Rückenschmerzen, die Zweite: Dr. Frank

Wie Claudia schon erwartet hatte, waren die Rückenschmerzen auch nach zwei Wochen mit regelmässiger Medikamenteneinnahme nicht verschwunden. Im Gegenteil. Wenn sie sich bückte, ächzte sie, beim Hochkommen stöhnte sie. Das war nicht nur nicht sexy, das war vor allem kein Qualitätsmerkmal für eine Yogalehrerin. Der nächste Arztbesuch musste her. Und: Doktor Frank hatte Zeit.

Wieder machte sich Claudia auf den Weg zur Praxis, setzte sich geduldig ins Wartezimmer und sass alsbald im Stuhl vor dem Ärztepult. Doktor Frank schaute sie an, er kannte sie. Wie es ihr ginge, fragte er. Claudia fühlte sich wahrgenommen, ganz anders als beim Kollegen, dessen Namen sie bereits verdrängte, weswegen er ihr partout nicht mehr in den Sinn kam. Egal, das war hier nicht Thema, wobei sich Claudia fragte, ob sie mal einen Neurologen beiziehen sollte wegen ihrer Vergesslichkeit – aber zuerst war nun mal der Rücken dran.

Claudia erzählte also erneut von ihren Wehwehchen und Zipperlein, erörterte ihre Schlüsse aufgrund ihrer Selbststudien und deutete vage Vermutungen in Richtung Diagnose an. Doktor Frank schaute wenig beeindruckt, wies sie dann an, nochmals alle Stellungen einzunehmen, die schon der Doktor mit dem vergessenen Namen sehen wollte, klopfte hier, drückte da… und war alsbald so klug wie sein Kollege. Da die Wunderwaffe Tabletten schon ausgeschöpft war, zückte er die nächste aus dem Ärztekittel (den er übrigens nicht trägt – Klischees sind auch nicht mehr, was sie mal waren): Physiotherapie.

Claudia schaute ihn erwartungsvoll an und fragte: Massagen? Doktor Frank schaute kurz auf, denn er suchte bereits nach dem Formular für die Verordnung, und sagte (schon wieder über die Schublade gebeugt): „Nein, Übungen.“ Mittlerweile schien er das Formular gefunden zu haben, denn er tauchte wieder aus der tiefen Verbeugung auf und sass aufrecht vor ihr. Claudia meinte schüchtern (Widerstand erschien ihr mittlerweile sinnlos): „Die kenne ich doch selber, das hilft nichts.“ Doktor Frank liess sich nicht beirren: „Die kennen andere Übungen.“ Claudia schwieg. „Für den Notfall gebe ich Ihnen nochmals die Tabletten mit, damit sie Schmerzen überbrücken können.“ Claudia nickte und versuchte, nicht zu resigniert auszusehen. „Wenn nach drei Sitzungen mit der Physio nichts besser ist, brechen wir ab und röntgen mal. Rufen Sie dann einfach an“, sagt er ihr noch.

Nachdem alle Formalitäten geklärt, das Formular den Besitzer gewechselt und noch ein paar Worte gewechselt waren, verabschiedete Dr. Frank Claudia. Sie erinnerte ihn pflichtbewusst an die Medikamente, die er noch aushändigen wollte, was er pflichtschuldig tat. Dann zottelte Claudia von dannen, um einen Termin mit der Physiotherapie auszumachen. Zwar glaubte sie nicht an Übungen, wollte aber ja brav sein und musste den von der Krankenkasse vorgesehenen Weg gehen, denn: Das Hausarztmodell schreibt vor, dass erst der Hausarzt konsultiert werden muss, der dann weiterleitet. Zweifel an der Sparsamkeit dieses Modells stiegen langsam hoch, aber das wäre eine andere Geschichte. Diese hier geht nächstes Mal weiter mit dem Besuch beim Physiotherapeuten.

Früher ging das ja auch…

Wir haben heute viele Mittel, die früher nicht da waren, allen voran die netten Gadgets wie Smartphone, iPad, Computer und dergleichen. Da wir es haben, richten wir unseren Alltag so ein, sie zu brauchen, sie einzubinden, den Alltag durch sie organisierbar zu machen. Entsprechend aufgeschmissen sind wir, fällt eines mal aus. Dann kommen die Stimmen:

Früher hatte man das alles nicht, da ging das ja auch.

