Nachbarshunde

Version 2Der Hund bellt. Irgendwas muss draussen sein. Ich eile zum Fenster und sehe es schon: Nachbars Hund. In unserem Garten. Und: Er kackt. Laut rufe ich „Scheisshund“ und bemerke erst dann, dass das Fenster offen ist. Es liegt in der Natur der Nachbarschaft, dass der Nachbar in Hördistanz ist und es sicher gehört haben muss, zumal ich diesen unmittelbar nach meinem Ausruf nach seinem Hund rufen höre.

Mann, ist das peinlich!

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich den Hund zuckersüss finde und den Nachbarn eigentlich mag. Trotzdem sammelte ich schon ab und an Hundekot in unserer Wiese ein und passe auf den eigenen Hund immer auf – zumal der eh nie einfach so herumstreunt. Und mein Hund bellt, wenn der andere Hund in unserem Garten ist, wie er immer bellt, wenn irgendwer nur schon dran vorbei läuft. Und ich habe immer Angst, dass er damit die Nachbarn nervt, weswegen ich peinlichst darauf bedacht bin, dass er eben ruhig ist. Dabei ist ein Nachbarshund im Garten nicht förderlich….

Kürzlich sassen der Hund und ich im Garten. Ich las, der Hund schlief. Ich schaute immer wieder, ob er auch noch da ist, nicht plötzlich irgendwo verschwindet, schliesslich passt man ja auf seinen Hund auf. Dass der Hund auch nie einfach im Blickfeld liegt, sondern man sich immer verbiegen muss, um ihn zu sehen, liegt wohl irgendwie in der Natur der Sache oder entspricht Murphy’s Law. Irgendwas wird es sein.

Dann musste ich rein, war in Gedanken und ins Gespräch vertieft. Verrichtete drinnen, was zu tun war, als es klingelte. Ich fragte mich, ob nun die Post oder sonst wer käme, öffnete nichts ahnend die Tür… Nachbars Tochter. Mit meinem Hund auf dem Arm. Er hatte den Weg zu ihnen gefunden. Und seit er ihn gefunden hat, will er ihn immer wieder ausprobieren, er schaffte es schon in Nachbars Wohnzimmer.

Mann, ist das peinlich!

Rezension: David Foenkinos – Charlotte

Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Facebook…Trainingsplatz fürs Leben

Wieso ich Facebook mag? Man kriegt die ganze Welt ins Wohnzimmer serviert, weiss, wo was läuft, sieht alle Katzen in süssen Posen und Hunde in noch süsseren. Man erfährt, wo was brennt, wo wer heiratet – man weiß auch alles, was man nicht wissen will. Und ab und an fällt man auf Enten rein, auf die man nie gestossen wäre, hätte man kein Facebook. Aber: Man hätte auch viel sonst verpasst, drum nimmt man das in Kauf, da man ja auch was lernt aus seiner eigenen Leichtgläubigkeit.

Wieso ich Facebook nicht mag? Weil man immer wieder auf Selbstdarsteller trifft, die sich selber hochstilisieren, die besten überhaupt sind, dann dies und das reinstellen und eigentlich nur kritiklosen Applaus wollen. Sie scharen ihre Fans um sich und die bringen den Schmus. Eine kritische Stimme? Geht gar nicht, denn dazu ist das nicht gedacht, es geht rein darum, das eigene Heldentum zu zelebrieren. Ich falle leider immer wieder in die Falle und sage meine Meinung, wo nur Applaus gefordert war.

Wieso ich bei Facebook bleibe? Weil ich da ganz tolle Menschen kennengelernt habe, mehr über die Welt erfahre, als sonst wo und: Ich lerne über das Leben und die Menschen unendlich viel. Vor allem über die selbstverliebten. Das tut mir gut, denn ich neige, so gutgläubig wie ich bin, dazu, Menschen zu glauben, was sie sagen. Was Schiller früher über die Kunst sagte, das macht Facebook heute im Leben:

Es ist der Spielplatz fürs Leben. Hier kann man ausprobieren, damit man im Leben nicht mehr auf die Nase fällt.

