Es schien mir einfach und klar, dass man leben musste, um glücklich zu sein, und die Zukunft schien mir viel Glück zu verheissen.

Die junge Masa verliebt sich nach dem Tod ihrer Mutter in ihren viele Jahre älteren Vormund. Nachdem dieser sich anfänglich weigert, zuzugeben, dass die Liebe gegenseitig ist, kommt es schlussendlich doch zur Offenbarung und die beiden heiraten. Zusammen ziehen sie aufs Land, auf Sergej Michailycs Gut. Eine wunderbar verliebte Zeit beginnt.

…es gab nur das eine selbstsüchtige Gefühl der Liebe zueinander, den Wunsch, geliebt zu werden, grundlose, unaufhörliche Heiterkeit und das Vergessen von allem anderen auf der Welt.

Schon bald wird es Masa langweilig auf dem Land, sie sehnt sich nach mehr Abwechslung, nach dem Stadtleben und den Gesellschaften da. Sergej hat Bedenken, kann ihr aber keinen Wunsch abschlagen. Seine Bedenken sollen sich aber bewahrheiten, das grosse Glück bekommt Risse.

TolstojFamilienglückFamilienglück ist eine wunderbare Liebesgeschichte, eine Charakterstudie, die Geschichte einer Ehe durch schwierige Zeiten hindurch. Masa kann dabei als Vorgängerin Anna Kareninas gesehen werden, viele Züge Annas sind schon in Masa angelegt, auch Teile der Geschichte lassen sich wiederfinden.

Mit dieser neuen Übersetzung von Dorothea Trottenberg liegt nun eine wunderbar moderne Fassung des Romans vor, es ist ihr gelungen, Tolstojs Poesie ins Deutsche zu übersetzen. Dass das Buch auch optisch schön daher kommt, ist das Sahnehäubchen obendrauf. Ein wahrer Lesegenuss, bei dem man kaum umhin kann, ab und an laut zu seufzen, Sätze nochmals zu lesen, weil sie so wunderschön sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch rund um die Liebe, die Ehe, das Glück. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Leo Tolstoi wurde 1828 in Jasnaja Poljana als Sohn eines Grafen und Großgrundbesitzers geboren. 1847 brach er sein Studium ab, um sich um die Verwaltung des elterlichen Gutes zu kümmern. Durch Landreformen versuchte er die Situation der Leibeigenen zu verbessern. Nach Militärdienst und diversen Reisen durch Europa zog er sich schließlich nach Jasnaja Poljana zurück, wo er seine großen Romane schrieb. Tolstois lebenslange Suche nach der geeigneten Lebensform kulminierte 1910 darin, daß er seine Frau verließ, da diese nicht bereit war, sich von den gemeinsamen Besitztümern zu trennen. Er starb kurze Zeit darauf an einer Lungenentzündung am 7. November 1910 in Astapowo, heute Lew Tolstoi in der Oblast Lipezk.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Dörlemann Verlag (20. Juni 2018)
Übersetzung: Dorothea Trottenberg
ISBN: 978-3038200628
Preis: EUR 17

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TurgenjewVäterSöhneIm Frühling 1859 reist Arkadi, der an der Universität in Petersburg soeben den Grad eines Kandidaten erworben hat, nach Hause in den Süden aufs väterliche Gut. Begleitet wird er vom Nihilisten Basarow, einem Medizinstudenten aus ärmlichen Verhältnissen, der sich durch einen strebsamen und streitbaren Charakter auszeichnet: immer auf Konfrontationskurs. An allem und jedem findet er etwas auszusetzen, Arkadis Onkel, der auch auf dem Gut lebt, ist zu nobel, sein Vater zu romantisch, die Gesinnungen der beiden älteren Herren sind nicht mehr Zeitgemäss  – eigentlich die der ganzen Welt.

“diese alten Romantiker! Entwickeln ihr Nervensystem zu äusserster Sensibilität… tja, und dann ist das Gleichgewicht dahin.“

Es erschüttert den sich in seiner Ablehnung von allem und jedem gefallenden Basarow in den Grundfesten, als er sich in die schöne Wittwe Anna verliebt, die seine Liebe noch dazu nicht erwidert. Dass sich Arkadi ebenfalls in dieselbe Frau verliebt hat, treibt zudem einen Keil in die Freundschaft der beiden Männer.

