5 Inspirationen – Woche 21

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Wenn man mich fragt, was ich so in meiner Freizeit mache (wobei sich bei mir Frei- und Arbeitszeit ziemlich deckungsgleich überscheiden), sage ich oft: Nichts. Und ich meine damit, dass ich nicht machte, was ich mir vorgenommen habe. Oft setzte ich mich hin, fing mit etwas an, wurde davon zu etwas inspiriert, ging ins Netz, recherchierte, und ich kam von einem zum anderen… und Zeit verging. Angefühlt hat es sich schlussendlich nach nichts. Aber: Ich habe gelernt. Das merkte ich kürzlich, als ein Thema aufkam. Und genau dem habe ich hinterhergeforscht. Ich habe unglaublich viel schon gelernt auf die Weise. Wenn ich schlicht bei Facebook hängen bleibe, ist das sicher nicht dasselbe, aber: Das Netz hat viel zu bieten. Wenn man mit einer Portion Neugier reinsticht, wird man immer mit einem Lerneffekt rauskommen.
  • Kürzlich brauchte ich ein Foto für einen Artikel, auf die Schnelle kam mir nichts anderes in den Sinn, als schnell das Gesicht eines Autors zu zeichnen und es dann abzulichten. Ich schimpfe ab und an mit mir, dass ich zu viel spannend finde und mich ab und an verzettle, weil ich vom Einen zum Anderen fliege… unter anderem flog ich auch mal zum Zeichnen und Malen. Ich wollte das unter den Teppich kehren, nie mehr erwähnt wissen, schliesslich bin ich ein schreibender Mensch. Und man muss sich ja auch mal entscheiden. Doch plötzlich war ich dankbar, konnte ich einfach mit ein paar Strichen ein Gesicht zeichnen… Alles, was in einem ist, gehört zu einem. Und es darf seinen Platz haben. Nur so wird man selber zu einem Ganzen.
  • Da war so dieser Lockdown. Und ja, mir fehlte wenig, einiges so ein bisschen, aber es ging gut. Und immer wieder kam der neue Entscheid, alles wurde weitergeführt, auch wenn gewisse Öffnungen wünschenswert gewesen wären. So rein persönlich. Das ohne Klagen, es ging auch so wirklich gut. Und dann… einmal hätte eine Nicht-Öffnung etwas Positives gebracht für mich. Just da wurde geöffnet. Und ich sass da und war ein wenig frustriert. Es wäre nicht nötig gewesen. Aber es war ein Lehrplatz: Es bringt nichts, sich über Dinge aufzuregen, die nicht in der eigenen Hand liegen. Es ist auch so gut. Wenn ich es selber als gut ansehe und etwas Gutes draus mache.

Ich kann nicht die Welt ändern, ich habe es nur in der Hand, wie ich auf diese reagiere.

  • Ich nehme mir gerne Projekte vor. Weil sie mich anspringen und begeistern. Und dann merke ich über die Zeit, dass sie doch schwierig werden. Und ich frage mich: Soll ich daran festhalten, da ich es mir schlicht vorgenommen habe? Oder darf ich auch Anpassungen vornehmen? Oder gar mal ein Projekt beerdigen, weil es schlicht seine Zeit hatte und für mehr nicht genug da war – wovon auch immer. Ein solches Projekt sind diese Inspirationen. Ich schaue und höre und lese viel in der Woche. Und denke drüber nach. Vieles ist inspirierend. Und bei vielem denke ich dann, dass das aber zu wenig allgemein relevant wäre, es reinzustellen. Und vermutlich ist auch das, was ich schlussendlich wähle, eher subjektiv und einer persönlichen Momentaufnahme geschuldet. Es stellt sich die Frage: Zieh ich es so weiter? Höre ich auf? Lockere ich die Vorgaben an Menge und Regelmässigkeit? Ich habe noch keine Antwort.
  • Zum Abschluss möchte ich ein Gedicht von Hilde Domin zitieren, einer Lyrikerin, die mich mit ihrer Lebensgeschichte, ihrer Haltung zu ihrem Schicksal und ihrem Einsatz für die Lyrik immer wieder beeindruckt:

«Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.»

Mögen wir an die Wunder dieser Welt und dieses Lebens glauben, egal, was uns begegnet.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Mördergrube


Ein leiser Hauch,
ich spür ihn kaum,
wischt alles weg –
war mal was da?