Flüchtlinge – eins, zwei, drei, die Hütte brennt

Flüchtlingsheime brennen. Erst in Heidenau, nun in Weissach. Ich fühle mich erinnert. An Pogrome. Ich habe sie zum Glück nie erlebt, nur erforscht. Was früher mit Juden passierte durch Nazis, geschieht hier und heute mit Flüchtlingen. Menschen gehen hin und denken, sie können die Herrschaft übernehmen und Menschen oder deren Unterkünfte abzufackeln. Sie können bestimmen, wer wo leben kann und darf und wer nicht. Das Boot ist voll, das Land soll Mauern bauen.

Wie unmenschlich muss man sein, vom bequemen Sofa aus über Flüchtlinge zu richten? Selbst wenn es uns schlecht geht, haben wir noch immer ein Dach über dem Kopf, das nicht in jeder Sekunde zerbombt werden kann. Selbst wenn wir wenig haben, verhungern wir selten. Selbst wenn wir keine Arbeit haben, so haben wir ein Netz, das auffängt.

Ja, auch in der Schweiz gibt es Armut. Und es gibt sie immer mehr. Wer Klischees bemüht und die Schweiz als Hochburg der Besserverdiener sieht, wo niemand arm ist, niemand die Münzen dreht und doch keinen grünen Zweig nur schon erahnen kann, der ist sicher falsch. Auch wir haben Armut. Auch wir haben Menschen am Rand der Verzweiflung. Auch wir haben Menschen, die auf der Strasse sind, weil sie durch die Maschen fielen und ja, denen soll und muss geholfen werden. Das ist wichtig und das tut Not. Aber:

Das ist aber kein Argument dafür, Menschen, die ums Überleben kämpfen, abzuweisen, abzufackeln. Die Feuer waren in Deutschland, nicht hier. Bislang. Ich hoffe, sie kommen nie her, auch wenn hier die Haltung Flüchtlingen gegenüber alles andere als wirklich freundlich ist. Noch mehr hoffe ich aber, dass irgendwann die Menschen einsehen, dass sie nicht immer und überall der Nabel der Welt sind, dass helfen durchaus nötig ist. Die Welt hat Brennpunkte, die aktuell noch weit weg sind. Die Menschen kommen unter Strapazen zu uns, weil sie verfolgt, mit dem Tod bedroht und ausgebombt sind. Sie lassen alles hinter sich, versuchen irgendwie zu überleben. Und dann kommen sie her und werden mit Drohungen, abgebrannten Unterkünften und nichts als Misstrauen begrüsst. Weil sie Eindringlinge sein sollen, Profiteure.

Ich bin immer der Meinung, dass Hilfe vor Ort die erste Wahl ist. Bevor die aber gewährleistet werden kann, muss eine Lösung her. Menschen sollen leben können. Und da sind alle Menschen in der Pflicht. Weil sie selber Menschen sind (sein sollen). Man nennt das Solidarität.

Man kann hier Kant, die Bibel und viele andere zitieren. Sinngemäss kommt unten raus:

Behandle jeden Menschen so, wie du dir wünschst, dass auch du behandelt wirst.

Rezension: Daniel Kehlmann – F

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der „Kleist-Preis“ (2006) und der „Thomas-Mann-Preis“ (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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Die Tage der Dämonen

Es gibt so Tage, an denen will nichts gelingen. Und während du da sitzt und entweder gar nicht in die Gänge kommst oder aber probierst und probierst und alles versandet, zerrinnen die Stunden und die Selbstzweifel kommen. Wie böse Dämonen sitzen sie in deinem Hirn und sprechen zu dir:

„Was machst du da überhaupt?“
„Du kannst doch eh nichts!“
„Andere können alles viel besser!“

