Lügen und andere Wahrheiten

Heute las ich auf Facebook einen Spruch:

 Lüge keinen an, der dir vertraut.
Vertraue keinem, der dich belügt.

Er traf bei mir ins Schwarze, denn es gibt nichts, das ich mehr verabscheue als Lügen. Und ich mache wenig Unterscheidungen, worum es geht, Lüge ist Lüge. Es gibt Menschen, die zwischen weissen und schwarzen Lügen unterscheiden. Es gibt Menschen, die finden, ein körperlicher Betrug und die Lüge wiege mehr als einer auf anderen Ebenen. Ich sage nein. Denn in meinen Augen ist das Schlimme an Lügen nicht mal die Lüge an sich (wäre es so, wäre ihr Gegenstand ausschlaggebend), sondern das, was sie für die Beziehung zwischen zwei Menschen bedeutet.

Wenn einer lügt, gesteht er dem anderen das Recht nicht zu, mit der Wahrheit umzugehen. Dies entweder, weil er es ihm nicht zutraut, oder aber, weil er dessen Reaktion fürchtet. Was eine Beziehung in beiden Fällen wert ist, liegt auf der Hand: Nichts. Auf der anderen Seite steht der andere, welcher glaubt, was er hört. Irgendwann muss er merken: Es war alles eine Lüge (vielleicht auch nur ein Teil, wer weiss es so genau?). Einerseits sieht er sich beschissen vom andern, andererseits kommen nun die Selbstzweifel auf. Was erkenne ich überhaupt? Bin ich so naiv? So leicht zu täuschen?

Es gibt Aussagen, dass jeder Mensch täglich lügt. Mehrfach. So kleine Dinge wie „Die Spaghetti sind lecker!“, „Das Kleid steht dir toll!“, „Ich bin nur müde…..“ Ist das so? Ist die Wahrheit wirklich tödlich? Schnitzlers Traumnovelle verheisst nichts Gutes, denn als das Ehepaar wirklich ehrlich miteinander ist, driftet es ins Aus. Andererseits sagte bereits Thomas Mann:

 Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.

Ich halte es mehr mit Thomas Mann (auch wenn ich Schnitzler sehr liebe und schätze, alles von ihm gelesen habe – von Thomas Mann übrigens auch). Ich mag keine Lügen. Der Gegenstand ist egal. Lüge ist Lüge. Ich kann nicht garantieren, dass ich gelassen reagiere auf die Wahrheit, die mir nicht gefällt, im Gegenteil. Ich bin sehr impulsiv und die Chance, dass das Temperament Purzelbäume schlägt, ist gross. Aber: Sollte ich die Lüge aufdecken, sind es keine Purzelbäume mehr, dann ist die Welt in Trümmern.

Wo fängt eine Lüge an? Gibt es verzeihbare Lügen? Ist Lügen nicht Respektlosigkeit dem andern gegenüber? Ist Lügen Feigheit? So oder so: Es verunmöglicht eine Beziehung auf Augenhöhe – eine andere ist in meinen Augen nicht erstrebenswert.

Das Leben wagen

Mein Leben als Rosamunde-Pilcher-Film

Ich oute mich: Ich liebe Rosamunde Pilcher. Nicht die Bücher, die würde ich kaum lesen, ich liebe die Filme. Ich liebe es, mich vor den Fernseher zu legen und in diese Welt einzutauchen, die von schönen Bildern, wundervollen Landschaften, altvertrauten Schauspielern und dem ewig gleichen Lebensmuster geprägt sind. Ich liebe es, schon am Anfang zu wissen, wie es enden wird, und nie enttäuscht zu werden. Das ist ein Stück heile Welt, die trotz Höhen und Tiefen immer sicher ist, weil sie absehbar ist. Diese Absehbarkeit allein ist schon irgendwie beruhigend, dass es dabei immer auf das Gute hinausläuft, macht es umso besser.

Und ja, ich gestehe es: Ich würde gerne in einem Rosamunde-Pilcher-Film leben. Langweilig? Das würde heissen, dass man den Kitzel braucht, dass etwas in die Hose gehen kann, um im Leben Salz in der Suppe zu haben. Es ist ja nicht mal so, dass alles reibungslos läuft in den Filmen, es gibt immer Intrigen, immer Krisen. Aber: Sie lösen sich auf und am Schluss strahlen alle, mit denen man gehofft hat, und all die, welche falsches Spiel spielen, sind entlarvt und schauen in die Röhre. Und ich sitze vor dem Fernseher und strahle glücklich vor mich hin. Frau fühlt ja mit.