Worauf noch bau’n?
worauf vertrau’n?
Heisst immer nicht
im Grunde nie?

Heisst ach so sehr,
im Grunde nicht,
ich lieb dich grad
so wie auch die?

Ist Liebe nur
ein Zauberwort,
Gefühlter Hort und
Schmerzensort?

Ist Liebe mehr
erhofftes Gut,
die kurze Glut,
dann wird es schwer?

Am tiefsten trifft dich
jener Keil,
der ungeschützt
dein Herz zerteilt.

©Sandra von Siebenthal

Hermann Hesse: Bücher

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.
(1918)

Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht in einer für ihn schwierigen Zeit. Verschiedene Schicksalsschläge haben ihn psychisch so belastet, dass er sich in Behandlung geben musste, dabei Erfahrungen mit der Psychoanalyse machte. Daneben war seine Ehe am Zerbrechen, seine Kriegsgegnerschaft hat ihm nicht nur Freunde beschert. Kurz vor diesem Gedicht hat Hesse seinen Demian geschrieben, den er folgendermassen einleitete:

«Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.»

Der Roman zeichnet das Leben des Protagonisten Emil Sinclair vom zehnjährigen Kind hin zum sich selber bewussten, sich selber hinterfragenden Erwachsenen auf. Fast scheint es, er hätte diese Thematik im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet. Im Gedicht erzählt er nicht vom möglichen Weg hin zur Erkenntnis, er spricht den Leser an, sagt ihm, wo er das Glück sicher nicht findet: In allen Büchern dieser Welt. Dahin flieht vor allem der Literaturliebhaber in schwierigen Zeiten gern, eröffnen sich in Büchern doch neue Welten, welche ein Abtauchen ermöglichen. Und daraus erhofft man sich dann ein bisschen Glück.

Und nun also Hesses Absage an das Glück aus Büchern. Er kommt zum Schluss, dass man unzählige Bücher lesen kann, sie alle werden das Glück nicht bringen. Dabei belässt er es aber nicht: Zwar findet man nicht unmittelbar Glück, aber Bücher helfen, sich durch das Lesen fremder Sichtweisen, durch das Erfahren neuer Möglichkeiten, sich selber genauer zu sehen. So wird Literatur zum Spiegel und sie öffnet dadurch neue Tore, allen voran das zum eigenen Ich.

Ist man erst mal bei sich selber angekommen, merkt man, dass eigentlich alles, was man suchte, schon da ist. Das deckt sich mit dem, was Buddha einst sagte:

«Das Glück liegt in uns, nicht in den Dingen.»

Die Dinge aber, in dem Fall die Bücher, können uns helfen, unseren Blick zu schärfen dafür, was da ist, dafür, was möglich ist. Bei allem, was wir lesen, lesen wir uns mit. Mit allem, was wir erfahren, treten wir in Kontakt mit unserer eigenen Erfahrungswelt. Ist der Blick erstmal klar und wir unserer selbst bewusst, werden wir in uns selber das Licht erzeugen, welches das Dunkel des Unverständnisses, das Dunkel der Welt erhellt.

Mascha Kaleko: Rezept

Jage deine Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht nein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein. 
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
(1966)*

Das Lyrische Ich ruft das Du an, gibt ihm Rat mit auf den Lebensweg. Es ist wohl der Rat, dessen es selber bedarf. Fast muten die Zeilen an wie eine Selbstbeschwörung. Ängste plagen und belasten das Leben. Es sind Ängste ums Überleben: Wird genug da sein? Reicht das, was ich habe, bis zum Ende? Was, wenn ich etwas verliere? Kann ich etwas abgeben, wenn jemand etwas von mir wünscht oder fordert? Mit solchen Fragen treibt sich das Ich um und sagt dann selber: Lass sie sein. Es wird alles reichen. Es ist genug. Schau genau hin: So viel brauchst du gar nicht. Wenn du helfen kannst, hilf, schlussendlich gehört nichts wirklich dir. Und irgendwann trittst du die letzte Reise an. Sei darauf vorbereitet.