Das sind nur einige der schönen Dinge, die sie dir zuflüstern und du neigst dazu, ihnen zu glauben. Vor allem an solchen Tagen. Und du schimpfst mit dir und schiltst dich eine dumme Kuh, die irgendwelchen Träumen nachhängt, statt etwas Sinnvolles zu leisten. Andere retten die Welt, heilen Menschen, erforschen gerade das Weltall. Du sitzt hier und willst Kunst machen. Und du machst es nicht mal gut. Ok, das eine oder andere Stück gefällt dir ganz gut, aber im Ganzen ist keine Linie, ist kein Stil, ist keine Konstanz. Es sind Anfängerwerke von einem Anfänger, der nicht weiss, ob er je mehr sein wird als ein Anfänger – oder eben einer, der lange übte und doch nirgends hinkam.

Also aufgeben? Das geht nicht. Denn: Nie hast du etwas gehabt in deinem Leben, das dir mehr bedeutete, das dir mehr gab, mit dem du dich – ausgenommen an solchen Tagen – besser fühltest. Nie gelang es dir sonst, dich in etwas so zu verlieren und dich damit gut zu fühlen, wie jetzt.

Es bleibt also nur eines: Weiter machen. Im Wissen, dass immer wieder solche Tage kommen werden. Und wenn die Zweifel gar zu gross sind, hilft es, auf den Weg zurückzublicken, den du schon gegangen bist. Wo hast du angefangen, was hast du seit da erreicht? Und du wirst Fortschritte sehen und wirst sehen, was du alles schon gemacht hast – Tolles gemacht hast.

Ja, du bist vielleicht noch nicht da, wo du hinwillst und du weißt vielleicht nicht mal genau, wo das genau sein wird. Du weißt aber, dass es der Weg ist, den du gehen willst und du hast Vorstellungen vom Ziel – nicht immer gleich klar, aber sie sind da und sie fühlen sich schön und richtig an. Vielleicht ist heute einer der Tage, an denen gar nichts klar ist, an denen die Dämonen rufen, zanken, schimpfen, dich auch auslachen. Aber: Der Tag geht vorbei und ein nächster kommt.

Es gibt ein Zaubermittel gegen die Dämonen, die dir sagen wollen, dass du gar nicht kannst, was du tust: Tu es und sie werden schweigen.

Rezension: Josef Dohmen – Wider die Gleichgültigkeit

Sich selbst und anderen verbunden das Leben leben

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der westlichen Welt eine neue posttraditionelle Gesellschaft entwickelt, in der Tradition und Religion samt der darauf gründenden Moral von der zunehmenden Macht des Marktes, der Wissenschaft und der Technik sowie dem Einfluss der Medien immer weiter zurückgedrängt worden sind. […] In ihr sieht sich ein jeder dazu herausgefordert, seinen eigenen persönlichen Lebensstil auszubilden. Das Problem ist jedoch, dass bisher niemand weiss, an welchen Richtlinien wir uns bei der Gestaltung unseres eigenen Lebens und der Einrichtung der Gesellschaft orientieren sollen.

Josef Dohmen zeichnet ein Bild unserer Zeit, in der sich viele Menschen relativ orientierungslos durchs Leben bewegen, dabei Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung hochhalten, diese aber weder für sich selber noch im Zusammenleben mit anderen wirklich ausbilden können. Freiheit wird als Absolutum genommen und einem liberalen Gedankengut unterstellt, welches jegliche Fesseln (vor allem von aussen) ablehnt. Zurück bleibt eine Halt- und eine Verbindungslosigkeit.

Die Tragik des Liberalismus liegt darin, dass er sich zwar für die Emanzipation des Individuums von den vorherrschenden Strukturen eingesetzt hat, es hierbei allerdings versäumt hat, eine Moral zu entwickeln, die es diesen befreiten Individuen ermöglichen würde, ihr Leben so zu gestalten, dass wir eine Gesellschaft ebenso selbständiger wie miteinander verbundener Individuen ausbilden und aufrecht erhalten könnten.