Nur: Früher richtete man sich ohne diese ein, weil sie nicht waren. Drum ging es. Der Alltag funktioniert immer, weil man ihn mit dem organisiert, was da ist. Heute zu sagen, früher ging es ohne Smartphone, wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein Totschlagargument, auf den zweiten ist es einfach doof. Glaubt man nicht?

Meine Oma wusch von Hand. Waschmaschine gab es nicht (Jahrgang 1902). Jeder, der findet, früher ging es ohne Handy, soll doch mal ein Jahr ohne Waschmaschine Wäsche waschen. Meine Oma konnte das. Du nicht?

Tja… vielleicht greift das Argument, dass es früher auch ohne ging, doch nicht so wirklich… Ich will ja nix behaupten, ich tendiere aber dazu… ziemlich stark.

Kalte Welt

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

©Sandra Matteotti

Bewusstes Handeln – Utopie?

Und dann sind da noch die, welche dir privat schreiben auf Facebook. Die dir ja nicht sagen wollen, was du tun sollst, aber es doch ganz anders tun würden. Und das müssen sie dir nun schreiben, ohne damit zu sagen, dass sie richtig und du falsch liegst. Es brennt ihnen wohl nur auf der Seele. Und muss raus. Nur kann man ja nicht alles einfach so sagen, wie es grad brennt. Drum schiesst man voraus, dass man eigentlich nichts zu sagen hat und es einen auch nichts angeht, man aber doch mal schreiben will, weil man sich so dachte, es müsste doch mal gesagt sein.

Damit alles auch ja nicht in den falschen Hals kommt, schiebt man noch ein „Versteh mich nun bitte nicht falsch“ vor. Sollte alles also so ankommen, wie man es vielleicht sogar zwar dachte, aber nicht wollte, dass es Reaktionen mit sich bringt, hat man schon mal vorgesorgt. Man kann einfach nur noch sagen: „Das hast du gaaaaaanz falsch verstanden. Das war so niiiiiiiiie gemeint.“

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wenn man schon denkt, etwas könnte falsch verstanden werden, wieso formuliert man es nicht so lange um, bis es unmissverständlich ist? Wer bestimmt, was falsch verstanden und was richtig ist? Ein kluger Geist sagte mal:

Eine Aussage gehört zur Hälfte dem, der sie ausspricht, und zur Hälfte dem, der sie hört.

Dessen sollte man sich im Klaren sein, wenn man etwas sagt. Damit sind falsch oder richtig obsolet, es bleibt individuell. Wenn man also etwas sagt, muss man sich im Klaren sein, dass der andere etwas daraus macht beim Hören. Das Resultat ist vielleicht nicht gewollt, aber damit nicht falsch.

Die nächste Frage, die sich mir stellt, ist: Wieso denken ganz viele Menschen, sie wüssten besser, wie die Welt dreht, als andere das tun? Und wenn jemand denkt, dass ihn die Welt des anderen nichts angeht, wieso sagt er dann was? Und wenn er was sagen will, wieso schiebt er den ganzen Vorbau davor? Wäre die Welt nicht wunderbar, würden sich die Menschen zuerst überlegen, was sie sagen oder tun wollen, sich dann der Konsequenzen bewusst werden, um dann zu handeln (wobei auch Nicht-Handeln ein Handeln ist)?

„Absolute Beginners“

Wir alle fangen irgendwann mit etwas an. Sehen all die Grossen, die schon lange vor uns begonnen haben. Denken: Wir sind kleine Lichter, nie werden wir es dahin bringen. Nur: Jeder fing irgendwann irgendwo mit irgendwas an.

Dieses Lied war mein absoluter Anfang mit David Bowie. Ich hörte es, ich war noch jung. Sehr jung. Ich informierte mich. Internet gab es nicht. Wer war er? Wofür trat er ein? Er überzeugte mich. Er war authentisch. Folgte keinem Strom ausser dem eigenen. Nun folgte er seinem eigenen Lebensstrom. Ich bin traurig. Ich kannte ihn nicht. Und doch….