Turgenjew ist es gelungen, in einer leichten und lockeren Erzählweise, die immer mit einer Prise Humor und philosophischem Gespür versehen ist, ein Abbild der Zeit zu zeichnen. Ohne den Moralfinger zu heben, weist er auf die Missstände in Russland in der Mitte des 19. Jahrhunderts hin, beleuchtet die Sorgen und Ängste der Menschen, den Konflikt der Generationen. Turgenjew überzeugt des Weiteren durch plastische Figuren mit stimmigen Charakteren. Er versteht es, die Beweggründe ihres Handelns, Fühlens und Denkens offenzulegen, ohne zu psychologisieren.

Ganna-Maria Braungardt ist es zu verdanken, dass dieser wunderbare Roman in einer neuen, zeitgemässen Übersetzung erscheint. Ein ausführlicher Anhang rundet das Buch ab. Ein Personenverzeichnis mit den –oft verwirrenden und vor allem vielen – Namen der im Roman vorkommenden Figuren und deren Beziehungen untereinander erleichtert das Verständnis, ein informatives Nachwort liefert Hintergründe und Erklärungen zum Roman.

Fazit:
Grosse Literatur: Ein flüssiger und lockerer Erzählstil, der mit Humor und philosophischem Feingefühl ein Abbild der Gesellschaft Russlands im 19. Jahrhundert zeichnet – Genuss pur und absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Iwan Turgenjew
Iwan S. Turgenjew, geb. 1818 in Orel, gest. 883 in Bougival bei Paris gestorben, stammt aus altem Adelsgeschlecht. Nach dem Studium der Literatur und der Philosophie in Moskau, St. Petersburg und Berlin war er für zwei Jahre im Staatsdienst tätig. Danach lebte er als freier Schriftsteller und verfasste Erzählungen, Lyrik, Dramen, Komödien und Romane. Turgenjew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern. Seine Novellistik bedeutet einen Höhepunkt der Gattung in der russischen Literatur.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 336 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (8. Dezember 2017)
Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt
ISBN-Nr.: 978-3-423-28138-6
Preis: EUR  26 / CHF 36.90

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Wer sich vom Roman überzeugen will, findet HIER eine Leseprobe.

Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
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Die Geschichte eines Moralisten

Der Moralist, der nicht im trüben Wasser schwimmen konnte

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karrikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äusserste, was er vermag. […]

Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hiess immer und heisst auch jetzt: Dennoch!

Inhalt
Fabian, ein am Leben pessimistischer Moralist hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, lernt das Leben und die Menschen mit all ihren Facetten kennen und sieht das eigene Land langsam untergehen. An ein eigenes Glück oder Liebe gar glaubt er nicht, bis er eines Tages Cornelia kennenlernt und mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens erlebt. Hatte er bislang doch alles zu schwarz gesehen?

Zusammenfassung
KästnerFabianFabian, Dr. der Germanistik und zweiunddreissig Jahre alt, hält sich finanziell mehr schlecht als recht in abwechselnden Jobs über Wasser. In seiner Freizeit treibt er sich in zweifelhaften Etablissements herum, trinkt mit befreundeten Journalisten eines über den Durst, hat Liebschaften und diskutiert mit seinem Freund Labude über die pessimistischen Aussichten für Deutschland und Europa.
Fabian glaubt nicht an das Glück, er glaubt nicht an die Liebe, bis er Cornelia trifft und sich verliebt. Nach ein paar Tagen glücklichen Daseins verliert er seine Stelle. Einerseits für die eigene Karriere, andererseits, um ihm zu helfen, lässt sich Cornelia mit einem Filmmagnaten ein – einmal mehr ist Fabians Unglück besiegelt.