Die Lösung des Problems sieht Dohmen in der Ausbildung einer Lebenskunst. Er entwickelt den Begriff durch Verweise auf die Philosophiegeschichte und der darin enthaltenen Lebensmaximen, begonnen in der Antike und bis in die Neuzeit reichend. Dabei behandelt er Begriffe wie Glück, Selbstbejahung, den freien Geist und Willen, sowie die Wahrhaftigkeit (gegen sich und andere). Erst, wenn wir wahrhaftig uns selber sind, aus uns heraus und im Kontext mit anderen leben, ist unser Leben authentisch. Viele verwechseln Authentizität allerdings mit (prinzipieller) Auflehnung gegen aussen, mit der Maxime „alles, was ich will, nichts, was ich muss“. Daraus resultiert meist nicht nur kein authentisches Leben, sondern auch die Verunmöglichung eines Miteinanders, einer tragfähigen Gesellschaft, in der eine Moral herrscht, die weder Altruismus noch Egoismus propagiert, sondern das Individuum sich selber und der Gesellschaft gegenüber verpflichtet.

Ich plädiere für eine neue Kultur der Selbstverantwortung, eine „soziale Selbstverwirklichung““: eine kollektive Lebensform, in der sich Menschen achtsam und kreativ und ebenso bescheiden wie selbstbewusst darum bemühen, nicht auf Kosten anderer oder auf Kosten ihrer selbst, sondern gemeinsam und unter Rücksichtnahme auf andere mehr aus ihrem Leben zu machen.

Um das zu verwirklichen, muss der Mensch sich zuerst selber bejahen, wozu er sich zuerst einmal kennenlernen muss. „Erkenne dich selbst“ steht also am Anfang, gefolgt von „Wie soll ich leben?“, „Wie will ich leben?“, „Was ist ein gutes Leben?“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass keiner alleine lebt, sondern jeder ein Teil eines Ganzen ist, dem er auch verpflichtet ist, so dass alle für sich ihr gutes Leben finden und leben können – miteinander und für sich. Dazu bedarf es der Abschaffung der Gleichgültigkeit, denn keiner ist eine Insel. Jeder lebt in seiner Zeit und muss sich in dieser bewegen und zurechtfinden.

Abschliessend behandelt Dohmen die grosse Frage, wie man glücklich werden kann und hält den Wert wirklicher Freundschaft hoch, die nicht auf gegenseitiger Berechnung, sondern auf innerer Verbundenheit beruht. Wenn dann noch die Kunst des Älterwerdens dazukommt, kann man am Schluss hoffentlich auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

 Wenn wir wissen, warum wir gelebt haben, können wir uns eher mit dem Tod versöhnen.

Josef Dohmen greift ein grosses, umfassendes Thema auf und versteht es, dieses durch viele Rückgriffe auf die westliche Philosophie abzustützen und weiterzuentwickeln. Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt den Menschen seit Menschengedenken. Mit dem Plädoyer für eine neue Lebenskunst bietet Dohmen einen Ansatz, der sowohl das Individuum wie auch die Gesellschaft in die Pflicht nimmt und so ein Leben ermöglichen soll, in dem Moral und Glück tragende Pfeiler sind und keiner auf Kosten anderer sein Leben verwirklicht.

Fazit:
Ein fundiertes, umfassendes, tiefgründiges Buch eines kompetenten, belesenen Autoren. Stimmig argumentiert, dabei immer leserlich und verständlich. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Josef Dohmen
Josef (Joep) Dohmen, ist Professor für Philosophische und Praktische Ethik an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, Niederlande. Er studierte Philosophie in Utrecht, Berlin und Leuven (Belgien). Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Lebenskunst, Moralerziehung und Alter. Dohmen schrieb diverse Bücher über Montaigne, Nietzsche, Foucault und die Lebenskunst.

