsteller Großbritanniens. 1907 erhielt er als erster Brite den Nobelpreis für Literatur.

Aljoscha Blau, 1972 in St. Petersburg geboren, studierte Illustration und Freie Grafik in Hamburg. Er stellte in Europa, Japan, Neuseeland und in den USA aus und hat zahlreiche Bücher illustriert. Gelegentlich unterrichtet er Illustration und Zeichnen an Kunsthochschulen in Dänemark und Deutschland. Der vielfach preisgekrönte Illustrator wurde unter anderem bereits je zweimal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis ausgezeichnet und erhielt 2006 den Bologna Ragazzi Award. Aljoscha Blau lebt heute als freier Künstler in Berlin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (17. September 2015)
Übersetzer: Wolf Harranth
ISBN-Nr: 978-3314102929
Preis: EUR 26 / CHF 31.90
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Literatur im Netz – 26. August 2017

Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Bücher im Café

Der Kaffeehaussitzer liest gerne in Kaffees – der Name verrät es schon –, liest Bücher und bloggt darüber. Er hat Karla Paul ein Interview dazu gegeben

Der Artikel: HIER

Mit Adam Zagajewski durch Krakau

Der wohl wichtigste polnische Lyriker zeigt seine Heimat Krakau.

Der Artikel: HIER

Äsops Fabeln

Tierfabeln, die unterhalten, dabei aber eine tiefere Botschaft mit sich bringen – Weisheiten in Geschichten verpackt, damit der Leser etwas fürs Leben lernt.

Der Artikel: HIER

Ägypten in Zeiten des Umbruchs – eine Schriftstellerin erzählt

Die Autorin Mansura Eseddin erzählt über Ihre Heimat, die politische Situation und die Funktion von Literatur für sie.

Der Artikel: HIER

Wenn Literatur Brücken baut

Das Literaturfest »Poetische Quellen« in Bad Oeynhausen und Löhne sowie die »Sarajevoer Poesietage« wollen in Zukunft zusammenarbeiten. Der Autor Dzevad Karahasan hat daran massgeblichen Anteil und er spricht darüber.

Der Artikel: HIER

Sketchnotes – Notizen aufgepeppt

Wer genug hat von den ewig gleichen langweiligen Notizen, für den gibt es Sketchnotes. Man muss dafür nicht Picasso sein, und: Man kann es lernen. Zum Beispiel mit dem Buch hier.

Der Artikel: HIER

Die Interior-Design-Welt der Buchblogger

Buchbloggern scheint es nicht mehr so sehr um Literatur zu gehen, sondern um die ästhetische Präsentation des Leseerlebnisses.. Habe ich bei Instagram genauso gefühlt und bewege mich drum ein wenig weg da. Was denkt ihr dazu??

Der Artikel: HIER

Buchblog-Award

Welcher Buchblog hätte einen Award verdient? Es winken Preise.

Der Artikel: HIER

Kindern Lesefreude vermitteln

In Wien gibt es im Wiener Allerhgeiligenpark eine Leseaktion. Unter dem Motto „Wer sich auf die Decke setzt, ist willkommen“ soll Kindern Freude am Lesen vermittelt werden.

Ein Projekt, das man vielleicht auch an anderen Orten starten könnte?!

Der Artikel: HIER

Der Zeichner und Autor Hans Traxler im Gespräch

Jeder kennt sie wohl, die Zeichnung, die aus Helmut Kohl eine Birne machte. Ihr Schöpfer erzählt, wie er auf die Idee kam.

Der Artikel: HIER

Auch heute wieder eine Zugabe:

Max und Moritz – wer kennt sie nicht?

Ein Artikel über die Geschichte des Comics, die natürlich auch Max Buschs „Max und Moritz“ ins Visier nimmt.

Der Artikel: HIER

Vitali Konstantinov: FMD (Rezension)

Leben und Werk von Dostojewski

Mit diesem Buch gehen mir zwei Träume in Erfüllung: meinen Lieblingsschriftsteller zu illustrieren und mich ausgiebig mit dem Genre Graphic Novel zu beschäftigen.