Leider ist das Leben kein Pilcher-Film. Leider wissen wir nicht, wie es ausgeht und können nicht drauf bauen, dass etwas so kommt, wie wir uns das wünschen. Das bringt Unsicherheiten mit sich und diese schüren Ängste. Angst ist nie ein guter Ratgeber und sie bewirkt selten etwas Gutes. Meist ist sie unbegründet oder baut auf Ahnungen, Vorstellungen, selten auf wirkliche Fakten oder tatsächliche Gefahren. Wenn wir uns von unseren Ängsten leiten lassen, bleibt es über kurz oder lang nicht aus, dass wir anfangen, gegen alles und jedes zu kämpfen, weil überall Gefahren lauern. Menschen können einen verletzen, Projekte können scheitern, Ziele können unerreichbar sein. Und weil dem so ist, wagen wir es nicht mal. Und noch schlimmer: Wir sehen überall Gründe oder Feinde, die uns im Weg sind, die mithelfen, dass wir scheitern (wobei wir noch nicht mal gescheitert sind, wir sind nicht mal losgegangen aus der Angst heraus, der Weg könnte abrupt enden).

Heute las ich einen Spruch:

Die Zuversicht springt über den Schatten der Angst. (Ernst Ferstl)

Im wahren Leben ist es leider so, dass man nicht immer schon weiss, ob man den Mann schlussendlich kriegt, ob man die Prüfung besteht, die eigenen Ziele erreicht. Man kann es sich wünschen, aber ein Risiko bleibt. Beziehungen scheitern, Prüfungen sind immer auch ein bisschen Glück und Tagesverfassung, Wege hin zu Zielen bergen immer das Risiko von Hindernissen (von aussen wie aus einem selber). Aus diesem Grund den Weg gar nicht erst zu gehen, weil die Angst übermächtig wird, wäre schade, denn dann gibt es garantiert keinen Erfolg. Der Mann wird von einer andern weggeschnappt (und man sagt sich: „Das habe ich mir doch gleich gedacht!“), die Prüfung ist nicht bestanden („Gut habe ich es gar nicht erst versucht!“) und das Ziel bleibt in weiter Ferne („Das hätte ich eh nie erreicht!“). Nur innerlich brodeln auch die Zweifel, die an einem selber: „Wäre es nicht doch möglich gewesen?“ „Habe ich nicht vielleicht einen Fehler gemacht?“

Auf diese Zweifel gibt es keine positive Antwort, denn: Sie sind absolut richtig. Niemand anders ist schuld, dass es nicht geklappt hat, als man selber. Dabei ist nicht gesagt, dass es geklappt hätte, aber die Chance wäre ungleich höher gewesen. Und wer weiss: Vielleicht hätte man bei diesem Versuch auch gemerkt, dass der Mann gar nicht passt, die Prüfung nicht so wichtig und das Ziel nicht das richtige ist. Sogar das wäre ein Happy End, denn zu wissen, was nicht passt, weil man es selber herausfand, ist immer ein Schritt nach vorne.

Wenn es aber doch klappt, dann – ja dann – haben wir es, das:

HAPPY END

Und dann ist das Leben für einen Moment fast wie ein Pilcher-Film. Ich hol’ schon mal das Taschentuch für die Tränchen der Rührung.

Rezension: Rebecca Martin – Nacktschnecken

Sich finden – im Leben und in der Beziehung

Ich stelle mir vor, du hättest nicht zufällig neben mir gesessen, als ich gerade aufstehen und schon wieder gehen wollte. […] Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht. Wir hätten all die Dinge nicht geteilt, wir hätten die gemachten Fehler nicht gemacht, zumindest nicht miteinander…

Nora und Paul sind seit langem ein Paar. Sie haben sich eingerichtet, ihre Rollen gefunden, verstehen sich quasi blind. So gehen sie durch die Jahre. Eigentlich könnte alles gut sein, es ist auch nicht schlecht, nur kommt immer wieder das Leben dazwischen, bringt Probleme auf, zeigt Risse in den festgelegten Rollenmodellen, lässt Nora zweifeln: an sich, an Paul, an der Beziehung. Wie viele Kompromisse kann man machen, ohne sich selber zu verlieren? Wie viele Zugeständnisse muss man machen, um den anderen nicht zu verlieren?