Angaben zum Buch:
DohmenGebundene Ausgabe: 376 Seiten
Verlag: rüffer & rub Verlag (12. November 2014)
Übersetzung: Bärbel Jänicke
ISBN-Nr.: 978-3907625729
Preis: EUR 32 / CHF 39.90

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Rezension: Julie Mebes – Der Himmel neben dem Louvre

Paris – eine Liebe fürs Leben

Wenn man in Paris Frau gewesen ist, kann man es nirgendwo anders sein. (Montesquieu)

Paris ist nicht einfach eine Stadt in Frankreich, Paris hat seine eigenen Gesetze, seine eigenen Gerüche, viele Facetten, welche die Stadt einzigartig machen. Nachdem Julie Mebes in den Niederlanden aufgewachsen ist und verschiedene berufliche Stationen durchlaufen hat, quittiert sie ihren Dienst und bleibt in Paris.

Eine Pariserin verlässt ihren Frisör nicht. Sie folgt ihm treu, wenn er zu einem anderen Salon überwechselt. Hat sie ihren Frisör gefunden, dann hat sie ihren Stil gefunden.

In 38 Kapiteln zeigt Julie Mebes ihr Leben in Paris. Sie nimmt den Leser mit in den Supermarkt, erklärt ihm sprachliche Finessen, zeigt ihm die kleinen Ecken und Nischen, die die Stadt so wunderbar machen und lässt ihn teilhaben am Alltag einer Frau in Paris.

„Vous êtes très gentil.“ Sie sind sehr nett. Denn auch das habe ich gelernt: Annäherungsversuche bloss nicht mit einem prüden „Lassen Sie mich bitte in Ruhe“ ablehnen, sondern: geschmeichelt lächeln, „Vous êtes très gentil“ sagen, ihn dabei angucken und, das ist wichtig, dann sofort den Blick abwenden. Ende. Aus. Eine echte Zauberformel.

Der Himmel neben dem Louvre zeigt bei aller spürbaren Liebe zu Paris keinen verklärten Blick, sondern weist auch auf die Schwierigkeiten in der Stadt hin.

Das Haus hat also seine Fehler, aber nicht alle sind typisch für das Haus. Manche Fehler sind typisch für Paris.

Ständige Wasserschäden, alte Häuser, kleine Zimmer – alles alltägliche Dinge, mit denen man sich in Paris konfrontiert sieht. Trotzdem zieht der Pariser nicht einfach um, er bleibt seinem Haus, sicher seinem Quartier treu, denn da findet sein Leben statt – ein Leben lang meist.

„Il ne faut jamais quitter cet immeuble“, sagt Rose. Wir dürfen nie von hier wegziehen.

Fazit
Eine persönliche, warmherzige, philosophisch anmutende Reise durch Paris. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julie Mebes
Julie Mebes wurde 1966 in Deutschland geboren. Aufgewachsen ist sie in den Niederlanden, mit achtzehn wechselte sie die Staatsangehörigkeit. Sie studierte Politologie und Jura in Amsterdam. Nach Stationen im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft war sie Diplomatin in Brüssel, Botschaftsrätin bei der EU, und in Paris stellvertretende Botschafterin bei der UNESCO. 2010 quittierte sie den Dienst, um in Paris zu bleiben, und sie sagt von sich: Je ne regrette rien.

Angaben zum Buch:
MebesTaschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juni 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423260657
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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Eigenes Universum

Ab und an denke ich, ich lebe in meinem eigenen Universum. Ich gehe durch den Tag, sehe viel, nehme alles wahr, denke mir meins dazu, und lasse es wieder ziehen, weil das Nächste da ist und meine Aufmerksamkeit fordert. Und die will ich ihm geben. Wobei, es ist nicht mal ein Wollen, es passiert einfach so.

Mir würde das nicht mal auffallen, würde ich nicht dann und wann mit Fragen konfrontiert wie: „Wie war das Wetter heute bei euch?“ „Stören die der Flugzeuglärm auch?“ „Wo geht denn hier die Sonne auf und unter?“ Und obwohl ich mich sicher über manchen Sonnenaufgang freute, Flugzeugbäuche bestaunte, schwitzte, fror oder vor dem Regen flüchtete – ich kann es nie sagen.