Nachdem sich auch noch sein bester Freund Labude umgebracht hat – aufgrund eines als Witz getarnten Missverständnisses – sieht Fabian seine Zeit in Berlin beendet. Er geht nach Hause ins Dorf seiner Eltern, lebt eine Weile in bleierner Langeweile, lehnt eine ihm angebotene Stelle bei einem rechten Blatt ab und plant eine Auszeit in den Bergen. So weit soll es nicht mehr kommen:

Plötzlich sah er, dass ein kleiner Junge auf dem steinernen Brückengeländer balancierte. Fabian beschlenigte seine Schritte, Er rannte. Da schwankte der Junge, stiess einen gellenden Schrei aus, sank in die Knie, warf die Arme in die Luft und stürzte vom Geländer hintuner in den Fluss.
[…]
Fabian […]zog die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. […] Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Beurteilung
Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist eine brillante Satire auf die deutsche, speziell die Berliner Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Wirtschaftskrise. Fabian ist ein scharfer Beobachter des Lebens um ihn herum. Er bewegt sich in den verschiedenen Milieus, oft am Rande der Gesellschaft, und sieht da hinter die Masken der herrschenden Doppelmoral.

Kästner wollte warnen, als er dieses Buch schrieb. Er wollte vor dem Abgrund warnen, auf welchen er Deutschland und Europa zuschreiten sah. Es ist – wie seine in der gleichen Zeit entstandenen Gedichte – der sogenannten „neuen Sachlichkeit“ zuzuschreiben, die Figuren und die einzelnen Szenen sind nicht Abbilder, sie sind Zerrbilder. Sowohl die Laster wie auch die Tugenden werden durch Erhöhungen überzeichnet und so in einer Komik dargestellt, die einerseits zum Schmunzeln anregt, andererseits aber auch genauer hinschauen lässt.

Das schnelle Tempo, die rasch wechselnden Szenen, die einfachen Sätze und der überall vorherrschende Sprachwitz geben dem Roman eine Dynamik, die Schnoddrigkeit, Ironie und Schlagfertigkeit in den einzelnen Dialogen ziehen den Leser in die Geschichte hinein, lassen diese lebendig wirken.

Fazit:
Ein wunderbar tiefgründiges, satirisches, witziges Buch, das durch Lebendigkeit der Sprache, Witz und Ironie besticht. Eine brillante Mischung aus ernstem Anliegen und humorvoller Umsetzung. Eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Erich Kästner
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher und Bilder unliebsamer Künstler verbrannten, waren auch Werke von Erich Kästner darunter. Seine zeitkritischen und satirischen Texte hatten ihn in Ungnade fallen lassen. Der am 23. Februar 1899 in Dresden geborene Journalist und Schriftsteller lebte und arbeitete weiter in Berlin und publizierte im Ausland. Die Gedichtbände „Herz auf Taille“ und „Lärm im Spiegel“ erschienen 1928 und 1929, ebenso sein bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach dem Krieg lebte Kästner in München und rechnete als Mitglied der „Schaubude“ sowie in seinen Hörspielen und Liedern mit den Nazis ab. Er starb am 29. Juli 1974 in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Atrium Zürich (5. Mai 2017)
ISBN: 978-3038820086
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Ein Sittengemälde aus dem gebirgigen Westfalen

Inhalt

Friedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter – schön, stolz und fromm – ist nach dem Tod ihres Mannes mit allem überfordert und mausarm, so dass er schon früh die Härte des Lebens kennenlernt. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird.

Friedrich Mergel kommt als Sohn des Säufers Friedrich Mergel und der stolzen und schönen Margret Semmler in einem kleinen westfälischen Dorf auf die Welt. Schon früh nimmt sein Leben einen schwierigen Gang, sein Vater stirbt, als Friedrich neun Jahre alt ist, Armut ist das Los von Friedrich und seiner Mutter. Friedrich arbeitet als Kuhhirt, bis ihn sein Onkel Simon Semmler unter die Fittiche nimmt und ihm durch dunkle Geschäfte zu etwas Geld verhilft. Bei seinem Onkel lernt er auch dessen unehelichen Sohn, den Schweinehirten Johannes Niemand kennen, die zwei werden unzertrennlich.

Friedrich ist Teil der sogenannten Blaukitte,, welche im Dorf immer wieder Holz stehlen. Als bei einem solchen Vorfall der Oberförster Brandis zu Tod kommt (Friedrich hat durch einen warnenden Pfiff an seine Mitganoven eine Teilschuld), meldet sich Friedrichs Gewissen – doch die Geschichte lässt sich nicht mehr drehen, das Unheil nimmt seinen Lauf, Friedrich kann den Pfad von Gewalt und Vergehen nicht mehr verlassen.