Nacktschnecken handelt von einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben und in ihrer Beziehung sucht. Rebecca Martin versteht es, in einer Sprache, die ganz der Protagonistin entspricht, mit viel Feingefühl und Tiefgang die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zu schildern, ohne dabei zu psychologisieren. Vielmehr zeigt sie das pralle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durch die erlebte Geschichte. Dadurch ist ein Zeugnis einer Generation entstanden, das selbst wenn es nicht die eigene betrifft, verständlich und nachvollziehbar wird. Und jeder, der durch diese Phasen des Lebens hindurch ging, wird sich irgendwo wiederfinden in der Erzählung von Nora und Paul.

Fazit
Ein feinfühliges und tiefgründiges Buch, in dem alles passt: Plot, Figuren, Sprache. Empfehlenswert.

Zum Autor
Rebecca Martin
Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 veröffentlicht sie ihren Roman Frühling und so, 2009 macht sie Abitur. Es folgt die Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erscheint der zweite Roman Und alle so yeah im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 absolviert sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Angaben zum Buch:
MartinNacktschneckenTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (12. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3832163204
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension zur Serie: Alles was zählt

Ich liebe meine Tochter über alles. Und wenn Sie ihr das Herz brechen, dann breche ich Ihnen das Genick. Ich schwöre es.

Der Satz ist typisch für die Serie und ich liebe diese Haltung. Sie drückt Kraft, Spannung, Energie und völlig verschwurbelte Verhältnisse aus. Worum es geht? Um einen Familienbetrieb, der mal auf Eislauf setzt, dann auf Sport, dann auf Wellness, schliesslich auf Tanzen – bis alle Tänzer bei einem Busunglück ums Leben kommen und die Firma vor dem Ruin steht und sich neu erfindet. Schliesslich und endlich aber geht es um die Irrungen und Wirrungen einer Familie: den Steinkamps.

An vorderster Front Richard und Simone, die schon mehrfach verheiratet und wieder geschieden waren (aktuell geschieden zusammen). Gemeinsam haben sie ein paar Kinder (ich weiss gar nicht wie viele, zwei sind grad präsent) – er hat ein paar mehr als sie, wobei sie vor kurzem nachzog mit dem Geliebten ihrer Tochter. Noch alles klar soweit? Auf alle Fälle zeigt das so ziemlich den Charakter der Serie, der in etwa als Dallas und Denver für überm Teich zu umschreiben wäre.

AWZHochstehend ist das nicht, aber die Serie wartet immer gerade mit soviel Liebe und Spannung auf, dass ich unbedingt die nächste Folge sehen möchte. Aktuell zapple ich, weil ich wissen will, was mit Vanessa (eine Tochter von Richard und Simone) und „Big Daddy“ (viel älter, verheiratet, aber es ist kompliziert und er kein Schwein) wird.

Alles was zählt schafft es, immer so viel Neugier zu wecken, dass man dranbleiben will. Glaubwürdigkeit fällt als Entscheidungskriterium unter den Tisch, einmal gefangen, bleibt man haften. Da es nur eine halbe Stunde täglich ist und man die im Replay gestaffelt und zu Zeiten, die passen, schauen kann, bin ich seit einer ganzen Weile dabei… und bleibe noch, bis die Sache mit Vanessa geklärt ist. Dann hör ich auf (wobei ich sicher bin, dass bis dahin sicher eine andere tolle Liebesgeschichte so spannend ist, dass ich unbedingt deren Ende abwarten muss….).

Für die, welche nicht so auf Liebeschnulzen stehen, gibt es auch das Krimielement. Für diese Fälle hat Simone einen verkommenen Sohn, der immer und überall für kriminelle und mörderische Intermezzi sorgt. Auch Richard nimmt es nicht immer so genau mit dem Gesetz und wenn es um die Familie geht, drückt sogar Simone alle Augen zu – man sieht es beim Zitat am Anfang – und sie meint das so. Was nämlich ganz zentral ist bei dieser Serie: Wenn es hart auf hart kommt, gelten Liebe, Familie, Freundschaft – und alle stehen füreinander ein.

Fazit:
Nicht hochstehend oder hochtrabend, aber wunderbare Unterhaltung mit der nötigen Spannung, verworrenen Verbandelungen und menschlichen Werte, die man sich im Alltag wünscht. Das perfekte Programm zum Abschalten.