Das Leben nimmt seinen Lauf und wir können wenig daran ändern. Statt aber zu geniessen, was gut ist, leiden wir durch unsere Ängste schon, bevor die Dinge eintreten, die wir fürchten. Wie hilfreich wäre hier eine gelassenere Sicht und vor allem auch das Wissen: Alles ist vergänglich, nicht nur Glück, auch das Leid. Die Botschaft erinnert an die Stoiker, allen voran Epiktet, welcher genau das als Rezept für ein gutes Leben anführt: Schaue auf dein Leben, schaue, was du in der Hand hast und was nicht. Und dann geh die Dinge, die du selber ändern kannst, an, akzeptiere die anderen. Sich über diese aufzuregen wird nichts verändern, ausser dass du dir selber Leid zuführst.

Es ist ein kleines Gedicht voller Moral und Lebensklugheit, ein Gedicht, das aufzeigen will, wie man auf eine gute und gelassene und zufriedene Weise durch das Leben kommt. Es ist ein Gedicht, das auf die Fallgruben des guten Lebens hinweist und Mittel an die Hand gibt, diese zu umgehen. Es ist sicher keine hohe Poesie, aber beschriebene Lebensklugheit. Es sind keine nie gehörten Ratschläge, aber man spürt aus jeder Zeile, dass sie aus dem eigenen fühlenden Herzen geschrieben ist, um andere fühlende Herzen zu finden und zu beruhigen (und das eigene wohl damit). Das macht dieses Gedicht so menschlich, so tröstlich.

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*zit. nach Mascha Kaleko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, dtv Verlag, München 2012.

Theodor Fontane: Zuspruch

Such nicht immer, was dir fehle,
Demut fülle deine Seele,
Dank erfülle dein Gemüt.
Alle Blumen, alle Blümchen,
und darunter selbst ein Rühmchen,
haben auch für dich geblüht.

Das Gedicht besteht mehrheitlich aus 4-hebigen Trochäen, dieser Rhythmus wird nur in der dritten und in der letzten Zeile durchbrochen. So entsteht ein fliessender Rhthmus, der beim Gemüt stoppt, dann weiter geht. Dadurch kommt dem Gemüt eine herausragende Bedeutung zu, auf ihm liegt die Aufmerksamkeit. Der Reim unterstützt das zusätzlich, indem auf einen Paarreim ein umschliessender Reim folgt, der die dritte und die letzte Zeile noch näher zusammenrückt, in Beziehung bringt. (aabccb).

Am Anfang steht eine Aufforderung: „Such nicht immer“. Fontane fordert den Empfänger dieses Gedichts auf, nicht immer nach dem zu suchen, was ihm fehlt. Hinter dieser Suche liegt ein Anspruch, welcher zu gross ist und nie zu Zufriedenheit führt, da immer etwas fehlt im Leben. Statt dieser Anspruchshaltung soll der Leser lieber demütig sein. Und hier kommt das Gemüt. Dank soll es erfüllen (dafür, was ist).

Das Gemüt beinhaltet alle vom Seelischen und vom Gefühl ausgehenden Kräfte und Empfindungen eines Menschen. Dass diese mit Dankbarkeit gefüllt sein sollen, ist die zentrale Aussage, die er daraufhin begründet. Er tut dies wieder in fliessendem Rhythmus, verweist auf alle Blumen und Blüten, die auch für den hier Angesprochenen geblüht haben. Hier endet das Gedicht, eng bezogen durch Takt und Reim aufs Gemüt.

Das Gedicht ist überschrieben mit „Zuspruch“. Es soll also jemandem, der klagt, Trost bringen, ihm gut zureden und ihm zeigen, dass alles nicht so schlimm ist, wie er es aktuell beklagt. Den Grund zur Klage sieht Fontane in der Suche nach Fehlern, die Lösung des Problems in einer Veränderung der Perspektive: Statt die Konzentration auf den Mangel zu legen, soll man besser schauen, was ist, sich daran freuen und dafür dankbar sein.

Wer mit ein wenig mehr Achtsamkeit durch die Welt geht, sieht die Blumen am Wegesrand. Und selbst wenn der Weg ab und an holprig und mit Hindernissen bestückt ist, so blühen sie trotzdem und erfreuen den, welcher sie sieht.

Sehen was ist

Du bist so ein Vogel
und mir zugeflogen,
ich hatte kein Recht, es
war blosses Glück.

Ich schau auf mein Leben,
wie viel war gelogen,
wie viel war Betrug, und nur
ich mittendrin.

Ich schau auf mein Hoffen,
und seh all die Plagen,
ich fühl’ noch das Leiden,
will nie mehr dahin.