Fjodor Dostojewski, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, durchlebte ein bewegtes Leben, das sich selber wie ein Roman liest: Kindheitstrauma, Verlust der Mutter, vom Vater verordneter Beruf statt Schriftstellerlaufbahn, Verhaftung und Straflager, Spielsucht und Alkohol, Schulden, um nur einige Punkte daraus zu nennen. Eines aber verfolgte er trotz allem immer: Sein Schreiben. Entstanden sind so all die grossartigen Werke der Weltliteratur: Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Brüder Karamasow und viele mehr.

Vitali Konstantinov verbindet in seiner Graphic Novel FMD Leben und Werk des grossen Literaten auf eine wunderbare Weise. In dichten Tuschezeichnungen arbeitet er sich dem Leben Dostojewiskis entlang, illustriert die wichtigen Punkte in diesem und ordnet die einzelnen Werke mitsamt illustriertem Inhalt in dieses ein.

Ich entdecke Dostojewski immer wieder für mich, bewundere ihn als einen grossen Schriftsteller und Sprachkünstler, als einen Präparator der menschlichen Seele und auch als einen unbeirrt unbeugsamen Freiberufler.

Wer denkt, in nur 80 Seiten könne kaum viel drin stehen, täuscht sich. Durch die ineinander übergehenden und sich gegenseitig ergänzenden Bilder und Texte zum Leben und Werk Dostojewiskis entsteht eine grosse Dichte an Inhalten. Romanzitate, Stellen aus Briefen und Tagebüchern, die Konstantinov selber übersetzt und quasi als Collagen in die Bilderwelt integriert hat, liefern eine Fülle von Informationen und Einblicken. Entstanden ist so ein wahres Kunstwerk von einem Buch, das man mehr als einmal lesen kann und muss, um alles zu sehen und aufzunehmen.

Fazit:
Ein wunderbar dichtes und grossartig illustriertes Buch über das Leben und Schaffen Dostojewskis. Absolut empfehlenswert.

Vitali Konstantinov
Vitali Konstantinov, 1963 geboren bei Odessa, Ukraine, studierte Kunst und Architektur in Russland, Grafik, Malerei und Byzantinische Kunstgeschichte in Deutschland. Er unterrichtete Buch illustration u. a. an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Bücher erhielten zahlreiche Preise, u. a. die Auszeichnung ‚Schönstes deutsches Buch‘ von der Stiftung Buchkunst für Seltsame Seiten.

Ein Interview mit Vitali Konstantinov: HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 80 Seiten
Verlag: Knesebeck Verlag (12. Oktober 2016)
ISBN-Nr: 978-3868738506
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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J. M. Coetzee: Schande (Rezension)

Sein Leben spielt sich im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten ab. Ob er glücklich ist? Nach den meisten Wertmassstäben, ja, er glaubt es jedenfalls.

David Lurie, 52, zweimal geschieden, Vater einer Tochter, unterrichtet an der Universität mässig interessierte Studenten und lebt daneben ein Leben in eingefahrenen Bahnen. An die Liebe für sich glaubt er nicht mehr, was er sexuell braucht, holt er sich in Affären oder bezahlten Stelldicheins. Eine Affäre mit einer Studentin bringt ihn in Ungnade und er muss seine Stelle an der Universität künden. Er verlässt Kapstadt und zieht vorübergehend zu seiner Tochter Lucy, welche weit ab der ihm vertrauten Zivilisation eine kleine Farm betreibt – ein Unterfangen, das nicht ungefährlich ist für eine alleinstehende Frau und das er als Vater nicht verstehen kann. Trotzdem schickt er sich in das Farmleben und merkt, wie es ihn verändert.