Ich bin kein Schatz

Spätestens als ich diese Frau mit schriller Stimme quer über den grossen Anlegeplatz des Schiffes laut „Liebling! rufen hörte, wusste ich: Ich hasse Kosenamen. Für einen erwachsenen Menschen? Das ist lächerlich. Wozu soll das gut sein? Wieso ist ein Mann ein Bärchen, Stier, Tiger, Mäuschen, Schätziputz oder sonstiges und nicht einfach Klaus, Karl, Heinz, Thomas oder Gianluca? Was will man ihm damit sagen?

Und: Fühlt man sich besser, wenn man Schatz, Spatz, Herz oder Liebling ist statt einfach nur Susi, Claudia, Sabine oder Hildegard? Ein Kosename ist persönlicher? Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann Schatz heissen, Ilse heisse ich (wenn dem denn so wäre) – vielleicht ein paar mit mir, aber so kann nicht jede heissen, denn die heissen Berta, Heidi oder Erika.

Und drum: Wer mich liebt, soll mich nennen, wie ich heisse. Ich brauche keine Kosenamen, keine Verkleinerungen, Verniedlichungen oder sonstigen Veränderungen. Wer mich liebt, soll das beweisen und sich nicht mit abgestumpften Übernamen behelfen. Ich meine ja nur.

Beziehungen – Gedanken im Kreis

Heute las ich einen Artikel über den perfekten Mann. Die Frage lautete, ob ein guter Mann entweder vergeben oder schwul sei. Mal abgesehen davon, was das denn für Frauen bedeuten würde, ob alle guten frei rumlaufen und wie die Hühner nach dem leckersten Korn suchen oder aber auch vergeben respektive nicht an der Männerwelt interessiert wären, fand ich den Ansatz etwas gar plakativ und wenig durchdacht.

Perfekte Männer gibt es nicht. Sorry, ist so. Es gibt auch keine perfekten Frauen, darum eh keinen, der ein Anrecht auf einen perfekten Mann hätte. Insofern hat die Natur das prima gerichtet, passt alles. Frau habe es so an sich, Männer zu erziehen und zu reparieren, lese ich. Dem würde ich gerne widersprechen, habe mich aber selber kürzlich ertappt. Ich schaute eine Doku über einen eigenwilligen, rebellischen, spannenden Schriftsteller, hübsch, anziehend, aber: Chaotisch, ungekämmt, nachlässig. Ich dachte so bei mir, wie ich ihn kämmen, anders anziehen, die Wohnung aufräumen lassen und angepasster werden liesse. Und merkte schon beim Denken, dass dann die ganze Spannung weg wäre.

Ich vermute, genau das passiert auch oft in Beziehungen. Man lernt ein stimmiges Gesamtpaket kennen und fängt dann an, Details zu verändern. Lassen sie sich ändern, stimmt nachher das Paket nicht mehr, ist nichts mehr davon da, was einen mal anzog. Lassen sie sich nicht ändern, stören wir uns an der Sturheit. Ich möchte fast selbstkritisch behaupten, dass Frauen noch ein wenig mehr dazu neigen. Dies nur unter uns, soll keiner erfahren und ich habe das nie gesagt.

In eine Beziehung zu gehen und zu denken, dass dieser eine Mensch dann all das abdeckt, was ich mir vom Leben wünsche und vorstelle, ist gar illusionär bei Lichte betrachtet, in Tat und Wahrheit aber wohl genau das, was wir machen. Und fehlt etwas, hacken wir drauf rum, blasen es auf und lassen die ganze Beziehung damit davonfliegen. Weil sie nichts taugt. Weil er nichts taugt, zumindest genau in dem Bereich, an dem wir uns gerade festbeissen, nicht. Wir können Stunden damit verbringen, zu jammern, weil unser Bauch wabbelt, die Brüste asymmetrisch sind und der Po aus der Form geraten ist. Wir hadern mit Macken von uns und wollen doch geliebt werden. Seine Macke ist aber das Killerkriterium. Die geht gar nicht. Fair? Niemand sagte, das Leben sei fair.

Nur: Ob wir so glücklich werden? Ich wage es zu bezweifeln. Ein kluger Mann sagte mir mal, dass man von einem Partner drei Dinge wünschen kann, die er abdeckt. Mehr ist nicht drin. Man muss sich also gut überlegen, wo die eigenen Prioritäten liegen. Dabei auf Gegensätze zu setzen, könnte die Sache schwierig machen. Sicherheit und Risikofreude schliessen sich irgendwie aus. Problematisch wird es wohl, wenn über die Jahre die Prioritäten ändern. Das ist oft die Klippe, über die Beziehungen stürzen. Sätze wie „Wir haben uns auseinandergelebt.“ stehen dann im Raum.