Und manchmal, da merk ich,
dass all diese Nöte,
so fern sie auch scheinen,
noch immer da sind.

Wir leben ein Leben,
und nehmen halt eben,
was ist und was kommt, so
tief in uns auf.

Es gräbt seine Spuren,
wir laufen wie Nadeln
geritzt ins Vinyl.
Nur manchmal da

sitzt so ein kleines und feines
Stück Staub in der Rille,
es hindert die Nadel am
nahtlosen Lauf –

und wir hören hin!

©Sandra von Siebenthal

Ingeborg Bachmann: An die Sonne

An die Sonne

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

(Ingeborg Bachmann, 1926 – 1973)

Die Sonne. Schöner als Mond und Sterne, mehr als Adel oder Ruhm. Feurig ist sie, hat einen Auftritt. Sie nimmt den Schleier von der Welt, sie spendet unser Licht. Ohne Sonne läge alles im Schatten (das erlauben wir der Dichtung, da der Schatten auch nur durch die Sonne entsteht, es wäre hier wohl das Dunkel – aber mein Gott: ob Schatten, ob Dunkel, es wäre alles dahin, es wäre nur Flucht, eine gepeitschte gar). Mit der Sonne aber haben wir Wärme, sehen Schönes, alles lebt, alles zeigt sich in bunter Farbe. Die ist die Schönheit selber. Sie wird hier besungen. In einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht. Sie wärmt, sie erhellt.

In dem Gedicht steckt so viel Schönheit und so viel Lob der Schönheit. Da ist einer, der hinschaut und er sieht. Die Sonne. In all ihrer Pracht. Und alles fliesst. In langen Zeilen, die fast ins grenzenlose gehen. Da ist nichts Böses, nichts Hässliches, nichts Schlechtes. Alles ist schön. Schon fast so schön, dass man in Faust-Manier sagen möchte: Augenblick du bist so schön, verweile doch. Da steckt ein Mut drin, eine Kraft. Ein Wunsch. Eine Utopie. Und man möchte sie annehmen, in all ihrem Wirken in ihrem Gut-Tun.

Wir können nun dahin gehen und Analyse betreiben. Wir würden herausfinden, dass die Strophen akkurat aufgebaut sind: 5 4 3 2 1 2 3 4 5 . Man kann daraus ein Bild entstehen lassen: Das Meer als Horizont, darüber in Kreisen die Farben der untergehenden Sonne. Oben wirklich, unten im Spiegel. Und in der Mitte die Konzentration aller Schönheit. Wenn man in die Runde fragt, haben genau diese Analysen die Lyrik verleidet zu Schulzeiten. Wie schade.

Und doch: Die Analyse mag so leidenschaftslos erscheinen, aber sie zeigt doch etwas auf: Wenn man ganz genau hinsieht, ergibt sich aus den Worten, aus dem Aufbau, auf dem für Bachmann so wichtigen Punkt der Konstruktion, der Komposition ein Bild. Und es ist wieder pure Schönheit. Es ist das Gefühl des Hinschauens auf das Schöne, das sich jeden Tag von Neuem bietet. Wieso also sträuben wir uns dagegen? Weil die Analyse so wesensfremd daherkommt? Ohne Leidenschaft, rein sachlich?

Gute Gedichte sind nie sachlich. Selbst wenn sie absolut sachliche Themen behandeln. Gedichte sind Gefühle auf den Punkt gebracht. Es sind Worte, wenn die Worte eigentlich ausgehen und nur Fühlen bleibt. Ansonsten sind es aneinander gereihte Worte, die irgendeinem analytisch gedachten Zweck gereichen sollen. Die auseinanderzunehmen gliche einem sich in den Schwanz beissenden Fuchs. Wo kein Gefühl ist, ist alle Analyse obsolet. Aber ab und an muss man auch genauer hinsehen, will man die wirkliche Bandbreite erkennen. So auch hier. Schon allein das Lesen eröffnet eine Schönheit.  Die Analyse legt diese in eine Form, formt daraus ein Bild. Worte und Gefühle treten in eine neue Dimension ein. Man könnte darüber hinweglesen, es wäre immer noch so viel da an Bewunderung, an Schönem, an Wert, an Aufforderung da, hinzusehen. Wieso sich also den letzten Rest verschliessen?