Auf einer Hochzeitsfeier wird Friedrich vom Juden Aaron gedemütigt, kurz darauf findet man dessen Leiche im Brederwald unter einer Buche. Der Verdacht fällt auf Friedrich, welcher zusammen mit Johannes Niemand flieht. Zwar gesteht kurze Zeit darauf jemand anderes den Mord, Friedrich bleibt aber verschwunden. Erst nach 28 Jahren, die Tat ist mittlerweile verjährt, kehrt Friedrich heruntergekommen und verkrüppelt zurück – er ist unterzwischen in türkischer Gefangenschaft gewesen – und bestreitet fortan einen kargen Lebensunterhalt durch Botengänge. Hartnäckig meidet er den Brederwald, welcher ihn aber doch immer anzieht. Schliesslich erhängt er sich an der Buche, unter welcher Aaron damals (von ihm) ermordet gefunden worden ist.

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Entstehung

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen. Sie beruht auf einer wahren Gegebenheit, von welcher die Autorin seit ihren Kindertagen durch Erzählungen Kenntnis hatte. Ihr Onkel August von Haxthausen hatte seinerseits die ganze Ursprungsgeschichte anhand von Gerichtsakten aufgezeichnet und sie unter dem Titel Geschichte eines Algier Sklaven veröffentlicht. In Die Judenbuche erfand Annette von Droste-Hülshoff quasi eine Vorgeschichte zu dieser wahren Geschichte.

Zum Werk

In ihrer Novelle gelingt es Annette von Droste-Hülshoff, begangenes Unrecht als eine Folge der Verhältnisse in der Gesellschaft darzustellen. Sie beschreibt diese Gesellschaft selber dadurch als problematisch, als

die Begriffe von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten waren.

Neben dem eigentlichen Recht hat sich ein zweites, von den Mitgliedern der Gesellschaft selber bestimmtes eingebürgert, welches sich in der öffentlich geäusserten Meinung niederschlug und durch entsprechendes Verhalten oder Nicht-Verhalten Vergehen gegen so gedachte Ordnungen ahndete – oder ignorierte.

es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Droste-Hülshoff legt diese Mechanismen anhand des Einzelschicksals von Friedrich Mergel dar, welcher schon von Geburt kaum eine Chance auf ein erfolgreiches Leben hat, sein Schicksal wird ihm quasi in die Wiege gelegt dadurch, dass schon der Vater ein „gänzlich verkommenes Subjekt“ ist.

Die Natur fungiert in dieser in einem westfälischen Dorf spielenden Geschichte als Zeuge und Richter. Alles, was passiert, geschieht im Brederwald, der Tod von Friedrichs Vater, der von Förster Brandis sowie der spätere Mord an Aaron in der Nähe der Buche, die so zum Dingsymbol für das Unheil wird. An dieser Buche erhängt sich schliesslich Friedrich auch, als er mit der auf sich geladenen Schuld nicht mehr umgehen kann. Damit erfüllt er den Spruch, der als Mahnung an den Judenmord 28 Jahre zuvor in die Rinde geschnitzt worden war:

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Mörderjagd auf dem Dorfe

Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne – man kann nicht sagen – erfreut; denn Margareth soll sehr gewint haben, als man ihr das Kind reichte.

DrosteJudenbucheFriedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter zwar herzensgut, nach dem Tod ihres Mannes aber mit allem überfordert und mausarm, lernt er schon früh die Härte des Lebens kennen. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird, zumal dieser ihn kurz zuvor auf einer öffentlichen Feier blossgestellt hat.

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen und porträtiert eindrücklich das Leben auf dem Lande im 19. Jahrhundert.

Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Auf anschauliche Weise erfährt man von den Intrigen und Machenschaften der kleinen Ganoven sowie von den Verurteilungen derer, die den allgemeinen Ansprüchen nach einem guten und richtigen Leben nicht genügen.

Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Dörlemann Verlag ist durch ein Nachwort der Autorin Droste-Hülshoff sowie einen kleinen Lebenslauf derselben ergänzt und besticht durch seine liebevolle und hochwertige Gestaltung.