Möge er mit Major Tom durchs Universum fliegen – und glücklich sein. Ich geh ne Runde weinen. Und höre seine Musik. Krebs ist scheisse. Man möge mir den Ausdruck verzeihen.

Gestern – Morgen – Heute

 

Hier sitze ich, habe eine ganze Serie von Liebesschnulzen hinter mir, bin also eher rührselig und denke: Das ist die richtige Stimmung für Rück- und Ausblick.

Der Rückblick lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Es war ein schwieriges Jahr. Es war ein Jahr voller Brüche, Hindernisse, Neuorientierungen. Das machte es zu einem spannenden Jahr mit vielen Highlights, vielen Erkenntnissen, aber auch zu einem Jahr mit Tiefschlägen, Tiefgängen und Trauertälern. Den tiefsten Graben durchschritt ich wohl grad kurz vor Schluss, zum Glück bewahrheitete sich der Spruch:

 Wenn irgendwo eine Tür zufällt, geht irgendwo ein Fenster auf.

Das Fenster hat sich aufgetan, als ich ganz dringend Licht suchte in all der dominanten Dunkelheit. Ein neues Projekt kam mir praktisch ins Haus geschneit, eines, wie ich es mir seit Jahren gewünscht hatte. Auch kristalisierte sich mein Weg sonst klarer heraus, so dass der Ausblick auf das neue Jahr ein hoffnungsvoller, ein freudiger ist: Er steht unter dem Motto

 Follow your bliss

Das versuchte ich immer, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Allerdings ist zu sagen: Auch die Nicht-Erfolge brachten mich weiter. Im Nachhinein. Ich wäre nie da, wo ich nun bin, wären sie nicht gewesen. Trotzdem hätte ich manchen Tiefschlag gerne übergangen. Aber nun denn: Ich bin dankbar für das, was ist.

Und so sind wir nach Rück- und Ausblick bei dem angelangt, was wirklich zählt im Leben: Das Hier und Jetzt. Alles, was war, ist vorbei. Ich kann drauf schauen, kann sehen, wohin es führte, nämlich ins Jetzt, aber es ist vorbei. Egal ob gut oder schlecht – es ist vorbei. Alles, was kommt, sind Pläne, Ziele, Wünsche, Hoffnungen. Sie sind realistisch – mal mehr, mal weniger – aber nicht da. Leben tu ich heute. Und dieses Heute ist reich an Gefühlen. Heute überwiegt bei mir die Dankbarkeit – für das, was ist, für das, was dahin führte, für das, wohin es deutet. Zuerst aber dafür, was ist.

An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an alle, die hier auf Denkzeiten mitlasen, mitdachten, mitdiskutierten. Ich habe von vielen Gedanken, Einwänden, Kommentaren gelernt, mich über sie gefreut, aus ihnen auch Kraft geschöpft.

Danke!

Wer braucht mich eigentlich?

Es gab mal eine Zeit, da studierte ich. Und weil ich keine reichen Eltern hatte, musste ich arbeiten, um mir das Studium zu finanzieren. Das Studium dauerte dadurch etwas lange, denn ich musste mir nicht nur Studiengebühren finanzieren, sondern auch eine Wohnung in Zürich, Essen, Versicherungen (ohne geht gar nicht, sagte meine Mama, ihres Zeichens Versicherungsfachfrau), Krankenkassen (damals sicher günstiger als heute, aber immer noch teuer, wenn man nix hat) und so vieles mehr.

Wenn ich mich beworben habe, kriegte ich die Stelle ziemlich sicher. Ich arbeitete in Gasthöfen (servierte Essen), in Pubs (zapfte Bier, spielte Seelentröster und machte Stimmung), bei Heizöl-Riesen (pflegte die Datenbanken und fungierte als Poweruser und Instructor für neue Programme), als EDV-Lehrer (brachte Kindern und Grosis die Grundlagen bei, anderen Zertifikatskurse), bei Zeitungen und Zeitschriften als Freischaffende (ständig auf Achse, teilweise Seiten füllend), in Banken als EDV-Sachbearbeiterin (bastelte und pflegte Datenbanken) und in Anwaltskanzleien (tippte als Assistentin und recherchierte als Paralegal). Das alles als junge Frau, nach der Matur, mitten im Studium.

Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, kann sicher mehr als dann, habe mehr erfahren, mehr erlebt und gelernt, bin gewachsen. Und genau das scheint mir zum Verhängnis geworden zu sein. Keiner will mehr eine promovierte Frau im besten (ich sag das mal, an irgendwas muss man sich ja halten) Alter einstellen, die noch dazu einen Titel hat. Gründe (wirkliche) kommen kaum. Wenn überhaupt eine Absage kommt, heisst es: „Besser geeignet“ (worauf fusst das? Häkchen beim Anforderungsprofil?).

So oft heisst es, dass Steuergelder verschwendet werden für Nonsense. Ich habe studiert. Das kostete den Steuerzahler. Ich würde nun gerne arbeiten und mein Wissen, mein Können, meine Fähigkeiten einsetzen. Ich beherrsche Apple und Windows, ich kann mich ausdrücken, habe Weiterbilldungen in Projektmanagement, kann mit Menschen, will mit Menschen. Aber das will keiner haben. Klar kann ich weiter selbständig wursteln. Das funktioniert. Ich weiss aber nur zu gut, dass es das nicht bei jedem tut und ich für mich hätte es gerne anders. Woran liegt es?

Bin ich ein Mensch, den die (Arbeits-)Welt nicht braucht? Wer braucht mich überhaupt? Klar, mein Sohn. Mein Hund auch. Die Katzen würden es nicht zugeben (ok, eigentlich schon), aber auch sie. Nur die Welt da draussen, die braucht mich nicht.

Das klingt autobiographisch? Das mag es sein (Stellenangebote gerne an mich direkt). Aber es trifft auf ganz viele zu.

Vorwärts

Als ich dachte,
es geht nicht,
war ich zu feige?
War es die Angst,
die mich zurückhielt,
oder hatte ich Gründe,
es nicht zu tun?

Als ich Gründe fand,
waren sie real?
Unumstösslich gar?
Waren es Hindernisse,
unüberwindbare,
oder einfach nur
vorgeschobene?

Als ich nachforschte,
was es war,
hätte ich umkehren können?
Müssen gar?
Oder war es schon zu spät?
Wie lange gibt es
ein Zurück?

Als ich nicht umdrehte,
handelte ich richtig?
Weil die Angst,
selbst wenn sie erkannt ist,
nicht einfach geht,
sondern bleibt,
und zermürbt?

Als ich hinterfragte,
hatte das überhaupt einen Sinn?
Oder nimmt das Leben,
wie es auch gelebt wird,
seinen Lauf,
immer vorwärts,
nie zurück?

Ich wünsche mir

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
unbeschwert durchs Leben zu gehen,
möchte lachen,
tanzen und singen,
nur tun,
was das Herz begehrt.

Manchmal wünsche ich mir,
das Schwere würde wegfallen.
All die Pflichten,
all die Zwänge und Ketten.
Ich möchte durch Wälder streifen,
in Blumenwiesen liegen,
die Freiheit spüren,
für immer.

Manchmal wünsche ich mir,
die Welt stünde still,
es gäbe nichts,
dem ich hinterher rennen müsste.
Nichts, das eilt,
das drängt oder fordert.
Ich möchte sein,
nur einen Moment.

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
dass die Gedanken nicht mehr drehen,
die Zweifel verschwinden,
die Fragen schweigen.
Ich möchte einfach nur
atmen und sein.

Ethik am Arbeitsplatz oder bloss gut klingende Worte?

Nehmen wir die Firma XXX. Sie baut Stellen ab und Manager Heinz muss das umsetzen. Er muss also dahin gehen und Menschen entlassen. Er muss ihnen sagen, dass es für sie keine Stelle mehr gibt in dem Unternehmen, weil dieses sparen muss. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und verzeichnet Gewinne, aber: Um die zu sichern, müssen Einsparungen her. Köpfe müssen rollen. Was ist Manager Heinz für ein Mensch? Ein skrupelloser? Ein böser? Einer, der eigentlich lügt, da der Kopf (und der Kopf ist nicht bloss ein Kopf, es ist ein Mensch, der die Stelle braucht, um zu überleben, es ist ein Mensch, der unter Umständen zu Hause eine Familie hat, die angewiesen ist auf ihn und darauf, dass er diese Stelle hat) grundsätzlich gar nicht rollen müsste, sondern es nur tut, weil gewisse Firmen ihren Ertrag über alles stellen.

Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über die heutige Arbeitswelt und darüber, dass die Bedingungen in dieser immer härter würden. Mein Bekannter sagte mit Inbrunst in der Stimme „Ich würde nie Manager werden können.“ Ich fragte ihn, ob er das auch noch sagen würde, wenn er die Wahl hätte, arbeitslos zu werden und somit seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Er antwortete mit ja.

Ich schaute ihn an und fragte wieso. Die Begründung war: „Dazu muss man skrupellos sein.“ (Ok, er sagte „ein Arschloch). „Als Manager musst du Menschen anlügen, du musst sie entlassen, ihnen bis dahin das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es der Firma dient. Das kann und will ich nicht. Ich lüge nicht.“

Meine Frage, ob er noch nie gelogen hätte. Ob er vor allem seine Familie, seine Frau noch nie angelogen hätte, liess er im Raum stehen und fand, dass ihm Ethik wichtig sei. Er könne nicht Menschen einfach anlügen, nur um selber eine bessere Position zu haben. Nun ehrt ihn dies sicherlich, doch frage ich mich folgendes:

Bringt man es wirklich nur als skrupelloser Mensch in höhere Positionen? Ist der Weg wirklich immer nur mit Lügen gepflastert? Gibt es in all den Managerreihen nur Arschlöcher und keine Menschen mit Herz und Mitgefühl? Ich kann es kaum glauben, aber weiter: Wenn es so wäre und man diese Reihen aus diesem Grund auch den Arschlöchern überlässt, statt sie selber auszufüllen und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, ist man dann nicht selber schuld, wenn es eben gerade so ist, dass nur die dort sitzen (und damit das Managerbild überhaupt zeichnen)? Irgendwer wird die Aufgabe übernehmen, wem also tut man einen Dienst, wenn man sich selber mit solchen Argumenten davon distanziert?

Ich bin mir bewusst, dass man mit dem Argument „wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer“ nicht alles rechtfertigen kann, aber wenn etwas getan werden muss, weil es keine Alternative gibt, dann ist es sicher zumindest bedenkenswert. Und zu guter Letzt die Frage: Der ethische Bekannte stellt das Wohl fremder Menschen mit seiner Entscheidung über das Wohl seiner eigenen Familie, in welcher er eine Rolle übernommen hat. Er will anderen Menschen nicht die Stelle kündigen, weil die daran hängen, ihre Familien an ihnen hängen, würde es aber selber in Kauf nehmen – um das nicht tun zu müssen. Ist das Ethik? Oder ist es einfach selbstherrliches Märtyrertum, das gut klingt? Oder etwas Drittes?

 

Von Sofamotzern und anderen Querulanten

Einer meiner Freunde teilte einen Beitrag eines Vaters, der mit seinem Sohn im Baumarkt war und beim Rauskommen merkte: Das geliebte Like-a-bike des Sohns war weg…

Was mir aufstiess? Es wurde in den Kommentaren nicht gegen den Dieb geschossen, sondern gegen den Vater. Dieser hatte zwar weder eine Anzeige gemacht, sondern nur die Rückgabe (sogar gegen Entgelt) gewünscht, und auch sonst keine wirklich bösen Worte gefunden, aber: Er hatte das Bike nicht abgeschlossen, mit dem Nennen des Markennamens Werbung gemacht und noch vieles mehr. Vom heimischen Sofa wurde geurteilt und geschossen.

Ich lese das oft in letzter Zeit. Wenn jemand ein Unrecht aufzeigt, wird das Unrecht zwar nicht negiert, aber gleich der Aufzeigende beschossen. Er zeige nur auf, täte aber nichts. Das Urteil ist zwar nicht fundiert, nur angenommen, aber es kommt als Angriff daher. Die eigenen Taten des Angreifers bleiben aussen vor, dass er nicht mal auf das Unrecht hinwies war wohl nicht nur Bequemlichkeit oder Ignoranz, sondern sicherlich einem guten Grund geschuldet. Aber:

Schon das Hinschauen ist eine Haltung. Aus dem Hinschauen können mehr Hinschauende gewonnen werden, daraus eine Handlungsabsicht und daraus eine Handlung. Irgendwo muss man mal anfangen. Wenn aber schon der Anfang belächelt, verurteilt und abgeputzt wird, sind wir bald da, wo alles sang- und klanglos durch geht. Weil die, welche an allem was rumzumeckern haben, das Terrain geebnet haben.