Ingeborg Bachmann: Eine Art Verlust*

Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.
Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher und ein Bett.
Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht, verwendet, verbraucht.
Eine Hausordnung beachtet. Gesagt. Getan. Und immer die Hand gereicht.

In Winter, in ein Wiener Septett und in Sommer habe ich mich verliebt.
In Landkarten, in ein Bergnest, in einen Strand und in ein  Bett.
Einen Kult getrieben mit Daten, Versprechen für unkündbar erklärt,
angehimmelt ein Etwas und fromm gewesen vor einem Nichts,

(-der gefalteten Zeitung, der kalten Asche, dem Zettel mit einer Notiz)
Furchtlos in der Religion, denn die Kirche war dieses Bett.

Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei.
Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn, zu grüssen.
Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äusserste Farbe.
Das Klingeln an der Tür war der Alarm für meine Freude.

Nicht dich habe ich verloren,
sondern die Welt.

Ingeborg Bachmann (1929 – 1973)

Szenen eines Miteinanders, die kleinen Alltäglichkeiten eines geteilten Haushalts, eines geteilten Lebens. Es ist das Leben von Ingeborg Bachmann und Max Frisch, welche von 1958 bis 1962 ein Paar waren. Einerseits verkörperten die beiden eine Liaison, welche voller Mythen war, zwei helle Köpfe, zwei grosse Literaten vereint – und doch hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Er der pragmatische und disziplinierte Schriftsteller, welcher nach geordneten Bürozeiten in die Tasten haute und praktisch druckreife Werke aus der Maschine holte, sie der immer nach Worten suchende, der an Worten feilende Freigeist mit dem viel zu hohen Anspruch an sich und ihre Texte.

Es ist das erste Mal, dass sich Ingeborg Bachmann wirklich auf eine Beziehung einliess, mit einem Mann zusammenzog. Und immer wieder merkte sie, dass alles zu eng war, sie Distanz brauchte, dass sie ihn doch nicht ganz an sich ranlassen konnte. Es war kompliziert. Und es wurde von Max Frisch beendet, als sich dieser in eine junge Studentin verliebt hatte. Für Ingeborg Bachmann ein Schock, der sie in eine tiefe Krise stürzt, aus welcher sie sich nicht mehr so schnell erholen sollte – vielleicht nie mehr wirklich.

Im Trennungsjahr entstand dieses Gedicht, welches Ingeborg Bachmann 1967 zum ersten Mal im Hörfunk gelesen hat. Gedruckt wurde es erst posthum, 1978. Wie eine Liste, sachlich, in neutraler Sprache, listet Ingeborg Bachmann die Gegenstände, Erlebnisse und Gedanken des gemeinsamen Lebens auf – quasi eine Inventur. Und doch drängt aus jeder Zeile das Trennungsdrama, welches sie als «grösste Niederlage» ihres Lebens bezeichnete.

Man sieht sich im Gedicht an den Zürichsee zurückversetzt, alles, was normaler Alltag war, steht in der Vergangenheitsform. Es ist vorbei. Und am Schluss steht eine Art Verlust. Dieser ist aber grösser, als es rein sachlich scheinen mag. Es ist nicht nur der Verlust eines Menschen, Max Frischs, es ist der Verlust einer ganzen Welt, der Welt, die sie gemeinsam aufgebaut haben aus all den vorhergehenden Listenpunkten.

Max Frisch und Ingeborg Bachmann haben ihre Beziehung und auch ihre Trennung in ihrem Werk wieder und wieder thematisiert. Frisch unter anderem in «Mein Name sei Gantenbein», was Ingeborg Bachmann wegen der intimsten Details ihres Zusammenseins tief traf, und in «Montauk», Ingeborg Bachmann selber chiffrierter durch eine uneindeutigere Sprache und nicht alles offenbarende Komposition. Auf diese Weise lebt die Beziehung auch nach der Trennung von Tisch und Bett und Leben auf eine Weise weiter, lässt nicht los, bleibt lebens- und werkprägender Bestandteil zweier Menschen.

*zit. Nach Ingeborg Bachmann: Liebe: Dunkler Erdteil. Gedichte aus den Jahren 1942 – 1967, Piper Verlag, 6. Auflage, München 1997.

Liebe-los

Ich liebte dich,
wenn du nur wärst,
ein wenig mehr –
das bitte sehr.