Fazit:
Eine kurzweilige, kriminalistisch anmutende Novelle aus dem 19. Jahrhundert liebevoll neu aufgelegt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Annette Droste-Hülshoff
Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Dörlemann (15. August 2016)
ISBN: 978-3038200376
Preis: EUR 14 / CHF 22.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Inhalt

Ein tyrannischer Schulprofessor verspricht jedem ungehorsamen Schüler – und für ihn sind sie alle ungehorsam – den Untergang. Bei diesem Vorhaben stösst er auf die Künstlerin Rosa Fröhlich, setzt für sie alles aufs Spiel, verfolgt mit ihr sein Ziel, die zu Stürzenden zu Fall zu bringen und stürzt nach einer intensiven und machtvollen Phase selber ab.

Da er Raat hiess, nannte die ganze Schule ihn Unrat, Nichts konnte einfacher und natürlicher sein.

Seit 26 Jahren ist der Gymnasiallehrer Raat Lehrer am Gymnasium einer nordischen Kleinstadt, alle ansässigen Bürger kennen ihn und damit auch seinen Übernamen, den er seiner Unbeliebtheit – er ist alles andere als ein zugewandter Lehrer, seine Mittel und Methoden sind tyrannisch, feindselig und schikanös – verdankt: Professor Unrat. Da er dies nicht auf sich sitzen lassen will, sinnt er auf Rache, besonders die drei Schüler Kieselack, von Erztum und Lohmann hat er dabei im Visier.

Als Unrat per Zufall auf ein Gedicht Lohmanns an eine Künstlerin stösst, wittert er seine Chance, weil er ein unsittliches Verhältnis des verhassten Schülers annimmt. Er macht sich auf die Suche nach der Künstlerin Rosa Fröhlich. Schon die Suche läuft wie im Fieberwahn ab. Als er schliesslich in die Gaststätte „Blauer Engel“ kommt, sieht er sich am Ziel. Nicht nur ist der Zuschauersaal gefüllt mit dem ganzen minderwertigen Pöbel, gegen das er grösste Abscheu hegt, auch findet er da die gesuchte Künstlerin und die verfolgten Schüler, welche ihm aber entkommen können.

Unrat verliebt sich in die bunte Künstlerin, geht fortan täglich in das Etablissement – einerseits, um den Schülern doch noch auf die Schliche zu kommen, andererseits, um zu verhindern, dass jemand anders der Künstlerin zu nah kommt. Rosa Fröhlich lässt sich auf Unrat ein, worauf dieser ihr alle Wünsche erfüllt, von teuren Speisen und Kleidern angefangen bis hin zu einer eigenen Wohnung. In ihr sieht er eine Gleichgesinnte, etwas, das er im ganzen Ort nicht kennt und auch im ganzen Leben nie kannte.

Sein Verhältnis mit der Künstlerin macht die Runde im Ort, zuerst wird er zum Gespött und Gemiedenen, dann verliert er die Stelle an der Schule. Rosa und Unrat heiraten, sie leben fortan in der Unratschen Villa vor dem Tor der Stadt. Durch die fehlenden Einkünfte in finanzielle Not gelangt, fängt Unrat auf Anraten Rosas an, privat zu unterrichten, allerdings wird aus dem Unterricht bald ein Festgelage, das sich immer mehr ausweitet und die Bürger der Kleinstadt zu Spiel und Wein in die Unratsche Villa lockt. Indem sich Rosa mit ihnen einlässt, stürzt einer nach dem anderen aus seinem wohleingerichteten Leben, Unrat sieht sich am Ziel, es allen heimzuzahlen, welche ihn je gedemütigt haben. Das Geld fliesst in Strömen, Rosa und Unrat leben in Saus und Braus, doch dann kommt es zu Engpässen, die Schulen häufen sich.

Am Ende tritt Lohmann, welcher zu Schulzeiten Unrats grösstes Feindbild war, erneut in das Leben der beiden. Er bietet Rosa an, alle ihre Schulden zu tilgen, legt ihr seine gefüllte Brieftasche auf den Tisch. Unrat kommt dazu, er tobt vor Eifersucht, geht Rosa körperlich an und flieht dann mit Lohmanns Brieftasche. Das Ehepaar Raat wird verhaftet, womit der Tyrann gestürzt ist und das gemeine – und vorher den Gelagen im Unratschen Haus nicht abgeneigte – Volk wird wieder zu ehrbaren Bürgern,

Entstehung

Professor Unrat erschien 1905, seine Niederschrift hatte nach Heinrich Manns eigenen Aussagen nur wenige Monate gedauert.