Was oft folgt? Das Leben als Single. Und die Klage: Alle guten Männer sind vergeben oder schwul. Und damit fangen wir wieder vorne an. (Einfach wieder oben anfangen zu lesen). Bei Beziehungsfragen: Einfach fragen. Irgendwas fällt mir immer ein. Wie man sieht.

Rezension: Carola Saavedra – Blaue Blumen

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter andere bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Julia Jessen – Alles wird hell

Einsam im Dunkeln

Inhalt

Ich weine weiter. Weil ich so aufgeregt bin. Und lüge. Ich habe das Gefühl, ganz dunkel zu werden. Ich fühle es so sehr, dass ich Angst habe, Grossmutter könnte es sehen. Wie ich immer dunkler werde. […]
Die Tränen habe ich abgewischt. Jetzt fühle ich mich wie eine Fee. Oder ein Zauberer. Ich habe ein Geheimnis. Und das werde ich behalten.

Oda geht durch ihr Leben. Sie geht ihren Weg, mal umgeben von Familienglück, in dem sie sich doch immer ein bisschen fremd fühlt, mal auf der Flucht davor – sei es wirklich oder nur durch ein Verhalten, das weit weg von den Erwartungen der anderen ist. So wirklich dazu gehört sie nie, ist stets in Gedanken, von denen sie glaubt, dass die anderen solche Gedanken wohl nie hätten, geschweige denn verstünden.

Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse, die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind. Und ob eine Familie nicht sichtbar sein müsste füreinander. Und ob alle hier in der Küche auch so vieles im Dunkeln haben wie ich. […]
Offensichtlich bin ich unsichtbar. Wütend. Abgetrennt. Und aufgeribbelt.

 

Rezension

Vom fünfjährigen Kind mit den kleinen Lügen über die Zeit als Teenager mit allen Aufmüpfigkeiten bis hin ins Alter begleiten wir Oda. Wir werden Zeuge ihrer Gedanken, ihres Haderns mit sich und der Welt. Wir erleben mit, wie sie um Entscheidungen ringt, sich im Leben hält und doch immer wieder für sich ausbricht. Auf ihre Weise. Sei es mit 5, 16, 40 oder 80, Oda geht immer ihren eigenen Weg – tief in sich drin. Und sie fühlt sich damit einsam, alleingelassen, auch unverstanden. Sie sammelt Lügen an im Laufe dieses Lebens, die sie begleiten, die die dunkle Seite des Lebens – nur ihres Lebens? – ausmachen.

Julia Jessen lässt Oda aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte erzählen. Sie tut das in kurzen, klaren Sätzen, die das Buch einerseits hart machen, wohl als eine Art Schutzschild Odas fungieren, ihr alleingelassenes Inneres zu decken. Andererseits ist das Buch sehr feinfühlig, sehr tief, dringt in die tiefsten Ecken von Odas Denken und Fühlen ein, bringt die Fragen ihres Lebens ans Licht – nur für den Leser, für ihr Umfeld bleiben sie wohl meist im Dunkeln.

Alles wird hell ist nicht eine erzählte Geschichte im Sinne eines linearen Plots, es ist eine Ansammlung von Puzzleteilen aus einzelnen Etappen aus Odas Leben, die in Bruchstücken, wie sie in Odas Kopf auftauchen, erzählt werden. Es ist der Rückblick auf Odas Leben, erzählt im unmittelbaren Präsens, so dass wir jederzeit live vor Ort sind beim Lesen, miterleben, mitfühlen. Uns ab und an vielleicht auch hineinfühlen oder etwas für uns selber weiterdenken.

Julia Jessen ist mit Alles wird hell ein sehr sprachgewaltiger Roman gelungen. Die Sprache in ihrer schnörkellosen Art widerspiegelt auf eine Weise die in sich stimmige, auch rebellische, weil in sich selber verweilende, das Aussen nur betrachtende Art der Protagonistin. Sie gibt dem Roman, der ansonsten wenig Handlung und Spannung aufweist, eine Dynamik, zieht den Lesenden weiter. Ein gelungener Debütroman!