Ich liebte dich,
doch fehlt mir noch,
ein ganzes Stück
zu meinem Glück.

Ich liebte dich,
doch schau mal hin,
das geht so nicht,
macht keinen Sinn.

Ich liebte dich,
ich mein’ ja nur,
doch du bleibst du,
bist einfach stur.

So sprach er einst,
ich glaubt’ es fast,
tat hier ein Stück,
und da noch was.

Ich merkte bald,
s’ist nie genug,
zumindest war ich
dann mal klug:

Mit Sack und Pack
ging ich dahin,
wo reicht’ was ich
und wer ich bin.

Da sitz ich nun
Und denk zurück,
ich denk an ihn,
denk an das Glück,

und beides war
mir nicht bestimmt.
bin nur noch ich,
und bin genug.

©Sandra von Siebenthal

vogelfrei

auf weiten schwingen
vom himmel getragen
dem elend entflogen
kein zwang und kein ziel

bin aus den zwingen
muss nichts mehr ertragen
werd nie mehr enttäuschen
bin nie mehr zuviel

kein blick mehr bestraft mich
und auch keine klagen
kein mich auslachen –
von dir nun nie mehr

nichts davon dacht ich
als du vor mir lagest
den mund fest verschlossen
die augen glanzleer.

@Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler: Ein Liebeslied

(Else Lasker-Schüler, 1869-1945)

Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen…

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebensruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Das vorliegende Gedicht entstammt Else Lasker-Schülers letztem Gedichtzyklus «Mein blaues Klavier», welcher 1943, 1,5 Jahre vor ihrem Tod, im Exil in Jerusalem veröffentlich wurde.

Eine Frau liegt nach einsam durchwachter Nacht noch im Bett, die plagenden Träume hallen noch nach. Draussen singt ein fremder Vogel, was sie sich wünscht, ist noch unvertraut, mehr Wunsch als Realität. Und doch: Die nächste Nacht soll schöner sein. Mit dem Geliebten.

Sie sieht die Schönheit der Natur, sieht die Blumen an den Quellen, und sieht in ihnen den Geliebten auch – nur soll der, Immortellen gleich – unsterblich sein. Sie kleidet die Vorstellung der nächsten Nacht in märchenhafte Zauberbilder. Eilen soll er, doch nicht mit polterndem Schritt in schnellen Stiefeln, sondern auf Siebensternenschuhen. Es soll eine Liebe nicht von dieser Welt sein, eine, wie sie für die normalen Menschen nicht erreichbar ist – nur sie beide, diese beiden seltenen Tiere, die sich in der nächsten Nacht finden, umarmen und festhalten, sollen sie erleben.

Die Einsamkeit der Nacht dringt nicht nur aus den Worten, sie zeigt sich auch im Reim, ist einsam doch auf weiter Flur allein ohne einen solchen. Das verstärkt die Einsamkeit noch, lässt sie als zentrales Thema dieses Gedichts aufleuchten. Diese ganze Sehnsucht, dieser ganze Wunsch nach dem Geliebten entspringt dieser Einsamkeit, die als einziges Glied in einer Kette kein Gegenüber hat.

So muss sich auch Else Lasker-Schüler gefühlt haben in Jerusalem. Wie lange hatte sie Jerusalem als einzig wahre Heimat gepriesen, ein Sehnsuchtsort war es, den sie hochlobte. Als sie dann – verscheucht durch ein unmenschliches Regime im Krieg – nach Jerusalem kam, war sie nur eine Fremde. Und sie fühlte sich nicht zu Hause. Was hätte sie wohl darum gegeben, von einem Prinzen in Sternenschuhen gerettet zu werden, durch die Liebe vor der Welt und der Zeit verborgen zu sein und nicht mehr allein? Und sie denkt zurück, erinnert sich an Zeiten, wo sie zumindest freundschaftlich verbunden und nicht allein war, mit Franz Marc, welcher in seinen Bildern seltene Tiere erschuf. Daraus spricht die Sehnsucht danach, in der Einsamkeit, als Fremder unter anderen einen Gleichgesinnten zu haben. Einen, mit dem zusammen man in dieser eigenen Welt nicht mehr einsam sein müsste.  

Quo vadis?