Ich würde das nun gerne so deuten, dass ich erleuchtet bin und es ganz und vollkommen schaffte, im Hier und Jetzt zu leben, den Ballast der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Leider ist dem wohl nicht so, da

Dinge,
die mir wirklich
am Herzen liegen,
mich treffen,
in mir drehen,
nachhallen,
weiterdrehen,
sich winden,
nicht verschwinden.

Es sind eher die Geräusche des Alltags, mit denen wir überall und immer überflutet werden. Die fliessen durch mich hindurch. Sind schön (oder auch nicht) im Moment, dann vergessen.

Zauberlehrling

Ich war immer kreativ, sowohl im Denken wie auch im Tun. Ausgetretene Pfade waren nie meine, gerade Wege habe ich irgendwie keine gesehen oder verfolgt. Nie aus Prinzip, sie entsprachen mir einfach nicht. Ich zeichnete, bastelte, schrieb, schlüpfte in Rollen. Das war als Kind so, das blieb – ausser den Rollenspielen – auch später.

Als es darum ging, eine Ausbildung zu machen, entschied ich mich für ein Studium. Nur deswegen hatte ich überhaupt die Schule so lange durchgehalten: Ich wusste nie was, wusste aber, ich will studieren. Ich hasste Schule, fand nichts schrecklicher als diese starren Strukturen. Aber ich biss mich durch. Erste Studienwahl wäre Innenarchitektur gewesen. Da sah ich alles vereint, was ich toll fand: Kreativität, Design, Stil. Der väterliche Rat ging in eine andere Richtung, das sei nicht brauchbar auf dem Arbeitsmarkt. Nachdem ich mich bei Tiermedizin eingeschrieben und bei Jus angefangen hatte, wechselte ich zu Germanistik. Seines Zeichens Layouter bei einer Tageszeitung fand mein Papa das wunderbar, damit könne man viel machen (mit der Meinung stand er, wie ich später sowohl aus Reaktionen Dritter wie auch Jobsuchanstrengungen erfahren musste, ziemlich alleine). Philosophie kam dazu – es war wunderbar. Tiefe Gedanken, anregende Diskussionen, kreative Atmosphäre. Weil es so schön war, hängte ich noch eine Runde an, blieb in der Akademie, forschte philosophisch.

Alles hat ein Ende, so auch meine akademische Zeit. Die grosse Frage war: Was nun? Jobs hatte ich während des Studiums schon einige ausprobiert, dabei mehr erlebt, was ich nie wirklich will, als gesehen, was wirklich passt. Es lag auf der Hand, selbständig zu bleiben – und es damit zu werden. Immer wieder liebäugelte ich mit eigenen kreativen Projekten, begnügte mich aber lange Zeit damit, die anderer zu bearbeiten. Mit Spass und Freude, keine Frage, aber es fehlte was. Und das schrie immer lauter. Ich musste es erhören und stürzte mich ins Abenteuer. In eines, das mich in absolut neue Gebiete bringt – und täglich kommen neue dazu. Seit ich die Stimmen erhört habe, quasseln sie nur so, erzählen mir täglich von zig neuen Ideen, die der Umsetzung bedürfen. Und ich versuche, alles auszuprobieren, immer wieder neue Wege einzuschlagen, Techniken zu lernen, weiter zu kommen.

Bin ich Künstler? Es ist, als ob der Meister sich wegbegeben hätte und ich als Zauberlehrling hier stehe, das Wasser sich ergiesse, aus vollen Eimern, den kreativen Boden flute. Doch rufe ich nicht danach, dass es stoppe, es soll weitergehen.

Von grossen und von kleinen Fischen

Es war einmal ein Fischteich. Neben vielen kleinen Fischen schwamm darin auch ein grosser Hecht. Die kleinen Fische bewunderten ihn, weil er so gross war. Alle buhlten um seine Gunst, jeder dachte, wenn er nur erst im Schlepptau des grossen Hechts sei, wäre er auch etwas Besonderes und nicht bloss ein kleiner Fisch.