Fazit:
Wie viel Dunkel hat im Leben Platz und wo ist das Licht? Ein Roman über das Leben einer Frau, die immer ein bisschen abseits steht, trotzdem ihren Weg im Leben sucht und geht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julia Jessen
Julia Jessen, geboren 1974, hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung als Schauspielerin gemacht. Sie arbeitete zehn Jahre für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.

 

Angaben zum Buch:
JessenAllesTaschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann GmbH (11. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3956140242
Preis: EUR 19.95 / CHF 28.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Haruki Murakami – Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Sind zweite Chancen lebbar?

Ich war der Einzige, der keine Geschwister hatte. Ich war Einzelkind und hatte deshalb einen Minderwertigkeitskomplex. Ich war die Ausnahme in einer Welt, in der andere ganz selbstverständlich etwas besassen, das mir fehlte.

Hajime ist Einzelkind, das macht ihn zu einem Aussenseiter, weil er anders ist als andere. Die anderen haben Bruder und Schwester, nur er ist immer alleine. Das ändert sich, als Shimamoto in seine Klasse kommt. Auch sie ist Einzelkind. Ausserdem zieht sie als Folge einer durchlittenen Polio ihr Bein hinterher. Die beiden werden Freunde, für Hajime sind sogar mehr Gefühle im Spiel, die er aber nicht einordnen kann. Ein Umzug trennt die beiden, sie verlieren sich aus den Augen. Hajime fängt an, seine Sexualität zu entdecken, er tut das mit einer klaren Sicht und Bewertung der auserwählten Frauen. Es sind nie die wirklich schönen, die ihn reizen, was er auch betont, fast schon drauf rumreitet gedanklich. Nach einigen kurzen Beziehungen heiratet Hajime, kriegt zwei Kinder, eröffnet zwei Jazzclubs. Er ist erfolgreich, zufrieden mit seinem Leben – bis Shimamoto in seiner Bar auftaucht.

„Star-Crossed-Lovers“[…] „Liebende, die unter einem schlechten Stern geboren sind“, sagte Shimamoto. „Fast wie für uns geschrieben.“
„Sind wir denn Liebende?“
„Sind wir es nicht?“
Ich sah sie an. Sie lächelte nicht mehr. Nur in ihren Augen war noch ein schwaches Leuchten.

Hajime verfällt ihrem Bann, ihrer geheimnisvollen Art. Immer bei Regen steht sie vor ihm. Hajime ist bereit, für sie alles aufzugeben.

Unterdessen wurde es Herbst. Und als es Herbst wurde, fasste ich einen Entschluss. So konnte ich nicht weiterleben. Ich musste eine endgültige Entscheidung treffen.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist die Neuübersetzung des Buches, das Anfang der 90er-Jahre unter dem Titel Gefährliche Geliebte auf den Markt kam und ein grosser Erfolg wurde. War die deutsche Version damals eine Übersetzung der englischen Fassung des ursprünglich japanischen Originals, wurde es nun direkt ins Deutsche übersetzt, was aus dem Buch einen völlig neuen Roman machte, da die Sprache sehr viel von der Wirkung der Geschichte trägt. Vergleicht man die beiden Romane, erscheint es, als ob bei der zweiten Version ein Schleier, eine mildernde Schicht weggenommen wurde. Die Sprache erscheint direkter, die Gedanken klarer, auch teilweise ruppiger, vielleicht auch weniger westlichen Einflüssen unterworfen, japanischer.

Der (etwas lang geratene) Anfang der Geschichte wird dominiert von den spätpubertären Sexphantasien und anderen Gedanken von Hajime. Es sind ganz klar Männerphantasien, die weibliche Sicht fehlt dem Buch – das bis zum Schluss. Da der Protagonist und Ich-Erzüähler aber auch ein Mann ist, kann das nicht zum Vorwurf gereichen, sondern stellt eine konsequente Erzählperspektive dar.

Mit dem Wiederauftauchen Shimamotos fängt der Roman eigentlich erst richtig an, da wird er packend, da gewinnt er Tiefe, wird auch zarter, feinfühliger. Themen wie Liebe, Treue, was wirklich zählt im Leben spielen mit, die Frage, ob man verpasste Chancen neu ergreifen kann und sie dann leben. Das Ende der Geschichte passt, es ist genau so undurchdringlich wie der Rest des Romans. Allerdings wäre jedes andere Ende unpassend gewesen. Insofern hat Murakami auch beim Plot und dessen Abschluss alles richtig gemacht.