Während Heinrich Mann sich in seinen vorherigen, nach 1900 erschienen Romanen mehrheitlich mit der bürgerlichen Gesellschaft der Grossstadt befasst und – als Kritik an der Décadence – deren Verfall analysiert hat, wendet er sich im vorliegenden Roman der Provinz zu. Dass der Roman in Lübeck spielt, ist kein Geheimnis. Die Stadt hat in der wilhelminischen Monarchie einen Sonderstatus im Vergleich mit anderen deutschen Städten, da in ihr eine republikanische Verfassung gilt, so dass sie statt von einem Monarchen von den reichen Kaufmännern und traditionellen Patrizier beherrscht wird. Für die Unterschicht, die einfachen Bürger bedeutet das, dass sie kaum Rechte hat.

Das gesellschaftliche und vor allem schulische Klima ist durchdrungen von sturen Prinzipien und Grundsätzen, es gilt Zucht und Ordnung.

Zum Werk

MannUnratDer Roman lässt sich einerseits als Schulsatire lesen, hat aber eine noch viel tiefere Bedeutung auf einer zweiten Ebene: Es ist eine sozialpathologische Studie, welche den einzelnen Menschen mit seinem durch Leiden und unterdrückte Triebe gesteuerten Handeln, welches sich in Machtanspruch und Tyrannei ausdrückt. Der in seinem Selbstbewusstsein erschütterte Professor Unrat sinnt auf Rache und lebt diese mit einer schon krankhaften Leidenschaft aus. Sein Blick ist von den eigenen Vorstellungen verstellt, die Realität unterliegt diesen.

Der Roman Heinrich Manns ist eine bitterböse Gesellschaftssatire, welche die kleingeistigen Bürger einer nordischen Kleinstadt – welche unschwer als Lübeck zu erkennen ist – in ihrer Doppelmoral blossstellt. Selber auf Sitte und Anstand pochend und Vergehen dagegen verurteilend, erliegen sie alle dem Reiz des anrüchigen Angebots der Unratschen Villa vor dem Tor – es ist durchaus sinnig, dass die Villa nicht innerhalb der Stadtmauern ist – und lassen sich auf unlautere Amouren mit der Künstlerin Fröhlich ein: Sitte und Anstand liegen in Trümmern. Der vorher verspottete Unrat ist nun der sie alle umstürzende Alleinherrscher, bis er selber gestürzt wird und die Kleinstadt sich wieder hinter ihre Fassade von Anständigkeit und Moral zurückziehen kann.

Liest man den Roman nach dem Zweiten Weltkrieg, könnte man Heinrich Mann fast schon eine prophetische Sicht unterstellen mit seinem Sturz des Tyrannen.

Heinrich Mann

Luiz Heinrich Mann wird am 27. März 1871 in Lübeck als Sohn des Lübecker Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns geboren, er hat vier Geschwister, darunter Thomas Mann. Nach dem vorzeitigen Austritt aus dem Gymnasium beginnt er eine Buchhändlerlehre, die er abbricht und danach Volontär im Fischerverlag in Berlin arbeitet. Nebenher besucht er Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität. 1893 zieht die Familie Mann (der Vater war gerade gestorben) nach München. Heinrich Mann reist in der Folge viel, teilweise zusammen mit seinem Bruder Thomas. 1931 wird Heinrich Mann Präsident der Sektion Dichtkunst der Preussischen Akademie der Künste. 1939 heiratet er die Schauspielerin Nelly Kröger, mit ihr, dem Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Werfel flieht er 1940 über Spanien und Portugal in die USA, wo er sich kulturell fremd fühlt und sich finanziell nicht mehr fängt. Er wird deshalb von seinem Bruder Thomas Mann unterstützt. 1944 nimmt sich Nelly Mann das Leben, sie hat schon lange an einem Alkoholproblem gelitten. Eine neue Chance tut sich für Heinrich Mann 1949 auf: Er wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Heinrich Mann stirbt aber noch vor seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1950.