Eines Tages schwamm Jakob, ein wunderschöner kleiner blauer Fisch durch den Teich, als der grosse Hecht ihn ansprach. „Jakob, du bist so schön blau, wie bist du so geworden?“ Jakob freut sich über die Aufmerksamkeit und sagt zum grossen Hecht: „Ich habe in einer Teichecke eine blaue Blume gefunden. Immer, wenn ich davon esse, werde ich noch blauer.“ Der grosse Hecht strahlte über alle Backen und fragte Jakob: „Kannst du mir die Blumen zeigen? Ich möchte auch so blau sein. Als Dank dafür nehme ich dich in mein Rudel auf, dann bist du auch einer von den Besonderen.“

Jakob freute sich und nahm den grossen Hecht sogleich mit in die Ecke, wo die blauen Blumen wuchsen. Gierig fing der Hecht zu essen an. Er ass und ass, bis er keinen Bissen mehr runterkriegte. Langsam wechselte seine Farbe ins Blaue. Der Hecht war glücklich und schwamm weg. Jakob rief ihm nach: „Warte auf mich, ich gehöre nun doch zu dir.“ Der Hecht drehte sich um und lachte nur: „Du kleiner Fisch? Wozu würde ich dich jetzt noch brauchen?“

Jakob war traurig. Er war wohl reingelegt worden, weil er zu gutgläubig gewesen war. Wie er so traurig in der Ecke sass, kam sein Freund Klaus angeschwommen. „Was hast du denn, Jakob?“ Jakob erzählte ihm die ganze Geschichte. Klaus schaute ihn an und fing zu lachen an. Jakob wurde böse. „Du willst mein Freund sein? Lachst mich aus, wenn ich leide?“ Klaus hörte sofort auf zu lachen, schaute etwas betreten. Dann sagte er: „Jakob, verstehst du nicht? Du brauchst den grossen Hecht gar nicht, du bist längst etwas Besonderes. Wie wäre er sonst auf dich aufmerksam geworden? Zudem hat der grosse Hecht, seit er so blau ist, keine ruhige Minute mehr, weil alle Fischer hinter ihm her sind.“

Das Archimedes-Prinzip

Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie uns erscheint. Wir gehen davon aus, dass sie genau so ist, wie wir sie sehen, denn schliesslich haben wir weder eine rosa Brille auf noch einen Spiegel, wie man ihn aus dem Gruselkabinett kennt, zur Hand. Wir schauen hin und da steht sie – die Welt. Und in der Welt die Menschen, die sie ausmachen. Je näher uns Menschen sind, desto genauer schauen wir hin und desto mehr sehen wir von ihnen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man bei den Menschen, die einem nahe sind, mehr sieht als bei andern. Leider ist mehr aber nicht immer nur positiv, sondern hat immer verschiedene Seiten und Facetten. In der Natur des Menschen liegt es wohl, dem negativ Bewerteten mehr Gewicht zu geben als dem Positiven. Ist es erst mal gefunden, bohren wir drin rum. Wir beleuchten es von allen Seiten, blasen es auf, schmücken es aus. Und ist es erst einmal gross und fast schon drohend, sehen wir uns ihm ausgeliefert. Und wir hadern mit dem Schicksal. An diesem Punkt angekommen, gibt es in der Tat selten mehr einen Ausweg aus der Spirale. Wir sind zu tief drin, stecken quasi Brunnenschacht fest und erreichen den Rand nicht mehr. Je mehr wir strampeln, desto tiefer fallen wir, da wir uns immer im eigenen Universum bewegen, nur die eigene Sicht sehen und diese mit jedem weiteren Nachdenken mehr zementieren.