Fazit:
Liebe, Treue und verpasste Chancen – die ganze Palette des menschlichen Lebens in einer feinfühligen, zarten Geschichte, die einen doch immer irgendwie ratlos zurücklässt. Empfehlenswert.

Zum Autor
Haruki Murakami
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto, Japan geboren und wuchs in Kobe auf. Nach abgeschlossenem Studium verließ er 1975 die Waseda-Universität in Tokio, wo er anschließend sieben Jahre lang Eigentümer einer kleinen Jazz-Bar war. Haruki Murakamis Karriere als Schriftsteller begann 1974 an einem warmen Frühlingstag: Während eines Baseballspiels kam ihm die Inspiration zu seinem ersten Roman. Das war der Start einer beeindruckenden literarischen Laufbahn. Später verbrachte er mehrere Jahre als freier Schriftsteller und Dozent in Princeton, USA. Murakamis Leidenschaft für die Literatur kennt, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Grenzen – übersetzt er doch auch berühmte Kollegen wie John Irving ins Japanische. Von Murakami erschienen sind unter anderem Kafka am Strand, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Naokos Lächeln, Südlich der Grenze, westlich der Sonne (früher Gefährliche Geliebte).

Angaben zum Buch:
Murakamisuedlich_der_grenze_westlich_der_sonneGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (21. Mai 2013)
Übersetzung: Ursula Gräfe
ISBN-Nr.: 978-3832197070
Preis: EUR 16.99 / CHF 12.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Silvio Blatter – Wir zählen unsere Tage nicht

Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sex und die Realität

Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider von Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden.

Chloe und Rasmus sind seit vielen Jahren verheiratet. Rasmus ist ein erfolgloser Regisseur, der bei eigenhändigen Höhepunktsuchen über sein Sexleben nachdenkt, Chloe ist seine Frau und sie denkt über Rasmus und ihr Leben mit Sex nach. Grundsätzlich denken beide viel und ständig, Hauptthema ist dabei Sex und wieso er nicht passt. Den besten Sex haben Rasmus und Chloe ohne den andern, nur mit sich selber, wieso das so ist, erzählen sie sich selber in Gedanken. Es wird Sex gegen Vertrauen gestellt, Ernst gegen Leichtigkeit. Es wird über das Leben als Paar nachgedacht und den Wert, den der andere im eigenen Leben hat.

Thema des Buches ist das Zusammenleben von Paaren , wenn sie älter werden. Es ist die Geschichte eines Paares, das einen Weg zusammen gegangen ist und auch weiter gehen will – trotz Widrigkeiten, trotzdem das Leben nicht die Erfolge bereit hielt, von denen beide geträumt haben:

Nach zehn Jahren an der Seite eines bedeutenden Regisseurs wurde ich die Frau eines Verkannten.

Chloe ist dabei nur Anhängsel von Rasmus, sie scheint wenig eigene Interessen, wenig Gedanken über sich, wenig eigene Pläne zu haben, sie bleibt in ihren Gedanken auf Rasmus und ihr Leben mit ihm fokussiert:

Wir zwei würden es nach oben bringen. Also Rasmus würde es nach oben schaffen, und ich würde an ihm kleben.

Sibylle Berg greift mit diesem Buch ein aktuelles Thema auf, eines, das momentan viel beschrieben wird. Da mir ihr Sprachstil, ihr scharfes Denken und auch ihre Scharfzüngigkeit gefällt, wollte ich das Buch unbedingt lesen – und konnte es nicht. Für mich waren es zu viele Monologe, die sich um die ewig selben Themen wie Sex, kein Sex, besserer Sex drehten, bald zuviel. Die wirklich tiefgründigen Gedanken, die immer wieder vorkamen und die oben gelobten Gründe bestätigen, wieso ich das Buch lesen wollte, konnten mich nicht genug fesseln, fertig zu lesen.

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand ist gewohnt düster, abgelöscht. Die Welt ist schlecht, das Leben ebenso, eigentlich ist es gegen die Wand gefahren, denn glücklich oder nur schon zufrieden sind alle nicht – und doch versuchen Rasmus und Chloe, es in Gedanken schön zu reden, sie haben Gründe für ihr Miteinander. Und wenn alles nichts hilft, wird der Frust wegmasturbiert. Ich habe drei Anläufe genommen, schliesslich auf Seite 97 aufgegeben. Die Geschichte kam irgendwie nie in einen Fluss, der mich mitriss, es fehlte mir der Sog, der mich einnimmt. Schade, denn ich hätte das Buch sehr gerne gelesen und irgendwie wurmt es mich noch immer, dass ich es nicht konnte. Die Sprache ist klar, schnörkellos, die Gedanken hinter dem Ganzen teilweise messerscharf, von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin zeugend. Nebenbei sieht man glasklar den Spiegel, den sie der Gesellschaft entgegenhält, wie sie das auch in ihren Kolumnen meisterhaft tut. Als Roman hat es mich nicht überzeugt.