Bürokratie lässt grüssen

Ich las von Aktionen. Heute haben die einen Hashtag. Das ist ein Wort mit einem Gartenzaun davor: #hashtag. Soll Menschen im Social-Media-Bereich helfen, Gleichgesinnte zu finden. Früher ging man in den Turn- oder Feuerwehrverein. Dann wusste man: Da sind welche, die wollen dasselbe wie ich. Heute hat man Hashtags.

Unter dem Hashtag #yarnbomb findet man Bilder von Objekten, die umhäkelt oder umstrickt wurden. Laternenmasten, Bäume, Brücken, Räder – alles wurde mit Garn umwickelt und mit Hashtag versehen. In den USA ein grosser Trend, in anderen Ländern kommt es auch. Ich fand die Idee toll, da ich ziemlich verliebt in meine Häkelnadeln bin. Und noch mehr: Ich sah darin ein Projekt, sah Bilder, Bücher und Botschaften drin. Rundherum hiess es: Mach, klingt toll, super Aktion.

Da ich keine 20 mehr bin, zudem ein Kind habe, mit dem man gewisse Bürokratiehürden überstand, dachte ich: Kann das so einfach sein in der Schweiz? Ich denke nicht! Ich fragte auf Twitter bei der Stadtpolizei Zürich nach. Und erhielt sofort Antwort mit Telefonnummer. Super Dienstleistung. Das muss mal gesagt sein und das meine ich ernst! Ich rief am nächsten Morgen an. Ein sehr netter Herr am Telefon, der sofort wusste, worum es geht. Auch das: Eine tolle Leistung, für eine – wie ich finde – Banalität. Wer hier Spott oder Häme reinliest, liegt falsch. Ich schätze diese Dienste.

Ich schilderte mein Anliegen. Der nette Herr (er hatte eine wirklich sehr schöne Stimme) erklärte mir, wo im Netz ich das nötige Formular finden würde, das ich ausfüllen sollte. Denn: Einfach so einhäkeln gehe nicht. Das hatte ich mir eigentlich gedacht, entgegen all der Stimmen „mach nur“. Das Formular umfasste 5 Seiten. Ziel, Zweck, Inhalt, Auswirkungen, Dauer, Intentionen und vieles mehr sollte ausführlich geschildert werden. Das war aber nicht alles. Das ausgefüllte Formular käme dann vor ein Gremium. Es gibt eine Abteilung namens „Kunst im öffentlichen Raum“, welche in einer Frist von 6 Wochen entscheiden wird, ob das wirklich Kunst ist und durchgewinkt wird, oder ob das nicht geht.

Gesetzt den Fall, man käme durch, wäre das nicht das Ende. Nun müssten die Elektrizitätswerke gefragt werden, ob ihre Laternenmasten umhäkelt werden dürfen. (Ich wollte übrigens nur eine Binde von 10cm häkeln). Mein kurzer Einwand, ich könne auch Bäume nehmen, wurde gleich abgeschmettert: Bäume gehen gar nie, da kriege ich nie eine Erlaubnis.

Fazit: Ich häkle wieder Decken, Kissen und Tierchen. Die Botschaft, die mir vorschwebte, „Herz statt Gewalt“, werde ich weiter leben, beschreiben und in meine eigenen Projekte legen. Und ab und an beneide ich ein wenig meine Häkelfreunde in den USA, die einfach Dinge einhäkeln und damit die Welt ein wenig bunter machen.

Ohne Worte

Ich wollte so viel sagen,
wollte all das Leid beklagen.
Ich wollte diese Welt bedauern,
und den ganzen Hass betrauern.
Allein: Es fehlten mir die Worte,
und viel mehr: Was wär’n die richt’gen Orte?