Vor vielen Jahren lebte Archimedes. Der Sage nach hob er die Welt aus den Angeln, indem er das anwendete, was man heute Hebelprinzip nennt. Indem man den Dreh- und Angelpunkt ausserhalb der eigenen Welt ansetzt, hat man einen längeren Hebel, und plötzlich bewegt sich das, was vorher unbeweglich schien. Genauso funktioniert das auch mit eigenen An- und Weltsichten. Oft hilft es, die ganze Geschichte von aussen zu betrachten, sprichwörtlich eine andere „Ansicht“ zuzulassen, um Seiten zu entdecken, die man selber nie gesehen hat. Andere Menschen schauen von einer anderen Warte auf das Geschehen und haben schon deshalb einen anderen Blick, den wir selber nie haben könnten. Indem wir ihre Sicht kennenlernen, können wir unsere eigene um neue Facetten erweitern – und damit vielleicht mehr Licht ins Dunkle des Brunnenschachts bringen. Wer weiss: Vielleicht ändert sich plötzlich der eigene Standpunkt und man sieht etwas vorher negativ Bewertetes plötzlich in einem anderen Licht, positiv.

Natürlich verkehrt nicht jede Ansicht von aussen etwas in sein Gegenteil. Gewisse Dinge bleiben negativ, egal wie man sie dreht und wendet. Wichtig ist wohl, bei allem den grossen Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren, Dinge nicht zu sehr zu isolieren. Die Welt ist nie nur gut, es ist nie alles toll und wunderbar, das Schwierige, Schlechte gehört zum Leben dazu wie das Gute und Wundervolle (und die Bewertung ist immer eine persönliche). Wo Licht ist, ist immer auch Schatten. Oft hilft es schon viel, bei all dem Schatten die Lichtmomente nicht zu übersehen, und daran zu denken: Es ist nichts nur schwarz oder weiss. Ein Sonnenstrahl inmitten dunkler Regenwolken kann einen Regenbogen bewirken und damit die ganze bunte Farbenpracht.

Rezension: Rebecca Martin – Nacktschnecken

Sich finden – im Leben und in der Beziehung

Ich stelle mir vor, du hättest nicht zufällig neben mir gesessen, als ich gerade aufstehen und schon wieder gehen wollte. […] Es ist so leicht, sich zu verpassen – selbst dann, wenn dir der andere gegenübersteht. Wir hätten all die Dinge nicht geteilt, wir hätten die gemachten Fehler nicht gemacht, zumindest nicht miteinander…

Nora und Paul sind seit langem ein Paar. Sie haben sich eingerichtet, ihre Rollen gefunden, verstehen sich quasi blind. So gehen sie durch die Jahre. Eigentlich könnte alles gut sein, es ist auch nicht schlecht, nur kommt immer wieder das Leben dazwischen, bringt Probleme auf, zeigt Risse in den festgelegten Rollenmodellen, lässt Nora zweifeln: an sich, an Paul, an der Beziehung. Wie viele Kompromisse kann man machen, ohne sich selber zu verlieren? Wie viele Zugeständnisse muss man machen, um den anderen nicht zu verlieren?

Nacktschnecken handelt von einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben und in ihrer Beziehung sucht. Rebecca Martin versteht es, in einer Sprache, die ganz der Protagonistin entspricht, mit viel Feingefühl und Tiefgang die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zu schildern, ohne dabei zu psychologisieren. Vielmehr zeigt sie das pralle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durch die erlebte Geschichte. Dadurch ist ein Zeugnis einer Generation entstanden, das selbst wenn es nicht die eigene betrifft, verständlich und nachvollziehbar wird. Und jeder, der durch diese Phasen des Lebens hindurch ging, wird sich irgendwo wiederfinden in der Erzählung von Nora und Paul.

Fazit
Ein feinfühliges und tiefgründiges Buch, in dem alles passt: Plot, Figuren, Sprache. Empfehlenswert.

Zum Autor
Rebecca Martin
Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 veröffentlicht sie ihren Roman Frühling und so, 2009 macht sie Abitur. Es folgt die Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erscheint der zweite Roman Und alle so yeah im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 absolviert sie ein Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Angaben zum Buch:
MartinNacktschneckenTaschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (12. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3832163204
Preis: EUR 14.90 / CHF 21.90

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