Wenn Freiheit nur
Alleinsein heisst,
wenn ein «ich muss»
das «Kann» bescheisst,

wenn Menschen nur
sich selber seh’n
gefühllos durch
die Welt noch geh’n,

dann ist es Zeit,
mal hinzuschau’n,
dann sollt’ man auf
Gefühle bau’n.

Die sagen, dass es
so nicht geht.
Die brauchen,
dass man nun hinsteht

Wenn Not allein,
das Leben prägt,
dann suche was,
das endlich trägt.

Drum schau gut hin,
was dir nun fehlt,
und bau ins Sein,
was dich beseelt.

Erst wenn du in
Dir selber ruhst,
kommt gut, was du
auch immer tust.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutungen – Robert Frost: The Road Not Taken

Robert Frost (26. März 1874 – 29. Januar 1963)

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.

Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.

Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.

Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.

Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.

Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.

Gestossen bin ich auf verschiedene Übersetzungen, die mir liebste ist die folgende von Lars Vollert, welcher einen zweisprachigen, wunderbaren Gedichtband von Robert Frost herausgebracht hat.

Ein Weg ward zwei im gelben Wald.
Betrübt, dass ich nicht beide gehen
Und Einer sein kann, macht’ ich Halt
und sah dem einen nach, der bald
im Dickicht war nicht mehr zu sehn.

Ich nahm darauf den andern dann.
Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm:
Das Gras stand dort schon wieder lang,
obgleich er durch der Leute gang
genauso ausgetreten schien.

Auf beiden an dem Morgen lag
das Laub von Tritten nicht zerdrückt.
Dem ersten blieb ein nächster Tag!
Weil eins zum andern führen mag,
ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.

Ich sag mit einem Seufzen sicherlich,
wenn viele Jahre ich verbracht:
Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich –
ich nahm den einsamen für mich,
das hat den Unterschied gemacht.

Hier haben wir die Konzentration auf den Reim und den Rhythmus, die Worte sind freier gewählt, wenn auch der Sinn da ist. Eine, wie ich finde, sehr schöne Lösung. Lars Vollert bietet noch eine zweite Übersetzung an:

Zwei Wege trennten sich im gelben Wald,
und weil ich leider nicht auf beiden gehen
und Einer bleiben konnte, szand ich lang
und sah, so weit es ging, dem einen nach
bis dort, wo in der Dickung er verschwand.

Ich nahm den andern dann, auch der war schön
und hatte wohl noch eher Anspruch drauf:
Er war voll Gras und wollt begangen sein.
Was das betraf, so schien’s, dass beide schon
vom Wandern ähnlich ausgetreten waren,

und beide lagen an dem Morgen gleich
in Laub, das noch nicht schwarz von Tritten war.
Ich liess den ersten für ein andermal!
Wiewohl: Ein Weg führt in den nächsten Weg;
ich hatte Zweifel, je zurückzukehren.

Mit Seufzen sprech ich sicher einst davon
nach langer, langer Zeit und irgendwo:
Zwei Wege trennten sich im Wals, und ich –
ich nahm den Weg, der kaum begangen war,
das hat den ganzen Unterschied gemacht.

Man sieht, dass hier das Seufzen weggefallen ist. Sehr schade, da in diesem ein Teil des Zwiespalts liegt. Auch Reim und Rhythmus mussten weichen, dafür ist die Übersetzung eine wörtlichere. Für mich ist dabei zu viel vom eigentlichen Gedicht weggefallen. Gerade bei Frost mit seinem Gefühl für Sprache, mit seiner bewussten Setzung von Wörtern und deren lautmalerischen Verbindungen in einem fast schon wie Musik anmutenden Rhythmus, fehlt da zu viel.

Paul Celan hat sich dem Gedicht auch angenommen und er hat sich auf den Rhythmus und die Stimmung im Gedicht konzentriert, dafür den Reim geopfert. Mir fehlt nicht so sehr der Reim als die Tonverbindungen, mit denen Frost immer wieder arbeitet und deretwegen ich ihn auch sehr liebe. Aber im Grossen und Ganzen eine sehr gelungene Version:

In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich – ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.

Und zu guter Letzt noch eine Übertragung von Eric Boerner. Auch bei ihm fällt der Reim weg und den Titel finde ich falsch gewählt: Die verpasste Strasse. Damit nimmt Boerne dem Gedicht die Gleichwertigkeit der beiden Wege, die durchaus immer wieder präsent ist.

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählt‘ ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

Literaturhinweis:
Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.