CoetzeeSchandeWie schon Die jungen Jahre lebt Schande von den inneren Monologen des Protagonisten und besticht durch eine einfache, fliessende Sprache. J. M. Coetzee erzählt die Geschichte David Luries aus dessen Perspektive. Als Leser kann man diesem beim Denken zusehen, sieht, wie er sich und sein Tun hinterfragt und auch grundsätzliche Überlegungen zum Leben anstellt. Lurie ist ein sehr körperfixierter Mensch, der andere Menschen vordergründig nach deren Optik einordnet und auch verurteilt, wenn sie seinen Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Luries Tochter erscheint als das pure Gegenteil ihres Vaters, was sich in ihrer vernachlässigten Erscheinung (die der Vater mehrfach analysiert) ausdrückt, aber auch in ihrem Leben auf dem Land. Durch das Zusammenleben der beiden und die Situationen, in die sie geraten, merkt man aber, dass sie durchaus gewisse Züge gemeinsam haben: Beide halten sie stur an einer Sicht fest und lassen sich ungern dreinreden. Beide haben sie eine grosse Portion Trotz in ihrem Verhalten und verharren in Sichtweisen, die sie vor sich begründen, anderen aber nicht begreiflich machen können.

Schande ist ein grossartiges Buch über menschliche Beweggründe, menschliche Beziehungen und auch menschliche Abgründe. Es ist ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt – bis kurz vor dem Schluss. Ab dem 20. Kapitel lässt der Sog nach, es folgen Seiten, die wenig mit der Geschichte an sich zu tun zu haben scheinen. Fast mutet es an, als ob Coetzee nicht wusste, wie er diese grossartige Geschichte zu Ende bringen kann. Das Ende selber ist denn auch wenig überzeugend.

Nabokov hat sich mal über die Unsitte geäussert, Bücher fertig lesen zu müssen. Er sagte sinngemäss, dass man Bücher durchaus auch vor deren Ende weglegen könne, weil die Geschichte für einen selber an einem Punkt zu Ende war, bevor der Autor selber ein Ende gefunden hat. Dies war für mich bei Kapitel 20 der Fall. Dass ich doch noch fertig las, hängt damit zusammen, dass das Buch bis dahin so grossartig war, dass ich doch gespannt war, ob noch etwas passiert, das dieser Geschichte einen wirklichen Schluss gibt. Irgendwie besticht sie aber gerade durch ihre Offenheit. David Lurie und Lucy werden weiterleben, Dinge werden passieren, die man sich als Leser ausdenken kann, bei denen man aber nicht mehr dabei ist. Fast so, als hätte man Bekannte besucht, eine Weile mit ihnen gelebt, und sei dann weiter gegangen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt Südafrikas mit all ihren Spannungen sowie in die Beziehungsgeflechte eines Vaters und dessen Tochter. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.: Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. Juli 2001)
ISBN-Nr.: 978-3596150984
Preis: EUR 9.95 / CHF 14.90
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Dem Leben entlang – mein Buch

lebensatem
leben als dichten
wenn rhythmus und reim atmen
im sein

welten bestehen
als verse nur, zeilen in moll und
in dur

dasein in worten
und bildern aus klang von innen
heraus

Letzten Donnerstag klingelte es an der Tür: Der Postbote brachte ein Paket. Nichts ahnend packte ich auf und dann hatte ich es in der Hand: Mein Buch.

Ich habe lange überlegt, ob ich es bei einem Verlag publizieren will oder als Selfpublisher. Ich hatte auch zwei Zusagen von kleinen Verlagen, habe mich dann aber doch fürs Selfpublishing entschieden. Und da war es also: Meine Gedichte zwischen zwei Buchdeckeln, alles selber gestaltet mit einer meiner Zeichnungen als Titelbild. Ein wunderbares Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten.

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Sonst stelle ich immer andere Bücher vor, dieses Mal mein eigenes.

Meine Gedichte fangen da an, wo das rationale Denken anstösst, weil es die richtigen Wörter nicht mehr findet. Sie hangeln sich dem Leben entlang und tragen nach aussen, was innen passiert, was vorgeht, sich dreht, weiter geht, einen auch zurück lässt: Ahnungslos, haltlos, hilflos, aber immer suchend, staunend, zweifelnd, sich freuend oder auch trauernd.

Meine Gedichte sind Bilder des Lebens in Klänge gepackt, sie sind der pulsierende Atem des Lebens im Rhythmus der Sprache.