 

Sollt’ ich also schweigen?
Tun das nicht die Feigen?
Was aber wollt’ ich sagen?
Bleibt mir mehr als nur noch Fragen?
Was gilt denn nun?
Was ist zu tun?

 

Während alle rufen, alle schreien,
wer die Bösen in dem Spiel grad seien,
gehen mir die Worte aus,
merke ich, die Luft ist raus,
und so sitz ich hier und frage,
wen kümmert, was ich sage?

 

Das Leben wird wohl weiter gehen,
alles werd’ ich nie verstehen.
Was ich kann, ist zu versuchen,
nicht nur andere verfluchen,
sondern hier in meinem Leben,
das mir Möglichste zu geben.

Muss man alles sagen?

Internet ist die Welt, wo man anonym durch die Welten fliegt. Man kann sagen was man will, man sitzt bequem hinterm Bildschirm und niemand kann einem was. Menschen werden mutiger, sagen Dinge, die sie Aug in Auge nie sagen würden. Sie würden sich schämen. Es ist auch einfacher, jemanden anzugreifen, da dieser nicht zurückschlagen kann. Es ist auch einfacher, Gefühle zu zeigen – oder anzudeuten -, niemand schaut dir in die Augen, du verlierst das Gesicht nie, da du immer sagen kannst: All die Gefühle, all die Herzchen – das war nur Internetsprache, nicht ernst gemeint.

Da sitzt man also vor dem Bildschirm und tippt so vor sich hin. Teilt mit der Welt da draussen, die nun durch die Social Media Freunde und Follower wurden, Sorgen, Nöte und auch Freuden. Und man fragt sich vielleicht: Was an den Reaktionen ist echt? und: Was wäre noch da, wäre ich mal weg? Würde mich jemand vermissen? Würde jemand merken, dass von mir nichts mehr kommt, würde der eigene Platz nicht einfach durch einen der xxx Freunde ausgefüllt?

Das ist schlimm? Ich denke fast, es ist das kleinste Übel in den sozialen Medien. Was mir immer wieder auffällt und mehr als sauer aufstösst, sind Menschen, die meinen, sie müssen immer und überall ihre bösartigen, spöttischen und abwertenden Kommentare lassen. Kommen die nicht gut an, nennen sie es Humor und das entschuldigt ja alles. Humor muss man schliesslich haben und unter dem Deckmantel kann jede einzelne Bösartigkeit versteckt werden.

Darf man alles sagen? Wohl schon. Wir leben in einem Land mit freier Meinungsäusserung. Diese ist ein Grundrecht, ein wichtiges sogar. Nur: Muss man alles sagen? Muss man Dinge sagen, von denen man wissen kann, dass sie dem anderen wenn überhaupt etwas, nur Schmerz bringen? Es sei denn, er ist genügend abgehärtet. Aber: Ist das wirklich wünschenswert? Menschen, die abgehärtet sind gegen mögliche Angriffe, gegen jegliche Bösartigkeiten? Das wären dann die Menschen, die auch sonst die Herzen verschlossen haben, Gefühle hinter Mauern packen, um ja nirgends in Gefahr zu laufen, verletzt zu werden.

Wir züchten uns also unsere Welt voller Mauern, voller Schutzwällen. Und wir hören von vielen Seiten, dass wir das auch tun müssen, dass wir uns eine dicke Haut zulegen sollen, die Dinge nicht an uns herankommen lassen dürfen. Wie könnten andere sonst noch weiter unsensible Witze und abwertende Kommentare loslassen, wenn alle so empfindlich wären und sich alles zu Herzen nähmen? Oder: Machen die Witze und abwertenden Kommentare nur dann Spass, wenn sie den andern so richtig treffen? Was aber würde das dann über die Kommentierenden aussagen? Wohl wenig Gutes. Und genau das ist es, was mich an Facebook je länger je mehr stört. Vielleicht ist Facebook in dem Bereich aber einfach auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Spass um jeden Preis, so lange die anderen den Preis zahlen. Verletzte Gefühle nimmt man dabei in Kauf (noch mag ich nicht glauben, dass man es sogar darauf anlegt, auch wenn sich der Gedanke immer mehr festsetzt…). Ist das wirklich die Welt, in der wir leben wollen?