 

 

Fazit:
Gedankenkarusselle eines alternden Paares. Eine Geschichte, die mehrheitlich aus Gedanken an Sex, nicht stattfindendem oder zumindest nicht befriedigendem Sex und Masturbation mit verschiedenen Hilfsmitteln besteht.

 

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015).    

Interview mit der Autorin: Sibylle Berg – Nachgefragt

 

 

Angaben zum Buch:
BergDerTagGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (2. Februar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-Nr.: 978-3446247604
Preis: EUR 19.90 / CHF 24.55

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Diane Brasseur – Der Preis der Treue

Ist Liebe teilbar?

„Geliebte“ – dieses Wort gefällt mir gar nicht. ich bringe es mit dem Getuschel meiner Klassenkameraden in der Grundschule in Verbindung.
Ich habe eine Geliebte, habe ein Verhältnis. Ich bin untreu.
Mehrmals täglich sage ich mir das, um mich selbst davon zu überzeugen. Ich habe das Gefühl, die Gedanken eines anderen zu denken.

Er ist 54, Pariser Anwalt, seit 19 Jahren verheiratet und er hat eine Tochter. Er liebt seine Frau, aber er vermisst Alix, wenn er nicht bei ihr ist. Alix ist 23 Jahre jünger und seine Geliebte seit einem Jahr. Unter der Woche wohnt er bei ihr in Paris, am Wochenende geht er heim zu seiner Frau und seiner Tochter nach Marseille. Er müsste sich entscheiden und stellt sich vor, wie die Dinge liefen, würde er sich entscheiden oder käme seine Frau hinter die Affaire. Er stellt sich vor, wie Alix mit ihm Schluss machen würde oder was passieren könnte, wenn er seine Frau verliesse. Und immer schiebt er die Entscheidung wieder hinaus.

Mit Alix kann ich die Zeit zwar nicht zurückdrehen, aber sie bietet mir, in einer Lebensphase, in der meine Perspektive sich verengt, die Chance, noch mal von vorn anzufangen. […] Es ist toll, sich sagen zu können: Das ist noch drin!

Der namenlose Ich-Erzähler beschreibt sein Leben zwischen zwei Frauen. Er denkt über die Liebe nach, über seine Beziehung zu seiner Familie und der zu Alix. Er spielt in Gedanken die verschiedensten Szenarien durch, um schlussendlich doch alles zu belassen, wie es ist. Er denkt die Gedanken der beiden Frauen, stellt sich ihre Reaktionen auf verschiedene Situationen vor, ohne je eine davon zu erleben. Er lebt zwei Leben, die beide seines sind. Und keines kann er sich vorstellen, zu verlassen. Er liebt seine Frau, er liebt Alix. Weihnachten steht vor der Tür, geplant ist eine Reise mit der Familie nach New York. Eigentlich er geeignete Zeitpunkt, endlich eine Entscheidung zu treffen.

In einer klaren Sprache, ohne grosse Sentimentalität, erzählt Diane Brasseur die Geschichte des Anwalts, der neben seiner Frau eine junge Geliebte hat. Dabei geht es nicht um Schuld, nicht um falsch oder richtig. Es geht um Gefühle, um Entscheidungen, um das Leben, das nicht immer erklärbar ist. Es geht um Entscheidungen, die man trifft, treffen muss und auch getroffen hat – und wie man damit umgeht.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Diane Brasseur
Diane Brasseur, 1980 geboren, ist in Straßburg aufgewachsen und hat einen Teil ihrer Schulzeit in Großbritannien verbracht. Nach ihrem Filmstudium in Paris begann sie, als Script Supervisor zu arbeiten, unter anderem für bekannte Regisseure wie Albert Dupontel und Olivier Marchal. Diane Brasseur lebt in Paris.

Angaben zum Buch:
BrasseurTreueTaschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2015)
Übersetzung: Bettina Bach
ISBN-Nr.: 978-3423260695
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

Mal schnell die Welt retten

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.