Ich bewege mich in der Sprache durchs Leben, schaue hin, gehe tief, suche, finde, schreibe. Zuerst ist die Idee, dann der Rhythmus, es finden sich die Worte. Die Form folgt dem Inhalt, sie ist nie beliebig, sondern die passende Vase für die Blumen der Sprache.

Ich will verstanden werden, weswegen ich nie die Sprache in möglichst gesuchte Wendungen presse. Ich gehe durchs Leben, immer mit einem Fuss auf dem Boden und einer Hand zum Himmel gestreckt. So sind auch meine Gedichte.

Nacht
Aufgewacht,
an dich gedacht
Kaffee gemacht
die Nacht bedacht
vor Glück gelacht
den Tag verbracht
die Sehnsucht wacht
nach dieser Nacht

Das Buch kann man hier kaufen:

Bei mir – wenn gewünscht mit Widmung – via Mail: HIER
Bei Epubli: HIER
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Literatur im Netz – 19. August 2017

DSC_0013Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Ein Interview mit Affinity Konar

Affinity Konars Roman „Mischling handelt vom Schicksal der Zwillingsschwestern Perle und Stasia, die 1944 nach Auschwitz deportiert und dort zu Mengeles Versuchsopfern werden.

Der Artikel: HIER

Martin Suter im Interview

Martin Suter hat auf Stichworte reagiert und plaudert aus dem Nähkästchen zu frühen Erinnerungen, Reisen, Beziehungen.

Der Artikel: HIER

Nele Neuhaus im Gespräch

Die bekannte Krimiautorin Nele Neuhaus erzählt über die Angst vor dem weissen Blatt Papier, wie sie mit den Verrissen ihrer Bücher durch Denis Scheck geht und über Krimis allgemein.

Der Artikel: HIER

Bolivianische Bücher und Literatur

Ein Artikel über die Lage der bolivianischen Literatur – Verlage, Autoren, Hoffnungen

Der Artikel: HIER

Goethes Faust – kurz und knapp

Für all die, deren Schulzeit schon ein bisschen zurück liegt und die die Handlung von Goethes Faust vergessen haben: Eine Zusammenfassung.

Der Artikel: HIER

Ausstellung: Grosser Stoff in kleiner Schale

Bücher im Kleinstformat lagern im Magazin des Mainzer Gutenberg-Museums. Ein Lesevergnügen wird das wohl kaum mit Lupe und Pinzette, aber süss anzuschauen sind sie allemal.

Artikel: HIER

Ausstellung: Kafka. Der ganze Prozess

Das fand ich nicht, das möchte ich einfach jedem nochmals ans Herz legen, der Kafka mag – die Ausstellung dauert noch bis am 28. August. Gezeigt wird das 100 Jahre alte Manuskript von Kafkas Roman „Der Prozess“.

Der Artikel: HIER

Auf den Spuren Lessings

15 Orte, an denen Gotthold Ephraim Lessing gewesen ist – Eine Literaturreise, die beim Lessing Museum in Kamenz beginnt und in Braunschweig endet.

Der Artikel: HIER

Der deutsche Buchpreis 2017

Von Jahr zu Jahr gibt es mehr kritische Stimmen zum deutschen Buchpreis, die Auswahlkriterien, Themenwahl sowie die Geschlechterverteilung bei den Autoren werden heiss diskutiert. Hier einige Gedanken dazu sowie die diesjährige Longlist.

Der Artikel: HIER

Wenn die Regale zu voll werden

Wer gerne liest, kennt das Problem: Die Regale platzen aus allen Nähten, Bücher müssen weg. Was läge näher, als ein neues Zuhause für sie zu suchen? Tipps und Tricks, wie man gebrauchte Bücher am besten online verkaufen kann.

Der Artikel: HIER

Ich weiss, die 10 sind eigentlich voll, aber den hier wollte ich euch nicht enthalten:

Lesen als Medizin

Als hätten wir das nicht schon immer gewusst: Bücher tun gut und sie können mitunter auch helfen.

Der Artikel: HIER